Neben dem Gleis - Jürgen Ehlers - E-Book

Neben dem Gleis E-Book

Jurgen Ehlers

4,6

Beschreibung

Hamburg, Juni 1959. Der spektakulärste Bankraub in der Freien Hansestadt. Ein Maskierter überfällt die Hamburger Zentrale der Deutschen Bank, weniger als 200 Meter von der nächsten Polizeiwache entfernt. Alarmsirenen schrillen, die Türen schließen sich automatisch, doch der Räuber springt durch ein offenes Fenster, schießt sich auf der Straße den Weg frei und entkommt mit 20.000 DM nach einer waghalsigen Flucht durch den U-Bahn-Tunnel. Kommissar Horst Berger merkt rasch, dass dieser Überfall zu einer Serie gehört, deren Beginn schon Jahre zurückliegt. Aber wer ist der Täter? Der Hamburger Bankräuber narrt seine Verfolger ein ums andere Mal. Banküberfälle sind keine Beziehungstaten. Erwischt man den Täter nicht auf frischer Tat, so kann man nur versuchen, ihm eine Falle zu stellen. Eine schwere Aufgabe für den jungen Kommissar. Im Raubdezernat hängt ein großes Foto des "Lords von Barmbeck",. Julius Adolf Petersen, von ihm selbst signiert. Und darunter steht in anderer Handschrift: Wir kriegen sie alle! Fragt sich nur wann, denkt Berger ...

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Jürgen EhlersNeben dem Gleis

Bisher vom Autor bei KBV erschienen:

Mitgegangen

Neben dem Gleis

Die Nacht von Barmbeck

Mann über Bord! (Kurzgeschichten)

Ganz schön tot (Hör-CD, zusammen mit Ralf Kramp)

Jürgen Ehlers, geboren 1948, arbeitet im Geologischen Landesamt in Hamburg. Seit 1992 schreibt er Kurzkrimis, die in verschiedenen Verlagen im In- und Ausland veröffentlicht wurden, und ist Herausgeber von Krimianthologien. Er ist Mitglied im »Syndikat« und in der »Crime Writers Association«. Sein erster Kriminalroman »Mitgegangen« wurde in der Sparte Debüt für den Friedrich-Glauser-Preis nominiert.

Jürgen Ehlers

Neben dem Gleis

1. Auflage September 2006

2. Auflage April 2009

© KBV Verlags- und Mediengesellschaft mbH, Hillesheim

www.kbv-verlag.de

E-Mail: [email protected]

Telefon: 0 65 93 - 998 96-0

Fax: 0 65 93 - 998 96-20

Umschlagillustration: Ralf Kramp, unter Verwendung eines

Fotos aus dem Hamburger Abendblatt vom 2. Juni 1959

Redaktion: Dorothee Steuer, Sankt Augustin

Satz: Volker Maria Neumann, Köln

ISBN 978-3-937001-90-6

E-Book-ISBN 978-3-95441-034-7

Im Tunnel

1. Juni 1959

1.

Angst? Natürlich hat er Angst! Dabei wirkt er äußerlich völlig ruhig, wie er jetzt mit seinem Werkzeugkasten vom Hamburger Rathausmarkt an der Börse vorbei in Richtung Rödingsmarkt geht. Niemand beachtet ihn. Er bewegt sich zügig, doch ohne Hast. Unauffällig. Ein Handwerker auf dem Weg zur Arbeit, könnte man glauben. Sein Werkzeugkasten ist ein offener Holzkasten, dunkelblau gestrichen. Zwei Schraubenschlüssel liegen darin und ein alter Lappen. Jetzt überquert der Mann den Mönkedamm. Auf der anderen Straßenseite gibt es nur einen schmalen Bürgersteig. Hier geht sonst niemand; jenseits der Barriere liegt die U-Bahn, deren Gleise nach einer engen Kurve im Tunnel unter dem Prunkbau der Handelskammer verschwinden. Der Mann tritt an die Brüstung heran. Die Schienen blinken in der Sonne. Der Mann beugt sich in aller Ruhe über das Geländer, streckt den Arm aus und lässt den Werkzeugkasten in die Tiefe fallen.

Krach! Der Aufprall ist lauter, als er gedacht hat. Der Mann richtet sich auf, bleibt eine Weile am Geländer stehen. Hat ihn jemand beobachtet? Möglich. Notfalls wird er hinuntersteigen, den Kasten aufnehmen und sich eine Weile an dem Signal zu schaffen machen, als ob etwas daran zu reparieren wäre. Doch niemand beachtet ihn. Ein rot-gelber U-Bahn-Zug kriecht aus dem Tunnel, fährt die Rampe in Richtung Rödingsmarkt hinauf. Es quietscht gewaltig, als sich der Zug in eine elegante Linkskurve legt und in Richtung Hafen verschwindet. Der Mann sieht ihm einen Moment lang nach. Dann beugt er sich wieder über das Geländer. Da liegt der Werkzeugkasten, zwischen Mauer und Gleis. Außerhalb des Bereichs, den der Zug durchfährt. Genau an der richtigen Stelle. Alles in Ordnung. Der Mann dreht sich um und geht davon, in Richtung Rathausmarkt. Noch ist nichts passiert, denkt er. Wenn er jetzt nach Hause ginge, wäre alles in Ordnung. Einen Moment lang stellt er sich vor, er würde genau das tun. Nach Hause gehen, sich einen Kaffee kochen, die Thermoskanne mit hinausnehmen in den Schrebergarten, sich in die Sonne setzen, den Vögeln zuhören ...

Nie wieder, das hatte er sich geschworen. Und er hat sich daran gehalten. Bis jetzt. Aber nun gilt das nicht mehr. Die Kinderlähmung, die hat ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht. Die große Tochter. So ein hübsches Mädchen. Und jetzt? Er braucht das Geld. Er braucht alles Geld, das er kriegen kann. Er nimmt die blaue Pudelmütze ab und steckt sie in die Tasche. In die linke Tasche. Rechts steckt die Pistole. Geladen und entsichert. Oder nicht? Doch, ganz sicher. Er muss sich zwingen, nicht nachzusehen. Er hat immer noch Angst.

2.

Hoffentlich wird der Sekt reichen, denkt Horst Berger. Wer weiß, wer alles kommt. Es ist immer schwer abzuschätzen. Einerseits soll es nicht protzig wirken, andererseits aber auch nicht geizig aussehen.

»Na, das sieht doch alles schon ganz nett aus!« Pagels begutachtet den Tisch mit den Knabbersachen und Getränken.

»Ja, Trudchen hat das alles hier aufgebaut.« Er sieht auf die Uhr. »Gleich geht’s los.«

»Nervös?«

»Nein«, sagt Berger. Ja, natürlich ist er nervös.

Pagels lacht. »Wird schon schiefgehn! – So ein schwieriger Haufen sind wir nicht.«

Das hat Berger schon anders gehört. Höll hat ihn ins Bild gesetzt, bevor der die Stelle in Delmenhorst angenommen hat. Sein direkter Vorgesetzter, Roeder, sei ein reiner Theoretiker ohne viel Sinn für tatsächliche Polizeiarbeit. Kayser sei ein Wichtigtuer und Drückeberger, Bentz verbissen und ehrgeizig. Beide hätten sich Hoffnung auf die Stelle gemacht. Der kleine Pagels ist vielleicht noch der beste Mann, den er hat. Mit dem hat auch Wilhelm, sein Vater, schon gearbeitet. Allerdings wäre auch Pagels ein möglicher Kandidat für die Planstelle gewesen. Höheres Dienstalter, größere Erfahrung. Wie wird er sich verhalten?

»Mal sehen, was wir so zuwege bringen.«

Pagels sagt: »Im Augenblick haben wir nur Kleinkram. Die Zeit der großen Räuber ist lange vorbei. In den Zwanzigerjahren, da war hier ganz schön was los. Ernst Hannack, die Petersen-Bande ...«

Berger nickt. Der Lord von Barmbeck! An der Wand hier im Besprechungsraum hängt ein großes Foto des legendären Ein- und Ausbrechers. Aufgenommen in besseren Tagen. Julius Adolf Petersen hat es selbst signiert. Und darunter steht – in anderer Handschrift – Wir kriegen sie alle!

3.

Fünfundsechzig Jahre. Ausgedient! Wilhelm Berger steht am Strand der Elbe und sieht hinüber in Richtung Blankenese. Die Sonne scheint. Ein großer Frachter fährt die Elbe aufwärts. Schwarzer Rumpf, weiße Aufbauten, das rot-weißrote Band und das eiserne Kreuz am schwarzen Schornstein klar zu erkennen. Seit dem Krieg kennt Berger sich aus mit Schiffen. Er braucht kein Fernglas, um zu sehen, dass dies ein Frachter der DDG Hansa ist. Von Asien kommend, auf dem Weg in den Hamburger Hafen. Hat die Fahrt genau abgestimmt, dass er am Montag eintrifft, um unnötige Liegegebühren am Wochenende zu sparen. Und jetzt nutzt er das auflaufende Wasser, denkt Berger.

Berger hat Zeit. Er ist im Ruhestand, könnte ausspannen. Aber er ist früh aufgestanden, aus alter Gewohnheit, und die Kösterburg hat geschlossen. Montag Ruhetag. Das alte Lokal sieht so aus, als ob es überhaupt nie wieder öffnen würde. Macht nichts. Berger hat seinen eigenen Kaffee dabei. Er schraubt die Thermoskanne auf und gießt sich einen Becher ein. Noch ist es kühl draußen; der Kaffee dampft. Aber es wird ein warmer Tag werden.

Auf diesen Tag hat er lange gewartet. Sein Sohn, der Horst, fängt heute an als frisch gebackener Kommissar im Raubdezernat. Jetzt kann nichts mehr schiefgehen. Jetzt ist es egal, was der Alte anstellt, man kann es dem Sohn nicht mehr zur Last legen. Und auch wenn sie sich nicht gerade gut verstehen, so freut er sich doch, dass der Horst jetzt eine feste Anstellung hat. Sicher feiern sie jetzt, denkt Berger. Pfeifer hält irgendeine bombastische Ansprache, und es gibt Sekt und belegte Brötchen.

Nein, es ist schon besser, wenn der Junge das allein macht. Die Anwesenheit des Vaters wäre eine Belastung gewesen in solch einem Moment. Sollen sie ruhig unbeschwert feiern.

Das schwarze Schiff ist inzwischen hinter den Kränen der Deutschen Werft verschwunden. Nur die Mastspitzen sind noch sichtbar, wie sie in aller Ruhe weiter in Richtung Hafen ziehen. Berger schüttelt den letzten Tropfen aus dem Becher, schraubt die Thermosflasche zu und verstaut sie wieder im Rucksack. Dann macht er sich auf den Weg.

Den VW hat er am Deich geparkt. Am Sonntag mag es hier von Ausflüglern gewimmelt haben, heute ist sein Wagen der einzige weit und breit. Berger steigt ein und fährt zurück in Richtung Hamburg.

Die Straße folgt den Windungen des Deiches. Prachtvolle Bauernhäuser sieht er, einige noch reetgedeckt. Die Kopfweiden an den Bracks sind lange nicht geschnitten worden; es gibt niemand mehr, der Körbe aus Weidenzweigen flechten würde. Vor Berger kriecht ein Lastwagen durch die Dörfer. Es gibt keine Möglichkeit zu überholen. Aber es ist auch unnötig. Berger hat viel, viel Zeit.

4.

»Ich freue mich, dass wir wieder einen Berger unter uns haben«, sagt Roeder.

Berger sieht ihn prüfend an. Fast könnte man glauben, dass er es ehrlich meint. »Ich freue mich auch.«

»Nette Party übrigens. Schade, dass Ihr Herr Vater es nicht einrichten konnte.«

»Ja«, sagt Berger. Roeder kann nicht wissen, dass er ihn gar nicht eingeladen hat.

»Aber die Rentner, das wissen wir ja alle, nie haben sie Zeit!« Roeder lacht. Er sagt zu Kayser: »Wussten Sie eigentlich, dass die Bergers ein regelrechter Clan von Kriminalisten sind?«

»So würde ich das nun nicht ausdrücken«, widerspricht Berger. »Vater und Sohn, das ist der ganze Clan. Papa war in Düsseldorf bei der Mordkommission und ist dann später nach Hamburg gegangen, und ich – ich fange jetzt gerade erst an.«

»Aber irgendjemand hat mir gesteckt, dass auch Ihr Sohn sich schon für die Kriminalistik interessiert ...«

»Mein Sohn?« Michael ist zehn Jahre alt. Berger schüttelt den Kopf.

»Und Ihr Herr Vater – der ist ja nun schließlich nicht irgendein beliebiger Polizist, sondern einer der ganz großen. Der Mann, der Peter Kürten zur Strecke gebracht hat. Den Vampir von Düsseldorf. Der Erfolg hatte, wo selbst der große Gennat versagte. Und dessen Aufklärungsquote auch nach dem Krieg in Hamburg ganz erstaunlich ...«

Horst Berger kann es nicht mehr hören.

»Wir heißen Sie jedenfalls herzlich willkommen.«

5.

»Na, was halten Sie von unserem Neuen, Pagels?« Trude ist mit ihrem Glas Sekt vertraulich nahe an den Kriminalisten herangerückt.

Trudchen ist harmlos. Aber sie hat zu viel getrunken, denkt Pagels. Und sie schwatzt zu viel. Man muss aufpassen, was man ihr sagt. »Er sieht doch gut aus, finden Sie nicht?«

»Ja, schon ...« Sie tut so, als ob sie Horst Berger zum ersten Mal unter diesem Gesichtspunkt betrachtet.

»Was Krawatten angeht, hat er jedenfalls einen besseren Geschmack als der Roeder. Pech für Sie, dass er schon verheiratet ist. So müssen Sie schon mit Leuten wie mir vorliebnehmen.« Das ist ein Scherz. Pagels ist knapp zwanzig Jahre älter als die Sekretärin und an die zehn Zentimeter kleiner.

Sie wirft ihm einen Blick zu, der bedeuten soll: Leute wie Sie kommen mir sowieso nicht ins Haus. Sie sagt: »Sie irren sich. Er ist nicht verheiratet. Er hat einen Sohn, das ja, aber er ist nicht verheiratet. Getrennt oder geschieden, das weiß ich nicht; das muss ich noch herausfinden.«

»Was Ihnen sicher nicht schwerfallen wird.«

»Ich habe seine Personalakte nur ganz kurz gesehen. Aber – sitzt er jetzt nicht auf dem Stuhl, der eigentlich Ihnen zugestanden hätte?«

»Wer sagt das denn?«

»Ach, man hört so Dinge ...«

»Von mir jedenfalls nicht. Ich bin froh und zufrieden mit dem Posten, den ich hier habe.«

6.

»Und was hältst du nun wirklich von ihm?«, fragt Kayser, als Trudchen auf der Suche nach etwas zu knabbern endlich losgezogen ist.

»Ich bitte dich, Ernst, nach einem halben Tag – was soll ich da sagen?«

»Erster Eindruck?«

»Dafür ist es noch zu früh. – Jedenfalls ist er ganz schön jung, das bringt Leben in die Bude!«

Kayser leert sein Glas, setzt sein Werbelächeln auf und tönt: »Auch Sie können jünger aussehen – denn Palmolive verjüngt Ihr Gesicht!«

»Lass den Unsinn«, sagt Pagels. Er sieht in der Tat älter aus, als er ist.

Kayser lacht. »Wann kaufst du dir endlich einen Fernseher?«

»Um täglich diese Sprüche zu hören? – Nie! Es reicht schon, wenn du dauernd damit kommst!«

»Ich bin eben ein fröhlicher Mensch. – Aber was den Berger angeht, will ich dir sagen, was ich von ihm halte. Ein paar Dinge kann man nämlich schon nach zehn Minuten sehr deutlich erkennen. Ich jedenfalls. Er ist mir zu steif, genau wie sein Vater, und er trägt mir die Nase ein bisschen zu hoch.«

»Guckt mal«, sagt Bentz. »Die beiden da drüben tuscheln auch über ihn!«

7.

»Herr Roeder, ich verstehe Ihre Bedenken nur zu gut.« Bergers neuer Chef hat sich mit Kriminalrat Pfeifer in eine ruhige Ecke zurückgezogen. Pfeifer lächelt ihn an. »Wir haben uns ja ausführlich darüber unterhalten. Und glauben Sie mir, ich habe es mir nicht leicht gemacht. Ich kenne den Berger seit vielen Jahren. Ich weiß, was er kann und was er nicht kann. Und unser Verhältnis war nicht immer völlig ungetrübt. Aber es gibt einfach Notwendigkeiten, über die kann man sich nicht hinwegsetzen.«

»Glauben Sie denn wirklich, dass wir hier im Raubdezemat ...«

Mein Gott, jetzt kommt wieder diese Platte! »Natürlich nicht, mein Lieber, natürlich nicht. Sie können mir glauben, dass mir Raub genauso am Herzen liegt wie die Tötungsdelikte. Aber wir müssen heute nehmen, was wir kriegen können. Das ist der Nachteil dieses sogenannten Wirtschaftswunders. Für Handel und Industrie mag es ein Segen sein, aber für uns in der Behörde ist es eher ein Fluch. Es macht den Stellenmarkt kaputt. Wir haben Vollbeschäftigung. Sie kennen die Zahlen. Was sagt das Abendblatt? Arbeitslosigkeit 0,2%. Und da sind noch die Leute mitgezählt, die nun wirklich keine Arbeit haben wollen. Die private Wirtschaft bietet Traumjobs und zahlt Spitzengehälter. Da können wir nicht mithalten. Wir müssen nehmen, was übrig bleibt.«

»Hätte man denn nicht ...«

»Roeder, Schluss damit! Davon will ich nichts mehr hören. Sie kennen Berger doch noch gar nicht. Wahrscheinlich werden Sie viel besser miteinander auskommen, als Sie jetzt denken. Und Sie sind immerhin der Chef.«

Roeder nickt. Er denkt: Doch, ich kenne diese Sarte. Pfeifer kann reden, was er will; es stimmt einfach nicht. Pagels wäre der bessere Mann gewesen. Trotz der Vorgeschichte. Aber er weiß, dass jedes weitere Wort vergebens ist. Er stellt sein Glas ab und geht.

8.

Die Hamburger Zentrale der Deutschen Bank liegt mitten im Herzen Hamburgs. Da ist das Rathaus, da ist die Börse, und ringsherum all die Einkaufsstraßen – genau der richtige Platz für ein großes Bankhaus. Ein klassizistischer Bau, nicht übertrieben zweckmäßig, aber dafür äußerst imposant, mit hohen Fronten zum Alten Wall und zum Adolphsplatz hin und mit einer wunderschönen Sandstein-Fassade. Die Kunden, die hier verkehren, sind in erster Linie Geschäftsleute. Der Kunde, der gegen dreizehn Uhr die Schalterhalle betritt, gehört allerdings nicht zu dieser Kategorie. Helmut Bressel streift ihn mit einem flüchtigen Blick. Ein unauffälliger Mann. In Arbeitskleidung. Ein Handwerker vielleicht. Die einzige Besonderheit ist ein dunkles Halstuch. Ungewöhnlich für einen Mann. Erst recht in dieser Jahreszeit. Aber der Kassierer hat schon weit ungewöhnlichere Kleidung gesehen. Die Hanseaten sind nicht so konservativ, wie man glaubt. Einige zumindest.

Der Mann wartet einen Moment, bis sich seine Augen an die Lichtverhältnisse gewöhnt haben. Hier ist es angenehm kühl. Man spürt geradezu die Seriosität des Hauses und die Nähe des Geldes. Es herrscht reger Publikumsverkehr. Herren im feinen Anzug. Gedämpftes Stimmengemurmel. Niemand beachtet ihn. Für diese Leute ist er ein Niemand, ein Nichts. Das wird sich gleich ändern. Jetzt. Er zieht sich das Halstuch vor das Gesicht, läuft an den Leuten vorbei und springt mit einem Satz bei Schalter zwölf über den Tresen. Helmut Bressel geht auf ihn los; der Räuber schießt sofort, trifft ihn in den Oberarm. Bressel schreit auf, stürzt zu Boden. Mein Arm, denkt er, der Kerl hat mir den Arm zerschossen. Es tut irrsinnig weh. Ich muss ihn packen, denkt Bressel, ihn festhalten, ihn zu Fall bringen, doch er ist zu keiner Gegenwehr mehr fähig. Irgendwo kreischt eine Frau.

Der Kerl rafft Bündel von Zwanzigmarkscheinen zusammen. Er stopft sich das Geld in die Jacke, schießt noch viermal in die Luft, bis sich keiner mehr traut, sich zu bewegen. Einige Kunden haben sich auf den Boden geworfen, andere starren ungläubig in die Ecke, aus der die Schüsse kommen. Einer der Bankbeamten drückt inzwischen auf den Alarmknopf. Sirenen heulen; alle Ausgangstüren der Bank werden automatisch verriegelt. Gott sei Dank, denkt Bressel. Wenigstens das hat geklappt; wir haben ihn. Gut, dass wir das so oft geübt haben! Da sitzt jeder Handgriff. Und der Täter steckt in der Falle.

Aber haben sie ihn wirklich? Nein, noch lange nicht. Der Mann eilt zum Fenster; niemand wagt es, ihn aufzuhalten. Er reißt den rechten Flügel weit auf und springt aus 2,20 m Höhe auf die Straße, auf den Alten Wall. Der Weg ist frei.

Nein, der Weg ist nicht frei. Der Alte Wall ist eine belebte Straße. Der Rechtsanwalt Manfred Dege aus Blankenese sieht, wie der Bankräuber aus dem Fenster springt. Er ist siebenundvierzig Jahre alt, kräftig, ehemaliger Fallschirmjäger. Mutig stellt er sich dem Flüchtenden in den Weg. Ein kurzes Handgemenge. »Lass los!« Der Anwalt lässt nicht los, der Bankräuber setzt ihm die Pistole auf die Brust und drückt ab. Manfred Dege bricht zusammen; der Mann rennt weiter, rennt durch den Hof des benachbarten Postamtes 11, verblüfft sehen sich die Postbeamten nach ihm um. »He, wo willste denn hin?«, ruft einer. Der Mann antwortet nicht. Über den Hof gelangt er auf die andere Seite der Post, auf den Mönkedamm. Bremsen quietschen, als er über die Straße rennt. Er schwingt sich über die Brüstung und springt in die Tiefe. So ein Idiot! Der Autofahrer, der gerade noch bremsen konnte, schüttelt fassungslos den Kopf. Der Kerl ist doch tatsächlich runter auf die U-Bahngleise gesprungen!

9.

»Störe ich etwa?« Kleinert aus der Zentrale.

»Komm rein, Mensch, trink ein Glas mit!«

Kleinert schüttelt den Kopf. »Ich habe schlechte Nachrichten. Die Party ist wohl zu Ende. Fürs Erste jedenfalls.«

»Sind wir zu laut oder was?«

»Das auch. – Nee, wir haben einen Überfall. Ist gerade gemeldet worden. Deutsche Bank. Die Zentrale ...«

Scheiße, denkt Berger. Das fängt ja gut an! Und dieser Bursche erzählt das in aller Seelenruhe! »Hätten Sie denn nicht anrufen können?«

»Haben wir versucht, aber hier geht ja keiner ran. Hat bei dem Radau wohl niemand gehört, das Telefon.«

Ein Blick auf den Schreibtisch – da steht das Ding. Hätten wir doch hören müssen, denkt Berger. Er hebt den Hörer ab. Ganz normales Freizeichen.

Pfeifer schüttelt den Kopf. »Hat also einer von diesen Narren wieder einmal zugeschlagen!«

»Ja.« Berger dreht das Telefon um. Jemand hat es auf leise gestellt. Wütend sieht er sich um. Pagels legt ihm die Hand auf die Schulter: »Los.«

10.

Warum nur? Warum hat er geschossen? Klar, es ging nicht anders. Und jetzt, jetzt rennt er um sein Leben. Der Sprung in die Tiefe! Halsbrecherisch. Ganz vorsichtig hatte er sich herunterlassen wollen. Doch dafür ist jetzt keine Zeit mehr. Er kommt unglücklich auf. Sein Fuß! Sein rechter Fuß tut irrsinnig weh. Gebrochen? Nein, nicht gebrochen. Er kann weiterlaufen.

Und jetzt? Warten, bis die U-Bahn aus dem Tunnel kommt, das war der Plan. Aber oben auf der Straße werden schon Rufe laut. »Hierher!«, schreit jemand. »Hier ist er!« – Zum Teufel mit dem Plan. Nichts wie weg hier.

In fieberhafter Hast packt er das Geld in den Werkzeugkasten. Ein paar Scheine fallen daneben. Er rafft sie zusammen, rein damit, den Putzlappen drüber, fertig. Und nun weg. Er entscheidet sich für die rechte Röhre. Als er in der dunklen Höhle verschwindet, merkt er, dass er die Mütze verloren hat. Macht nichts, weiter! Im Schein der Taschenlampe rennt er durch den Tunnel. Sie kriegen ihn nicht. Sie dürfen ihn nicht kriegen. Jetzt nicht. Nie. Da gerät er ins Stolpern. Ein wahnsinniger Schmerz durchzuckt seinen rechten Fuß. Und drüben, in der anderen Röhre, ertönt jetzt unüberhörbar das Herannahen des Gegenzuges. Jetzt bleibt ihm noch eine halbe Minute, sich in Sicherheit zu bringen.

11.

Banküberfall mitten in Hamburg! Schießerei, Tote, Verletzte! Täter gefasst! Nein, Täter geflüchtet! Die Meldungen überschlagen sich. Hektik in der Polizeizentrale. Und ich habe Sekt getrunken, denkt Berger. Klar, dass das sofort jeder merkt. Aber es lässt sich jetzt nicht mehr ändern. Hatte er nicht immer noch irgendwo ein Pfefferminz ...? Er kann es nicht finden, egal, nichts wie los! Die Polizei dirigiert sofort alle verfügbaren Radio-Streifenwagen zum Adolphplatz. Die Kollegen von der Rathauswache sind vor Ort, haben den Tatort abgesperrt.

»Was ist mit den Verletzten?«, fragt Berger. Auf dem Pflaster des Gehwegs befindet sich ein großer brauner Blutfleck.

»Schon abtransportiert, auf dem Weg ins Krankenhaus.«

12.

»Die U-Bahn! Wir müssen sofort die U-Bahn stoppen! Alles abriegeln!«

Berger und Pagels sind in der Rathauswache eingetroffen. Nun geht es los.

»Wer ist dafür zuständig?«

»Weiß ich nicht. Wir nicht. Das muss die Hochbahn machen.« Die U-Bahn ist in Hamburg Teil der Hochbahn, das hat Berger inzwischen begriffen.

Um 13.40 Uhr ruft er von der Rathauswache aus bei der Hochbahn an: »Wir müssen einen Mann im U-Bahn-Tunnel Mönkedamm – Rathaus suchen ...«

»Ja, einen Moment bitte, ich verbinde Sie mal mit unserem Außendienst-Inspektor.«

Nervös trommelt Berger mit den Fingern auf die Tischplatte.

»Davon geht es auch nicht schneller«, bemerkt einer der Schupos. Das stimmt natürlich.

13.41 Uhr.

Nichts passiert.

13.42 Uhr.

»Ja, hier ist noch mal die Zentrale. Unser Herr Steffen ist jetzt auf dem Weg zu Ihnen. Polizeiwache im Rathaus, das war doch richtig, oder?«

»Entschuldigen Sie, ich brauche den Mann nicht hier. Er soll die Züge anhalten, dass wir in den Tunnel können.«

»Ja, das können Sie dann alles gleich mit dem Herrn Steffen besprechen. Er ist auf dem Weg.«

Berger knallt den Hörer auf die Gabel. Alles geht schief, denkt er. Mein erster großer Einsatz, und nichts als Chaos.

»Nur ruhig Blut«, sagt Pagels, der die Nervosität seines Chefs bemerkt. »Die Ausgänge sind ja abgeriegelt. Wenn er noch drin steckt, haben wir ihn. Und wenn er schon draußen ist, dann ist er sowieso weg.«

Der ist längst weg, denkt Berger.

Geschlagene zwanzig Minuten dauert es, bis der Außendienst-Inspektor der U-Bahn in der Polizeiwache eintrifft.

»Mein Gott, da sind Sie ja endlich! In der Zeit hätte man ja zu Fuß vom Hauptbahnhof herkommen können!« Berger ist ungehalten.

Steffen, ein gemütlicher, dicker Mann, lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Er ist zu Fuß gekommen. »Wo brennt’s denn?«

Nach kurzer Lagebesprechung gibt Steffen über Telefon Anweisung an alle U-Bahn-Züge: »Die Ringlinie zwischen Rödingsmarkt und Hauptbahnhof ist ab sofort in beiden Richtungen voll gesperrt. Personen im Gleisbereich ...«

»Also los!«, ruft Berger.

Er überlegt. Hat er alles richtig gemacht? Ist alles geregelt? Die Staatsanwaltschaft! Hat Roeder das erledigt? Wahrscheinlich.

Um 13.50 Uhr beginnt die Suche im Tunnel. Berger, Pagels und die Schutzpolizisten steigen zusammen mit dem Mann von der Hochbahn über die Barriere am Mönkedamm, klettern hinunter auf die Gleise. Da liegt eine blaue Pudelmütze. Sie wird sichergestellt.

Vorsichtig dringen die Männer in die Tunnelröhren ein. Beide Gleise sind durch eine Mauer voneinander getrennt. Der Tunnel ist eng. Sie müssen auf dem Gleis gehen. Die Röhre führt in einer scharfen Rechtskurve nach unten. Man kann keine fünfzig Meter weit sehen. Die Taschenlampen reichen nicht aus, um den unterirdischen Gang zu erhellen. Unruhig fahren die Lichtkegel hin und her. Die anderen sind auch nervös, denkt Berger. Einer der Schutzpolizisten pfeift die Melodie aus dem Dritten Mann.

»Ruhe«, sagt jemand. Die Melodie bricht ab. Berger kann nur hoffen, dass der Bahnverkehr wirklich gestoppt ist. Und dass der Bankräuber nicht irgendwo hier unten mit gezogener Waffe auf sie lauert. Er ist weg, er ist weg, denkt er. Aber – wenn nun nicht?

Kein Zug kommt. Der Tunnel bleibt leer. Wo immer der Täter jetzt sein mag – hier ist er nicht. Steffen sagt: »Er wird wohl gleich zum Rathausmarkt gelaufen sein. Dort ist er dann wahrscheinlich in den nächsten Zug und weg.«

»Das müsste doch jemand gesehen haben!«

Gesehen vielleicht, denkt Berger. Aber warum hätte er es melden sollen?

»Die Haltestelle ist etwas unübersichtlich, das werden Sie gleich merken, wenn wir wieder herauskommen. Wegen der Kurve. Und wenn zum Beispiel auf dem anderen Gleis gerade ein Zug abgefertigt wird, dann kriegt keiner mit, dass da eine betriebsfremde Person aus dem Tunnel kommt.«

Er kann noch hier unten stecken, denkt Berger. Nimmt dieser Tunnel denn überhaupt kein Ende?

Steffen sagt: »Eine solche Flucht ist natürlich mit großer Lebensgefahr verbunden. Die Züge der Ringlinie fahren ja im Fünf-Minuten-Takt. Und an den Tunnelwänden gibt es auf diesem Streckenabschnitt keine Ausweichstellen, das sehen Sie ja selbst. Nur eine einzige in der Tunnelmitte, zwischen den beiden Gleisen. Auf halbem Wege. Da vorne ist die Stelle, sehen Sie!«

Ja, da ist die Verbindung. Auf einer Strecke von einigen Metern ist die durchgehende Mauer durch einzelne Stützpfeiler ersetzt.

»Fünf Minuten, das ist wirklich knapp«, sagt Berger. Der Tunnel ist von 1912; da hat man wohl noch nicht allzu viel Wert auf Arbeitssicherheit gelegt. Auf den U-Bahn-Gleisen kann man nicht schnell davonlaufen, so viel steht fest. »Aber man kann das natürlich in zwei Etappen machen: erst bis zur Ausweichstelle rennen, in der Nische warten, bis der nächste Zug vorbei ist, und dann weiter.«

»Möglich. – Aber außer den Hochbahnern kennt eigentlich niemand diese Stelle.«

Berger sieht seinen Begleiter an. Weiß der Mann, was er da sagt?

»Man kann es vom Zugfenster aus sehen«, sagt einer der Polizisten.

Steffen widerspricht. Das geht zu schnell, die Züge sind erleuchtet, der Tunnel ist dunkel, man kann nicht viel erkennen.

Er wird es abgegangen sein, denkt Berger. Das wäre kein großes Problem. Nachts ruht der Verkehr; die Zugänge zu den Haltestellen werden zwar mit eisernen Gittern verschlossen, aber der Tunnel bleibt natürlich offen.

Sie kommen zum Rathaus. Die Haltestelle ist in der Tat unübersichtlich – nicht so sehr wegen der Kurve, die Steffen erwähnt hat, sondern weil beide Bahnsteige dicht gedrängt voller Menschen stehen. Eine absurde Situation, denkt Berger. Sie gehen in gebückter Haltung über die Gleise, leuchten in alle Winkel, können gar nicht anders als den Frauen unter die Röcke zu gucken.

»Was ist denn das da?«

Unter dem Bahnsteig findet sich eine Höhlung.

»Ein Kabeltunnel.«

»Wo kommt man da hin?«

»Nirgendwo.«

»Wir müssen trotzdem nachsehen«, sagt Pagels. Berger zögert eine Sekunde. Das ist mein Job, denkt er. Schon kniet er auf dem Schotter, leuchtet mit der Taschenlampe in den Hohlraum unter dem Bahnsteig. Kein Zweifel, hier wäre Platz genug, dass sich ein Mensch verstecken könnte. Berger kriecht auf dem Bauch in das finstere Loch. Es staubt. Er muss husten. Dann leuchtet er jeden Winkel des Hohlraumes ab. Groß genug, um eine ganze Fußballmannschaft zu verbergen. Aber hier ist keine Fußballmannschaft. Hier ist niemand.

Berger erhebt sich, klopft sich den Dreck aus dem Anzug.

»Das war’s dann wohl. – Oder sollen wir noch weitergehen bis zur nächsten Station? Mönckebergstraße wäre das dann. Auch nur ein paar hundert Meter«, sagt Steffen.

Berger schüttelt den Kopf. Weiter als bis hier ist der Kerl bestimmt nicht durch den Tunnel marschiert.

»Der ist jetzt längst zu Hause und zählt sein Geld«, sagt jemand.

Ja, wahrscheinlich. Um 15.12 Uhr, mehr als zwei Stunden nach dem Überfall, wird die Suche im U-Bahn-Tunnel abgebrochen.

13.

Der Mann ist nicht zu Hause. Mit Mühe hat er es bis zum Rathausmarkt geschafft. Die U-Bahn – er hat sich nicht getraut, den nächsten Zug zu nehmen. Ein Fehler, denkt er jetzt. Verdammte Panik! Sie waren zu dicht hinter ihm her gewesen. Nun sitzt er hier auf einer der Bänke in der Sonne. Den Overall hat er ausgezogen; der liegt jetzt im Werkzeugkasten. Darunter das schwarze Tuch.

Und jetzt? Zur U-Bahn kann er nicht zurück. Klar, dass da inzwischen alles abgeriegelt ist. Und die andere Möglichkeit, die er so sorgfältig vorbereitet hat, auch die liegt jetzt jenseits seiner Möglichkeiten. Der Fuß ist angeschwollen, drückt gegen den fest geschnürten Stiefel. Er muss weiter, so rasch wie möglich.

Doch noch immer ist zu viel Polizei auf dem Platz. Vor der Kaufhalle und auch drüben, am Ausgang der U-Bahn.

14.

Als Berger wieder ins Freie tritt, kommt ein Polizist auf ihn zu. »Sind Sie der Herr von der Kripo?«

Berger nickt.

»Wir haben was gefunden. Ein Fahrrad. – Könnte mit dem Banküberfall zusammenhängen.«

»Ein Fahrrad?« Berger guckt skeptisch. Der Kerl ist zu Fuß gekommen und zu Fuß geflüchtet, denkt er. Durch den Tunnel und dann ab in die U-Bahn. Oder vielleicht doch nicht?

»Wo steht denn dieses Fahrrad?«, fragt Pagels.

Vor der Kaufhalle steht es, direkt gegenüber vom Rathaus.

»Du meine Güte«, entfährt es Berger. Das Fahrrad ist eine ziemliche Schrottkiste.

»Das steht hier schon ein paar Stunden. Ist den Leuten von der Kaufhalle aufgefallen, da haben sie uns angerufen. Hier sollen nämlich keine Fahrräder stehen, hier vor den Schaufenstern ...«

»Ja«, sagt Berger. Vielleicht hat der Kerl das Rad hier wirklich deponiert, für alle Fälle sozusagen, und es dann am Ende doch nicht genutzt. Vielleicht hat jemand gesehen, wie er es hier abgestellt hat. Das könnte eine Spur sein. Vielleicht ist er vorher schon mal hier gewesen mit diesem Fahrrad und jemand erinnert sich daran? Lauter Dinge, die sie erfragen müssen.

»Das Rücklicht geht nicht«, sagt der Polizist.

Berger starrt ihn entgeistert an. »Haben Sie das Rad etwa angefasst?«

»Ja, natürlich, ich wollte doch ...«

So viel zum Thema Fingerabdrücke, denkt Berger. »Und wer hat sonst noch mit dem Fahrrad herumhantiert?«

»Niemand eigentlich. Außer den Verkäufern. Die haben es zur Seite geschoben, weil es ja direkt vor dem Schaufenster stand.«

15.

In der Bank werkelt die Spurensicherung. Kayser und Bentz sind dabei, die Zeugen zu vernehmen. Berger nimmt Kayser zur Seite. »Wie sieht’s aus?«

Kayser zuckt mit den Schultern.

»Das müssen doch an die zwanzig Zeugen gewesen sein, allein hier in der Bank. Und dann noch draußen auf der Straße.«

»Ja, natürlich. Aber mir ist ein einzelner halbwegs vernünftiger Zeuge immer lieber als zwanzig, die sich ungeheuer wichtig finden und in Wirklichkeit nicht aufgepasst haben. – Aber die Jungs von der Spurensicherung, die haben wenigstens Erfolg gehabt. Klasse Fingerabdrücke.«

»Auf dem Tresen?«

»Nee, da nicht. Aber dafür am Fenster.«

»Fein.« Schade, dass wir ihn nicht erwischt haben, denkt Berger. Eigentlich hätten wir ihn haben müssen.

Da kommt einer der Männer hereingestürzt, die sie gerade vernommen haben.

»Na«, sagt Kayser, »ist Ihnen noch etwas eingefallen?«

»Ich hab ihn gesehen!« Der Mann ist völlig außer Atem.

»Wen haben Sie gesehen?«

»Den Bankräuber! Er ist hier, auf dem Rathausplatz!«

Sie stürzen ins Freie.

»Da! – Da hat er eben noch gesessen.«

Sie kommen zu spät. Der Mann hat all seine Kräfte zusammengenommen und ist mit der Straßenbahn in Richtung Gänsemarkt – Dammtor – Bahnhof davongefahren.

16.

»Der Kerl hat großes Glück gehabt«, sagt Berger.

Sie stehen am Geländer zur U-Bahn. Die Strecke ist wieder freigegeben. Berger und Pagels sehen zu, wie einer der Züge aus dem Tunnel herauskriecht. Im nächsten Moment kommt von der anderen Seite, vom Rödingsmarkt her, der Gegenzug.

»Das war kein Glück«, sagt Pagels. »Das ist ein Profi gewesen. Der hat das geplant.«

Berger schüttelt den Kopf. »Wie soll das gehen? Den Überfall kann er doch nicht bis auf die Sekunde planen. Und dann die Flucht durch die Post. Der Durchgang, da muss erst einmal alles frei sein. Und dann kommt noch der Mann dazwischen, der ihn aufhalten will, das sind doch alles Sachen, die man einfach nicht planen kann.«

»Hier über das Geländer kann er auf jeden Fall. Und dann muss er sich nur eng an die Mauer stellen und warten, bis der Zug vorbei ist. Das sieht zwar nicht so aus, aber da ist genug Platz. Hier bei dem Signal zum Beispiel. Da kann er sich sogar dran festhalten.«

Berger blickt hinunter auf die Gleise. Ja, möglich wäre es vielleicht. »Ich möchte da nicht stehen«, sagt er.

»Gute Nerven, das ist alles. Und dann die Flucht in den Tunnel. Er kann sich ganz sicher sein, dass ihm da so schnell keiner folgt.«

»Wahnsinn. Das muss er vorher ausprobiert haben. Nachts.«

»Ausprobiert oder ausgemessen.«

»Ausgemessen?«

»Auf dem Stadtplan. – Er wartet also, bis der Zug weg ist, und dann latscht er los.«

»Dann rennt er los!«

»Nicht nötig. – Was glaubst du denn, wie lang ist der Tunnel?«

»Fünfhundert Meter?«, rät Berger.

Pagels schüttelt den Kopf. »Schlappe hundertzwanzig Meter.«

»Mir kam’s endlos vor.«

»Das täuscht.«

»Ja. Ja, du hast recht, wahrscheinlich war das wirklich ein Profi. Der hat das vorher alles genau ausgetüftelt. Der hat so was nicht zum ersten Mal gemacht.«

Berger kommt sich auf einmal leicht und unbeschwert vor. Nichts ist erreicht – und dennoch: Das könnte klappen, denkt er. Mit dem Pagels könnte es klappen. Kayser und Bentz sind Pfeifen, da kann man nichts machen, aber mit Pagels könnte ich klarkommen.

17.

»Wie geht es Ihnen?« Der junge Mann sieht blass aus.

»Schlecht genug«, sagt er. »Ein glatter Durchschuss, meint der Arzt, und ich sollte froh sein, dass es nicht schlimmer gekommen ist.«

»Ja«, sagt Berger. Der Kassierer kann befragt werden, der Anwalt nicht, hat der Arzt gesagt. Der schwebt noch immer in Lebensgefahr.

»Schmerzen?«

»Nein. Nein, das ist es nicht. Die haben mir ein Mittel gegeben, dass ich nichts merke. – Nein, was mich wurmt, ist, dass ich so gar nichts machen konnte. Ich bin doch einigermaßen kräftig und sportlich, und ich habe immer geglaubt, wenn bei mir einer kommt und so etwas versucht, den haue ich aus dem Anzug. Nichts davon. Gar nichts habe ich gemacht.«

»Er hat Sie niedergeschossen«, sagt Berger. »Da kann man nichts machen.«

»Ich hätte ihn festhalten können.«

»Und dann? Er hätte noch einmal geschossen. Damit wäre nichts gewonnen gewesen.«

»Doch. Für mich. Dann hätte ich gewusst, dass ich alles getan habe, was in meiner Macht stand. Aber so ...«

»Unsinn. – Ich bin auch einmal angeschossen worden«, behauptet Berger. »Ich weiß, wie das ist. Da macht man gar nichts mehr.«

Pagels wirft Berger einen forschenden Blick zu. Angeschossen? Berger? Das würde er wissen.

»Jedenfalls sind Sie unser wichtigster Zeuge. Sie haben den Täter aus nächster Nähe gesehen. Deshalb ist es für uns auch so wichtig, mit Ihnen zu sprechen.«

»Tja«, sagt Bressel. Er überlegt.

»Fangen wir mit dem Einfachsten an«, sagt Berger. »War er groß oder klein?«

»Groß.«

»Größer als Sie?«

»Ja, würde ich sagen. An die 1,90 m, denke ich. 1,80 bis 1,90.«

»Wie alt?«

»Alter als ich. Viel älter. Vierzig vielleicht.«

»Würden Sie den Mann wiedererkennen?«

»Ich weiß nicht. – Ich hab ihn ja erst richtig gesehen, als er zu mir in die Kassenbox gesprungen ist. Und da hatte er ja schon diese Maske auf.«

»Was für eine Maske?«

»So ein dunkles Tuch. Nur die Augen konnte ich sehen.«

»Blau oder braun?«

»Keine Ahnung. Stechend, das ist alles, was mir daran aufgefallen ist. Es ging ja alles so rasend schnell.«

»Ja, natürlich.« Berger bleibt ganz ruhig. Stechende Augen, denkt er. So ein Blödsinn! Aber man darf in solcher Situation keine Gefühle zeigen. Keine Enttäuschung. »Und wie war das mit den Haaren?«

»Tut mir leid, die hab ich nicht gesehen, er hatte ja diese Mütze auf.«

»Die Pudelmütze, ja. Die haben wir nachher auf den Gleisen gefunden.«

Stück für Stück gehen sie die übrige Bekleidung durch. Der graue Anzug entpuppt sich jetzt als ein grünlich-grauer Overall. Passt auch viel besser zu der Verkleidung als Monteur, denkt Berger.

»Und die Schuhe?«

Nein, an die Schuhe kann Bressel sich nicht erinnern.

»Macht nichts«, sagt Berger. »Ich denke, wir werden den Kerl rasch haben. Die Geschosse und auch die Patronenhülsen sind sichergestellt, die können wir später dann mit der Tatwaffe vergleichen. Und – das ist wohl das Wichtigste – wir haben seine Fingerabdrücke.«

»Fingerabdrücke?«

»Ja. An dem Fensterrahmen, also an dem Fenster, durch das er geflüchtet ist, da haben wir wunderbare Fingerabdrücke sichern können.«

Bressel starrt die beiden Polizisten überrascht an. Weiß er nicht, dass man damit jeden Täter sicher identifizieren kann, fragt sich Berger.

Schließlich sagt Bressel: »Ja, aber – der Bankräuber, der hatte doch Handschuhe an!«

18.

»Das war ja ein Blitzstart in deine neue Aufgabe.« Pagels grinst.

»Das kann man wohl sagen.« Die Euphorie ist verflogen. Allen ist klar, dass der Täter zunächst einmal entwischt ist. »Was hat Pfeifer gemeint vorhin, als er gesagt hat, das sei wieder einer von diesen Narren?«

»Ach, du weißt ja, wie das geht. Bankraub ist normalerweise nichts für Einzeltäter. Das macht man zu dritt: Einer wartet mit dem Fluchtwagen vor der Bank; zwei gehen rein, einer fuchtelt mit der Pistole rum, und der andere sammelt das Geld ein.«

»Ja«, sagt Berger. So hat man es ihm im Lehrgang beigebracht.

»Nun gibt es aber natürlich immer wieder Leute, die es allein versuchen. Meistens irgendwelche Trottel, die sich vorher nicht genau überlegt haben, dass sie nicht alles gleichzeitig machen können. Oder Leute, die so extreme Außenseiter sind, dass sie nicht einmal die zwei Freunde auftreiben können, die man als Bankräuber eben braucht. Die schnappen wir dann sofort.«

»Klar. Pech, dass wir diesen jetzt nicht auch gleich erwischt haben.«

»Ja, Pech.«

Berger sieht Pagels an. Ist das jetzt ehrlich gemeint? Oder hat er versagt in Pagels Augen?

»Gute Nacht dann!«, sagt Pagels.

»Gute Nacht.«

19.

Es ist fast Mitternacht, als Berger schließlich zu Hause die Tür zu seiner Wohnung aufschließt. Jetzt schlafen, denkt er. Halt, erst noch die Post! Er bückt sich und hebt die Briefe auf, die auf dem Teppich liegen. Zwei Rechnungen, eine Ansichtskarte aus Italien. Aus Italien? Berger macht Licht, sieht sich den Text an. Lieber Willy! Willy? Wieder einmal falsch zugestellt. Es gibt viele Bergers. Zu viele Bergers. Ihn zum Beispiel. Und bei der Klaue – da ist ja nicht einmal klar, ob das überhaupt Hamburg heißen soll. Könnte auch Homburg sein.

Berger gießt sich ein Bier ein. Die Rechnungen legt er zur Seite. Später, denkt er. Das hat Zeit. Warum hat Monika nicht geschrieben? Unser Sohn muss es ihr doch gesagt haben. Es ist schon bitter.

Scheißpolizei! Der Schichtdienst, der hat ihre Ehe kaputt gemacht. Und für was hat er sich aufgeopfert? Für nichts. Absolut nichts. Na schön, Kommissar ist er geworden. Aber was ist das schon. Vorgesetzter von ein paar Affen, die nichts von ihm wissen wollen. Und untergeordnet unter noch größere Oberaffen. Scheiße!

Das Bier ist alle. Berger will sich eine zweite Flasche holen, doch der Kühlschrank ist leer. Na schön. Verpatzt hat er es. Alles verpatzt. Den Kerl nicht gefangen und obendrein mit leichter Fahne auf Räuberjagd gegangen. Wenn die Presse das mitkriegt, ist er geliefert. Aber er hat es ja so gewollt. Alles seine Schuld, alles.

Wilhelm hat schon ganz recht mit dem galligen Brief. Wie hatte er das noch formuliert? Richtig: Eigentlich hatte ich ja immer gehofft, dass Du einen anderen Beruf ergreifen würdest ... Und das von Wilhelm Berger, dem großen Berger. Einem der besten Mörderjäger aller Zeiten. Früher jedenfalls. Früher ...

Berger schläft im Sessel ein.

20.

Für den nächsten Morgen ist eine Pressekonferenz angesetzt. Roeder macht das; er ist der Dienstälteste. Berger sitzt mit im Saal, fühlt sich ausgebootet. Er wischt sich den Schweiß von der Stirn. Die Stimmung ist gereizt. Liegt das nun am Misserfolg der bisherigen Bemühungen, an der schlechten Luft hier im Saal oder an Roeders Unfähigkeit, mit den Journalisten umzugehen?

Roeder sagt: »Mit den Ermittlungen sind wir inzwischen ein ganzes Stück weitergekommen. Die Schüsse sind aus einer Pistole abgegeben worden, die in Hamburg in den letzten Jahren bei Straftaten nicht verwendet worden ist. Eine 7,65 mm Walther PP oder PPK. Eine Präzisions-Faustfeuerwaffe mit außen liegendem Hahn, die im Kriege von Offizieren getragen wurde und heute noch von der Polizei verwendet wird.«

Wie gestelzt er doch redet, denkt Berger. Er sollte solche Auftritte nicht selbst machen. Es liegt ihm nicht. Es ist offensichtlich, dass die Reporter ihn nicht ernst nehmen.

»Wir haben Fotos dieser Waffen für Sie vorbereitet. Sie können sich nachher jeder einen Abzug mitnehmen. Diese Art Waffen wurden von der Waffenfabrik Walther aus Zella Mehlis in Thüringen hergestellt. Wir bitten die Öffentlichkeit um Mithilfe. Wer kennt Besitzer von Pistolen der abgebildeten Art? Wer weiß von Personen, die diese Pistolen ›schwarz‹ führen, also nicht im Besitz eines Waffen-Erwerbs-Scheines oder eines Waffen-Scheines sind?«

»Entschuldigen Sie, habe ich das eben richtig verstanden? Die Hamburger Polizei kauft ihre Waffen in der Zone?« Heiterkeit unter den Journalisten.

Roeder ist irritiert. »Natürlich nicht! Da haben Sie mich völlig missverstanden. Ich sagte: Ursprünglich wurden diese Pistolen in Thüringen hergestellt. Die Firma Walther sitzt aber heute in Ulm.«

»Das hat er nicht gesagt!«, murmelt jemand neben Berger.

»Vor der Kaufhalle am Rathausmarkt ist ein altes, erheblich verrostetes Herrenfahrrad gefunden worden, dessen Fabrikat noch festgestellt werden muss. Es ist nicht auszuschließen, dass der Täter ursprünglich damit seine Flucht fortsetzen wollte. Auch von dem Fahrrad haben wir Fotos bereitgestellt. Wir würden uns freuen, wenn Sie die Aufnahmen veröffentlichen könnten.«

»Auf den Täter gibt es noch keine Hinweise?«

»Wir verfolgen verschiedene Spuren«, behauptet Roeder. »Und die Bevölkerung und namentlich die Inhaber von Vergnügungsstätten werden gebeten, auf auffällig hohe Zechen zu achten, da sich ein Mann dieses Schlages in der Regel leicht dazu verführen lässt, einen großen Teil der Beute zunächst in Lokalen zu verschleudern. – Hinweise nimmt jede Polizeidienststelle entgegen. Und im Raubdezernat ist der Telefonapparat Nummer 3436 ständig besetzt.«

»Wenn ständig besetzt ist, kann ja keiner anrufen!« Die Journalisten lachen.

21.

»Der macht das nicht zum ersten Mal!«, sagt Berger.

Niemand antwortet. Das ist die Ernüchterung, denkt Berger. Erst gibt es eine Phase großer Hektik, in der Zeugen befragt und heiße Spuren verfolgt werden – und dann, wenn man plötzlich ahnt, dass das alles ins Leere läuft, dann ist der Schwung weg.

Die Luft im Raum ist stickig. Berger öffnet ein Fenster. Dann versucht er es noch einmal: »Der Mann ist vierzig, sagen die Zeugen. Niemand beschließt in diesem Alter von heute auf morgen einfach, Bankräuber zu werden!«

»Das sagt sich so einfach ...«

»Bentz, ich bitte dich!«

»Es mag zwar nicht die Regel sein – aber ausschließen können wir es doch auch nicht, oder?«

Bentz hält seinem Blick nicht stand. »Na schön«, sagt er. »Ja, ich glaube auch nicht, dass er das zum ersten Mal macht. Aber – was hilft das schon? Bei uns ist jedenfalls nichts bekannt. Und in den Nachbarländern ...«

»Ich komme aus Harburg«, sagt Kayser. »Wenn da im Landkreis was gewesen wäre, dann würd ich’s wissen.«

»In Schleswig-Holstein war auch nichts. Bei größeren Sachen, wenn eine Verbindung nach Hamburg bestehen könnte, dann werden wir ja sowieso eingeschaltet ...«

»Vielleicht hat er vorher was anderes gemacht«, schlägt Kayser vor. »Einbrecher oder so. Und jetzt ist er eben umgestiegen.«

»Warum sollte er?«

»Bankraub bringt mehr.«

Das stimmt alles, denkt Berger. Warum habe ich trotzdem das Gefühl, dass hier gemauert wird? Bei Kayser zum Beispiel. Kayser sieht mich nicht an, wenn er spricht.

Pagels schüttelt den Kopf. »Seh ich nicht, dass das einer von unseren Einbrechern ist.«

»Du kannst doch nicht alles wissen!«

»Alles nicht, aber so etwas? Ein erfolgreicher Einbrecher, Einzeltäter, in dem Alter? Gefasst haben wir keinen, auf den die Beschreibung zutrifft. Und von denen, die wir nicht gefasst haben – also nennenswerte Serien, die haben wir in letzter Zeit doch auch nicht gehabt.«

»Der Fensterbohrer«, wirft Kayser ein.

»Ja, gut.«

»Der ist ganz schön clever.«

»Bei euch draußen ...« Pagels überlegt.

»Der kann genauso mit der Bahn nach Hamburg fahren wie ich auch.«

»Was ist das für ein Fall?«, fragt Berger.

»Ein Einbrecher. Verschafft sich nachts Zugang zu einzeln stehenden Häusern, indem er die Fenster aufbohrt. Durch das Holz vom Rahmen. Und dann einfach mit so einer Art Haken den Riegel hochschiebt.«

»Der ist jetzt wie lange aktiv?«

»Zwei, drei Jahre vielleicht. Alle paar Wochen schlägt er zu.«

Pagels lacht. »Wenn der sich jetzt auf Banken umgestellt hat und alle zwei bis drei Wochen zuschlägt, dann kriegen wir aber ganz schön Arbeit!«

»Gibt es eine Beschreibung?«

»Ja, doch. Aber wie das so ist mit den Zeugen – noch dazu nachts, im Dunkeln! Also: Groß soll er sein, 1,80 m mindestens. Eher alt als jung. Und er trägt Turnschuhe, heißt es.«

»Tolle Beschreibung!« Da ist nichts dran, denkt Berger. Die Arbeitsweise ist zu unterschiedlich. Leise und heimlich im einen Fall, spektakulär und laut im anderen. Geradezu nach Aufmerksamkeit schreiend. Nein, das kann er nicht sein, das ist nicht derselbe Mann.

22.

Als Kayser nach Hause will, fängt Pagels ihn auf der Treppe ab. »So geht das nicht.«

»Lass mich in Frieden, ich will nach Hause.« Kayser versucht, sich an Pagels vorbeizudrängen. Doch der kleine Polizist versperrt ihm den Weg.

»Ich mache das nicht mit.«

»Pagels!« Kayser setzt die Tasche ab.

»So können wir nicht arbeiten.«

»Pagels!«

»Es ist unsere Aufgabe, Verbrechen aufzuklären ...«

»Wollen wir doch, Pagels. Natürlich wollen wir das!«

»Aber wir streuen Sand ins Getriebe ...«

»Pagels! Reiß dich zusammen! Dieser Fall ist ein Geschenk Gottes! So spektakulär, so ungewöhnlich, dass der Berger daran scheitern muss. So unerfahren, wie der ist. Er kann es einfach nicht schaffen. Nicht allein. Nicht ohne uns. Nicht ohne Roeder. – Was glaubst du denn, warum Roeder sich hier kaum blicken lässt? Berger soll das Ding allein machen, und er soll allein damit untergehen, das ist der Sinn der Übung.«

»Das mache ich nicht mit.«

»Du kannst doch jetzt nicht zurück!«

»Doch, kann ich.«

»Wenn du uns in die Pfanne hauen willst ...«

»Ich haue niemanden in die Pfanne.«

Kayser schüttelt den Kopf. »Du Narr!«

23.

Als Pagels zurückkommt, ist auch Berger dabei, seine Sachen zu packen. »Ich dachte, du wärst schon gegangen.«

»Mir ist noch etwas eingefallen«, behauptet Pagels.

»Ja? Komm, setz dich doch!«

»Ich hatte es vorhin schon sagen wollen, als wir von der Vorgeschichte des Täters geredet haben, aber dann sind wir irgendwie von dem Thema abgekommen ...«

»Ja?« Also doch. Es muss eine Vorgeschichte geben!

»Kayser hat natürlich recht: Es gibt in Hamburg und Umgebung keine Banküberfälle, die in ähnlicher Weise durchgeführt worden sind. Ich weiß keinen einzigen Fall, der mit diesem heutigen Überfall vergleichbar wäre. Nicht nach dem Krieg ...«

»Aber?«

»Aber es hat da diese Überfälle auf die Bundespost gegeben ...«

»Auf die Post?« Davon weiß Berger nichts. »Wann soll das gewesen sein?«

»1952/53.«

Vor sechs, sieben Jahren? »Das ist lange her ...«

»Ich weiß.«

Einen Moment lang sehen die beiden sich nur an. Keiner sagt etwas. Wenn er jetzt sagt: Verschont mich mit den alten Kamellen, dann hat er verspielt, denkt Pagels. Dann haben Kayser und Roeder doch recht.

Aber Berger sagt: »Komm, sehen wir es uns an!«

Und das ist das Problem. »Die Akten sind nicht im Archiv.«

»Wie?«

Pagels zuckt mit den Achseln. »Entnommen. Von Unbekannt.«

»Was ist denn das für eine Schlamperei?«

»Soll natürlich nicht vorkommen, aber du weißt ja, wie das ist. Irgendjemand braucht was ganz schnell, irgendein hohes Tier. Das bringe ich gleich wieder zurück, sagt er, und dann wird vergessen, das einzutragen.«

»Und jetzt?«

»Bleiben nur die Zeitungen.«

»Die Zeitungen? Sollen wir bei Springer ...«

Pagels schüttelt den Kopf. »Staatsarchiv oder Staatsbibliothek.«

24.

»So eine Pfeife!« Bentz’ Stimme zittert. Er spricht lauter als gewohnt, um den Musikautomaten zu übertönen. Jemand hat Freddy gedrückt, schon zum zweiten Mal.

... und er glaubte nicht daran,

dass ein Mensch, der viel verloren,

wieder neu beginnen kann ...

»Das hab ich doch gleich gewusst.« Haydns Stimme klingt etwas undeutlich. Er ist schon bei der dritten Runde Bier und Korn angelangt. Lütt und Lütt, wie man hier in Hamburg sagt. Und er trinkt es auch so, wie es sich gehört, beide Gläser mit der rechten Hand gefasst, Bier unten, Korn oben. Die ersten beiden jedenfalls. Bei der dritten Runde verschluckt er sich. Bentz kommt nicht aus Hamburg. Sein kleines Helles, das erste an diesem Abend, ist noch immer halb voll.

»Und jetzt?«, fragt Kayser.

»Nichts«, lallt Haydn. »Alles wie gehabt. Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps.«

Armleuchter, denkt Bentz. »Du trinkst zu viel!«

»Bist du, bist du von der Heilsarmee, oder was?« Haydn starrt ihn aus glasigen Augen an.

»Hört auf«, sagt Kayser. »Das führt doch zu nichts.«

»Ja, Scheiße«, sagt Haydn. »Das führt zu nichts. – Ich geh weg, ich mach nicht mehr mit. Wir halten den Kopf hin für einen Hungerlohn, und die anderen da draußen in der Wirtschaft, die verdienen sich dumm und dösig.«

»Das ist wohl wahr«, seufzt Kayser.

»Ich geh weg, ich fang an auf der Werft, bei Blohm & Voss. Oder bei Schlieker ...«

»Schlieker zahlt besser«, sagt Kayser.

Hat er sich also tatsächlich erkundigt, denkt Bentz. Aber dennoch wird er nicht weggehen von der Polizei. Dazu ist er viel zu träge.

»Ich will meinen Anteil«, sagt Haydn. »Verdammt noch mal, ich will meinen Anteil! Der Roeder, der hat sein dickes Auto, und selbst der Pagels ...«

»Bleib auf dem Teppich«, sagt Bentz. »Roeder hat reich geheiratet, und der Wagen von Pagels, dieser Lloyd Alexander ...«

»Wer den Tod nicht scheut, fährt Lloyd!«, ruft Kayser dazwischen.

Haydn rülpst.

... doch es blieben ihm zwei Freunde:

die Gitarre und das Meer!

Bentz knickt seinen Bierdeckel. Er weiß plötzlich, dass er mit diesen Kollegen nichts anfangen kann. Sinnlos, sich mit ihnen zu verbünden. Sinnlos, sich mit ihnen zu besaufen. Nein, wenn er etwas werden will, muss er allein etwas bringen.

Freddy schweigt. Kayser erhebt sich schwankend. Aber Bentz ist schneller. Schluss mit der Sentimentalität! Er geht zur Musikbox, wirft seine Münze ein und drückt D7. Mitch Miller. Er wartet, bis die Scheibe auf dem Plattenteller liegt. Der River-Kwai-Marsch. Auf dem Weg zurück zum Tisch der Kollegen pfeift er die Melodie laut und falsch mit.

25.

»Hast du schon die Zeitungen gelesen?«, fragt Pagels.

Berger schüttelt den Kopf.

»Solltest du aber tun. Das ist einer der Punkte, die dein Herr Vater uns immer eingeschärft hat: Zuerst die Zeitung lesen!«

»Was steht denn drin?«, fragt Berger mit mäßigem Interesse. Er hat zwar das Abendblatt abonniert, kommt aber nur selten dazu, es auch wirklich zu lesen. Und heute früh, als er zum Dienst musste, war die Zeitung noch nicht da.

»Das da!« Pagels wirft Berger die Zeitung auf den Tisch.

Berger liest: »Hamburger Kripo gab heute Morgen bekannt: Hamburger Bankräuber ein seit sieben Jahren gesuchter Berufsverbrecher ... Wo kommt denn diese Scheiße her?«

»Da steht es doch.« Pagels deutet auf die entsprechende Stelle: ... das Raubdezernat der Hamburger Kriminalpolizei ...

»Welcher Idiot ...«

»Ich war das.« Niemand hat gemerkt, wie Roeder hereingekommen ist.

Berger starrt ihn an.

»Bevor Sie etwas sagen, Herr Berger, lassen Sie mich nur rasch klarstellen, dass Sie zwar die Untersuchungen im Fall des gestrigen Banküberfalls durchführen, dass ich aber nach wie vor Leiter des Raubdezernats bin, und in dieser Eigenschaft nehme ich mir schon das Recht heraus, mit der Presse in Verbindung zu treten, wann immer es mir notwendig erscheint.«

»Sie hätten mich in Kenntnis setzen sollen«, sagt Berger ärgerlich.

»Das tue ich ja gerade. Und ich konnte Sie nicht früher in Kenntnis setzen, weil Sie ganz einfach nicht da waren. Aber im Umgang mit der Presse gibt es ein paar kleine Regeln, die man nicht außer Acht lassen darf. Zum Beispiel die Frage, bis wann spätestens eine Nachricht heraus sein muss, damit sie noch in der nächsten Ausgabe erscheint.«

»Es gibt Telefon«, sagt Berger.

»Glauben Sie vielleicht, ich hab die Zeit, wegen jeder Kleinigkeit hinter meinen Untergebenen herzutelefonieren? – Nee, Herr Berger, so läuft das nicht! Bei mir nicht. Die Meldung musste raus, damit der Bevölkerung klar ist, dass wir im Bilde sind, dass wir den Überblick haben und die Zusammenhänge sehen. Wenn wir das nämlich nicht tun, dann macht das die Presse für uns, die haben auch ein schönes Archiv, und die würden uns sehr schnell erzählen, dass wir gar nicht gemerkt haben, dass wir hier mitten in einer Serie sind.«

»Das wissen wir doch alle«, sagt Pagels. »Die Postüberfälle.«

Roeder nickt. »Hier. Hier steht es – genauso, wie ich es denen gesagt habe. Altona 1952 und Nienstedten 1953.«

»Danke«, sagt Berger. »Danke für die Unterstützung.« Und als Roeder gegangen ist: »Arschloch.«

»Kein Wunder, dass wir die Akten nicht finden konnten«, sagt Pagels. »Roeder hat das ganze Zeug bei sich. – Aber er ist nicht so gut im Bilde, wie er glaubt. Hier, die Morgenpost weiß schon mehr als er. Und als wir.«

»Brandstwiete«, sagt Berger. »Was ist denn das für ein Fall?«

»Banküberfall 1954. Ziemlich unspektakulär. Bis auf die Beute: 20.200 DM.«

»Ein Haufen Geld!«

»Ja, das kannst du wohl sagen!«

»Die hätte mancher gut brauchen können. Selbst damals, als das Wirtschaftswunder allmählich losging.«

Pagels zieht die Brauen hoch. »Das Wunder gab es nicht für alle! Wenn ich mich recht erinnere, wurde damals in der Industrie zwar schon wieder so viel gezahlt, dass man ganz gut über die Runden kommen konnte. Aber für uns Beamte sah es nicht ganz so rosig aus. Unsere Besoldung lag glatt ein Drittel unter der von 1927. Das muss man sich mal vorstellen!«

Berger nickt. Damals war er noch kein Beamter, aber dass das Geld knapp war, daran kann er sich schon noch erinnern. Wenn auch für ihn natürlich die Wohnung zu Hause frei war.

»Wir zum Beispiel, wir haben in einer Nissenhütte gewohnt, die ersten Jahre. Burgstraße, mitten zwischen den Trümmern. Zwei Familien auf vierzig Quadratmetern, getrennt durch einen Vorhang. Kein fließendes Wasser, Gemeinschaftsklo. Wellblechwände, keine Isolierung. Und die Kohlen für den Kanonenofen – die mussten auch erst einmal bezahlt sein. Ich hab ja noch Glück gehabt, dass ich bei der Polizei anfangen konnte, aber unser Kleiner ...«

»Ich wusste nicht, dass du verheiratet bist«, sagt Berger.

»Geschieden. Unser Sohn, der hat es verdammt schwer gehabt, überhaupt erst mal ne Lehrstelle zu bekommen. Erst die Heimkehrer, die Frontsoldaten. Er hat dann noch ein freiwilliges Jahr gemacht. Schule nach der Schule. Na ja, hatte er jedenfalls was zu tun. Bei Schlieker ist er dann schließlich untergekommen. Im Schiffbau.«