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Volker Reinhardt

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Beschreibung

Sich immer eine Hintertür offen halten, nie alles von sich preisgeben, die Dinge plötzlich von ganz anderer Seite betrachten: Volker Reinhardt erzählt das Leben des philosophischen Virtuosen Montaigne konsequent in seinem historischen Kontext, der Zeit der Bürgerkriege in Frankreich. So erhält der Parlamentsrat, Romreisende, Bürgermeister von Bordeaux und Kammeredelmann scharfe Konturen, und wir können den Philosophen in seinem Schlossturm, der mit souveräner Distanz auf sich und die Welt blickt, besser verstehen. Schloss Montaigne, auf dem Höhepunkt der Bürgerkriege: Es klopft. Ein Mann wurde überfallen und begehrt eilig Einlass. Nach und nach treffen seine Begleiter ein. Montaigne schöpft Verdacht: ein trickreicher Überfall! Doch er lässt alle gastfreundlich ein. Die Naivität des Schlossherrn erweicht schließlich den Anführer, der das Signal zum Abzug gibt. Der Krieg zwingt zu unkonventionellen Überlebensstrategien. Montaigne empfiehlt mit dieser Episode "Natürlichkeit" im Verhalten und zugleich kluge Verstellung. Das ist auch die Strategie seiner Essays: Ob er über Freundschaft und Ehe, gute Gespräche und Erziehung oder über seine Krankheiten, Spleens und Obsessionen schreibt, immer wirkt er ganz arglos und spielt doch mit seinen Lesern. Bisher wurde die Biographie Montaignes meist aus seinen verführerisch authentisch klingenden Schriften abgeleitet. Volker Reinhardt geht den umgekehrten Weg und macht von Montaignes Leben aus die Essays neu verständlich: als eine Überlebensphilosophie in Zeiten der Gewalt, die uns bis heute direkt anspricht.

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Volker Reinhardt

MONTAIGNE

Philosophie in Zeiten des Krieges

Eine Biographie

C.H.Beck

Zum Buch

Sich immer eine Hintertür offen halten, nie alles von sich preisgeben, die Dinge plötzlich von ganz anderer Seite betrachten: Volker Reinhardt erzählt das Leben des philosophischen Virtuosen Montaigne (1533–1592) konsequent in seinem historischen Kontext, der Zeit der Bürgerkriege in Frankreich. So erhält der Parlamentsrat, Romreisende, Bürgermeister von Bordeaux und Kammeredelmann scharfe Konturen, und wir können den Philosophen in seinem Schlossturm, der mit souveräner Distanz auf sich und die Welt blickt, besser verstehen.

Über den Autor

Volker Reinhardt ist Professor für Geschichte an der Universität Fribourg. Bei C.H.Beck erschienen von ihm zuletzt der Bestseller «Die Macht der Seuche» (C.H.Beck Paperback 2022), das viel gerühmte Buch «Die Macht der Schönheit. Kulturgeschichte Italiens» (4. Aufl. 2022) sowie «Voltaire. Die Abenteuer der Freiheit» (2022). Für sein Lebenswerk wurde er 2020 mit dem Preis der Kythera-Kulturstiftung ausgezeichnet.

Inhalt

EINLEITUNG: Schreiben gegen die Gewalt

ERSTES KAPITEL: HERKUNFT UND JUGEND – 1533–1548

Selbstbildnis als Aristokrat

Von Eyquem zu Montaigne

Experimentelle Erziehung

Auf dem Collège

ZWEITES KAPITEL: KARRIEREHOFFNUNGEN, KARRIEREBRÜCHE – 1549–1570

Landleben und natürliche Theologie

Jurist wider Willen

Freundschaft mit Etienne de la Boétie

Das Geschäft der Ehe

Der König und die Kannibalen

Der Austritt aus dem parlement

Abrechnung mit der Justiz

DRITTES KAPITEL: DER EDELMANN ALS SCHRIFTSTELLER – 1571–1580

Schlossherr im Bürgerkrieg

Vier Widmungen, ein Ziel

Der Ritter mit der goldenen Kette

Vermittlungsarbeit zu Pferd und am Schreibtisch

Die Essais von 1580 I: Anleitung zum Zweifel

Die Essais von 1580 II: Anleitung zum Leben

Die Essais von 1580 III: Das Ich und die anderen

Die Essais von 1580 IV: Strategien des Überzeugens

VIERTES KAPITEL: DIE REISE NACH ROM – 1580–1581

Das «Reisetagebuch» und seine Rätsel

Die Reise des Standesherrn

Der Todessprung

Römische Exkursionen I: Der Mörder, der Papst und der Exorzist

Römische Exkursionen II: Jüdische und christliche Riten

Die Zensur

Der Körper und seine Rechte

FÜNFTES KAPITEL: BÜRGERMEISTER VON BORDEAUX UND EHRLICHER MAKLER – 1581–1588

Die Mühen der Politik

Die Wiederwahl

Eine untertänige Mahnung, viel Routine und ein königlicher Besuch

Schreiben im Zeichen der Bedrohung

Im Elend

Auf gefahrvoller Mission

Die Essais von 1588 I: Entstehung und Umrisse

Die Essais von 1588 II: Wider den Wahn

Die Essais von 1588 III: Die Methode der Selbsterkenntnis

Die Essais von 1588 IV: Selbstbildnis als Biedermann

SECHSTES KAPITEL: RUHE UND RESIGNATION – DIE LETZTEN JAHRE – 1588–1592

Eine Tochter im Geiste und drei illustre Todesfälle

Briefe an Heinrich IV.

Stille Tage auf Schloss Montaigne

Anhang

Zeittafel

Anmerkungen

EINLEITUNGSCHREIBEN GEGEN DIE GEWALT

ERSTES KAPITELHERKUNFT UND JUGEND

ZWEITES KAPITELKARRIEREHOFFNUNGEN, KARRIEREBRÜCHE

DRITTES KAPITELDER EDELMANN ALS SCHRIFTSTELLER

VIERTES KAPITELDIE REISE NACH ROM

FÜNFTES KAPITELBürgermeister von Bordeaux und ehrlicher Makler

SECHSTES KAPITELRuhe und Resignation – die letzten Jahre

Literatur

Quellen

Ausgewählte wissenschaftliche Literatur

Bildnachweis

Personenregister

EINLEITUNG

Schreiben gegen die Gewalt

Michel de Montaigne (1533–1592) schrieb seine Essais ab 1571 in Zeiten des Bürgerkriegs. Ab 1562 kämpften in Frankreich Katholiken und Calvinisten im Namen der Religion um Macht und Einfluss, mit wechselnden Bündnissen, Frontstellungen und Erfolgen, aber stets mit einem Hass und einer Gewalt, die alle Schichten der Bevölkerung verrohen ließ und vor allem im Süden des Königreichs mit Ausbrüchen beispielloser Brutalität verbunden war, nicht nur in «regulären» Schlachten, sondern auch im Alltag, zwischen verfeindeten Dörfern und Familien. Die davon ausgehende Bedrohung ist in Montaignes Werk allgegenwärtig; sie prägt das Lebensgefühl des Schreibenden und seinen Text – jeder Tag am Schreibtisch in seiner Bibliothek konnte der letzte sein. Schutz gegen die anbrandende Gewalt gab es nicht. Umso mehr waren Strategien des Überlebens gefragt. Das Schreiben gehörte dazu. Und eine freundliche Miene zum grausamen Spiel.

«Ich war unterwegs in einer eigentümlich unruhigen Gegend. Plötzlich stürzten, ehe ich es mich versah, drei oder vier Reitergruppen aus verschiedenen Richtungen auf mich zu, um mich gefangen zu nehmen. So wurde ich von fünfzehn oder zwanzig maskierten Edelleuten, denen eine Menge schwer bewaffnete Soldaten folgten, attackiert, festgenommen, in einen nahe gelegenen dichten Wald verschleppt, vom Pferd gerissen und ausgeplündert – meine Gepäckstücke wurden durchwühlt und meine Besitztümer einschließlich der Diener, Pferde und Ausrüstung an neue Besitzer verteilt.»[1] Danach wurde über Lösegeld verhandelt, allerdings ergebnislos, denn der Gefangene war zu keinem Zahlungsversprechen zu bewegen, obwohl er das Schlimmste befürchtete. «Aber dann kam es zu einer plötzlichen und völlig unerwarteten Veränderung: Der Chef der Bande kam mit freundlichen Worten zu mir zurück, ließ meine unter seine Leute zerstreuten Habseligkeiten zusammensammeln und mir zurückgeben, was sich noch auffinden ließ, darunter meine Papiere. Doch das beste Geschenk, das sie mir machten, war meine Freiheit, alles Übrige war kaum von Belang.»[2]

Warum diese plötzliche Wendung? «Der Chef, der seine Maske abnahm und sogar seinen Namen nannte, sagte mir mehrmals, dass ich meine Freilassung meinem Gesicht sowie der Offenheit und Festigkeit meiner Worte verdankte, die zeigten, dass ich ein solches Missgeschick nicht verdient hatte.»[3]

In Zeiten des Bürgerkrieges regierten Zufall und Willkür. So war es besser, von vornherein auf jegliche Gegenwehr zu verzichten: «Vielleicht dient die Leichtigkeit, zu meinem Haus Zutritt zu erlangen, zusammen mit anderen Mitteln dazu, es vor der Gewalt unserer Bürgerkriege zu schützen. Verteidigung zieht den Angriff auf sich, Angst erzeugt Aggression. Ich entkräfte die Pläne der Soldaten dadurch, dass ich ihre Taten des Kitzels des Risikos und jeder Gelegenheit beraube, militärischen Ruhm zu erwerben, was ihnen gewöhnlich als Vorwand und Begründung dient. In einer Zeit wie der unsrigen, in der die Gerechtigkeit abhandengekommen ist, gilt das, was mutig vollbracht wird, auch als ehrenhaft. Gemäß dieser Logik mache ich ihnen die Eroberung meines Hauses feige und heimtückisch, denn es ist niemandem verschlossen, der an seine Tür pocht. Als einzige Vorkehrung ist dort ein Portier im alten Stil platziert, der nicht zur Verteidigung dient, sondern nur dazu da ist, anständig und höflich Eintritt zu gewähren. Ansonsten habe ich außer den Sternen am Himmel keinen Wachtposten und keinen Leibwächter.»[4]

Jede Bande marodierender Söldner konnte das Schloss Montaignes also mühelos einnehmen. Kräfte der öffentlichen Ordnung gab es nicht mehr. Die Heere der rivalisierenden Parteien, auch die des Königs, verwüsteten und plünderten, wie und wo sie nur konnten, ob Freund oder Feind machte keinen Unterschied, ganz abgesehen davon, dass sich die Frontlinien andauernd verschoben. In dieser Situation, in der «jeder gegen jeden» kämpfte, war jeder auf sich allein gestellt.

«Ein gewisser Herr beschloss, mein Haus und mich zu überfallen. Sein Trick bestand darin, allein an der Pforte meines Hauses zu erscheinen und mit etwas zu viel Nachdruck Einlass zu begehren. Ich kannte ihn dem Namen nach und hatte Grund, ihm als einem Nachbarn und wohl auch Parteigänger zu trauen. Ich ließ ihm öffnen, wie ich es jedermann gewähre, und er trat mir ganz erschrocken, mit einem abgehetzten, atemlosen Pferd gegenüber und erzählte mir seine Geschichte: Eine halbe Meile von hier sei er auf einen Feind gestoßen – auch diesen kannte ich, und auch von ihrem Streit hatte ich gehört. Dieser Feind habe ihm mächtig zugesetzt, und da er im ungünstigsten Moment überrascht worden sei und weniger Leute mit sich habe, habe er sich an mein Tor gerettet. Aber er sei in großer Sorge wegen seiner Männer, die sicherlich tot oder gefangen seien. In meiner Gutgläubigkeit spendete ich ihm Trost, beruhigte ihn und ließ ihn Atem schöpfen. Kurz darauf erschienen vier oder fünf seiner Soldaten, die genau wie er abgerissen und erschrocken wirkten. Ihnen folgten immer mehr vom selben Schlag, bestens ausgerüstet und bis an die Zähne bewaffnet, schließlich zwanzig oder dreißig an der Zahl, alle angeblich auf der Flucht vor ihren Feinden. Diese seltsame Geschichte fing an, meinen Verdacht zu erregen, denn ich wusste wohl, in welchem Zeitalter ich lebte und wie viel Neid mein Haus auf sich zog, und hatte mehrere Fälle aus meiner Bekanntschaft vor Augen, denen es dabei übel ergangen war. Mir wurde also klar, dass ich weiterhin gute Miene zu diesem bösen Spiel machen und dieses zu Ende bringen musste; keinesfalls konnte ich es riskieren, mit dem Schein zu brechen. Und so entschied ich mich wie immer für die natürlichste und einfachste Lösung und ordnete an, sie alle einzulassen.»[5]

Sich zum Schein gutgläubig, ja naiv zu stellen, ist in einer Zeit, in der alle Masken tragen, die rettende Strategie: «Und so kamen sie zu Pferd in den Hof meines Schlosses. Ihr Anführer ging mit mir in den Saal; er hatte nicht gewollt, dass seine Pferde in meinen Stallungen versorgt wurden, mit der Begründung, dass er gleich wieder aufbrechen müsse, wenn er Neuigkeiten von seinen Leuten habe. So sah er sich am Ziel seines Unternehmens, das es jetzt nur noch zu Ende zu führen galt.»[6] Das musste heißen: Jetzt waren Mord und Plünderung an der Reihe. Doch es kam anders: «Später hat er oft behauptet – denn er schämte sich der Sache nicht –, dass mein Gesicht und meine Offenheit ihm den Verrat aus der Hand gerissen hätten. Während seine Leute die ganze Zeit die Augen auf ihn gerichtet hatten, um zu sehen, welches Signal er ihnen geben würde, bestieg er wieder sein Pferd, und seine Leute waren verblüfft, ihn abziehen und seinen Vorteil aufgeben zu sehen.»[7] Der Räuber als Gemütsmensch oder: Man muss nur treuherzig blicken, um das härteste Herz zu erweichen. Ob es sich wirklich so abgespielt hat, weiß allein Montaigne. Wahrscheinlicher ist, dass er dasselbe Recht wie der unheimliche Gast für sich in Anspruch nimmt, nämlich zu täuschen, im Unterschied zu diesem allerdings mit den besten Absichten: Am Ende siegen die Güte und das Gute. Je länger die Bürgerkriege dauerten, desto näher rückten die konkreten Gefahren. Vollends unhaltbar wurde die Lage, als wenige Kilometer entfernt die Belagerung einer Festung begann. Jeden Tag musste der ohnmächtige Schlossherr mit Plünderung, Brandschatzung und Mord rechnen; um das Maß des Elends vollzumachen, kam dann auch noch die Pest dazu. Schreiben gegen die Gewalt und gegen die Angst wurde so zur Therapie, zum Lebenselixier, zum stolzen Akt der Selbstbehauptung – Erfahrungen, die im 21. Jahrhundert nichts von ihrer Aktualität verloren haben.

Die Schreckenserfahrungen des jahrzehntelangen Bürgerkriegs sind nicht das einzige Thema der Essais – wörtlich: Versuche –, mit denen der neuadelige Schlossherr Michel de Montaigne 1580 eine neue, bis heute intensiv gepflegte Literaturgattung erfand. In seinem – ab der zweiten Auflage von 1588 auf 107 Einzelabhandlungen erweiterten – Werk schreibt er ausgiebig, mit vielen pointierten Anekdoten und verblüffenden (Kehrt-)Wendungen, über alle Fragen der Lebensführung und alles, was das Leben lebenswert macht: über Freundschaft und Ehe, über die Kunst guter Gespräche, über die richtige Erziehung der Kinder, über die Genüsse des Lesens und des Ganz-bei-sich-Seins und am liebsten über sich selbst, seine Neigungen, Spleens und Obsessionen. Doch auch hinter scheinbar heiterer Plauderei und spielerisch anmutender Kommunikation mit dem Leser verbergen sich tiefer Ernst, höchste Anspannung und ein großes Ziel: Montaigne schreibt gegen die Gewalt, die Frankreich seit 1562 verwüstet, gegen die Grausamkeit, die sich in diesen nicht enden wollenden Bürgerkriegen, die sich als «Religionskriege» verkleiden, zu Orgien der Bestialität steigert, gegen die Verrohung sämtlicher Schichten, gegen den Verlust aller Kultur, Humanität und Mitmenschlichkeit. Die so unverbindlich und tiefenentspannt daherkommenden, scheinbar willkürlich von einem Thema zum anderen springenden Essais sind in Wirklichkeit ein hoch konzentriertes, hoch politisches und daher äußerst «engagiertes» Buch, das nicht nur die Ursachen der mörderischen Konflikte ergründen, sondern diese auch beheben helfen möchte, das also nicht nur verstehen, sondern auch und vor allem verändern will.

Um diese Ursprünge und Urgründe zu erforschen, müssen die gängigen Rechtfertigungsmuster der Kriegsparteien, ihre Schlagwörter, Ideologien und Feindbilder, systematisch hinterfragt werden. Doch mit dieser Demaskierung kann es für Montaigne nicht sein Bewenden haben: Was verbirgt sich hinter den wohlfeilen Parolen vom wahren Glauben und der alleinseligmachenden Kirche, die sich die verfeindeten Katholiken und Hugenotten, die Anhänger der reformierten Religion des Genfer Reformators Jean Calvin, gegenseitig um die Ohren schlagen? Wo sind die tiefsten Antriebe für die unbändige Lust des Menschen zu finden, seine Mitmenschen zu quälen und zu töten? Die Suche nach den Gründen für die Selbstzerstörung und Selbstzerfleischung Frankreichs in dreieinhalb Jahrzehnten, für den Verlust aller Ordnung und für die Auflösung aller Werte weitet sich auf diese Weise nahtlos zu einer Erforschung des Menschen insgesamt.

Damit verbunden ist eine kritische Überprüfung aller Philosophie von der Antike bis zur Gegenwart mit ihren unterschiedlichen Deutungsangeboten für Welt und Geschichte, sowie sämtlicher Religionen und ihrer Vorstellungen von Gott und Gerechtigkeit. Da alle diese vermeintlichen Sinnstiftungen unter dem Strich für unbefriedigend und damit für ungenügend befunden werden, muss der Untersuchungsgegenstand nochmals erweitert werden: Wo ist der Platz des Menschen in der Natur, wie ist er auszumessen, was kann er wissen, und welches Wissen ist ihm gesetzmäßig verschlossen? Auf diesem Weg der Forschung gelangt Montaigne zu radikalen, im Kern bitteren Erkenntnissen. Die erschütterndste von ihnen lautet: Der Hang zur Gewalt ist dem Menschen angeboren, das zeigt sich schon in seiner Kindheit.

Die alles beherrschenden Fragen, denen die Essais ihre Entstehung verdanken, lauten daher weiter: Wie können Menschen unterschiedlichen Glaubens schiedlich-friedlich miteinander leben? Und wie lässt sich die in ihnen ebenfalls angelegte, wenngleich leider schwächer ausgeprägte Neigung zu Güte und Mitgefühl stärken und in den öffentlichen Angelegenheiten zur Geltung bringen? Damit ist eine weitere Grundfrage aufgeworfen, die die selbsternannten Weisheitslehrer aller Jahrhunderte umtreibt: Wie lassen sich moralische Lektionen nachhaltig und wirkungsvoll vermitteln? Welcher Methoden hat sich ein Autor zu bedienen, der seinen Leserinnen und Lesern nicht nur die Augen über ihre Zeit öffnen, sondern sie zu Friedfertigkeit und Toleranz anleiten möchte? Welche pädagogischen und didaktischen Strategien hat er in seinen Texten zu beherzigen? Doch auch damit noch nicht genug. Wer so fragt, muss auch und vor allem sich selbst befragen: Wo stehe ich in diesem Ozean der Grausamkeit, der Wut und Unduldsamkeit? Wieviel vom Potential der Zerstörung finde ich in mir? Mit welcher Lebenseinstellung kann ich Vorbild sein? Und wie muss ich auftreten, um als Lebenslehrer Erfolg zu haben?

Da Montaignes Werk aus Reflexionen über seine Zeit und deren Unglücksfälle besteht, ja einen Reflex dieser Zeit bildet, lässt es sich ohne profunde Einbettung in diese Zeit nicht verstehen. Ein aus seiner Geschichte herausgelöster Montaigne ist ein geistvoller und amüsanter, aber auch entkernter und unverbindlicher Aphorismen-Spender. Genau das aber wollte er nicht sein. Ihre intellektuelle Brillanz und Schärfe, ihren unwiderstehlichen Zugriff und ganzen Biss entfalten seine Essais nur in ihrer polemischen Auseinandersetzung mit dem Geist oder besser: Ungeist seiner Zeit.

Zugleich ist damit der Hauptgrund dafür genannt, dass Montaigne so ausführlich von sich selbst, von seinen ganz persönlichen Neigungen, Vorlieben und Schwächen schreibt. Autobiographien und Memoiren zu verfassen oder, stilvoller, zu diktieren, war eigentlich das Privileg der Mächtigen, eines Kaisers wie Karl IV. oder eines Papstes wie Pius II., die damit vor Augen führen wollten, dass sie von Gott und der Vorsehung zu ihrem Amt berufen sind. Von so hohen Würden war Michel de Montaigne weit entfernt. Seine politische Karriere erreichte ihren Höhepunkt mit zwei zweijährigen Amtszeiten als Bürgermeister von Bordeaux, damals mit etwa 40.000 Einwohnern die fünftgrößte Stadt Frankreichs. Das war in den unruhigen 1580er-Jahren keine unwichtige Position, aber für eine solche Selbstverewigung reichte sie nach herkömmlichen Maßstäben keineswegs aus. Für viele seiner Leser schmeckte seine Selbstdarstellung daher nach eitler Selbstüberschätzung und Selbstüberhebung, wozu der Mensch nach Meinung der führenden Theologen der Zeit durch seine gefallene Natur unweigerlich neigte. Für den neunzig Jahre nach Montaigne geborenen Physiker, Mathematiker und Religionsphilosophen Blaise Pascal waren die Essais ein Ausbund an dümmlicher Eitelkeit und zeigten damit die ganze Sündhaftigkeit des Menschen in seinem natürlichen Zustand. Die katholische Kirche teilte kurz darauf diese Meinung, setzte die Essais 1676 auf den Index der verbotenen Bücher und erklärte sie damit bis 1965 zu einer für das Seelenheil der Gläubigen schädlichen Lektüre.

Doch auch ein großer Geist wie Pascal kann irren. Montaigne schrieb nicht aus Selbstverliebtheit von sich selbst, sondern um sich in einer aus den Fugen geratenen Zeit zu positionieren und seiner selbst zu vergewissern. Das Bild, das er von sich entwirft, ist ein kunstvoll konzipiertes und sorgsam umgesetztes Konstrukt. Wie viel es mit dem «echten» Montaigne zu tun hat, bleibt in vieler Hinsicht offen. Der Zweck seiner Selbstdarstellung besteht darin, die Botschaften der Essais so zu vermitteln, dass sich die Leserinnen und Leser nicht eingeschüchtert oder abgestoßen, sondern zur Nachahmung eingeladen und aufgefordert fühlen. Fenster ins Innere sollen sie nicht öffnen.

Dadurch rückt erneut ein ganz anderer Montaigne ins Blickfeld: der begnadete Fälscher, der virtuose Irreführer seines Publikums. Geht man seine Selbstdarstellung von Anfang bis Ende mit kritischem Spürsinn durch, so zeigt sich: Vieles ist nachweislich verkehrt, manches kann so kaum stimmen, und nicht weniges ist zumindest teilweise ganz anders, als es dargestellt wird. So legte sich Montaigne eine altadelige Abstammung zu, von der nicht nur seine Schlossnachbarn und seine politischen Konkurrenten in Bordeaux wussten, dass sie erfunden war. Warum diese fiktive Identität? Warum das Sich-Spreizen mit einem angemaßten Status, wenn doch alles Pochen auf weltliche Größe und Symbole des äußerlichen Ranges in den Essais als kleinliches und lächerliches Gehabe niedriger Seelen abgetan wird? Solche Widersprüche reißen nicht ab; der Text der «Versuche» ist voll davon. Trotzdem präsentiert Montaigne sein Werk seinem Lesepublikum als «ein Buch guten Glaubens». Wie passt das zusammen?

Fast zwei Jahrhunderte nach Montaignes Tod fand man in einer verschlossenen Truhe seines Schlosses ein Manuskript, das seine Reise nach Rom in den Jahren 1580 und 1581 behandelt. Der erste Teil dieses Journal de Trévoux, dieses Reisetagebuchs, wie das Manuskript notgetauft wurde, ist in der dritten Person verfasst, handelt also von «Herrn Montaigne» und davon, wie er die Welt sah. Erst im zweiten Teil springt der Text in die Ich-Form über und wechselt abschnittsweise sogar vom Französischen ins Italienische. Wie auch immer dieses merkwürdige – zu allem Überfluss kurz nach der Entdeckung für immer verschwundene, aber glücklicherweise zuvor transkribierte – Manuskript zustande gekommen ist: Hier hat der Leser bis heute einen Montaigne in Aktion, mit seinen Meinungen zu Land und Leuten, mit seinen Vorlieben für gutes Essen und mit seinem Widerwillen gegen unbequeme Betten und unzivilisierte Tischsitten vor Augen. So lässt sich der Text als unterhaltsame, oft augenzwinkernde, aber auch profunde vergleichende Landeskunde und als Anleitung zu einer vertieften Kunst des Reisens lesen, die darin besteht, sich den Lebensbedingungen der bereisten Nationen bis zum regelrechten Eintauchen in deren Lebensgewohnheiten anzupassen.

Aber das ist nicht alles. In Rom sucht und macht der Reisende nach eigenen Worten Bekanntschaft mit den Organen der Inquisition, denen er die erste Ausgabe seiner Essais auf dem Silbertablett präsentiert. Das ist ein Schlüsselmoment für sein Leben und Schreiben: Wie weit kann er gehen, ohne dass die Glaubenswächter einschreiten? Die atemlose Spannung dieses Experiments überträgt sich bis heute auf den Leser. Die Grenzen des Sagbaren und damit die Freiräume des Schreibens auszuloten sowie die Techniken der Verschleierung und Entschärfung auszuprobieren, war für Montaigne, den kritischen Menschenforscher, der den politischen und kirchlichen Machthabern so viele unangenehme Wahrheiten mitzuteilen hatte, von höchster Bedeutung. Sich selbst treu zu bleiben und die kurze Zeitspanne des Daseins so ausgeglichen, so leidlos und naturnah wie möglich zu durchmessen – dieses Lebensziel schloss die Neigung zum Martyrium kategorisch aus und ließ sich nur durch gute Vernetzung mit einflussreichen Persönlichkeiten und durch virtuose Techniken der Verschleierung verwirklichen. Inquisitionen zu täuschen, war für Montaigne daher ein moralisch hochstehender Akt.

Das gilt auch für die Täuschung des Lesers, der in den Essais weiterhin auf eine Fülle von Widersprüchen im Einzelnen stößt. Montaigne will nicht nur einige große, unumstößlich feststehende Wahrheiten wie das Gebot der Toleranz, das Zerstörungspotential der Religion und die Freiheit der Meinungsäußerung verkünden, sondern, noch sehr viel ehrgeiziger, die Methoden der Wahrheitsfindung selbst aufzeigen. Das aber geht nur durch praktische Übungen anhand des Textes. Leserinnen und Leser müssen aus den Labyrinthen der einzelnen Essais selbst herausfinden und selbständig auf die Lösung stoßen, die am Ende offeriert wird – oder auch nicht. Zum selben Zweck ließ Montaigne eklatante Widersprüche zwischen frühen und späten «Versuchen» bewusst stehen. Auch das war ein Aufruf zur Duldsamkeit. Wenn ein einzelner Mensch in einer relativ kurzen Lebensspanne – zwischen den ersten Kapiteln und den letzten Hinzufügungen liegen etwa zwanzig Jahre – so oft und tiefgreifend seine Meinung änderte, wie viel mehr musste man dann abweichende Ansichten eines anderen respektieren.

Vor diesem Hintergrund lösen sich manche Widersprüche in Montaignes Werk auf. Um erfolgreich gegen Fanatismus und Grausamkeit anschreiben zu können, musste er in der Öffentlichkeit als Aristokrat anerkannt werden, sonst durfte er mangels Status nicht auf Gehör hoffen. Zu diesem Zweck musste er die Ursprünge seiner Familie schönen und seine Tätigkeit als Mitglied des parlement, des obersten Gerichtshofs von Bordeaux, verschweigen, denn die darin vertretenen Neu-Adeligen wurden von der alten Elite nicht ernst genommen. Im Kampf gegen die Selbstzerstörung seines Landes hat Montaigne zudem mehrmals den Übergang von der Theorie in die Praxis vollzogen und seine Studierstube verlassen, um auf diplomatische Missionen zu ziehen. Da diese Ausflüge in die Politik durchweg ergebnislos blieben, war es ratsam, sie in den Essais nicht an die große Glocke zu hängen. Je länger aber die Selbstzerfleischung Frankreichs andauerte, desto teurer war guter Rat, wie man ihr durch bloßes Schreiben entgegentreten konnte. Die Antwort, die Montaigne darauf fand, lautet: Die Menschen lieben die Moralapostel und ihre Predigten nicht, deshalb muss man andere Wege einschlagen, wenn man sie zum Guten anspornen und anleiten will. Die beste Methode besteht darin, sich dem Publikum nicht in überlegener Denkerpose, sondern als Ansprechpartner und Leidensgenosse zu präsentieren. Diese Annäherung ist ihm exemplarisch gelungen, und das bis heute.

Die Erfahrung existenzieller Verunsicherung ist nicht der einzige Aspekt, der Montaignes Essais andauernde Aktualität sichert. Von ungebrochenem Interesse ist eine weitere Leitfrage, die sich als roter Faden durch sein Werk zieht: Wie weit darf politisches Engagement reichen? Wie viel Staatsräson, also Abweichung von verbriefter Moral, darf dabei zur Anwendung gelangen? Und wann ist die Grenze zur Servilität und zur Selbstaufgabe überschritten? Alle diese Fragen stellen sich mit unverminderter Dringlichkeit bis heute. Trotzdem sind weder die Fragen noch die darauf gegebenen Antworten von Montaignes Leben und seiner Zeit ablösbar. Denn zu «unserem» Montaigne und zu den von ihm aufgeworfenen Problemen überzeitlicher Natur kommt der «fremde» Montaigne, der in den Horizonten des 16. Jahrhunderts lebt und webt. Dieser Montaigne schüttelt den Kopf über Kopernikus und seine neumodischen Theorien, glaubt nicht an Naturwissenschaft und Fortschritt und sieht alles politische Heil in illusionslosem Konservatismus.

Ungeachtet solcher Zeitgebundenheit ziehen die Essais bis heute in ihren Bann, weil sie den Prozess des Denkens in all seinen Bewegungen, das Ringen um Erkenntnis und Wahrheit in all seinen Mühen und Qualen, aber auch mit seinen Durchbrüchen und Glücksmomenten ganz rein abbilden. Montaigne denkt nicht linear, nicht kühl distanziert auf ein bereits anvisiertes Ergebnis gerichtet; er umkreist seine Themen, umzingelt und belagert sie, bricht ab, setzt von Neuem an, nimmt wieder auf, lässt weg, stückt wieder an. Wie geht man mit existenziellen Ängsten um? Wie fügt man sich dem unvermeidlichen Ende? Was unterscheidet das Ich von den anderen? Solche Fragen werden in den verschiedenen Ausgaben der Essais immer wieder angegangen, mit ähnlichen Ergebnissen, aber öfter noch mit offenem Ausgang und kaum je mit abschließenden Ergebnissen, die es auch nicht geben kann. Montaigne war und ist nichts für Dogmatiker und Ideologen.

Das Ziel dieser Biographie ist es, Montaigne erstmals in seiner ganzen Geschichtlichkeit zu beleuchten: Montaigne, unseren Bruder im Geiste; Montaigne, den kunstvollen Fälscher seiner Biographie; Montaigne, den Skeptiker; Montaigne, den Plauderer; Montaigne, den Vermittler; Montaigne, den Mahner; Montaigne, den Gegendenker – und als Summe des Ganzen einen Montaigne, der zwischen Zweifeln und Verzweiflung, Hoffnung und Enttäuschung nach Auswegen aus einer scheinbar ausweglosen Krise sucht und dabei zu Erkenntnissen vorstößt, die bis heute verstören können und gerade dadurch zum selbständigen und vorurteilslosen Denken zwingen.

Die Essais sind nicht zuletzt durch ihre Sprache bis heute wirkmächtig. Montaignes kühnes und freies Denken findet in der Farbigkeit, im Bilderreichtum, in strömenden Wortkaskaden und mancherlei neuen Wortschöpfungen und -kombinationen ihren adäquaten Ausdruck. Da sich Substanz und Form, Aussage und Stil nicht voneinander trennen lassen, muss jeder Versuch einer Neuinterpretation mit einer Neuübersetzung der Belegstellen verbunden sein. Das soll die Leistung älterer Übertragungen wie der von Herbert Lüthy und Hans Stilett in keiner Weise abwerten. Besonders wichtige Schlüsselbegriffe werden der Übersetzung im Original angefügt, um eigenständige Recherchen anzuregen.

Ob der historische Montaigne ein Montaigne zum Liebhaben ist, muss jeder und jede selbst entscheiden. Sicher hingegen ist, dass sein Werk das Leben der Lesenden verändern kann.

ERSTES KAPITEL

HERKUNFT UND JUGEND

1533–1548

Selbstbildnis als Aristokrat

In seiner ersten ausführlichen Selbstdarstellung, die er im Alter von etwa vierzig Jahren verfasste, präsentiert sich Montaigne als Mann ohne Erinnerung: «Das Gedächtnis ist ein wunderbares Werkzeug, ohne das die Urteilskraft kaum funktionieren kann – mir aber fehlt es vollständig. Wenn man mir etwas mitteilen will, muss es stückweise geschehen … Um drei Verse auswendig zu lernen, brauche ich drei Stunden.»[1] Für ein dickleibiges Buch, in dem eine Fülle von Fakten verarbeitet wird, ist das eine merkwürdige Warnung an den Leser. Gänzlich unerwartet kommt sie allerdings nicht, schon im Vorwort stapelt der Verfasser tief: «Leser, dies hier ist ein Buch der Aufrichtigkeit. Es warnt dich gleich am Einstieg, dass ich mir ein rein häusliches und privates Ziel gesteckt habe. Mir geht es in keiner Weise darum, dir zu dienen, und auch nicht um meinen Ruhm. Für so hohe Zwecke reichen meine Kräfte nicht aus.»[2] So stellt sich die Frage, warum man dieses Buch überhaupt lesen soll. Auch davon kann der Autor nur abraten: «So, Leser, bin ich selbst der Gegenstand meines Buches. Und daher gibt es keinen vernünftigen Grund dafür, dass du deine Zeit an einen so nichtigen und flüchtigen Gegenstand verschwenden solltest.»[3] Die nachfolgenden Kapitel sind also ausschließlich für Verwandte und Freunde geschrieben: «Sie sollen darin einige Züge meiner Lebensbedingungen und Lebenseinstellung wiederfinden können, wenn sie mich verloren haben (was sie bald erleben werden).»[4] Die Essais stellen sich somit als ein Hausbuch der Erinnerung an den Mann ohne Erinnerung dar.

Aber musste man für rein familiäre Zwecke ein so voluminöses Werk verfassen und dieses dann auch noch drucken lassen? Wer nichts behalten kann, muss sich stets aufs Neue seiner selbst vergewissern, sonst läuft er Gefahr, sich selbst zu vergessen und zu verlieren. Auch dieses Schreckensszenarium beschwört Montaigne ganz konkret herauf: «Meine Diener muss ich mit der Bezeichnung ihrer Aufgaben oder nach dem Dorf ihrer Herkunft rufen, denn ich habe die größten Probleme damit, mich an ihren Namen zu erinnern. Bestenfalls weiß ich noch, dass er drei Silben hat, hässlich klingt oder mit einem bestimmten Buchstaben beginnt oder endet. Und wenn ich lange leben sollte, so glaube ich, dass ich meinen eigenen Namen vergesse, wie es auch anderen ergangen ist.»[5] Wird hier eine beginnende Demenz diagnostiziert? Aber kann man mit einem solchen Handicap einhundertsieben Kapitel voller gelehrter Zitate schreiben? So spricht vorab alles für eine maßlose Übertreibung der Gedächtnisschwäche. Doch warum kokettiert der Autor mit einem so peinlichen Sachverhalt?

Die nachfolgenden Sätze des Vorworts bieten eine Erklärung: «Wenn ich die Gunst der Welt gesucht hätte, hätte ich mich besser geschmückt und ausgesuchter präsentiert. Aber ich will, dass man mich in meiner ganzen Einfachheit, natürlich und gewöhnlich, ohne Verstellung und Künstlichkeit, sieht. Denn hier male ich mich selbst.»[6] Der Autor und sein Buch bilden eine Einheit, aber das Buch ist zugleich seinem Schöpfer weit überlegen, denn es verzeichnet getreulich, was dieser mangels durchgehender Erinnerungskraft immer nur stückweise zu Papier bringen kann. Vertrauenswürdiger, unprätentiöser, uneitler kann sich ein Autor seinem Publikum nicht vorstellen. Wenn sich der so angesprochene Leser jetzt zum Weiterlesen entschließt, darf er jeden Zweifel an der Aufrichtigkeit des Textes und seines Verfassers getrost fahren lassen. Wer keinen Ehrgeiz hat, verstellt sich nicht. Das sagt der gesunde Menschenverstand, und Montaigne sagt es sogar noch viel eindringlicher: «Darin sind meine Fehler zu lesen und mein ganzes unverstelltes Ich, soweit die Rücksicht auf den öffentlichen Anstand das erlaubt.»[7] Hier hat jemand nichts zu verbergen, weil er von den anderen nichts erwartet: keine Anerkennung, keinen Aufstieg, keinen Lohn. Der Verzicht darauf ist der Preis für ein hohes Gut: Freiheit von der Meinung anderer, Unabhängigkeit vom Zeitgeist. Diese Autonomie erlaubt es ihm, ganz bei sich zu sein und in sich zu ruhen. Dieses Einverständnis mit sich selbst ist nicht zu teuer bezahlt.

Das alles spiegelt aristokratische Haltungen und Werte wider. Die Tiefstapelei vor dem Leser ist zugleich ein Signal der Vornehmheit: Andere schreiben für Gewinn, für Geld oder die Gunst der Mächtigen, sie verkaufen sich und treiben Handel mit ihren vermeintlichen Geistesschätzen. Ein Michel de Montaigne aber hat das nicht nötig. Er betreibt Gelehrsamkeit und Schriftstellerei ausschließlich für sich und seine Standesgenossen, denn diese sind mit den Freunden und Verwandten gemeint. Nur ein Adeliger von echtem Schrot und Korn kann es wagen, seine menschlichen Schwächen so offen einzugestehen, kann über sich selbst den Kopf schütteln und sich so präsentieren, dass andere über ihn lachen dürfen. Diese Ironie ist aristokratisch, weil sie sich ihrer Stärke gewiss ist. Wer so schreibt wie Montaigne in der Anrede an den Leser, ist ein Dilettant im ursprünglichen Wortsinn – er delektiert sich an seinem Tun, er tut es aus Neigung und immer auch mit einem Hauch von souveränem Spott über sich selbst. Trotzdem ist dieses Schreiben ein Spiel, das mit vollem Ernst betrieben wird, denn dabei geht es um die eigene Identität.

Zu diesem Spiel gehört die angebliche Befürchtung, bei zunehmendem Alter den eigenen Namen zu vergessen. Auch das konnte nur ein echter Aristokrat so gelassen niederschreiben – wenn er nicht mehr wusste, wie er hieß, dann wussten es die anderen umso besser. Zum einen hatte er sich selbst einen Namen gemacht, zum anderen hatte die lange Reihe seiner Vorfahren dafür gesorgt, dass dieser Name niemals in Vergessenheit geraten würde. Montaigne, der Mann ohne Gedächtnis, war also – wenn man seiner Selbstdarstellung Glauben schenkte – dreifach vor Erinnerungsverlust geschützt: durch das lebendige Wissen seiner Zeitgenossen, durch die Erinnerung an seine Ahnen, die im Lauf der Jahrhunderte untilgbare Spuren hinterlassen hatten, und durch das getreue Abbild des eigenen Ichs, das er in seinem Buch geschaffen hatte, allerdings, wie vorab mitgeteilt, mit der gebotenen Rücksicht auf die Regeln des Anstands. Das war eine wichtige Einschränkung, wie dem Leser postwendend zu dessen weiterer Verunsicherung erklärt wird: «Wenn ich unter den Nationen lebte, von denen man sagt, dass sie noch unter der süßen Freiheit der ersten Naturgesetze leben, dann, so versichere ich dir, hätte ich mich gerne ganzheitlich geschildert, also ganz nackt.»[8] Welche Nationen damit gemeint sind, lässt sich aus den Überschriften der Essais leicht entnehmen – der einunddreißigste des ersten Buches trägt den Titel «Von den Kannibalen».

Schon in seiner Einleitung spielt Montaigne so gekonnt mit seinem Leser, dass diesem schwindelig wird. Er muss sich fragen, was er nun eigentlich geboten bekommt: ein ungekünsteltes oder ein konventionell verfremdetes Porträt des Autors? Was Montaigne mit dem Hinweis auf die verschwundene natürliche Freiheit wirklich sagen wollte, war einsichtigen Zeitgenossen klar: An ihre Stelle waren in seinem Frankreich die Gesetze der kirchlichen Zensur und der Inquisition getreten. Diese hatte seit dem 13. Jahrhundert über die «Reinheit des Glaubens» zu wachen und trat nach einer langen Phase relativer Zurückhaltung ab Mitte der 1530er-Jahre mit vermehrtem Personal, erhöhtem Misstrauen und stark gesteigertem Verfolgungswillen auf den Plan. Die Grenzen des Sagbaren waren dadurch sehr eng gezogen. Das macht auch die Aufgabe des Lesers schwierig. Er muss ständig zwischen den Zeilen lesen, also unterscheiden können, wo sich der Verfasser offen, wo verschlüsselt an ihn wendet. Neben die im Vorwort so treuherzig beschworene Aufrichtigkeit tritt somit von Anfang an die Dimension der Verstellung, der dissimulation. Disssimuler gehörte zum selbstverständlichen Handlungsspektrum des Adels, besonders des Höflings. Wer sich in höheren Kreisen behaupten wollte, musste das Auftreten der anderen, die genauso maskiert agierten wie er selbst, durchschauen können, möglichst ohne sich selbst in die Karten blicken zu lassen. Das gilt auch für Montaignes Buch. Damit war dem Leser erklärt, warum dieser angeblich so langweilige Text interessant sein konnte: Der Autor lockt ihn in Labyrinthe, aus denen er allein wieder herausfinden muss. Sich zuerst zu verirren und danach durch selbst gelegte Ariadnefäden wieder die Orientierung und die Herrschaft über den Raum zurückzugewinnen, war damals in kunstvoll angelegten Parks und Gärten ein beliebtes aristokratisches Spiel.

Das ernste Spiel mit der eigenen Identität setzt sich mit den Namen von Familien fort, denen Montaigne den sechsundvierzigsten Essai des ersten Buchs gewidmet hat. Was als unverbindliche Plauderei darüber einsetzt, dass der römische Kaiser Geta die Speisen an seiner Tafel nach der Reihenfolge ihrer Anfangsbuchstaben auftischen ließ, gewinnt an Tiefe und Relevanz mit dem Kopfschütteln über die Vorschrift der reformierten Pastoren, in der Taufe nur noch biblische Vornamen zu vergeben. Das hat zur Folge, dass die guten alten Namen Charles, Louis und François verschwinden und so die Erinnerung an fromme Vorfahren getilgt wird. Damit ist das eigentliche Thema angeschnitten: wie sich Adelige nennen, und warum. In diesem Zusammenhang beklagt Montaigne den Brauch, vornehme Standesherren nach ihrer Lehensherrschaft (seigneurie), also in seinem Fall als «de Montaigne», zu bezeichnen. Sein Argument lautet: Das Karussell der adeligen Besitzungen dreht sich durch An- und Verkauf so schnell, dass man nie weiß, wem welche dieser seigneuries momentan gehört. Damit ist das anvisierte Lesepublikum direkt angesprochen: Ein Adeliger wendet sich an Adelige.

Zwei Absätze weiter folgt dann der Satz, um den es wirklich geht: «Die Wappen sind auch nicht sicherer als die Beinamen. Das Wappen, das ich führe, zeigt goldenen Klee auf azurblauem Grund, darüber eine Löwenpfote mit roten Krallen, von der Seite gesehen. Welchen Vorzug genießt diese Gestaltung, um speziell in meinem Haus so lange vertreten zu bleiben (demeurer particulièrement)?»[9] Um dieser Beschreibung willen wurde der Essai geschrieben. Das Schlüsselwort ist demeurer, «bleiben». Es besagt, dass dieses Wappen seit Menschengedenken dem Geschlecht der Montaigne gehört, das somit seit unvordenklichen Zeiten adelig ist. Um diese Kernaussage unauffälliger zu machen, folgt ein Nachsatz, der melancholisch die Vergänglichkeit alles Irdischen beschwört und danach zur Attacke gegen die bourgeois gentilhommes, die reichen Bürger, übergeht, die adeligen Status vortäuschen: «Ein Schwiegersohn wird den Namen in eine andere Familie hinübertragen; ein schäbiger kleiner Parvenü wird daraus sein erstes Wappen fabrizieren.»[10]

Klee und Löwenpranke: Das Wappen, das Montaigne auf seiner großen Reise an ausgewählten Gaststätten hinterließ

Solch billige Nachahmung war in den Augen der echten Aristokraten leicht zu durchschauen. Aber auch verbale Ausfälle gegen Aufsteiger waren für sie ein verlässliches Indiz dafür, dass man es mit Aufsteigern zu tun hatte. Adelige von Geburt verachteten diese und schwiegen. Am sichersten ließen sich Parvenüs durch Überanpassung demaskieren: Möchtegern-Aristokraten ließen keine Gelegenheit aus, ihre angeblich vornehme Abstammung in Wort und Bild hervorzuheben, ja geradezu herauszuschreien. So machte sich Montaigne mit jedem weiteren Satz verdächtiger: «Mein verstorbener Herr Vater, der allein von der Erfahrung und seinem Naturell zu klaren Urteilen angeleitet wurde, sagte mir einmal, dass er gerne dafür gesorgt hätte, in Städten eine Stelle einzurichten, bei der diejenigen, die dringend etwas benötigten, ihren Bedarf von einem Beamten registrieren lassen konnten.»[11] So wäre verdienstvollen Gelehrten geholfen, denen ein widriges Schicksal ihren Lohn schnöde vorenthielt. Das sollte heißen: Ein echter Aristokrat denkt und handelt fürsorglich, uneigennützig und in jeder Hinsicht nachhaltig. Er sorgt nicht nur für die leiblichen Bedürfnisse der ihm Anvertrauten, sondern lässt auch die Chronik seines Hauses weiterführen, weil er weiß, dass er nur ein Glied in einer langen Kette ist: «Er (= Montaignes Vater) befahl seinem Buchhalter, ein Journal anzulegen, in dem alle wichtigeren Vorkommnisse vermerkt und dadurch die historischen Erinnerungen seines Hauses gesammelt wurden.»[12] Er selbst, so Montaignes Schlusssatz zu diesem Kapitel, sei ein Dummkopf, da er diesen «uralten Brauch» nicht weitergeführt habe. Das stimmt jedoch nicht ganz: Auch er führte ein Hausbuch, allerdings in ungewöhnlicher Form. Zu diesem Zweck bediente er sich der Ephemeris historica des zeitgenössischen protestantischen Gelehrten Michael Beuther; das war ein historischer Kalender, der bedeutende Erinnerungstage von der Antike bis zur Gegenwart aufführte, mit Platz für eigene Notizen. Davon machte Montaigne allerdings nur spärlichen Gebrauch.

Anstelle einer solchen Familienchronik – das soll der Leser ergänzen – hinterließ er der Nachwelt einhundertsieben Essais. Doch selbst ein so dickleibiges Werk war kein vollgültiger Ersatz für die natürliche Warmherzigkeit und Lebensklugheit seines Vaters, des geborenen Aristokraten. So fällt der Vergleich der Generationen nicht nur in dieser Passage zugunsten des Älteren aus. Als er 1580 zum Bürgermeister von Bordeaux gewählt wird, kommentiert Montaigne diesen politischen Erfolg ganz im Stil des schwächlichen Nachgeborenen: «Dazu hatte sie nur die Erinnerung an meinen Vater veranlasst und die Ehre seines Gedächtnisses.»[13] Im Gegensatz zu diesem gingen ihm – so der verzagte Nachsatz – die Fähigkeiten zur Führung so wichtiger Stadt- und Staatsgeschäfte völlig ab. Sich selbst die Züge eines überkultivierten Spätlings zuzuschreiben, war eine geschickte Strategie, um das hohe Alter der Familie unangreifbar zu machen. Denn so stellt sich die Lebensführung des jüngsten Sprosses als zeitgeistbedingte Abweichung von einer uralten Tradition dar: Die kraftstrotzenden Vorfahren haben gehandelt, ihr verzärtelter Nachfahre reflektiert und schreibt.

Eine solche Selbstdarstellung barg allerdings auch Risiken. Überzeichnen durfte Montaigne sein Porträt als Schreibtischtäter nicht. In Frankreich regierte zu dieser Zeit mit Heinrich III. ein König, den seine immer zahlreicheren Feinde und Kritiker als Inbegriff verweichlichter Dekadenz verhöhnten. Als Gegengewicht zu so viel Gelehrsamkeit und Untauglichkeit zur Politik musste sich Montaigne daher weitere unbezweifelbar aristokratische Merkmale zuschreiben. Diesen Zweck erfüllen die Essais fünf, sechs, siebzehn und fünfundvierzig des ersten Buchs, die den Verlauf und Ausgang von Schlachten kommentieren, militärische Strategien analysieren und vom richtigen Verhalten eines Diplomaten handeln. Dasselbe gilt für Ausführungen, in denen die Würden dieser Welt hinterfragt und äußere Rangabzeichen als Requisiten einer großen Komödie abgewertet werden: «Die meisten unserer Aufgaben sind lächerlich … Wir müssen brav unsere Rolle spielen, aber als Rolle einer geliehenen Persönlichkeit.»[14] So abgeklärte Reden über Macht und Ruhm zu halten, ist dem Adeligen vorbehalten, der weiß, dass ihm beides sicher ist. Wer danach streben musste, weil es ihm nicht in die Wiege gelegt war, würde das Ziel seiner Bemühungen nicht so herabsetzen.

Mit den Augen eines echten Standesherrn von Rang gelesen, nehmen sich Montaignes Essais also doppeldeutig aus. Die zahlreichen Verweise auf Alter und Vornehmheit der Familie erwecken den Eindruck, der Autor habe genealogische Schwachstellen zu verbergen. Dass er seine schriftstellerischen Bemühungen als Selbstzweck sowie Zerstreuung und Memoriabildung für seine Familie ausgibt, wirkt hingegen überzeugend.

Von Eyquem zu Montaigne

Die nüchterne Wirklichkeit des Stammbaums steht in schroffem Kontrast zu Leben und Werk. Wäre Montaigne, wie die Widmung an den Leser verheißt, mit bonne foi, also offen und ehrlich, zu Werke gegangen, hätte es im Essai über die Namen heißen müssen: Mein Name ist Michel Eyquem; als Erster meines Geschlechts lasse ich diesen ererbten Namen jedoch weg und nenne mich Montaigne nach einer adeligen Besitzung, die mein Großvater erworben hat. Eine reine Erfindung ist der soziale Rang, der damit beansprucht wird, trotzdem nicht: Montaigne ist 1580, zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung seines Essais, unbezweifelbar Kammeredelmann zweier Könige und Mitglied des Ordens vom Heiligen Michael, in den nur Adelige aufgenommen werden konnten. Sein Platz in der Gesellschaft und damit ein wesentlicher Teil seines Selbstverständnisses sind also auf eigentümliche Art und Weise hybrid und bedürfen gerade deshalb der dauernden Bestätigung – sowie der Tarnung und Verhüllung. Besonders von dekadenter Tatenarmut und scheuer Lebensfremdheit kann keine Rede sein: Was sein Großvater mit dem Kauf adeliger Lehen und sein Vater mit dem Militärdienst im Heer König Franz’ I. geleistet hat, setzt «Michel de Montaigne», der Erste und der Letzte dieses Namens, mit der Feder fort.

Welthandelsstadt an der Gironde: Ansicht von Bordeaux, Christophe Tassin, 1634

Der Schlüssel zu diesem komplexen Wechselspiel von Schaulaufen und Verbergen findet sich in der Entwicklung der französischen Gesellschaft des 15. und 16. Jahrhunderts, wie sie sich im Mikrokosmos der Stadt Bordeaux widerspiegelt. Aus deren Archiven lässt sich der Aufstieg der Familie Eyquem präzise nachverfolgen. Seit dem Anfang des 14. Jahrhunderts ist sie dort und in der ländlichen Umgebung nachweisbar; schon ein halbes Jahrhundert später ist ein Angehöriger ihres Hauptzweigs, der Eyquem de Blanquefort, als Mitglied der kommunalen Regierung, der jurade, bezeugt. Die schnelle politische Karriere entspricht dem wirtschaftlichen Erfolg; wie viele der Familien, die in den nachfolgenden Jahrhunderten die Geschicke von Bordeaux bestimmen sollten, sind die Eyquem durch den Handel mit Wein, Farbstoff (Pastell) und geräucherten Heringen reich geworden. Bis zum Ende des Hundertjährigen Krieges (1337–1453) war die Provinz Guyenne mit ihrem Zentrum Bordeaux ein Lehen der englischen Könige und dadurch dem Zugriff des französischen Monarchen komplett entzogen; durch die Grenzlage zum Gebiet der französischen Krone und zum Königreich Aragon wuchs die Stadt in die Funktion einer kommerziellen Drehscheibe und eines überregionalen Verteilungszentrums hinein. Mit der Eingliederung der Guyenne in das Königreich Frankreich verbesserte sich die wirtschaftliche und politische Lage weiter. Karl VII. und sein Nachfolger Ludwig XI. wussten, wie sie mit frisch angeschlossenen Herrschaftsgebieten umzugehen hatten: Sie gewährten Bordeaux komfortable Steuernachlässe und Handelsprivilegien und richteten dort 1462 ein parlement ein, einen obersten Gerichtshof für die gesamte Provinz Guyenne und Umgebung.

Was als Geste des guten Willens und der Integration in das Königreich gedacht war, erwies sich schon nach wenigen Jahrzehnten als zweischneidig, ja kontraproduktiv. Die Ämter in dieser komplexen, streng hierarchisch aufgebauten Institution wurden zu abgestuften Tarifen verkauft und brachten der königlichen Zentrale das für ihre kostspieligen Kriege und ihre üppig dotierten Hofämter dringend benötigte Kapital ein. Dem standen zwei gravierende Nachteile gegenüber. Um den Erwerb solcher Posten attraktiv zu machen und die Preise dafür nach oben zu treiben, durfte der Einsitz im parlement zu Lebzeiten oder per Testament an Söhne oder Neffen weitergegeben werden. Auf diese Weise bildete sich innerhalb weniger Generationen eine nahezu unabsetzbare Kaste hoher Richter heraus, die parallel zu ihrem stetig steigenden ständischen Selbstbewusstsein immer weiter reichende politische Forderungen stellten, die schließlich auf eine faktische Kontrolle der königlichen Gesetzgebung für die Provinz hinausliefen.

Durch die Schaffung der parlements, von denen es schließlich in ganz Frankreich dreizehn gab, und ähnlicher Einrichtungen war eine Plattform für sozialen Aufstieg geschaffen. Wer das Familienvermögen in ein höheres Amt investierte, bahnte sich und seinen Nachkommen den Weg in den Adel, allerdings mit unterschiedlicher Geschwindigkeit. Wer sich die Position eines «königlichen Rats» im parlement leisten konnte, nobilitierte sich und seine Kinder sofort; bei weniger prestigeträchtigen und daher preisgünstigeren Ämtern war dieser Prozess erst nach drei Generationen abgeschlossen. Der damit gewonnene Status blieb auch bei den direkt Geadelten ausbaufähig. Mitglieder der obersten Gerichtshöfe zählten zur noblesse de robe, dem Roben- oder Amtsadel, und damit zu einem Segment, das deutlich unter der weitaus angeseheneren noblesse d’épée, dem Geburts- oder «Schwertadel», rangierte. Dieser definierte und legitimierte sich durch eine lange, lupenreine aristokratische Abstammung, die Ausübung feudaler Rechte sowie Militärdienst und hatte für die robins, die Parvenüs der parlements und der obersten Steuerbehörden, die den obersten Gerichten in etwa gleichrangig waren, gemeinhin nur Verachtung übrig. Daran änderte auch der Erwerb adeliger Herrschaften durch die Aufsteiger nichts. Für die alte Geburtselite blieben die robins Händler und Wucherer, die ihre schäbigen Ursprünge hinter pelzbesetzten Roben verbargen. Mit dieser Konkurrenz war ein regelrechter Propagandakrieg verbunden. Die noblesse d’épée rechtfertigte ihren Vorrang und ihre vielen Privilegien damit, dass sie im Kampf für König und Vaterland ihr Leben einsetzte und in Friedenszeiten die einfachen Leute vor der Ausbeutung durch geldgierige Rechtsverdreher und korrupte Steuereinnehmer schützte. Die Amtsadeligen hielten dagegen, dass sie mit friedlichen Mitteln, durch juristisches Fachwissen und administrative Kompetenz, der Monarchie die weitaus wertvolleren Dienste leisteten.

Bei genauerem Hinsehen erwiesen sich die Ideologien beider Seiten als brüchig. Die tausend Jahre alte Ständeformel, nach der Bauern und Bürger arbeiteten, die Geistlichen beteten und die Adeligen kämpften, entsprach längst nicht mehr der sozialen und wirtschaftlichen Realität. Der arrière-ban, mit dem der König seinen Adel zu den Waffen rief, brachte schon lange kein schlagkräftiges Heer mehr zusammen. Den Anforderungen der modernen Kriegsführung waren die meisten Provinzaristokraten, die mit einem alten Klepper und einer verrosteten Lanze anrückten, nicht mehr gewachsen. Auf dem Schlachtfeld gehörten Gegenwart und Zukunft den professionell ausgebildeten Söldnerkontingenten.

Aber auch bei den robins klafften Anspruch und Wirklichkeit weit auseinander. Von einem ordnungsgemäßen Studium der Rechte mit obligatem Examen als Voraussetzung für die spätere Berufstätigkeit konnte allzu oft keine Rede sein. Käuflichkeit und Vererbbarkeit der Ämter hatten zur Folge, dass in den höchsten Tribunalen immer mehr junge Männer Einsitz nahmen, die allenfalls oberflächliche Rechtskenntnisse besaßen und in kurzfristig anberaumten Schnellverfahren durchgeschleust wurden, wenn man auf solche Scheinprüfungen nicht sogar ganz verzichtete. Umso enger und exklusiver schlossen sich die Familien zusammen, die den Aufstieg ins parlement von Bordeaux geschafft hatten. So bildete sich durch Heirat untereinander und Blockadehaltung gegenüber Neuankömmlingen ab dem zweiten Viertel des 16. Jahrhunderts eine weitgehend geschlossene Gesellschaft heraus, die ihren Einfluss auf die städtische Politik systematisch ausbaute.

Der zunehmend erschwerte Aufstieg über das oberste Gericht war nicht der einzige Weg in den Adel. Der Begründer des Eyquem’schen Familienstatus, Montaignes Urgroßvater Raymon, machte es vor: Nach einer langen, sehr erfolgreichen Tätigkeit als Wein-, Fisch- und Farbenhändler erwarb er im fortgeschrittenen Alter von fünfundsiebzig Jahren am 10. Oktober 1477 von einem gewissen Guillaume Duboys die adeligen Güter Montaigne und Belbeys mit den dazugehörigen Ländereien, Mühlen und Rechten. Diese bestanden vor allem in den Abgaben, die die Bauern als Gebühr für den ihnen zur Nutzung überlassenen Grund und Boden zu entrichten hatten. Nach der Bezahlung des Kaufpreises und der ordnungsgemäßen Registrierung im königlichen Verzeichnis am 30. November folgte der kurze, aber bedeutungsschwere Ritus der Inbesitznahme: Der alte Großkaufmann betrat das Herrenhaus in Begleitung des ehemaligen Besitzers, der sich dann von der versammelten Nachbarschaft für immer verabschiedete. Danach setzte sich der neue Herr von Montaigne zu Tisch und verzehrte, weiterhin vor Publikum, seine erste Mahlzeit am neuen Wohnort. Raymon Eyquem war damit Herr der adeligen Herrschaft Montaigne. Aber war er dadurch auch adeligen Standes?

Über solche und ähnliche Fragen verfassten hoch spezialisierte Juristen und Genealogen damals ein Handbuch nach dem anderen: Adelte das Land, oder drückte der roturier (so die pejorative Bezeichnung für alle Nicht-Aristokraten) dem Land seinen niedrigeren Status auf? Der Standpunkt der alten Geburtselite war eindeutig: Ein roturier blieb roturier, selbst wenn er sich ein Lehensimperium zusammenkaufte. Die Haltung der Krone war weniger klar. Mit jedem Neu-Adeligen verlor sie Steuern, andererseits war im Zuge des Ausbaus von Räten und Diplomatie der Bedarf an loyalen Funktionären hoch. Bei deren Rekrutierung galt die Faustregel: je abhängiger, desto ergebener. Männer, die ihren neuen Rang erst noch festigen mussten, waren auf die Gunst des Königs angewiesen und daher in der Regel verlässlicher als höhere Adelige, die ihren ererbten Status ins Amt einbrachten.

So zeichnete sich zu Beginn des 16. Jahrhunderts ein Kompromiss ab: Wer nach dem Erwerb adeliger Güter einhundert Jahre lang adelig lebte, hatte es geschafft und war über jede Rang-Anfechtung erhaben. Für die Familie Eyquem war das magische Datum also der 30. November 1577. Dieser Festtag des Apostels Andreas tritt in Montaignes Aufzeichnungen auffallend oft hervor. Am 30. November 1580 trifft er in Rom, dem Ziel seiner Italienreise, ein; genau ein Jahr später kehrt er am Andreastag nach Montaigne zurück. Zufall? Montaignes Reiseetappen waren kurz und genau geplant; eine raschere Hin- und Rückreise wäre problemlos möglich gewesen. Obwohl er selbst durch die Ernennung zum Kammeredelmann des französischen Königs und die Aufnahme in den Orden des heiligen Michael schon einige Jahre zuvor formell nobilitiert worden war, könnte die Wahl dieses Tages eine Huldigung an das so lange herbeigesehnte Ende der familiären Wartezeit sein. In seinen Essais bekennt er sich schließlich zu mancherlei harmlosem Aberglauben.

Die Frist der hundert Jahre galt nur, wenn die neuen Eigentümer von Montaigne in dieser Zeit «adelig lebten». Auch für dieses vivre noblement stellte Raymon Eyquem, der schon im folgenden Jahr das Zeitliche segnete, die Weichen. Er verschaffte seinen Nachkommen nicht nur die dazu benötigten Besitzungen und Einkünfte, sondern diktierte ihnen auch den dafür obligatorischen Lebensstil, den sie minutiös zu befolgen hatten: keine «niedrige» Erwerbsarbeit mehr, vor allem keinen «schmutzigen» Kommerz, dafür viel ostentative Präsenz auf dem Schloss und seinem Land mit reichlichen Almosen für die Bedürftigen, akkurat organisierte Treibjagden, zu denen die Adeligen der Umgebung geladen werden mussten, opulente Bankette und prächtige Feste, die mit ihrem Aufwand aristokratisches Wirtschaftsverhalten unter Beweis stellen sollten. Geld war nicht dazu da, gehortet zu werden, sondern Mittel zum Zweck: Es sollte ausgegeben werden, um den eigenen Rang zu dokumentieren und der Gesellschaft zu nützen.

Raymon Eyquems großer Coup vom Herbst 1477 hinterließ durch die damit verbundenen Verpflichtungen tiefe Spuren im Leben und Werk seines Urenkels Michel. So waren dessen Anspruch auf konsequent ausgelebte Individualität und Unabhängigkeit von Konventionen von Anfang an Grenzen gezogen. Der Zwang zur aristokratischen Mimikry auf der einen Seite und das Streben nach Selbstbestimmung und uneingeschränkter persönlicher Freiheit auf der anderen Seite bilden daher ein Leitmotiv von Montaignes Werk.

Montaigne war nicht der Einzige, der in diesem Spannungsverhältnis zu leben hatte. Sein früh verstorbener Freund Etienne de la Boétie fasste das Problem in Titel und Ausführungen seiner rebellischen Jugendschrift zusammen: Sie hieß Discours de la servitude volontaire, «Abhandlung von der freiwilligen Knechtschaft», und kreiste um die Frage, wie weit man den Ansprüchen von Gesellschaft und Politik nachgeben konnte, ohne sich selbst und seine Ideale preiszugeben. Für De la Boétie war die rote Linie überschritten, wenn durch die äußerliche Akzeptanz fremder Normen die innere Freiheit gefährdet war. Montaigne knüpfte an diese Ideen an und suchte in seinen Essais eigenständig nach praktikablen Lösungen, die auf einen Kompromiss hinausliefen: Die Pflichten, die ihm sein Urgroßvater aufgebürdet hatte, erfüllte er lebenslang mustergültig, aber ohne sich im Denken und Schreiben dadurch einschränken zu lassen.

Schon Montaignes Großvater Grimon Eyquem hatte vor demselben Problem gestanden. Er hatte bis 1477 mit dem familienüblichen Sinn für gewinnträchtige Operationen und Transaktionen, den auch sein Enkel erbte, lukrative Handelsgeschäfte betrieben. Mit den daraus gezogenen Erlösen kaufte er weitere Ländereien und Häuser im Gebiet von Montaigne. Umso schwerer tat er sich damit, diese profitablen Aktivitäten aufzugeben. Kommerz und Adel waren in Frankreich – im Gegensatz zum Standeskodex der Führungsschichten in Venedig und Genua – unvereinbar. Wer diese Regel missachtete, wurde mit Schimpf und Schande ausgestoßen.

Das vivre noblement schrieb unumstößliche Hierarchien vor. Ganz oben auf der Prestigeskala stand seit unvordenklicher Zeit der Beruf des Offiziers, fast auf der gleichen Stufe eine gehobene Position in der Kirche, als Domherr oder Bischof. Auch eine Verwendung im «zivilen» Dienst des Königs, zum Beispiel als Diplomat, mehrte das Ansehen der Familie. Wer Militär, Kirche und diplomatischen Dienst verschmähte, durfte seine Güter verwalten und notfalls sogar selbst bewirtschaften, ohne an Rang zu gewinnen oder einzubüßen. Zu Montaignes Lebzeiten zeichnete sich allmählich ein weiteres Betätigungsfeld als standesgemäß ab. Je weniger Aussicht auf Selbstverwirklichung die militärische Laufbahn bot und je mehr die kirchliche im Zeichen der Glaubensspaltung und der konfessionellen Streitigkeiten in Verruf geriet, desto attraktiver und reputierlicher wurde es, sich gelehrten Studien und philosophischen Betrachtungen zu widmen, vorausgesetzt, man betrieb sie nicht gewerbsmäßig, also «pedantisch», sondern nur zum eigenen Vergnügen und zur Zerstreuung der Standesgenossen.

Grimon Eyquem vollzog den unumgänglichen Wechsel im Lebensstil und Auftreten ab 1508. Seinen ältesten Sohn Pierre, Montaignes Vater, bestimmte er zum Kriegshandwerk. So zog der Enkel des Großhändlers mit seinem König Franz I. auf dessen Feldzüge nach Italien, und zwar stilvoll in einer Kompanie, die nur Adelige aufnahm. Die zehn Jahre unter Waffen, zuletzt in der heimatlichen Provinz Guyenne, prägten ihn lebenslang. Montaignes jüngster Bruder Pierre sollte diese Traditionen fortsetzen. Das Metier des Offiziers und der Anspruch auf adeligen Rang vertrugen sich problemlos mit einer aktiven Rolle in der städtischen Politik; die sechs Mitglieder der Stadtregierung, die jurats, rekrutierten sich zu je einem Drittel aus der führenden Kaufmannschaft, aus dem parlement und aus dem lokalen Adel, der wie die Familie Eyquem neben seinen ländlichen Besitzungen auch über eine repräsentative Stadtresidenz verfügte. Mit Michel, seinem Ältesten, hatte Pierre Eyquem senior, wie sich schnell zeigte, andere Pläne.

Den auf Wahrung oder besser noch: Erhöhung des sozialen Ranges ausgerichteten Heiratsstrategien ihrer Schicht entsprechend, hatten Raymon und Grimon Eyquem Töchter aus wohlhabenden Kaufmannsfamilien mit weit gespanntem Netzwerk in Bordeaux und Umgebung geehelicht. Diesen Traditionen gemäß vermählte sich Pierre Eyqem senior im Januar 1529 mit Antoinette de Louppes. Montaignes Mutter (die ihren Sohn um fast anderthalb Jahrzehnte überleben sollte) stammte aus einer reichen Großhändlersippe spanischen Ursprungs, die seit dem 15. Jahrhundert in Toulouse ansässig wurde und mit einem ihrer Zweige erst kürzlich nach Bordeaux übergesiedelt war. In der französischen Form des Namens ist das ursprüngliche «Lopez» noch zu erahnen. Die «de Louppes» besaßen also dieselbe soziale Ausgangsposition wie die Eyquems, doch hatten sie ihren sozialen Aufstieg in die nächsthöhere soziale Schicht zwei Generationen später begonnen als diese, so dass die Strategien bei ihnen sehr viel hastiger und geballter zum Tragen kommen mussten. Nicht nur in den Augen des Adels, sondern auch für die etablierte Kaufmannschaft von Bordeaux gehörten sie zu den «Neuestreichen», deren Versuche, sich vornehmen Status zuzulegen, entsprechend grobschlächtig und leicht durchschaubar ausfielen. Eine der wichtigsten Methoden des Sippenverbands bestand darin, seine Töchter durch verlockend hohe Mitgiften mit Söhnen aus Familien zu verheiraten, die bereits weitere Etappen auf dem Weg in den Adel erfolgreich durchlaufen oder dieses Ziel sogar schon erreicht hatten.