Mit Blaulicht durchs Rotlichtviertel - Paul König - E-Book

Mit Blaulicht durchs Rotlichtviertel E-Book

Paul König

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Beschreibung

Das kleine Dörfchen "Reeperbahn", nördlich der Elbe, verfällt zusehends. In manchen Nächten ist auf der einst "Sündigsten Meile" weniger los als auf dem Dorfplatz in Buxtehude. Deshalb wird immer öfter zu Tricks gegriffen. Die legalisierte Wegelagerei muss da eingreifen, wo die Freier ausbleiben. Deshalb hält der Autor die Highlights fest, die in den letzten Jahren des "Untergangs" zu erleben sind. Wahre Geschichten von Bullen und Betrügern. Der ganz normale Wahnsinn des täglichen Wahnsinns zwischen Cabarets und Hurenhäusern

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Seitenzahl: 335

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Paul König

Mit Blaulicht durchs Rotlichtviertel

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Titel

Erklärung zum Buch

Kleines Lexikon der Begriffsbestimmungen

Von Bullen und Betrügern

Reeperbahn - Mein erster Eindruck

Erste Schritte in der Neuen Welt

Ich Chef – Du nix!

Die Sache mit dem Messer

Von Zwangsprostitution und anderem Blödsinn

Von Aberglauben und Goldenen Freiern

Wie kauft man ei­ne Hu­re?

Die Kin­der vom Bahn­hof Stein­damm -oder- Der etwas andere Ham­bur­ger Strich

Gefährliche Reeperbahn

Die besten sterben jung.

Bulgarisch für Anfänger

Die Razzia

Kiezimpressionen – Leute aus der Nachbarschaft

Echte Hooligans

BILD-Hamburg schreibt:

Die Schlinge zieht sich zu

die BILD schreibt schon wieder...

Halb- und Unwahrheiten

Angriff aus Down Under

Auf der Reeperbahn nachts um halb eins… Kommt heut Geld oder kommt keins..?

Rechtsgrundlagen der legalen Wegelagerei im Rotlicht

Kapitel 26

Impressum

Titel

Mit Blaulicht durchs Rotlichtviertel

von Polizisten und Prostituierten

Legalisierte Wegelagerei auf der Reeperbahn

Die Enthüllung der ganz normalen Abzocke und Geschäftemacherei in den Unterhaltungsetablissements des Hamburger Rotlichtviertels und vom nie enden wollenden Katz-und-Maus-Spiel zwischen Bullen und Betrügern und – warum in Hamburg der Polizist Schmiermichel heisst.

Erklärung zum Buch

Mit Blaulicht durchs Rotlichtviertel

Erklärung zum Buch

Dieses Buch enthüllt die Gewohnheiten und Gebräuche sowie das Vorgehen und die Arbeitsweisen mancher Etablissements des Rotlichtmilieus sowie der Polizei.

Grundlage, aber auch Rechtfertigung für die Geschichten dieses Buches sind einige wenige Gesetze, die im Kapitel “Rechtsgrundlagen der legalen Wegelagerei im Rotlicht” beschrieben sind. Diese sind im hinteren Teil des Buches zu finden.

Im Wesentlichen entsprechen die in diesem Buch beschriebenen Handlungen den tatsächlich so und in dieser Form stattgefundenen Ereignissen.

Manche Handlungen sind frei erfunden, wenn sie eindeutige Rückschlüsse auf Personen oder rechtswidrige Handlungen zulassen würden. Oder sie sind aus diesen Gründen verändert dargestellt, aber stets so geschrieben, dass sie sich an die Realität anlehnen, und immer mit dem Bedürfnis, die beschriebenen Situationen so darzustellen, wie sie sich wirklich in diesem Umfeld abgespielt haben könnten.

Ähnlichkeiten mit tatsächlich stattgefundenen Handlungen sowie Änhlichkeiten mit real existierenden oder schon tot geglaubten Personen wären rein zufällig und sind total unbeabsichtigt.

Alle Namen in diesem Buch sind verändert oder weggelassen, um keine bzw. keine falschen Rückschlüsse auf eventuell existierende Personen ähnlichen Charakters zu zu lassen.

Die abgedruckten Zitate oder Schriftstucke wie z.B. Aussagen bei der Polizei sind unverändert abgedruckt. Lediglich die Kennzeichen, die auf Personen oder den entsprechenden Fall rückschliessen lassen könnten, sind verändert oder geschwärzt.

Jahresangaben sind aus den vorbeschriebenen Gründen weggelassen.

Alle Ereignisse haben sich im Zeitraum zwischen 1994 und 2013 abgespielt.

Dieses Buch beeinhaltet Auszüge und Textstellen aus dem Buch “Kiez, Koks & Kaiserschnitt”, mit freundlicher Genehmigung des Autors Christian U. Märschel, Amsterdam.

Cover/Umschlag/Grafiken:

Kleines Lexikon der Begriffsbestimmungen

Kleines Lexikon der Begriffsbestimmungen aus dem Cabaret-Betrieb

(beim Besuch desselben gerne zuvor herausreissen und mitnehmen)

Es tut mir leid, bevor es los geht müssen wir erst noch ein paar Hausaufgaben machen und bestimmte Begriffe klären, die zum richtigen Verständnis dieses Buches unablässig sind.

Wenn Du jetzt die Überschriften liest, wirst du sagen: ‚Klar Mensch, spar Dir das, weiss ich doch, was willst Du mir hier denn erzählen?’

Egal, ich bleibe bei meinem Standpunkt: Lies es Dir durch!

Zunächst etwas einfaches, kennen die meisten aus der mehr oder weniger schönen, alltäglichen und persönlicher Erfahrung:

Chef (m.,der)

Chef, das ist in der freien Wirtschaft der, der dir vorgesetzt ist. Mittelbar oder unmittelbar, wie man es als BWLer so schön lernt.

Der ‚unmittelbare’ Chef ist der, der deiner Abteilung oder deinem Arbeitsplatz ‚vor’-steht, der ‚Vor’-arbeiter, der ‚Vor’-steher, bei einer entsprechenden Firma der ‚Vor’-stand.

Ohne das ‚Vor’ davor ist es der Abteilungsleiter oder der Meister, manchmal auch der Dienstälteste, bei der Bundeswehr der Zugführer oder Kompaniechef.

Diese unmittelbaren Chefs sind meist in Ordnung, auch mehr der weniger Befehlsempfänger von oben, mit denen kann man auch mal ein Scherz machen oder ein privates Problem erörtern - oder gar nach Feierabend ein Bier trinken gehen.

Der ‚mittelbare’ Chef ist in der Regel der, der dich eingestellt hat und/oder die Firma leitet. Private Probleme besprechen: Vorsicht! Kann gut gehen, muss aber nicht...

Ein Bier nach Feierabend trinken – wohl eher nicht, es sei denn die Firma ist winzig klein, so bis zu 10 Mitarbeitern vielleicht.

Auf der Reeperbahn, in meinem Cabaret, genauso wie in allen anderen Cabarets ist das etwas anders:

Da stellt sich der Chef so vor: „Ich Sjeffe! Alle andere- nix!“

Damit ist denn die Rollenverteilung geklärt.

Mit dem Bierchen nach Feierabend mit Sjeffe sieht es so aus: entweder ist der bei Feierabend längst zuhause im Bettchen und holt die Kohle irgendwann am nächsten Tag aus dem Tresor im Laden ab, in den du sie schweren Herzens am Morgen zuvor nach der Arbeit geworfen hast, oder er ist auf der Privat-Insel in der Karibik und kontrolliert den Kontostand per Online-Banking, oder er kommt zur Abrechnung noch misstrauisch in den Laden und sagt: „Wenn du mein Bier trinken willst, musst du es bezahlen, genauso wie jeder Idiot der hier reinkommt und mein Bier säuft! Die Flaschen sind gezählt, wehe da fehlt morgen eine, die bezahlst du! Oder du kannst....“

Richtig – spazieren!

Ok, einen Schwierigkeitsgrad höher, Definition des nächsten Jobs:

Tänzerin (w.,die)

Kennt man ja gemeinhin von VIVA, MTV, diversen HipHop-Bands, auch vom Russischen Staatsballet und vom Country-Line-Dance: Frauen mit einstudierter Choreografie, einem Hang zur ästethischen Perfektion, Anmutigkeit, Grazilität, kurzum - elfengleiche Wesen, die gekonnt über die Tanzfläche huschen und das Publikum verzaubern.

Nehmen wir da zum Beispiel unsere Tänzerin Serena.

Nein, der Name hat nichts mit der griechischen Halbgöttin Sirene zu tun, deren Körper der eines lieblichen Vögelchens war mit dem Kopf eines schönen Mädchens.

Serena ist eine rumänische Kugelstosserin, zumindet ihrem äusseren Erscheinungsbild nach. Nur, wenn die die Kugel, die sie als Bauch vor sich herschiebt, in Deine Richtung stösst, hast Du Kopfschmerzen. Wobei sich die besagte Rumänin beim Abwurf im Sportstadion locker und leicht auf einem Bein, dessen Oberschenkel den Umfang Deines Oberkörpers hat, halten kann, was Serena manchmal nicht so leicht fällt, deswegen stampft sie mit beiden Beinen in möglichst kurzer Schrittfolge, um das Gleichgewicht zu halten, auf der hölzernen Bühne herum, von der ich seit ein paar Tagen ein beängstigend-protestierendes Knacken vernehme.

Hoffentlich wird das nicht schlimmer – das Knacken!

Die also so bezeichneten Tanzerinnen dienen im Cabaret als Lockmittel.

Punkt. Aus.

Mehr ist es einfach nicht.

Sie sitzten auf einem Stuhl auf der Bühne, sollten immer Blickkontakt mit dem Eingang haben (wenn nicht geht die nachfolgend beschriebene Aktion schief!) und aufspringen, sobald ein potentieller Gast vom ‚Koberer’ (auch dieser ausbildungsfreie Berufszweig wird nachfolgend erklärt!) hereingeführt das Lokal betritt, dabei spielerisch leicht die Lehne des Stuhles packen und diesen galant mit in den verführerischen Tanz einbauen.

Wenn der Gast dann für die nachstehend ebenfalls näher bezeichnete ‚Animierdame’ ein Getränk bestellt hat, manchmal auch schon gleich, wenn der Gast gerade sitzt, sitzt die Körperteiljongleuse spätestens auch wieder – auf erwähntem Stuhl.

Das Wort „Dance“ in dem etwas zu grossspurigen Begriff ‚Table-Dance-Cabaret’ dient der Anlockung der Gäste, um zumindest vorläufig die recht überzogenen Preise der sogenannten ‚Eigen-Getränke’ der Gäste, das Bier 0,25ltr. für stolze 6 bis 10 Euro, zu rechtfertigen.

Schwierigkeitsstufe 3, den musst du jetzt nicht wirklich kennen, der Begriff der

Animierdame (w.,die)

„Animieren“ heisst eigentlich ‚bewegen’, daher kommen auch Animationen, z. B. bei Filmen, bewegten Bildern oder einfach flackernde Buttons auf Internet-Sites.

Unsere Animierdamen, gern auch liebevoll ‚Animösen’ genannt, sollen auch etwas bewegen: erst sich selbst möglich schnell zum Gast, der hoffentlich ein reich gefülltes Portemonnaie mitbringt, und dann eben jenen Gast, ihr etwas zu trinken zu spendieren – was sich im bescheidenen Preisrahmen von etwas mehr als den 10 Euro für ein Bier bewegt, meist geht das ‚Starter-Paket’ für den willigen, aber nicht so sehr zahlungskräftigen Gast bei einem Preis zwischen 150 und 200 Euro los. Das nennen wir in Hamburg die ‚kleine Hafenrundfahrt mit Speicherstadt’.

„Würde ich doch im Leben nie bestellen, für eine wildfremde Frau!“ sagst Du jetzt? Das würde ich auch sagen! Und Du würdest ganz einfach in die Karte sehen, die auf dem Tisch gut sichtbar steht (Tip: meistens hinter dem Riesenglas mit den superlangen und dicken (= voluminösen) Strohhalmen, meist in aufrechter Position, damit sie aus deinem Blickwinkel auch garantiert von den Strohhalmen verdeckt ist, Dir die Preise ansehen und sagen: „...auf keinen Fall, liebe Dame!“.

Oder du würdest die Dame einfach nach dem Preis fragen, für den unwahrscheinlichen Fall, dass du die Karte nicht finden solltest.

Das ist die beste Lösung, wenn du mit einer Antwort wie: „Ach Schatz, du sollst doch nicht den ganzen Laden kaufen“ oder (verbunden mit einem beherzten Griff an die Stelle, wo deine Hosenbeine oben zusammengenäht sind) „...aber Schatz, wer wird denn jetzt über solche ‚Kleinigkeiten’ reden?“ als Preisauskunft nichts anfangen kannst.

Oder Animöschen sagt einfach: „Kleiner, kostet 6 Euro wie dein Bier!“

Na, das ist doch mal ne Antwort, mit der man leben kann! Klar, Liebes, bestell ich dir doch! Wenn dann die Rechnung von 300 Euro kommt ist die Dame entweder gerade zur Toilette oder hat temporäre Erinnerungslücken, weil sie Nachtarbeit sowieso noch nie wirklich vertragen hat.

Fakt ist; zahlen musst du! Weil du bestellt hast, wie du in den Paragraphen der Rechtsgrundlagen nachlesen kannnst!

Dumm gelaufen.

Jetzt musst du dich aber wirklich nicht schämen, ein Beruf, den man ausserhalb Hamburgs und der Sündigen Meile glaube ich nicht kennt:

Koberer (m.,der) oder Porter (m.,der)

Gut, Porter, Portier, das kann man schon mal gehört haben, wenn man im Kempinski absteigt, wo der Champagner um Längen billiger ist als bei uns, dann ist dass der, der Dir in schniekem Outfit den Wagenschlag (naturlich sitzt Du hinten!) öffnet, sich höflich verbeugt und Dir sodann die Eingangstür aufhält. Wenn es regnet, beschirmt er Dich auch noch auf dem Weg dorthin.

„So was is denn jetzt mit euch? Wollt ihr mal rein, wollt ihr rein?“ „Na, du Alt-Rocker, steht er überhaupt noch? Komm rein, beweis es mal!“ „Na Trudchen, deinen Alten hab ich doch gestern hier drinnen alleine gesehen, willst du es dir auch mal anschauen?“

So ungefähr hört sich das bei uns an, ohne schniekes Outfit und ohne Tür-aufhalten. Die Männer, die diesen Job machen - gelegentlich sind es auch Frauen - also den Laden mit Gästen füllen, die freiwillig schon längst nicht mehr kommen, heissen Porter oder auf Hamburgisch ‚Koberer’.

Fluchend geht Bernd dann wieder aus dem Laden, nachdem er endlich die ersten Gäste tatsächlich auch ‚hingesetzt’ hat: „So ein Sch... heute kommt wieder keiner von selbst, jeden musst du an den Eiern (er sagt in Wirklichkeit ein schlimmeres Wort) hereinziehen!“

Ach ja, bald hätte ich noch meinen Job vergessen. Ich bin:

Kellner (m., der)

Na klar, den kennt man wieder, der nette Herr aus Bistro, Restaurant und Hotel bekannt, in weissem Hemd mit Fliege oder Krawatte, schwarzer Hose und schwarzen Schuhe, der sich ständig kümmert, aufmerksam ist, Wein nachschenkt, der Dame den Stuhl zurechtrückt und ihr später in den Mantel hilft, zumindest wenn das Trinkgeld angemessen war. Ein schöner Abend bei gutem Essen und einem wohltemperierten Wein in netter Gesellschaft. In Deutschland zum Beispiel sind 10% Trinkgeld zwar nicht vorgeschrieben aber gern gesehen und noch lieber genommen.

„Pass mä auf du Komikää, wenn du jetzt nicht ganz fix deine 320 Oier hier bezahls, zieh ich deine (ovale Hühnerprodukte, weiss oder braun, zu Ostern auch mehrfarbig erhältlich) durch dein (kreisförmige Öffnung hinten mittig über den Oberschenkeln angebracht) und mach nen Dobbelknoten in deinen (äussere, schlauchförmige Endung des Harnkanals). Dann kannsu beim (Vermehrungsakt) nen Looping (Injektionsgerät, Mehrzahl, 8 Buchstaben quer)! Hassu mich verstann’n?“

Und nen schwarz-weissen Pinguin haben wir auch nicht an, bei uns auf dem Kiez! Dafür brauchst du auch kein Trinkgeld zu geben. Da spart man doch!

Und das gesamte Gefüge der zuvor beschriebenen Berufsbezeichnungen zusammengenommen nennen wir ‚Cabaret-Betrieb’, die Polizei, die wir hier ‚Schmiere’ nennen, hat dafür einen wohlklingenderen Namen, sie nennen es eine „Kriminelle Vereinigung“. Was das ist, und in wiefern so etwas strafbar ist, steht auch in den Rechtsgrundlagen...

Jetzt bist du für’s erste gerüstet zum Weiterlesen.

Na denn – auf eigene Verantwortung!

Von Bullen und Betrügern

Von Bullen und Betrügern

Bei rot über die Ampel Davidstrasse, kurzer Blick zur weltberühmten Wache, es guckt grad kein Schmiermichel zum Fenster raus, alles klar, Rotlichtverstoss als Fussgänger.

Kurzer Gruss zum netten Türken in dem kleinen Kiosk gleich neben Burger King, der im Monat mehr umsetzt als ich im Jahr verdiene. Er grüsst zurück.

Klar, der mag mich, weil ich zu faul bin, meine Säfte und die Frühstücksbrötchen, dick belegt mit Suçuk, bei Penny auf der Reeperbahn zu kaufen und dafür ewig in der Schlange zu stehen, weil von fünf Kassen wieder nur eine auf ist.

Albers-Platz, benannt nach dem berühmten Hans Albers, “Auf der Reeperbahn nachts um halb eins…”, dem alten Seebären, der nie die schwankenden Planken eines Schiffes unter sich gefühlt hatte, aber trotzdem Deutschlands berühmtester Matrose ist.

Die Huren stehen wie die Perlen aufgereit am Eingang des Platzes. Es ist Winter, minus drei draussen, die Mädels haben dicke, bunte Skianzüge an, und, weils regnet, alle einen bunten Regenschirm. Und Moonboots an den Füssen, meistens silbern, manchmal goldfarben, wenige haben weisse.

Sie trampeln von einem Bein auf das andere, weil es kalt ist und die Beine nach acht Stunden stehen weh tun.

Mich spricht schon lange keine mehr an. Mich kennen sie alle, wissen, ich arbeite hier irgendwo. Im Rotlicht. Genau wie sie.

Ich schaue auf die Breitling. Vier genau.

Wie auf ein unhörbares Kommando hin drehen sich auf einmal alle rum, gehen zur Mitte des Platzes, zu der kleinen Kneipe, die den Zuhältern gehört.

Feierabend.

Ich habe auch Feierabend. War kein guter Tag heute, ich habe kaum Geld verdient.

Ich treffe einen alten Bekannten, den ich kaum kenne, ein paar Worte wechseln. Der Kiez ist ein Dorf. Ein kurioses.

Kurz vor der Haustür. Das Handy bimmelt. Morgens um fünf nach vier? Wer ist das denn?

“Kööönich, moin! Weisste wer hier ihis?” höre ich gedehnt eine schelmische Stimme, die ich nicht zuordnen kann.

“Äh, nee, wer…?”

“Hier ist Hebestreit, vom PK 1353, die Polizahaaii!”

“Oh, äh, ja, moin … äh, Herr Hebestreit, ja, was … ?”

“Na Kööönich, schon Feierabend vom Betrügen? Hä, hä! Nö, war Spass, also hör mal, wir ham doch morgen um drei nen Termin zusammen, wegen der drei Anzeigen, hab ich dir ja geschrieben…!”

“Ja, weiss ich, ich komm ja auch um drei…!”

“Ja, hör mal, König, komm mal ne halbe Stunde früher, da ist noch so ein Ding aufgelaufen, dumme Sache, Räuberische Erpressung und so was, da gibt’s denn locker 5 Jährchen drauf, das dauert denn alles ein büschen länger…!”

“Ach so, also um halb drei dann schon, ja?”

“Joh, halb drei, ich mach uns auch nen Kaffee.”

Mehr spöttisch gemeint sage ich: “Joh, denn bring ich Kuchen mit…”

“Joh, moch ma, ich nehm Erdbeer – oder , warte – bring mal besser zwei Erdbeer!”

Ich ziehe innerlich die Augenbrauen hoch. Mit Erdbeerkuchen zur Schmiere, dass hatte ich auch noch nie!

“Ja ok, also zwei Erdbeer.”

“Joh, also bis moin denn um halb drei – ach warte, König…?”

“Ja?”

“Aba bitte mit Sooohneee…!” Hebestreit lacht.

“Joh, ok, mach ich!”

Ich höre nur noch ein Knacken, dann ist das Gespräch beendet.

Hamburg.

Reeperbahn.

Ein ganz normaler Termin bei der Polizei.

Die Aussage:

An die Polizei

z. Hd. Herrn Hebestreit/Kripo

PK 1353 Hamburg  

Hamburg, den 25. Mai

Aktenzeichen xxx/xxx.xxx/xx

Aussage zum Tatvorwurf der Nötigung ggfls. Räuberischen Erpressung

gegen mich

Sehr geehrter Herr Hebestreit,

zum o.g. Tathergang möchte ich vorab –unaufgefordert- wie folgt schriftlich aussagen:

Am Abend des 24. Mai gegen 20.45 Uhr betraten 4 Männer das Lokal Girlie’s auf der Reeperbahn, in dem ich an diesem Abend als Kellner arbeitete.

Sie nahmen am zweiten Tisch rechts platz und bestellten für sich Getränke, die von unseren Animierdamen „xxxxxxxxxx“, „xxxxx“ und „xxxxxxx“ (echte Namen sind durch die Polizei notiert worden) serviert und sogleich kassiert wurden. Danach fragten die Animierdamen, ob sie sich zu den Gästen setzen dürften, dies wurde bejaht, und bald darauf wurde ich zwecks Aufnahme einer Bestellung an den Tisch gerufen.

Einer der Herren, bekleidet mit einem hellen Pullover oder Jacke mit Zopfmuster, bestellte für die drei anwesenden Damen jeweils eine kleine Flasche Garant Royal zum Preise von € 170 sowie eine Karaffe Orangensaft zum Preise von € 30,-

Der Bestell-Vorgang läuft i m m e r wie folgt ab:

In der Regel fragen die Animierdamen im Gespräch den Gast, ob sie etwas mit ihm trinken dürfen und –so ja- was er ihnen ausgeben möchte. Wenn eine Einigung erzielt ist, klatschen die Damen, und der Kellner –in diesem Falle ich- kommt an den Tisch um die Bestellung aufzunehmen.

Ich verwende bei der Aufnahme der Bestellung –an den Gast gewandt- i m m e r folgenden Wortlaut um mich abzusichern und eine rechtmässige Bestellung zu erlangen:

„Laden Sie die Dame(n) ein, zu einer (bzw. mehreren) kleinen/grossen Flasche(n) Hausmarke?“ (oder ggfls. anderem gewünschtem Getränk).

Mit der ausdrücklichen Frage nach der Einladung ist die Kostenübernahme festgelegt und es kommt ein mündlicher Vertrag gem. BGB zustande. Gleichzeitig sage ich, was ich bringen werde, nämlich in diesem Falle drei kleine Flaschen Garant Royal. Wird die Bestellung verneint oder kann ich keine deutliche, bejahende Äusserung erhalten, serviere ich n i c h t s.

Auf die Frage nach der Bestellung – wie vor beschrieben- erhielt ich von dem bestellenden Gast ein eindeutiges „Ja“.

Die 4 jungen Männer sassen in einer der Boxen auf der rechten Seite des Lokals, die nur 4 Personen Platz bot, die drei Animierdamen mussten vor der Box stehen. Als ich die bestellten Getränke servierte bot ich den Gästen an, sich doch an den grossen Tisch vor der Bühne zu setzen um den Animierdamen auch die Möglichkeit zu geben, Platz zu nehmen. Dies taten sie bereitwilig.

Nach dem Servieren ging ich zurück hinter die Bar und erstellte die (in Kopie beiliegende) Rechnung.

Da es sich um junge Leute im Alter von schätzungsweise 25 Jahren handelte und ich nicht hatte sehen können, ob sie –wie allgemein bei einem Restaurant- oder Gaststättenbesuch üblich- vor der Bestellung in die Karte geschaut hatten, und um in diesem Falle weitere Bestellungen, die den Rechnungspreis eventuell unerwartet in die Höhe getrieben hätten, zu vermeiden, ging ich gleich nach der Rechnungserstellung zum Tisch zurück um zu kassieren.

Ich verlas dem bestellenden Gast die Rechnungsposten (sgm.): „Dann waren es für Sie 3 kleine Flaschen Garant Royal und 3 Karaffen Orangensaft, ist das richtig so?“ Antwort: „Ja“.

Erst danach verlas ich den Rechnungspreis, um dem Gast nicht aufgrund des Betrages, sondern aufgrund einer eventuell unrichtigen Rechnung noch einmal die Gelegenheit zu geben, diese vor dem Kassieren zu korrigieren.

Ich verlas: „Dann bekomme ich bitte € 600,- von Ihnen.“

Der Gast schien mir im Moment, in dem er den Rechnungspreis hörte, überrascht. Ich fragte ihn, ob er vor der Bestellung nicht in die Karte geschaut hätte, wie dies allgemein üblich sei. Er verneinte dies. Daraufhin zeigte ich ihm die an jedem Platz gut sichtbar ausliegende Karte und ging mit ihm die Rechnungsposten durch.

Danach fragte er mich, ob in er Nähe ein Geldautomat wäre, er hätte nur € 65 bei sich. Während er mich dies fragte, holte er einen Fünfzig-Euroschein, einen Zehner und einen Fünfer aus der Hosentasche und reichte mir das Geld. Ich nahm dieses, während ich auf seine Frage antwortete, dass ich ihm gerne den in der Nähe befindlichen Geldautomaten zeigen würde. Er willigte ein und schien mir aufgrund seines Verhaltens zu diesem Zeitpunkt durchaus zahlungswillig.

Ich ging mit ihm nach draussen vor die Tür und in Richtung zu dem genannten Geldautomaten. (Der näheste wäre der an der HASPA gewesen, links vom Laden, da an diesem aber –für einen Wochenendabend typisch- eine lange Schlange stand, beschloss ich, nach rechts zu gehen, zu einem weniger frequentierten Geldautomaten).

Der junge Mann sagte mir, während wir gingen, dass wir aber erst in sein Hotel müssten, da er die Karte gar nicht dabei hätte. Ich sagte, dass sei kein Problem und er erwähnte, dass alle 4 zu Gast wären im Hotel xxx auf der Reeperbahn.

Wir gingen also dorthin und unterwegs erzählte der Gast, dass sie alle aus Süddeutschland seien und mehrere Tage in Hamburg blieben. Er war betrübt darüber, dass er zuvor nicht in

die Karte geschaut hätte, denn er müsse sein Auto reparieren lassen und brauchte dazu eine Menge Geld, da passe ihm diese nun entstandene Rechnung gar nicht ins Konzept, wie er mir sagte.

Wir gingen zusammen ins Hotel A&O und zu seinem Zimmer 2109, wo ich anbot, aus Diskretionsgründen vor der Tür zu warten. Er ging ins Zimmer und schloss die Tür hinter sich.

Lange Zeit meldete er sich nicht.

Nach geraumer Zeit des Wartens klopfte ich kurz an die Zimmertür und sagte durch die immer noch verschlossenen Tür, dass er sich bitte beeilen möge, ich müsse zurück an meinen Arbeitsplatz. Er sagte so etwas wie (sgm.): „Ich komme gleich“. Dies konnte ich nicht sofort deutlich hören, weil ich mich nach dem Klopfen wieder auf die andere Seite des nur ca. 1 m breiten Hotelganges, gegenüber der Tür, gestellt hatte. Nun machte ich wieder einen Schritt auf die Tür zu um nachzufragen, was er gesagt hätte, als ich ihn telefonieren hörte. Er sprach nicht ausdrücklich leise, und die Türen des xxx Hotels sind nicht wirklich dick, wie ich aus früheren – eigenen- Besuchen in diesem Hotel weiss.

So musste ich mich nicht sonderlich anstrengen um ich in diesem Moment der Annäherung an die Zimmertür zu hören wie er zu seinem Gesprächspartner sagte:

(Gedächtnisprotokoll, sofort nach Rückkehr ins Moulin Rouge auf den Srachrecorder meines Mobiltelefons gesprochen):

„Scheisse, woher soll ich denn wissen, dass das gleich so teuer wird?“

Pause

„Seid ihr noch im Laden?“

Pause

„Denn seht zu, dass ihr da rauskommt, ich versuch auch abzuhauen, wenn wir zurückgehen“ Pause

„Egal, der Typ hier hat nix drauf(*), und es sind ne Menge Leute auf der Strasse, da kann ich gut abhauen“

Pause

„Dann treffen wir uns nachher bei McDonalds“

Ende des Gespräches.

(*) Hierzu sei erwähnt, dass der junge Mann kräftig gebaut war, wie ich an seiner Figur und dem Umfang seiner Oberarme erkennen konnte, er wirkte trainiert und war noch jung, ca. 25 Jahre alt. Er sprach mit osteuropäischem Akzent und schien mir von russischer Herkunft zu sein. (Ich habe es mir angewöhnt, Gäste, bei denen die Bezahlsituation nicht ganz klar ist, aufmerksam zu taxieren, damit ich mich mich im Zuge meines Selbstschutzes auf eventuelle eintretende Gefahrensituationen einstellen kann, besonders in dem hier vorliegenden Falle, in dem ich alleine mit einem deutlich jüngeren und fitteren Gast ausserhalb des Ladens unterwegs bin, ich arbeite schliesslich auf der Reeperbahn)

Aufgrund des hier gehörten Gespräches des Gastes hatte ich mich also darauf einzustellen, dass der Gast sich der Zahlung der ordnungsgemässen Rechnung –wie er ja zuvor bestätigt hatte- durch Flucht entziehen wollte. In diesem Falle hätte ein Betrug (Zechprellerei) vorgelegen.

Der Gast kam in diesem Moment aus seinem Hotelzimmer und hielt mir € 200 hin, mit den Worten, er habe nicht mehr. Ich nahm das Geld entgegen und konfrontierte ihn nun mit dem, was ich mit angehört hatte.

Ich machte ihn auf die rechtlichen Folgen dessen, was er geplant hatte, aufmerksam und bat ihn, sich nun auszuweisen. Ich sagte ihm, ich wüsste gern, mit wem ich es zu tun hatte. Er reichte mir sofort bereitwillig seinen Personalausweis mit den (resignieren*) Worten (sgm.): „...den können Sie ja so lange behalten, bis wir zurück im Laden sind, ich laufe auch bestimmt nicht weg, tut mir leid.“ (* weil ich nun wusste, was er vor hatte). Während er den Ausweis aus seinem Portemonnaie holte, sah ich, dass er eine Postbank-EC Karte darin stecken hatte. Ob er diese bereits im Laden bei sich hatte und von Anfang an geplant hatte, abzuhauen, oder er sie tatsächlich aus dem Hotelzimmer geholt hatte, weiss ich nicht

Wir gingen zurück in den Laden, auf dem ganzen Weg dorthin telefonierte er mit seinen Begleitern (sgm.): „...das wird nichts, der hat alles mitgekriegt, ich habe ihm meinen Ausweis gegeben, also da kommen wir nicht mehr raus, dann müssen wir das Geld hinterher aber aufteilen, ich kann das nicht alles alleine bezahlen“.

Im Laden zurück sah ich, dass die andere 3 jungen Männer schon nicht mehr dort waren. Ich korrigierte die Rechnung um die erhaltenen Beträge und stellte eine Differenz zum zu zahlenden Betrag von € 335 fest. Ich sagte ihm, er bräuchte nur € 300 zu bezahlen, die restlichen € 35 würde ich ihm schenken, angesichts seiner bevorstehenden Auto-Reparatur, mehr köne ich ihm leider nicht erlassen.

Ich gab den Betrag von € 300 in das Kartenlesegrät hinter der Bar ein und er bestätigte die Bezahlung mit seiner PIN-Nummer. Die EC-Zahlung fand um 22.46 Uhr statt.

Etwa eine halbe Stunde später kamen die jungen Männer in Begleitung der Polizei zurück.

Da war es ca. 23.30 Uhr

Der gesprächsführende Polizeibeamte erklärte mir, dass er eine Anzeige gegen mich schreiben würde wegen Räuberischer Erpressung, sollte ich das Geld nicht sofort an den Gast zurückgeben. Die Gäste hätten ihm gegenüber nämlich ausgesagt, nichts bestellt zu haben.

Allgemein bekannt dürfte mittlerweile sein, dass die Gäste sehr oft bestellen, ohne in die Karte zu schauen. Meine Aufgabe als Kellner ist es nicht, die Gäste auf die Karten hinzuweisen. Alle Gäste sind über 18 Jahre alt und somit voll geschäftsfähig, was Geschäftsvorgänge nach dem BGB angeht. Somit sind sie auch verantwortlich, das Bestellte zu bezahlen, und zwar in voller Höhe.

Es ist eine beliebte Methode geworden, zur Polizei zu gehen und zu glauben, dass man danach das Geld für eine schöne Zeit, die man im Nachtclub in Begleitung hübscher Damen erlebt hat, zurück zu bekommen. Immer mehr gewinne ich in letzter Zeit den Eindruck, dass die Polizei mit Äusserungen wie der vorgenannten, diesen Irrglauben unterstützt.

Auch bin ich erstaunt über die Aufforderung des gesprächsführenden Polizeibeamten, das Geld zurück zu geben. Ohne genaue Kenntnis der Situation –die Polizei sagt in diesen Fällen, in denen sie durch Gäste oder durch uns herbeigrufen wird, immer gerne (sgm.) „...wir waren ja nicht dabei...!“- und nur aufgrund der Anhörung der 4 jungen Männer, sichert er hiermit keine Beweise sondern fällt sogleich ein Urteil, er ergreift nämlich Partei für die 4

jungen Männer. Dies sollte nicht Aufgabe der Polizei sein, wird aber leider zunehmende Praxis auf der Reeperbahn.

Den Vorwurf der durch den Polizeibeamten mündlich ausgesprochenen Räuberischen Erpressung weise ich aufgrund der zuvor detailgenau geschilderten Situation deshalb hiermit entschieden zurück, ebenfalls einen eventuellen Vorwurf der Nötigung.

Tatinhalt bei beiden Vergehen wäre die Androhung oder Ausübung von Nachteilen für den Gast, beides hat zu keiner Zeit statt gefunden.

Ich bin konform meiner Beschäftigung als Kellner berechtigt, das Bestellte und Verzehrte in vollem Umfange gemäss den in den Getränkekarten ausgezeichneten Preisen zu kassieren.

Nachdem ich Zeuge des Telefongespräches geworden bin, bin ich unerwartet zudem noch in eine für mich nicht einzuschätzende (Gefahren-) Situation gekommen, weil ich nicht beurteilen kann, wie ich die gehörte Textpassage (Zitat, Auszug): „Egal, der Typ hier hat nix drauf(*)“ zu interpretieren hatte.

Für mich liegt hiermit zumindest die Verabredung zum Zechbetrug vor, womöglich hatte der betreffende Gast auch vor, Gewalt gegen mich anzuwenden, aus diesem Grunde bin ich berechtigt, im Rahmen der Eigensicherung zumindest seine Personalien festzustellen.

Unterschrift Paul König

„Moin Könich!“, begrüsst Hebestreit mich, als er mich im Wachraum der Polizeiwache 1353 abholt.Zuvor hatte ich dem diensthabenden Beamten meinen Personalausweis vorzeigen müssen, um mich zu identifizieren und gesagt, dass ich einen Termin um halb drei bei Kommissar Hebestreit habe. Was denn in dem Päckchen wäre, wollte der Beamte hinter dem Schalter wissen. „Kuchen für meine alte Mutter, da will ich später noch hin!“ hatte ich gesagt und das Einwickelpapier leicht vom Kuchen angehoben. „Ah, Erdbeer, den isst Hebestreit auch gern!“

„Denn komm mal durch, ich geh voraus!“

Warum duzt der mich immer?

Hebstreit ist circa einssiebzig gross, hat eine sportliche Figur ohne wirklich muskulös zu sein. Drahtig wäre das eher zutreffende Wort. Er geht voran, in einem Wiege-Gang, so mit dem ganzen Oberkörper von links nach rechts wiegend. Er trägt Turnschuhe, eine Jeans, darüber einen geringelten Pullover in braun-beige-Tönen, nicht gerade schick. Von hinten über den Pullover von rechts oben nach links unter die Achsel verläuft ein dunkelbraunes, breites Lederband. Der Riemen vom Pistolenholster, das unter seinem Arm hängt.

Wir gehen durch lange Gänge, Flure, Aufzug nach oben, dann sein Dienstzimmer.

Zwei sich gegenüber stehende Schreibtische, darauf Computer-Bildschirme, Akten, Stifte, rechts an der Wand ein mittelhoher Büroschrank. An der Wand hinter seinem Platz hängen ein Paar Fotos von der Polizeischule oder einer Weiterbildung oder irgend so etwas, ich erkenne Hebestreits Gesicht darauf.

„Könich, setzen!“ verweist er auf den Stuhl am Schreibtisch gegenüber seinem.

„Du schreibst ja immer ganze Romane, wenn du mir ne Aussage schickst! Das is ja schön, aber ich will nicht wissen welche Lampe wann und wo in deinem Laden gebrannt hat, sondern die Wahrheit will ich wissen! Und deswegen sind wir ja heute hier!“

Er rückt seine silberfarbene Brille auf der Nase zurecht und schaut mich dann über den Rand derer an.

„Erst mal ein paar Fragen zur Person, Könich – biste bewaffnet?“

„Ich??? Ehh, nee...?“ Ich bin ein wenig erschrocken über diese Frage.

„Aber ich!“, klopft Hebestreit auf sein Schulterholster und lacht schallend.

„Nö, Spass, das wär ja noch schöner, wenn die Kellner dauf dem Kiez auch noch ne Knarre hätten, was?“ er lacht wieder laut auf. „Das könnte euch passen, dann würde jede Rechnung in voller Höhe eingehen, was? Ha, ha!“

Witzig, wirklich! Bin ich hier bei der Schmiere oder im Komödienstadl?

„Womit wir beim Thema wären, Könich,“ fährt Hebestreit fort, „diese Rechnung ist ja wohl nicht eingegangen, was? Ich habe deine Aussage gelesen, aber der Gast sagt, er sei nicht ganz freiwillig mit dir ins Hotel gegangen, du hättest so sinngemäss gesagt: ‚wir können jetzt ins Hotel gehen und Geld holen. Oder – wir können auch in den Keller gehen, gleich hier unterm Laden! Das ist ein ganz alter Gewölbekeller mit dicken Mauern, da hört man die Schreie der Gäste nicht so! Da liegen übrigens noch ein paar aus dem letzten Jahr unten rum, wir müssen mit dem Wegschaffen erstmal warten, bis wieder irgendwo ein Brückenpfeiler gebaut wird! Dann, wenn der Beton noch frisch ist, machen wir das immer am liebsten.’“ liest er aus seiner Akten mit einem Behörden-roten Deckel vor.

„Das sollst du gesagt haben, Könich, und weisst du was? Das glaube ich dem Gast sogar. Weil woher sollte der sonst wissen, dass euer Keller ein alter Gewölbekeller ist, mit dicken Mauern?“

„Aber Herr Hebestreit“, entgegne ich entrüstet, „unter dem Laden ist doch überhaupt kein Keller!“

„Ja eben, ha, ha!“ lacht mein Gegenüber, „Deswegen hab ich mal überlegt, eure Hütte auf den Kopf zustellen, mit ner Hundertschaft, mal gucken, ob da überhaupt ein Keller is, das würde dich denn ja sogar entlasten, was? Ha, ha, ha!“ Warum lacht der bloss dauernd?

„König, jetzt mal zurück zum Ernst der Sache: wo ist der Erdbeerkuchen? Hol mal zwo Teller da aus dem Schränkchen, müssten noch welche drin sein. Willste nen Kaffee? Könnte dein letzter sein, denn wenn du hierfür verurteilt wirst, gibt’s die nächsten fünf Jahre nur noch schwarzen Tee, ungesüsst! Das war jetzt ne Nötigung zur Aussage, meinerseits.Aber hat ja keiner gehört, was, ha, ha!“

So trinken wir dann gemeinsam einen zugegebenermassen recht guten Kaffee und mapfen den etwas geschmacksneutralen Erdbeerkuchen vom Bäcker um die Ecke in uns rein, er zwei Stücke, ich nur eines, ich wollte es ihm nicht gleich tun, aus psychologischen Gründen. Obwohl – eigentlich habe ich den Kuchen ja selbst bezahlt!

Gegen vier Uhr entlässt mich Hebestreit.

„Ich hab das alles mal mitgeschrieben, Könich, glauben tue ich dir eher nicht, aber das soll der Richter entscheiden. Danke noch für den Kuchen, nächstes Mal bring mal warmen Apfelstrudel mit Sahne, der ist auch sehr lecker!“

Er greift nach hinten in seine Gesässtasche und holt sein Portemonnaie hervor, fischt einen Fünf-Euro-Schein heraus und legt ihn mir hin.

„Nee, lass mal, Mensch, ist gut...!“ sage ich.

„Von wegen Könich, und beim Richter sagst du später, du hättest mir zum Verhör Kuchen mitgebracht. Vorteilsnahme im Amt, Befangenheit, der Fall muss nochmal komplett neu aufgerollt werden und ich werd nach Buxtehude versetzt! Das könnte dir so passen!“ Er lacht wieder laut, steckt mir den Fünfer in die Brusttasche meines Hemdes und sagt zum Abschied: „Besser dich, bis demnächst mal wieder. Dann gibts Apfelstrudel!“.

Reeperbahn - Mein erster Eindruck

Reeperbahn - Mein erster Eindruck

Bitterkalt, der Gehweg war rutschig.

Kein Wetter eigentlich, um ständig auf der selben Strasse auf und ab zu laufen. Ich weiß nicht, zum wievielten Male schon, aber so langsam konnte ich die Reihenfolge der Läden auswendig. Wieder kam ich an einem vorbei, schaute flüchtig, wie zufällig hin und versuchte mit diesem kurzen Blick soviel Informationen wie möglich zu sammeln, die mir in etwa Aufschluß darüber geben konnten, was mich drinnen erwarten würde, wenn ich erstmal drin wäre.

Zwei ältere Männer, die anscheinend irgendwas mit dem Laden zu tun haben mußten, gingen vor der Tür auf und ab, sprachen ab und zu –mal kürzer und mal länger- mit Männern, die vorüber gingen, seltener mit Pärchen, nie mit Frauen. Die meisten der Passanten gingen weiter, manchmal gingen die beiden Männer auch zusammen mit Leuten, mit denen sie gerade vorher gesprochen hatten, in den Laden hinein. Dann öffnete sich für einen kurzen Moment die elektrische Schiebetür aus Glas, mit den bunten Bildern darauf, wie von Geisterhand. Hinter der Tür kam dann noch ein schwerer Samtvorhang, der sich ebenfalls durch den geübten, sicheren griff der besagten Männer kurz in der Mitte öffnete und den Blick freigab auf flackerndes Licht und Rauch - oder Nebel. In diesem Moment wurde auch die Musik, die man dumpf und leise draußen hörte, für einen kurzen Moment lauter. Dann schloß sich erst der rote Vorhang wieder hinter den Leuten, die Glasschiebetür schloss sich wie von Geisterhand.

Beide Männer waren nun drinnen. Keine Gefahr mehr, daß mich einer von ihnen ansprach. Ich konnte in Ruhe den Laden beobachten und betrachten.

Der Eingang lag in der Mitte des Gebäudes und war trichterförmig zurückgebaut. Links und rechts neben dem Eingang waren Glasscheiben, durch die man aber nicht hindurchsehen konnte, weil riesige Fotos von spärlich bekleideten Frauen, die an einer Bar saßen, darauf geklebt waren. Über dem Eingangsbereich, über die gesamte Breite des Hauses verteilt, hingen fünf Fernseher, auf denen –ebenfalls spärlich bekleidete- Tänzerinnen zu sehen waren.

Die Glastür rutschte wieder zur Seite, die beiden Männer, die zum Laden gehörten kamen wieder heraus!

Jetzt unauffällig verhalten! Weggucken, ich bin nur ein zufälliger Passant.

Keineswegs dürfen sie merken, was ich tatsächlich im Schilde führe! Ruhig weitergehen! Irgendwas hält mich fest, für eine kurze Sekunde merke ich nicht, das es die Hand eines der Männer ist! Ich drehe mich erschrocken und ruckartig um! Ich war noch nie ein Held! Ich weiche einen Schritt zurück, da passiert’s auch schon:

„He junger Mann, Du läufst doch schon den ganzen Abend hier um! Komm doch mal rein, drinnen is’ schön warm und Haufen netter Mädchen gibt’s auch! Die haben alle Lust auf nen jungen strammen Riemen! Komm mal rein, komm mit, ich zeigs Dir mal!“

„Ausgaang bis Zapfenströich, Kameroden! Wehee, um zeeehn is nich wieder jeeder in seiner Kojää!“ höre ich noch heute die langgezogene, rauhe und durchdringende Stimme des Stuffz vor unserem ersten Ausgang aus der Kaserne, Pinneberg, Luftwaffengrundausbildung. Die Wehrpflicht hatte mich ins Hamburger Umland gebracht – und endlich auf die Reeperbahn, von der ich als Kind, beim Fernsehen mit meiner Mutter, zum ersten Male hörte.

Ich war um zehn wieder in der Koje.

Mit klopfendem Herzen. Ich hab’s getan. Ja! Ich war drin! Auch wenn die beiden Männer vor der Tür recht schnell rausgefunden hatten, was ich wirklich im Schilde führte. Ich wollte ja auch rein! Und ich bin drin gewesen. Ich war noch nie ein Held. Aber ich wollte einer werden.

So begann sie dann, meine große Liebe. Im bitterkalten Winter neunzehnhundertfünfundachtzig in Hamburg.

Erste Schritte in der Neuen Welt

Erste Schritte in der Neuen Welt

`Kiez’ ist eigentlich ein Begriff, der glaube ich eher aus Österreich kommt. Ein Kiez ist eigentlich ein Viertel. Mehr nicht. Jedes Viertel ist ein Kiez. Aber der Kiez ist nicht in jedem Viertel. Nur in Hamburg. In St.-Pauli. Auf der Reeperbahn. Nur dort ist der Kiez wirklich Kiez.

Sechs für mein Leben wichtige, beeinflussende Jahre lang war ich dort. Jahre und Erfahrungen, die mich geprägt haben, meinen Begriff von Menschen verändert haben.

Nach Ellis Flucht aus unserer gemeinsamen Wohnung und meinem Entschluss, dem Hamburger Kiez auf den Grund zu gehen, habe ich zunächst mich verändert.

Ich habe neue Leute kennen gelernt, gleich haufenweise. Das war zuvor nie meine Stärke gewesen. Leute, von denen ich mir die für mich, nach meinen Kriterien, am besten geeignetsten aussuchen konnte, Menschen, die für mich Freunde oder gute Bekannte werden sollten, oder Menschen, die mir einfach egal sein sollten.

Ich mache große Unterschiede zwischen Freunden und Bekannten. Freunde hast Du eigentlich fürs Leben, so habe ich damals gedacht und empfunden, meine Hamburger Zeit hat mich später ein anderes gelehrt.

Ich war ein ganz normaler, großer Junge, einunddreißig schon, als ich bei meinen täglichen Langeweile - Streifzügen durch Hamburg - St. Pauli immer wieder an dem gleichen Laden vorbeikam, der früher einen Pizzeria war und nun gerade umgebaut wurde. Er nahm mit der Zeit Form und Gestalt an, und bald war zu erkennen, das es ein neuer Table-Dance wurde.

Seit meinen ersten Fernseh-Eindrücken von der Reeperbahn, damals in Mutters Wohnzimmer, war ich fasziniert von den bunten Lichtern, den leichten Mädchen und Schweren Jungs.

Damals schon wusste ich, hierher musst Du eines Tages, das ist Deine Welt.

Nun war ich hier, ohne Kohle und ohne Arbeit, das Schicksal fügte sich, hier Geld verdienen zu müssen, wo ich doch schon hier wohnte.

Als ich noch mit Elli zusammen war, war ich oft zu Besuch gewesen in einem Table-Dance, "Girlie’s" hiess er. Natürlich ohne Elli. Ich liebte die Atmosphäre, die nackten Mädchen auf der Bühne, eine Erfüllung für den heimlichen Voyeur. Und ich gab dort auch zügig meine letzten Groschen, die mir die intensive vierzehn-Stunden-pro-Tag-Arbeit zusammen mit Elli in unserer gemeinsamen kleinen Promotion-Agentur eingebracht hatte, für leichte Mädchen und Sekt -den Piccolo für fünfundfünzig Mark, die halbe Flasche für zwofünfundachtzig-, gerne aus.

Der Laden, an dem ich so oft vorbeiging, war kurz vor der Fertigstellung.       

Es war ein warmer sonniger Tag im Mai Neunzehnfünfundneunzig, als im Fenster ein Schild hing:

‘Bald Eröffnung! Tänzerinnen und Kellner gesucht`.    

Von wegen Hamburg und hohe Arbeitslosigkeit! Hier wurden noch Leute gesucht. Leute, die was leisteten. Auf dem Kiez.

Ich war sofort entschlossen, aber noch nicht gleich mutig. Ich strich ein paar Mal um den Laden herum, mit klopfendem Herzen. Ich war damals alles andere als selbstsicher. Endlich ging ich rein.

Halbdüsteres Licht, rechts in der Ecke eine gelbe Baustellenleuchte auf einem Stativ, die die Baustelle in gleissend helles Licht tauchte. Zwei Männer waren damit beschäftigt, etwas auszusägen, letzte Arbeiten an der Bühne. Etwas abseits von Ihnen saß ein Mann, gelangweilt. Ab und zu gab er Anweisungen an die Männer, die dort mit einer schweren Sperrholzplatte sichtlich Mühe hatten.

"Guten Tag...!" sagte ich unsicher.

"Zu wem wollen Sie!?" Unfreundlich! Der gelangweilte Mann drehte sich zu mir um. Er war gut angezogen, trug eine kleine runde Nickelbrille und hatte kurz geschnittene blonde Haare, den typischen Kiez-Haarschnitt.