Mit Laib & Seele - Dorothee Degen-Zimmermann - E-Book

Mit Laib & Seele E-Book

Dorothee Degen-Zimmermann

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Beschreibung

Ohne Kunst kann Christine Mühlberger nicht leben. Aber von der Kunst auch nicht. Von Kindsbeinen an, seit sie einen Stift halten kann, hat sie gezeichnet und gemalt. Aufgewachsen im Wallis, mit weltoffenen Eltern und vier Schwestern, hat sie den Weg in die Kunst gewählt. Ihren Unterhalt verdient sie sich als Marktfrau. Seit mehr als zehn Jahren steht sie als Madame Fromage bei jedem Wetter auf dem Wochenmarkt an ihrem kleinen Käsestand, eine markante Gestalt mit hellen Augen und wilden Locken, freitags auf dem Helvetiaplatz, samstags auf dem Lindenplatz in Zürich. Angefangen hat sie mit zwei Laiben Walliser Alpkäse und einer selbstgebackenen Nusstorte. Rasch erweitert sie das Sortiment. Ihre Lieferanten, die Käser und Käserinnen in meist kleinen Betrieben besucht sie auf einer langen Schweizerreise - zu Fuss. Wie alles im Leben, was ihr wichtig ist, betreibt sie ihren Käsestand mit Leib und Seele. Oder eben mit Laib & Seele. Ihr Marktgeschäft ist weit mehr als Job und Broterwerb, schon eher ein Gesamtkunstwerk. Wie sie es aufbaut und entwickelt, den Stand konzipiert, den Transport organisiert - und was dabei alles schiefgehen kann -, gibt Stoff her für eine Fülle von Geschichten.

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Seitenzahl: 131

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Inhalt

Intro

Helvetiaplatz

Malen wie atmen

Big Apple

Knochenarbeit

Deutschunterricht am Käsestand

Amtl. bewilligt

«Probier mal, Christine!»

Aussen klein, innen gross

Helfende Hände

Constanza, die Beständige

Emil und Elsa

Wie geht Käsen?

Im Käsekeller

Überfluss teilen

«Meine Füsse sind glücklich»

Appenzeller Bergkäse

Gommer Feen

Lächelnde Ziegen

«C’est joli la haut!»

Mont-Blanc

Wie man sich bettet, so liegt man

Monsieur Golay et ses bouchons

Vacherin extra vieux

Simmentaler Alpkäse

Luzerner Emmentaler

Daheim auf dem Markt

Constanza bockt

Marktgeschichten

Finale

INTRO

Die Käsefrau? Christine? Die sei leicht zu finden, sagen die Kenner. Freitagmorgen auf dem Markt am Helvetiaplatz in Zürich: Ihr Stand sei der kleinste von allen und der mit der längsten Warteschlange.

Da hast du Zeit, die Düfte und bunten Farben auf dich wirken zu lassen. Sagen wir, es sei Spätsommer, Sonnenblumen, Astern, Rosen dominieren das Bild. Beim Gemüse und den Salaten ist das Angebot so breit wie nie im Jahreslauf: Tomaten, Zucchetti, Bohnen, Krautstiele, etliches, was du noch nie gesehen hast, den strähniggrünen Mönchsbart etwa, Blattsalate in allen Variationen. Dir aber steht der Sinn nach Käse, darum stellst du dich in die Reihe hinter einen jungen Mann im handgestrickten Pullover, dessen kompliziertes Muster deine Aufmerksamkeit weckt. Davor warten schon ein älteres Paar, ein Herr mit Mappe, zwei Mütter, die Kinder kurven auf ihren dreirädrigen Mini-Scootern gefährlich um die Wartenden, eine junge Frau, die an ihrem Kaffeebecher nippt, ein junger Vater mit einem Zweijährigen im Huckepack, eine Grauhaarige, Typ Hausfrau.

«Wer hat dir den Pullover gestrickt?», fragst du neugierig den jungen Mann. «Je l’ai fait moi-même», antwortet er. «Oh!», sagst du bewundernd, aber auf Französisch fremdelst du und verstummst.

Die Reihe rückt langsam vor, die Hausfrau ist ausgeschert. Hinter dir schliessen sich zwei Mütter mit Kinderwagen an. Sie tauschen sich über die Schlafprobleme und Trotzanfälle ihrer Sprösslinge aus.

Der junge Vater ist an der Reihe. Der Kleine im Huckepack fängt an zu zappeln. Christine lacht. «Ich weiss schon, was du willst», sagt sie und schneidet eine schmale Scheibe von einem Käseviertel, teilt sie in Stängelchen, reicht dem Kleinen eins und verteilt die andern unter die wartenden Kinder. Mit sichtlichem Behagen kaut der Kleine seinen Käse und fordert «mehr!» «Was ist das für ein Käse?», will der Vater wissen. Schläckstängelichäs sei das, ein milder Bergkäse, den die Kinder mögen.

Den handgestrickten Pullover begrüsst Christine auf Französisch. Wie es ihm gehe? Und wo er gewesen sei so lange? So geht das eine gute Weile hin und her, während Christine vom gewünschten Appenzeller Bergkäse ein Stück abschneidet. Der junge Mann zieht ein mit Bienenwachs beschichtetes Tuch aus der Tasche, ökologisch tadelloses, mehrfach verwendbares Verpackungsmaterial, und reicht es Christine. «Super!», meint sie anerkennend und wickelt den Käse ein. «… und grüsse Geraldine von mir!»

Endlich bist auch du am Ziel, stehst du vor dem Tisch unter dem gelb-weiss gestreiften Schutzdach. Christine, Mitte fünfzig, wettergebräunt, sehr dünn, wirrer Lockenkopf, leuchtende Augen, grüner Pulli, bodenlange Schürze über der Trekkinghose. Sie begrüsst dich in elegantem Hochdeutsch, mit einem Akzent, den du nicht identifizieren kannst. «Was soll es denn sein?»

Ratlos betrachtest du die Fülle. Links die grossen Stücke, halbe Laibe und Viertel, den grosslöchrigen Emmentaler erkennst du sofort, aber die anderen? In der Mitte die dicken Mutschli zu Türmen aufgeschichtet, daneben kleine, flache, weisse Weichkäse. Ganz rechts die süsse Ecke, Nusstorte, Früchtecake, Birnbrot. Am Stand aufgehängt Trockenfleischstücke und Würste.

Eher mild oder räss? Eher hart oder weich? Kuh, Schaf oder Geiss? Sachte schneidet sie mit der Ecke des Käsemessers – breit wie ein Spaten, am Rücken der Griff für zwei Hände – ein schmales Stückchen vom Appenzeller Bergkäse und offeriert es dir auf der breiten Schneide. Zu rezent? Bietet dir ein Stückchen vom Geissenkäse an. «Der kommt aus dem Tessin, die Geissen sind den ganzen Sommer lang Tag und Nacht draussen und fressen Heidelbeeren, Wachholder und Tannenzapfen.»

Die Vielen, die hinter dir warten, kümmern sie nicht, jetzt sollst du den Käse bekommen, den du am liebsten magst. Du kannst dich nicht entscheiden – dann eben von beiden ein Stück. Mit ihren kräftigen Händen setzt sie das Messer auf den Laib, schaut dich fragend an – mehr? weniger? – drückt, wenn du nickst, mit Kraft und Körpereinsatz die Schneide wiegend durch den Käse. Mit einer eleganten Bewegung legt sie das Käsestück diagonal aufs Papier. Die vier Ecken eingeschlagen, zugeklebt, liegt das saubere Päckchen auf der Waage, Handgriffe, tausendfach geübt.

Du kommst wieder, die meisten kommen wieder. Vom dritten oder vierten Mal an nicht mehr nur, weil der Käse wirklich gut ist. Sie kommen, weil der Markt ein so sinnlicher Ort ist mit seiner Blumenfülle, dem frischen Obst und Gemüse, eine Augenweide und Gaumenfreude. Und sie kommen, weil es so gut tut, mit der Käsefrau ein paar Worte zu wechseln, das vor allem.

HELVETIAPLATZ

Seit mehr als zehn Jahren steht die Käsefrau jeden Freitag an ihrem kleinen Käsestand auf dem Markt am Helvetiaplatz und fast ebenso lang samstags am Lindenplatz in Altstetten. Bei Wind und Wetter, ob Sonnenschein, Regen oder Schnee. Nur im Juli und August macht sie ein paar Wochen Pause, in denen sie auf Wanderschaft geht.

Christine Mühlberger ist Künstlerin. Mit dem Käsestand verdient sie sich ihren Lebensunterhalt, finanziert die Miete von Wohnung und Atelier. Und die Farben und das Papier. Aber er ist weit mehr als Broterwerb, er ist ein sinnvolles Werk, ein Projekt von materiellem und immateriellem Wert, dem sie sich mit ganzer Hingabe und Leidenschaft widmet. Welche Logistik und wie viel Knochenarbeit darin steckt, ist für Kunden gewöhnlich nicht zu sehen.

Die beiden Märkte unterscheiden sich in vielem, wie auch die Quartiere, in denen sie stattfinden. Der Helvetiaplatz liegt im Kreis 4, Zürichs buntestem Multikulti-Quartier. In der Nähe gibt es viele Bürohäuser, das Sozialamt grenzt direkt an den Platz, auf dem an Wochenenden oft politische Kundgebungen stattfinden.

Der Markt hat lange Tradition, er strotzt vor Leben. Das Publikum ist durchmischt, international. Junge und Alte, Mütter, auch Väter, mit Baby im Tragtuch, Berufstätige, Typ Sozialarbeiter, Hipster mit dem Singlespeed-Velo, weil Einkaufen auf dem Markt angesagt ist, biedere Hausfrauen mit Einkaufswägeli, Touristinnen, Banker mit Aktenkoffer, türkische Mamas, ältere Männer in Trainingshosen, die Setzlinge für den Schrebergarten einkaufen.

Der Lindenplatz im Zentrum von Altstetten in Zürich-West dagegen – vom einstigen Dorfkern ist nichts übriggeblieben – wirkt gesichtslos, bieder, verschlafen. Das Wohnquartier Altstetten wird derzeit gerade im grossen Stil umgebaut. Genossenschaftssiedlungen aus den 1950er- und 60er-Jahren prägen noch das Bild, aber viele von ihnen wurden in den letzten Jahren abgerissen und durch Neubauten ersetzt.

Das Angebot auf dem Lindenplatz-Markt ist wesentlich kleiner. Es geht später los, am Samstagmorgen nimmt man sich mehr Zeit zum Frühstücken. Auch hier sieht man alle Generationen, oft Eltern mit Kindern und, mehr als auf dem Helvetiaplatz, alte Menschen am Stock und mit dem obligaten Einkaufswägeli.

Die Atmosphäre der beiden Märkte unterscheidet sich stark. Christine jedenfalls könnte mit verbundenen Augen sagen, auf welchem der Märkte sie sich befindet. «Auf dem Helvetiaplatz ist es lauter, da sind mehr Energien, das spürt man.» Und vor allem ist der Kontakt unter den Marktfahrern lebendiger. Immer gibt es etwas zu scherzen und zu lachen, mit Gian Carlo, der am Nachbarstand seine Feigen und Oliven feilbietet, mit den Appenzellerinnen von Mansers Brotstand gegenüber.

Längst hat sie sich einen Namen gemacht, hat ihre Stammkunden, von denen viele Freunde geworden sind. Diese wiederum haben den Tipp weitergegeben, und auch Passantinnen gesellen sich immer wieder dazu. Und so bildet sich fast immer eine Warteschlange vor dem kleinen Stand, mal kürzer, mal länger. Unberechenbar. Das gilt für beide Märkte. «Gestern war ich auf dem Helvetiaplatz, da mochte ich nicht so lange warten», bekennt Marco, ein regelmässiger Kunde. «Ich dachte, ich probier’s heute auf dem Lindenplatz, aber hier ist es nicht anders.»

Egal, wie viele Leute warten, Christine sieht nicht Käufer, sie sieht Menschen. Sie erfährt dies und das, nimmt Anteil, erzählt von sich selbst und vom Käse natürlich. Denn jeder Käse hat seine eigene Geschichte und Persönlichkeit.

Eine Neukundin soll sich aus purer Neugier in die Schlange gestellt haben: «Entweder gibt es hier etwas gratis, oder der Käse ist wirklich gut.»

MALEN WIE ATMEN

Eine «Käsefrau» kommt weder im schweizerischen Berufsverzeichnis noch im Duden vor. Den Titel hat Christine selbst erfunden – oder hat ein Kind sie so genannt? Im Kontakt mit ihren Käseproduzenten im Welschland nennt sie sich Madame Fromage. Den Beruf, zumindest die Art, wie sie ihn ausübt, hat sie ebenfalls selbst definiert. So war das immer schon: Was sie tut, tut sie mit Leib und Seele. Und wo das nicht möglich ist, wird sie sehr unglücklich.

Geboren ist sie 1964 in Sierre VS, übrigens mit Hilfe der bekanntesten Walliser Hebamme, Adeline Favre. Sie wächst in Montana-Crans als vierte von fünf Schwestern in einem anregenden, weltoffenen, kunstliebenden Milieu auf. Die Mutter ist Kunsthistorikerin, der Vater Arzt in der Berner Höhenklinik, beide aus Österreich. Auf Familienausflügen besichtigen sie Kirchen und Museen, in die Ferien und auf Reisen nehmen sie ihre Skizzenblöcke mit. Unvergessen sind die Nuraghen, die archaischen Türme auf Sardinien, die sie, jede auf ihre Weise, zeichnend festgehalten haben.

In der Primarschule in Montana wird französisch gesprochen, zu Hause österreichisch. Das ist kein Problem, Christine ist in beiden Sprachen zu Hause. In der Freizeit tollt sie auf den Bergen herum und rauft sich mit den Buben.

Im Collège in Sion ändert sich das schlagartig. Das öffentliche Gymnasium ist eine reine Mädchenschule. Einst wurde es von Klosterfrauen geführt, der autoritäre Geist ist geblieben. Man darf dies nicht und das nicht, Mädchen haben folgsam und brav zu sein. Und der Unterricht ist sterbenslangweilig. Drei der Lehrerinnen sind Nonnen, «graue Mäuse», sagt Christine mit Abscheu, «da war einfach kein Leben. Und die Lehrer waren Machos. Der Turnlehrer liess uns durch die Halle robben, schaute genüsslich zu – all die hübschen Pos…» Für sie, die zu Hause freiheitliche Luft geatmet hat, ist es zum Ersticken.

Du wirst dich schon gewöhnen, tröstet die Mutter. Aber sie gewöhnt sich nicht, es wird nur schlimmer. Sie verweigert sich, im zweiten Jahr schreibt sie nur noch schlechte Noten. Prompt halten ihr die Lehrerinnen vor, was ihre Schwestern alles besser konnten. Der Zeichenlehrer ist der einzige, den sie achten kann, der sie unterstützt und ihr den Weg zeigt. Aber das reicht nicht.

Im dritten Jahr spitzt sich die Situation zu. Christine wohnt mit einigen Mitschülerinnen von Crans-Montana in einer Wohnung in Sion, der Schulweg ist zu lang zum Pendeln. Es sind aufmüpfige Mädchen, notorische Schuleschwänzerinnen, berüchtigt als schwarze Schafe, das üble Vorbild für die Jüngeren. Die destruktive Stimmung in der WG ist deprimierend, schlechtreden hat Christine nie ertragen, selbst wenn sie zustimmt. Ihre Verzweiflung wächst, sie weiss nicht mehr ein noch aus.

Es gibt tränenreiche Aussprachen mit den Eltern. «Ich gehe unter, ich werde gaga!», klagt sie. Es muss doch noch etwas anderes geben als diese Schule? Eine Verkaufslehre vielleicht, warum nicht? Sie hat in Montana ja auch schon in einer Bäckerei gearbeitet, um sich ein Taschengeld zu verdienen. Für den Vater geht das aber gar nicht. Bei aller Freiheit, die im Hause Mühlberger herrscht: Sein Töchter studieren, die machen keine Lehre!

«Unternimm nichts, bevor wir zurückkommen», sagen die Eltern und fahren eine Woche in die Winterferien. Christine verbringt die Schulferien zu Hause in Montana. In dieser Woche fällt ihr Entschluss. Sie wird um nichts in der Welt ins Collège zurückkehren.

Das akzeptieren endlich auch die Eltern. Eine Lehre ist für sie aber weiterhin keine Option. Wie wäre es mit der Maturité Artistique, einem Gymnasium mit künstlerischer Ausrichtung in Genf? Eine Schule, in der Kunst einen Platz hat? Da leuchtet etwas auf, darauf kann sich Christine einlassen. Mit Kunst ist sie von klein auf genährt worden, sie hat selber gemalt und gezeichnet, seit sie einen Stift halten kann. Es gibt Vorbilder in der Familie, allen voran die Mutti, die in Kunstgeschichte promoviert hat, und eine Urgrossmutter mütterlicherseits, Helene von Frauendorfer-Mühlthaler, von der die Verwandten mit Hochachtung sprechen. Sie war zu ihrer Zeit in München eine anerkannte Künstlerin, sie malte Landschaften, Blumen, Porträts.

In den verbleibenden Wochen bis zum Anfang des neuen Schuljahres büffelt Christine zu Hause Kunstgeschichte und holt den Stoff nach, den sie im Collège vertrödelt hat. Zwei Jahre bleiben noch bis zur Matura. Sie wohnt in Genf bei einer ihrer Schwestern, später in einer Wohngemeinschaft. Dem Unterricht folgt sie spielend, und ihre Noten sind mehr als zufriedenstellend. Sie sind sogar so gut, dass sie im dritten Trimester vor dem Maturjahr, wie es Brauch ist für gute Schüler an dieser Schule, etwas anderes machen darf.

Sie wählt eine Kunstschule in London und hat Glück: «Die Schule war richtig gut. Da habe ich gelernt, den menschlichen Körper zu zeichnen, nach Modell. Danach gab es Kritik mit den Lehrern, ziemlich akademisch, aber genau, was ich gebraucht habe. Es war genial! Das habe ich einfach aufgesaugt.» Sie läuft viel durch die Stadt, besucht Ausstellungen, Museen, die Oper, unermüdlich.

Die Eltern lassen sie in Freiheit ihren Weg gehen. Nach der Matura besucht sie ein Semester lang die Ecole Cantonale des Beaux Arts in Sion. 1985, mit 21 Jahren, nimmt sie zum ersten Mal an der «Sommerakademie für bildende Künste» in Salzburg teil. 1953 von Oskar Kokoschka als «Schule des Sehens» gegründet, bietet sie auf der Festung Hohensalzburg Sommer für Sommer während vier Wochen Kurse in verschiedenen Bereichen darstellender Kunst an. Christine ist die Wochen davor mit dem Interrail-Ticket durch Schweden gereist. Als hätten sich die Bilder in ihr angestaut, als würde eine Schleuse geöffnet, malt sie wie nie zuvor. Zeichnet in Salzburg auf dem Markt, unter den Brücken, unermüdlich, malt, wie sie atmet, wie im Rausch. Einer der Professoren, Gerd Winner, ist begeistert und lädt sie an die Akademie für bildende Künste in München ein, wo er Dozent ist. Gleichzeitig rät er ihr: «Du sollst etwas von der Welt sehen. Geh in eine grosse Stadt.»

Christine hat grosse Lust, mehr von der Welt zu sehen. Welche Grossstadt soll es denn sein? London? Berlin vielleicht? Ihre Wahl fällt auf New York, da hat sie Kontakte. Im Frühling 1986 betritt sie erstmals amerikanischen Boden. Sie kann auf Roosevelt Island bei Christiane und Gabriel wohnen, Freunden ihrer Schwester Cornelia. Sie macht sich nützlich, indem sie zeitweise die beiden Kinder hütet und Christiane beim Übersetzen für UNICEF hilft. In der «Art Students League», einer öffentlichen Kunstschule mit einem breiten Angebot an Kursen, findet sie reichlich Anregung. Täglich fährt sie mit dem Cable Car von der Insel hinüber nach Manhattan.

Die Ausbildung in München ist auf vier Jahre angelegt und schliesst mit einem Diplom ab. Noch bevor das erste Semester beginnt, gilt es, eine Auflage der Akademie zu erfüllen: Sie verlangt von ihren Absolventen eine Berufsausbildung oder Berufserfahrung. Christine kann weder das eine noch das andere vorweisen, sie muss sich also dringend um einen Job bemühen. Da kommt im Spätherbst 1986 ein Stelleninserat im «Tagblatt der Stadt Zürich» wie gerufen. Es werden Hilfskräfte für sogenannte Notgrabungen gesucht. An der Mozartstrasse, nicht weit vom See, sind bei einem Bauaushub Spuren von Pfahlbauten entdeckt worden, die man sichern muss, bevor die Bauarbeiten alles zerstören. Klingt interessant, das hat sie noch nie gemacht. Und das Geld kann sie auch brauchen. Auf Vaters Portemonnaie zu sitzen, kommt nicht in Frage.

Und so pendelt sie also hin und her zwischen München, New York und Zürich, hier ein paar Monate, da ein paar Wochen. Malen, mit Kollegen diskutieren, malen, Museen besuchen, malen, hier ein Job und da ein Job, Feste feiern, malen, malen, malen. Es sind Nomadenjahre – wie sie das alles auf die Reihe bringt, ist rückblickend kaum noch zu begreifen.