Honor Harrington: Der Stolz der Flotte - David Weber - E-Book

Honor Harrington: Der Stolz der Flotte E-Book

David Weber

4,8
8,99 €

oder
Beschreibung

<p>Nach acht blutigen Kriegsjahren ist Honor in havenitische Kriegsgefangenschaft geraten und vor laufenden Kameras hingerichtet worden. Ihre Freunde sinnen auf Rache. Ein neuer Krieg steht bevor. Doch niemand ahnt, was sich auf dem Gefängnisplaneten Hell abspielt. Ist Honor wirklich tot, wie alle glauben, oder kehrt sie noch einmal zurück?</p>

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 1254

Bewertungen
4,8 (16 Bewertungen)
13
3
0
0
0



Der Stolzder Flotte

Roman

Ins Deutsche übertragenvon Dietmar Schmidt

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Deutsche Erstausgabe

Titel der amerikanischen Originalausgabe:

Echoes of Honor

Copyright © 1998 by David Weber

Published by arrangement with

BAEN PUBLISHING ENTERPRISE

All rights reserved

Für die deutschsprachige Ausgabe

Copyright © 2001/2014 by Bastei Lübbe AG, Köln

This book was negotiated through

Literary Agency Thomas Schlück, 30827 Garbsen

Lektorat: Ruggero Leò / Stefan Bauer

Umschlaggestaltung: Quadro Grafik

Titelillustration: David Mattingly / Agentur Schlück

E-Book-Produktion: Urban SatzKonzept, Düsseldorf

ISBN: 978-3-8387-0963-5

Sie finden uns im Internet unter

www.luebbe.de

Bitte beachten Sie auch: www.lesejury.de

An dieser Stelle möchte ichDr. Mark Newman,Arzt für Geburtshilfe und Frauenheilkunde,meinen Dank aussprechen.Den Grund dafür werden Sie bald begreifen.

PROLOG

In dem luxuriösen Zimmer war es still geworden, und kaum jemand rührte sich noch. Vier Menschen und dreizehn Baumkatzen, vier davon halbwüchsige Junge, saßen schweigend beisammen, ohne die Augen von der Holo-Drama-Bühne zu nehmen, die nichts außer einem lautlos wirbelnden, beruhigenden Testbild zeigte. Allein die Baumkatze, die Miranda LaFollet eng umschlungen auf ihrem Schoß hielt, zuckte langsam und rhythmisch mit der Schweifspitze, und die Baumkatze namens Samantha suchte ihre Tochter Andromeda durch sanftes Streicheln mit der Echthand zu trösten. Von den vier ’Kätzchen war Andromeda am unruhigsten, doch auch die anderen drei verrieten Beklommenheit: Sie hatten sich mit halb zurückgelegten Ohren eng um die Mutter geschart. Ihre emphatischen Sinne vermittelten ihnen nur zu deutlich die aufgewühlten Gefühle der anwesenden Erwachsenen – ob Mensch oder Baumkatze -, und doch waren sie noch zu jung, um den Grund zu begreifen, weshalb die Älteren angespannt und mit zusammengebissenen Zähnen auf das HD-Gerät starrten.

Allison Harrington löste die Augen vom stummen Holodisplay und betrachtete nicht zum ersten Mal das Profil ihres Ehemanns. Kerzengerade aufgerichtet wie ein Steinblock, stierte Alfred Harrington ins Leere; sein Gesicht wirkte abgezehrt. Allison bedurfte keines emphatischen Sinnes, um seine qualvolle Trauer zu spüren, denn sie empfand das Gleiche. Alfred weigerte sich jedoch, den Schmerz einzugestehen – das hatte er gleich zu Anfang abgelehnt -, als könnte er der Pein die Wirklichkeit nehmen, indem er sie abstritt oder im einsamen Seelenkampf unterdrückte. Dabei war er eigentlich zu gescheit, um sich solchen Illusionen hinzugeben. Als Arzt musste er wissen, was ihm bevorstand, und sei es nur, weil er Patienten beobachtet hatte, die solchen Dämonen allein gegenübertreten mussten. Im Kopf war ihm all dies durchaus klar, nicht aber im Herzen, und selbst jetzt noch weigerte er sich, den Blick vom HD-Gerät abzuwenden. Allison drückte seine große Hand fester; sie hatte sie vorher fast gewaltsam an sich gerissen, als er neben ihr Platz nahm. Seine Miene wirkte wie aus sphinxianischem Granit geschlagen, und Allison zwang sich, wieder woandershin zu schauen.

Geradezu ungehörig hell kam ihr der Sonnenschein vor, der durch das Fenster hereinstrahlte, obwohl er durch zwei Kuppeln doppelt gedämpft wurde: zuerst durch die große, die sich über Harrington City wölbte, dann durch die kleinere, die Harrington House schützte. Draußen sollte es Nacht sein, dachte Allison. Schwärzeste Nacht, Spiegelbild der Finsternis in meiner Seele. Sie schlug die Augen nieder.

Senior Master Chief Steward’s Mate James MacGuiness, der sie beobachtete, biss sich auf die Lippe. Nichts wünschte er sich sehnlicher, als eine Brücke zu ihr schlagen zu können, so wie sie ihm symbolisch die Hand gereicht hatte, indem sie ihn bat, diesen schrecklichen Tag zusammen ›mit Ihrer Familie‹ zu verbringen, wie sie sich ausgedrückt hatte. Nur wusste MacGuiness einfach nicht, was er unternehmen sollte. Er atmete tief durch, und seine Nasenflügel bebten. Da spürte er, wie ein weiches, warmes Gewicht auf seinem Schoß landete, und blickte hinab auf Hera, die ihm beide Handpfoten auf die Brust stellte, eine Echthand hob und ihn sanft im Gesicht berührte. Die hellen grünen Augen der ’Katz suchten so gütig und teilnahmsvoll seinen Blick, dass MacGuiness die Augen brannten. Dankbar über ihr tröstendes Baumkatzenlied, streichelte er ihr das Fell.

Das HoloDrama gab einen leisen Ton von sich, und jeder im Raum, ob Mensch oder Baumkatze, blickte unvermittelt zum Gerät. Im Gegensatz zu den meisten Bewohnern des Planeten Grayson wussten alle Anwesenden, wovon die bevorstehende Sondersendung berichten würde; ebenso jeder, der sich zur gleichen Zeit in einem ganz bestimmten Gelass des Protectorenpalasts befand. Aus Anstand hatte der Regionalchef des Interstellar News Service die unmittelbar Betroffenen vorgewarnt. Nun war es allerdings nicht etwa so, dass die meisten Graysons nicht wenigstens geahnt hätten, was sie erfahren sollten. Die Tage, in denen sich Neuigkeiten augenblicklich verbreiteten, lagen ebenso weit zurück wie die Zeit, in der die Menschheit nur einen einzigen Planeten bewohnte; zwischen den Sternen bewegte sich Information nicht schneller als die Schiffe, die sie übermittelten. Die Menschen hatten sich mittlerweile längst wieder daran gewöhnt, Neuigkeiten so zu verarbeiten, wie sie eintrafen, ob nun als unverdauliche Bruchstücke oder als Gerüchte, die noch bestätigt werden mussten – und diese Geschichte hatte zu viele ›Sonderberichte‹ in die Welt gesetzt und zu viel Spekulation geweckt, als dass die Graysons keinen Verdacht gehegt hätten.

Das HD zirpte, dann erschien die Vorbemerkung zu einer Sendung; mit akribischer Genauigkeit bildete sich ein Buchstabe nach dem anderen. Der folgende Sonderbericht enthält gewalttätige Szenen, die möglicherweise nicht für alle Zuschauer geeignet sind. INS stellt es dem Ermessen des Publikums anheim, die fraglichen Bilder zu betrachten, lautete der Kommentar und verwandelte sich in eine Zeit- und Datumsangabe: 23.31.05 Uhr GMT, 24.1.1912 PD. Vor einem langsam rotierenden Senderlogo des INS schwebten die Ziffern gut zehn Sekunden lang im Hologramm und verkündeten, dass man etwas zu sehen bekäme, das fast einen ganzen T-Monat zuvor aufgezeichnet worden war. Dann verschwanden die Ziffern, und an ihrer Stelle erschien das vertraute Gesicht von Joan Huertes, der INS-Korrespondentin im Haven-System.

»Guten Abend«, sagte sie mit ernstem Gesicht. »Wir berichten Ihnen aus der INS-Zentrale Nouveau Paris in der Volksrepublik Haven, wo heute Nachmittag der Zweite Stellvertretende Direktor für Öffentliche Information Leonard Boardman im Namen des Komitees für Öffentliche Sicherheit folgende Verlautbarung verlas.«

Nun verschwand Huertes, und das Abbild eines Mannes mit schütterem Haar erschien. Das schmale Gesicht wollte nicht recht zu seinem dicklichen Körper passen, und seine weich dreinblickenden Augen standen in scharfem Kontrast zu den tiefen Linien in seinem Gesicht, Linien, wie ein Mann sie erhält, der ein sorgenvolles Leben führt. Dennoch wirkte er sehr beherrscht, als er die Hände über dem Rednerpodium faltete und über den geräumigen, behaglich möblierten Konferenzraum blickte, der mit Reportern und HD-Kameras voll gestopft war. Während der übliche Schwall laut gestellter Fragen auf ihn einstürmte, von denen ohnehin jeder wusste, dass sie unbeantwortet bleiben würden, stand er ruhig da; dann hob er gebieterisch die Hand, auf dass Ruhe einkehre. Allmählich ließ der Lärmpegel nach, und Boardman räusperte sich.

»Heute Nachmittag beantworte ich keine Fragen, Bürgerinnen und Bürger«, sprach er die versammelten Journalisten an. »Ich habe vielmehr eine vorbereitete Erklärung mitgebracht, und nach Ende der Verlesung werden Sie alle dazugehörige HD-Chips erhalten.«

Unter den Reportern erhob sich ein Beinahe-Murmeln der Enttäuschung, doch schien niemand überrascht zu sein. Offenbar hatte man nichts anderes erwartet – und alle wussten aus offiziell veranlassten ›undichten Stellen‹ bereits, worum es in der Verlautbarung ging.

»Wie unser Amt bereits früher bekannt gab«, begann Boardman in monotonem Tonfall – augenscheinlich las er von einem Holoprompter ab, den niemand sonst sehen konnte -, »wurde die verurteilte Mörderin Honor Harrington vor vier T-Monaten, am 23. Oktober 1911 P.D., von volksrepublikanischen Streitkräften festgenommen. Bereits damals konnte das Amt für Öffentliche Information erklären, dass das Komitee für Öffentliche Sicherheit entschlossen sei, mit aller Härte des Gesetzes gegen die Gefangene vorzugehen. Die vom Gesetz festgelegten Grenzen wollte man im Zuge dessen nicht überschreiten. Obwohl die dünkelhaften, monarchistischen Plutokraten des Sternenkönigreichs von Manticore und die Marionettenregierungen der so genannten ›Manticoranischen Allianz‹ die Volksrepublik Haven mit einem unprovozierten Angriffskrieg überziehen, hat Haven von Beginn der Feindseligkeiten an die Deneber Übereinkünfte stets eingehalten. Schließlich ist es nicht die Schuld der Soldaten, dass die plutokratischen Herren eines korrupten und unterdrückerischen Regimes ihnen den Angriff befehlen, auch wenn das bedeutet, mit nackter Gewalt gegen die Bürger und Planeten einer Sternnation vorzugehen, die nur in Frieden zu leben wünscht und allen anderen Nationen das Gleiche ermöglichen möchte.

Dass Harrington zum Zeitpunkt ihrer Festnahme als Offizier in den Raumstreitkräften des Sternenkönigreichs diente, verkomplizierte die bereits alles andere als einfache Situation erheblich. Angesichts der wiederholten Behauptung, sie sei nach den Deneber Übereinkünften durch ihr Offizierspatent in der manticoranischen Navy vor Strafverfolgung ihres länger zurückliegenden Verbrechens geschützt und habe Anspruch auf den Status einer Kriegsgefangenen, beschloss die Volksregierung, nicht vorschnell zu handeln, und bat das Oberste Tribunal der Volksgerichtsbehörde, über die Besonderheiten dieses Falles zu beraten – über den scheinbaren Widerstreit zwischen Schuldspruch und den Übereinkünften. Man wollte sicherstellen, dass alle Rechte der Festgenommenen aufs Genauste Beachtung finden.

Nach sorgfältiger Erwägung gelangte das Oberste Tribunal zu der Auffassung, dass der Artikel Einundvierzig der Deneber Übereinkünfte, der Kombattanten vor Strafverfolgung schützt, auf Harrington nicht anzuwenden ist, weil sie bei Ausbruch der Feindseligkeiten bereits von einem zivilen Gericht rechtskräftig verurteilt gewesen war. Entsprechend ordnete das Oberste Tribunal an, Harrington als zivile Strafgefangene dem Amt für Systemsicherheit zu übergeben, und nicht der Volksflotte als Kriegsgefangene, Volksrichterin Theresa Mahoney kommentiert das einstimmige Urteil des Tribunals folgendermaßen …« – Boardman las laut vom Prompter ab: »›Diese Entscheidung fiel uns nicht leicht. Während sowohl Strafrecht als auch der Artikel Einundvierzig sehr klar und eindeutig sind, wird kein Gericht einen Präzedenzfall schaffen wollen, der unsere Bürger in Uniform in Gefahr bringen könnte, sollte sich der Feind im Namen der gegenseitigen Vergeltung‹ an ihnen rächen wollen. Dennoch sieht dieses Gericht keine andere Möglichkeit, als die Gefangene der zivilen Strafverfolgung und deren rechtlichen Notwendigkeiten zu unterwerfen. In Anbetracht der besonderen Begleitumstände dieses Falles und eingedenk der Sorge um mögliche Vergeltungsakte von feindlicher Seite ersucht das Tribunal respektvoll das Komitee für Öffentliche Sicherheit als Repräsentant des Volkes um Gnade. Dieses Gesuch ergeht nicht etwa, weil das Tribunal der Meinung ist, die Verurteilte hätte Gnade verdient, sondern entspringt tiefer, ernster und drängender Sorge um die Sicherheit derjenigen Bürger der Volksrepublik, die sich gegenwärtig in der Hand der Manticoranischen Allianz befinden.‹«

Er legte das Blatt beiseite und faltete wieder die Hände.

»Das Komitee und besonders der Bürger Vorsitzender Pierre erwogen die Meinung des Tribunals und seine Empfehlung mit großer Sorgfalt«, fuhr er feierlich fort. »Obwohl das Volk es stets vorzieht, Gnade zu erweisen, sind die Erfordernisse des Rechts in diesem Fall außerordentlich eindeutig. Darüber hinaus kann es sich die Regierung des Volkes ungeachtet dessen, wie viel Gnade das Volk gern gewähren würde, nicht erlauben, gegenüber den Feinden des Volkes auch nur die geringste Schwäche zu zeigen, während das Volk gleichzeitig ums Überleben kämpft. Unter Berücksichtigung dessen und in Anbetracht der Ruchlosigkeit des Verbrechens, das Harrington beging – des kaltblütigen und vorsätzlichen Mordes an der gesamten Besatzung des Handelsfrachters VHFS Sirius -, war es unmöglich, die Strafe zu mindern, die nach der Verhandlung vom zuständigen Gericht verhängt worden war. Daher hat Bürger Vorsitzender Pierre es abgelehnt, sein Recht auf Strafnachlass auszuüben. Infolgedessen wurde Harrington den zuständigen Behörden von Camp Charon im Cerberus-System übergeben. Heute, am Morgen des 24. Januar um sieben Uhr zwanzig GMT, erhielt die Republikhauptzentrale des Amts für Systemsicherheit in Nouveau Paris von Camp Charon die Bestätigung, dass das Urteil wie angeordnet vollstreckt worden ist.«

In dem stillen, sonnendurchfluteten Raum keuchte jemand auf. Allison konnte nicht genau sagen, wer; vielleicht war sie es sogar selbst gewesen. Wie Krallen schloss sie die Finger um die Hand ihres Mannes, der trotzdem mit keiner Wimper zuckte. Der Schock erschien gedämpft, als hätte die lange bange Erwartung ihn in Narbengewebe gehüllt, das die Nerven abstumpfte. Weder sie noch jemand anderes im Raum konnte die Augen vom HD nehmen. Ein entsetzlicher Zauber ging von dem Gerät aus. Sie alle wussten, was sie sehen würden, und doch wäre es jedem wie Verrat vorgekommen, den Blick abzuwenden. Ganz gleich, wie irrational es sein mochte, sich diesem Zwang zu unterwerfen, sie mussten hier ausharren, und die Forderungen des Herzens bedurften keiner logischen Begründung.

Auch auf dem HD herrschte völliges Schweigen im Konferenzraum, wahrend Boardman eine dramatische Pause einlegte. Schließlich blickte er grimmig direkt in die Kamera und sprach mit sehr kühler Stimme weiter:

»Die Volksrepublik Haven warnt die Angehörigen der so genannten ›Manticoranischen Allianz‹ davor, diese Hinrichtung durch die Misshandlung republikanischer Militärpersonen zu vergelten. Die Volksrepublik möchte ihre Feinde – und die ganze Galaxis – daran erinnern, dass es sich hier um einen besonderen Einzelfall handelt, in welchem eine verurteilte Kriminelle sich für mehr als elf Standardjahre der legal über sie verhängten Strafe für ein Verbrechen entziehen konnte, das man nur als Gräueltat bezeichnen kann. Jeder daraus resultierende Übergriff gegen unsere Leute wird für alle Verantwortlichen die allerschwersten Konsequenzen haben, wenn erst der Frieden in diesem Quadranten wiederhergestellt ist. Ferner möchte die Volksrepublik darauf hinweisen, dass jedes derartige Verhalten unweigerlich zu einer Verschlechterung der Bedingungen führen würde, unter denen die Kriegsgefangenen beider Seiten leben müssen. Honor Stephanie Harrington war eine Massenmörderin, und dafür ist sie exekutiert worden, nicht für die Dinge, die sie als Angehörige der königlich-manticoranischen Streitkräfte seit Kriegsausbruch getan hat.«

Einen Augenblick lang stand er reglos da, dann holte er tief Luft und nickte.

»Vielen Dank, Bürgerinnen und Bürger. Damit ist meine Erklärung beendet, und meine Adjutanten werden nun die Videochips verteilen. Einen guten Tag wünsche ich Ihnen.«

Er wandte sich ab und schritt eilig davon, ohne auf das aufbrandende Stimmengewirr zu achten, das sich in seinem Rücken erhob. Das HD wurde dunkel, dann kehrte Huertes’ Bild zurück, deren Miene nun noch düsterer wirkte als zuvor.

»Diese Bilder wurden heute Nachmittag im Volkssturm aufgezeichnet, als Leonard Boardman, Zweiter Stellvertretender Direktor für Öffentliche Information, im Namen des Komitees für Öffentliche Sicherheit eine Verlautbarung abgab, die offen gesagt von gut informierten Quellen innerhalb der Volksrepublik bereits seit zwei T-Monaten erwartet worden war. Welche Auswirkungen die heutigen Ereignisse an der militärischen Front zeitigen werden, steht im Mittelpunkt aller Spekulationen, doch hinter vorgehaltener Hand bemerkten viele gewöhnlich verlässliche Quellen hier in der Hauptstadt gegenüber INS, man erwarte manticoranische Rachemanöver und sei bereit, notfalls Gleiches mit Gleichem zu vergelten.« Sie schwieg einen Herzschlag lang, um das Gesagte zu unterstreichen, dann räusperte sie sich. »Doch nun die HD-Aufzeichnung, die vom Amt für Öffentliche Information verbreitet wurde. INS möchte unsere Zuschauer noch einmal vor dem gewalttätigen und sehr offenen Inhalt der nun folgenden Bilder warnen.«

Das HD blendete langsam in Schwärze über, als wollte es den Zuschauern eine letzte Gelegenheit bieten, ihre Entscheidung noch einmal zu überdenken – oder um sicherzustellen, dass jeder, der kurz den Raum verlassen hatte, rechtzeitig wieder da war und sich am versprochenen Kabinettstückchen der Gewalt delektieren konnte. Dann erhellte sich das Display zu neuem Leben.

Die neue Szenerie unterschied sich sehr von dem Konferenzraum, in dem Boardman seine Verlautbarung abgegeben hatte: Dieser Raum war viel kleiner, die nackten Wände und der Fußboden bestanden aus schmuckloser Betokeramik. Der Raum hatte eine hohe Decke, und eine hölzerne Plattform aus grobem Holz nahm fast die gesamte Bodenfläche ein. Stufen führten zum Schafott hinauf, und ein Seil – das lose Ende zur traditionellen Henkerschlinge geknüpft – baumelte unter der Plattformmitte von der Decke. Mehrere Sekunden lang zeigte das HD nur den leeren Raum und den grimmig-funktionellen Galgen, dann hörte der Zuschauer, wie eine Tür aufgeschlagen wurde, und sechs Menschen traten in das Gesichtsfeld der Kamera.

Vier Männer in der rot-schwarzen Uniform der Systemsicherheit bildeten einen engen Ring um eine hochgewachsene, braunhaarige Frau, die einen grellorangefarbenen Gefängnisoverall trug. Ein fünfter Mann in Uniform mit den Rangabzeichen eines Bürger Colonels folgte ihnen ein Stück weit und blieb dann unvermittelt stehen. Er nahm eine Art Rührt-Euch-Stellung ein, den einen Fuß neben einem unauffälligen Pedal im Boden, und sah zu, wie die Gefangene durch den Raum geführt wurde.

Die Hände waren ihr mit Handschellen auf den Rücken gefesselt, und Ketten beschwerten ihre Fußgelenke. Ihr Gesicht zeigte keine Regung, doch ihr Blick haftete auf dem Galgen, als habe er sie völlig in seinen Bann geschlagen; die Wärter drängten sie auf den Galgen zu. Je näher sie den Stufen zum Schafott kam, desto langsamer und zögerlicher wurden ihre Schritte, und ihre Maske der Ausdruckslosigkeit bekam Risse. Sie wandte den Kopf und schaute voll Verzweiflung von einem Wärter zum anderen, doch niemand erwiderte ihren Blick. Grimmig und entschlossen starrten die SyS-Männer geradeaus, und als die Gefangene sich noch länger weigerte weiterzugehen, packten sie ihre Arme. Halb führten, halb trugen sie die Frau die Treppe hinauf.

Als man sie zwang, in die Mitte der Plattform zu treten, begann sie zu keuchen und starrte zum Seil hoch. Mit größter Mühe, die jeder Zuschauer tatsächlich nachempfinden konnte, wandte sie den Blick ab. Sie schloss die Augen, und ihr Mund arbeitete. Vielleicht betete sie, doch kein Laut drang über ihre Lippen. Als man ihr den schwarzen Sack über den Kopf zog, fuhr sie zusammen und ächzte. Ihr japsendes Atmen ließ den dünnen Stoff vor und zurück schlagen, dass er an die Brust eines verängstigten Vogels erinnerte, und als man ihr die Schlinge um den Hals legte und den Knoten in die richtige Position hinter dem Ohr rückte, drehte und wand sie die Hände in den Handschellen.

Die Wärter gaben sie frei und traten beiseite. Die gesichtslose Gestalt schwankte mit weichen Knien. Ihr Entsetzen über das Bevorstehende war verständlich. Der Bürger Colonel ergriff das Wort. Seine Stimme war rau und schroff, doch nicht ohne Mitgefühl; er klang ganz wie ein Mann, dem es missfällt, was die Pflicht von ihm verlangt.

»Honor Stephanie Harrington, Sie sind des vorsätzlichen Mordes, eines todeswürdigen Verbrechens gegen das Volk, für schuldig befunden worden. Das Gericht hat Sie zum Tode durch den Strang verurteilt, und heute soll das Urteil vollstreckt werden. Haben Sie noch etwas zu sagen?«

Die Gefangene schüttelte ruckartig den Kopf. Ihre Brust bebte, gewiss hyperventilierte sie vor lauter Panik. Der Colonel nickte langsam. Er sagte kein Wort mehr, sondern streckte nur den Fuß vor und trat fest und mit gnädiger Schnelligkeit auf das Flurpedal.

Mit einem lauten, durchdringenden Schnarren öffnete sich die Falltür, und grausig deutlich war das furchtbare Geräusch zu hören, mit dem sich das Seil spannte, als das volle Gewicht der Gefangenen plötzlich an seinem Ende hing. Man hörte, wie die Frau kurz und explosionsartig die Luft ausstieß, – ein letzter, qualvoller Atemzug, der schon im Augenblick seiner Geburt erwürgt wurde -, dann brach das Seil ihr das Genick, und die Braunhaarige zuckte ein letztes Mal gewaltig und konvulsivisch.

Schlaff hing der Leichnam an der Schlinge und drehte sich langsam am knirschenden Seil im Halbkreis von links nach rechts; die Kamera hielt das Bild noch zehn Sekunden. Dann wurde der HD wieder schwarz, und aus der Schwärze drang leise Huertes’ Altstimme.

»Hier spricht Joan Huertes von INS Nouveau Paris«, sagte sie ruhig. Das herzzerreißende Klagen von dreizehn Baumkatzen antwortete ihr, dazu das leise Weinen von Miranda LaFollet und James MacGuiness. Allison Harrington streckte die Hand aus und wollte gerade ihrem Mann über das Haar streichen, als sein Panzer aus Ableugnung zerbrach, er neben ihr auf die Knie sank und schluchzend den Kopf in ihren Schoß legte.

BUCH EINS

1

Ein rauer Herbstwind wehte von der Jasonbai her. Ein Sphinxianer hätte den Wind höchstens als frisch bezeichnet, doch so weit im Süden des Planeten Manticore war er zu kalt für die Jahreszeit. Er riss an den Flaggen und ließ sie aufpeitschen. Alle Fahnen standen auf Halbmast, den ganzen langen Weg, den der Leichenzug von Capital Field bis ins Zentrum der City von Landing nahm, und zu beiden Seiten säumten dicht gedrängt schweigende Menschenmassen den Straßenrand. Über dem Wind und dem Peitschen der Flaggen war zunächst nur der langsame, klagende Schlag einer einzigen Trommel zu hören, dann anachronistisches Hufgetrappel und das Rattern ebenso anachronistischer, in Eisen gefasster Wagenräder.

Die Augen starr geradeaus gerichtet, führte Captain Junior-Grade Rafael Cardones mit stocksteifem Rücken das Pferdegespann den King Roger I Boulevard entlang, und die Zeit schien stillzustehen. Der Zug schritt hindurch zwischen Reihen von Angehörigen aller Waffengattungen der Streitkräfte, die schwarze Armbinden trugen und ihre Waffen mit dem Kolben nach oben präsentierten. Die Menge schaute in unnatürlicher, wie eingefroren anmutender Regungslosigkeit zu, und die einzelne Trommlerin – eine Midshipwoman im vierten Jahr auf Saganami Island in voller Paradeuniform – marschierte gleich hinter der schwarz behängten Protze. Der verstärkte Trommelklang hallte aus den Lautsprechern an jedem Flaggenmast, und jeder HD-Empfänger im Doppelsternsystem von Manticore trug die Bilder, die Geräusche und die Stille weiter, die das Pferdegespann auf eine nicht näher zu bezeichnende Weise einzuhüllen und zu verschlucken schien.

Ein Midshipman aus der gleichen Klasse folgte der Trommlerin. Er führte ein drittes Pferd am Zügel, das kohlrabenschwarz war und gesattelt; in den Steigbügeln hingen zwei Stiefel mit den Stulpen nach unten. Hinter dem Midshipman wiederum gingen weitere Offiziere, aber nicht sehr viele. Direkt hinter dem Pferd schritt eine einzelne, schwarzhäutige Frau in der Uniform eines Captains of the List. Auf ihrem Haupt leuchtete das weiße Barett der Sternenschiffkommandanten, und in ihren behandschuhten Händen trug sie die juwelenbesetzte Scheide mit dem Schwert von Harrington aufrecht vor sich her. In ihren Augen glänzten unvergossene Tränen, auf dem Schwert blitzten die Edelsteine im schwachen Sonnenlicht. Acht Admirale gingen hinter ihr – Sir James Bowie Webster, der Kommandeur der Homefleet, und alle sieben Raumlords der Admiralität in Galauniform. Das waren alle. Verglichen mit dem Pomp und der Großartigkeit, welche von den Bühnenkünstlern der Volksrepublik inszeniert worden wären, war der Trauerzug klein, doch er genügte, denn diese zwölf Menschen und drei Pferde schufen derzeit in einer Stadt von mehr als elf Millionen Einwohnern den einzigen Anblick, das einzige Geräusch und die einzige Bewegung.

Die trauernde Menge nahm Hüte und Mützen ab, manche wirkten dabei unbeholfen und peinlich berührt. Auf den Stufen der Royal Cathedral stand Allen Summervale, Herzog von Cromarty und Premierminister des Sternenkönigreichs von Manticore, neben Ihrer Majestät Königin Elisabeth III. Er sah zu, wie die Kolonne langsam näher kam. Nur sehr wenige, deren Blick nun auf den zweirädrigen Pferdekarren fiel, hätten sagen können, was eine ›Protze‹ ist, bevor es ihnen von den Reportern, die über die Trauerfeier berichteten, erklärt wurde. Noch weniger hätten gewusst, dass man auf Alterde vor langer Zeit solche Wagen benutzt hatte, um Kanonen zu ziehen – auch Cromarty war nur deshalb im Bilde, weil einer seiner Jugendfreunde alles über Militärgeschichte wusste, was es zu wissen gab. Schon gar niemand hätte auch nur geahnt, worin die Rolle bestand, die solchen Protzen bei militärischen Begräbnissen zukam. Jeder der Zuschauer aber wusste, dass der Sarg auf der Protze leer war, dass der Leichnam der Frau, zu deren Beisetzung sie hier erschienen waren, niemals im Boden ihres heimatlichen Königreichs ruhen sollte. Und das nicht etwa, weil ihr Leib in der Wut eines Raumgefechts verbrannt wäre oder auf ewig verloren durchs All triebe wie so viele von Manticores Söhnen und Töchtern. Trotz der Feierlichkeit und der Trauer, vom kalten Wind getragen, spürte Cromarty daher auch den Ingrimm und die bittere, unnachgiebige Wut aller Trauergäste, die ihn im Rhythmus des Trommelschlags durchpulste. Ein Geräusch wie von zerreißendem Tuch und fernem Donner grollte vom Himmel herab, und die Augen der Zuschauer hoben sich von dem Leichenzug zu den fünf Javelin-Jettrainern, die von Kreskin Field auf Saganami Island kamen. Die Jets zogen weiße Kondensstreifen über den verwaschen blauen Herbsthimmel, und dann scherte einer von ihnen aus der Formation aus, stieg über den anderen in den Himmel auf und verschwand wie ein dahingehender Geist in der strahlenden Sonne: die uralte ›Missing-Man‹-Formation, mit der Piloten seit über zweitausend Jahren zum Ausdruck bringen, dass jemand aus ihrer Mitte zu Tode gekommen ist.

Die anderen vier Flugzeuge zogen direkt über den Leichenzug hinweg, dann verschwanden auch sie. Cromarty holte Luft und unterdrückte den Drang, sich über die Schulter zu blicken. Das war nicht erforderlich. Er wusste, was er gesehen hätte: Die Führer aller politischen Parteien aus dem Ober- und Unterhaus standen hinter ihm, der Monarchin und ihrer Familie und symbolisierten die Geschlossenheit des Sternenkönigreichs in diesem Moment des Verlustes und des Frevels.

Natürlich sind manche von ihnen nur deshalb hier, weil sie endlich begraben wird, dachte er mit mühsam verhohlener Bitternis. Deswegen, und weil keiner von ihnen es gewagt hätte, Elisabeths ›Einladung‹ abzulehnen. Es gelang ihm, nicht vor Abscheu zu schnaufen. Offenbar hat es mich zum Zyniker gemacht, dass ich mein Leben der Politik gewidmet habe. Daran gibt’s wohl nichts zu deuteln. Aber ich weiß so gut wie Elisabeth, dass einige der Damen und Herren hinter uns am liebsten tanzen würden vor Freude über das, was die Havies verbrochen haben. Sie dürfen es nur leider nicht zugeben, weil es ihnen bei den nächsten Wahlen den Hals brechen würde.

Erneut atmete er tief durch, als der Leichenzug schließlich auf den Platz vor der King Michael’s Cathedral gelangte. Die Verfassung des Sternenkönigreichs verbot zwar die Errichtung einer Staatsreligion, doch war das Haus Winton in den letzten vierhundert Jahren zweitreformiert-römisch-katholisch gewesen. König Michael hatte den Bau der Kathedrale, die nun seinen Namen trug, mit Privatmitteln der königlichen Familie im Jahre 65 n. d. L. begonnen – nach der Zeitrechnung der ganzen Menschheit 1528 Post Diaspora -, und seither war hier jeder Angehörige der königlichen Familie zur letzten Ruhe gebettet worden. Das letzte Staatsbegräbnis in King Michaeli lag neununddreißig T-Jahre zurück, so lange war König Roger III. schon tot. Nur elf Menschen, die nicht zum Königshaus gehört hatten, lagen hier ›begraben‹, und drei dieser elf Grüfte waren leer.

Wie auch das der zwölften Nicht-Winton, dachte Cromarty finster, denn er bezweifelte, dass Honor Harringtons Leichnam selbst nach der Niederlage der Volksrepublik jemals auftauchen würde. Dennoch würde sie in angemessener Gesellschaft ruhen, denn die leere Gruft, die ihr zugedacht war, lag zwischen den gleichfalls leeren Kammern von Edward Saganami und Ellen D’Orville.

Vor der Kathedrale hielt der Trauerzug an, und eine handverlesene Ehrenwache von Portepee-Unteroffizieren der Navy und des Marinecorps marschierte in perfektem, uhrwerkhaften Gleichschritt die Stufen hinab, gesteuert vom stoischen, kummervollen Schlag der Trommel. Ein zierlicher, weiblicher Colonel der Marines folgte ihnen. Von ihrem schwachen Hinken abgesehen, bewegte sich die schwarzhaarige Frau ebenso exakt wie die Ehrenwache und salutierte mit makelloser Präzision vor dem weiblichen Captain, der das Schwert trug. Dann nahm sie die in der Scheide steckende Waffe in die eigenen, ebenfalls behandschuhten Hände, führte eine perfekte Kehrtwendung aus, während die Ehrenwache den Sarg von der Protze hob, und führte sie in langsamem Schritt die Stufen hinauf.

Die Trommlerin schloss sich an, ohne je in ihrem langsamen Schlag innezuhalten, bis sie an der Schwelle der Kathedrale anlangte und stehen blieb. Im gleichen Augenblick verstummten die Trommelschläge, und stattdessen drang die volle, traurige Musik von Salvatore Hammerwells ›Lamentfor Beauty Lost – Klage um verlorene Schönheit‹ aus den Lautsprechern.

Cromarty atmete tief durch und drehte sich endlich zu den Trauergästen um, die hinter ihm standen. Königin Elisabeth stand an ihrer Spitze, neben sich Prinzgemahl Justin, Kronprinz Roger, seine Schwester Prinzessin Joanna und Königin Mutter Angelique. Elisabeths Tante, Herzogin Caitrin Winton-Henke und ihr Ehemann Edward Henke, der Earl von Gold Peak, standen gleich dahinter, zwischen ihrem Sohn Calvin und Elisabeths beiden Onkeln, Herzog Aidan und Herzog Jeptha, dazu Aidans Frau Anna. Captain Michelle Henke, die das Schwert von Harrington getragen hatte, gesellte sich vor den Stufen der Kathedrale zu ihren Eltern und ihrem älteren Bruder, und damit war der engste Familienkreis der Queen komplett. Nur ihr jüngerer Bruder, Prinz Michael, war abwesend, denn er diente als Sternenschiffkommandant, und sein Schiff befand sich gegenwärtig in der Nähe von Trevors Stern.

Cromarty verbeugte sich vor seiner Königin und deutete formell einladend auf die Türen der Kathedrale, woraufhin Elisabeth ihm ebenso zeremoniell zunickte. Dann drehte sie sich um, und sie und ihr Mann führten die schimmernde Menge der offiziellen Trauergäste hinter dem Sarg die Stufen hinauf.

»Mein Gott, wie ich Begräbnisse hasse. Besonders, wenn ausgerechnet jemand wie Lady Harrington zu Grabe getragen wird.«

Cromarty blickte auf, als er Lord William Alexanders leise und zugleich bittere Feststellung hörte. Alexander war der Schatzkanzler, nach Cromarty der zweite Mann im Kabinett des Herzogs. Mit einem Teller Horsd’œuvres stand er vor dem Premierminister und musterte die ringsum wimmelnden Menschen. Cromarty ließ die Mundwinkel zucken. Warum nur gibt es eigentlich auf jeder Totenwache etwas zu essen?, fragte er sich nun. Vielleicht, weil der simple Akt des Essens in uns den Glauben ermutigt, dass das Leben weitergeht? Sollte es wirklich so einfach sein?

Er wischte den Gedanken beiseite und schaute sich um. Die vom Protokoll festgelegte offizielle Choreografie der Trauerfeier war abgeleistet, und zum ersten Mal seit Tagen, so wollte es ihm vorkommen, konnten Alexander und er trotz der Menschen ringsum ein Wort unter vier Augen sprechen. Lange konnte ihre Abgeschiedenheit freilich nicht anhalten. Bald schon musste jemand bemerken, dass sie beide allein an der Wand standen, und dann würde dieser Jemand sich auf sie stürzen, um mit ihnen einen absolut lebenswichtigen Aspekt der Politik oder der Regierungsgeschäfte zu besprechen. Doch im Augenblick brauchten sie keine neugierigen Ohren zu fürchten, und der Premierminister gestattete sich ein erschöpftes Seufzen.

»Ich auch«, gab er genauso leise zu. »Aber ich möchte wissen, wie man sie auf Grayson bestattet hat?«

»Wahrscheinlich ähnlich wie bei uns … nur viel aufwändiger«, entgegnete Alexander.

Nach aller Wahrscheinlichkeit zum allerersten Mal in der Geschichte hatten das Protectorat von Grayson und das Sternenkönigreich von Manticore zwei simultane Staatsbegräbnisse für die gleiche Person arrangiert. Für zwei Planeten, die mehr als dreißig Lichtjahre voneinander entfernt sind, mag das Konzept der Gleichzeitigkeit sinnlos erscheinen, doch Königin Elisabeth und Protector Benjamin hatten unnachgiebig darauf bestanden. Der Umstand, dass es keinen Leichnam gab, hatte das Vorhaben eher erleichtert als erschwert, denn dadurch brauchte man sich nicht über die Frage zu streiten, im Boden welcher ihrer beiden Heimatwelten Honor Harrington nun eigentlich ruhen sollte.

»Ich war überrascht, dass der Protector uns das Schwert von Harrington für die Zeremonie ausgeliehen hat«, sagte Cromarty. »Natürlich auch sehr dankbar, aber vor allem überrascht.«

»Eigentlich hat er es gar nicht entschieden«, erklärte Alexander. Als Cromartys Stellvertreter war er für die Koordination mit Grayson verantwortlich gewesen, die über den Botschafter des Protectors auf Manticore erfolgte, und kannte sich weit besser mit den Einzelheiten aus als Cromarty, der dafür keine Zeit erübrigen konnte. »Das Schwert gehört dem Gut von Harrington und der Gutsherrin, und daher lag die Entscheidung nicht beim Protector, sondern bei Lord Clinkscales. Und Clinkscales hat nicht lange mit Benjamin gestritten – schon gar nicht, nachdem Lady Harringtons Eltern unsere Bitte unterstützten. Außerdem hätten die Graysons sonst zwei Schwerter in ihre Trauerzeremonie einbauen müssen.« Cromarty sah ihn fragend an, und Alexander zuckte mit den Schultern. »Sie war doch Benjamins Champion, Allen. Deshalb hat ihr auch das Staatsschwert gehört.«

»Daran habe ich gar nicht mehr gedacht«, sagte Cromarty und rieb sich müde die Stirn.

Alexander schnaubte leise. »Hast du etwa andere Dinge im Kopf gehabt?«, fragte er mit milder Ironie.

»Ja, tatsächlich. Leider verdammt wahr.« Cromarty seufzte wieder. »Hast du schon gehört, was Hamish von der Stimmung auf Grayson hält? Ich will ganz offen zu dir sein: Als der graysonitische Botschafter mir offiziell sein Beileid aussprach, hätte ich mir vor Angst fast in die Hose gemacht. Mit der persönlichen Mitteilung des Protectors an die Königin könnte man Laser-Gefechtsköpfe bestücken. Nachdem ich sie gelesen hatte, war ich jedenfalls sehr froh, kein Havie zu sein!«

»Das überrascht mich kein bisschen.« Alexander vergewisserte sich mit einem raschen Rundblick davon, dass tatsächlich keiner der Umstehenden hören konnte, was sie sagten, dann sah er Cromarty in die Augen. »Für meinen Geschmack hat dieser Hundesohn von Boardman seinen Trumpf von wegen ›an Vergeltung solltet ihr noch nicht mal denken‹ verflucht gut ausgespielt«, knurrte er mit tiefer Abscheu. »Selbst diejenigen Neutralen, die normalerweise nach uns am meisten von den Taten der Havies abgestoßen sind, erwarten plötzlich von uns, dass wir auf jede Form von Vergeltung verzichten, weil wir die ›Guten‹ sind. Aber nach dem zu urteilen, was Hamish berichtet, steht die ganze Grayson Space Navy sozusagen Gewehr bei Fuß bereit, um der havenitischen Propagandamühle mehr zu mahlen zu geben, als Ransom und ihr Verein es sich in den feuchtesten Träumen ausmalen könnten.«

»Hamish glaubt tatsächlich, die Graysons könnten Kriegsgefangene misshandeln?« Cromarty klang trotz allem, was er gerade eben noch gesagt hatte, aufrichtig entsetzt, denn ein derartiges Verhalten stünde in diametralem Gegensatz zu den gewohnten graysonitischen Verhaltensweisen.

»Dass sie ihre Gefangenen misshandeln? Nein, das glaubt er nicht«, erwiderte Alexander erbittert. »Er fürchtet nur, sie werden sich fortan weigern, überhaupt noch Gefangene zu machen.« Als Cromarty die Brauen hochzog, lachte Alexander gezwungen auf. »Unser ganzes Volk hat sich in – wenigstens zeitweiliger – Einigkeit zusammengefunden, weil die Havies einen unserer tüchtigsten Raumoffiziere ermordet haben, Allen. Für die Graysons aber war sie nicht bloß ein hervorragender Offizier – für sie war Harrington ein lebendiges Heiligenbild. Und die Graysons nehmen den Mord nicht gerade mit Gelassenheit hin.«

»Aber wenn wir uns erst einmal in den Teufelskreis von Vergeltung und Wiedervergeltung verstricken, spielen wir den Havies doch nur in die Hände!«

»Gewiss. Zum Teufel, Allen, die Hälfte aller Reporter in der Solaren Liga ist doch schon Sprachrohr für havenitische Propaganda! Pierres offizielle innenpolitische Linie passt dem solaren Establishment doch viel besser in den Kram als ausgerechnet eine Monarchie. Dass unsere Regierung der demokratischen Kontrolle unterliegt und bei den Havies nur das Komitee für Öffentliche Sicherheit etwas zu sagen hat, spielt da überhaupt keine Rolle. Oder dass die offizielle Linie der Haveniten der Realität ungefähr so ähnlich sieht wie ich einem HD-Idol! Aber sie sind eine ›Republik‹, wir sind ein ›Königreich‹, und jeder Solly-Ideologe mit Hafergrütze anstatt Hirnmasse weiß, dass ›Republiken‹ die Guten und ›Monarchien‹ die Bösen sind! Außerdem verbreiten INS und Reuters die Havie-Propaganda ungekürzt und unkommentiert über den Äther.«

»Das ist nicht ganz fair -«, begann Cromarty, doch Alexander schnitt ihm mit einem zornigen Schnauben das Wort ab.

»Humbug, um einen von Hamishs Lieblingsausdrücken zu benutzen! Sie teilen ihren Zuschauern nicht einmal mit, dass jede einzelne Meldung, die Haven verlässt, von den Havies zensiert ist – ganz zu schweigen von dem Kram, den Ransom oder irgendein Büro dieses so genannten Amts für Öffentliche Information verlauten lässt. Das weißt du doch genauso gut wie ich! Aber gleichzeitig schreit die Journaille Zeter und Mordio, wenn wir bei Berichten über rein militärische Angelegenheiten das Gleiche tun!«

»Stimmt schon, stimmt schon.« Cromarty winkte ab, damit Alexander seine beständig anschwellende Lautstärke senkte, und der Schatzkanzler blickte rasch um sich. Plötzlich wirkte er ein wenig verlegen, doch der Zorn in seinen blauen Augen brannte genauso hell wie zuvor. Und schließlich hat er Recht, dachte Cromarty. Weder INS noch Reuters kommentierte jemals die havenitische Zensur – ja, noch nicht einmal die offensichtlich inszenierten ›Tagesereignisse‹. Das lag nur daran, dass beide Agenturen bereits beobachten durften, was ihnen in solch einem Fall blühte. United Faxes Intragalactic hatte nämlich beharrlich darauf hingewiesen, dass Berichte aus der Volksrepublik grundsätzlich zensiert seien. Elf Redakteure der UFI waren wegen ›Spionage gegen das Volk‹ verhaftet worden, und man hatte sie ausgewiesen und zu unerwünschten Fremdweltlern erklärt, die auf Lebenszeit aus havenitischem Territorium verbannt waren. Darüber hinaus wurden sämtliche UFI-Reporter von den Herzwelten der Republik verwiesen, und die Agentur musste sich seitdem mit zweitrangigen Verlautbarungen und den Meldungen unabhängiger Korrespondenten begnügen, die sie über ihre verbliebenen Büros im havenitischen Hinterland bezogen. Jeder kannte den wahren Grund für diese Maßnahmen, und doch wagte es niemand, das Geschehen anzuprangern, um nicht ebenfalls von einem der heißesten Nachrichtenherde der Galaxis verjagt zu werden.

Das Sternenkönigreich protestierte freilich immer wieder gegen diese Verschwörung des Schweigens. Cromarty hatte die Agenturleiter von INS und Reuters im Manticore-System bereits persönlich zu sich bestellt, ohne dass es eine Wirkung gehabt hätte. Die Agenturleiter ließen sich nicht davon abbringen, dass es überflüssig sei, das Publikum über Zensur oder inszenierte Nachrichten zu informieren; der mündige Zuschauer sei intelligent genug, um eine Fälschung zu durchschauen. Wenn man in dieser Frage auf den Prinzipien beharre, würde dies nur dazu führen, dass man sie ebenfalls der Volksrepublik verwies, und fromm fügten sie hinzu, dass dann aus Haven nichts weiter als die Darstellungen der Öffentlichen Information kämen, ohne dass unabhängiger Journalismus der Propaganda entgegenwirkte. Persönlich hielt Cromarty ihr hochethisches Argument der ›unabhängigen Berichterstattung‹ (ebenso wie das angebliche Vertrauen in die Urteilskraft des Zuschauers) für nichts weiter als Verneblung im alles bestimmenden Kampf um Einschaltquoten, doch was er dachte, spielte leider keine Rolle. Solange das Sternenkönigreich und die Manticoranische Allianz nicht eine ähnlich repressive ›Informationspolitik‹ probierten – was die eigenen Nachrichtenagenturen niemals geduldet hätten -, besaß er keine Möglichkeit, es den Haveniten heimzuzahlen. Erst ein anständiger Denkzettel würde die Journaille der Solaren Liga so sehr beeindrucken, dass sie sich um mehr Rückgrat bemühte.

»Wenigstens berichten sie in aller Ausführlichkeit über das Begräbnis«, sagte der Herzog nach kurzem Nachdenken. »Das muss doch etwas bewirken – selbst bei den Sollys.«

»Drei Tage höchstens«, erwiderte Alexander nach einem weiteren, kaum weniger bitteren Schnauben. »Dann passiert irgendetwas anderes, was die unendlich kurze Aufmerksamkeit ihres Publikums erregt, und dann dürfen wir wieder zusehen, welchen Schaden diese Ausbünde an Feigheit uns zufügen.«

Cromarty empfand plötzlich echte Besorgnis. Die Alexander-Brüder kannte er schon seit seiner Kindheit und war dem berühmten Alexander’schen Temperament öfter ausgesetzt gewesen, als ihm wünschenswert erschien. Doch diese Art frustrierter, kaum unterdrückter Wut sah William überhaupt nicht ähnlich.

»Ich glaube, du siehst das Ganze ein wenig zu schwarz«, sagte er schließlich. Alexander blickte ihn finster an, daher wählte er seine nächsten Worte mit Vorsicht. »Gewiss haben wir gute Gründe zu behaupten, dass die solarischen Nachrichtenagenturen sich von den Havies benutzen lassen, aber ich glaube trotzdem, dass die Büroleiter Recht haben, jedenfalls bis zu einem bestimmten Punkt. Die meisten Solarier werden wissen, dass die Havies oft lügen, und werden Berichte aus der VRH mit entsprechender Vorsicht betrachten.«

»Den Umfragen zufolge aber nicht«, entgegnete Alexander barsch. Er schaute sich noch einmal um, beugte sich näher zu Cromarty und senkte die Stimme. »Ich habe heute Morgen die neusten Ergebnisse erhalten, Allen. Zwei weitere Mitgliedsregierungen der Liga haben ihre Ablehnung des Embargos verkündet und zu einer Abstimmung aufgerufen, um es auszusetzen. Außerdem haben wir nach den jüngsten Zahlen von UFI in den öffentlichen Meinungserhebungen weitere eineinviertel Prozentpunkte verloren. Und je länger die Havies den Sollys ihre Lügen eintrichtern, ohne dass sie von jemandem infrage gestellt werden, desto schlimmer wird es. Teufel, Allen! Wahrheit neigt dazu, umständlich, vertrackt und kompliziert zu sein; eine wohlgeschmiedete Lüge wirkt dagegen fast immer glaubhafter – oder zumindest klarer -, und auf jeden Fall sehr viel ›einfacher‹. Das weiß Cordelia Ransom genau. Ihre Schergen in der Öffentlichen Information feilen so lange an den rauen, unangenehmen Kanten der Wahrheit herum, bis sie mit der Realität überhaupt nichts mehr zu tun hat, aber sie liest sich dann verdammt gut, besonders für Menschen, deren Sonnensystem bisher noch nicht auf der Liste der künftigen havenitischen Kriegsziele steht. Und auf verrückte Weise macht der Umstand, dass wir ein Gefecht nach dem anderen gewinnen, das Ganze für die Sollys nur umso glaubwürdiger. Um Gottes willen, fast kommt es mir vor, als würden die Havies mit jeder Schlacht, die wir gewinnen, noch ein wenig mehr zu armen ›Underdogs‹!«

»Vielleicht«, gab Cromarty zu und hob leicht die Hand, als Alexanders Augen aufblitzten. »Also gut, wahrscheinlich! Aber die stärker industrialisierten Ligawelten sind wegen des Embargos schon immer sauer auf uns gewesen, Willie. Du weißt, wie böse sie darüber waren, dass ich ihnen in wirtschaftlicher Hinsicht die Pistole auf die Brust gesetzt habe! Glaubst du wirklich, sie brauchten sich erst havenitische Propaganda anzusehen, um sich über uns aufzuregen?«

»Natürlich nicht! Aber darauf will ich auch gar nicht hinaus, Allen. Ich will auf etwas anderes hinaus: Wir erhalten deshalb mehr Beschuss von den Regierungen der Ligawelten, weil wir bei ihren Wählern an Unterstützung verlieren und die Regierungen das wissen. Was das betrifft, so haben wir selbst hier im Sternenkönigreich einen Drittel Prozentpunkt verloren. So war es zumindest, bevor die Havies Harrington ermordeten.«

Bei dem letzten Satz zuckte sein Gesicht, als überkäme ihn Scham für die Bemerkung, und Wut, weil sie zutraf. Dann blickte er Cromarty ruhig in die Augen, und der Premierminister seufzte. Willie hatte natürlich Recht. Bisher war der Schwund an Wählergunst gering, doch der Krieg tobte nun schon fast seit acht Jahren. Bei Kriegsausbruch war die öffentliche Unterstützung gewaltig gewesen, und auch heute betrug sie noch gut siebzig Prozent – noch. Das lag daran, dass noch längst kein Ende der Kampfhandlungen in Sicht war, obwohl die Royal Manticoran Navy und ihre Verbündeten so gut wie jede wichtige Raumschlacht gewannen. Die Verlustzahlen der Alliierten waren, absolut gesehen, weit geringer als die der Haveniten, doch fielen sie erheblich höher aus, wenn man sie auf die Gesamtbevölkerung bezog. Die Belastungen durch den Konflikt zeigten darüber hinaus sogar immer deutlichere Auswirkungen auf die stabile und vielfältige manticoranische Wirtschaft. Noch immer gab es Optimismus und ein gerüttelt Maß an Entschlossenheit, doch beides war längst nicht mehr so stark wie einst. Und aus diesem Grund hatte Cromarty, so ungern er es auch zugab, auf das Staatsbegräbnis für Honor Harrington bestanden. Verdient gehabt hatte sie diese Ehrung gewiss, doch die Versuchung, sich ihres Todes zu bedienen, um das manticoranische Volk einmal mehr hinter die Kriegsanstrengungen zu bringen, war unwiderstehlich gewesen; unwiderstehlich für den Mann, dem es oblag, diesen Krieg zu führen – auch wenn er sich damit kalkuliert einer kaltblütigen Gräueltat bediente, um in den Menschen den Wunsch zu stärken, die Volksrepublik Haven zu überwinden.

Deshalb hat sich die Tradition, das blutige Hemd zu schwenken, auch so lange gehalten, dachte er grimmig. Es funktioniert eben. Das musste ihm jedoch nicht gefallen, und er begriff sehr wohl die verworrenen Emotionen, die er so schlecht verbarg und die ihm aus den Augen leuchteten.

»Das weiß ich selber«, sagte er niedergeschlagen. »Du hast Recht. Und mir fällt nur eine einzige Gegenmaßnahme ein: Wir müssen die verdammten Bastarde ein für alle Mal zur Hölle schicken.«

»Das meine ich auch«, stimmte Alexander ihm zu und rang sich etwas ab, das an ein Lächeln erinnerte. »Und nach Hamishs letztem Brief würde ich sagen, dass er und die Graysons sich gerade anschicken, genau das zu tun. Ohne Rückfahrkarte.«

Im gleichen Moment, fast dreißig Lichtjahre von Manticore entfernt, saß Hamish Alexander, Dreizehnter Earl von White Haven, in seinem palastartigen Arbeitszimmer an Bord des Superdreadnoughts GNS Benjamin the Great und starrte auf ein HD-Gerät. Das Glas mit zollfreiem terranischem Whiskey, das er in der Hand hielt, war vergessen, und schmelzendes Eis verdünnte langsam die wertvolle Flüssigkeit. Aus stumpfen blauen Augen betrachtete er die Wiedergabe der Trauerfeier, die am Nachmittag in der Saint Austin’s Cathedral stattgefunden hatte. Reverend Jeremiah Sullivan persönlich hatte die Totenliturgie abgehalten. Die Weihrauchwolken, die reich bestickten Gewänder und die ernste, sorgenvoll schöne Musik waren nur eine fadenscheinige Maske für den sengenden Hass gewesen, der hinter der prunkvollen Fassade schwelte.

Nein, das ist nicht fair, dachte White Haven müde, erinnerte sich endlich an seinen Drink und nahm einen Schluck von dem verwässerten Whiskey. Der Hass ist schon da, aber sie haben es irgendwie geschafft, ihn beiseitezuschieben – wenigstens für die Dauer des Gottesdienstes. Doch jetzt, wo man sie betrauert hat, will ganz Grayson sie rächen, und das … könnte ganz schön hässlich ausgehen.

Er stellte das Glas ab, nahm die Fernbedienung und schaltete sich durch die Sender, doch auf jedem Kanal wurde das Gleiche gezeigt. Alle Kathedralen des Planeten und fast alle kleineren Kirchen hatten die Totenliturgie zeitgleich zelebriert, denn Grayson war ein Planet, auf dem man die Beziehung zu Gott – und die Pflicht gegenüber dem Herrn – sehr ernst nahm. Während sich White Haven von einem Gottesdienst zum nächsten schaltete, spürte auch er das kalte, harte Eisen Graysons in seiner Seele. Doch er war ein aufrichtiger Mensch und ehrlich zu sich selbst, deshalb gab er zu, dass er wusste, weshalb dieses Eisen dort war. Und aus diesem Grund war er noch entschlossener als die Graysons, den Mord an Honor Harrington zu rächen.

Denn er wusste, was niemand auf Grayson ahnte – nicht einmal sein Bruder oder seine Königin, niemand im ganzen Universum außer ihm. So hart er auch dagegen ankämpfte, White Haven konnte es nicht vergessen:

Nur er wusste, dass er es war, der Honor Harrington in den Tod getrieben hatte.

2

Es war spät, und Leonard Boardman hätte eigentlich längst auf dem Nachhauseweg sein wollen, um vor dem Abendessen noch einen wohlverdienten Drink zu nehmen. Stattdessen saß er noch immer auf seinem gepolsterten Schreibtischsessel, blickte auf sein Büro-HD und betrachtete mit frischem Stolz einmal mehr die Aufnahme von Honor Harringtons Hinrichtung. Es war, so fand er bei aller geziemender Bescheidenheit, ein wahres Kunstwerk und das durfte man wohl auch erwarten, nachdem die besten Programmierer der Öffentlichen Information sich ganze zwei Wochen lang um die Details gekümmert hatten. Boardman wusste nicht im Entferntesten, wie man so etwas technisch zuwege brachte, doch hatten die Spezialeffektspezialisten auf der Grundlage seines Drehbuchs und seiner Regie gearbeitet, und er war mit seinem Werk durchweg zufrieden.

Er sah es sich von vorn bis hinten an, dann schaltete er mit schmalen Lächeln das HD aus. Diese wenigen Minuten Bildfolge erfüllten ihn nicht nur mit dem Stolz des Handwerkers auf ein Meisterstück; sie repräsentierten zudem einen wichtigen Sieg über die Erste Stellvertretende Direktorin für Öffentliche Information Eleanor Younger. Younger hatte die Gelegenheit beim Schopf packen wollen, die manticoranische Moral dadurch zu untergraben, indem man die computergenerierte Harrington jammern, um Gnade betteln und wie wahnsinnig gegen ihre Henker kämpfen ließ, während diese sie unerbittlich zum Schafott zerrten, doch Boardman konnte zum Glück alle ihre Argumente entkräften. Von anderen Hinrichtungen stand genügend Bildmaterial zur Verfügung, um alles Gewünschte zu fabrizieren, und von Harrington gab es stapelweise HD-Chips, lauter Aufnahmen, die Cordelia Ransom nach Haven geschickt hatte, bevor sie auf Nimmerwiedersehen ins Cerberus-System gereist war. Die Techniker sahen keine Schwierigkeiten, eine virtuelle Harrington zu erschaffen, die alles tat, was Younger wollte, und trotzdem völlig authentisch wirken würde. Im Laufe des vergangenen Jahrhunderts hatte man im Haven-System sehr viel Erfahrung darin erlangt, ›korrigiertes‹ Bildmaterial zu erzeugen. Dennoch war Boardman skeptisch: Die solaren Nachrichtenagenturen galten zwar als zu leichtgläubig, um das erhaltene Bildmaterial zu prüfen, doch die Mantys waren erheblich misstrauischer. Durch die Bank waren ihre Computer besser als die der Volksrepublik, und wenn sie einen Grund sahen, das Bildmaterial einer genauen Analyse zu unterziehen, mussten sie bald merken, dass es gefälscht war. Doch indem er Harrington in Würde sterben ließ mit gerade genug sichtbaren Beweisen für ihre Todesangst, um ihren Ruf als furchtlose Superheldin zugrunde zu richten -, hatte Boardman einen weitaus subtileren Schlag gegen die manticoranische Moral geführt, denn diese Inszenierung brachte so viel Realität mit sich, dass sie jede Analyse von vornherein ausschloss. Denn wenn sich schon jemand dieser großen Mühe unterzog, derart viel Bildmaterial zu fälschen, dann würde er doch gewiss versuchen, das Opfer kleiner und nichtswürdiger erscheinen zu lassen, oder? Genau diesem Fallstrick aber war Boardman bewusst ausgewichen. Das Bildmaterial wirkte authentisch, weil es Harringtons Andenken keineswegs verächtlich machte, und gerade deshalb bot es der Gegenseite keinen Anlass, es auch nur einen Augenblick lang anzuzweifeln oder infrage zu stellen.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!