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Führt uns ins heutige Venedig und erzählt vorm Hintergrund der Schwierigkeiten mit dem Hochwasser und dem Versuch diese zu bewältigen eine scheiternde Liebe , eine Beobachtung der sozialen Bedingungen. Wir treffen zwei Jugendliche die aus ganz unterschiedlichen Familien kommen, einen sympathischen Busfahrer, Angler und den Erzähler selbst.
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Seitenzahl: 112
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Steine
Steine so weit das Auge reicht , dicht an dicht zwaraber mit grossen Spalten zwischen ihnen. Wie ängstliche Tiere aneinander gedrängt und doch hat man sie hier zum Schutze angehäuft , das Meer kennt kein Pardon und frisst den Sand des Strandes ohne Unterlass. Und wirft Müll, Bäume , auch ganze Boote zurück auf ihn, als Ausgleich sozusagen .Selbst aussortierend was da
nicht hineingehört. Eine leichte kühle Brise weht von Nord, aber das hält einige Leute nicht davon ab mit nackten Beinen Muscheln oder Würmer im Watt zu suchen. Die Stille hat Rhythmus, die heran drängenden Wellen schlagen als wollten sie sich an diesen Steinen versuchen , als wollten sie sich lustig machen über die Arbeit der Menschen , über den Versuch Festigkeit in ewige Bewegung zu bringen.
Weiter draussen ist der lange Arm des Damm’s zu sehen der sich in die Lagune streckt und dort stählerne Klappen stützt die sich bei Hochwasser gegen die Flut stemmen sollen. Bislang hatte immer das Wasser gesiegt , hatte die Stadt geflutet, war in Häuser eingedrungen , hat Mauern geknabbert wie Salzstangen .Hatte die Bewohner gezwungen Gummistiefel zu tragen und sich in merkwürdig tastenden Schritten langsam vorwärts zu bewegen . Die Art der Schön-Wetter-Touristen blieben dann aus, Andere suchten gerade diesen Kick wie ein Disneyland-Abenteuer .Hatten endlich etwas zu erzählen, hatten Beweisfotos die sie ins Internet stellten als wären sie Zeugen eines Prozesses geworden der kein Ende hat. Doch davon liess sich das Wasser nicht wirklich beeindrucken , schon auch weil es nicht ins Internet schaute, nicht die WhatsApp-Nachrichten las. Es hörte auch nicht die Sirenen die vier Stunden vorher die Ankunft angekündigten wie Militär-Trompeter kurz vorm Sturmangriff. Es schaut einfach auf den Mond der spätestens nach drei Stunden zum Rückmarsch pfeift , Dreck, Schlamm und vor Allem viel Salz hinterlassend welches sich dann in die Wände der Häuser frisst wie Karies. Löcher macht die nicht immer gefüllt werden können.
Jetzt liegtdie Lagune grau-schwer vorm Horizont und tut so als könne sie kein Wässer’chen trüben. Möwen segeln kreischend unter den kleinen Wolken als störe sie die Stille , als wollten sie die Wellen übertönen. Ab und zu bricht der eine oder andere Sonnenstrahl durch den Wolkenfilter , noch zaghaft, noch fehlt die Kraft die der Sommer bringt auch wenn der Leuchtturm dahinten mit seiner roten Farbe versucht das Ganze etwas anzufeuern..
Irgendwann muss schliesslich ein Anfang gemacht werden .
Rot
Rot wie das in Fetzen gerissene Kleid welches nur noch zaghaft den einst so lebendigen Körper bedeckte . Rot wie der verschmierte Lippenstift der sich später unter der Lupe zeigte. Die geschwollenen Lippen hatten mittlerweile ins Blau gewechselt im vollen Kontrast der kalkweissen Haut die sich schlabberig um des Rest dessen was der Körper einst war wickelte . Schwer vorzustellen , hier schlug einst ein Herz, hier wohnte einmal ein herzhaftes Lachen . Nichts war übrig vom warmen Schoss der einmal Platz für das volle Leben bot. Das dreckig strähnige Haar hatte sich grosszügig über das verzerrte Gesicht gelegt ,verbarg aber nicht die verkrustete Wunde am Hinterkopf . Hier musste so einiges Blut ausgetreten sein denn trotz der Zeit im Lagunenwasser war diese Stelle deutlich rostrot geblieben.
Alvise
Er war wie so oft am Wochenende an den Lido gefahren , hatte sein deutlich in die Jahre gekommenes Damenfahrrad , dem sowohl das vordere Schutzblech wie auch die Gummigriffe fehlten , aus dem Schuppen hinter dem Gemüsehändler geholt , hatte wie immer das Netz und den Plastik-Eimer in die hinten befestigte hölzerne Kiste mit der Aufschrift “Etna Arance” gelegt, war wie immer nicht gleich zum Strand geradelt. Erst einmal eine “Ombretta “ (Gläs’chen Wein) bei seinem Bekannten Gigi an der Bar. Dazu stieg er , auch wie immer , nicht einmal von Rad, trank und grüsste kurz mit einem Kopfnicken und dem gemurmelten “ Se vedemo - wir sehen uns” . Wie immer ohne zu bezahlen, das tat er am Monatsende wenn er seinen Lohn von der Ferrovia (Eisenbahn) bezog . Dieser war nicht sehr beeindruckend , aber mit dem was seine Frau Betta als Krankenschwester verdiente reichte es für das kinderlose Paar.
Nie hatte es wirklichen Streit zwischen den Beiden gegeben, wenngleich sehr oft Spannung wie vor einem Gewitter in der Luft lag. Aber es kam nie zu Blitzen, dafür waren beide zu schüchtern., zu kontrolliert. Auch hatten sie beide Angst vorden Konsequenzen die es hätte haben können ,derermassen aus sich herauszugehen . Die Worte die man sich hätte an den Kopf werfen können mussten noch formuliert werden, beiden lag das Sprechen nicht sonderlich.
Begünstigt auch von der Schichtarbeit der beiden trafen sie sich nur ganz selten im gleichen Moment in der kleinen Wohnung. Diese hatte er von einem Onkel geerbt den er Zeit seines Lebens nur ein paar Mal gesehen hatte als er noch ein Kind war. Dieser Onkel war schon während seines Studiums weggegangen und nur noch einige Male zurückgekehrt um sich jedesmal über die Nachbarn, deren Lärm und die Unordnung dieser zu beschweren . Hatte aber weiterhin die Wohnung behalten, wohl als Rettungsboot für den Fall des Falles den niemand kannte und der auch nie eintrat.
Als dann das Schreiben eines Anwalts eintraf welches sowohl den Tod des Onkels in Turin wie auch die Erbschaft verkündete, hatte Alvise und seine seit sieben Jahren Verlobte geheiratet , so ganz auf die Schnelleund ohne Kirche, Gäste oder Feier . Waren eingezogen nach der Trauung im Standesamt . Bis zum heutigen Tage hatte sich dort in dieser Wohnung weder bei den Möbeln noch beim Anstrich der Wände irgendetwas geändert, das war mehr wie deutlich zu erkennen. Lediglich der Fernsehapparat war neuerem Datums . Selbst der Telefonanschluss lief noch auf den Namen des Onkels. Nachdem beide den Familiennamen Scarpa trugen gab es keinen Grund dort etwas zu ändern, die sehr sehr kleinen Rechnungen wurden wie immer und wie vor 50 Jahren auf der Post in der Schlange wartend mit alten Leuten die ihre Rente abholten, bezahlt und damit war es für sie beide , ihn und die Telekom in Ordnung.
Heute hatte er sich eine Restpackung Grissini und einen Zipfel Salami in die Tasche seiner abgewetzten Jacke gepackt, er wollte den ganzen Tag am Strand bleiben. Sowohl das durchwachsene Wetter als auch die abgelegene Zone trugen dazu bei , das es hier menschenleer war um diese Zeit . Auchmuss gesagt werden , er genoss im Allgemeinen das Alleinsein . Und hasste es im gleichem Moment ! Hätte lieber geschrien , auf den Tisch geschlagen mit der Faust , so wie er es in den Filmen gesehen hatte , die er mochte ! Wo Struktur fühlbar war. Und Ordnung. Alles das was er abgelehnt hatte als er jung war . Als er geglaubt hatte, er ist nur er , sei nur sich verpflichtet , ganz und gar selbstentschieden auf der Welt. Und dann fiel der Rucksack des Gestern , der Käfig des “so soll es sein “, die Hundeleine des “ du wirst nicht über deinen Schatten springen können” auf ihn und ruft "Endstation, alles sitzenbleiben". Und da sass er nun ! Immerhin auf dem Fahrrad., auf Etwas sich Bewegendem. Wenn man nur genug strampelt , fast wie im wahren Leben hätte der Gerhart Polt gesagt .
Steine
Steine, aus dem Meer geholt, ins Meer geworfen , gegen das Meer aufgeschichtet. Mauern , die wie immer nicht nur das Draussen draussen halten , auch das Innen bleibt so drinnen, wenn es denn gut geht . Ganz anders wie das Salz . Kriecht in alle Ritzen oder macht sich diese . Kriecht tief hinein , versalzt die Suppe , macht das Leben bitter. Zerfurcht die Fassaden , werden wie die Körper, die Gesichter , die Jahresringe deutlich aufzeigend.
Brüchig was so steinern, so fest und stabil aussah . Die Zeit und das Wasser .Beide haben keine Geduld , wissen nicht von der Kürze unseres Aufenthalts auf dieser Erde. Zeigen uns wie aus kantigen Felsen organische Henry Moore -Skulpturen werden . Beide haben einengrossen Bruder, den Wind , zur Hilfe . Dieser wirft unermüdlich Wellen auf , die dann wie brave Soldaten marschieren , auch ohne den Marschbefehl, auch ohne die Destination zu kennen. Schlagen sich die Zeit tot mit Schlägen gegen unsere Festungen der geliehenen Sicherheit , unsere Burgen der scheinbaren Geborgenheit.
Wellen und Möwen, Musik die wir nicht verstehen auch wenn wir sie deutlich hören. Zeichen der Natur die wir nicht deuten können . Dies zeigt sich am täglichen Umgang mit ihr. Wir verstehen sie nicht , auch wenn wir sie ständig sehen. Viel lieber glauben wir an Dinge die faktisch nicht existieren , nicht existieren können. Auf diese Art und Weise öffnet sich scheinbar ein Fenster in die uns unbekannte Zukunft . Zünden so selbst das Licht am Ende des dunklen Tunnels an . Endstation Sehnsucht nannte das Tennessee Williams und der verstand etwas von der Dunkelheit.
Nahe Ferne
Das Meer zwischen uns und dem Horizont, die Inseln dahinter , dem Damm zur Linken schauen wir in die Ferne wie hypnotisiert ohne auch nur einen einzigen Gedanken an Alles in der Nähe Liegende.
Wir starren als gäbe dahinten eine Erklärung , eine Offenbarung , ein lange gehütetes Geheimnis und finden uns doch nur auf müden Füssen stehend und mit den Händen hilflos rudernd wie Don Quijote's Windmühlen. Mit weit offenem Mund als wolle man etwas sagen , nur weiss man eben mal wieder nicht was . Jedenfalls nicht etwas was wir nicht schon tausendmal gehört und noch öfter nachgebetet haben. Hunderte Meilen Einsamkeit , auch in bester Gesellschaft .
Und da laufen sie , mit hochgekrempelten Hosen , mit einem Plastik-Eimer’chen in der einen und einem Stock in der anderen Hand. Kreisen durch das Watt wie die Vögel es tun würden, wären da nicht diese schweigsamen Männer die selbst aussehen wie nass gewordene Vögel. Weggerannt von einem Zuhause ohne Raum und Weitblick , ohne Horizont . Raus aus der Enge die sich über diese Männer geworfen hatte wie ein Netz für ganz kleine Fische, ganz kleine Leben.
Netze wie das, was sie jetzt benutzten um Muscheln und Würmer aus dem von den Wellen geripptem Schlamm zu pulen. Das Licht bricht sich diesen Rippen tausendfach und verwirrt die Sicht , macht die Orientierung schwierig für die nach unten gerichteten Augen der Sammler .Suchen sie wirklich nur Muscheln ? Suchen sie nach dem Sinn des Lebens , nach etwas was sich
anfühlt als es hätten sie es verloren , irgendwo zwischen den Sofaritzen des Alltags, den Staubwolken des Auf und Ab’s, in den Ecken der Rundgänge , auf den Kellertreppen der dunklen Momente . In den Augenblicken des Wartens auf Lichtblicke in diesem endlosen Anfang und Endes .
Der frische Wind lässt zwar ein wenig erschauern befreit aber auch vom Nebel in den Gehirnwindungen , die verschlungen sind wie das ganze Leben. Verschlungen wie der Darm und so ist es egal ob man von Anfang darauf schaut oder vom andren Ende: Windungen . Sogar die Beatles konnten ein Lied davon singen ("The long and winding road"). Mit anderen Worten, hier findet keine wirkliche Entdeckung statt, alles wie so oft schon einmal dagewesen. Irgendwo und irgendwann. Diese Erkenntnis kommt mit dem Alter, Jugend glaubt schon immer gerne das heisse Wasser erfunden zu haben. Und das ist gut so, würden sie doch sonst gleich am Anfang mit dem Ende beginnen, würden aufgeben ohne je begonnen zu haben. Sie finden noch früh genug heraus wie wieviele Irrwege vor ihnen liegen , wieviele Umleitungsschilder sie aus der Bahn werfen werden . Wie absurd so viele Träume und doch : was täten wir ohne sie . Die Berliner sagen "es wird schon wärn mit Mutter Bärn", doch keiner weiss wer diese Frau ist , keiner was mit ihr geworden ist oder nicht.
Und wüsste man es, würde es nichts ändern an dem wie es ist oder wir glauben das es so sei.
Vanni (Kurzform von Giovanni) der Drache del Lagune
"Was ist das hier schon wieder fürfür ein Schweinestall?" schrie er , knallte die Tür hinter sich zu das die frischgeputzten Fenster klirren wie ein Besteck-Kasten.
"Vanni du hast wieder getrunken !"
"Halt die Klappe, wer bringt hier das Geld nach Hause ?"
"Oh gut ! Papa, hast du mal ein paar Euro's für mich ?" fragt Manuel und schaut seinen Vater mehr ängstlich wie fragend an . Duckt sich blitzschnell , das hat er gelernt , immer wenn sein Vater schwankend in der Tür erscheint taucht gleichzeitig die Garantie für Ohrfeigen auf. Manchmal dachte er an zurückschlagen , aber dann auch an die blau-gehauhenen Augen seiner Mutter , ihren ausgeschlagenen Zahn .
"Manu , komm her , mach mir die Schuhe auf ich kann mich nicht bücken,
mein Rücken schmerzt !"
"Dein Rücken schmerzt immer wenn du getrunken hast ! "sagt Manu's Mutter und denkt, hoffentlich pisst er nicht wieder ins Bett wie beim letzten Mal. Immerhin konnte sie in solchen Nächten schlafen weil er zu betrunken war um Sex zu fordern . Klar, er versuchte es trotzdem und immer endete es
kläglich , gefolgt seinen wehleidigen Tränen und dem nie gehaltenem Versprechen, nie wieder zu trinken.
Diese privaten In-Haus-Theater-Vorführungen blieben natürlich niemandem verborgen, die jüngere Schwester von Manuel weinte dann Sturzbäche
in ihr Kissen , kroch dann immer zu ihrem Bruder unter die Decke, wohl meinend von ihm beschützt werden zu können. Eine ziemlich masslose Überschätzung .
Ganz schlimm wurde es immer am darauffolgenden Tage , wenn Manu mit seinem Cousin, einem Arbeiter und dem blassgesichtigem und katergeschütteltem Vater auf die Lagune raus fuhr . Ausser Geschrei kam dann von ihm nichts , also mussten alle noch mehr wie üblich anpacken . Recht hatte er ja , der Vater, wenn er dann seine Monologe über die wenige Beute, über die steigenden Steuern, die bürokratischen Handicap's , über die billigen ausländischen Arbeiter hielt.
Aber warum so laut !
"Früher war die Lagune randvoll !
