Nimue Alban: Der Krieg der Ketzer - David Weber - E-Book

Nimue Alban: Der Krieg der Ketzer E-Book

David Weber

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Beschreibung

Die Erde und alle Kolonien der Menschheit stehen vor der Vernichtung durch die außerirdische Spezies namens Gbaba. Die Menschen starten eine letzte Rettungsaktion: Operation Arche. Diese Expedition soll eine neue Zivilisation aufbauen, auf einer extrem entlegenen Welt. Auf dem Weg dorthin gibt es zahlreiche Verluste, darunter auch Lieutenant Commander Nimue Alban mit ihrer gesamten Besatzung. Doch für Nimue Alban ist der Tod nicht das Ende. 800 Jahre später wacht sie wieder auf der Zielwelt auf - in einem künstlichen Körper. Und sie hat eine Mission. Eine Mission, die weit schlimmer ist als der Tod ...

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 762




David Weber

DER KRIEGDER KETZER

Aus dem Amerikanischen vonUlf Ritgen

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Deutsche Erstausgabe

Für die Originalausgabe:

Copyright © 2007 by David Weber

Titel der Originalausgabe: »Off Armageddon Reef« (Teil 2)

Für die deutschsprachige Ausgabe:

Copyright © 2008/2014 by Bastei Lübbe AG, Köln

This work was negotiated through Literary Agency

Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen,

on behalf of St. Martin's Press, L. L. C.

Lektorat: Uwe Vöhl / Ruggero Leò

Titelillustration: Attila Boros / Agentur Schlück

Umschlaggestaltung: Gisela Kullowatz

E-Book-Produktion: Urban SatzKonzept, Düsseldorf

ISBN: 978-3-8387-0987-1

Sie finden uns im Internet unterwww.luebbe.de

Bitte beachten Sie auch: www.lesejury.de

Für Fred Saberhagen, dessen Werke mir – und so vielen anderen – so viel Freude bereitet haben. Es ist immer schön festzustellen, dass jemand, dessen Werke man so sehr liebt, ein noch viel liebenswürdigerer Mensch ist.

Und …

Für Sharon, die mich liebt, die meinen verrückten Zeitplan erträgt, die mir immer dabei hilft, im Kopf zu behalten, welcher Tag welchen Monats gerade ist, die praktisch alles über das Schwimmen weiß, was es nur zu wissen gibt, und die mir des Öfteren Vorschläge für eine oder zwei Szenen unterbreitet hat, die ganz besonders auf die Tränendrüsen drücken.

Womit ich nicht sagen will, dass sie es dieses Mal getan hat.

Oh nein, wirklich nicht!

Ich liebe Dich.

Februar,im Jahr Gottes 891

.I.

King’s Harbour, Helen Island

»Ich behaupte ja immer noch, dass Ihr zu wenig schwitzt, Merlin.«

Merlin hob ein Augenlid und schaute zu Cayleb hinüber.

Nimue Alban entstammte einer Kultur, die sämtliche Gefahren von Hautkrebs – und auch die Vorteile, die mit Sunblocker-Cremes und dergleichen kamen – zutiefst verinnerlicht hatte. Und sie hatte auch eine entsprechende genetische Disposition. Für Cayleb hingegen traf beides nicht zu. Er genoss Sonnenbäder sogar außerordentlich, und es hätte überhaupt keinen Sinn gehabt, wenn Merlin versucht hätte, ihm die Nachteile zu erklären, die es hatte, seine Epidermis völlig ungeschützt der Sonne auszusetzen. Und Merlin konnte auch schlecht die Ehre ablehnen – und es stellte wirklich eine ganz außerordentliche Ehrenbezeugung dar –, sich dem Kronprinzen dieses Reiches bei diesem Freizeitvergnügen anzuschließen.

Glücklicherweise vermochte Nimues PICA die Hautfarbe beliebig zu verändern, deswegen war Merlins Haut jetzt fast ebenso bronzefarben wie die von Cayleb selbst. Und außerdem hatte Nimue sich nach diesem … anregenden Rugby-Spiel noch ein wenig mit der Feinprogrammierung beschäftigt und gewisse Funktionen deaktiviert. Infolgedessen war zumindest dieses spezielle Problem nicht wieder aufgetreten, auch wenn Merlin zugeben musste – natürlich nur ganz sich selbst gegenüber –, dass Cayleb Ahrmahk tatsächlich ein außerordentlich attraktiver junger Mann war.

»Und ich sage immer noch, dass einige von uns nicht ganz so viel zu schwitzen brauchen wie andere«, gab er zurück, und Cayleb lachte leise.

»Was haltet Ihr denn nun von Howsmyns Vorschlag?«, fragte der Prinz einen Augenblick später, und dieser abrupte Themenwechsel brachte Merlin dazu, beide Augen zu öffnen. Er setzte sich auf, griff nach einem Handtuch und tupfte sich den (relativ dünnen) Schweißfilm von der Stirn, auf den Cayleb gerade eben angespielt hatte.

»Ich halte ihn für wirklich ausgezeichnet und sinnvoll«, erwiderte er dann und griff nach der Flasche mit dem gekühlten Fruchtsaft, den sie mitgenommen hatten, als sie zum Dach des Arbeitszimmers des Hafenmeisters aufgebrochen waren.

Dieses Arbeitszimmer befand sich ganz am Ende des Hauptkais im Dockraum der Zitadelle – des rein militärisch genutzten Ankerplatzes unter den hochaufragenden Mauern der Hauptbefestigungen von King’s Harbour. Es war ein idealer Platz zum Fischen, und wenn der Wind von Südwesten her wehte, gab es dort immer eine leichte, angenehm kühlende Brise. Deswegen war es ein auch bei den leitenden Offizieren äußerst beliebter Platz zum Sonnenbaden – und für Cayleb gab es dort noch weitere Anreize, sich genau dort in die Sonne zu legen. Zum einen sagte es seinen Leibgarden sehr zu, sich dort eindeutig vergewissern zu können, dass sich wirklich niemand in dem Arbeitszimmer dort aufhielt, um dann mit Leichtigkeit das ganze Gebiet zwischen Kai und Ufer vollständig abzusperren – und auf diese Weise dem Prinzen wenigstens die Illusion von Privatsphäre zu verschaffen. Cayleb schätzte diese Stelle aus genau den gleichen Gründen, und so zeigte die Tatsache, dass er Merlin eingeladen hatte, ihn an diesem Nachmittag zu begleiten, nur um so mehr, wie sehr er den Seijin schätzte.

Jetzt nahm Merlin einen Schluck von dem Saft, der immer noch angenehm kühl war, wenn auch natürlich nicht mehr so kalt wie zur Zeit ihres Aufbruchs. Selbstverständlich hätte Merlin dieses Getränk eigentlich überhaupt nicht benötigt, doch das hielt ihn nicht davon ab, den fruchtigen Geschmack zu genießen, bevor er die Flasche dann an Cayleb weiterreichte.

»Eine unserer Hauptsorgen war schon immer die Zeit, die erforderlich sein würde, die Artillerie zu produzieren«, fuhr er dann fort, während der Prinz dankbar trank. »Ich war die ganze Zeit davon ausgegangen, dass wir jede einzelne Kanone gießen müssten, wenn wir wirklich Drehzapfen einsetzen wollten.« Er zuckte mit den Schultern. »Und die einzige Möglichkeit, die mir einfiel, das zu bewerkstelligen, war nun einmal, sämtliche bereits existierenden Kanonen einzuschmelzen, um deren Bronze zurückzugewinnen, und sie dann von Grund auf neu zu gießen.«

Er stand auf und streckte sich, legte sich das Handtuch um den Nacken und ging zu der hüfthohen Mauer hinüber, die das gesamte Flachdach dieses Arbeitszimmers umringte. Dort lag seine säuberlich zusammengefaltete Kleidung auf einer Bank, die wie ein Sockel die gesamte Innenseite dieser Brüstung umgab; sein Wakizashi – selbstverständlich in der zugehörigen Scheide – beschwerte den Stapel, und ein Sonnensegel spendete einen Schattenstreifen, in dem sich Merlin nun gegen die Mauer lehnte und über den Hafen hinausschaute.

Die Außenmauer des jetzt leer stehenden Arbeitszimmers fiel steil bis zum Ende des Kais ab, und das Wasser, auf das Merlin nun hinunterblickte, leuchtete geradezu schmerzhaft blau; dort, wo der Meeresgrund zum Ufer hin immer weiter anstieg, ging dieses Blau in ein ähnlich leuchtendes Grün über. An diesem Tag wehte kaum eine Brise, nicht einmal ein Stück weit über dem Meer. Sanfte Wellen rollten über das sonnenbeschienene Wasser hinweg, und sechs oder sieben Kinder in einer kleinen Barkasse mit vier Rudern hielten langsam, wenn auch mit nicht sonderlich gleichmäßigen Ruderschlägen – und auch nicht sonderlich gerade –, auf das Kai zu. Die Angelruten, die in verschiedenen Winkeln aus dem Boot herausragten, verrieten deutlich, womit sie sich beschäftigt hatten, und Merlin verspürte so etwas wie Sehnsucht in sich aufkommen, als er sich an die Angelausflüge in Nimues Kindheit erinnerte.

Das Boot war immer noch fast einhundert Meter weit vom Kai entfernt, doch das sieben- oder achtjährige Mädchen auf der vordersten Ruderbank schaute zu Merlin hinauf und winkte ihm zu.

Er winkte zurück, dann wandte er dem Hafen den Rücken zu, als Cayleb sich erhob und sich zu ihm in den Schatten gesellte.

»Ich wäre nie auf die Idee gekommen«, fuhr Merlin ihr Gespräch fort, »dass es möglich sein könnte, die Drehzapfen auch an bereits existierenden Kanonen anzubringen.«

Cayleb stieß einen zustimmenden Grunzlaut aus. Auf dem Dach lag ein interessantes Gemisch verschiedenster Gegenstände – vermutlich Dinge, die andere Sonnenbadende und Angler hier zurückgelassen hatten. Der Prinz hob fasziniert eine Augenbraue, als er die Harpune entdeckte, die in einer Ecke aufgestellt war. Er hob sie an, probierte fast ein wenig träge aus, ob die Waffe auch gut ausbalanciert sei, dann blickte er zu Merlin hinüber.

»Wie hattet Ihr das gestern noch ausgedrückt?«, fragte er. »›Über den Tellerrand schauen‹, nicht wahr?« Merlin nickte, und der Prinz zuckte mit den Schultern. »Naja, ich denke, wir sollten dankbar sein, dass Howsmyn so gut darin ist.«

»Das ist noch milde ausgedrückt, Euer Hoheit«, sagte Merlin und grinste, dann wandte er sich wieder der Barkasse zu. Erneut winkte ihm das Mädchen zu, und Merlin lachte leise.

Cayleb hat recht, dachte er. Ehdwyrd Howsmyn hatte das Problem von einem völlig neuen Standpunkt aus betrachtet. Er hatte darauf hingewiesen, dass die Kanone, die in der Royal Charisian Navy nur als ›Kraken‹ bezeichnet wurde – eine Kanone mit einem Durchmesser von sechseinhalb Zoll und etwa elf Fuß Länge, die eine Kugel von fast fünfunddreißig Pfund Gewicht abfeuerte –, fast dem entsprach, auf das sich Merlin und Captain Seamount als ›Sollwert‹ geeinigt hatten. Zudem war es am ehesten eine großkalibrige ›Standard-Kanone‹ – und das bedeutete, dass sie in größerer Stückzahl verfügbar war als die meisten anderen.

Es gab noch weitere, einige davon waren noch deutlich schwerer – etwa der ›Todeswal‹: Diese Waffe wog mehr als viereinhalb Tonnen, und ihre Kugeln wogen je zweiundsechzig Pfund. Sogar noch massiger war der ›Große Todeswal‹, ein Sechstonnen-Ungeheuer, dessen Geschosse ganze fünfundsiebzig Pfund wogen. Doch diese Waffen waren viel zu schwer für den beabsichtigten Einsatz. Letztendlich würde man sie alle einschmelzen müssen, um sie dann durch Waffen sinnvollerer Größe zu ersetzen, doch derzeit waren sie alle völlig nutzlos.

Nun hatte Howsmyn vorgeschlagen, die ›Kraken‹ zum Standard zu machen und bei so vielen, wie sie nur konnten, einen Eisenstreifen um den Lauf der Kanonen befestigen zu lassen. Dann würde eben dieser Streifen mit dem Drehzapfen verbunden werden, und das ließ sich deutlich schneller bewerkstelligen, als wenn man vollständig neue Kanonenrohre gießen und bohren müsste. Natürlich würde diese Konstruktion dann nicht ganz so stabil werden, als wenn die Drehzapfen tatsächlich mit dem Lauf selbst verbunden würden, doch als Provisorium würde es voll und ganz ausreichen – und je nachdem, wie es zeitlich machbar war, würden dann nach und nach die Kanonen tatsächlich eingeschmolzen und neu gegossen werden können.

Eine perfekte Lösung war das natürlich nicht. Der Vorrat an ›Kraken‹ war schließlich alles andere als unerschöpflich. Aber es würde tatsächlich reichlich Zeit, Rohstoffe und Arbeitskräfte sparen, und nachdem sich herausgestellt hatte, dass diese neue Karronade, die Merlin und Seamount ersonnen hatten, tatsächlich funktionierte, bedeutete das …

Ein gellender Schrei riss ihn aus seinen Gedanken, und sofort blickte Merlin wieder zum Hafenbecken hinunter.

Die Barkasse war jetzt keine siebzig Schritt mehr vom Kai entfernt, doch nun schrie eines der anderen Mädchen – etwas älter als das, das Merlin zugewinkt hatte – aus Leibeskräften: Eine Hand an den Mund gepresst deutete sie mit der anderen auf die drei dreieckigen Flossen, die nun geradewegs auf das Boot zuhielten.

»Kraken!«, spie Cayleb. Sofort lehnte er sich über die Brüstung des Daches und blickte zu dem Boot mit den Kindern hinab. »Nicht!«, sagte er, und es war offensichtlich, dass er nicht mit Merlin sprach. »Nicht in Panik verfallen!«

Doch die Kinder in der Barkasse konnten ihn nicht hören. Das älteste Kind konnte kaum älter als vierzehn Jahre sein, und dass sie alle plötzlich zutiefst verschreckt waren, ließ sich an ihren hektischen Ruderbewegungen nur allzu deutlich ablesen. Das Boot geriet immer stärker ins Wanken, als das entsetzte Mädchen sich gegen das Dollbord presste, um sich vor dem Kraken in Sicherheit zu bringen; als zwei weitere Mädchen ebenfalls dorthin flüchteten, erhielt das Boot deutliche Schlagseite.

Die Flossen peitschten durch das Wasser, näherten sich immer weiter dem Boot, und plötzlich schoss, ganz in der Nähe des Bootes, einer der Kraken ein Stück weit aus dem Wasser.

Es war das erste Mal, dass Merlin tatsächlich mit eigenen Augen eines dieser gefürchteten Raubtiere zu Gesicht bekam, die doch normalerweise deutlich tiefere Gewässer bevorzugten als Hafenbecken. Ein ausgewachsener Krake wurde zwanzig, sogar zweiundzwanzig Fuß lang und war im Prinzip nichts anderes als Fleisch gewordene Fresslust. Sein Körper ähnelte dem terrestrischen Hai, er war lediglich etwas länger gestreckt, doch der Kopf sah völlig anders aus. Das runde Maul mit den zahllosen Reißzähnen entsprach dem eines Neunauges, doch es gab einen deutlichen Unterschied: der Rumpf, der mehr als einen Fuß dick war – bei ausgewachsenen Exemplaren bis zu drei Fuß – war von zehn kräftigen Tentakeln umgeben. Diese Tentakel waren jeweils vier bis sechs Fuß lang. Während der normalen Schwimmbewegung waren sie eng an den Leib gepresst, doch wenn ein Krake zum Angriff überging, dann streckte er sie aus und griff damit nach seiner Beute und hielt sie fest, um sie besser verschlingen zu können.

Das alleine hätte schon völlig ausgereicht, um das Entsetzen zu erklären, das diese Ungeheuer bei jedem auch nur halbwegs vernünftigen Menschen hervorriefen, doch zudem waren sie auch noch intelligent. Nicht annähend so intelligent wie der terrestrische Delfin, aber doch immerhin schlau genug, um miteinander zu kooperieren, wenn sie auf die Jagd gingen. Und auch schlau genug, um zu wissen, dass sich an Bord von Booten immer Nahrung befand.

Die entsetzten Kinder kreischten, als der Kopf des ersten Kraken die Wasseroberfläche durchbrach, und das Schreien wurden noch lauter, als ein zweiter von unten den Bootsrumpf rammte. In dem schäumenden Wasser schaukelte die Barkasse so wild hin und her, dass sie fast schon kenterte, und dann ging einer der Jungen über Bord.

Kurz schien das Wasser zu kochen. Der Kopf des Jungen tauchte wieder auf, der Junge öffnete den Mund und stieß einen Schmerzensschrei aus, dann packte ihn von unten einer der Kraken und zog ihn wieder unter Wasser.

»Shan-wei!«, fluchte Cayleb hilflos und schlug mit der Faust auf die Brüstung; die Barkasse, die jetzt noch weiter aus dem Gleichgewicht gekommen war, hüpfte wie wild über die Wellen, als der Krake erneut den Rumpf rammte. Dieses Mal kenterte das Boot, und schreiend stürzten sämtliche Kinder ins Wasser.

Merlin hielt nicht einmal inne, um über die Lage nachzudenken. Bevor Cayleb auch nur hatte bemerken können, dass sein ›Leibgardist‹ hier reagierte, hatte Merlin ihm schon mit übermenschlich schnellen Bewegungen die Harpune aus der Hand gerissen, die Cayleb zuvor noch achtlos festgehalten gehalten hatte. Unfassbar schnell spannte er die Waffe, dann riss Cayleb trotz seines Entsetzens ungläubig die Augen auf, als er sah, wie die Harpune in einem flachen, todbringenden Winkel einen Bogen beschrieb, der erst nach ganzen siebzig Schritt endete.

Einer der Kraken reckte sich so weit aus dem Wasser, dass fast zwei Drittel seiner Körperlänge zu sehen waren; er stemmte sich auf seinen Schwanz, und seine Tentakel ließen nun sein zerfleischtes Opfer los, als die Harpune ihn traf. Nein, begriff Cayleb dann, die Waffe hatte ihr Ziel nicht nur getroffen; sie hatte den massigen Leib aus kräftigen Muskeln und schweren Knochen vollständig durchschlagen.

Zumindest einer der anderen Kraken stürzte sich auf seinen Gefährten, als dessen Blut nun das Wasser färbte. Doch Cayleb hatte das Gefühl, ihm erfriere das Herz, als er sah, wie ein weiteres der schreienden Kinder – dieses Mal ein Mädchen – für alle Zeiten in diesem brodelnden, blutigen Mahlstrom des Schreckens verschwand, der diesen einst so friedlichen Hafen erfasst hatte.

Und dann nahm er aus dem Augenwinkel eine weitere Bewegung wahr und streckte voller Entsetzen die Arme aus. Doch es war zu spät, noch irgendetwas zu verhindern: Merlin war bereits auf die Brüstung getreten und sprang nun auf das Wasser zu – das mehr als dreißig Fuß unter ihnen lag.

In unglaublicher, unmöglicher Art und Weise schien sich die Zeit selbst zu dehnen, so schnell der Augenblick in Wirklichkeit auch vergehen mochte. Der Kronprinz sah alles, er begriff genau, was hier geschah, und doch war er dazu verurteilt, nur Zuschauer zu sein. Fassungslos musste er mit ansehen, wie Merlin nun in einem unmöglichen Bogen auf das Wasser zustürzte. Er flog fast zwanzig Schritt weit, bevor er das Wasser erreichte.

Merlin befand sich schon mitten in der Luft, bevor er selbst begriff, was er da eigentlich gerade tat – und da war es für ein Umdenken wohl ein wenig zu spät. Er schlug auf die Wasseroberfläche auf, tauchte dann tief ein, trotz seiner flachen Flugbahn. Ein Mensch aus Fleisch und Blut hätte wieder auftauchen müssen, um sich neu zu orientieren – vom ›Luftholen‹ ganz abgesehen –, doch Merlin war ein PICA. Sein eingebauter Sonar verriet ihm genauestens, wo sich das Boot, die kreischenden, wild um sich schlagenden Kinder und die Kraken befanden, und mit kräftigen Beinschlägen steuerte er nun auf das Chaos zu; seine Bewegungen waren so heftig und so schnell, dass kein gewöhnlicher Mensch es ihm hätte gleichtun können.

Ohne auch nur bewusst darüber nachzudenken, riss er sein Wakizashi aus der Scheide. Dann umklammerte er mit beiden Händen das Heft und presste die Siebzehn-Zoll-Klinge dabei fest gegen den rechten Unterarm, um den Widerstand im Wasser zu minimieren, während er durch die Fluten jagte. Er brauchte weniger als zwanzig Sekunden, um die gekenterte Barkasse zu erreichen. Zwanzig Sekunden, in denen der Krake, den Merlin harpuniert hatte, sich aus dem Griff seines angreifenden Gefährten hatte befreien können und dann mit ungleichmäßigen, zuckenden Bewegungen tiefere Gewässer aufsuchte. Zwanzig Sekunden, in denen ein drittes Kind schreiend in die Tiefe gezerrt worden war.

Doch dann hatte Merlin sie erreicht.

Die Kinder, die diesen Angriff bislang überlebt hatten, ruderten wie wild mit Armen und Beinen, versuchten verzweifelt, auf den Rumpf des gekenterten Bootes zu klettern, um noch einige Sekunden lang in Sicherheit zu sein. Ein älterer Junge ergriff eines der kleineren Mädchen und schleuderte es regelrecht auf den glitschigen, nassen Bootsrumpf, obwohl gleichzeitig einer der beiden verbliebenen Kraken mit todbringend grazilen Bewegungen auf ihn zu jagte. Tentakel wurden ausgestreckt, schnellten wie angreifende Schlangen auf den Jungen zu. Einer umfasste seinen Knöchel und riss das Bein auf ein zahnbewehrtes Maul zu, doch dann schloss sich eine Menschenhand seinerseits um den Tentakel. Mit der Kraft eines Hydraulik-Schraubstocks griff sie zu, und ein Wakizashi aus Panzerstahl fuhr in den Schädel des Kraken, an einem Punkt unmittelbar hinter den hervorgewölbten Augen des Tieres. Bis zum Heft versank die Waffe: Mühelos durchtrennte die unmögliche, widernatürlich scharfe Klinge Knochen, Knorpelgewebe und Muskeln.

Die Bewegung des Kraken trug noch zur Wucht des Schlages bei, den der PICA diesem Meeresungetüm versetzte; das Wakizashi wurde tiefer und tiefer in den Leib hineingetrieben, bis durch das Gehirn hindurch; in einer Blutwolke trat die Waffe durch das geöffnete Maul wieder aus. Die Tentakel, die sich im Todeskampf um den Knöchel des Jungen verkrampft hatten, hätten ihn zusammen mit dem immer noch zuckenden Kadaver des Kraken unweigerlich in die Tiefe gerissen, doch ein zweiter, schnell ausgeführter Schlag mit dem Wakizashi durchtrennte sie zwei Fuß oberhalb des jetzt weit offen liegenden Schädels dieses Tieres.

Der Todeskampf des anderen Kraken, den Merlin mit der Harpune verletzt hatte, wurde nun schwächer, doch immer noch drehte und wand sich das Untier, versuchte vergeblich, sich von der Waffe zu befreien, die in seinem Rumpf steckte; doch mittlerweile blickte sich Merlin mit Hilfe seines Sonars schon erneut um: Er suchte den dritten der Kraken. Zwanzig Fuß unter der Oberfläche spürte er ihn schließlich auf; der Meeresräuber zog langsame Kreise, während er immer weiter an den Überresten seines zweiten Opfers zerrte und nagte.

Merlin krampfte sich zu einer Kugel zusammen, orientierte sich kurz und streckte sich dann blitzschnell, hielt geradewegs auf das immer weiterfressende Ungeheuer zu. Hätte der Krake begriffen, dass etwas so winziges, unbedeutendes wie ein ›Mensch‹ eine ernstliche Bedrohung für ihn darstellen konnte, hätte er mühelos fliehen können – mit einer Geschwindigkeit, die zu erreichen nicht einmal ein PICA hoffen konnte. Doch wahrscheinlich hatte der Krake nicht einmal bemerkt, dass sich ihm hier überhaupt etwas näherte.

Selbst noch in dieser Wassertiefe konnte Merlin dank seines Restlichtverstärker-Blicks alles klar und deutlich erkennen, doch er weigerte sich, den zerfetzten Leichnam im Griff der Kraken-Tentakel zu betrachten. Seine ganze Aufmerksamkeit galt dem Kraken selbst, und dann schoss seine linke Hand auch schon hervor und umklammerte die Rückenflosse.

Der Krake hob den Kopf, als sei er überrascht, und wieder hieb das Wakizashi zu. Waagerecht durchtrennte es die breiteste Stelle des Rückgrats dieses Meeresungeheuers, unmittelbar vor der Flosse; fast hieb Merlin hier den ganzen Leib in zwei Stücke. Wie wild peitschte der Krake um sich. Dann sank er in die Tiefe; der Krake war bereits tot, doch immer noch schlug er nach seinem Gegner, als hätten die Muskeln noch nicht begriffen, dass sie zu einem Leichnam gehörten. Merlin stieg zur Wasseroberfläche auf.

Die Kinder, die diesen Zwischenfall überlebt hatten, schrien nach Leibeskräften und versuchten verzweifelt, sich am Bootsrumpf festzuklammern; Merlin stieß das Wakizashi bis zum Heft in den Kiel der Barkasse, damit die Kinder sich an irgendetwas festhalten konnten.

»Alles in Ordnung!«, rief er. »Alles in Ordnung – ihr seid jetzt in Sicherheit!«

Sie schienen ihn überhaupt nicht zu hören, und so streckte Merlin die Arme nach dem jüngsten Kind im Wasser aus. Es war das Mädchen, das ihm zugewinkt hatte, wie er jetzt bemerkte, und es schrie entsetzt auf und wand sich voller Verzweiflung – bis es begriff, dass es Menschenarme waren, die es hielten, und nicht die Tentakel eines Kraken. Dann presste es sich an ihn und umklammerte mit der Kraft der Verzweiflung seinen Hals, sodass jeder Mensch aus Fleisch und Blut hätte befürchten müssen, es könne ihn erwürgen. Doch genau damit hatte Merlin bereits gerechnet, und seine künstlichen Muskeln konnten selbst ihrer Kraft der Verzweiflung mühelos standhalten; so schob er es nun, so sanft er nur konnte, auf den Rumpf des gekenterten Bootes hinauf. Sofort griff das Mädchen nach dem Kiel, hielt sich fest, und schon drehte Merlin sich um und holte ein weiteres Kind aus dem Wasser.

»Ihr seid in Sicherheit!«, rief er erneut, und dieses Mal schienen sie ihn tatsächlich zu hören.

Er hörte, dass eine andere Stimme seine Worte wiederholte, und begriff schließlich, dass sie zu dem Jungen gehörte, der das Mädchen aus dem Wasser herausgestoßen hatte. Diese ihnen viel vertrautere Stimme schien nun tatsächlich endgültig zu den Überlebenden vorzudringen, selbst wenn das für Merlins eigene Stimme nicht gegolten haben mochte, und so legte sich ihre Panik allmählich – zumindest so weit, dass nun endlich alle fünf auf den Rumpf der Barkasse hinaufklettern konnten und sich dort eng aneinanderpressten.

Drei von ihnen umklammerten mit ihren Fingern den Kiel des Bootes so fest, dass ihre Knöchel weiß hervortraten; sie schluchzten so verängstigt, dass es Merlin fast das Herz brach. Doch viel schlimmer für ihn waren die beiden Kinder – darunter auch das Mädchen, dem Merlin als erstes aus dem Wasser herausgeholfen hatte: Immer und immer wieder riefen sie nach den beiden Brüdern und der Schwester, die sie niemals wiedersehen würden.

Merlin blieb im Wasser, sprach beruhigend auf die Kinder ein, versuchte sie nach Kräften zu trösten, und noch während er das tat, regte sich in seinem Hinterkopf die Frage, wie er das nun wieder Cayleb würde erklären sollen.

»Das war … beeindruckend«, sagte Kronprinz Cayleb einige Stunden später mit ruhiger Stimme.

In schweren Sesseln saßen Merlin und er einander in Caylebs Gemach in der Zitadelle gegenüber. Die Sonne war mittlerweile untergegangen, der Raum angenehm kühl, vom Schein der Lampen nur matt erleuchtet; Merlin blickte den Kronprinzen ausdruckslos an.

»Ich glaube nicht«, fuhr Cayleb fort, »jemals davon gehört zu haben, dass ein Mensch, nur mit einem Kurzschwert bewaffnet, einen Kraken besiegt hat – von zweien ganz zu schweigen. Ach ja, und wir wollen doch auch nicht den Kraken vergessen, den Ihr harpuniert habt … über siebzig Schritt hinweg. Seijin oder nicht, Merlin, das war wirklich eine beeindruckende Leistung.«

Merlin schwieg weiter, und Cayleb lehnte sich in seinem Sessel weit genug zurück, dass sein Gesicht jetzt im Schatten lag. Das Schweigen zog sich hin, bis nach mehreren Sekunden der Kronprinz seufzte.

»Hättet Ihr wohl die Güte, mir zu erklären, wie Ihr das alles fertiggebracht habt?«

Unter den gegebenen Umständen klingt der Prinz erstaunlich ruhig und vernünftig, dachte Merlin.

»Das kann ich nicht, Cayleb«, sagte er nach kurzem Nachdenken. »Ich wünschte, ich könnte es. Wirklich, das wünschte ich wirklich. Aber ich kann es nicht.«

»Merlin«, gab Cayleb leise zurück, »es ist mir egal, ob Ihr ein Seijin seid oder nicht. Kein Sterblicher könnte das leisten, was Ihr an diesem Nachmittag vollbracht habt. Ich habe es doch mit eigenen Augen gesehen. Niemand, nicht einmal ein Seijin. Ich habe Euch schon einmal gefragt, was Ihr in Wirklichkeit seid, und Ihr habt mir versichert, Ihr würdet dem Licht dienen. Aber was für eine Art Diener des Lichts seid Ihr?«

»Cayleb … Euer Hoheit«, setzte Merlin leise an. »Das kann ich Euch nicht sagen. Das bedeutet nicht ›ich will es nicht‹, und auch nicht ›ich weigere mich, es Euch zu sagen‹; ich kann es einfach nicht.«

»Ihr verlangt hier sehr viel von mir, Merlin«, fuhr Cayleb mit der gleichen, ruhigen Stimme fort. »Mein Vater vertraut Euch. Er vertraut Euch genug, sich und sein ganzes Königreich an Eure ›Dienste‹ zu binden – an Eure ›Visionen‹ und all das Wissen und die Vorschläge, die Ihr uns unterbreitet habt. Und ich habe Euch ebenfalls vertraut. Haben wir uns getäuscht? Wenn Ihr etwas zu leisten imstande seid, was ein Mensch nicht zu vollbringen vermag, dann seid Ihr mehr als ein Sterblicher. Und woher soll ich wissen, ob jemand, der entweder ein Engel oder ein Dämon sein muss, die Wahrheit sagt?«

»Ich bin weder ein Engel noch ein Dämon«, erwiderte Merlin. »Das schwöre ich Euch. Ich kann Euch einfach nicht erklären, was ich bin. Nicht jetzt – vielleicht niemals. Und ich nehme an, Ihr werdet einfach selbst für Euch ganz alleine entscheiden müssen, ob Ihr jemandem vertrauen könnt, der Euch diese Fragen nicht beantworten kann, oder eben nicht.«

Er schaute Cayleb geradewegs an, und wieder sah Cayleb in diese sonderbaren, saphirblauen Augen. Mindestens eine Minute lang wandte der Kronprinz den Blick nicht ab. Dann holte er tief Luft.

»Ihr hättet nicht tun müssen, was Ihr an diesem Nachmittag getan habt.« Er sprach so beiläufig, so normal, dass es unter den gegebenen Umständen fast schon bizarr wirkte. »Andererseits hätte ich dann niemals erfahren, was ich jetzt weiß, nicht wahr?«

»Das hättet Ihr nicht«, bestätigte Merlin. »Aber das bedeutet nicht, dass ich es nicht auch so getan hätte.«

»Nein, das bedeutet es wirklich nicht«, pflichtete Cayleb ihm bei. Und dann, zu Merlins großem Erstaunen, lächelte er. Es war ein fast schon sanftmütiger Gesichtsausdruck, und der Prinz schüttelte den Kopf. »Und das, Merlin, ist auch der Grund, warum ich Euch sehr wohl vertraue.«

»In der Tat?« So sehr Merlin sich auch bemühte, es gelang ihm nicht, sich die Überraschung nicht anmerken zu lassen. Cayleb lachte leise.

»Ihr habt mir gezeigt, was Ihr zu leisten vermögt, Ihr habt mir bewiesen, dass Ihr sogar mehr seid als ein Seijin, nur um ein paar Bälger aus dem Hafen zu retten, die Ihr nicht einmal kanntet. Ihr habt all das Vertrauen riskiert, das Ihr in der Zwischenzeit bei mir und meinem Vater gewonnen habt. Und ich glaube Euch, dass Ihr das getan habt, ohne auch nur in Erwägung zu ziehen, dass es Euch zum Nachteil gereichen könnte.«

»Ihr habt recht.« Merlin schüttelte den Kopf. »Der Gedanke ist mir nicht einmal gekommen.«

»Und genau deswegen vertraue ich Euch«, erklärte Cayleb nun schlicht. »Ein Mann – oder jemand, der mehr ist als ein Mann –, der im Dienste der Finsternis steht, hätte niemals zugelassen, dass eine Handvoll Hafenbälger ein Hindernis für seine eigenen Ziele darstellt. Aber genau das habt Ihr getan. Da Ihr bereit wart, alles zu riskieren, alles zu verlieren, was Ihr bereits erreicht habt, um das Leben einiger Kinder zu retten, dann verrät mir das alles, was ich über Euch wissen muss. Was natürlich nicht bedeutet …« – plötzlich lächelte er Merlin in einer Art und Weise an, die verdächtig nach einem ›verschlagenen Grinsen‹ aussah – »… dass ich nicht trotzdem gerne mehr erfahren würde!«

»Euer Hoheit«, gab Merlin zurück und versuchte nicht einmal, seine Erleichterung zu verbergen, »an dem Tag, an dem ich Euch mehr werde sagen können, wenn er denn jemals kommt, werde ich es auch tun. Das schwöre ich Euch.«

»Ich hoffe, dass dieser Tag kommt«, merkte Cayleb an. »Aber jetzt sollten wir beide, Ihr und ich, uns überlegen, was für eine Erklärung wir uns für diesen Nachmittag zurechtlegen. Die gute Nachricht lautet: Niemand am Ufer, von mir abgesehen, befand sich in einer Position, von der aus man genau hätte erkennen können, was eigentlich wirklich passiert ist. Die schlechte Nachricht ist, dass die Geschichte, die diese Kinder erzählen, wirklich ziemlich ungeheuerlich ist.«

»Ihr wisst doch genau, wie schnell etwas für Kinder aufregend sein kann, Euer Hoheit.« Merlin lächelte. »Es würde mich überhaupt nicht überraschen, wenn den Kindern das, was da wirklich geschehen ist, viel aufregender und beeindruckender erschienen wäre, als es letztendlich war!«

»Das ist ja alles schön und gut«, gab Cayleb zu bedenken, jetzt sehr viel nüchterner. »Aber ein Kraken-Kadaver wurde bereits an Land geschleppt. Der, den Ihr harpuniert habt. Glaubt mir, alleine das hat schon für reichlich erstaunte Blicke gesorgt, selbst wenn ich in meinen Schilderungen die Distanz, über die Ihr die Harpune eingesetzt habt, sagen wir … ein wenig … abgemildert habe. Wird es noch mehr erstaunte Blicke geben, wenn auch noch die beiden anderen gefunden werden?«

»Oh, ich denke, davon wird man fest ausgehen können«, gab Merlin zu.

»Und hat das vielleicht irgendetwas mit dem Messer zu tun, das Ihr bis zum Heft in den Bootsrumpf gerammt habt?«, fragte Cayleb höflich nach.

»Ja, das hat es tatsächlich.«

»Na wunderbar.« Nachdenklich blies Cayleb die Backen auf und atmete langsam aus, dann zuckte mit den Schultern. »Wenigstens haben sich die noch in der Hauptfahrrinne befunden. Der, den Ihr harpuniert habt, ist ins deutlich flachere Wasser gelangt, bevor er schließlich verendet ist. Da draußen ist es recht tief, und ich habe gehört, dass es dort auch eine ziemliche Strömung gibt. Wir können zumindest darauf hoffen, dass die beiden anderen überhaupt nicht mehr gefunden werden.«

»Das wäre zweifellos das Beste«, stimmte Merlin zu und blickte den Prinzen mehrere Sekunden lang nur schweigend an.

»Seid Ihr Euch sicher, dass Ihr mit dieser Lage gut leben könnt, Cayleb?«, fragte er schließlich.

»›Gut leben‹ ist gewiss nicht der Ausdruck, den ich in diesem Zusammenhang verwendet hätte.« Cayleb verzog die Lippen zu einem schiefen Grinsen. »Tatsächlich geht es noch nicht einmal ansatzweise in die Richtung, in der meine bevorzugte Formulierung liegt. Aber wenn Ihr meint, ob ich vielleicht an meiner Entscheidung zweifle, dann lautet die Antwort auf diese Frage: nein.«

»Das weiß ich zu schätzen«, sagte Merlin sehr sanft. »Wirklich.«

»Na, sehen wir uns doch einmal die Lage an«, schlug Cayleb vor. »Bislang habt Ihr mein Leben gerettet, und auch das von Rayjhis, ihr habt den vielleicht gefährlichsten Verräter in der Geschichte dieses Königreiches zur Strecke gebracht, habt beide Haupt-Spionageringe in Charis zerschlagen, habt uns Dinge gelehrt, die uns vielleicht tatsächlich davor werden bewahren können, in absehbarer Zeit aufgerieben zu werden, und jetzt habt Ihr auch noch fünf Untertanen meines Vaters vor dem sicheren Tod bewahrt. Ich würde sagen, damit ist Eure Bilanz bei mir durchaus positiv. Bislang, zumindest.«

»Von dieser Seite hatte ich das bisher noch überhaupt nicht betrachtet.«

»Dann hättet Ihr das vielleicht einfach mal tun sollen. Tatsächlich …« Cayleb stockte, als jemand an die Tür klopfte.

Er verzog das Gesicht und schüttelte dann verärgert den Kopf.

»Ich hatte doch ausdrückliche Anweisungen erteilt, dass wir nicht gestört werden sollten!«, sagte er, dann erhob er sich und drehte sich zur Tür herum.

»Herein!«, rief er mit einer Stimme, die nur zu deutlich verriet, dass es keine gute Idee war, jetzt ohne einen wirklich triftigen Grund hier anzuklopfen, wer auch immer auf der anderen Seite dieser Tür stehen mochte.

Die Tür öffnete sich, und Ahrnahld Falkhan schaute den Prinzen mit einem entschuldigenden Blick an.

»Ich weiß sehr wohl, dass Ihr Anweisung erteilt hattet, Euch nicht zu stören, Euer Hoheit«, sagte er. »Aber ein Kurierboot aus Tellesberg ist eingetroffen.«

Er streckte seinem Kronprinzen einen Umschlag entgegen, der unverkennbar das karmesinrote Wachssiegel König Haarahlds persönlich trug. Cayleb nahm ihn entgegen; seine Miene war auf einmal völlig ausdruckslos, und er erbrach das Siegel. Steifes, schweres Papier raschelte, als er die kurze Nachricht aus dem Umschlag herausnahm, sie entfaltete und dann las. Dann blickte er auf und schaute Merlin mit einem dünnen Lächeln an.

»Es sieht so aus, als würden wir beide in Tellesberg benötigt, Merlin«, sagte er. »Der Intendant der Kirche hat seinem … Bedürfnis Ausdruck verliehen, mit uns zu sprechen.«

.II.

Königlicher Palast, Tellesberg

Es war das erste Mal, dass Merlin Pater Paityr Wylsynn persönlich begegnete, und als der Oberpriester in den Thronsaal geführt wurde, wünschte Merlin sich inständig, es wäre unter anderen Umständen zu dieser Begegnung gekommen. Praktisch unter allen anderen nur erdenklichen Umständen.

Wylsynn war noch recht jung; zwar älter als Cayleb, aber wahrscheinlich nicht deutlich älter als Nimue Alban zum Zeitpunkt ihres biologischen Todes. Er war schlank, mit rotgelocktem Haar, und seine grauen Augen schienen vor lebhafter Intelligenz regelrecht zu sprühen; diese Augen wiesen ihn, ebenso wie auch sein Haar, unverkennbar als Fremden in Charis aus.

Er trug den purpurnen Habit des Schueler-Ordens, und das Abbild eines Schwertes und einer goldenen Flamme, eingestickt in seinen Ärmel, war das deutliche Zeichen, dass er zugleich auch der kirchliche Intendant in Charis war.

Er folgte dem Kammerherrn bis zum Fuß des Podestes und verneigte sich geziemend – zunächst vor Haarahld, dann vor Bischof Maikel, der neben seiner Majestät stand, und schließlich auch vor Cayleb.

»Euer Majestät.« Der Priester hatte eine angenehme Tenorstimme, und er sprach mit einem Akzent, der sofort verriet, dass er der Elite des Tempels und der Stadt Zion angehörte.

»Vater«, gab Haarahld zurück, und sein weicher, melodischer Charis-Akzent wirkte angesichts der Sprechweise des Oberpriesters nur noch ausgeprägter.

»Ich danke Euch, dass Ihr mich so kurzfristig noch empfangt«, fuhr Wylsynn fort. »Und ich danke Euch, dass Ihr Euch zu uns gesellt habt, Eure Eminenz«, setzte er noch hinzu und deutete Bischof Maikel gegenüber eine zweite Verbeugung an.

»Sie sind uns höchst willkommen, Vater«, gab der Bischof zurück. »Und gestatten Sie mir, mich bei Ihnen dafür zu bedanken, dass Sie mich davon in Kenntnis gesetzt haben, dieses Gespräch zu suchen. Diese Geste der Höflichkeit weiß ich zutiefst zu schätzen.«

Wylsynn lächelte und vollführte eine kleine, abwehrende Handbewegung, als sei es für ihn keineswegs etwas Besonderes gewesen, Staynair hierüber zu informieren. Doch eindeutig war dem in Wirklichkeit ganz und gar nicht so. Als Intendant der Kirche hatte Pater Paityr das Recht, jeden Ort aufzusuchen, zu jedem beliebigem Zeitpunkt, und jederzeit nach eigenem Gutdünken jede beliebige Person zu befragen, ohne irgendjemanden im ganzen Königreich zuvor davon in Kenntnis setzen zu müssen – Bischof-Vollstrecker Zherald eingeschlossen.

»In Ihrer Nachricht habt Ihr die Anwesenheit von Kronprinz Cayleb und Lieutenant Athrawes erbeten«, merkte Haarahld nach kurzem Schweigen an. »Wie Ihr seht, sind beide hier. Dürfen wir jetzt den Grund erfahren, warum Ihr uns zu sprechen wünscht?«

»Selbstverständlich, Euer Majestät.« Wylsynn neigte den Kopf; es war nicht ganz eine Verneigung, aber doch eine Geste des Respekts.

»Ich fürchte, es haben den Tempel gewisse Berichte erreicht, die einige Dinge hier in Charis betreffen«, sagte er ruhig. »Die meisten, so vermute ich, sind die Folge gewöhnlicher, unvermeidbarer Übertreibungen. Andere hingegen könnten durchaus auch in böswilliger Absicht vorgelegt worden sein, von Personen, deren Interessen … nicht mit denen Eures Königreiches übereinstimmen, so könnte man es vielleicht ausdrücken. Wie dem auch sei: Wenn es so viel Rauch gibt, fühlen sich der Rat der Vikare und das Offizium der Inquisition verpflichtet, sich zu vergewissern, dass dort wirklich kein Feuer schwelt. Daher habe ich um diese Unterredung gebeten.«

Einige Sekunden lang saß Haarahld nur schweigend dort und betrachtete mit nachdenklicher Miene den jungen Oberpriester. Merlin achtete sorgsam darauf, die eigene Miene völlig ausdruckslos zu halten, während er hinter Caylebs Thron stand, doch gleichzeitig dachte er angestrengt über die Erklärung nach, die Wylsynn hier abgegeben hatte. Der Oberpriester sprach mit ruhiger, gemessener Stimme, doch es gab einen Unterton, eine Andeutung, ein Hauch von etwas, das beinahe schon Wut sein mochte, und Merlin erinnerte sich an ein kurzes Gespräch mit Bischof Maikel über die Gründe, weswegen Wylsynn die Intendanz über Charis übertragen worden sein könnte.

»Vergebt mir, Vater«, sagte Haarahld schließlich, »aber ich muss annehmen, dass sich sämtliche dieser Berichte auf die neuen Vorgehensweisen und Gerätschaften beziehen, die im Laufe der letzten Monate hier in Charis eingeführt wurden. Ich war der Ansicht, sie seien samt und sonders untersucht und für makellos befunden worden.«

»Damit habt Ihr auch durchaus recht, Euer Majestät«, stimmte Wylsynn zu. »Ich habe tatsächlich sämtliche dieser Vorgehensweisen und Gerätschaften untersucht, die dem Offizium des Intendanten zur Billigung vorgelegt wurden, ganz wie es auch erforderlich ist. Und ich war auch tatsächlich der Ansicht, nichts davon käme einer Verletzung der Achtungen auch nur nahe. Und dieser Ansicht bin ich nach wie vor.«

Wäre Merlin immer noch ein Wesen aus Fleisch und Blut gewesen, hätte er jetzt erleichtert ausgeatmet. Doch Wylsynn hatte seine Ausführungen noch nicht beendet, und nun hob er die Hand in einer Geste, als wolle er sich beim König fast entschuldigen.

»Bedauerlicherweise, Euer Majestät, hat mich Erzbischof Erayk persönlich aufgefordert, mich noch einmal zu vergewissern, dass meine Ansicht tatsächlich gerechtfertigt ist. Seine Semaphoren-Botschaft war natürlich äußerst knapp gehalten, und er hat keinen Grund angeführt, warum eine derartige Neubegutachtung erforderlich sei. Ich kann lediglich mutmaßen, dass dies eine Folge eben dieser übertriebenen Berichte ist, die ich bereits erwähnt habe.«

»Ich verstehe. Und ich begreife auch, dass es Eure Pflicht ist, die Anweisungen des Erzbischofs zu befolgen. Allerdings …« – Haarahld ließ seine Stimme ein wenig besorgt klingen – »… haben wir, nachdem man uns versichert hat, sämtliche dieser Neuerungen seien voll und ganz akzeptabel, schon viele davon in die Tat umgesetzt. Wenn nun diese Begutachtung erneut erfolgen muss, bedeutet das gewaltige Mühen – und nicht unbeträchtliche finanzielle Verluste – für zahlreiche unserer Untertanen, die in gutem Glauben gehandelt haben.«

»Glaubt mir, Euer Majestät, dessen bin ich mir voll und ganz bewusst«, entgegnete Wylsynn. »Ich habe über dieses Problem ausgiebig nachgedacht, seit ich diese Botschaft seiner Eminenz erhalten habe. Ich bin voll und ganz der Ansicht, meine bisherige Einschätzung der Lage sei in jeder Hinsicht korrekt, und die Bewertung sämtlicher Dinge, die meinem Offizium vorgelegt wurden, sei angemessen. Auch wenn ich seiner Eminenz selbstverständlich diensteifrigen Gehorsam schulde, sehe ich doch keinerlei Notwenigkeit, die Begutachtung und Prüfung zu wiederholen – ich bin sehr zuversichtlich, dass am Ende dessen meine Meinung unverändert bliebe. Aber derzeit bin ich doch geneigt zu bezweifeln, dass jegliches Protestieren meinerseits seiner Eminenz gegenüber Eurem Königreich … zuträglich wäre.«

Merlin kniff die Augen zusammen, und er spürte, wie sich Caylebs Schultern anspannten. Über den jungen Pater Paityr war man allgemein der Ansicht, er sei an den politischen Realitäten der einzelnen Fraktionen der Kirche des Verheißenen geradezu geringschätzig desinteressiert – und auch daran, wie die weltlichen Herrscher eben diese Fraktionen zu ihrem eigenen Vorteil ausnutzen. Und das machte seinen letzten Satz noch deutlich interessanter, als er es an sich schon gewesen wäre.

»Wenngleich ich der Ansicht bin, die Befürchtungen des Erzbischofs – angenommen natürlich, es seien tatsächlich seine Befürchtungen, und nicht die des Rates der Vikare – seien unangemessen«, fuhr Wylsynn fort, »bin ich doch durch meinen Amtseid und durch meine Pflichten als einer der Priester Gottes gezwungen, seine Anweisungen nach bestem Wissen und Gewissen zu befolgen. Nach reiflicher Überlegung bin ich zu dem Schluss gekommen, die wahre Natur der Dinge, die hier zur Besorgnis Anlass geben, habe doch weniger mit den eigentlichen Vorgehensweisen und Gerätschaften zu tun, die ich bereits im Namen von Mutter Kirche gebilligt habe, als vielmehr mit der Zukunft, zu der sie dereinst führen könnten.«

Was, dachte Merlin mehr als nur ein wenig besorgt, nur um so mehr ›politisches‹ Verständnis dieses Oberpriesters zeigt. Und mit einem einzigen Satz hat er den Nagel genau auf den Kopf getroffen.

»Die Heilige Schrift warnt uns, dass Veränderungen stets Veränderungen gebären, und dass Shan-weis Versuchungen immer einen Weg finden, sich Schritt um Schritt in unsere Herzen zu stehlen«, erklärte Wylsynn ernst. »Angesichts dessen erscheinen mir die Befürchtungen seiner Eminenz durchaus berechtigt. Und, um ganz ehrlich zu sein: Ich muss feststellen, dass ich ihm in mancherlei Hinsicht sogar ein wenig zustimmen muss. Euer Volk hier in Charis ist … ungestüm, Euer Majestät. Ich habe es lieben und bewundern lernen können, aber es mag im Schoße von Mutter Kirche jene geben, die Vorbehalte gegen ein Volk haben könnten, das stets Verbesserungen an allem vornimmt, was immer es auch tut – und jene eben mögen darin tatsächlich einen Grund für ihre Befürchtungen sehen.

Genau deswegen, und auch, um das zu tun, wovon ich glaube, es sei das, was der Erzbischof tatsächlich beabsichtigt hat, habe ich nach langen Gebeten und langer Meditation einen Weg gefunden, wie wir meines Erachtens verfahren sollten. Ich schlage vor, unmittelbar die Dinge anzugehen, die der eigentliche Grund für die Befürchtungen des Erzbischofs sind.«

»Wie das, Pater?«, fragte Haarahld ein wenig skeptisch.

»Folgendermaßen, Euer Majestät«, entgegnete Wylsynn und berührte das Szepter Langhornes an seiner Brust. Es war größer als bei den meisten anderen und reichhaltig mit Edelsteinen besetzt – genau die Art Szepter, die man bei jemandem, der aus einer so reichen und berühmten Familie wie der Wylsynns stammte, erwarten würde. Doch niemand im Thronsaal rechnete mit dem, was geschah, als Wylsynn dieses Szepter nun in die Hand nahm und Ober- und Unterteil gegeneinander verdrehte.

Das Oberteil mit der Krone löste sich, und nun war zu erkennen, dass der Stab selbst sich in einer mit Gold ausgeschlagenen Öffnung im Inneren dieses Oberteils fortsetzte.

Wylsynn ließ das Oberteil sinken – nun hing es an der goldenen Kette um seinen Hals – und tippte mit dem rechten Zeigefinger gegen die obere Spitze. Und als er den Stab berührte, begann dieser zu leuchten.

Wie verzaubert starrten Haarahld, Bischof Maikel, Cayleb und sämtliche Leibgardisten des Königs das immer kräftiger werdende blaue Leuchten an. Merlin tat es ihnen gleich, tat es aber aus völlig anderen Gründen.

»Dies hier«, sagte Wylsynn mit ruhiger Stimme, »ist ein Schatz von Mutter Kirche, der meiner Familie bereits vor Jahrhunderten anvertraut wurde. Gemäß den Überlieferungen, die von Generation zu Generation weitergereicht wurden, gehörte es einst dem Erzengel Schueler persönlich.«

Er führte die Fingerspitzen zuerst an sein Herz, dann an die Lippen, und alle anderen Anwesenden, Merlin eingeschlossen, folgten seinem Beispiel.

»Es gehört zum Wesen des Steins von Schueler«, fuhr Wylsynn dann fort, »dass, so denn jemand, der ihn berührt und eine Lüge ausspricht, der Stein sich blutrot verfärbt. Wenn Ihr gestattet, Euer Majestät, schlage ich vor, dass ich jedem der hier Anwesenden einige einfache Fragen stelle. Der Stein wird mich lehren, ob die Antworten, die ich erhalte, die Wahrheit sind oder nicht, und zusammen mit den Begutachtungen, die ich bereits vorgenommen habe, wird mir das ermöglichen, auf die Befürchtungen des Erzbischofs in gutem Glauben zu reagieren.«

Immer noch hatte der Oberpriester den Blick fest auf Haarahld gerichtet, Miene und Körperhaltung zeigten unverkennbar, wie ernst ihm das alles hier war, und nun legte er beide Hände auf den leuchtenden, blauen Kristall.

»Niemand, von wenigen Mitgliedern meiner eigenen Familie abgesehen, weiß, wem in dieser Generation der Stein gewährt wurde«, sagte er. »Tatsächlich glauben sogar die meisten Diener der Kirche, er sei zum Zeitpunkt des Todes von Sankt Evyrahard für alle Zeiten verlustig gegangen. Ich enthülle Euch das nicht leichten Herzens, aber ich habe … meine eigenen Befürchtungen, was die wahre Natur dieser Anschuldigungen betrifft, die derzeit im Tempel gegen Charis erhoben werden.«

Für Merlin war es unverkennbar, dass es diesem jungen Oberpriester beinahe körperliches Ungemach bereitete, etwas Derartiges zugeben zu müssen, doch der Kristall glomm nach wie vor leuchtend blau, und Wylsynn fuhr fort, ohne mit der Wimper zu zucken.

»Ich glaube, dass Gott mir diesen Stein für genau diesen Augenblick hat zukommen lassen, Euer Majestät. Ich glaube, Er hat die Absicht, meine eigene Besorgnis zu zerstreuen, damit ich weiß, wie ich am besten auf die Befürchtungen anderer reagiere.«

Er hielt inne, und Merlin hielt innerlich den Atem an, als Haarahld VII. von Charis dem jungen Oberpriester tief in die Augen blickte.

Im Gegensatz zu Haarahld wusste Merlin genau, was dort im Inneren von Wylsynns ›Reliquie‹ versteckt war; nicht, dass er damit gerechnet hatte, so etwas jemals zu Gesicht zu bekommen.

Es war ein Verifikator – die ultimative Weiterentwicklung der alten, schwerfälligen Lügendetektoren aus der Zeit vor der Entwicklung der Raumfahrt. Im Gegensatz zu allen früheren Versuchen, den Wahrheitsgehalt einer Aussage zu ermitteln, analysierte ein solcher Verifikator das Hirnwellenmuster des jeweils

vernommenen Individuums. Laut den Gesetzen der alten Terra-Föderation durften Verifikatoren nur auf ausdrückliche Anordnung eines ordentlichen Gerichtes eingesetzt werden, und selbst dann galten strenge Sicherheitsvorkehrungen: deutliche Einschränkungen bei der Art und Weise der Fragen, die gestellt werden durften, um unspezifische Erkundungen oder Hexenjagden zu vermeiden.

Selbst diese Verifikatoren waren keine perfekten Hüter der Wahrheit. Während der Zeit, in der sie eingesetzt worden waren – fast ein Jahrhundert –, hatte es keinen Fall gegeben, in dem ein Verifikator jemals eine bewusste Lüge als ›Wahrheit‹ interpretiert hatte, doch dieses Gerät vermochte einem Vernehmer nur zu verraten, ob die vernommene Person das sagte, was sie für die Wahrheit hielt. Ein Verifikator konnte nicht wie von Zauberhand eine Wahrheit enthüllen, die niemand kannte … und gewisse Geisteskrankheiten konnten zu widersprüchlichen Ergebnissen führen.

Das Gerät, das Wylsynn jetzt in der Hand hielt, mochte sich durchaus tatsächlich zuvor in Schuelers unmittelbarem Besitz befunden haben. Zumindest hatte es einem Mitarbeiter aus Langhornes Kommandostab gehört, und ganz offensichtlich war das Gerät so gebaut worden, dass es praktisch für alle Zeiten funktionieren würde. Der Kristall selbst war eigentlich nichts anderes als ein gewaltiger Brocken aus Molekularschaltungen, den selbst ein Vorschlaghammer nicht hätte beschädigen können – doch durch irgendetwas musste dieses Gerät auch die erforderliche Energie erhalten. Merlin war sich nicht sicher, doch es erschien ihm sehr wahrscheinlich, dass der ›Engel‹, der diese ›Reliquie‹ einst Wylsynns Familie vermacht hatte, sie auch ein Ritual gelehrt hatte, mit dem dieses Gerät immer wieder aufgeladen wurde – vielleicht einfach mit einem schlichten Sonnenenergie-Konverter, der in das Gerät eingebaut war.

Doch nichts von alledem war jetzt von Bedeutung. Von Bedeutung war nur, dass dieser örtliche Repräsentant der Inquisition in Charis über ein derartiges Gerät verfügte.

»Es ehrt mich, dass Ihr bereit seid, uns die Existenz dieser Reliquie kundzutun, Pater. Und Gleiches gilt für Euer Vertrauen in unsere Verschwiegenheit und Eure Entschlossenheit, über diese Angelegenheit gerecht zu urteilen«, sagte Haarahld schließlich. »Ich selbst fürchte keine Frage.« Er blickte die anderen Anwesenden nicht einmal an.

»Wir werden die Fragen beantworten, die Ihr uns stellt«, entschied er.

Reglos stand Merlin hinter Caylebs Thron, als Wylsynn auf den König zuschritt. Der Oberpriester streckte ihm den Verifikator entgegen, und mit festem Griff nahm Haarahld ihn in beide Hände, ohne jegliches Zögern – trotz des unwirklichen Lichtes, das diese ›Reliquie‹ verströmte. Er blickte über das blaue Leuchten, das seine Finger fast durchsichtig wirken ließ, geradewegs zu Wylsynn hinüber.

»Ich werde meine Fragen so kurz halten, wie ich nur kann, Euer Majestät«, versprach der Oberpriester.

»Fragt nur, Pater«, gab Haarahld mit fester Stimme zurück.

»Nun gut, Euer Majestät.« Wylsynn räusperte sich. »Euer Majestät, nach allem, was Ihr wisst: Verstoßen jegliche dieser neuen Vorgehensweisen, Gerätschaften oder Konzepte, die bereits in Charis eingeführt wurden oder eingeführt werden sollen, in irgendeiner Weise gegen die Achtungen der Jwo-jeng?«

»Das tun sie nicht«, erwiderte Haarahld förmlich, mit ruhiger Stimme, und der Verifikator glomm weiterhin gleichmäßig blau.

»Wisst Ihr von irgendeiner Person hier in Charis, die sich Gottes Plan für Safehold widersetzen will?«, fuhr Wylsynn fort, und wieder hielt Merlin innerlich den Atem an.

»Ich weiß von niemandem hier in Charis, der sich dem Willen Gottes würde widersetzen wollen«, sagte Haarahld. »Ich bezweifle nicht, dass es derartige Personen gibt, denn es gibt immer jene, die das Böse dem Guten vorziehen, aber wenn sie denn existieren, so weiß ich nicht, wer sie sein mögen oder wo sie sich aufhalten.«

Und der Verifikator glomm stetig weiter.

»Akzeptiert Ihr, als Individuum und als Monarch, Gottes Plan für Safeholds Heil?«, fragte Wylsynn weiter, und dieses Mal spannte sich Haarahlds Miene sichtlich an, als durchzucke ihn immenser Zorn. Doch er antwortete in der gleichen ruhigen, gemessenen Art und Weise.

»Ich akzeptiere Gottes Plan für diese Welt, für mein Königreich und für mich selbst«, antwortete er, und der Verifikator leuchtete weiterhin blau.

»Habt Ihr Böses gegen jene im Sinne, die nichts Böses gegen Euch im Sinne haben?«, fragte Wylsynn sehr leise, und Haarahld neigte den Kopf ein wenig zur Seite.

»Vergebt mir, Vater«, sagte er über das blaue Leuchten hinweg, »aber diese Frage scheint mir doch ein wenig zu weit zu gehen.«

Wylsynn wollte schon etwas erwidern, doch der König schüttelte den Kopf, bevor der Oberpriester dazu kam.

»Dennoch«, fuhr Haarahld fort, »werde ich sie beantworten. Ihr habt mir Euer Vertrauen geschenkt, also werde ich Gleiches mit Gleichem vergelten. Die Antwort auf Eure Frage lautet: Ich habe gegen niemanden etwas Böses im Sinn, der nicht gegen mich oder gegen die Untertanen, für deren Leben und Sicherheit ich verantwortlich bin, handelt oder zu handeln versucht.«

Das blaue Glimmen des Verifikators ließ nicht nach, und Wylsynn verneigte sich tief vor dem König, dann trat er einen Schritt zurück.

»Ich danke Euch, Euer Majestät«, sagte er und richtete den Blick dann auf Cayleb.

»Euer Hoheit?«, fragte er, und Cayleb streckte die Hand ebenso furchtlos aus wie vor ihm sein Vater.

»Ihr habt die Antwort Seiner Majestät auf meine Fragen gehört, Euer Hoheit«, sagte Wylsynn. »Darf ich fragen, ob Ihr im Einklang mit seinen Antworten steht?«

»Das tue ich.«

»Teilt Ihr die Ansichten Eures Herrn Vaters in diesen Belangen?«

»Das tue ich.«

»Ich danke Euch, Euer Hoheit«, sagte Wylsynn, nachdem die ganze Zeit über sein Verifikator blau geleuchtet hatte. Dann richtete er den Blick auf Merlin.

»Zusätzlich zu der Sorge wegen der Behauptung, es würde gegen die Achtungen verstoßen, hat mich seine Eminenz auch davon in Kenntnis gesetzt, dass es Berichte über einen schlechten Einfluss auf den Königlichen Rat gegeben habe. Namen wurden nicht genannt, aber ich könnte mir vorstellen, dass sämtliche dieser Berichte sich um Sie ranken, Lieutenant Athrawes. Sie sind schließlich ein Fremder, und es halten sich hartnäckig Gerüchte, Sie wären ein Seijin. Der Erzbischof hat mich nicht ausdrücklich aufgefordert, diesen Gerüchten nachzugehen, aber es wäre für mich von immensem Wert – und auch eine immense Erleichterung für mich –, wenn Sie mir gestatten würden, dies trotzdem zu tun.«

Einige Sekunden lang blickte Merlin ihn nur schweigend an; er spürte, dass Caylebs Anspannung deutlich zunahm. Dann verzog er die Lippen zu einem schiefen Grinsen und verneigte sich vor dem Oberpriester.

»Ich hätte niemals etwas Derartiges erwartet, Pater«, sagte er völlig aufrichtig. »Aber wenn ich zu Diensten sein kann, so habt Ihr selbstverständlich meine Einwilligung.«

Er streckte die Hand aus und legte sie auf den Verifikator. Während er das tat, glomm ein kleines grünes Icon in seinem Augenwinkel auf, und innerlich atmete er tief durch, als er auf diese Weise davon in Kenntnis gesetzt wurde, dass dieser Verifikator vollständig einsatzbereit war. Die Schaltungen dieses Geräts und die zugehörige Programmierung hatten bereits festgestellt, dass er in Wirklichkeit ein PICA war, aktiv im autonomen Modus. Dieses Gerät konnte nicht feststellen, dass er mit manipulierter Software arbeitete, und es bestand auch keinerlei Möglichkeit, Wylsynn davon in Kenntnis zu setzen. Doch das Gerät war so konstruiert, dass es auch mit dem MolyCirc-Gehirn eines PICA interagieren konnte, nicht nur mit einem menschlichen, und so war das Gerät sofort in den entsprechenden Analysemodus umgesprungen.

Und das bedeutete, dass dieser Verifikator sofort bemerken würde, wenn Merlin diesen Oberpriester anlog.

»Sind Sie ein Seijin, Lieutenant?«, fragte Wylsynn.

»Ich verfüge über einige, aber bei Weitem nicht über alle Fähigkeiten, die gemeinhin den Seijin zugesprochen werden«, erwiderte Merlin ruhig; er wählte seine Worte äußerst bedachtsam. »Ich habe sie im Laufe zahlreicher Jahre in den Bergen des Lichts erlangt, aber keiner meiner Lehrer oder Ausbilder hat mich jemals als ›Seijin‹ bezeichnet.«

Wylsynn betrachtete das gleichmäßige, blaue Glimmen des Verifikators, dann blickte er Merlin wieder in die Augen.

»Warum sind Sie nach Charis gekommen?«

»Aus vielerlei Gründen«, sagte Merlin. »Insbesondere bin ich in dieses Königreich gereist, um meine Dienste und mein Schwert anzubieten, weil ich König Haarahld bewundere und respektiere, und weil ich glaube, dass Charis den Menschen die besten Möglichkeiten bietet, so zu leben, wie Gott es für die Menschen vorgesehen hat.«

»Darf ich anhand Ihrer letzten Antwort davon ausgehen, dass Sie auf Gottes Plan für Safehold vertrauen?«

»Pater«, sagte Merlin sehr ernsthaft, »ich glaube an Gott, ich glaube, dass Gott einen Plan für alle Menschen hat, und ich glaube, dass es die Pflicht eines jeden Mannes und einer jeden Frau ist, sich stets im Dienste des Lichtes der Finsternis entgegenzustellen.«

Der Verifikator flackerte nicht ein einziges Mal, und Wylsynns bislang angespannte, konzentrierte Miene verzog sich zu einem leichten, schiefen Grinsen.

»Ich wollte Ihnen eigentlich noch einige weitere Fragen stellen, Lieutenant«, sagte er, »aber Sie scheinen von der Wirksamkeit ausführlicher Antworten überzeugt zu sein.«

»Man müht sich, Pater«, murmelte Merlin, und er und der Oberpriester verneigten sich kurz voreinander, bevor Wylsynn sich wieder von dem Podest zurückzog, sorgfältig den Verifikator deaktivierte, ihn dann wieder mit dem Kopfteil des Szepters verschloss und auf diese Weise vor den Blicken anderer verbarg.

»Ich danke Euch, Euer Majestät. Und Ihnen ebenfalls, Lieutenant Athrawes. Ich glaube, ich weiß jetzt alles, was ich wissen musste, um angemessen auf die Befürchtungen des Erzbischofs reagieren zu können.«

»Wir waren Euch gerne zu Diensten«, entgegnete Haarahld, und Merlin fragte sich, ob die ruhige Stimme des Königs wohl ebenso viel Erleichterung verbarg, wie Merlin sie selbst verspürte.

»Und nun, Euer Majestät, Eure Eminenz, werde ich mich mit Eurer Erlaubnis zurückziehen. Es ist mir sehr wohl bewusst, dass Ihr Euch noch um zahlreiche Pflichten kümmern müsst.«

»Selbstverständlich, Pater«, gab Haarahld zurück, und Bischof Maikel hob die Hand zum Segen.

»Sie haben hier gute Arbeit geleistet, Pater«, sagte der Bischof. »Wären doch nur alle Priester von Mutter Kirche so standfest im Glauben, so eifrig und so sorgsam darin, ihre Pflichten zu erfüllen. Der Segen Gottes und der Erzengel sei mit Ihnen.«

»Ich danke Euch, Eure Eminenz«, gab Wylsynn mit leiser Stimme zurück. Dann verneigte er sich erneut und war fort.

.III.

Das ›König-Haarahld-V.‹-Stadion,Tellesberg

»Streeeeeike drei!«

Sämtliche Zuschauer im ausverkaufen ›König-Haarahld -V.‹-Stadion schrien missmutig auf, als die Entscheidung verkündet wurde, doch der weiß gekleidete Schiedsrichter hinter dem Schutzwall ignorierte alle Schmährufe. Schiedsrichter waren schließlich die einzigen Personen aus der Hierarchie von Mutter Kirche, die es gewohnt waren, ausgebuht zu werden und erbitterten Widerspruch zu ernten.

Gelegentlich bedauerte Bischof-Vollstrecker Zherald Ahdymsyn, dass dem so war. Es widersprach seinem Verständnis von Schicklichkeit und Anstand, dass jegliche Diener vor Mutter Kirche in dieser Weise geschmäht werden sollten, auch wenn der Erzengel Langhorne äußerst vorsichtig vorgegangen war, als er in den Gesetzen der Heiligen Schrift gefordert hatte, das Amt des Schiedsrichters solle nur von Laien besetzt werden. Also buhte die Menge hier keinen geweihten Priester aus. Und gerade in diesem Falle hier verstand selbst der erbosteste Sportbegeisterte, dass die Entscheidung des Schiedsrichters durchaus seine Richtigkeit gehabt hatte.

Aber es wäre vielleicht ein bisschen zu viel verlangt, das auch noch zuzugeben. Die jährliche Meisterschaft des Königreiches wieder fand das Endspiel zwischen den Tellesberg-Kraken und ihrem traditionellen, verhassten Gegner, den Hairatha-Drachen statt stand mit drei zu drei Spielen bislang unentschieden, und jetzt hatten sie bereits das siebte Inning des entscheidenden letzten Spiels erreicht; die standen mit zwei und vollbesetzten im Rückstand, und das machte ein zweites bei einem um so schmerzhafter.

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