Rob Lampe
Mitten im Rotlicht
Ich war die erste Reeperbahn-Polizistin
über den Autor
Der in Hamburg geborene Autor begann bereits in der Schulzeit Kurzgeschichten durch alle Genres zu schreiben. Während des Studiums arbeitete er als Konzeptioner und Texter. Im Anschluss folgten weitere aufregende Jahre in der Medien- und Werbewelt in Hamburg, Berlin und München, unter anderem als stellvertretender Anzeigenleiter bei BILD im Axel Springer Verlag, als Marketing-Direktor im Hubert Burda Verlag und als Unit-Leiter für Content-Management und Redaktion im Bereich eCommerce.
Rob Lampe ist Mitglied im SYNDIKAT, der Autorengruppe deutschsprachiger Kriminalliteratur.
IMPRESSUM
1. Auflage 2024
© 2024 by hansanord Verlag
Alle Rechte vorbehalten
Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung außerhalb der Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages nicht zulässig und strafbar. Das gilt vor allem für Vervielfältigung, Übersetzungen, Mikrofilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
ISBN Print 978-3-947145-77-5
ISBN E-Book 978-3-947145-78-2
Cover | Umschlag: Tobias Prießner
Lektorat: Ursula Schötzig
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Inhalt
über den Autor
Vorwort des Autors
1. Teil
Karibik
Hamburg
Zurück in Niederweiler
Der grüne Brief
Polizeiakademie I.
Davidwache-Praktikum
Der Pate der Paten
Schmuckstraße
Eros-Center, Haus F, Zimmer 207
Chinesen-Fritz
GMBH + Nutella
Kopulation und Stehvermögen
Polizeiakademie II.
2. Teil
Revier 15, Davidwache
Blade Runner
Abteilung Stress
Zum Silbersack
Tod auf der Elbe
Ist dir kalt?
Vermisstenanzeige
Bitte einmal in den Ersten
3. Teil
Fachdirektion 65
Der Antrag
Last Man Standing
Was hat er wohl mit den Köpfen gemacht?
Willst mich verhaften?
Zu mir oder zu ihr?
AIDS
Kakao beruhigt bekanntlich die Nerven
Freilose
Verbrechen ohne Namen
HSV – Juventus Turin
Freies Wochenende
Zeugenschutzprogramm
Zwei Pole
4. Teil
Die weiße Dame
Multiorganversagen
Club 88
Farbklecks
Wilde Tiere
Manchmal muss es eben Mumm sein
Schnee in Chinatown
Bleivergiftung
Null-Toleranz-Strategie
Ein Hoch auf die Liebe
Molly 80-60-90
Die Ziege zur Gärtnerin machen
Kiez oder Karriere
Abspann
Hauptcast
Nebenrollen
Playlist
Anfang der Gleichstellung
Schlussbemerkung
unser Kiez
Bildteil
»Rob Lampe lässt das alte, das schöne, das liebenswerte, das echte, wenn auch schmutzige Milieu wieder auferstehen.
Die Geschichte ist spannend und bunt erzählt – wie die 1980er-Jahre, in der sie spielt.«
Carsten Marek,
ehemaliges Mitglied der 'Nutella-Bande' und heutiger Geschäftsführer der Kultkneipe 'Zur Ritze'
IN AETERNUM
Vorwort des Autors
Als ich am 7. November 2022 das erste Mal mit Esther Lindemann telefonierte, war mir sofort bewusst, dass diese Geschichte erzählt werden muss. Zwei Wochen zuvor hatte ich erst von ihrer Existenz Kenntnis genommen. Erfahren, dass Esther Anfang der 1980er-Jahre die erste Streifenpolizistin auf Deutschlands sündigster Meile war. Doch diese Tatsache allein mit einem Buch zu würdigen, würde zu kurz greifen und ihr bei Weitem nicht gerecht werden. Was sie aber in jener Zeit über sich hat ergehen lassen müssen, lässt sie für mich zu einer starken Frau mit Ecken und Kanten, mit Stärken und Schwächen, und ja, ebenfalls zu einer Vorkämpferin in Sachen Gleichstellung werden. Ihre Geschichte ist somit auch über vierzig Jahre später – leider – so aktuell wie nie.
Doch springen wir zurück ins Jahr 1979. Damals war die Freie und Hansestadt Hamburg, nach West-Berlin im Jahr zuvor, erst das zweite Bundesland in der Bundesrepublik Deutschland, das Frauen in der Schutzpolizei einzusetzen begann. Warum erst jetzt? Warum erst dann?
Nun ja, wer nun glauben möchte, dass dieser von der Hamburger und Berliner Behörde neu eingeschlagene Weg mit den Forderungen einzelner Personen zusammenhing, die stets darauf hingewiesen hatten, dass die Weigerung, Frauen in der Schutzpolizei einzustellen, mit Artikel 3 des Grundgesetzes nicht zu vereinbaren sei, muss ich leider enttäuschen. Ebenso wie diejenigen, die den politischen Paradigmenwechsel mit der damaligen Argumentation, Frauen zeigten seit den späten 1960er-Jahren infolge der Frauenbewegung zunehmend Interesse an typischen Männerberufen wie beispielsweise bei der Eisenbahn, der Schifffahrt oder der Polizei. Nein. Ebenfalls weit gefehlt. Die Antwort darauf war viel einfacher, viel subtiler, wenn man so will: viel männlicher. Es lag schlicht und ergreifend an den Rekrutierungsschwierigkeiten der Polizei. Punkt. Ende der Story. Und gleichzeitig der Beginn von Esther Lindemanns Geschichte.
Allerdings war die 21-jährige Protagonistin nicht irgendeiner Dienststelle zugeteilt, sie war im Einsatz auf der Hamburger Reeperbahn. Dem Sündenpfuhl aus Live-Sex, Gewalt und Drogen, dominiert von den schweren Jungs der Zuhälterringe GMBH und Nutella-Bande. Und dennoch war dies nur die eine Seite der Medaille. Das Polizeirevier 15 hatte die andere für den unbedarften Nachwuchs im Gepäck – die der männlichen Kollegen. Männer, die eine weibliche Partnerin gern zu Hause in der Küche und im Bett wähnten, aber bitteschön nicht neben sich beim Dienst auf der Straße. Zu geringe physische Belastbarkeit, fehlende körperliche Kraft und überhaupt widerspreche eine weibliche Streifenpolizistin dem »gelernten« Frauenbild waren nur einige der vorgebrachten Argumente und Demütigungen hinter vorgehaltener Hand. Auch in der Öffentlichkeit wurde das traditionelle Frauenbild geradezu grotesk diskutiert: Konnten Schutzpolizistinnen Waffengewalt ausüben, ohne ihre Weiblichkeit zu verlieren oder die Männlichkeit und Schlagkraft der Polizei zu schwächen? Kurzum: Esther, mit großen Plänen aus dem Schwarzwald gestartet, hatte nicht den Hauch einer Ahnung, auf was sie sich im hohen Norden eingelassen hatte und dass ihr Leben alsbald komplett aus den Fugen geraten würde.
Dieses Buch ist eine Einladung, mit Esther Lindemann auf Streife zu gehen, sich auf den Beifahrersitz zu setzen und sie auf ihrem Weg zu begleiten, wie sie als erste Frau in Deutschlands bekanntestem Polizeirevier, der Hamburger Davidwache auf St. Pauli, lernen musste, ihren Mann zu stehen.
Karibik
Irgendwann im August 1979
Ein Dorf, so nebensächlich wie trivial, so durchschnittlich wie nicht der Rede wert. Mit blauer Posthornjacke und Hose uniformiert schob Esther Lindemann das gelbe Wägelchen durch die engen Gassen zum Ortsausgang des Baden-Württembergischen Niederweiler, am Fuße des Schwarzwaldes. Der Nieselregen plätscherte monoton und gleichmäßig auf den dampfenden Boden, so wie eigentlich alles in dem 923-Seelen-Dorf mit einer geradezu einschläfernden Ruhe belegt war. Die Hauptbeschäftigung der Niederweilerer, die sich selbst als Tourismushochburg sahen, bestand darin, zu warten. Auf das Essen, den Nachbarn oder die Gäste. Doch weder die zwei Gastwirtschänken Zur Alten Brauerei und Zur Warteck noch die vier Pensionen waren wirklich ausgebucht. Und wenn doch mal vereinzelt Spaziergänger von außerhalb auftauchten, handelte es sich meist um Verirrte, die, nun ja, wie soll das am besten umschrieben werden, eben auf der Suche nach dem richtigen Pfad Richtung Badenweiler Römerberg waren, der aufgrund seiner faltig aufgeworfenen Gesteinsschichten einen mineralreichen Boden bildete und so ausdrucksstarke Weißweine und seidige Spätburgunder mit einem warmen, leicht rauchigen Nachhall hervorbrachte. Gerade der 1976er-Jahrgang hatte alle Erwartungen übertroffen und seitdem viele Touristen dorthin, und einige Verlaufene hierhin, gebracht.
Auch die 20-jährige Esther wartete, und zwar auf eine Antwort. Die Antwort auf die Frage, wie es jetzt, wo sie seit wenigen Wochen das Abi in der Tasche hatte, weitergehen sollte. Was nur wollte sie werden? Wohin sollte die Reise gehen? Was würde sie glücklich machen? Sie wusste nur, dass das Leben für sie Aufregenderes bereithalten musste, als sich als Frau von jemandem ins Dorfgeschehen einzufügen, wie bereits zuvor die Mutter und beide Großmütter. Und bis sie die Lösung hatte, jobbte sie mal wieder als Postverteilerin. Sie nutzte die täglichen Touren mit dem Postwägelchen, deren Gewicht sich zu den letzten Weihnachtsferien hin merklich verringert hatte, zum Durchatmen, Geldverdienen und Kopfzermartern. Glücklicherweise flogen zurzeit statt schwerer Weihnachtspost nur leichte Urlaubsgrüße ein und Esther, die die Postkarten genau studieren musste, um sie verteilen zu können, konnte bereits nach wenigen Schichten zwei Kategorien von Schreiberlingen ausmachen. Die eine, meist von der Männerwelt abgesetzt, war lediglich mit einer Schöne-Grüße-aus-Floskel bedacht, während die andere, die von den Frauen, meist bis zum letzten Millimeter ausgefüllt war. Dort wurden ganze Romane auf wenige Quadratzentimeter zusammengequetscht. Doch ganz egal ob Mann oder Frau, ob Floskel oder Roman, beide Kategorien einte eine Botschaft: die Freude darüber, gerade jetzt in diesen fernen Städten und Ländern zu sein. Und bei Esther reifte der Gedanke, es ihnen nachzutun.
Heute früh erst hatte Herta Schiller aus dem Mühlenbachweg eine Postkarte von den Malediven erhalten. Sie war länglicher als die anderen und die Vorderseite viergeteilt. Das Bild links oben zeigte einen weißen, nicht enden wollenden paradiesischen Sandstrand, das zweite erstrahlte mit türkisfarbenem Wasser, das dritte, links unten, zeigte die atemberaubende Unterwasserwelt aus Korallen und bunten Fischen sowie, auf dem vierten, rechts unten, ein mit einheimischen Obstsorten dekorierten Bambustisch. Beim Anblick lief Esther das Wasser im Mund zusammen. Sie kam ins Träumen und merkte gleichzeitig, wie ihr die Zeit wegrannte. Nicht die der heutigen Frühschicht. Den Niederweilerern war es ziemlich egal, ob ein Gruß um halb elf oder um kurz nach zwölf zugestellt wurde. Nein. Esthers Zeit lief davon. Nächsten Monat würde sie 21 Jahre alt werden. »Aus dieser Idylle kommst du nicht lebend raus, es sei denn, du machst dich direkt nach der Schule vom Acker«, hatte Opa Walter immer zu ihr gesagt und sie befürchtete, dass er damit recht hatte.
Ein Studium kam für sie nicht in Frage. Nach 13 Jahren Schule wollte sie nicht weitere vier oder fünf Jahre mit Vorlesungen, Hausarbeiten und Klausuren verbringen. Es musste etwas Praktisches her. Doch das Angebot bei Hans Schminker, von schräg gegenüber, als Bürokauffrau-Azubine anzufangen, war nicht das richtige. Genauso wenig wie der Bürojob bei Import-Export-Bernd oder in der Beratung des ansässigen Technologieunternehmens, das Lösungen rund ums Trinkwasser in Form von hochwertigen Stahlarmaturen herstellte. Strahlregler, Mengenregler, Rückflussverhinderer samt passender Schläuche. Puh! Bitte nicht! Das konnte unmöglich ihre Zukunft sein. Sie liebte zwar ihr Heimatdorf, doch die brodelnde Unruhe in ihr durfte nicht länger ignoriert werden. Und das trotz ihres Freundes Dieter, mit dem sie seit fünf Jahren zusammen war. Dieter arbeitete seit dreieinhalb Jahren bei Import-Export-Bernd, und das sehr glücklich, wie er betonte. Doch Dieter war nicht mehr der alles entscheidende Faktor in Esthers Plänen.
Auch ein Umzug nach Freiburg, die nächstgrößere Stadt etwa 45 Kilometer entfernt, hätte an dieser Ruhelosigkeit nichts geändert. Freiburg hatte ohnehin nicht viel mehr zu bieten als eine Uni, ein von kleinen Bächen durchzogenes, wiederaufgebautes mittelalterliches Stadtzentrum und … nun ja … das war’s eigentlich auch schon. Sie musste weiter weg, viel weiter und dachte an die längliche Postkarte für die Schiller. Vielleicht war die Karibik ja die Antwort? Dort von Insel zu Insel hüpfen und in den schönsten Hotelanlagen für gut gelaunte Urlauber arbeiten. Das hatte doch was! Sie musste endlich zu Potte kommen und jeder neue Weg begann mit dem ersten Schritt. Noch heute würde sie zum Arbeitsamt gehen und sich informieren.
* * *
»Karibik? Wir sind doch kein Reisebüro!«, erwiderte die Dame hinter der Glasscheibe kopfschüttelnd und verwies Esther, die am Nachmittag mit einer grauen Mappe unterm Arm die kleine unscheinbare Behörde in Müllheim betrat, an einen Kollegen. »Ich möchte Sie bitten, junges Fräulein, sich bezüglich ihrer koketten Anfrage an Herrn Krohn zu wenden. Drei Türen weiter rechts.«
Esther fühlte eine gewisse Hitze aufkommen und ging angespannt den Flur entlang. Sie klopfte an besagter dritter Tür und betrat den Raum: »Guten Tag! Sind Sie Herr Krohn?«
»Solange dieser Name noch an der Tür steht, bin ich es. Ja«, erwiderte ein leicht untersetzter, freundlich dreinblickender Endfünfziger. »Was kann ich denn für Sie tun, junge Dame?«
»Mein Name ist Esther Lindemann, ich habe gerade mein Abitur gemacht und möchte eine Hotelfachausbildung machen. Am besten im Ausland. Wissen Sie, so ein typischer Bürojob kommt für mich nicht in Frage. Ist irgendwie nach der ganzen Schulzeit nicht so meins. Was ich brauche, ist Action. Jeder Tag muss anders sein. Deshalb dachte ich an eine Hotelfachausbildung im sonnigen Süden. Je weiter weg, desto besser …«
»Das gibt’s doch nicht. Du musst die kleine Lindemann sein?«, brach es aus dem Sachbearbeiter heraus, der sich gerade frischen Kaffee aufgebrüht hatte. Er deutete auf einen leeren Stuhl vor dem Schreibtisch. »Die Lütte von Kurt und … und … wie hieß sie noch … dunkle Haare?«
»Christine. Meine Mutter heißt Christine«, ergänzte Esther, setzte sich und konnte sich nicht daran erinnern, das Gegenüber schon mal zu Hause erblickt zu haben. Ihre Augen schwenkten auf das Namensschild neben der Schreibmaschine. Herbert Krohn. Auch der Vorname brachte nicht die erhoffte Erleuchtung. Ein Herbert war nie Thema gewesen.
»Richtig. Kurt und Christine Lindemann«, setzte der Sachbearbeiter fort und schien aus dem Staunen nicht mehr rauszukommen. »Mensch, bist du groß geworden!«
Bitte nicht auch das noch, dachte Esther und lächelte angestrengt. Sie hasste solche Bemerkungen. Und nicht nur, weil sie mit 1,58 Metern Körperlänge weiß Gott nicht besonders groß geworden war.
»Daheim, alles gut? Alle zufrieden, alle gesund?«
»Ja, allen geht es gut, alle sind zufrieden, alle sind gesund«, bestätigte Esther, zog ihr Abiturzeugnis aus der Mappe und präsentierte es auf dem überfüllten Tisch. »Also, was haben Sie Schönes für mich?«
Krohns Blick verharrte noch einen Moment auf Esthers Gesicht, bis er schließlich in Richtung der mitgebrachten Unterlagen schwenkte. »Du meinst eine feine Hotelfachausbildung im Süden?« Esther nickte.
»In Spanien, Italien oder der Karibik? Meinst du sowas?«
Esthers Augen begannen zu leuchten. Von diesem Krohn fühlte sie sich verstanden. Warum nur hatte sie den Besuch beim Arbeitsamt immer hinausgezögert? Sich stattdessen mit Import-Export-Bernd und Hans Schminker beschäftigt? Alles Zeitverschwendung! Hier zu sitzen, mit einem unbekannten Bekannten über die Karibik zu sprechen, das war es, worauf es ankam. Nägel mit Köpfen machen. Das war das wahre Leben. Und sie konnte es kaum abwarten, endlich zuzuschlagen.
»Das klingt wundervoll, Herr Krohn«, antwortete Esther euphorisch und hätte auch umgehend gebucht, wenn der Sachbearbeiter nicht mit seiner Antwort eine Vollbremsung gemacht hätte.
»Das wird aber nix, Esther«, antwortete er entgegen aller Erwartungen trocken und goss sich eine Tasse Kaffee ein. »Keine Chance.«
»Nicht?«, dröppelte es aus Esther heraus. Es hatte etwas von harter Bruchlandung.
»Nee. Wirklich nicht.«
»Aber, aber warum denn nicht?«
»Wir sind ja nicht bei ›Wünsch dir was‹. Was meinst du wohl, warum das ZDF die Sendung nach nur drei Jahren eingestellt hat?«
Esther hatte keine Ahnung, zuckte nichtsahnend mit den Schultern und fühlte sich irgendwie missverstanden.
»Es hatte sich überholt.«
»Häh?«, fragte Esther verunsichert.
»Na, die Sendung. Keiner wollte sie mehr sehen. Sie war auserzählt. Langweilig geworden.«
Esther hatte die Show nie gesehen und sie war ihr auch piepegal. Nicht egal war hingegen, was mit der Karibik war, wie es mit ihr weitergehen sollte. Sie dachte an Dieter, an ihre Eltern und fühlte ein bedrückendes Gefühl in der Magengegend aufkommen, es begann wieder zu brodeln. »Haben Sie dann etwa gar nichts für mich?«
»Du sagtest doch was von Action? Von Jeder Tag soll anders sein? Bloß keine Neun-bis-fünf-Uhr-Tätigkeit?«
Esther nickte erneut, strahlte leicht, wenn auch dieses Mal vorsichtiger.
»Ich glaube, ich habe da was für dich. Die Polizei, weißt du«, setzte der angebliche Freund der Familie verheißungsvoll fort, während er mit den Fingerspitzen aus einem Stapel ein Stück Papier herausfischte und dieses überflog. Dann trank er weitere Schlucke aus der Tasse und sprach davon, dass West-Berlin und Hamburg als erste Bundesländer überhaupt Frauen in der Schutzpolizei einsetzen wollten. Gleiche Tätigkeit, gleiche Uniform, gleiches Gehalt wie die Männer. Eine Art Modellversuch. Die gesamte Ausbildung sei von Anfang an nahezu identisch mit jener der männlichen Kollegen. Schießausbildung an Pistole und MP, Geländetraining, Lernfächer. Im Anschluss gehe es sofort in den Streifendienst auf die Straße.
»Wenn man die Prüfung erfolgreich bestanden hat?!«
»Und den Einstellungstest davor, aber ja.«
Krohn reichte ihr den Zettel rüber.
»Ist ’ne Kopie. Dort steht alles drauf. Inklusive Ansprechpartner in West-Berlin und Hamburg. – Na, wie klingt das?«
Doch Esther sagte kein einziges Wort mehr, zu tief war sie in den Buchstaben versunken. Das, was Krohn ihr in die Finger gab, war die Antwort. Sie vereinte alles, was sie wollte, was sie brauchte. Action und jede Menge Überraschungen. Und dann noch in einer Großstadt. Sie packte das Informationsblatt in die Mappe und stand auf. Die Karibik musste warten.
Hamburg
Die Bewerbung war schnell geschrieben. Nicht nur Esthers Abschlusszeugnis war vorzeigenswert, auch die sportlichen Fähigkeiten waren überdurchschnittlich. Kurzstrecke, Langstrecke, Kraft, Ausdauer, Schnelligkeit, Beweglichkeit und Koordination, alles vorhanden. Da Berlin als auch Hamburg ihren Reiz hatten, bewarb sie sich kurzerhand in beiden Metropolen. Ihren Freund Dieter hatte sie von Anfang an in ihre Überlegungen miteinbezogen und freute sich, dass er ihre Entscheidung mittrug. Ob ganz freiwillig oder in der Hoffnung, die Bewerbungen würden im Nichts versanden, war nicht ganz klar. Auf jeden Fall hatte er gute Miene zum bösen Spiel gemacht und sie damit sehr unterstützt. Auch bei den zahllosen Gesprächen mit ihren Eltern. Denn auch Kurt und Christine Lindemann, die sich gegenüber Neuem stets als sehr aufgeschlossen präsentierten, hatten, was die Großstadt anging, eine ausgeprägte Skepsis und wollten ihre Kleine nicht ziehen lassen. Und dann noch in einem Männerberuf gefährliche Verbrecher jagen … Immer wieder verwiesen sie auf die Vorteile eines beschaulichen Lebens in Niederweiler, auf eine sorgenfreie Zukunft mit Dieter. Der Vater hätte gerne gesehen, wenn sie eine Ausbildung bei der Post gemacht hätte. Doch dies alles bewirkte nur das Gegenteil. Als Esther nach drei Wochen Wartezeit tatsächlich eine Einladung zu einer zweitägigen Eignungsprüfung in der fernen Hansestadt Hamburg erhielt, gab’s kein Halten mehr. Allein die Tatsache, dass eine Großstadt Interesse an ihrer Person und an ihren Fähigkeiten zeigte, machte etwas mit ihr. Ließ sie augenblicklich wachsen. Und ganz gleich wie der Test im hohen Norden ausgehen mochte, ihre Tage im Südschwarzwald waren gezählt. Wenn nicht Hamburg, dann Berlin. Und wenn nicht Berlin, dann irgendwas anderes. Nur raus hier, der Enge des Dorfes entkommen. Sie nahm erneut das Antwortschreiben zur Hand und las:
FREIE UND HANSESTADT HAMBURG
Behörde für Inneres
Polizei
Landespolizeischule 0132
Einstellungstelle
Hamburg, den 22.10.79
Betr.: Ihre Bewerbung bei der Polizei Hamburg Sehr geehrte Frau Lindemann!
Aufgrund Ihrer Bewerbung darf ich Sie bitten, am Montag, den 26. November 1979, um 07.30 Uhr, zur Eignungsprüfung in die
Landespolizeischule
-Einstellungstelle-
Carl-Cohn-Straße 39
Hörsaalpavillion V 2000 Hamburg 60 (Alsterdorf)
zu kommen.
Die Auswahlvorstellung besteht aus einem geistigen und körperlichen Eignungstest sowie einem Abschlussgespräch und dauert einen Tag.
Bringen Sie hierfür bitte Schreibgerät, Sportkleidung und Ihren Personalausweis mit; außerdem bitte einen gynäkologischen Facharztbefund.
Wird Ihre Eignung für den Polizeiberuf festgestellt, erfolgt am nächsten Tag von 07.30 Uhr bis ca. 15.00 Uhr eine ärztliche Tauglichkeitsuntersuchung. Füllen Sie bitte den beiliegenden Vordruck auf der ersten Seite (Personalien und Ziff. 1. – 1.12) aus und bringen Sie ihn zur Untersuchung mit.
Ich darf noch darauf hinweisen, daß die Landespolizeischule am günstigsten mit der U-Bahn (Station Alsterdorf) zu erreichen ist. Selbstverständlich werden Sie an beiden Tagen bei uns mittags beköstigt, während wir entstehende Kosten (Fahrgeld, Verdienstausfall usw.) nicht ersetzen können.
Außerhalb Hamburg wohnende Bewerber können unentgeltlich bei uns übernachten (auch wenn ihre Anreise nach Hamburg schon am Vortage erforderlich sein sollte). Melden Sie sich bitte in der Unterkunftswache der Landespolizeischule.
Mit freundlichen Grüßen
- Einstellungsstelle –
Sydow
Vier Wochen später war es so weit. Mit unbändiger Vorfreude, Neugier und gleichzeitig großem Respekt bestieg Esther am Sonntag, den 25. November, kurz vor zwölf, die Fernbahn nach Hamburg. Würde sie den ersten Prüfungstag überstehen, der die Voraussetzung für den zweiten, den körperlichen Eignungstest, war? Oder säße sie bereits morgen Abend im Zug zurück? Sie schickte ein Stoßgebet gen Himmel und flehte um göttlichen Beistand. Sie versprach, dass sie täglich, zumindest aber wöchentlich, einen Brief aus Hamburg an die Eltern schreiben würde, wenn alles gut ausginge. Sie wollte allen beweisen, was sie drauf hatte. Sie wollte es sich selbst beweisen, dass auch sie, aus einem Kuhdorf kommend, in der Großstadt nicht nur überleben, sondern auch reüssieren konnte. Dementsprechend schwer fiel es ihr, beim Abschied Dieter eine gewisse Gleichgültigkeit vorzutäuschen. Hätte sie alles gesagt, was ihr in den Tagen vor der Abfahrt durch den Kopf gegangen war, er hätte keinen Heller mehr auf eine gemeinsame Zukunft gegeben. Doch so überraschte er sie mit einer langstieligen roten Rose, nahm sie in den Arm und gab ihr einen innigen Kuss. Es war das erste Mal in der fünfjährigen Beziehung, dass er Tränen in den Augen hatte. Für ihn glich der Abschied einem Alptraum, aus dem er am liebsten sofort aufgewacht wäre. Und wenn es schon kein Traum war, hätte er alles dafür gegeben, jetzt mit ihr gemeinsam in die Bahn zu steigen. Einfach seine Esther nach Hamburg zu begleiten und in zwei Tagen, wenn das ganze Tamtam vorbei gewesen wäre, wieder sicher nach Hause, nach Niederweiler zu bringen. Doch er blieb zurück, wurde auch gar nicht erst gefragt. Aber vielleicht sollte er sie mal fragen, ihr nach der Rückkehr einen Antrag machen? Dann, im nächsten Schritt, eine gemeinsame Wohnung und den Job bei Import-Export-Bernd klarmachen. Dieters Glück wäre perfekt. Die Vorstellung daran ließ ihn schließlich verschmitzt lächeln. »Zurückbleiben, bitte«, ertönte es plötzlich gefolgt von einem langgezogenen Pfiff des Bahnvorstehers, der mit ernstem Blick seinen Bahnsteig bedachte, während sich die Türen schlossen. Es war so weit, der Zug setzte sich in Bewegung und Esther auf den reservierten Platz.
* * *
Am nächsten Morgen, Punkt halb acht, begann der erste Prüfungstag der Polizeianwärter. Aufgeregt wie vor der Motorradprüfung, die Esther vor zwei Jahren mit Bravour gemeistert hatte, hatte sie nur wenig geschlafen. Immer wieder musste sie aufstehen und hatte aus dem Fenster der Polizeikaserne auf den von den Laternen gelblich gefärbten Beton des Innenhofes geschaut und sich dabei vorgestellt, wie sich der Platz für einen anstehenden Großeinsatz innerhalb kürzester Zeit mit Polizeifahrzeugen füllte. Mit PKWs, Kombis, grünen Minnas, Motorrädern, einfach mit allem, was die Hamburger Polizei aufzubieten hatte. Ganz beseelt von dieser Parade schwenkte sie den Kopf zu ihrer Zimmergenossin, einer Claudia aus Saarbrücken, die völlig unbeeindruckt von Parade und Prüfung friedlich vor sich hin schlummerte. Beneidenswert! Doch jetzt standen beide im großen Prüfungssaal und jeder der dreiundzwanzig Bewerber hatte sich vorzustellen. Es waren zwölf Jungs und neben Claudia, einer gelernten Schaufensterdekorateurin, und Esther neun weitere Mädchen. Die meisten der Kandidaten kamen aus Hamburg und der näheren Umgebung wie Lübeck, Stade, Celle, Buchholz, Mölln und der Lüneburger Heide. Dagmar war mit 29 Jahren und 8 Monaten die Älteste, Jörg, mit gerade mal 17 Jahren und 5 Monaten, das Nesthäkchen der Runde. Dann wurde es ernst.
»Danke! Und nun sucht sich bitte jeder einen Platz. Pro Tisch nur eine Person«, erklang es nach der Aufwärmrunde vom Ausbilder, der sich als Helmut Müller vorgestellt hatte. »Wir beginnen mit einem Diktat, es folgt eine Nacherzählung und zum Ende des Vormittags Mathematik. Wenn ihr das überlebt, setzen wir den Nachmittag, nach einer einstündigen Mittagspause, in der Sporthalle fort. Dort warten Zirkeltraining, Hürdenlauf sowie Seilklettern auf Zeit.« Müller kramte seine Brille aus der Jackentasche und setzte sich ebenfalls. »Morgen dann, am zweiten Tag der Eignungsprüfung zum Polizeidienst, findet die ärztliche Untersuchung statt. Vorausgesetzt, ihr seid noch dabei.«
Müller schaute auf die große Wanduhr. Viertel vor acht. Er gab der Gruppe ein Zeichen und begann mit der ersten Prüfung. In dem Diktat ging es um einen Streit zwischen zwei Jugendlichen, bei dem der 16-jährige Simon Schmidt seinen ein Jahr älteren Kollegen Matthäus Fritzenkötter vom sechs Quadratmeter großen Balkon stoßen wollte, nachdem eine anfangs harmlose verbale Auseinandersetzung wegen einer gewissen Manuela Lotti im Laufe des Abends eskaliert war und erst durch die Polizei, die von dem Nachbarn Andreas Herfurth gerufen wurde, geschlichtet werden konnte. Nun stand Simon vor dem Jugendgericht und musste sich erklären. Und ja, zu viel Alkohol war auch im Spiel gewesen.
Die Nacherzählung, von Viertel vor neun bis elf, handelte von dem Fall Fritz Honka, einer gescheiterten Existenz, die zwischen 1970 und 1975 vier Prostituierte aus dem Umfeld des Goldenen Handschuhs, einer versifften Absturz-Kneipe auf St. Pauli, kennengelernt und diese später getötet und zerstückelt hatte. Die Leichenteile wurden wie nicht gebrauchtes Inventar in der Abseite seiner Dachgeschosswohnung verstaut, gegen den aufkommenden Verwesungsgeruch Fichtennadel-Duftsteine aufgehängt. Überführt wurde der ehemalige Hilfsarbeiter letztlich durch einen Zufall, als ein Feuer in dem Mietshaus in Hamburg-Altona ausbrach. Die Feuerwehr fand bei den Löscharbeiten Leichenreste. Der anschließende Prozess im Jahre 1976 war einer der Tiefpunkte der Frauenverachtung. »Mit der Zerstückelung der Leichen habe es sich«, so der damalige Richter, »um eine totale Eliminierung des Ärgernisses gehandelt.« Honka wurde wegen Mordes in einem Fall und Totschlags in drei Fällen, begangen im Zustand verminderter Schuldfähigkeit, zu 15 Jahren Freiheitsentzug in einer psychiatrischen Unterbringung verurteilt.
Es folgte die Matheprüfung, bei der Esther entspannt auf ihr Schulwissen zurückgreifen konnte. Und überhaupt, der Vormittag lief trotz Übermüdung und Herzklopfen entspannter als erwartet.
»Wollen wir zusammen in die Kantine gehen?«, fragte Claudia nach Abgabe mit glühenden Wangen, »ich sterbe vor Hunger.«
Aber unbedingt, dachte Esther, nickte und beide folgten dem Ausbilder zur Mensa. Direkt nach der Honka-Geschichte wäre ihr wohl der Hunger vergangen, aber nun war sie erleichtert, dass die schriftliche Prüfung hinter ihr lag.
»Wow! Guck dir bitteschön das mal an!«, entfuhr es Claudia völlig verdutzt, als sie die Kantine betraten. »Siehst du auch, was ich sehe?«
Esther schaute sich um und staunte ebenfalls nicht schlecht, ihr ganzes Dorf hätte hier reingepasst. Doch das war es sicherlich nicht, was Claudia meinte. Ansonsten fiel ihr weder an der Einrichtung, noch an essenden Menschen zur Mittagszeit irgendwas Besonderes auf. Sie schaute zurück zu Claudia und fragte achselzuckend.
»Nee, was denn?«
»Guck doch mal, schau dich doch mal genau um. Hier sitzen nur Männer. Überall … nur … Männer!«
Und von einer Sekunde zur nächsten wurde Esther vor Augen geführt, was sie im Begriff war umzusetzen. Sie würde, sollte sie die beiden Tage meistern, tatsächlich zu den ersten elf Schutzpolizistinnen im Großraum Hamburg gehören.
Zurück in Niederweiler
»Jetzt erzähl schon«, forderte Dieter aufgeregt, als Esther ihn nach dem Hamburg-Trip am Mittwochabend bei Import-Export-Bernd abholte.
»Wie lief es? Konntest du alles beantworten? Wann bekommst du das Ergebnis?«
Doch Esther war nicht in der Lage etwas zu sagen. Sie hatte, als sie Dieters liebgewonnenes Lächeln erblickte, alle Mühe, ihr Gefühlschaos unter Kontrolle zu bekommen und hätte am liebsten lauthals losgeschrien. Und wie immer, wenn sie aufgeregt war, spielte sie mit dem Anhänger an ihrer Silberkette. Sie dachte an die letzten 48 Stunden, an die Prüfung, an den schriftlichen Teil am Vormittag und den sportlichen Teil am Nachmittag sowie das Abschlussgespräch des ersten Tages. Beim Balkon-Diktat war sie mit einem Fehler sogar die beste aller 23 Polizeianwärter gewesen und hatte ein dickes Lob eingeheimst. Anders sah es bei dem körperlichen Eignungstest am zweiten Tage aus. Das Mindestmaß für eine Schutzpolizistin lag bei stolzen 1,60 Meter. Es fehlten zwei Zentimeter. Natürlich kam diese Erkenntnis für sie nicht überraschend, aber wie sagte man so schön: Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Und sie spürte, wie der bloße Gedanke daran, als der Arzt sie zur Vermessung vor die orangefarbene Wand mit Messlatte platziert hatte, ihr erneut eine Gänsehaut bescherte. Was hatte sie sich in diesen Sekunden gestreckt und versucht jeden Millimeter aus dem Körper herauszuziehen, um dann im Anschluss im Gesicht des Arztes eine Deutung abzulesen, als er das Ergebnis in die Akte übertrug.
Hatte er ein Nachsehen gehabt und die Zahl großzügig aufgerundet? Oder war sie bereits gestern Vormittag durchgefallen und die Personalabteilung der Polizei kritzelte bereits an der freundlichen, aber letztlich abgestumpften und niederschmetternden Absage? Andererseits, und das nährte ihre Hoffnung, hatte der Arzt die Untersuchung fortgesetzt: Es wurde wild geklopft, gehustet und abgehorcht. Später noch das Sehvermögen und Gehör begutachtet sowie um eine Urinprobe gebeten. Musste er das, wenn sie bereits eine Maßgabe nicht erfüllte? Warum nur hatte sie ihn nicht einfach gefragt? Stattdessen marterte sie sich seitdem selbst, ob diese zwei Zentimeter das Ende bedeuteten. Das Ende, ohne je einen Anfang gehabt zu haben?
»Es - ther?«, brachte sich Dieter in Erinnerung und rüttelte an ihrer Schulter. »Erzähl schon!«
Esther schaute aufgeschreckt zu ihrem Freund und war augenblicklich zurück im Jetzt. Sie erzählte auf dem Weg von den Prüfungen, dem Vermessen und von Claudia aus Saarbrücken, mit der sie sich ein Zimmer in der Kaserne geteilt hatte. Sie versuchte alles so neutral wie möglich zu halten, um sich selbst vor einer möglichen Enttäuschung zu schützen und nicht weiter Öl in Dieters Bedenken zu gießen.
»Und du meinst wirklich, dass du wegen zwei Zentimetern den Laufpass bekommst?«
»Also, von Laufpass kann keine Rede sein«, antwortete Esther gereizt, die das Wort in diesem Zusammenhang für schlicht falsch hielt. »Es ist eher so, dass es im Ermessen des Arztes liegt, ob eine Person mit 158 Zentimetern ebenfalls Straftaten, Ordnungswidrigkeiten aufklären sowie den Erhalt der öffentlichen Sicherheit und Ordnung gewährleisten kann.«
Dieter nickte einfühlsam und wähnte plötzlich die Möglichkeit einer finalen Hamburg-Absage in greifbarer Nähe. Wer sonst sollte die eigenen Vorgaben strikt einhalten, wenn nicht die Polizei? Alles andere wäre geradezu stümperhaft. Und wenn zwei Zentimeter den Ausschlag gaben, dann war auch das Thema für West-Berlin erledigt. Diese Schmach würde sich Esther nicht nochmals geben. Das wusste er.
»Dafür habe ich eine gute Nachricht für dich. Also natürlich nur, wenn es mit Hamburg dann doch nicht klappen sollte«, grätschte Dieter irgendwann dazwischen.
»Was denn?«, fragte Esther, die gute Nachrichten brauchte wie ein Fisch das Wasser.
»Klaus, also mein Chef, hat mich heute nochmals gefragt, ob du nicht bei ihm anfangen möchtest. Er würde sich wirklich freuen. Und ich mich selbstverständlich auch. Du kannst jederzeit anfangen, hat er gemeint.«
»Aber Dieter …«
»Denk einfach mal in Ruhe darüber nach. Ich mein’ ja auch nur, wenn es mit Hamburg nichts wird. Wir hätten dann genügend Geld und könnten uns endlich eine große Wohnung suchen.«
Esther nahm Dieters Hand und gemeinsam bogen sie rechts ab, als sie ein Gefühl von nie gekannter Melancholie ergriff. Ein wohliges Gefühl der Geborgenheit, gepaart mit einem süßlichen Schmerz der Sehnsucht, des Fernwehs. Ja! Sie wollte diesen Polizeijob. Sie wollte, trotz Familie, trotz Dieter, trotz allem raus hier. Denk nicht so viel nach. Und analysiere nicht jede Kleinigkeit, dachte sie und war heilfroh, als sie Minuten später in Dieters Anderthalb-Zimmer-Wohnung ankamen. Dort verdrückte sie sich in die kleine Küche, stellte das Radio an, wo gerade A Walk In The Park von der Nick Straker Band lief. Sie drehte auf, klopfte mit den Füßen im Takt und begann damit, das Abendessen vorzubereiten.
Der grüne Brief
Die nächsten Tage und Wochen vergingen trotz allerlei Ablenkung nur schleppend. Die Urlaubsgrüße im gelben Postwägelchen waren mittlerweile wieder durch schwere Weihnachtspäckchen ersetzt worden und Esther hoffte noch vor dem 24. Dezember auf eine positive Antwort aus Hamburg. Mittlerweile hatte sich auch West-Berlin bei ihr gemeldet und ebenfalls zur Eignungsprüfung eingeladen. Doch Esther wollte abwarten. Schließlich hatte sich Hamburg zuerst gemeldet und genoss deshalb Priorität. Und dann einige Zeit später, der Weihnachtsmann war bereits zurück in Lappland und die Silvesterraketen längst verhallt, war es so weit. Am 3. Januar 1980, einem Donnerstag, lag nach der Frühschicht ein grüner Brief im Briefkasten. Adressiert an Frau Esther Lindemann, Absender die Hamburger Landespolizeischule. Das Herz pochte wie ein Schmiedehammer auf sie ein. Tadamm – Tadamm – Tadamm. Sie griff sich den Umschlag und rannte in ihr Kinderzimmer. Dort legte sie ihn auf das Kopfkissen, sich selbst, fast ehrfürchtig, daneben. Sie konnte nicht aufhören, ihn anzustarren. Das Adressfeld. Den Absender. Den kreisrunden Stempel am Rand der leicht verrutschten Briefmarke in der oberen rechten Ecke:
FREIE UND HANSESTADT HAMBURG – 27.12.1979.
Sollte das das Datum sein, das ihr Leben in eine neue Bahn steuerte? Lag in diesem Umschlag die Eintrittskarte für ihren Traum? Oder würde sich alles mit einem Schlag in Luft auflösen und sie müsste sich doch mit dem Angebot von Import-Export-Bernd auseinandersetzen? Und mit Dieter? Sie setzte sich aufrecht ins Bett, strich sich eine blonde Strähne aus dem Gesicht und atmete zweimal tief ein und aus. Dann griff sie zum Brief, riss mit einem Ruck am oberen Ende den Umschlag auf und nahm das Schreiben heraus. Nervös flogen die Augen über das Papier, scannten nach einem Wort der Erlösung – bis sie es endlich fand:
E i n s t e l l u n g s b e s c h e i d
Einstellungsbescheid stand dort in fetten Lettern, der Rest des Schreibens verschwamm vor ihrem Gesicht, während ihr Herzschlag auf 200 stieg, um ihr wenige Schläge später die daraus resultierende Wahrheit ebenso heftig ins Gesicht zu schlagen:
A b s c h i e d .
Diese Zusage bedeutete Abschied. Abschied von der Familie. Abschied vom Heimatdorf, in dem sie aufgewachsen und zur Schule gegangen war, in dem sie jeder kannte und in dem sie jeden kannte. Abschied von ihren Schulfreunden und dem Musikverein, in dem sie viele Jahre mit der Querflöte, die sie von Opa Walter zum 10. Geburtstag bekommen hatte, gespielt hatte. Abschied von den Weinbergen, den Wiesen, dem Wald, dem Markgräflerland und dem angrenzenden wunderschönen Südschwarzwald. Nicht zuletzt bedeutete dieser Einstellungsbescheid auch einen Abschied von Dieter, Esthers ersten großen Liebe. Wie würde sie ihn nur enttäuschen! Ihn, der sie liebte und ihr nie Böses wollte. Ihre Gedanken rasten. Sie musste sich zwingen einen klaren Gedanken zu fassen, den Atem und Herzschlag zu beruhigen. Alles in ihr purzelte durcheinander. Stopp mal! Wollte sie das wirklich? Wirklich nach Hamburg? Umziehen? Arbeiten fernab von zu Hause? Was wusste sie schon von der Großstadt? Alles, was sie wusste, hatte sie sich mühsam angelesen, im Vorbeigehen aufgeschnappt. Weltstadt, Hansestadt, Hafen, Reeperbahn, Elbe, Alster, Michel, Nieselregen. Mmmhhh? War das jetzt die Lösung? Oder war sie nur gefrustet gewesen, wollte sehen, ob die Großstadt sie überhaupt wollte? Und nun, wo die Zusage vorlag, reichte das? Schließlich hatte sie es in diesem Moment allen und vor allem sich selbst gezeigt. Die Großstadt wollte sie! Warum jetzt nicht einfach den Bescheid zerreißen und weitermachen wie bisher? Niemand müsste davon erfahren und sie könnte mit Dieter in eine gemeinsame Wohnung ziehen. Alles würde, wie die Eltern sagten, in sicheren und gewohnten Bahnen sein. Sie würde niemandem wehtun müssen.
Esther schüttelte den Kopf. Erst langsam, dann immer heftiger. »Nein!«, sagte sie fast tonlos und nahm das Schreiben. Sie rannte aus dem Haus, die Straße hinunter, in der ihre Mutter Christine ihr mit vollen Einkaufstüten entgegenkam.
»Ich darf nach Hamburg!«, schrie Esther ihr von Weitem entgegen. »Mami, sie haben mich wirklich genommen. Am 1. April geht’s los.«
Mutter Christine legte den Einkauf ab, drückte ihre Tochter und sich ein paar Tränen weg. Dann, mit belegter Stimme, erwiderte sie:
»Kind, wirklich? Wie schön.«
Polizeiakademie I.
31. März 1980 – 30. August 1981
Überall irrten Menschenmassen auf dem Weg zum Anschlusszug, als Esther am 31. März mit zehnminütiger Verspätung um 16:12 Uhr am Hamburger Hauptbahnhof auf Gleis 7 einfuhr. Doch für sie war Endstation. Sie packte die Sachen im Abteil zusammen und begab sich zur Tür, als sich die Augen mit Flüssigkeit füllten. Die Vorfreude, die Emotionen waren einfach zu groß, überkamen sie mit voller Wucht. Sie konnte nichts daran ändern und Sekunden später wollte sie auch gar nichts mehr daran ändern. Sie stieg aus der Bahn. Sie war da! Der Enge des Dorfes entkommen! Endlich! Sie wischte sich mit dem Handrücken die Tränen weg und stand einfach nur da, mit Koffer und Tasche um die Schulter im großen Bahnhof einer noch größeren Stadt. Sie schaute hinauf, zu der 35 Meter hohen Glas-Stahl-Konstruktion, wie sie sich eindrucksvoll über den Hauptbahnhof spannte und dachte plötzlich wieder an Zuhause. Der heutige Abschied von Dieter hatte ihr mehr zugesetzt, als sie sich die letzten Monate hatte eingestehen wollen. Doch nächste Woche war bereits Ostern und sie könnte für ein verlängertes Wochenende nach Hause fahren. Dann sah sie sich weiter um, dieses Mal auf der Suche nach einem blauen U-BahnSchild. Da hinten! Sie schob sich samt Gepäck über den Bahnsteig und fuhr mit der Rolltreppe zwei Etagen tiefer zur U1-Linie Richtung Kaserne. Über Jungfernstieg, Stephansplatz, Kellinghusenstraße und Lattenkamp erreichte sie nach 17 Minuten Fahrtzeit die Station Alsterdorf. Das Abenteuer Hamburg konnte beginnen.
Und es begann holprig, zumindest was den weiblichen Part der Klasse 123 des 309. PAW-Lehrgangs betraf. Bereits am ersten Tag der Polizeiausbildung, am 1. April 1980, offenbarte sich die fehlende organisatorische Vorbereitung der Hamburger Innenbehörde auf weibliche Auszubildende. Jedem der 23 Nachwuchsbeamten wurde eine Männeruniform ausgehändigt, so auch Esther, die eine Männeruniform in Größe 40 erhielt.
»Was ist das?«, fragte sie belustigt am Tresen der Herausgabestelle und schaute demonstrativ an sich herunter. Noch hielt sie es für einen Aprilscherz. »Vielleicht etwas zu groß, zu weit für mich?«
»Das ist die kleinste Größe, die wir da haben.«
Dass die Dame dabei nicht im Ansatz die Mundwinkel verzog, machte die Sache nicht einfacher. Esther nahm den Holzbügel entgegen und hielt sich die Uniform an.
»Aber schauen Sie doch selbst. Die passt ja hinten und vorne nicht. Die Schultern, der Hosenbund, die Beine. Ich kann darin Verstecken spielen.«
Die Tresenfrau verglich, begriff und handelte umgehend. Sie verschwand für einen Moment und kam mit einem Paar Hosenträgern zurück.
»Damit Sie das Staatseigentum nicht verlieren und es Sie bei der Ausübung der Arbeit nicht behindert.«
Eindeutig kein Aprilscherz!, resümierte Esther gedanklich, griff nach den Trägern und strich über die beige Polizeihose. Der Stoff war so kratzig und fest, dass die Hose von alleine stehen konnte. Das hatte sie jetzt nicht erwartet. Kopfschüttelnd verließ sie das Zimmer. Dass sie einige Tage später, nachdem auch die anderen Kolleginnen bei der Stelle ähnlich verwundert reagiert hatten, zwei neue, umgenähte Männeruniformen von der Stelle erhielt, änderte am Körpergefühl eines dummen August in Clownhose nur wenig. Doch schlussendlich nahmen es alle elf Nachwuchskräfte mit Galgenhumor.
Lustig anzuschauen, also wieder für die männlichen Kameraden, waren auch die Exerzierübungen im Innenhof. Ausbilder Hans Carstens machte sich einen Feix daraus, die 23 nach Körpergröße aufstellen zu lassen, sodass Esther, mit großem Abstand, immer als Letzte in der Reihe stand und die Orgelpfeifen, wie Carstens pflegte sich auszudrücken, komplettierte.
Doch der Floh, wie sie alsbald respektvoll von der Klasse genannt wurde, hatte sich durch Leistung durchzusetzen gewusst. Sowohl bei den theoretischen als auch bei den praktischen Fächern sowie beim Sport. Irgendwann lief sie aufgrund herausragender Zeiten die 800 Meter nur noch mit den Jungs und ließ dabei Kollegen wie Christian, Holger und Ingo regelmäßig hinter sich.
Ein anderer Ausbilder, verantwortlich für die Schießübungen an Pistole und MG, blähte sich vor jeder Einheit regelrecht vor der Klasse 123 auf und begann mit den Worten:
»Meine Herren, es kann durchaus sein, dass Sie eines Tages Ihre Mutter und Ihren Vater vergessen werden. Mich aber, Ausbilder Christian Zlomke, niemals!«
Dass er dabei ignorierte, dass auch elf weibliche Polizeianwärterinnen sämtliche Eignungsprüfungen und Qualifikationen bestanden hatten und ebenfalls zu Recht zugegen waren, interessierte ihn nicht die Bohne. Doch weder Zlomke, Carstens noch leichtere Sportverletzungen wie Zerrungen oder Überdehnungen ließen Esther ihr Ziel aus den Augen verlieren, die Ausbildung mit Bravour zu meistern. Der Amtsarzt hatte es seinerseits gut gemeint und als Vorschuss die fehlenden zwei Zentimeter draufgelegt. Und sie würde jeden Millimeter davon mit Zinseszins zurückzahlen. Nie hatte sie gejammert, nie hatte sie sich beschwert, zumindest nicht nach außen. Lediglich in vereinzelten Briefen an die Eltern deutete sie etwas an. Stets nur vage, um ihnen keine Munition zu liefern, »dass sie das Kind ja schon immer vor der bösen Großstadt gewarnt hatten«.
Die ersten anderthalb Jahre der Ausbildung vergingen schneller als gedacht. Aus dem anfänglich buntgemischten Haufen war in kürzester Zeit eine eingeschworene Truppe geworden, auf die man sich, da war sich Esther sicher, auch später verlassen konnte, wenn sie auf verschiedenen Dienststellen im Großraum Hamburg verteilt waren. Keiner der 23 Anwärter hatte hingeworfen, alle hatten oder wurden von den anderen 22 mit durchgezogen. Auch das Nesthäkchen Jörg aus Stade, das in den ersten Monaten der Ausbildung immer wieder für nervtötende Kopfschmerzen bei den anderen gesorgt hatte, wenn es von der Polizei Hamburg als »nicht reflektierendes Organ und verlängerten Arm des linken Regierungsapparates um Bürgermeister Hans-Ulrich Klose« sprach. Auf die Gegenfrage, warum er dann ausgerechnet zur Polizei wollte, blieb es bei diffusen Phrasen à la »Woher willst du wissen, dass ich nicht genau deswegen hier bin?« oder »Wenn ich erst mal Polizeipräsident bin, oder Bürgermeister, ist das das Erste, was ich zu ändern weiß.«
Als der aktuelle Bürgermeister Klose ein Jahr später wegen der strikten Haltung des Innensenators Werner Staak in Sachen Kernkraftwerk Brokdorf zum Rücktritt gezwungen wurde, war des Nesthäkchens Welt wieder in Ordnung. Gerade noch rechtzeitig, um die Kurve zu bekommen und das Praxispraktikum starten zu können. Ausbildungsinhalte wie Verwaltungsrecht, Beamtenrecht, Kriminalistik, Strafrecht, Verkehrskunde, Ordnungswidrigkeitenrecht, Strafprozessordnung, Humanbiologie, Deutsch, Englisch, Politik, Mathematik, Sport, Selbstverteidigung, Schießausbildung, Geländeausbildung waren abgenommen und verinnerlicht. Alle Polizeianwärter der Klasse 123 des 309. PAW-Lehrgangs konnten auf die Hamburger Bezirke verteilt werden und sich auf der Liste für das »WunschRevier« anmelden. Besonderes Augenmerk dabei lag auf den elf weiblichen Auszubildenden. Wo würde es sie hinziehen? Randgebiet oder direkt ins Geschehen?
Und die Überraschung der Ausbilder war groß, als sie lediglich ein einziges Kreuzchen beim Revier 15, der sagenumwobenen Davidwache, feststellen konnten. Nur einer von 23 wollte direkt ins Leben, nur einen von ihnen zog es in den Stadtteil der Aussätzigen und fragwürdigen Existenzen, in das Milieu der Luden, Huren und Freier.
Als Esther davon erfuhr, war sie selbst verblüfft, aber total erleichtert.
Bedeutete das doch, dass sie auf St. Pauli anfangen durfte. Sie konnte es kaum abwarten, sich nun auch auf der Straße zu beweisen. Außerdem war sie neugierig und bemerkte, seitdem sie in Hamburg wohnte, dass irgendetwas in ihr sie danach drängte, mit der Sünde auf Tuchfühlung zu gehen. Von den Vorurteilen und der Missgunst, die Esther nach erfolgreich abgeschlossener Ausbildung als Schutzpolizistin in einem männerdominierten Polizeirevier, wie der Davidwache, in einem Bezirk der gelebten Männlichkeit erwarten würde, war hier, im geschützten Raum der Polizeiakademie in Hamburg-Alsterdorf, noch wenig zu ahnen.
Und Dieter? Nun ja, trotz zahlreicher Heimatbesuche in den weit entfernten Schwarzwald, gerade im ersten Semester, konnte die Beziehung nicht gerettet werden. Sie hatte ihm, als er eines Tages eine finale Antwort einforderte, »Hamburg oder ich?«, den Laufpass gegeben, was nicht nur an einem gewissen Sönke lag, der sich eines verregneten Tages in der Polizeikantine mit dem Mittagessen, bestehend aus Kartoffelklößchen, Bohnen und einem Stück Fleisch, ungefragt an ihren Tisch gesellte – was ihr imponierte. Auch nicht, dass dieser Sönke, als ein Kollege aus dem Bereitschaftsdienst nicht nur die Leidenschaft zur Polizeiarbeit mit ihr teilte, sondern auch die des Motorradfahrens und wenige Monate später seine schicke Wohnung in Harburg-Hausbruch. Es hatte sich mit Dieter einfach auseinandergelebt. Alles war gesagt. Alles, was sie in der Vergangenheit verbunden hatte, war durch die Distanz ausgelöscht. Es gab keine Sonne, keine Luft, kein gemeinsames Lachen mehr. Es war nichts mehr, worum es sich zu kämpfen lohnte.
Davidwache-Praktikum
31. August 1981 – 28. Februar 1982
Nach drei Semestern Polizeiakademie, die Esther jeweils mit einer guten Zwei hinter sich gebracht hatte, begann heute Vormittag um 11 Uhr das sechsmonatige Praktikum im Polizeirevier 15 am Spielbudenplatz auf der Reeperbahn. Sie war glücklich und aufgeregt zugleich. Stundenlang hatte sie gestern Nacht wachgelegen, bis sie schließlich gegen halb sechs aufgestanden war. Als sie beim Fertigmachen im Badezimmer den Radiosprecher von NDR 2 sagen hörte, dass am frühen Morgen auf dem Kasernengelände der US-Airbase in Rammstein zwei Attentäter unbemerkt eine Bombe deponiert hatten, die kurze Zeit später detonierte, bekam der ohnehin schon riesige Respekt vor der Arbeit auf der Straße einen unliebsamen Beigeschmack. Sie drehte den Radioknopf lauter. »Nach Augenzeugenberichten«, hieß es dort weiter, »wurden im Umkreis von 100 Metern Menschen von der Detonationswelle umgeworfen und zum Teil erheblich verletzt.« Im Anschluss kamen erste Experten zu Wort, die unisono einen Akt der RAF vermuteten, der noch am gleichen Tag durch ein Bekennerschreiben traurige Gewissheit wurde …
Esther war geschockt. Sie dachte an die Zielsetzung der Polizei, der Durchsetzung des Gewaltmonopols des Staates, und nahm sich vor, noch aufmerksamer zu sein und auf jede Kleinigkeit, sei sie noch so unscheinbar, zu achten. Sie stieg mit einem etwas mulmigen Gefühl in die U-Bahn und fuhr über Kellinghusenstraße, Schlump, Sternschanze und Feldstraße zur Station St. Pauli, am östlichen Ende der Reeperbahn. Von dort waren es noch gut 500 Meter zum Revier 15. Den Weg kannte sie aus dem Effeff. Zig Mal war sie seit dem Umzug nach Hamburg mit Sönke, Claudia und den anderen Lehrgangskollegen zum Tanzen auf dem Kiez gelandet und hatte dabei jedes Mal sehnsüchtig zur Davidwache mit der schweren braunen Holztür rübergeschaut und den Wunsch, dort eingesetzt zu werden, gen Himmel geschickt. Doch heute hieß es zum ersten Mal, diese Tür auch aufzustoßen, sie zu durchschreiten.