Honor Harrington: Die Ehre der Königin - David Weber - E-Book

Honor Harrington: Die Ehre der Königin E-Book

David Weber

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Beschreibung

Der Planet Grayson spielt eine Schlüsselrolle im Konflikt zwischen Manticore und der Volksrepublik Haven. Das Außenministerium Ihrer Majestät der Königin übersieht jedoch eine "unbedeutende kulturelle Besonderheit", als es Honor Harrington beauftragt, auf Grayson für Ruhe und Ordnung zu sorgen: Dort besitzen Frauen weder Recht noch Stand; die bloße Anwesenheit Honors ist ein unerträglicher Affront. Jede andere Frau hätte sehr viel früher aufgegeben, doch dann startet Graysons Nachbarplanet eine Attacke und Honor muss bleiben, nicht nur um ihre Ehre zu verteidigen, sondern auch die ihrer Königin...

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Die Ehreder Königin

Science-Fiction-Roman

Ins Deutsche übertragenvon Dietmar Schmidt

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Titel der amerikanischen Originalausgabe:

The Honor of the Queen

© 1993 by David Weber

© für die deutschsprachige Ausgabe 1998 by

Bastei Lübbe AG, Köln

All rights reserved

Lektorat: Ruggero Leò/Stefan Bauer

Titelillustration: James Warhola

Umschlaggestaltung: QuadroGrafik, Bensberg

E-Book-Produktion: Urban SatzKonzept, Düsseldorf

ISBN 978-3-8387-2267-2

Sie finden uns im Internet unterwww.luebbe.de

Bitte beachten Sie auch: www.lesejury.de

1

Nur im Weltraum ist die Übergangslosigkeit möglich, mit der der Kutter aus dem strahlenden Licht der Sonne in pechschwarzen Schatten tauchte. Eine hochgewachsene, breitschultrige Frau im Schwarz und Gold der Royal Manticoran Navy spähte durch das Armoplast-Bullauge des Beiboots auf die Panzerstahl-Schönheit ihres Kommandos und runzelte die Stirn.

Auf der Schulter der Uniformierten saß ein grau und cremefarben gemusterter, sechsgliedriger Baumkater. Er verlagerte sein Gewicht, als die Frau die Hand hob und bestimmt mit dem Finger deutete.

»Ich war der Meinung, wir hätten den Austausch von Beta Vierzehn mit Commander Antrim diskutiert, Andy«, sagte sie ohne jede Betonung, und deswegen zuckte der untersetzte, elegante Offizier neben ihr zusammen.

»Jawohl, Ma’am, das haben wir.« Er drückte einige Tasten auf seinem Memopad und las das Display ab. »Wir haben den Austausch am Sechzehnten besprochen, Skipper, noch bevor Sie in Urlaub gingen. Der Commander hat uns versprochen, Bescheid zu geben, wann er damit anfangen will.«

»Was er nie getan hat«, stellte Captain Honor Harrington fest, und Lieutenant Commander Andreas Venizelos nickte.

»Was er nie getan hat. Es tut mir leid, Ma’am. Ich hätte ihm wohl etwas mehr Dampf machen müssen.«

»Sie hatten noch einige andere Dinge auf der Liste«, antwortete sie, und Venizelos verbarg, dass er wieder – und diesmal stärker – zusammenzucken wollte. Honor Harrington pflegte ihren Offizieren nur selten einen Hieb in die Zähne zu versetzen, aber in diesem Moment wäre es Venizelos fast lieber gewesen, wenn sie seinen Kopf auf einem silbernen Tablett verlangt hätte. Ihre ruhige, verständnisvolle Stimme klang für ihn viel zu sehr danach, dass sie versuchte, Entschuldigungen für sein Versagen zu finden.

»Vielleicht, Ma’am, aber ich hätte ihm trotzdem auf die Zehen treten müssen«, sagte er schließlich. »Ich weiß so gut wie Sie, wie ungerne diese Werftheinis Emitter austauschen.« Er gab eine Notiz in sein Pad. »Ich werde ihn anrufen, sobald wir an Bord von Vulcan zurück sind.«

»Also gut, Andy.« Sie wandte Venizelos den Kopf zu und lächelte ihn an. Ihr starkknochiges Gesicht deutete Verschmitztheit an. »Wenn er anfängt, Ihnen mit der alten Leier zu kommen, dann lassen Sie es mich wissen. Ich bin heute mit Admiral Thayer zum Mittagessen verabredet. Zwar habe ich meine Befehle noch nicht offiziell erhalten, aber Sie können darauf wetten, dass sie zumindest grob weiß, worum es geht.«

Begreifend grinste Venizelos seine Kommandantin an. Er und Honor wussten genau, dass Antrim einen uralten Werfttrick probiert hatte, der normalerweise funktionierte. Wenn man keine Lust hatte, eine lästige Umrüstung durchzuführen, dann verzögerte man die Sache so lange, bis ›die Zeit zu knapp‹ wurde. Das Ganze basierte auf der Vorstellung, dass ein Kommandant eher ohne Umrüstung auslaufen würde, als mit verspäteter Abreise das Missvergnügen Ihrer Lordschaften zu wecken. Unglücklicherweise – für Commander Antrim – setzte diese Methode jedoch einen Kommandanten voraus, der sie einem ›Werftheini‹ auch durchgehen ließ. Diese Kommandantin gehörte nicht dazu. Darüber hinaus verkündete die Latrinenparole, dass der Erste Raumlord Pläne mit der Fearless habe – etwas Offizielles hatte noch niemand gehört. Das bedeutete, dass jemand anderes den Beschuss der Admiralität abbekäme, wenn HMS Fearless sich verspätete. Venizelos vermutete, dass die Befehlshaberin Ihrer Majestät Raumstation Vulcan, es alles andere als genießen würde, wenn sie dem Dritten Raumlord die Verspätung erklären musste. Admiral Lucy Danvers war bekannt für ihre geringe Geduld und die Bereitwilligkeit, mit der sie auf Skalpjagd zog.

»Jawohl, Ma’am. Äh – hätten Sie was dagegen, wenn ich gegenüber Antrim durchblicken ließe, dass Sie mit dem Admiral zu Mittag essen, Skipper?«

»Na, na, Andy. Seien Sie nicht fies – es sei denn natürlich, Antrim will Ihnen Schwierigkeiten machen.«

»Selbstverständlich, Ma’am.«

Honor lächelte erneut und wandte sich wieder dem Bullauge zu.

Die Positionslichter der Fearless blinkten im Grün und Weiß eines geankerten Sternenschiffs. Ohne Streuung durch Atmosphäre waren die Lichtblitze scharf und wirkten wie von Brillanten zurückgeworfener Sonnenschein. Honor verspürte das vertraute Pochen des Stolzes auf den Schweren Kreuzer, dessen weißer Rumpf im Sonnenlicht glänzte. Der Übergang zum Schatten verlief als scharfe, wie mit dem Lineal gezogene Linie über den zwölfhundert Meter langen, an beiden Enden verjüngten Rumpf des Dreihunderttausend-Tonnen-Schiffes. Strahlendes Licht drang aus dem Oval eines geöffneten Geschützschachtes einhundertfünfzig Meter bugwärts vom vorderen Impellerring. Honor beobachtete die Werfttechniker, die in Schutzanzügen über den bedrohlichen, massigen Klotz von Graser Nummer fünf krabbelten. Honor hatte vermutet, der Fehler an diesem Gammastrahlengeschütz läge an der in der Lafette implementierten Software, doch die Leute von Vulcan bestanden darauf, dass die Abstrahlvorrichtung selbst defekt sein müsse.

Sie zuckte die Achseln, und Nimitz schimpfte sanft, als er die Krallen etwas fester in die gepolsterte Schulterpartie ihrer Uniformjacke graben musste, um sich festzuhalten. Honor schnalzte mit der Zunge und streichelte ihm wortlos entschuldigend die Ohren, doch den Blick nahm sie nicht vom Bullauge, solange sie den Rumpf der Fearless besichtigte.

Ein halbes Dutzend Wartungstrupps unterbrach die Arbeit, als der Kutter wie eine Geistererscheinung über sie hinwegzog, und die Leute sahen auf. Honor vermochte ihre Gesichter durch die Helmvisiere nicht zu erkennen, doch sie konnte sich ausmalen, dass einige von ihnen eine Mischung aus Ärger und Vorsicht zur Schau stellten. Werftheinis hassten es, wenn ein Kommandant ihnen bei der Arbeit über die Schulter blickte – fast ebenso sehr, wie Kommandanten es hassten, ihre Schiffe den Werftheinis überhaupt erst zu übergeben.

Bei diesem Gedanken unterdrückte Honor ein Auflachen, denn sie war beeindruckt von dem, was die Leute von Vulcan – und Venizelos – während ihrer zweiwöchigen Abwesenheit geleistet hatten; allerdings beabsichtigte Honor nicht, ihnen das zu sagen. Auf der Sollseite war also nur Antrims passiver Widerstand in Bezug auf den Emitteraustausch. Einen Impelleremitter auszuwechseln bedeutete gewaltige Mühe, und Antrim hoffte offenbar, sich irgendwie aus der Sache herauszuwinden, doch diese Hoffnung war wie ein tot geborenes Kind. Beta Vierzehn war schon kurz nach Indienststellung der Fearless zum Problem geworden, und Honor und ihre Ingenieure hatten sich damit lange genug herumgeschlagen. Ein Beta-Emitter war natürlich nicht so entscheidend wie ein Alpha-Emitter, und die Fearless konnte ohne Beta Vierzehn problemlos achtzig Prozent der Maximalbeschleunigung aufrechterhalten. Außerdem hing ein kleines Preisschild an dem Austauschemitter – so um die fünf Millionen Dollar –, für die Antrim geradestehen müsste. Alles zusammengenommen mehr als ein hinreichender Grund dafür, die Sache zu verschleppen; aber Commander Antrim würde sich auch nicht an Bord der Fearless befinden, wenn die Besatzung des Kreuzers das nächste Mal gezwungen war, den Antrieb bis in den roten Bereich zu belasten.

Der Kutter manövrierte und bewegte sich den Rumpf der Fearless hinauf. Er überquerte diagonal die achtere Backbord-Raketenwerferbatterie und die präzise Geometrie von Radar Sechs. Die langen, schlanken Klingen der Hauptgravitationssensoren des Kreuzers verschwanden an der Unterkante des Bullauges außer Sicht. Honor nickte, als sie sah, dass die Ersatzkomponenten in die Sensorengruppe eingebaut worden waren.

Alles in allem war Honor mit den Leistungen der Fearless in den vergangenen zweieinhalb T-Jahren mehr als zufrieden. Sie war ein relativ neues Schiff, und die Konstrukteure hatten ihre Sache zum größten Teil gut gemacht. Es war nicht ihre Schuld, dass man ihnen einen fehlerhaften Beta-Emitter untergeschoben hatte, und das Schiff hatte sich auf seiner anstrengenden ersten Mission gut behauptet. Nicht etwa, dass Piratenabwehrpatrouillen bei Honor Harrington auf der Liste der beliebtesten Einsätze sehr weit oben gestanden hätten. Es war zwar schön gewesen, auf sich allein gestellt zu sein, und ihrem Kontostand hatte das Prisengeld für das silesianische ›Söldnergeschwader‹ nicht gerade geschadet. Wo sie gerade dabei war, die Rettung des Passagierliners war eine Leistung, auf die jeder stolz sein konnte, aber dennoch: die aufregenden Momente waren selten und kurz gewesen. Zum größten Teil hatte die Mission aus harter Arbeit und reichlich Langeweile bestanden, jedenfalls nach dem Abebben der sprudelnden Begeisterung, ihren ersten Schweren Kreuzer zu kommandieren – und noch dazu einen funkelnagelneuen.

Sie registrierte eine Stelle über Graser Drei, wo die Farbe zerkratzt war, und machte sich eine geistige Notiz. Als sie über die Gerüchte bezüglich ihres nächsten Auftrags nachdachte, spielte ein leises Lächeln um ihre Lippen. Die Bereitwilligkeit, mit der Admiral Courvosier die Einladung zur traditionellen Wiederindienststellungs-Party angenommen hatte, zeigte, dass mehr als nur ein Fünkchen Wahrheit an diesen Gerüchten sein musste. Das war gut. Sie hatte den Admiral schon viel zu lange nicht mehr gesehen, geschweige denn unter ihm gedient, und obwohl Diplomaten und Politiker nach Honors Anschauung als noch niedrigere Lebensform galten als Piraten, würde die neue Verwendung doch wenigstens eine interessante Abwechslung bieten.

»Weißt du, für ein Rundauge hat dieser junge Mann wirklich einen süßen Hintern«, stellte Dr. Allison Chou Harrington fest. »Ich nehme an, du hast eine Menge Spaß, wenn du ihm auf dem Kommandodeck nachstellst.«

»Mutter!« Honor unterdrückte den untöchterlichen Drang, ihr Elternteil zu erwürgen, und blickte rasch um sich. Doch niemand schien die Bemerkung mitgehört zu haben. Zum ersten Mal, soweit sie zurückdenken konnte, war Honor über das Gewirr fremder Stimmen froh.

»Aber Honor« – Dr. Harrington sah ihre Tochter an, und in den schokoladenbraunen, mandelförmigen Augen, die denen Honors so ähnlich waren, lag ein todvergnügtes Funkeln –, »ich habe doch nur gesagt …«

»Ich weiß, was du gesagt hast, aber dieser ›junge Mann‹ ist mein Erster Offizier!«

»Natürlich ist er das«, erwiderte ihre Mutter in aller Seelenruhe. »Das macht es ja auch so praktisch. Und er ist wirklich ein gut aussehender Bursche, was? Ich wette, er muss sich die anderen Mädchen mit einem Stock vom Leibe halten.« Sie seufzte. »Wenn er will«, fügte sie nachdenklich hinzu. »Allein diese Augen! Er sieht aus wie Nimitz zur Brunftzeit, nicht wahr?«

Honor stand kurz vor einem Schlaganfall, und Nimitz neigte den Kopf, um Dr. Harrington einen tadelnden Blick zuzuwerfen. Nicht, dass dem Kater ihre Kommentare bezüglich seiner sexuellen Leistungsfähigkeit missfielen, aber die empathische ’Katz wusste nur zu gut, wie sehr die Mutter seiner Person es genoss, sie zu necken.

»Commander Venizelos ist kein Baumkater, und ich habe nicht die geringste Absicht, ihn mit einer Keule zu jagen«, entgegnete Honor fest.

»Nein, Liebes, das weiß ich ja. Was Männer angeht, hast du noch nie viel Urteilsvermögen bewiesen.«

»Mutter …!«

»Na, na, Honor, du weißt doch, dass ich nicht im Traum daran denken würde, dich zu kritisieren« – in Allison Harringtons Augen funkelte es geradezu diabolisch, und doch zeigte sich eine Spur von Sorge unter der liebevollen Schalkhaftigkeit –, »aber ein Captain der Navy – ein Captain of the List, um genau zu sein – sollte diese dummen Hemmungen, wie du sie immer noch hast, mittlerweile überwunden haben.«

»Ich bin nicht ›gehemmt‹«, widersprach Honor mit aller Würde, die sie aufbringen konnte.

»Wie du meinst, Liebes. Aber in diesem Fall vergeudest du in erbärmlicher Weise diesen knackigen jungen Mann, ob er nun Erster Offizier ist oder nicht.«

»Mutter, nur weil du auf einem unzivilisierten und zügellosen Planeten wie Beowulf geboren bist, hast du noch lange nicht das Recht, ein Auge auf meinen Eins-O zu werfen! Außerdem, was würde Daddy davon halten?«

»Was würde ich wovon halten?«, erkundigte sich Surgeon Commander a. D. Alfred Harrington.

»Aha, da bist du ja.« Honor und ihr Vater sahen sich auf gleicher Höhe in die Augen. Sie überragten Honors zierliche Mutter bei weitem. Honor deutete mit dem Daumen nach unten. »Mutter wirft schon wieder gierige Blicke auf meinen Eins-O«, beschwerte sie sich.

»Mach dir deswegen keine Sorgen«, erwiderte ihr Vater. »Sie ist sehr freigiebig mit Blicken, aber zum Streunen hatte sie bisher noch keinen Grund.«

»Du bist genauso schlimm wie sie!«

»Miau«, machte Allison, und nur mit Mühe konnte sich Honor ein Grinsen verkneifen.

Solange Honors Erinnerung zurückreichte, machte ihre Mutter sich schon einen Spaß daraus, die konservativeren Mitglieder der manticoranischen Gesellschaft zu schockieren. Sie hielt das gesamte Königreich für hoffnungslos prüde, und ihre diesbezüglichen spitzzüngigen Kommentare hatten diverse Damen der Gesellschaft schon rasend gemacht. Und ihre Schönheit machte es zusammen mit der Tatsache, dass sie ihren Ehemann abgöttisch liebte und niemals etwas tat, wofür sie geächtet werden konnte, nur noch schlimmer.

Wenn sie sich andererseits entschlossen hätte, den Gepflogenheiten ihrer Heimatwelt zu folgen, dann hätte sie jederzeit einen sabbernden männlichen Harem um sich scharen können. Sie war eine zierliche Person, ihre Körpergröße überschritt nur wenig mehr als zwei Drittel der ihrer Tochter, und sie war beinahe reinblütiger, alterden-orientalischer Herkunft. Die starke, wie gemeißelt wirkende Knochenstruktur, die Honor sich stets schlicht und unfertig fühlen ließ, war im Gesicht ihrer Mutter in exotische Schönheit transformiert. Das Prolong-Verfahren hatte ihr biologisches Alter bei nicht mehr als dreißig T-Jahren eingefroren. Es kommt mir so vor, dachte Honor, als wäre sie selbst eine Baumkatze – zierlich, aber stark, grazil und faszinierend, mit einem Anflug von Raubtier. Und die Tatsache, dass sie eine der brillantesten Genchirurginnen des Königreichs war, tat dem Gesamteindruck keinen Abbruch.

Außerdem machte sie sich, wie Honor wusste, über den Mangel an Sexualität im Leben ihres einzigen Kindes schwere Sorgen. Tatsächlich war Honor selbst manchmal ein wenig besorgt deswegen, aber es war nun einmal so, dass sie nicht sehr viele Gelegenheiten erhielt. Es war undenkbar, dass die Kommandantin (oder der Kommandant) eines Sternenschiffs mit einem Besatzungsmitglied anbandelte, auch wenn das Verlangen danach noch so groß sein mochte; gerade darin aber war Honor sich gar nicht so sicher. Sie hatte zwar einen außerordentlich unangenehmen Zwischenfall auf der Akademie und eine pubertäre Verwirrung erlebt, die sich in bedrückende Unglücklichkeit aufgelöst hatte, aber ihre sexuelle Erfahrung war so gut wie null, weil sie nie einen Mann getroffen hatte, mit dem sie sich einlassen wollte.

Für Frauen interessierte sie sich erst recht nicht; sie schien an niemandem besonders interessiert zu sein – was ihr ganz recht war. So wurden berufliche Verwicklungen aller Art elegant umschifft – und außerdem bezweifelte sie, dass ein übergroßes Pferd wie sie überhaupt irgendwelches Gegeninteresse hervorrufen konnte. Diese Vorstellung ärgerte sie ein wenig. Nein, dachte sie, sei ehrlich – es ärgert dich gewaltig, und manchmal ist Mutters Vorstellung von Humor alles andere als witzig. Doch heute war es nicht so, und sie erstaunte beide Elternteile, indem sie ihre Mutter umarmte und in einer raren öffentlichen Zurschaustellung von Zuneigung an sich drückte.

»Versuchst du, mich zu bestechen, damit ich nett bin?«, fragte Dr. Harrington neckisch, und Honor schüttelte den Kopf.

»Ich versuche nie, etwas Unmögliches zu tun, Mutter.«

»Eins zu null für dich, Kind«, stellte Honors Vater fest und reichte seiner Frau die Hand. »Komm schon, Alley. Honor sollte ein wenig umhergehen und mit anderen Leuten reden – du kannst sicher noch jemand anderem das Leben zur Hölle machen.«

»Ihr Navyvolk könnt einem wirklich auf die … Nerven gehen«, antwortete Allison mit einem betont schalkerfüllten Blick auf ihre Tochter. Honor sah ihren Eltern liebevoll nach, als sie in der Menschenmenge verschwanden. Sie bekam die beiden seltener zu Gesicht, als ihr lieb war. Das war einer der Gründe, warum sie so froh gewesen war, dass man die Fearless zur Umrüstung nach Vulcan und nicht nach Hephaistos geschickt hatte. Vulcan umkreiste Honors Heimatwelt Sphinx, die zehn Lichtminuten weiter systemauswärts war als die Hauptwelt Manticore. Honor hatte ohne Scham die Gelegenheit ergriffen, viel Zeit zu Hause zu verbringen und sich von ihrem Vater bekochen zu lassen.

Doch Alfred Harrington hatte recht mit dem, was er über ihre Pflichten als Gastgeberin gesagt hatte, und Honor nahm die Schultern zurück und mischte sich wieder unter die Feiernden.

Ein Lächeln, das geradezu Besitzerstolz verriet, krümmte die Lippen von Admiral der Grünen Flagge Raoul Courvosier, als er zusah, wie Captain Harrington sich selbstbewusst unter ihre Gäste mischte. Das Bild von Ms. Midshipman Honor Harrington, eines schlaksigen Mädchens, das nur aus Knien und Ellbogen und einem kantigen, scharf geschnittenen Gesicht zu bestehen schien, trat ihm vor Augen. Sechzehn manticoranische Jahre – über siebenundzwanzig T-Jahre – zuvor hatte er Honor kennengelernt: absolut hingebungsvoll, schüchtern bis an die Grenze zur Stummheit und dazu entschlossen, es sich nicht anmerken zu lassen; in Angst und Schrecken vor Mathematikkursen und vielleicht eine der brillantesten intuitiven Schiffsführerinnen und Taktikerinnen, der er jemals begegnet war. Vielleicht auch eine der frustrierendsten. Sie hatte dieses vielversprechende Potenzial, und trotzdem wäre sie fast von der Akademie geflogen, bevor er ihr beibringen konnte, die gleiche Intuition auch auf ihre Mathematikklausuren anzuwenden! Aber nachdem er sie einmal auf die Füße gestellt hatte, war sie ihren Weg gegangen, und niemand konnte sie aufhalten.

Courvosier war Junggeselle und kinderlos. Er wusste, dass er sehr viel Lebenszeit zur Kompensation in seine Schüler auf der Akademie investiert hatte, und doch hatten nur wenige ihn so stolz gemacht wie Honor. Zu viele Offiziere trugen die Uniform einfach nur; Honor lebte sie. Und das bekommt ihr gut, fand er.

Er beobachtete, wie sie sich mit dem Ehemann der Befehlshaberin von Vulcan unterhielt, und fragte sich, wohin der ungelenke Midshipman verschwunden war. Courvosier wusste, dass Harrington Partys noch immer hasste, dass sie sich noch immer für ein hässliches Entlein hielt, doch niemals ließ sie sich davon etwas anmerken. Und eines nicht mehr allzu fernen Tages würde sie aufwachen und sehen, dass das Entlein zu einem Schwan geworden war. Einer der Nachteile des Prolong-Verfahrens – und besonders der wirksameren, späteren Versionen – bestand darin, dass es die Perioden der ›Ungelenkheit‹ in der körperlichen Entwicklung ausdehnte, und Honor war als Mädchen, das musste Courvosier zugeben, äußerlich wirklich unscheinbar gewesen. Die katzenschnellen Reflexe durch die 1,35-fache Schwerkraft ihrer Heimatwelt hatte sie immer besessen, aber die Grazilität ihrer Haltung war etwas gewesen, das sich nicht einfach mit dem Aufwachsen in einer Hochschwerkraft-Umwelt erklären ließ. Selbst als Middy im ersten Semester hatte Honor diese Eleganz besessen, die ihr einen zweiten Blick auch aus solchen Augen einbrachte, die vorschnell ihre unansehnliche Erscheinung abgetan hatten. Und ihr Gesicht entwickelte sich mit zunehmendem Alter zum Positiven. Sie selbst hatte noch nicht bemerkt, wie die allzu harten Kanten sich zu Charaktermerkmalen gerundet hatten, wie die großen Augen, die sie von ihrer Mutter geerbt hatte, ihrem dreieckigen Gesicht ein faszinierend-exotisches Aussehen verliehen. Courvosier nahm an, dass das auch nicht weiter verwunderlich war, wenn man bedachte, wie lang der durch die Lebensverlängerung ausgedehnte Prozess des Weicherwerdens gedauert hatte, und sicherlich würde sie niemals ›hübsch‹ sein – aber schön … sobald sie es bemerkte.

Was nur zu Courvosiers gegenwärtiger Besorgnis beitrug. Er senkte den Kopf, um ein Stirnrunzeln hinter seinem Glas zu verbergen, dann warf er einen Blick auf die Uhr und seufzte. Die

Wiederindienststellungs-Party der Fearless war außerordentlich erfolgreich. Es sah so aus, als ginge sie noch stundenlang weiter, und Courvosier hatte nicht stundenlang Zeit. Es gab auf Manticore noch zu viele Details zu klären, und das bedeutete, dass er den Gästen Honor entführen musste – allerdings erwartete er nicht, dass Honor das allzu sehr stören würde!

Zwanglos bahnte er sich einen Weg durch die Menge, und Honor wandte sich ihm zu, als ihr sechster Sinn wie ein Radargerät seine Annäherung meldete. Courvosier war nicht viel größer als ihre Mutter und lächelte zu ihr auf.

»Nettes Fest, Captain«, sagte er, und sie erwiderte sein Lächeln etwas säuerlich.

»Nicht wahr, Sir? Und auch sehr laut«, fügte sie mit einer Grimasse hinzu.

»Ja, allerdings.« Courvosier sah sich um, dann wandte er sich wieder ihr zu. »Ich fürchte, ich darf die Fähre nach Hephaistos in einer Stunde nicht verpassen, Honor, und ich muss mit Ihnen sprechen, bevor ich aufbreche. Können Sie sich freimachen?«

Ihre Augen verschmälerten sich bei seinem unerwartet ernsten Tonfall, dann sah auch sie sich in der überfüllten Messe um.

»Ich sollte eigentlich nicht …«, setzte sie an, doch in ihrer Stimme schwang beinahe Traurigkeit mit. Courvosier unterdrückte ein Grinsen, als er ihr am Gesicht ablesen konnte, wie die Versuchung gegen ihr Pflichtgefühl ankämpfte. Es war ein unfaires Gefecht, weil die Neugier für die Versuchung Partei ergriff.

Als sie die Entscheidung traf, presste sie die Lippen zusammen. Sie hob die Hand, und wie durch Magie materialisierte sich Chief Steward’s Mate James MacGuiness aus dem Gewühl.

»Mac, würden Sie bitte Admiral Courvosier in mein Arbeitszimmer führen?«

Sie senkte die Stimme ausreichend, um über dem Stimmengewirr der Menge nicht mehr gehört zu werden.

»Selbstverständlich, Ma’am«, antwortete der Steward.

»Ich danke Ihnen.« Honor sah wieder Courvosier an. »Ich komme sofort zu Ihnen, wenn ich Andy gefunden und ihn gewarnt habe, dass er als Gastgeber auf sich allein gestellt ist, Sir.«

»Vielen Dank, Captain. Ich weiß das zu schätzen.«

»Oh, ich auch, Sir«, gab sie grinsend zu. »Ich auch!«

Courvosier stand am Bullauge der Kajüte und drehte sich um, als die Luke leise aufglitt. Honor trat ein.

»Ich weiß, dass Sie Partys nicht besonders mögen, Honor«, begann er, »aber es tut mir wirklich leid, Sie von einer abzuberufen, die offenbar so gut läuft.«

»So schnell, wie sie läuft, werde ich rechtzeitig zurück sein, Sir.« Sie schüttelte den Kopf. »Ich kenne nicht einmal die Hälfte der Leute! Es sind viel mehr Planetenbewohner gekommen, als ich geglaubt hätte.«

»Selbstverständlich sind sie gekommen«, antwortete Courvosier. »Sie sind eine von ihnen, und sie sind stolz auf Sie.«

Honor winkte ab. Röte zog ihr über die Wangenknochen.

»Sie müssen sich dieses Erröten abgewöhnen, Honor«, teilte ihr alter Mentor ihr ernsthaft mit. »Bescheidenheit ist eine Zier, aber seit der Geschichte mit dem Basilisk-Vorposten stehen Sie auf der VIP-Liste.«

»Ich hatte Glück«, protestierte sie.

»Selbstverständlich«, stimmte er so rasch zu, dass sie ihm einen in der Tat sehr scharfen Blick zuwarf. Dann grinste er, und sie erwiderte das Grinsen, als ihr klar wurde, wie schnell sie auf sein Necken angesprungen war. »Aber im Ernst, falls ich es noch nicht gesagt habe: Wir alle waren stolz auf Sie.«

»Danke«, antwortete sie ruhig. »Da es von Ihnen kommt, bedeutet es sehr viel.«

»Tatsächlich?« Er lächelte ein wenig schief, als er auf die Goldstreifen an seinem weltraumschwarzen Uniformärmel schaute. »Wissen Sie, ich hasse den Gedanken, mich von der Uniform zu trennen«, seufzte er.

»Doch nur vorübergehend, Sir. Man wird Sie nicht lange auf dem Trockenen sitzen lassen. Um ehrlich zu sein«, fügte Honor stirnrunzelnd hinzu, »ich begreife nicht, warum das Foreign Office ausgerechnet Sie angefordert hat.«

»Aha?« Er legte den Kopf schräg und funkelte sie an. »Wollen Sie damit sagen, dass man einem alten Wrack wie mir keine diplomatische Mission mehr anvertrauen sollte?«

»Selbstverständlich nicht! Ich wollte damit nur sagen, dass Sie beim Taktiklehrgang für Fortgeschrittene zu wertvoll sind, als dass man Sie mit diplomatischen Soireen belästigen sollte.« Sie verzog angewidert den Mund. »Wenn die Admiralität auch nur halbwegs bei Verstand wäre, dann hätte man dem F. O. gesagt, einen Sprungschritt durch den Knoten zu machen, und Ihnen einen Kampfverband zugeteilt, Sir!«

»Es gibt mehr im Leben, als den TLF zu leiten – oder einen Kampfverband«, widersprach Courvosier. »Tatsächlich sind Politik und Diplomatie wahrscheinlich auch wesentlich wichtiger im Leben, wenn man’s recht bedenkt.«

Honor schnaubte verächtlich, und Courvosier schnitt ein finsteres Gesicht. »Sie stimmen mir nicht zu?«

»Admiral, ich mag keine Politik«, antwortete Honor offen. »Jedes Mal, wenn man darin verwickelt wird, verfärbt sich alles grau und wird undeutlich. Die ›Politik‹ war für die Katastrophe im Basilisk-System verantwortlich, und dabei wäre meine gesamte Crew beinahe draufgegangen!« Sie schüttelte heftig den Kopf. »Nein, Sir. Ich mag die Politik nicht, ich verstehe sie nicht, und ich will sie auch gar nicht verstehen.«

»Dann sollten Sie Ihre Meinung baldigst ändern, Captain.« Plötzlich sprach Courvosier mit eisiger, beißender Stimme. Honor stutzte verwundert, und auf ihrer Schulter hob Nimitz den Kopf. Er richtete den Blick aus seinen grasgrünen Augen auf den cherubinischen kleinen Admiral. »Honor, was Sie mit Ihrem Geschlechtsleben anstellen, ist Ihre Sache, aber kein Captain im Dienste Ihrer Majestät kann eine Jungfrau bleiben, was die Politik angeht – und was die Diplomatie betrifft, schon gar nicht.«

Honor errötete wieder, diesmal wesentlich tiefer. Gleichzeitig spürte sie, dass sie unwillkürlich die Schultern straffte, wie damals auf der Akademie, als der damalige Captain Courvosier das Sagen hatte. Seit Saganami Island waren sie beide weit gekommen, aber offenbar änderten sich manche Dinge einfach nie.

»Ich bitte um Verzeihung, Sir«, sagte sie ein wenig steif. »Ich wollte damit nur sagen, dass es mir so vorkommt, als seien Politiker mehr mit Schmiergeldern und dem Vermehren von Einfluss beschäftigt als mit ihren Aufgaben.«

»Irgendwie bezweifle ich, dass Herzog Cromarty diese Charakterisierung sehr gefallen würde. Nicht, dass sie auf ihn zuträfe.« Courvosier winkte sanft ab, als Honor erneut den Mund öffnete. »Ja, ich weiß, Sie dachten dabei nicht an den PM. Und nach dem, was mit Ihrem letzten Schiff passiert ist, kann ich Ihre Reaktion ja auch gut verstehen. Doch gerade im Moment ist die Diplomatie für das Überleben des Königreichs absolut unverzichtbar, Honor. Und darum habe ich der Bitte des Foreign Office zugestimmt, als man jemanden brauchte, der nach Jelzins Stern geht.«

»Das verstehe ich, Sir. Ich nehme an, ich klang ein wenig bockig, oder?«

»Ein kleines bisschen«, stimmte Courvosier mit schwachem Lächeln zu.

»Na ja, vielleicht auch ein wenig mehr als ein kleines bisschen. Andererseits habe ich bisher nicht viel mit Diplomatie zu tun gehabt. Meine Erfahrung beschränkt sich mehr auf einheimische Politiker – Sie wissen schon, die von der schleimigen Sorte.«

»Fair genug, diese Einschätzung, denke ich. – Aber nun geht es um wesentlich schwerwiegendere Angelegenheiten, und genau deswegen wollte ich Sie sprechen.« Er strich sich über eine Augenbraue und legte die Stirn in Falten. »Um ehrlich zu sein, Honor, es wundert mich, dass die Admiralität ausgerechnet Sie mit dem Auftrag betraut hat.«

»Wirklich?« Sie versuchte, ihre Verletztheit zu kaschieren. Glaubte der Admiral, sie würde – unter seinem Kommando! – weniger geben als ihr Bestes, weil sie die Politik nicht mochte? Er sollte sie doch besser kennen!

»Oh, nicht dass ich glaube, Sie kämen damit nicht zurecht.« Seine rasche Erwiderung linderte ihren Schmerz ein wenig, und er schüttelte den Kopf. »Es ist nur … Nun, was wissen Sie denn über die Lage im Jelzin-System?«

»Nicht viel«, gab sie zu. »Ich habe noch keine offiziellen Befehle oder einen Download erhalten, daher stammt mein Wissen aus der Zeitung. Ich habe in der Royal Encyclopedia nachgelesen, aber nicht viel darin gefunden, und ihre Navy ist nicht einmal im Jane’s aufgeführt. Ich nehme an, Jelzins Stern hat außer seiner Position nicht viel, was unser Interesse erweckt.«

»Ihrer letzten Bemerkung entnehme ich, dass Sie wenigstens wissen, wieso wir das System auf unserer Seite haben wollen?« Courvosier sprach die Feststellung als Frage aus, und Honor nickte. Jelzins Stern befand sich weniger als dreißig Lichtjahre nordöstlich vom Doppelstern Manticore. Daher lag er zwischen dem Königreich von Manticore und der durch Eroberungszüge aufgedunsenen Volksrepublik Haven, und nur ein Idiot – oder ein Anhänger der Progressiven oder der Freiheitspartei – glaubte noch, dass es keinen Krieg mit Haven geben würde.

Die diplomatischen Auseinandersetzungen zwischen beiden Mächten waren immer heftiger geworden, seit die VRH vor zweieinhalb Jahren auf dreiste Weise versucht hatte, das Basilisk-System zu annektieren. Beide Mächte probierten lediglich noch, sich vor dem unausweichlichen offenen Konflikt in die bessere Ausgangsposition zu bringen.

Dadurch wurde Jelzins Stern so wichtig. Er und das nahegelegene Endicott-System besaßen die einzigen bewohnten Welten im Radius von zehn Lichtjahren und lagen genau zwischen den beiden Kontrahenten. Verbündete oder (vielleicht noch wichtiger) eine vorgeschobene Flottenbasis in diesem Raumsektor wären von unschätzbarem Wert.

»Sie wissen vielleicht nicht«, fuhr Courvosier fort, »dass es hier um mehr geht, als strategisch günstigen Boden zu gewinnen. Die Regierung Cromarty versucht, eine Brandschneise gegen Haven zu errichten, Honor. Wir sind wahrscheinlich reich genug, um es mit den Havies aufzunehmen, und wir besitzen technische Überlegenheit, aber wir kommen einfach nicht an ihre Stärke heran. Wir brauchen Verbündete, aber viel wichtiger ist es, dass man uns als glaubwürdigen Gegner sieht, als jemanden mit dem Willen und dem Mumm, vor Haven nicht zurückzuweichen. Dort draußen gibt es noch immer viele Neutrale; wenn die Feindseligkeiten beginnen, müssen wir so viele davon wie möglich dahin gehend beeinflussen, dass sie in unserem Sinne ›neutral‹ bleiben.«

»Ich verstehe, Sir.«

»Gut. Doch der Grund, aus dem ich erstaunt bin, dass die Admiralität Sie für gerade diesen Auftrag ausgewählt hat, ist ein anderer: Sie sind eine Frau.« Honor stutzte in völliger Überraschung, und als Courvosier ihren Gesichtsausdruck sah, stieß er ein humorloses Lachen aus.

»Ich fürchte, ich kann Ihnen nicht folgen, Sir.«

»Werden Sie können, sobald Sie meinen Download erhalten haben«, versprach Courvosier in säuerlichem Ton. »Jetzt möchte ich Ihnen zunächst mal die Höhepunkte verraten. Setzen Sie sich, Captain.«

Honor ließ sich auf einen Stuhl sinken, nahm Nimitz von der Schulter und setzte ihn sich auf den Schoß. Dabei nahm sie den Blick nicht von ihrem Vorgesetzten. Er wirkte ehrlich besorgt; aber selbst wenn es um ihr Leben gegangen wäre, sie hätte nicht sagen können, was ihr Geschlecht mit ihrer Kommandobefähigung zu tun haben sollte.

»Sie müssen wissen, dass das Jelzin-System schon wesentlich länger besiedelt ist als Manticore«, begann Courvosier in bester Saganami-Vortragsmanier. »Die ersten Kolonisten landeten im Jahre 988 P. D. auf Grayson, dem einzigen bewohnbaren Planeten von Jelzin-System, also beinahe fünfhundert Jahre, bevor wir auf den Plan traten.« Honor verengte überrascht die Augen, und Courvosier nickte zur Antwort. »Das ist wirklich wahr. Tatsächlich war Jelzin nicht einmal vermessen, als die Siedler das Sol-System verließen. Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen: Der Cryo-Prozess war gerade erst zehn Jahre alt, als sie aufbrachen.«

»Aber warum in Gottes Namen sind sie so weit herausgekommen?« wollte Honor wissen. »Sie müssen doch viel bessere Daten von Systemen gehabt haben, die Sol viel näher sind!«

»Hatten sie auch, aber Sie haben den springenden Punkt schon gefunden.« Sie runzelte fragend die Stirn, und Courvosier lächelte dünn. »›In Gottes Namen‹, Honor. Die Siedler waren religiöse Eiferer, die nach einer neuen Heimat so weit draußen suchten, damit niemand sie mehr belästigte. Ich nehme an, sie hielten mehr als fünfhundert Lichtjahre für ausreichend – das war in einer Zeit, in der die Möglichkeit von Hyperreisen noch nicht einmal postuliert worden war. Jedenfalls handelte die Kirche der Entketteten Menschheit aus tiefstem Gottvertrauen – die Leute hatten nicht die leiseste Vorstellung, was sie am Ende der Reise erwartete.«

»Gütiger Gott.« Honor klang erschüttert – sie war erschüttert. Sie war Berufsoffizier, aber allein der Gedanke an die zahlreichen schrecklichen Weisen, wie diese Kolonisten hätten sterben können, drehte ihr den Magen um.

»Genau. Doch wirklich interessant ist der Grund, aus dem sie es gewagt haben.« Honor hob eine Augenbraue. »Sie wollten ›dem verderblichen, die Seele zerstörenden Einfluss‹ der Technik entkommen«, fuhr Courvosier achselzuckend fort. Sie starrte ihn ungläubig an.

»Sie benutzten ein Sternenschiff, um der Technik zu entkommen? Aber Sir – das … das ist doch Irrsinn!«

»Nein, nicht wirklich.« Courvosier lehnte sich gegen eine Tischkante und verschränkte die Arme. »Ich gebe zu, es war auch mein erster Gedanke, als das F. O. mir das Hintergrundmaterial über das System aushändigte, aber auf sehr verdrehte Weise ergibt das Ganze schon Sinn. Erinnern Sie sich, das alles ist schon lange her. Es war im vierten Jahrhundert nach der Diaspora, als Alterde endlich die alten Probleme wie Umweltverschmutzung, Ressourcenschwund und Übervölkerung in den Griff bekam. Tatsächlich war schon in den zweihundert Jahren davor alles immer besser geworden, trotz aller Versuche von Ökospinnern und ›Die-Erde-zuerst‹-Grüppchen, frühe Raumfahrtinitiativen zu torpedieren. Die ›Erde-zuerst‹-Leute kämpften wahrscheinlich noch für die bessere Sache, wenn man bedenkt, wie viel Ressourcen ein einziges unterlichtschnelles Kolonistenschiff Sols Wirtschaft kostete, aber sie waren wenigstens in der Lage, die Vorteile zu erkennen, die bei dieser Sache heraussprangen: Industrieanlagen im offenen All, Schürfunternehmungen auf Asteroiden, Energiekollektoren in der Umlaufbahn – das alles funktionierte irgendwann, und der Lebensstandard im ganzen System kletterte. Die meisten Menschen waren erfreut, und die einzige echte Beschwerde der ›Erde-zuerst‹-Leutchen war, dass er noch viel schneller klettern könne, wenn man nur damit aufhörte, interstellare Kolonistenschiffe zu bauen.

Andererseits gab es auch wirklich fanatische Gruppen – insbesondere die extremen ›Grünen‹ und die Neo-Ludditen –, die nicht zwischen den Kolonisierungsbemühungen und anderen Raumfahrtprogrammen unterschieden. Sie bestanden darauf, jede Fraktion aus eigenen Gründen, dass die einzig wahre Lösung aller Probleme darin bestehe, die Technik zum Fenster hinauszuwerfen und zu leben, wie es ›dem Menschen vorherbestimmt‹ sei.« Honor schnaubte verächtlich. Courvosier lachte leise.

»Ich weiß, was Sie sagen wollen. Die Menschheit hätte ziemlich schlecht ausgesehen, wenn man es probiert hätte, insbesondere, weil die Bevölkerung des Sol-Systems mehr als zwölf Millionen Menschen betrug, die ernährt und untergebracht werden wollten. Die meisten dieser Fanatiker entstammten allerdings den weiter entwickelten Nationen. Extremisten neigen dazu, extremer zu werden, je näher die Lösung des Problems kommt, wissen Sie, und diese Extremisten besaßen überhaupt kein Konzept, wie ein Planet ohne Technik aussehen würde, weil sie so etwas niemals erlebt hatten. Außerdem waren die ›Grünen‹ technische Analphabeten, die für den Rest der Welt keine Relevanz mehr besaßen, nachdem sie drei Jahrhunderte lang das Übel allen technischen Fortschritts gepredigt hatten – und die Schuld ihrer eigenen Gesellschaft an der ›gierigen Ausbeutung anderer‹. Die Berufsfertigkeiten der Neo-Ludditen waren vom technischen Fortschritt überflüssig gemacht worden.

Beide besaßen nicht das Hintergrundwissen, um zu begreifen, was um sie herum vor sich ging. Pauschale, allzu simple Lösungen für vielschichtige Probleme sind natürlich attraktiver, als einen Gedanken bis zum Ende zu verfolgen, um vielleicht wirklich zu einem konstruktiven Verbesserungsvorschlag zu gelangen.

Jedenfalls war die Kirche der Entketteten Menschheit das Werk eines Mannes namens Austin Grayson – Reverend Austin Grayson von irgendeinem Ort, der ›Bundesstaat Idaho‹ genannt wurde. Laut Auskunft des F. O. gab es seinerzeit auf Alterde wahnwitzige Randgruppen scharenweise, und Grayson war ein ›Zurück-zur-Bibel‹-Typ, der in die Maschinenstürmerbewegung geriet. Von anderen Spinnern und Bombenwerfern unterschieden ihn sein Charisma, seine Entschlossenheit und sein Talent, Leute mit echten Begabungen anzuziehen. Es gelang ihm tatsächlich, eine Kolonisierungsexpedition zusammenzustellen und mit mehreren Milliarden Dollar zu finanzieren, und alles nur, um seine Anhänger nach Neu-Zion und in dessen wunderbaren, technikfreien Garten Eden zu führen. Es war im Grunde eine elegante Idee: die Technik zu benutzen, um der Technik zu entkommen.«

»Elegant«, schnaubte Honor, und der Admiral lachte wieder leise vor sich hin.

»Unglücklicherweise erwartete die Kolonisten am Ende der Reise eine böse Überraschung. Grayson ist in vielerlei Hinsicht eine schöne Welt, aber es ist auch eine Welt hoher Dichte mit ungewöhnlich hohen Konzentrationen an Schwermetallen, und es gibt keine einzige einheimische Lebensform, weder Pflanze noch Tier, die einen Menschen, der sich über längere Zeit davon ernährt, nicht vergiften würde. Was bedeutete …«

»Dass sie nicht die Technik aufgeben und trotzdem überleben konnten«, beendete Honor den Satz.

Courvosier nickte.

»Genau. Nicht, dass sie bereit gewesen wären, das zuzugeben. Nicht, dass Grayson es je zugegeben hätte. Nach der Ankunft lebte er noch zehn T-Jahre. Jedes Jahr hieß es, man stehe ganz kurz davor, alle Technik aufzugeben. Es gab einen Mann namens Mayhew, der die Zeichen der Zeit wesentlich früher als alle anderen zu deuten wusste. Nach allem, was die Aufzeichnungen hergeben, verbündete er sich – mehr oder weniger – mit einem anderen Mann, einem Captain Yanakov, der das Kolonistenschiff kommandiert hatte, und nach Graysons Tod führten die beiden eine Art doktrinelle Revolution herbei: Nicht die Technik sei böse, sondern nur die Art und Weise, wie sie auf Alterde benutzt wurde. Nicht die Maschinen seien entscheidend, sondern der gottlose Lebensstil, dem die Menschheit des Maschinenzeitalters sich ergeben habe.«

Gedankenverloren wippte Courvosier mit den Absätzen auf und ab, dann zuckte er die Achseln und fuhr fort: »Jedenfalls verwarfen sie den Anti-Maschinen-Teil von Graysons Theologie und konzentrierten sich darauf, eine Gesellschaft zu erschaffen, die in strikter Übereinstimmung mit Gottes Heiligem Wort stehen sollte. Was …« – unter gesenkten Brauen warf er Honor einen raschen Blick zu – »… auch folgende These mit einschloss: ›Das Weib ist dem Manne untertan.‹«

Nun war es an Honor, die Stirn zu runzeln, und Courvosier seufzte.

»Verdammt noch mal, Honor, Sie sind zu manticoranisch! – Und«, fügte er mit plötzlicher, echter Erheiterung hinzu, »Gott gnade uns allen, wenn es jemals Ihre Mutter nach Grayson verschlägt!«

»Ich fürchte, ich verstehe noch immer nicht, Sir.«

»Selbstverständlich nicht«, stöhnte Courvosier. »Also, hören Sie zu: Auf Grayson besitzen Frauen keine Rechte, Honor – überhaupt keine.«

»Wie bitte!?« Honor fuhr von ihrem Stuhl auf. Nimitz gab einen aufgeregten Laut von sich, als sich plötzlich ihr Schoß unter ihm bewegte, und Honor zuckte zusammen, als eine seiner zentimeterlangen Klauen etwas tiefer eindrang, als der Kater beabsichtigt hatte. Ihr bewusster Verstand nahm den Schmerz jedoch kaum wahr.

»Genau wie ich es gesagt habe. Graysons Frauen dürfen nicht wählen, sie können nichts besitzen, dürfen nicht als Geschworene fungieren, und insbesondere können sie nicht in den Streitkräften dienen.«

»Aber das … das ist doch barbarisch!«

»Ach, ich weiß nicht recht«, erwiderte Courvosier mit lauerndem Grinsen. »Ich könnte mir gut vorstellen, dass so etwas ab und zu ganz erholsam ist.«

Honor starrte ihn finster an, und sein Grinsen verschwand.

»Das war offenbar nicht so lustig, wie ich gedacht hatte. Unsere Lage allerdings ist noch viel weniger komisch. Masada, der einzige bewohnbare Planet im Endicott-System, wurde von Grayson aus besiedelt – und das nicht gerade freiwillig. Es begann mit einem Schisma über die Beibehaltung der Technik und wurde zu einer ablehnenden Haltung gegenüber allen anderen Möglichkeiten, nachdem erst einmal klar geworden war, dass ein Überleben ohne Technik ausgeschlossen war. Aus der ursprünglichen Pro-Technik-Fraktion wurden ›die Gemäßigten‹, aus der Anti-Technik-Fraktion ›die Wahren Gläubigen‹. Nachdem die Wahren Gläubigen gezwungen waren hinzunehmen, dass sie die Maschinen nicht loswerden konnten, machten sie sich daran, die perfekte gottgefällige Gesellschaft zu erschaffen. Wenn Sie glauben, dass die gegenwärtige Regierung von Grayson ein wenig rückständig ist, dann sollten Sie erst einmal sehen, was die anderen sich ausgedacht haben! Angefangen bei Ernährungsgesetzen bis hin zu rituellen Reinigungen für jede erdenkliche Sünde – Gesetze, die jedes Abweichen vom Pfad der Wahrheit mit Steinigung bestrafen, um Himmels willen!

Schließlich kam es zum offenen Kampf, und es kostete die Gemäßigten mehr als fünf Jahre, um die Wahren Gläubigen zu schlagen. Unglücklicherweise hatten die Wahren Gläubigen sich eine Weltuntergangswaffe gebaut: Wenn sie keine gottergebene Gesellschaft errichten konnten, dann wollten sie eben den ganzen Planeten in die Luft jagen – selbstverständlich in völliger Übereinstimmung mit dem für jeden offenkundigen Willen Gottes.«

Der Admiral schnaubte vor heftigster Abscheu und schüttelte den Kopf, seufzte auf und fuhr fort: »Trotzdem schloss die Regierung von Grayson – die Gemäßigten – einen Handel mit den Wahren Gläubigen. Sie exilierten sie mit Sack, Pack und Geißel nach Masada, wo die Gläubigen sich daranmachten, die Gesellschaft zu gründen, Wie Gott Sie Beabsichtigt Hat. Grayson war zwar gerettet, die Wahren Gläubigen aber wurden noch intoleranter als zuvor. Es gibt eine Reihe von Punkten in ihrer sogenannten Religion, über die ich keine definitiven Informationen bekommen kann. Klar ist aber, dass sie das gesamte Neue Testament aus ihren Bibeln getilgt haben, weil es auf Alterde niemals Technik gegeben hätte, wenn Christus der wahre Messias gewesen wäre. Außerdem hätte man sie dann nicht von Grayson heruntergekickt, und Frauen hätten in der gesamten Menschheitsgeschichte den ihnen gebührenden Platz eingenommen.«

Honor sah Courvosier nur an. Mittlerweile war sie so verwirrt, dass sie dem Admiral alles glaubte, und Courvosier schüttelte erneut den Kopf.

»Unglücklicherweise scheinen sie auch zu glauben, dass Gott sie dazu ausersehen habe, alles in Ordnung zu bringen, was im Universum nicht stimmt. Weiterhin sind sie entschlossen, Grayson ihrer Doktrin zu unterwerfen. In wirtschaftlicher Hinsicht hat keins der beiden Systeme, wenn Sie den Ausdruck verzeihen, auch nur einen Platz, um hinzuscheißen, aber sie liegen sehr nahe beieinander und haben im Laufe der Jahrhunderte etliche Kriege gegeneinander geführt – einschließlich des einen oder anderen Atomschlags. Und das bringt uns auf den Punkt, an dem sowohl Haven als auch wir ansetzen wollen. Kriegerische Rivalität. Deswegen konnte der Außenminister mich davon überzeugen, dass der Kopf unserer Delegation ein wohlbekannter Militär sein muss – meine Wenigkeit. Die Graysons sind sich der Gefahr, die Masada für sie bedeutet, nur zu bewusst, und sie wünschen, dass die Person, mit der sie verhandeln, darüber im Bilde ist.«

Er wiegte den Kopf hin und her und schürzte die Lippen.

»Es ist eine unglaublich schmutzige Angelegenheit, Honor, und ich fürchte, dass unsere Motive auch nicht gerade so weiß sind wie frisch gefallener Schnee. Wir brauchen in diesem Raumsektor einen Vorposten. Noch wichtiger ist es, dass wir Haven daran hindern, so nahe bei uns einen Vorposten zu errichten. Diese Umstände sind für die Einheimischen so offensichtlich wie für uns selbst, deshalb werden wir uns in den dortigen Konflikt hineinziehen lassen müssen, zumindest als Hüter des Friedens. Und wenn ich in der Regierung von Grayson säße, wäre das der Punkt, auf dem ich bestände, denn das grundlegende Credo der masadanischen Theologie schließt ein, dass die Masadaner eines Tages im Triumph nach Grayson zurückkehren und die Erben jener Gottlosen niedermachen werden, die sie einst aus ihrer angestammten Heimat vertrieben. Das bedeutet, dass Grayson einen mächtigen Verbündeten wirklich gut gebrauchen kann – und deswegen umwarben die Havies Masada, kaum dass wir die ersten Kontakte zu Grayson geknüpft hatten. Wie Sie sich denken können, wäre auch Haven Grayson lieber als Masada, doch die Graysons sind sich offenbar bewusst, wie fatal es enden kann, wenn man ein ›Freund‹ der Volksrepublik wird.

Und Sie müssen aus diesen Gründen ganz genau wissen, was bei unserem kleinen Ausflug vor sich geht, diplomatisch ausgedrückt. Sie werden im Blickpunkt stehen, und der Umstand, dass das Königreich eine Frau schickt, um den militärischen Teil der Mission zu kommandieren – nun …«

Er unterbrach sich mit einem weiteren Achselzucken, und Honor nickte langsam.

Sie hatte noch immer Schwierigkeiten damit, sich an den Gedanken an eine Kultur aus dem Dunklen Zeitalter zu gewöhnen, zumal diese Kultur in der Gegenwart existierte.

»Ich verstehe, Sir«, sagte sie leise. »Ja, ich verstehe durchaus.«

2

Honor ließ die Ringe los und schwang sich mit einem blitzschnellen Salto herum. Sie war weit davon entfernt, eine professionelle Turnerin zu sein, doch sie landete beinahe perfekt und verbeugte sich mit übertriebener Grazie vor ihrem Publikum das auf einem bequemen Polster auf den Barren lag und sie mit einem toleranten Blick bedachte. Honor atmete tief ein und strich sich mit den Händen den Schweiß aus den triefenden, zwei Zentimeter langen Haaren, dann ergriff sie ein Handtuch und rieb sich damit kräftig das Gesicht ab. Sie schlang es sich um den Nacken und sah Nimitz streng an.

»Etwas Bewegung würde dir auch nicht schaden«, keuchte sie.

Nimitz antwortete mit einem leichten Schlagen seines flauschigen, greiffähigen Schwanzes. Er seufzte erleichtert, als sie zu den in die Wand eingelassenen Gravitationskontrollen hinüberging und die Schwerkraft auf das eine Gravo zurücksetzte, das standardgemäß an Bord aller Schiffe der RMN zu herrschen hatte. Der Kater stürmte von den Barren hinunter. Er begriff einfach nicht, wieso seine Person unbedingt die Schwerkraft der Turnhalle auf die 1,35 Gravos hochfahren musste, unter denen sie beide geboren waren. Es war nicht etwa so, dass Nimitz faul gewesen wäre, doch nach seiner unkomplizierten Weltanschauung waren Belastungen etwas, dem man sich zu stellen hatte, dem man aber nicht hinterherjagen musste. Die niedrige Standardschwerkraft an Bord von Raumschiffen betrachtete er als die größte Leistung seit der Erfindung von Sellerie. Wenn seine Person schon turnen musste, dann sollte sie gefälligst etwas tun, was auch ihm Spaß machte.

Er huschte in den Umkleideraum, und Honor hörte die Tür ihres Spindes klappern. Nimitz tauchte mit einem fröhlichen »Bliek!« wieder auf, und Honor brachte gerade noch rechtzeitig die Hand hoch, um die sausende Plastikscheibe knapp vor ihrem Gesicht aus der Luft zu fangen.

»Na warte, du kleiner Fiesling!«, rief sie lachend, und er schnatterte entzückt. Er wippte auf seinen mittleren und hinteren Gliedmaßen hin und her, während er die Echthände weit ausbreitete.

Sie lachte wieder und warf die antike Frisbeescheibe nach ihm. Hier in der Turnhalle war zu wenig Platz für die komplizierten Flugbahnen, die sie auf einer Planetenoberfläche werfen konnte, aber Nimitz schnurrte genießerisch. Er war ein Frisbeefan seit dem Tag, an dem er gesehen hatte, wie der Vater einer wesentlich jüngeren Honor das gleiche Spiel mit seinem Hund, einem Golden Retriever, spielte. Und anders als ein Hund, besaß Nimitz Hände.

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