19,99 €
Als Donald Trump zum ersten Mal Präsident wurde, ging ein Richard Rorty zugeschriebenes Zitat viral: Wenn die »kulturelle Linke«, so Rorty 1998, materielle Fragen weiterhin ignoriere, werde es einen Bruch geben – »something will crack«. »Ärmere Wähler« würden einen starken Mann an die Macht bringen, es drohe eine Rückkehr des Sadismus. So hellsichtig diese Prognose war, hat derFokus auf die »woken« Linken und die »Verlierer« in Debatten über Trump & Co. doch einen blinden Fleck erzeugt. Geht man davon aus, dass Politiker wie Trump,Tino Chrupalla oder der tschechische Ministerpräsident Andrej Babiš sich auch selbst wählen, kommt schließlich eine andere »Klassenfraktion« in den Blick: konservative Männer, die ihr eigenes Unternehmen leiten. Aus diesem Milieu stammen nicht nur Vorläufer wie Silvio Berlusconi und Christoph Blocher, sondern auch Unterstützer wie etwa Elon Musk oder Peter Thiel. Genau diese Gruppe der kleinen und großen politischen Unternehmer nehmen die Beiträge in diesem Band unter die Lupe. Verfolgt wird dabei testweise die These, dass der Rechtspopulismus nicht in erster Linie eine spontane Revolte »ärmerer Wähler« darstellt, sondern ein gezielt vorangetriebenes Projekt.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 272
Veröffentlichungsjahr: 2026
3Oben rechts
Rechtspopulismus als Klassenprojekt
Herausgegeben von Heinrich Geiselberger
Suhrkamp
Zur optimalen Darstellung dieses eBook wird empfohlen, in den Einstellungen Verlagsschrift auszuwählen.
Die Wiedergabe von Gestaltungselementen, Farbigkeit sowie von Trennungen und Seitenumbrüchen ist abhängig vom jeweiligen Lesegerät und kann vom Verlag nicht beeinflusst werden.
Zur Gewährleistung der Zitierfähigkeit zeigen die grau gerahmten Ziffern die jeweiligen Seitenanfänge der Printausgabe an.
Um Fehlermeldungen auf den Lesegeräten zu vermeiden werden inaktive Hyperlinks deaktiviert.
eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2026
Der vorliegende Text folgt der 1. Auflage der Ausgabe der edition suhrkamp 2813.
© Suhrkamp Verlag GmbH, Berlin, 2026
Der Inhalt dieses eBooks ist urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte vorbehalten. Wir behalten uns auch eine Nutzung des Werks für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG vor.Für Inhalte von Webseiten Dritter, auf die in diesem Werk verwiesen wird, ist stets der jeweilige Anbieter oder Betreiber verantwortlich, wir übernehmen dafür keine Gewähr. Rechtswidrige Inhalte waren zum Zeitpunkt der Verlinkung nicht erkennbar. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.
Umschlaggestaltung nach einem Konzept von Willy Fleckhaus: Rolf Staudt
eISBN 978-3-518-78484-6
www.suhrkamp.de
Cover
Titel
Impressum
Inhalt
Informationen zum Buch
Cover
Titel
Impressum
Inhalt
Einleitung: Der vergessene Quadrant
Anmerkungen
Tobias Moorstedt Heimat der Weltkleinbürger
Das Schicksal der Familie, der Firma, der Republik
Vom Rand der Geschichte ins Zentrum der Weltwirtschaft
Hohenlohe Carnage
Berlin ist weiter weg als 520 Kilometer
Die
AfD
entdeckt die Industriepolitik
Blick in das weite Land und in die Zukunft
Das Fabrikle und die weite Welt
Leben. Wohnen. Arbeiten
Von Brandmauern und Brandbeschleunigern
Anmerkungen
Moira Weigel Elitärer Anti-Elitismus Die lange Geschichte einer immer wieder bestechend neuen Idee
Die Lauchbourgeoisie: Auftritt einer Klassenfraktion
Die tiefen Wurzeln einer unbequemen Wahrheit
Die Gegenintelligenzija erobert den Buchmarkt
Eine neue Hochkonjunktur
Haltet den Dieb?
Anmerkungen
Thomas Biebricher Von Poujade über Berlusconi zu Trump. Eine Genealogie des libertären Patrimonialismus
Von Poujade zu Le Pen
Von der Lega Nord zu Berlusconi
Von den Steuerrebellen zu Donald Trump
Anmerkungen
Melinda Cooper Der Familienkapitalismus und die Revolte der Kleinunternehmer
Anmerkungen
Lukas Haffert Staatsabbau als Erfolgsformel. Wahlsoziologische Erkundungen im Grenzgebiet zwischen
FDP
und
AfD
Alte und neue Erfolgsformeln
Soziologie der Wählerschaft
Was die Koalition zusammenhält
Sind Selbstständige politisch unterrepräsentiert?
Im Grenzgebiet zwischen
FDP
und
AfD
Selbstständige in der Sozialstruktur von Ost und West
Ausblick
Anmerkungen
Anton Jäger Trumpismus als vierte Spielart kapitalistischer Ausnahmeherrschaft? Eine kurze Ideengeschichte klassentheoretischer Erklärungen
Anmerkungen
Personenregister
Über die Beiträgerinnen und Beiträger
Informationen zum Buch
3
7
8
9
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
31
32
33
34
35
36
37
38
39
40
41
42
43
44
45
46
47
48
49
50
51
52
53
54
55
56
57
58
59
60
61
62
63
64
65
66
67
68
69
70
71
72
73
74
75
76
77
78
79
80
81
82
83
84
85
86
87
88
89
90
91
92
93
94
95
96
97
98
99
100
101
102
103
104
105
106
107
108
109
110
111
112
113
114
115
116
117
118
119
120
121
122
123
124
125
126
127
128
129
130
131
132
133
134
135
136
137
138
139
140
141
142
143
144
145
146
147
148
149
150
151
152
153
154
155
156
157
158
159
160
161
162
163
164
165
166
167
168
169
170
171
172
173
174
175
176
177
178
179
180
181
182
183
184
185
186
187
188
189
190
191
192
193
194
195
196
197
198
199
200
201
202
203
204
205
206
207
208
209
210
211
212
213
214
215
216
217
218
219
220
221
222
223
224
225
226
227
228
229
230
231
232
233
234
235
236
237
238
239
240
241
242
243
244
245
246
247
248
249
250
251
252
253
254
255
256
257
258
259
260
261
262
263
264
265
266
267
268
269
270
271
272
7
Die in diesem Band versammelten Essays sollen dazu beitragen, eine Schlagseite in der öffentlichen, aber auch in der wissenschaftlichen Diskussion über den Aufstieg des Rechtspopulismus1 zu korrigieren. Die allermeisten Beiträge zu dieser Debatte, so die Ausgangsbeobachtung, stellen auf die politische »Nachfrageseite« ab: Warum wählen Menschen Politiker wie Donald Trump oder Parteien wie die AfD? Warum gibt es Nachfrage nach ihrem politischen Angebot? In den Sozialwissenschaften lassen sich dabei grob drei Erklärungsansätze unterscheiden: ein politisch-ökonomischer, wonach Wähler gegen die negativen Folgen der Globalisierung im Sinne einer Öffnung für Migration sowie Kapital- und Güterströme aufbegehren;2 ein im engeren Sinne politischer, der die mangelnde Responsivität des politischen Systems für die Anliegen der unteren Einkommensklassen sowie den Umstand in den Vordergrund rückt, dass Verfassungen und die Regeln internationaler Organisationen demokratisch gewählten Parlamenten immer weniger Gestaltungsspielraum lassen;3 und drittens ein kultureller, laut dem der Aufstieg des Rechtspopulismus einen »Backlash« gegen Liberalisierungsprozesse darstellt.4
8In den Medien und in der breiteren Öffentlichkeit übersetzt sich die grundsätzliche Logik dieser nachfrageorientierten Ansätze oft in das Narrativ einer Art Bürgerkrieg zwischen zwei Milieus: den »Woken«, also akademisch gebildeten urbanen Mittelschichten mit progressiven liberalen Werten, die in der englischsprachigen Welt auch als Angehörige der »professional-managerial class« (PMC) firmieren;5 und den »Verlierern« (der Globalisierung, der Liberalisierung), die gegen die moralische Arroganz der »Woken« revoltieren, wobei nicht immer ganz klar ist, welche Gruppen dieser Kategorie der »Verlierer« jeweils genau zugerechnet werden. Dies wiederum mag damit zu tun haben, dass unterschiedliche Sprachen hier unterschiedliche Wörter haben, die jeweils unterschiedliche Berufsgruppen bezeichnen (im Französischen etwa die »classes populaires«,6 im Englischen die »working class«, wobei beide Kategorien insofern breiter sind als das deutsche »Arbeiterklasse«, als sie auch kleine Bauern, Handwerker und Einzelhändler, also das klassische »Kleinbürgertum«7 umfassen). Alternativpaare wären die »Kosmopoliten« und die »Kommunitaristen« sowie die »Anywheres« und die »Somewheres«.8
An dieser Stelle soll wohlgemerkt nicht behauptet werden, dass die sozialwissenschaftlichen Erklärungen, die auf die Nachfrageseite abstellen, falsch sind.9 Der vorliegende Band versucht lediglich einem Einwand Rechnung zu tragen, den die Politikwissenschaftler Herbert Kitschelt und Anthony McGann 9bereits Mitte der 1990er Jahre angesichts einer ersten Welle rechtspopulistischer Erfolge formulierten:
Die soziologische Darstellung der rechtsautoritären Politik bleibt unvollständig, wenn nicht auch die Strategien politischer Unternehmer berücksichtigt werden, die sich ihnen bietende Gelegenheiten nutzen, um […] neue rechtsautoritäre Parteien aufzubauen.10
Auch wenn Kitschelt und McGann den Begriff der »politischen Unternehmer« hier wohl nicht wörtlich, sondern im Sinne »findiger Figuren in der Politik« verwenden, liefert er doch ein zentrales Stichwort für die folgenden Beiträge. Während viele Wissenschaftlerinnen, Journalisten, Politikerinnen und Bürger nach Gemeinsamkeiten seitens der Wähler von Trump, Weidel, Le Pen & Co. suchen, liegt eine Gemeinsamkeit vieler rechtspopulistischer Politiker auf der Hand: Sehr oft handelte beziehungsweise handelt es sich schließlich auf der Angebotsseite – zumindest bei den Gründungsfiguren, aber auch noch bei einem Gros der heute bestimmenden Protagonisten – um Männer, die ihr eigenes (Familien-)Unternehmen geleitet haben, bevor sie den Sprung in die Politik wagten. Dies gilt etwa für Silvio Berlusconi und den Schweizer Christoph Blocher, für Donald Trump und den tschechischen Präsidenten Andrej Babiš sowie für Tino Chrupalla, der bis 2020 einen Malereibetrieb in seinem sächsischen Heimatort Gablenz führte.11 Das gilt aber auch für viele Finanziers und mediale Verstärker der entspre10chenden Politiker, Bewegungen und Initiativen, man denke etwa an die Brüder Charles und David Koch, den Franzosen Vincent Bolloré, den Hedgefonds-Manager Robert Mercer,12 den verstorbenen »Mövenpick-Milliardär« August von Finck junior sowie den ebenfalls verstorbenen österreichischen Pistolenfabrikanten Gaston Glock,13 an Frank Gotthardt, Unternehmer und Finanzier des Onlinemediums Nius, an Rupert Murdoch sowie neuerdings Repräsentanten der Tech-Branche wie Marc Andreessen, Christian Angermayer, Elon Musk, Peter Thiel und den Argentinier Martín Varsavsky.
Vielen Deutungen des Rechtspopulismus liegt – ob bewusst oder unbewusst – ein Schema zugrunde, das der erwähnte aus Deutschland stammende, in den USA lehrende und 2025 mit dem Johan-Skytte-Preis ausgezeichnete Herbert Kitschelt ab den 1980er Jahren entwickelte. Kitschelt war der Ansicht, die Sortierung von links und rechts allein entlang ökonomischer Positionen reiche nicht länger aus. Wolle man Konflikte und Parteienlandschaften angemessen vermessen, müsse man eine zweite, politisch-kulturelle Dimension berücksichtigen.14 So gelangte Kitschelt zu einem Vierfelderschema mit den Achsen Ökonomie und Kultur/Politik und den Polen Kapitalismus vs. Sozialismus beziehungsweise progressiv vs. konservativ (Schaubild).
Schaubild: Zweidimensionales politisches Feld, angelehnt an Kitschelt/McGann, The Radical Right in Western Europe, a. a. O., S. 15. Der Redlichkeit halber sei darauf hingewiesen, dass bei Kitschelt/McGann die ökonomische Dimension die X-Achse bildet, so dass der hier interessierende Quadrant rechts unten wäre.
Der Rechtspopulismus beispielsweise sei, hört man sinngemäß häufig, eine Reaktion kulturell kon11servativer und ökonomisch links eingestellter Menschen auf die von »progressiv-neoliberalen« Eliten (Nancy Fraser) vorangetriebene und von Liberalisierungsbemühungen in Sachen Geschlechtergerechtigkeit, Migration und Diversität begleitete Globalisierung.15 Die genannten politisierten Unternehmer wiederum wären in dem Quadranten rechts oben anzusiedeln, vertreten sie doch meist ökonomisch neoliberale bis libertäre Positionen und in der kultu12rellen Dimension einen bisweilen fast schon reaktionären Konservatismus – sie wären demnach in einem anderthalbfachen Sinne »oben rechts«: an der Spitze der Einkommens- und insbesondere Vermögensverteilung und im Sinne des Mixes an politischen Positionen, den sie vertreten. In den USA gibt es dafür den Begriff einer »Paläo-Allianz« aus Paläo-Libertären und Paläo-Konservativen, für die Figuren stehen wie William F. Buckley, Ludwig von Mises, Wilhelm Röpke, Murray Rothbard oder Hans Hermann Hoppe.16 Ganz allgemein ließe sich an dieser Stelle spekulieren, dass die, um diesen im Folgenden wichtigen Begriff schon hier einzuführen, »Kapitalfraktion«17 der Eigentümerunternehmer dabei in der Politik gerne genauso ungehindert durchregieren würde wie in Firmen und Familien.
Interessanterweise hatten Kitschelt und McGann (Lukas Haffert wird in seinem Beitrag darauf zurückkommen) diese Mischung schon 1995 – und damit nur drei Jahre nach dem Erscheinen von Murray Rothbards einschlägigem Papier »Right-wing populism: A strategy for the paleo movement«18 – als politische »Erfolgsformel« identifiziert. Würden herkömmliche Mitte-links- und Mitte-rechts-Parteien immer weiter in die Mitte rücken, um dort die sogenannten Median-Wähler zu umwerben, tue sich rechts davon eine Gelegenheit für die Etablierung neuer rechter Parteien auf. Ob dies gelinge, hänge vom strategischen Geschick »politischer Unternehmer« ab: Nur wenn diese »ökonomische Bekenntnisse 13zum freien Markt mit autoritären, ethnozentristischen, ja sogar rassistischen Botschaften« kombinierten, hätten sie die Chance, »ein breiteres Publikum« an sich zu binden:
Parteien, die nur auf rassistische oder autoritäre Positionen setzen und sich nicht zugleich zu freien Märkten bekennen, werden lediglich für über bescheidenen Wohlstand verfügende [modest] Segmente der Wählergruppen der manuellen Arbeiter [blue-collar], der kleinen Angestellten [white-collar] und insbesondere für jüngere Wähler attraktiv sein, die noch nicht in die Netzwerke der organisierten Arbeiterbewegung eingebunden sind [who have not been encapsuled]. Wenn sie jedoch Bekenntnisse zum freien Markt in ihr Programm aufnehmen, werden sie zudem für kleine Selbstständige wie Einzelhändler, die Inhaber landwirtschaftlicher Familienbetriebe und Handwerker attraktiv.19
Nachdem diese Mischung trotz einiger früher Erfolge zunächst nicht wirklich zündete, rückten einige der Parteien, die auf das vermeintliche Erfolgsrezept gesetzt hatten, ökonomisch etwas nach links (siehe dazu den Beitrag von Thomas Biebricher). Mittlerweile scheint diese Latenzphase aber vorbei, und die »winning formula« geht auf – die Frage wäre, inwiefern sich die Erfolgsbedingungen hier über die letzten drei Jahrzehnte verändert haben (siehe dazu den Beitrag von Melinda Cooper).
14Der Blick auf die Eigentümerunternehmer als in diesem Kontext relevante Kapitalfraktion hilft möglicherweise auch, eine gewisse Perplexität aufzulösen, die einen als rund um die Jahrtausendwende mit linker Globalisierungskritik sozialisierte Person ab ca. 2010 erfassen konnte. Immerhin hätte man ja angenommen, dass das »Kapital« (zumindest in den nordwestlichen Metropolen) die internationale Öffnung der Märkte für Güter, Personen, Kapital und Dienstleistungen, die Beseitigung von Zöllen, nichttarifären Handelshemmnissen und Wechselkursrisiken enthusiastisch begrüßen würde. Doch dann legten einige Parteien (oder zumindest Flügel von Parteien), die man stabil im »Pro business«-Camp verortet hatte, plötzlich eine auffällige Risikobereitschaft an den Tag, wo es darum ging, die Vorzüge der Marktintegration aufs Spiel zu setzen. Was waren schließlich, salopp gesprochen, ein paar Dutzend Milliarden Euro für die Rettung Griechenlands gegen den Zerfall des Binnenmarkts, das Scheitern des Euro und weitere Turbulenzen an den Finanzmärkten? Wieso gingen in Deutschland die FDP und Teile der Union gegen die Eurorettung auf die Barrikaden? Warum gründeten liberale Ökonomieprofessoren deshalb die Alternative für Deutschland? Und warum kämpften die traditionell unternehmerfreundlichen Tories für den Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU, wo doch der einflussreiche Unternehmerverband Confederation of British Industry (CBI) für einen Verbleib warb?20
15An dieser Stelle erweist sich das Konzept der Kapitalfraktionen als nützlich. Frederic Heine und Thomas Sablowski veröffentlichten 2013 eine Studie zu den Positionen deutscher Unternehmerverbände zur Eurorettungspolitik.21 Dabei gingen sie unter anderem von der Annahme aus, angesichts der »imperiale[n] Rolle des deutschen Kapitals und der deutschen Regierung in Europa« müsse die »deutsche Politik Verantwortung für die Reproduktion des Kapitalismus in ganz Europa« übernehmen.22 In ihrer Auswertung kamen sie zu dem Schluss, »die meisten Verbände« (darunter der Bundesverband Deutscher Industrie und die Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände) seien »durchgehend für eine Beibehaltung des Währungsraums in seiner derzeitigen Form inklusive Griechenland« gewesen und hätten »unter dem Druck der Krisendynamik Notfallkreditprogramme für einzelne Länder sowie die Einführung […] europäischer Mechanismen für Hilfskredite akzeptiert«. Die Familienunternehmer hingegen hätten sich als einziger Verband »grundsätzlich gegen die ›Rettungspolitik‹« gestellt und »früh und dauerhaft einen Ausschluss Griechenlands aus der Währungsunion« gefordert.23
Auf eine ähnliche Konstellation stoßen die französischen Soziolog:innen Marlène Benquet und Théo Bourgeron in ihrem Buch Alt-Finance über die Hintergründe des Brexit. Zu Beginn zitieren sie darin einen Financial Times-Kolumnisten, der retrospektiv schrieb, »der Brexit wäre nicht passiert, wenn die 16City [of London] das Sagen gehabt hätte«.24 Sie erklären das Ergebnis des Referendums als Folge »einer ökonomischen Auseinandersetzung [economic opposition] zwischen zwei Fraktionen der britischen Finanzsektors«, die sich zu einem »institutionellen und politischen Konflikt« ausgeweitet habe. Durchgesetzt hätten sich dabei ebenfalls in London angesiedelte, aber »diskretere« Akteure, die Benquet und Bourgeron in Anlehnung an den Begriff »alt-right« als »alt-finance« bezeichnen.25
Zuletzt wurde die Vermutung, die große Rechtsdrift könnte auch mit einem Konflikt zwischen unterschiedlichen Kapitalfraktionen zu tun haben, in Deutschland im Herbst 2025 anschaulich bestätigt, als der Lobbyverband Die Familienunternehmer ankündigte, die »Brandmauer« zwischen dem konservativen und dem rechten Lager nicht länger zu beachten und in Zukunft auch AfD-Politiker zu seinen Veranstaltungen einladen zu wollen (die Ankündigung wurde nach Protesten und Austritten einiger Mitglieder des Verbandes anschließend wieder kassiert26). In einem gut informierten Hintergrundartikel hieß es dazu, Teile der Wirtschaft betrachteten die AfD als eine Art »Ersatz-FDP«, und die Scheidelinie verlaufe oft zwischen mittelständischen Familienunternehmen auf der einen und »Dax-Konzernen und internationalen Unternehmen« auf der anderen Seite. Ob bei Letzteren prinzipielle oder taktische Erwägungen den Ausschlag geben, lässt der Text offen: »Anders als bei Familien17unternehmern, die sich mitunter gerne prononcierte und öffentlich wahrnehmbare politische Meinungen leisten – man denke an Wolfgang Grupp, Reinhold Würth oder Christian Miele –«, sei die »politische Positionierung von Konzernen professionalisiert und strategisch geleitet«.27
Anschließend an diese Überlegungen greifen die folgenden Beiträge testweise zu einem anderen Ansatz als der (auch von den Rechtpopulisten selbst gepflegten) Erzählung vom großen Konflikt zwischen den »hypermoralischen« urbanen Milieus und den »Globalisierungs-« oder »Liberalisierungsverlierern« und interpretieren den Aufstieg des Rechtspopulismus nicht in erster Linie als Reaktion seitens der popularen Klassen, sondern als Projekt einer Fraktion der – altmodisch gesprochen – herrschenden Klassen. Den Auftakt bildet eine Reportage von Tobias Moorstedt, der in eine südwestdeutsche Region gereist ist, in der sich ein möglicher Zusammenhang zwischen dem Rechtsruck und den Interessen von Familienunternehmern wie unter Laborbedingungen studieren lassen sollte: Der Bundestagswahlkreis Schwäbisch Hall – Hohenlohe weist einerseits eine sehr hohe Dichte an »Hidden Champions« (also mittelständischen Unternehmen, die in ihrer Nische oft weltweit Marktführer sind) auf; andererseits gelten die dortigen Exponenten der CDU als besonders wirtschaftsnah und konservativ. Gleichzeitig kommt die AfD im Nordosten Baden-Württembergs auf für 18westdeutsche Verhältnisse sehr hohe Ergebnisse: Bei der Bundestagswahl 2025 entfielen 25,1 Prozent der Zweitstimmen auf die Partei (zum Vergleich: Kaiserslautern 25,9 Prozent, Gelsenkirchen 24,7 Prozent, Hof 24,3; bundesweit 20,828).
Moira Weigel tritt dann noch einmal einen Schritt zurück und rekonstruiert, wie die Deutung des Rechtspopulismus als eine Art klasseninterner Bürgerkrieg zwischen der »woken« PMC und den »ärmeren Wählern« (Richard Rorty) seit 2016 hegemonial wurde. Sie konzentriert sich dabei insbesondere auf den angelsächsischen Raum, wobei davon auszugehen ist, dass die entsprechenden Debatten im Zuge eines Kulturtransfers auch auf andere Regionen ausstrahlen. Wie sehr diese Lesart auch in Europa und in den deutschsprachigen Ländern verfängt, zeigt ein Blick auf die Flut entsprechender Bücher und Meinungsartikel.29
Danach wenden sich Thomas Biebricher und Melinda Cooper der politischen Angebotsseite zu, und zwar in drei nationalen Kontexten: Biebricher rekapituliert die Genealogie des parteiförmigen »libertären Patrimonialismus« anhand der poujadistischen Bewegung sowie dem Front National in Frankreich und der Lega Nord sowie Silvio Berlusconis Forza Italia in Italien. Er schließt mit Ausführungen zu den Vereinigten Staaten, denen dann in Coopers Beitrag das Hauptaugenmerk gilt. Cooper analysiert den Trumpismus unter anderem als Resultat einer jahrzehntelangen Kampagne von (Familien-)Unter19nehmern, die seit den 2010ern Jahren zunehmend Unterstützung seitens bestimmter Hedgefonds-Manager und Tech-Unternehmer gefunden haben. Dabei kommt sie auch auf Thinktanks und Lobbygruppen zu sprechen, die über das von dem britischen Legebatterie-Pionier Antony Fisher gegründete Atlas-Netzwerk Verbindungen etwa in die deutsche Unternehmerwelt haben.30 Komplementär dazu nimmt Lukas Haffert die Nachfrageseite in den Blick. Der Politikwissenschaftler nutzt das von Daniel Oesch entwickelte Klassenschema für den Arbeitsmarkt, um ein präziseres Bild vom Wahlverhalten großer, mittlerer und kleiner Unternehmer zu erhalten. Er stößt auf eine Wählerschaft, die zunehmend zwischen Union, FPD und AfD hin- und hergerissen ist.
Der Band endet mit einem Essay, in dem Anton Jäger zunächst die Gemeinsamkeiten zweier exemplarischer marxistischer Theorien autoritärer »kapitalistischer Ausnahmestaaten« herausarbeitet, nämlich der Ansätze von Karl Marx und dem griechischen Rechts- und Politikwissenschaftler Nicos Poulantzas. Darauf aufbauend skizziert er eine politisch-ökonomische Deutung des Rechtspopulismus in seinen diversen nationalen Reinkarnationen. Inwiefern diese Theorie ausschließlich oder vor allem auf frühindustrialisierte Staaten anwendbar ist, deren Gesellschaften und Ökonomien sich in den letzten achtzig Jahren unter kapitalistischen Bedingungen entwickelt haben, wäre eine von vielen möglichen Anschlussfragen für weitere Forschung.
20Mein Dank gilt zunächst den Beiträgerinnen und Beiträgern, die sich auf das Projekt eingelassen haben. Außerdem danke ich meinen Kolleg:innen Andrea Engel, Eva Gilmer, Christian Heilbronn, Philipp Hölzing, Helena Schäfer und Tilman Vogt im Verlag sowie Nils Kumkar, Thomas Meaney, Dieter Plehwe, Quinn Slobodian, Linus Westheuser und insbesondere Ingo Stützle für kritische Kommentare, Literaturtipps und sogar das Bereitstellen physischer Exemplare rarer Bücher. Ganz große Dankung natürlich auch an m & m und IT. Angemerkt sei zudem abschließend, dass der Untertitel im Lichte der Ergebnisse eigentlich präziser »Libertärer Patrimonialismus als Projekt einer Klassenfraktion« lauten müsste, aber hinterher ist man bekanntlich immer schlauer.
Berlin, im Dezember 2025 Heinrich Geiselberger
1 Der Begriff »Rechtspopulismus« wird hier und im Folgenden trotz der Einwände verwendet, die laut geworden sind, seit Autoren wie Cas Mudde, Cristóbal Rovira Kaltwasser oder Jan-Werner Müller sie für neuere politische Strömungen und Akteure wie Donald Trump, die Brexiteers, Marine Le Pen oder Viktor Orbán etabliert haben. Wo Mudde und Kaltwasser Populismus als »dünne« Ideologie einer Gegenüberstellung von »reinem« Volk und »korrupten« Eliten definieren, an die sich »dickere« Ideologien anlagern können (siehe dazu etwa Cas Mudde, 21Rechtsaußen. Extreme und radikale Rechte in der heutigen Politik weltweit, Bonn: J. H. W. Dietz Nachf. 2020, S. 20f.), lässt sich argumentieren, der Terminus sei mittlerweile verharmlosend, da »dicke« Ideologien wie Rassismus, Nationalismus, Misogynie, Sozialdarwinismus und auch Gewaltverherrlichung zunehmend im Vordergrund stehen.
2 Philip Manow, Die Politische Ökonomie des Populismus, Berlin: Suhrkamp 2018; Dani Rodrik, »Populism and the political economy of globalization«, in: Journal of International Business Policy 1/1 (2018), S. 12-33.
3 Exemplarisch Armin Schäfer/Michael Zürn, Die demokratische Regression, Berlin: Suhrkamp 2021; Philip Manow, Unter Beobachtung. Die Bestimmung der liberalen Demokratie und ihrer Freunde, Berlin: Suhrkamp 2024.
4 Pippa Norris/Ronald Inglehart, Cultural Backlash. Trump, Brexit, and Authoritarian Populism, New York: Cambridge University Press 2019. An dieser Stelle sei betont, dass es natürlich Ausnahmen gibt. Zusätzlich zu den hier und in den folgenden Beiträgen explizit angeführten Publikationen seien exemplarisch genannt: Jane Mayer, Dark Money. The Hidden History of the Billionaires Behind the Rise of the Radical Right, New York: Doubleday 2016; Nancy MacLean, Democracy in Chains: The Deep History of the Radical Right's Stealth Plan for America, New York: Viking 2017; Quinn Slobodian, »Neoliberalism's populist bastards. A new political divide between national economies«, Public Seminar (15. Februar 2018), online verfügbar unter: {https://publicseminar.org/2018/02/neoliberalisms-populist-bastards}; Marco D'Eramo, Masters. The Invisible War of the Powerful against Their Subjects, Cambridge: Polity 2024 [2020]; Vladimir Bortun, »The far right does not challenge the status quo«, in: Jacobin (7. Januar 2024), online verfügbar unter: {https://jacobin.com/2024/07/far-right-populism-establishment-uk-reform}; Inga Rademacher, »Finance and the far right«, Post-Neoliberalism (28. Mai 2025), online verfügbar unter: {https://www.postneoliberalism.org/articles/finance-and-the-far-right/}; im deutschen Sprachraum die Beiträge in dem von Martin Beck und Ingo Stützle herausgegebenen Band Die neuen Bonapartisten. Mit Marx den Aufstieg von Trump & Co. verstehen (Berlin: Dietz 2018); mit einem Schwerpunkt auch auf die Schweiz: Roger de 22Weck, Die Kraft der Demokratie. Eine Antwort auf die autoritären Reaktionäre, Berlin: Suhrkamp 2021; schon sehr früh hellsichtig Andreas Kemper, Rechte Euro-Rebellion. Alternative für Deutschland und Zivile Koalition e. V., Münster: Edition Assemblage 2013. Kemper verwendet für das Phänomen, um das es im Folgenden gehen wird, in Anlehnung an Thomas Piketty den Begriff des »Proprietarismus«, vgl. etwa zuletzt: »Rechtslibertarismus. Warum nennt Alice Weidel die AfD ›libertär‹ und ›konservativ‹?«, CeMAS (26. März 2025), online verfügbar unter: {https://cemas.io/blog/rechtslibertarismus-und-afd/} (alle URL Stand Dezember 2025).
5 Vgl. dazu etwa Adam Tooze, »Trump's victory in 2024: Consolidating the anti-PMC coalition«, Chartbook 336 (26. November 2024), online verfügbar unter: {https://adamtooze.substack.com/p/chartbook-336-trumps-victory-in-2024}; den Begriff »professional-managerial class« prägten Barbara und John Ehrenreich in »The professional-managerial class«, in: Radical America 11/2 (März/April 1977), S. 7-31.
6 Siehe zu dem französischen Begriff etwa Bruno Amable/Stefano Palombarini, Von Mitterrand zu Macron. Über den Kollaps des französischen Parteiensystems, Berlin: Suhrkamp 2018, S. 11.
7 Als Überblick zu diesem Konzept siehe Thomas Barfuss, »Kleinbürger«, in: Historisch-kritisches Wörterbuch des Marxismus (HKWM) 7.I, Hamburg: Argument 2008, S. 960-974; siehe dazu im Weiteren auch Anm. 15 zum Beitrag von Anton Jäger.
8 David Goodhart, The Road to Somewhere. Wie wir Arbeit, Familie und Gesellschaft neu denken müssen, Iffeldorf: Millemari 2020 [2017].
9 Siehe dazu die Überlegungen in Anm. 24.
10 Herbert Kitschelt/Anthony J. McGann, The Radical Right in Western Europe. A Comparative Analysis, Ann Arbor: The University of Michigan Press 1995, S. 2f.
11 Ulrich Wolf/Karin Schlottmann, »Chrupalla gibt seinen Malerbetrieb in Gablenz auf«, in: Sächsische Zeitung (22. Oktober 2020), online verfügbar unter: {https://www.saechsische.de/politik/chrupalla-gibt-seinen-malerbetrieb-in-gablenz-auf-BCSNBVHZTZYKFIR6GDHQ6AHSCY.html}.
12 Jane Mayer, »The reclusive hedge-fund tycoon behind the Trump presidency«, in: The New Yorker (17. März 2017).
13 Siehe dazu etwa die Folge »Wie Glock die USA mit Pistolen flu23tete« der von den Redaktionen des Berliner Tagesspiegel und der TV-Sendung »ZDF Magazin Royale« erarbeiteten Serie »Europäische Waffen, amerikanische Opfer« (5. Mai 2023), online verfügbar unter: {https://interaktiv.tagesspiegel.de/waffen/americas-gun-aus-oesterreich-wie-glock-die-usa-mit-pistolen-flutete}.
14 Kitschelt/McGann, The Radical Right in Western Europe, a. a. O., S. vii.
15 Nancy Fraser, »Vom Regen des progressiven Neoliberalismus in die Traufe des reaktionären Populismus«, in: Heinrich Geiselberger (Hg.), Die große Regression. Eine internationale Debatte über die geistige Situation der Zeit, Berlin: Suhrkamp 2017, S. 77-91.
16 Siehe zu den Begriffen und den entsprechenden Persönlichkeiten z. B. Quinn Slobodian, Globalisten. Das Ende der Imperien und die Geburt des Neoliberalismus, Berlin: Suhrkamp 2019, Kap. 5; ders., Kapitalismus ohne Demokratie. Wie Marktradikale die Welt in Mikronationen, Privatstädte und Steueroasen zerlegen wollen, Berlin: Suhrkamp 2023, Kap. 5.
17 Die Begriffe »Kapital-« und »Klassenfraktion« tragen in marxistischen Debatten der Einsicht Rechnung, dass es nicht das Kapital und die beherrschte Klasse gibt, sondern dass diese beiden Hauptklassen sich in weitere Fraktionen mit typischen Lebenssituationen, ökonomischen Interessen und Ideologien gliedern. Das klassische Beispiel für Widersprüche zwischen den Kapitalfraktionen der Industriellen und der Großgrundbesitzer wäre der Streit um die »Korngesetze« im England des 19. Jahrhunderts: »Die Grundbesitzer«, so Thomas Sablowski Marx zusammenfassend, »waren für die Beibehaltung der Getreidezölle, um ihren inneren Markt zu schützen, während sich die industrielle Bourgeoisie von deren Abschaffung eine Senkung der Getreidepreise und damit mögliche Lohnsenkungen erhoffte.« Natürlich gibt es auch im unteren Teil der Gesellschaft unterschiedliche soziale Gruppen oder eben »Klassenfraktionen« wie das »Proletariat«, die »Kleinbürger«, das »Lumpenproletariat« oder die kleinen Bauern; vgl. dazu als Überblick Thomas Sablowski, »Kapitalfraktionen«, in: HKWM 7.I, a. a. O., S. 203-220, Zitat in der Anm. auf S. 204.
18 Murray Rothbard, »Right-wing populism: A strategy for the paleo movement«, in: Rothbard-Rockwell Report (Januar 1992), 24S. 5-14, online verfügbar unter: {right-wing-populism.pdf}; siehe zur Bedeutung von Rothbards Text z. B. David Bebnowski/Quinn Slobodian, »Der Vordenker des neuen Rechtspopulismus«, in: Die Zeit (28. September 2024), und Nils Kumkar, Polarisierung. Über die Ordnung der Politik, Berlin: Suhrkamp 2025, Kap. 5.
19 Kitschelt/McGann, The Radical Right in Western Europe, a. a. O., S. viif. (Hervorhebungen H. G.).
20 Siehe exemplarisch Björn Finke, »Jeder gegen jeden. Das Referendum über einen Austritt spaltet das britische Unternehmerlager. Und es belastet die Beziehungen der Wirtschaft zur konservativen Regierung«, in: Süddeutsche Zeitung (29. Juli 2015), online verfügbar unter: {https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/brexit-jeder-gegen-jeden-1.2586910}.
21 Frederic Heine/Thomas Sablowski, »Die Europapolitik des deutschen Machtblocks und ihre Widersprüche. Eine Untersuchung der Positionen deutscher Wirtschaftsverbände zur Eurokrise«, Rosa Luxemburg Stiftung (September 2023), online verfügbar unter: {https://www.rosalux.de/publikation/id/7138/die-europapolitik-des-deutschen-machtblocks-und-ihre-widersprueche}.
22 Ebd., S. 5.
23 Ebd., S. 28.
24 Marlène Benquet/Théo Bourgeron, Alt-Finance. How the City of London Bought Democracy, London: Pluto Press 2022 [2021], S. 4. Benquet und Bourgeron verweisen darin auf einen ähnlichen Punkt wie Kitschelt und McGann. Über Erklärungen, die vor allem an den »Ressentiments der Unter- und Mittelschicht gegenüber der Globalisierung« ansetzen, schreiben sie, diese »seien zwar nützlich, um das Mindset der Wähler zu verstehen«, ließen »aber die Frage offen, wie die ökonomischen Interessen der herrschenden Klassen in solchen Kampagnen ins Spiel« kommen; außerdem trügen sie zu einem allzu »idealistischen Verständnis elektoraler Prozesse bei«, als gehe es dabei allein um den sozusagen zwanglosen Zwang der besseren Argumente, wo in Wirklichkeit auch Demagogie und Manipulation eine Rolle spielten (ebd., S. 7, Herv. H. G.). Damit liefern sie zugleich das Argument, warum die zu Beginn dieser Einleitung angesprochenen sozialwissenschaftlichen Theorien der Nachfrageseite unverzichtbar sind, erklären sie doch, warum Angebote von »oben rechts« auch »unten« Resonanz finden.
25 25Ebd., S. 10, S. 5.
26 Vgl. etwa Simon Poelchau/Jost Maurin, »Die Brandmauer steht wieder«, in: Die Tageszeitung (1. Dezember 2025), online verfügbar unter: {https://taz.de/AfD-und-Familienunternehmer/!6133808/}.
27 Johann Paetzold, »Wie sich die Wirtschaft der AfD annähert«, in: The Pioneer (16. November 2025), online verfügbar unter: {www.familienunternehmer.eu/fileadmin/schnelluploads/PioneervdH.pdf}.
28 Entsprechende Aufschlüsselungen der Ergebnisse der Bundestagswahl 2025 sind online verfügbar unter: {https://www.tagesschau.de/inland/bundestagswahl/wahlkreisergebnisse-karte-bundestagswahl-2025-100.html}.
29 Vgl. insbesondere Adrian Daub, Cancel Culture Transfer. Wie eine moralische Panik die Welt erfasst, Berlin: Suhrkamp 2022.
30 Ein wichtiger Akteur im deutschen Netzwerk ist dabei der ehemalige FDP-Bundestagsabgeordnete Frank Schäffler, der interessanterweise ebenfalls aus dem Nordosten Baden-Württembergs stammt, wenn auch nicht aus Schwäbisch Hall, sondern aus Schwäbisch Gmünd. Schäffler, der später in einen weiteren deutschen Hidden-Champions-Hotspot (im Nordosten Westfalens) umzog, gründete 2014 die mit dem Atlas-Netzwerk verbundene Denkfabrik Prometheus-Institut; siehe dazu jüngst die Folge »Trumps Netzwerk: Globale Wegbereiter radikaler Populisten?« der ARD-Sendung »Monitor« vom 4. April 2024, online verfügbar unter: {https://www.ardmediathek.de/video/monitor/trumps-netzwerk-globale-wegbereiter-radikaler-populisten/das-erste/Y3JpZDovL3dkcikZS9CZWl0cmFnLXNvcGhvcmEtMGJkODQ5MWMtZTg1OS00ZmUzLWE5OGYtMzE2ZmIyOWQ1NWFm}; siehe zum Hintergrund auch Quinn Slobodian/Dieter Plehwe, »Neoliberals against Europe«, in: William Callison/Zachary Manfredi (Hg.), Mutant Neoliberalism. Market Rule and Political Rupture, Fordham University Press 2019, S. 89-111.
26
Weiß beschichtetes Aluminium, schwarzer Lack. Verkehrsschilder regeln nicht nur den Verkehr – sie erzählen auch Geschichten über Menschen, die sich durch den Raum bewegen. Der weiße Kreis mit den fünf schwarzen, diagonalen Streifen von links unten nach rechts oben – Sinnbild einer Überfluss- und Überholkultur ohne Geschwindigkeitsbegrenzung. Der gekrümmte Pfeil auf einem weißen, rot umrandeten Dreieck warnt vor kurvigen Wegen, verspricht aber Abenteuer. Ein roter Ring um einen weißen Kreis: Vorsicht, Fahr- und Denkverbote! Wer aber von Heilbronn auf der A6 oder aus Tauberbischofsheim über die B19 in den Nordosten Baden-Württembergs einfährt, sieht vor allem ein Symbol an der Straße: ein rechteckiges Schild mit drei Zacken und einem stilisierten Turm – genauer: eine Fabrikhalle mit Schlot.
Andere Regionen werben mit Denkmälern, Burgen, Naturparks. In der Region Schwäbisch-Hall/Hohenlohe sieht man vor allem Schilder für Industriegebiete. In manchen Gemeinden gibt es gleich mehrere davon. Gewerbepark 1 und 2, Ost und West. Manchmal auch mit klangvollen Namen wie »Waldzimmern« oder »Sonnenleite«.
27»Das ist Baden-Württemberg«, sagt Roland Rüdinger, Logistikunternehmer und Vorsitzender der Mittelstands- und Wirtschaftsunion Hohenlohe. »Hier leben Unternehmer, die lokal verwurzelt sind und sich immer wieder etwas einfallen lassen.« In seiner Stimme schwingt viel: Stolz, Rührung fast – und ein Anflug von Sorge.
Willkommen in der Heimat der Weltmarktführer. Keine andere Region in Deutschland zählt pro Kopf so viele sogenannte »Hidden Champions« wie der Landkreis Hohenlohe1 – mehr als 70 sind es aktuell, Familienunternehmen, die meist in den 1960er Jahren entstanden und vor allem im Bereich Elektrotechnik, Metallverarbeitung und Verpackungen erfolgreich sind. Ein Stück alte Bundesrepublik: mit Vollbeschäftigung, hoher Exportquote, demografischer Stabilität. Dennoch wählte hier bei der Bundestagswahl 2025 jeder Vierte die AfD – und das in einer Region, in der schon die CDU traditionell ziemlich konservativ ist. Zusammen kamen die Parteien auf 57 Prozent, nimmt man die FDP auch noch dazu, waren es 64 Prozent der Zweitstimmen im Wahlkreis Schwäbisch Hall – Hohenlohe.2
Hohenlohe ist eine Region der Superlative und Widersprüche: hochprofessionelle Wirtschaftsleistung und politische Verunsicherung. Global Business as usual trifft auf Weltuntergangsrhetorik. In der Lokalzeitung Hohenloher Tagblatt liest man täglich neue Erfolgsmeldungen über Hidden Champions – und daneben Schlagzeilen wie: »AfD er28reicht in manchen Bezirken Werte wie eine Volkspartei.«3 Warum ist das so?
Eine einfache Erklärung gibt es natürlich mal wieder nicht. Die Region hat eine lange Tradition des Rechts-von-der-Mitte-Wählens: Bereits in den 1990er Jahren holten die Republikaner hier zweistellige Werte bei Landtagswahlen. Viele der höchsten AfD-Ergebnisse stammen heute aus Stadtteilen mit einem hohen Anteil an Spätaussiedlern. Ein Beispiel dafür, wie verfehlte Integrationspolitik auch Jahrzehnte später noch destabilisierende Wirkung entfalten kann.
Von der Autobahn sieht man Schilder auf Fabrikhallen: »Mit uns zum Erfolg auf dem Weltmarkt«. Das ist das Versprechen der Familienunternehmer. Folgt uns, und alles wird gut. Aber wie prägt diese Wirtschaftslandschaft die politische Kultur? Der Patriarch, der entscheidet. Die Hierarchie, die funktioniert. Die Loyalität, die belohnt wird.
Und was passiert, wenn die Transformation diese so gut geschmierte Maschine plötzlich durcheinanderbringt? Energiewende, Digitalisierung, eine Kulturwende, bei der nicht mehr allein die Ansagen des Chefs gelten, sondern alle Perspektiven integriert werden sollen. Was passiert, wenn sich eine starke Region plötzlich schwach fühlt? Wenn man das Gefühl hat, im globalen Wettbewerb mit einer Hand auf dem Rücken gefesselt zu kämpfen, weil die Politik sich um die falschen Themen kümmert? Welche Verbindungen gibt es zwischen Wirtschafts29
