Nach so langer Zeit - Katie Summer - E-Book

Nach so langer Zeit E-Book

Katie Summer

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Beschreibung

Jenny Behnisch, die Leiterin der gleichnamigen Klinik, kann einfach nicht mehr. Sie weiß, dass nur einer berufen ist, die Klinik in Zukunft mit seinem umfassenden, exzellenten Wissen zu lenken: Dr. Daniel Norden! So kommt eine neue große Herausforderung auf den sympathischen, begnadeten Mediziner zu. Das Gute an dieser neuen Entwicklung: Dr. Nordens eigene, bestens etablierte Praxis kann ab sofort Sohn Dr. Danny Norden in Eigenregie weiterführen. Die Familie Norden startet in eine neue Epoche! Tanja Steiner hievte die schweren Einkaufstaschen mühselig aus dem Kofferraum ihres schon recht alten kleinen Autos und erklomm ächzend die Stufen zu dem schmucklosen Mietshaus, in dem sie seit vielen Jahren mit ihrer Tochter Jule wohnte. Die Miete war für die alleinerziehende Mutter gerade noch so zu stemmen. Jule hatte die Mutter vom Küchenfenster aus erspäht und eilte herbei, um ihr beim Tragen der Einkäufe behilflich zu sein. »Lass nur, Liebes, das schaffe ich allein. Ich sehe es einfach als mein persönliches Krafttraining«, meinte Tanja, lächelte leicht und zog dabei einen Mundwinkel nach unten. Denn schon seit Jahren wünschte sie sich, sich den Besuch eines Fitnessstudios erlauben zu können, aber die knappen Finanzen der kleinen Familie hatten es bisher nicht erlaubt. »Ach Mutti, mach dir nicht immer solche Sorgen. Schließlich habe ich mein Abitur in der Tasche und verdiene in wenigen Wochen mit meinem Ferienjob auch mit. Schließlich will ich die Zeit bis zu meinem Studienbeginn sinnvoll nutzen. Und wer weiß, vielleicht rückt so der Besuch eines Studios für dich in greifbare Nähe«, antwortete Jule und warf ihrer Mutter einen aufmunternden Blick zu. Tanja nickte tapfer. Denn sie wollte der geliebten Tochter doch keinesfalls das Gefühl geben, dass die knappe Haushaltskasse mit Jule zusammenhing. Während des Gesprächs waren die beiden in der Küche angekommen und Tanja setzte aufatmend die Taschen auf dem Küchentisch ab. »Weißt du, ob der Postbote schon da war? Ich warte auf die Rechnung der Reparaturwerkstatt.« Erst kürzlich waren einige unvermeidliche Reparaturen bei ihrem kleinen Auto angefallen und Tanja machte sich Sorgen darüber, wie teuer das Ganze wohl werden würde. »Ich sehe gleich nach, Mama, ich weiß doch, wie wichtig es für dich ist, all deine offenen Rechnungen so schnell wie möglich zu begleichen.« Jule nahm den kleinen Briefkastenschlüssel und flitzte hinaus.

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Seitenzahl: 127

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Chefarzt Dr. Norden – 1299 –Nach so langer Zeit

Tanja kann ihren Gefühlen nicht entkommen

Katie Summer

Tanja Steiner hievte die schweren Einkaufstaschen mühselig aus dem Kofferraum ihres schon recht alten kleinen Autos und erklomm ächzend die Stufen zu dem schmucklosen Mietshaus, in dem sie seit vielen Jahren mit ihrer Tochter Jule wohnte. Die Miete war für die alleinerziehende Mutter gerade noch so zu stemmen.

Jule hatte die Mutter vom Küchenfenster aus erspäht und eilte herbei, um ihr beim Tragen der Einkäufe behilflich zu sein.

»Lass nur, Liebes, das schaffe ich allein. Ich sehe es einfach als mein persönliches Krafttraining«, meinte Tanja, lächelte leicht und zog dabei einen Mundwinkel nach unten. Denn schon seit Jahren wünschte sie sich, sich den Besuch eines Fitnessstudios erlauben zu können, aber die knappen Finanzen der kleinen Familie hatten es bisher nicht erlaubt.

»Ach Mutti, mach dir nicht immer solche Sorgen. Schließlich habe ich mein Abitur in der Tasche und verdiene in wenigen Wochen mit meinem Ferienjob auch mit. Schließlich will ich die Zeit bis zu meinem Studienbeginn sinnvoll nutzen. Und wer weiß, vielleicht rückt so der Besuch eines Studios für dich in greifbare Nähe«, antwortete Jule und warf ihrer Mutter einen aufmunternden Blick zu.

Tanja nickte tapfer. Denn sie wollte der geliebten Tochter doch keinesfalls das Gefühl geben, dass die knappe Haushaltskasse mit Jule zusammenhing.

Während des Gesprächs waren die beiden in der Küche angekommen und Tanja setzte aufatmend die Taschen auf dem Küchentisch ab. »Weißt du, ob der Postbote schon da war? Ich warte auf die Rechnung der Reparaturwerkstatt.«

Erst kürzlich waren einige unvermeidliche Reparaturen bei ihrem kleinen Auto angefallen und Tanja machte sich Sorgen darüber, wie teuer das Ganze wohl werden würde.

»Ich sehe gleich nach, Mama, ich weiß doch, wie wichtig es für dich ist, all deine offenen Rechnungen so schnell wie möglich zu begleichen.« Jule nahm den kleinen Briefkastenschlüssel und flitzte hinaus.

»Ja, die Rechnung der Werkstatt ist angekommen«, rief Jule und dann fragte sie erstaunt: »Mama, wer ist denn gestorben? Du hast mir doch gar nichts erzählt.«

»Zeig mal her«, meinte die ebenso überraschte Tanja. »Oh nein, ich hoffe doch nicht, dass es die alte Frau Dömgens ist. Bei meinem letzten Besuch ging es ihr doch wirklich nicht gut. Aber das dann jetzt so schnell ging …«

Jule drehte den Brief um. »Also einen Absender kann ich nicht entdecken.« Sie legte den Brief auf den Tisch und half der Mutter, die Einkäufe zu verstauen. Als die beiden fertig waren, sagte Jule streng: »So jetzt setzt du dich zuerst einmal hin und ich mache uns eine Tasse Kaffee. Dann kannst du dir in Ruhe die Post anschauen.«

Tanja nickte lächelnd. Es war schon eigenartig, wenn die kleine Tochter, die man gefühlt erst vor kurzer Zeit auf die Welt gebracht hatte, einem sagte, was man tun solle. Eigenartig, aber auch irgendwie schön, nicht mehr alle Entscheidungen alleine treffen zu müssen. Sie ließ sich auf einen Stuhl fallen. »Im Kühlschrank steht noch der Rest vom Apfelkuchen, den ich gebacken habe. Den könnten wir uns zum Kuchen schmecken lassen.« Dann griff sie zu der Post. »Mal sehen, Tapsi, was uns dein kleiner Unfall kostet«, meinte sie seufzend und warf dem Hund, der in seinem Körbchen lag, einen liebevollen Blick zu. »Puh, 154,00 Euro, Tapsi. Gerade noch einmal an der Katastrophe vorbei geschlittert.« Tanja hatte insgeheim befürchtet, dass die Behandlung teurer geworden war. Dabei stand doch Jules 18. Geburtstag vor der Tür und Tanja hatte vor, der Tochter ein neues Handy zu kaufen. Das alte, welches sie immer benutzte, war schon arg veraltet. Dann griff sie mit einem bedauernden Gesichtsausdruck zu der Karte mit dem Trauerrand. »Die alte Dame hatte sich doch so gewünscht, ihren nächsten Geburtstag zu feiern. Wenn der Herrgott es zulässt, möchte ich gerne den nächsten Geburtstag noch einmal so richtig feiern, hat sie gemeint und gesagt, sie erwarte unbedingt, dass ich auch komme.« Dann öffnete sie den Umschlag, zog die innenliegende Karte heraus, las … und schluckte heftig. »Oh nein«, rief sie entsetzt und legte die Hand auf ihren Mund.

Jule sah die Mutter an. »Was ist los, Mutti, nimmt dich der Tod der alten Frau so mit?«, fragte sie und stellte den Kaffee und den Kuchen auf den Tisch. »Ach, Mama, du darfst dir nicht immer alles so zu Herzen nehmen«, sagte sie mitleidig.

Tanja räusperte sich. »Ach, Jule, das hier nehme ich mir schon sehr zu Herzen. Mein Vater ist gestorben.« Sie sah Jule verwirrt an.

Jetzt sah auch Jule überrascht aus. »Dein Vater, Mama? Aber, ich dachte, du hast doch immer gesagt …«, stammelte sie sichtlich erstaunt.

Tanja atmete tief ein. »Ich verstehe das auch nicht«, sagte sie zögernd. »All die Jahre, die wir keinen Kontakt hatten. Ach Jule, warum nur habe ich nicht auf mein Herz gehört und mich bei ihnen gemeldet?« Sie schluchzte auf. »Und jetzt ist es zu spät. Ich kann ihm niemals mehr sagen, wie viel er mir bedeutet hat.« Bittere Tränen drängten hervor und liefen ihr heiß die Wangen hinunter. Tanja schluchzte auf. »Wie weh das tut! Es zerreißt mir förmlich das Herz. Jule, ich muss nach Hause! Ich kann nicht anders!«

Jule nahm komplett verwirrt die große Trauer der Mutter wahr. »Aber Mama, ich dachte immer, dass du den Kontakt zu deinen Eltern voller Absicht abgebrochen hast, nichts mehr mit ihnen zu tun haben wolltest. Schließlich haben sie dich doch aus dem Haus gejagt, als du mit mir schwanger warst. Wie konnten sie nur so grausam sein! Deine eigenen Eltern und du warst ihr einziges Kind!« Sie schüttelte den Kopf. »Dein Vater war ein hartherziger, engstirniger, ja böser Mann, Mama! Und deine Mutter wird auch nicht besser sein. Schließlich hat sie das alles geduldet, sogar unterstützt!«

Jule war sichtlich empört. Dieses Mitgefühl, diese Trauer hatte der Verstorbene doch wirklich nicht verdient!

Tanja sah ihre Tochter mit verweinten Augen an. Sie schüttelte mit dem Kopf. »Ach Jule, ich glaube, ich war viel zu hart in meinem Urteil über meine Eltern. Und es war einfach nicht richtig, die beiden als unbarmherzige Eltern dastehen zu lassen. Das denke ich insgeheim schon seit Jahren, aber mir fehlte der Mut, mich bei ihnen zu melden. Und dann habe ich mich vor dir geschämt, weil ich sie vor dir in einem schlechten Licht habe stehen lassen.«

»Ach Mama, das sagst du jetzt, weil es dich trifft! Das kann ich ja irgendwo verstehen, aber entschuldige jetzt nicht alles! Mama, du hast mir immer etwas ganz anderes vermittelt!« Ihre Tochter sprang aufgebracht auf. Nun gut, wenn der Tod des Vaters ihrer Mutter nahe ging, dann war das ein Ding. Aber dann gleich alles zu vergessen, was die Eltern ihr angetan hatten! Nein! Das ging Jule einfach zu weit! Sie konnte das jedenfalls nicht so einfach wegschieben!

Tanja holte tief Luft. Sie schluckte wieder. »Nein Jule, ich habe einfach viel zu hart über meine Eltern geurteilt, das weiß ich schon lange. Mir fehlte nur der Mut, mir das alles offen und ehrlich einzugestehen. Und nachdem so viel Zeit vergangen war, traute ich mich einfach irgendwann nicht mehr, dieses Thema ans Tageslicht zu lassen. Ich hatte auch Angst davor, dass du mir Vorwürfe machen würdest. Denn indirekt bist doch auch du davon betroffen. Ich habe dir schließlich deine Großeltern vorenthalten.« Sie griff nach einem Taschentuch, um die Tränen abzuwischen. Leise fügte sie hinzu: »Willst du wissen, wie es wirklich war, damals?«

Jule setzte sich wieder hin. In ihrem Kopf drehte sich alles. Es verunsicherte sie zutiefst, was ihre Mutter da sagte, brachte ihr bisheriges Weltbild zum Wanken. »Mama, wie konntest du mir das antun? Und vor allen Dingen, warum? Du weißt doch, dass ich dich immer lieb habe, egal, was ist.«

Tanja griff nach der Hand der Tochter. »Ich weiß, Jule und ich schäme mich dafür.«

Jule verzog mürrisch das Gesicht. Aufgebracht sagte sie: »Dann solltest du jetzt damit anfangen, mir das zu erzählen, was du mir all die Jahre verschwiegen hast.« Sie zog tief die Luft ein. »Die Geschichte mit meinem Vater, stimmt die auch nicht? Ist die auch erstunken und erlogen? Und wer ist Marlene?«

Tanja zuckte heftig zusammen. So hart hatte Jule sie noch nie angegriffen. War nun der Zeitpunkt gekommen, musste sie die ganze traurige Geschichte jetzt preisgeben? Aber nein, die Wahrheit über Jules Vater konnte sie nicht erzählen, nicht der geliebten Tochter. Denn Max, Jules leiblicher Vater, wusste doch gar nicht, dass er eine Tochter hatte. Und Tanja kannte Jule. Wenn Jule erst einmal den Namen des Vaters erfuhr, würde sie nicht eher ruhen, bis sie ihn zur Rede gestellt hatte. Und genau das konnte Tanja niemals zulassen. Denn Max hatte keine Ahnung, dass sie von ihm schwanger geworden war. Sie hatte es ihm verheimlicht, hatte unter anderem auch wegen ihm die vertraute Heimat verlassen. Wieder räusperte Tanja sich. Das Herz schlug ihr bis zum Hals. Wieder musste sie lügen, musste das Geheimnis wahren, um Jule zu schützen. So sagte sie langsam: »Die Geschichte mit deinem Vater stimmt. Es war so, wie ich es dir erzählt habe. Wir haben uns nur flüchtig gekannt und ich bin dann schwanger geworden. Er hat damals gemeint, dass er nicht bereit sei, Verantwortung für ein Kind zu übernehmen. Marlene ist eine frühere Freundin aus unserem Dorf. Wir sind uns vor vielen Jahren noch einmal hier in Kassel über den Weg gelaufen und sie war dann sogar einmal hier. Sie hat meiner Mutter sicher diese Adresse gegeben.« Sie griff nach Jules Hand, aber Jule zuckte zusammen, als hätte sie sich verbrannt.

»Wenn deine Eltern dich damals aus dem Haus geworfen haben, als du schwanger warst, wieso weinst du jetzt über deinen Vater? So jemanden muss man doch nicht beweinen!«, setzte Jule unnachgiebig hinzu.

»Jule, sie haben mich nicht wirklich aus dem Haus geworfen, ich habe mich entschieden, zu gehen. Es ist … Ach Jule, es war alles so kompliziert. Es war einfach so, dass mir klar war, dass ich … dass ich gehen musste. Mir blieb keine andere Wahl«, stammelte Tanja unsicher. »Weißt du, mein Vater war ein herzensguter Mensch und ich liebte ihn sehr. Aber … er war auch sehr strenggläubig und erzkonservativ, bei ihm musste alles seine Ordnung haben. Wenn ich ihm gesagt hätte, dass ich ein uneheliches Kind erwarte, hätte ihn das umgebracht. Er hätte das niemals verwinden können, dass ausgerechnet seine eigene Tochter Schande über sein Haus bringt. Alle im Dorf hätten sich das Maul über ihn zerrissen. So bin ich halt weggegangen, ohne zu sagen, weshalb.« Sie rang ihre Hände. »Die Schande habe ich ihm erspart und darüber bin ich immer noch froh.«

Jule sah die Mutter schweigend an. Was musste das für eine Welt gewesen sein, in der ein Kind als Schande zählte! Trotzdem, dass die Mutter ihr als Tochter die Großeltern vorenthalten hatte, hatte sie schon als Kind geschmerzt. Sie, Jule, hatte keine Oma und keinen Opa, die mit dem Enkelkind Unternehmungen machten, Eis essen gingen oder zum Spielplatz fuhren. Das alles hatte sie nicht gehabt. »Mama, ich glaube, du hast so ziemlich alles falsch gemacht mit deinen Eltern. Du hättest es doch auf einen Versuch ankommen lassen können. Wer weiß, vielleicht hätte dein Vater dir verziehen, wir hätten in deinem Heimatort gelebt, vielleicht sogar im gleichen Haus und du hättest mich nicht in die Kinderkrippe geben müssen, weil die Oma und der Opa …«

Tanja unterbrach Jule in ihren Träumereien. »Nein, Jule, so wäre es nicht gekommen. Es existiert nämlich ein Vermächtnis meiner Großmutter, deiner Urgroßmutter. Großmutter Amalie hat vor vielen Jahren verfügt, dass nur derjenige, der in Anstand lebte, das heißt moralisch einwandfrei, das Recht haben sollte, auf dem Hof zu leben. Und wir beide wären vor ihren Augen nicht moralisch einwandfrei.«

Jule prustete los. Das war einfach zu viel für die junge, moderne Frau. »Das gibts doch nicht, so viel dummes Zeug passt doch auf keine Kuhhaut«, schüttelte sie lachend den Kopf. »Dann, Mama, dann war es richtig, dass du mit mir das Weite gesucht hast. Denn in so einer spießigen, engstirnigen Welt will ich wirklich nicht leben.«

Tanja atmete sehr erleichtert auf. Auch sie lächelte jetzt. »Du hast Recht, Jule. Das wäre nichts für uns gewesen.« Dann aber legte sich wieder ein Schatten über ihr hübsches Gesicht. »Trotzdem würde ich so gerne zum Grab meines Vaters fahren, Jule. Er war ein liebevoller Vater.«

»Aber natürlich, Mama, das solltest du auch. Ich begleite dich, dann kann ich mir diese altmodische Welt einmal genauer ansehen und ich lerne doch noch meine Großmutter kennen.« Jule nickte zufrieden. Für sie war das Thema damit erledigt.

Tanja zog die Stirn kraus. »Aber es wäre schon besser, wenn meine Mutter nicht erfährt, dass du keinen Vater hast, Liebes. Die Uhren dort im Dorf ticken anders. Und das Getratsche der Leute will ich meiner Mutter gerade zum jetzigen Zeitpunkt ersparen.«

»Ach, Mama, dann mache ich das einfach so wie in der Kita und der Grundschule.« Jule lachte laut auf. »Da habe ich den Kindern doch erzählt, dein Kollege Benny sei mein Papa und damit waren alle zufrieden. So wurde ich von lästigen Nachfragen und Hänseleien verschont.« Sie sah Tanja nickend an. »Du weißt, Benny selber hat mir den Vorschlag gemacht, dass ich ihn als Papa vorstelle. Er fand das witzig und noch heute macht er das gerne, wenn wir unterwegs sind.«

Benny war Tanjas Kollege und ein enger Freund.

So nickte Tanja jetzt nachdenklich und meinte: »Das könnte klappen. Es sind ja nur zwei, drei Tage, die wir dort sein werden. Danach sind wir wieder weg und niemand denkt mehr über uns nach. Also abgemacht: Wir fahren morgen in der Früh los. Ich habe mindestens noch eine Woche Überstunden und meinen kompletten Jahresurlaub. Da wird niemand etwas dagegen haben, wenn ich mir einige Tage frei nehme.«

Jule umarmte die Mutter. »Mama, es tut mir leid, dass dein Vater gestorben ist. Trotzdem freue ich mich darauf, morgen mit dir in die alte Heimat zu fahren. Ich bin einfach neugierig auf alles, auch auf meine Großmutter.«

Tanja drehte sich um und strich der Tochter liebevoll über ihr lockiges, hellblondes Haar. »Ich selber bin aufgeregt und mache mir Gedanken, wie meine Mutter uns empfängt. Aber ich habe sie als herzliche, warme Frau in Erinnerung und ich bin sogar sicher, dass sie darunter gelitten hat, dass ich so einfach mein Zuhause verlassen habe. Manchmal habe ich mir inzwischen gewünscht, ich hätte ihr von meiner ungeplanten Schwangerschaft erzählt. Aber das habe ich mich nie getraut und dann war es irgendwann auch zu spät. Jetzt belassen wir es dabei, dass Benny dein Vater ist und gehen allen Problemen aus dem Weg. Ich sag einfach, dass wir inzwischen getrennt sind. Dann gibt es keine Nachfragen.«

»Du kennst deine Familie, Mutti und machst es so, wie du es für richtig hältst. Du, hast du was dagegen, wenn ich mich noch mit den Mädels treffe? Anna und Svenja haben sich heute die Uni in Frankfurt angesehen. Sie wollen dort studieren, Sprachen oder so etwas in der Richtung. Ich bin schon neugierig.«

»Nein, Jule, mach nur. Was sagen deine Freundinnen eigentlich dazu, dass du Landwirtschaft studieren willst? Finden sie es nicht seltsam?«, hakte Tanja neugierig nach.