Öl auf Leinwand - Robert Pucher - E-Book

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Robert Pucher

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Beschreibung

Obwohl sich Wolfs neue Gastwirtschaft, das Tischchen Deck Dich, als wahre Goldgrube erweist, treibt ihn eine Steuerforderung beinahe in den Ruin. Glücklicherweise darf er mit einer großzügigen Belohnung rechnen, sollte es ihm gelingen, König Ferdinand von Vorwald eine Gemahlin zu verschaffen. Die Aufgabe erscheint ihm durchaus lösbar. König Ferdinand stellt keine hohen Ansprüche. Seine Braut muss lediglich durch ihre makellose Schönheit überzeugen. Um die perfekte Kandidatin ausfindig zu machen, veranstaltet Wolf den ersten Schönheitswettbewerb in der Geschichte Siebenbergens. Doch das Ereignis wird vom Treiben eines blaubärtigen Unholds überschattet, der seit Monaten junge Frauen verschleppt. Als man Hexenmeister Fitcher dieser Taten bezichtigt, sieht sich Wolf genötigt, einzuschreiten. Unterstützt von seiner Mitbewohnerin, Prinzessin Allerleirauh, macht er sich daran, die wahre Identität des Entführers aufzudecken. Viel Zeit bleibt ihm dafür nicht. Bald endet die Zahlungsfrist des Steuereintreibers. Für Wolf geht es diesmal um die Wurst.

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Seitenzahl: 485

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Robert Pucher

Der 1964 geborene Autor lebt und arbeitet in Wien. Nachdem er 20 Jahre lang als grundsolider Angestellter in der Privatwirtschaft sein Brot verdient hatte, beschloss er 2005, sich vornehmlich dem Schreiben zu widmen.

Freunde kennen ihn als verlässlich, korrekt und zurückhaltend, was ihn von seinen Protagonisten deutlich unterscheidet. Die zeigen allesamt wenig Hemmungen, ihre dunkelsten Abgründe auszuleben.

Neben seiner Autorentätigkeit wirkt Robert Pucher seit 2015 auch als Designer. Dabei entstehen hauptsächlich Muster für Stoffe, Tapeten und alles, was nach einer kreativen Gestaltung schreit. Und vieles schreit. Man muss nur genau hinhören.

Öl auf Leinwand

Obwohl sich Wolfs neue Gastwirtschaft, das Tischchen Deck Dich, als wahre Goldgrube erweist, treibt ihn eine Steuerforderung beinahe in den Ruin.

Glücklicherweise darf er mit einer großzügigen Belohnung rechnen, sollte es ihm gelingen, König Ferdinand von Vorwald eine Gemahlin zu verschaffen. Die Aufgabe erscheint ihm durchaus lösbar. König Ferdinand stellt keine hohen Ansprüche. Seine Braut muss lediglich durch ihre makellose Schönheit überzeugen.

Um die perfekte Kandidatin ausfindig zu machen, veranstaltet Wolf den ersten Schönheitswettbewerb in der Geschichte Siebenbergens. Doch das Ereignis wird vom Treiben eines blaubärtigen Unholds überschattet, der seit Monaten junge Frauen verschleppt.

Als man Hexenmeister Fitcher dieser Taten bezichtigt, sieht sich Wolf genötigt, einzuschreiten. Unterstützt von seiner Mitbewohnerin, Prinzessin Allerleirauh, macht er sich daran, die wahre Identität des Entführers aufzudecken. Viel Zeit bleibt ihm dafür nicht. Bald endet die Zahlungsfrist des Steuereintreibers. Für Wolf geht es diesmal um die Wurst.

INHALTSWARNUNG:

Rauschmittel, Gewalt, Nacktheit, Steuervorschreibung.

Inhaltsverzeichnis

Prolog: Von edler Herkunft

1: STAFFELEI MIT LEINWAND

Der Erstgeborene

In der richtigen Position

Im heiratsfähigen Alter

Ein Kräuterpunsch wirkt Wunder

Bunte Kugeln

Ein kleines Königreich

Niemand zu Hause

2: HIMMEL ÜBER WELLEN

Katzenjammer und Vogelkunde

Der gerechte Zorn

Glaube und Wissen

Der Kellerfund

Im Karossenparadies

Die vergessene Zeit

3: HÄUSER UND BOOTE

Jung, schön, fleißig und gut

Einiges zu bereden

Die Blutwurst lebt

Schreiten, drehen, lächeln

Der unsichtbare Kutscher

Nur eine Nuance

Der Schild aus Messing

Erhabenheit, Pathos und Würde

4: MENSCHEN MIT MAULTIER

Der Ohrenzeuge

Ein Prinz muss es sein

Die falsche Braut

Heißes Fett

In fremder Währung

Nichts für schwache Nerven

Schlecht für den Rücken

Das Bild ist, was es ist

Unerwartete Umstände

Das alte Lied

Prolog: Von edler Herkunft

Plitsch.

Der Tag glich allen anderen in einer langen Reihe davor. Er hatte mit Schlaflosigkeit begonnen, brachte Zweifel und Sorgen und wollte nicht vergehen.

Seit dem frühen Morgen saß der Schuhmacher daheim in seiner Werkstatt. Sie war sein Refugium, in das er sich zurückzog, wenn er ungestört mit seinem Schicksal hadern wollte. Und das tat er oft, denn in seinem Leben gab es eine Menge zu beklagen.

Freudlos nagelte er an einem Paar Schuhe, das niemand in Auftrag gegeben hatte. Zwischen den Hammerschlägen starrte er hinauf zur Decke, zu der undichten Stelle im Dach, beobachtete, wie sich ein Wassertropfen bildete, anwuchs und schließlich in den Kübel stürzte, den er darunter aufgestellt hatte.

Plitsch.

Nur ein kurzer Schauer war über dem Landstrich südlich der Stadt niedergegangen, doch schon bald würde sich der Herbst von seiner rauen, unfreundlichen Seite zeigen, mit Dauerregen und kalten Ostwinden. Auch im Haus würde es dann klamm und feucht werden. Für die Reparatur des Daches fehlte das Geld und nicht nur dafür. Der Schuhmacher wusste nicht einmal, wie er sich und seine drei Töchter über die Runden bringen sollte. Die wenigen Groschen, die er mit seinem Handwerk verdiente, reichten kaum, um zwei von ihnen satt zu machen.

Lautes Klopfen riss ihn aus seinen Gedanken. Erstaunt hob er den Kopf. Wer mochte das sein? Nur selten schaute jemand bei ihm vorbei, vom Hausherrn abgesehen, der pünktlich an jedem Monatsersten die Miete kassierte. Kunden blieben meistens aus. Die Zeiten waren schwierig und neue Schuhe für viele unerschwinglich.

Plitsch.

Der Besucher trug einen üppigen, aber gepflegten Bart. Das alleine war nicht ungewöhnlich, doch der Bart war blau. Das faszinierte den Schuhmacher so sehr, dass er glatt darauf vergaß zu grüßen.

»Was ist Euer Begehr, hochwohlgeborener Herr?«, erkundigte er sich, nachdem sein Mund endlose Sekunden tonlos offen gestanden war. »Was führt Euch in meine bescheidene Behausung?«

Dass der Fremde von edler Herkunft war, bezeugte einerseits sein Wohlgeruch, andererseits seine Garderobe. Er trug ein maßgeschneidertes weinrotes Wams aus feinstem Samt, dazu passende Hosen und einen schwarzen, breitkrempigen Hut, in dem eine blaue Feder steckte. In seiner Hand hielt er einen Gehstock aus Ebenholz mit einem silbernen Knauf in Form eines Entenkopfs.

Sogar die weiße Kutsche, die hinter ihm auf der Straße stand, zeugte von seinem hohen Stand. Sie war an allen Ecken und Kanten mit prunkvollen Holzschnitzereien verziert. An ihrem Schlag prangte ein goldenes Wappen, wie es nur Adelshäuser führten.

Plitsch.

»Deine Tochter ist es, die ich begehre«, tat der Fremde kund. Seine Stimme war kräftig, aber hell wie die eines Jünglings. »Ich gedenke, sie zur Frau zu nehmen, dein Einverständnis vorausgesetzt.«

Der Schuhmacher blinzelte ungläubig. »Meine Tochter?«, fragte er. »Seid Ihr sicher, dass Ihr Euch nicht irrt? Seid ihr an der richtigen Adresse?«

»Ich bin mir sicher«, bestätigte der Unbekannte. »Hiermit erlaube ich mir, höchst offiziell um ihre Hand anzuhalten.«

»Aber ich habe drei Töchter«, erklärte der Schuhmacher. »Welche von ihnen meint Ihr, durchlauchtiger Herr? Die älteste, die mittlere oder die jüngste. Oder wollt Ihr alle drei?«

»Die erste«, meinte der Besucher nach kurzem Überlegen.

Allmählich begriff der Schuhmacher, welch Gnade ihm zuteilwurde. Denn wie jeder verantwortungsbewusste Vater wünschte er sich nichts sehnlicher, als seine Töchter ehrbaren und wohlhabenden Ehemännern zu übergeben, denen sie fortan dienen und Kinder gebären durften.

So rief er seine Älteste aus ihrer Kammer, trug ihr auf, ihr bestes Kleid anzulegen und übergab sie ihrem Freier.

Plitsch.

Für einen langen Abschied blieb keine Zeit. Der Fremde geleitete die Braut zur Kutsche, half ihr über zwei ausklappbare Stufen in den Wagen und kletterte selbst hinein.

»Hü-hopp!«, erschallte der Ruf des Kutschers. »Hü-hopp!«

Dass er das Kommando zwar laut und deutlich hörte, jedoch niemanden sah, der auf dem Kutschbock saß, irritierte den Schuhmacher nur kurz.

Ausgerechnet seine Älteste, dachte er. Ausgerechnet sie hatte das große Los gezogen. Dabei zählte sie mit ihren 21 Lenzen bereits zum alten Eisen. Schon vor drei Jahren hatte er sich damit abgefunden, sie bis an sein Lebensende durchfüttern zu müssen. Und jetzt kam alles anders.

Zurück in seiner Werkstatt entkorkte er eine Flasche Ungarwein, die er für einen besonderen Anlass aufgehoben hatte. Es gab Grund zu feiern. Das Glück hatte Einzug in sein Haus gehalten.

Plitsch.

1 STAFFELEI MIT LEINWAND

Das kann jetzt ein bisschen dauern. Es ist ein altes Gerät.

Der Erstgeborene

»Erinnerst du dich, als wir zum ersten Mal bei Hexenmeister Fitcher waren?«, fragte Läuschen.

»Allerdings«, bestätigte Wolf. »Das ist gerade ein Dreivierteljahr her.«

»Das Haus sieht genauso aus wie damals. Gruselig. Brr.«

»Und doch wirkt es auf eine seltsame Art und Weise heimelig«, fand Flöhchen.

Wolf blieb skeptisch. »Es ist geräumig, ja. Dennoch würde ich hier um nichts in der Welt leben wollen. Mir ist das zu weit weg vom Schuss.«

Beharrlich ignorierte er die Bisse der Ameisen, die sich durch sein Fell kämpften, da er sich mitten auf eine ihrer Hauptverkehrsstraßen gelegt hatte.

Nach einem langen Fußmarsch war er im dunkelsten Teil des Dunklen Waldes angekommen, wo die Bäume so nah beieinanderstanden und ihre Kronen so dicht waren, dass der Waldboden selbst an einem strahlenden Tag wie diesem in Dämmerlicht gehüllt war.

Wie bei seinen bisherigen Besuchen hielt sich Wolf hinter einer krummen Tanne verborgen und fixierte die Veranda, bereit, jederzeit loszustürmen. Zwischen ihm und dem Hexenmeister hatte sich so eine Art Spiel entwickelt, bei dem es Wolfs Aufgabe war, die Türe zu erreichen und die Glocke zu läuten, bevor der Hausherr öffnete. Das war Wolf noch nie gelungen.

»Du solltest dich sputen, sonst schaffst du es wieder nicht«, riet ihm Läuschen, das scheinbar Wolfs Gedanken las.

»Hast du eine Ahnung, was Fitze diesmal von uns will?«, erkundigte sich Flöhchen.

Wolf schmunzelte. »Von uns will er gar nichts. Mir hat er seinen Nachrichtenraben geschickt. Mich hat er gebeten, ihn aufzusuchen.«

»Gebeten? So, wie sich der Rabe ausgedrückt hat, klang es eher nach einem Befehl.«

»Aber was! Die Zeiten, in denen er mir Befehle erteilt hat, sind vorbei. Inzwischen begegnen wir einander auf Augenhöhe. Ich vermute, er will sich erkundigen, wie es um sein Knusperhäuschen steht. Also gut, auf geht’s!« Wolf duckte sich, seine Muskeln und Sehnen waren gespannt. »Drei, zwei, eins …«

Lautlos kurvte er um die Tanne, huschte auf die Veranda zu, sprang die Stufen hinauf und kam vor einer dürren, ganz in Schwarz gekleideten Gestalt zu stehen.

»Du kommst spät«, brummte Fitcher. Er bedachte Wolf mit einem strengen Blick. Wie immer trug er seinen schäbigen, knöchellangen Mantel, den verbeulten Hut, dessen Krempe er tief in die Stirn gezogen hatte, und die Handschuhe aus Schweinsleder, die er nicht einmal im Sommer ablegte. »Vor gut vier Stunden schickte ich den Raben los. Muss ich darauf hinweisen, dass ich mehr Eifer erwarte, wenn ich dich vorlade?«

»Na ja, ich hatte einiges zu erledigen und …«

Der Hexenmeister brachte ihn mit erhobener Hand zum Schweigen. »Putz dir die Füße ab, bevor du das Haus betrittst!«, befahl er. »Der Boden wurde frisch gewachst.«

Wolf tat, wie ihm geheißen und folgte Fitcher in die Küche.

Nachdem der Hexenmeister zwei Gläser mit Wasser gefüllt hatte, bewegte er seine hagere Gestalt auf den Esstisch zu. »Setz dich zu mir!«, forderte er seinen Gast auf.

»Weshalb hast du mich kommen lassen?«, wollte Wolf wissen. »Geht es um das Knusperhäuschen? Ich halte es auftragsgemäß in Schuss. Über den Winter habe ich es komplett renoviert, schadhafte Teile der Wände und des Dachs ausgebessert. Jetzt sieht es aus wie neu. Innen wie außen.«

»So soll es sein.« Fitcher nickte. »Es obliegt deiner Verantwortung, dass es beim nächsten Sturm nicht auseinanderfällt. Bei Gelegenheit werde ich mich von der ordnungsgemäßen Instandhaltung persönlich überzeugen.«

»Ich mache sogar regelmäßig sauber«, bemerkte Wolf, wobei er nicht darauf einging, wie groß die Intervalle waren, die die Regel definierten.

Damit gab sich Fitcher nicht zufrieden. »Hast du die Wände gestrichen und den Kamin gereinigt?«

Dazu hatte die Zeit nicht gereicht. Wolf besaß nur zwei Hände, im übertragenen Sinn, und sein neues Erfolg versprechendes Projekt nahm ihn rund um die Uhr in Anspruch.

»Das erledige ich demnächst«, versprach er. »Irgendwann … bald.«

»Zudem wünsche ich, dass du die Hecke stutzt und Blumen vor dem Haus pflanzt, damit alles hübsch aussieht.«

»Um die Pflanzen kümmere ich mich morgen«, versicherte Wolf. Dabei dachte er weniger an Blumen als an das Gute-Laune-Kraut, das er hinter dem Knusperhäuschen anbauen wollte.

»Morgen. Aha.« Der Hexenmeister verengte seine Augen zu schmalen Schlitzen. »Was die Umsetzung meiner Befehle betrifft, dulde ich keinen Aufschub. Da ich dich mietfrei in meinem Haus wohnen lasse, bist du mir das schuldig.«

Wider besseres Wissen erhob Wolf Einspruch: »Schon klar, schon klar. Als wir die Vereinbarung geschlossen haben, nahm ich allerdings nicht an, dein Diener zu sein. Wie du weißt, muss ich meinen eigenen Geschäften nachgehen.«

»Diener? Ich betrachte dich keineswegs als Diener«, zischte Fitcher. »Befehle ich dir etwa, Tätigkeiten hier in meinem Haushalt zu übernehmen, zu kochen, zu servieren, meine Kleidung zu waschen und zu bügeln, mir meine Hausschuhe zu bringen? Sollte es dir ein Bedürfnis sein, diese Agenden zu übernehmen, können wir diesbezüglich gerne eine Abmachung treffen.«

Wolf winkte ab. »Nein, danke. Ich bin mit meiner Arbeit vollends ausgelastet.«

»Ist das so? Mhm, mhm.« Fitcher nickte kaum merkbar. »Apropos, sie stehen im Flur. Wärst du so freundlich?«

»Was?« Wolf stierte ihn an. »Was steht im Flur?«

»Meine Pantoffeln. Es sind die beigebraun-karierten.«

»Ich verstehe.«

Wolf trottete hinaus, holte die Schuhe und ließ sie vor dem Hexenmeister auf den Boden fallen. »Bitteschön«, knurrte er. »Kann ich noch etwas für dich tun?«

Fitcher überhörte die Ironie in Wolfs Frage. »Jetzt sehe ich das Schuhwerk zwar, doch fühle ich es nicht an meinen Füßen.« Auffordernd streckte er seine Beine aus. »So ist es recht«, lobte er, als ihm Wolf die Pantoffeln auf die Füße schob.

»War’s das?«, knurrte Wolf. »Bin ich deshalb den weiten Weg hierhergekommen, um dir deine Hausschuhe zu bringen?«

»Ich wünschte, es wäre so.« Nachdenklich kratzte sich der Hexenmeister am Kinn. »Aber nein, es gibt Wichtigeres, das ich mit dir bereden möchte. Unheil braut sich zusammen. Unannehmlichkeiten kommen auf mich zu, deren Abwehr deine Unterstützung erfordert. Komm mit!«

Er verließ die Küche und stakste durch den Flur bis zur Hinterseite des Hauses, wo eine steile Treppe in den Keller hinabführte. Dort fischte er eine Kerze aus seiner Manteltasche und entzündete sie.

»Wie du dich wahrscheinlich erinnerst, warst du schon einmal da unten«, sagte er. »Weißt du noch?«

Allerdings, dachte Wolf. Wie könnte er diesen grauenvollen Ort jemals vergessen?

Vorsichtig stieg er hinter dem Hexenmeister die Stufen hinab, bis sie vor der schweren, eisenbeschlagenen Holztür standen. Fitcher entriegelte alle drei Schlösser und forderte ihn auf einzutreten.

»Was soll ich hier?«, erkundigte sich Wolf.

»Eins nach dem anderen. Du wirst es früh genug erfahren.«

Der Hexenmeister hatte es nicht eilig. Bedächtig und ohne ein Wort zu verlieren, entfachte er die Fackeln, die an den Wänden in eisernen Halterungen steckten. In ihrem flackernden Schein erkannte Wolf die Steinwanne, die mit getrockneten Blutflecken übersät war, die Holzpritsche mit den Lederriemen und die schweren Eisenketten, die von der Steinmauer baumelten. Was immer hier früher vorgefallen war, die Einrichtungsgegenstände hatten wohl nicht dem Amüsement etwaiger Gäste gedient.

Am hinteren Ende des Raums befand sich der mit grünem Filz bezogene Spieltisch, der so gar nicht zum restlichen Ambiente passte. Über ihm hing dieses eigenartige Gemälde an der Wand, das einen Mann zeigte, der seine Hände an beide Wangen presste und dabei Mund und Augen aufriss.

»Wieso zeigst du mir das alles?«, wollte Wolf wissen. »Dein Freizeitraum ist mir vertraut.«

»Vielleicht hörtest du davon«, begann Fitcher. »Seit geraumer Zeit verschwinden in Siebenbergen junge Frauen.«

Wolf war nichts dergleichen zu Ohren gekommen. »Nein, ich bedaure …«

Der Hexenmeister unterbrach ihn mit scharfer Stimme. »Lass mich ausreden! Die Sache ist ernst. Ein bislang unbekannter, augenscheinlich gut situierter Herr entlockt diese Mädchen ihren Familien unter dem Vorwand, sie zu ehelichen. Doch weder fand jemals eine Hochzeit statt noch tauchte eine der Betroffenen wieder auf.«

»Tja, ich bin nicht der mysteriöse Bräutigam«, lächelte Wolf.

»Das ist mir klar.« Fitcher ließ sich auf dem Rand der Wanne nieder und griff nach einem langen Messer. Vorsichtig, fast zärtlich schabte er mit dem Daumen über die Klinge. »Du kennst die Lügen, die sich die Menschen über mich erzählen.«

»Ja«, bestätigte Wolf, »schlimme Geschichten über Folter und Tod, über entsetzliche Gräueltaten, die sich hier zugetragen haben.«

»Lügengeschichten«, verbesserte ihn Fitcher. »Lügengeschichten, die sich hier angeblich zugetragen haben.«

»Wie auch immer … Was spiele ich dabei für eine Rolle?« Dass der Hexenmeister das Messer auf ihn richtete, machte Wolf nervös.

»Wem, denkst du, wird man die Schuld für das Verschwinden der Jungfern in die Schuhe schieben?« Da Wolf nicht reagierte, beantwortete Fitcher die Frage selbst: »Natürlich werden die Leute mich zum Sündenbock stempeln.«

»Aufgrund der alten Geschichten«, wusste Wolf.

»Aufgrund der alten Lügengeschichten«, betonte der Hexenmeister. Endlich legte er das Messer beiseite und faltete die Hände in seinem Schoß. »Im Volk regt sich Unmut, der sich zu einem Flächenbrand ausdehnen wird. Nicht mehr lange und alle werden überzeugt sein, ich sei das Ungeheuer.«

»Das liegt möglicherweise daran, dass du wie ein Sonderling wirkst. Du lebst alleine im Dunklen Wald, gehst nie unter Menschen, kleidest dich düster … Es ist nachvollziehbar, wenn sich die Leute solche Geschichten, äh, Lügengeschichten zusammenreimen.«

Eine gefühlte Ewigkeit und ohne ein einziges Mal zu blinzeln, starrte Fitcher Wolf in die Augen.

»Dabei wird es nicht bleiben«, meinte er, nachdem Wolf seinen Blick abgewandt hatte. »Bald wird der junge König seinen Teil zu der hasserfüllten Stimmung beitragen. Bis jetzt sah er davon ab, im Zusammenhang mit den entführten Mädchen meinen Namen zu nennen, doch bedient er sich subtilerer Mittel, um den Unmut gegen meine Person zu schüren. Letztens sprach er im Kreise seiner Entourage von altbekannten Unholden, denen das Handwerk gelegt werden müsse. Er betonte, dass es immer die Gleichen seien, die, getrieben von Wahn und Raserei, das Königreich in Angst und Schrecken versetzten.« Der Hexenmeister machte eine Pause, um seine Worte wirken zu lassen. »Vorerst beschränken sich die Feindseligkeiten auf verbale Attacken im engsten Kreis«, fuhr er fort. »Um mich von der Garde verhaften zu lassen, fehlen dem König die Beweise, aber ich fürchte, es wird nicht lange dauern, bis er den Pöbel gegen mich aufhetzt. Und wenn es so weit ist, überprüft niemand den Wahrheitsgehalt seiner Behauptungen. Dann ist das Urteil gesprochen und der rasende Mob zieht los, um es zu vollstrecken.«

»Woher weißt du das alles?«, wunderte sich Wolf. »Bist du neuerdings unter die Hellseher gegangen?«

»Ich weiß es eben. Das muss dir genügen.«

»Na schön, aber was, denkst du, steckt dahinter? Warum will dir der König an den Kragen?«

Mit beiden Händen stemmte sich Fitcher vom Wannenrand in die Höhe. Er bewegte sich langsam, als ob ihn Rückenschmerzen plagten. »Du weißt, dass ich ein Nachfahre seines Vaters bin. Ich war Dummlings Erstgeborener, wenn auch unehelich gezeugt. Der junge Herrscher fürchtet wohl, ich könnte ihm den Thron streitig machen. Was liegt aus seiner Sicht näher, als auf Nummer sicher zu gehen und mich beseitigen zu lassen?«

Für Wolf klang das weit hergeholt. »Woher sollte er wissen, dass du königlicher Abstammung bist? Niemandem ist bekannt, wie viele uneheliche Kinder der alte König Dummling in die Welt gesetzt hat und wo sie sich aufhalten. Dem Vernehmen nach sollen es eine ganze Menge sein.«

»Wie gesagt, ich war sein erster Sohn. Von Muhme Adler, meiner Amme, erfuhr ich, dass er sich regelmäßig nach meinem Befinden erkundigte. Er behielt mich im Auge, um mich bei Bedarf als Nachfolger einzusetzen, sollte ihm seine Frau, die Königin, keinen männlichen Nachkommen schenken. Ich vermute, er führte Aufzeichnungen über meinen Werdegang, die dem jungen König nach seiner Krönung in die Hände fielen.«

Wolf legte seine Stirn in Falten. »Und was ist meine Aufgabe, um deine Sicherheit zu gewährleisten?«

»Sieh dich um!«, forderte ihn Fitcher auf. »Siehst du irgendwo entführte Jungfern, abgeschlachtete Mädchen, Leichenteile oder auch nur einen Tropfen Blut?«

»Na ja, da in der Wanne ist schon etwas …«

»Frisches Blut meine ich«, fiel ihm der Hexenmeister ins Wort.

»Nein, nichts dergleichen«, gab Wolf zu.

»Dann pass jetzt gut auf! Du wirst mein Zeuge sein, sollte es zu einer Anklage kommen. Du wirst bestätigen, dass hier keine Verbrechen begangen wurden.«

Wolf nickte. »Wenn’s weiter nichts ist. Das will ich gerne tun.«

»Und …« Hexenmeister Fitcher hob seinen langen, spindeldürren Zeigefinger. »Sollte sich die Situation zuspitzen, halte dich für weitere Instruktionen bereit! Ich werde dich wissen lassen, was zu tun ist.«

In der richtigen Position

Die Stadt wuchs beständig. Immer mehr Landarbeiter, Knechte und Mägde, aber auch Handwerker kamen von weit her, um nach Arbeit zu suchen. Obwohl sie oftmals keine fanden, blieben sie, um sich als Bettler durchzuschlagen.

Da innerhalb der Stadtmauern Wohnraum knapp und den gut situierten Bürgern vorbehalten war, entstanden entlang des Flusses urbane Ableger. Wolf konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass fast täglich neue Hütten wie Pilze aus dem Boden schossen. Auch der Landstrich am gegenüberliegenden Ufer wurde von Neuankömmlingen besiedelt, wo sie auf günstigem Grund und Boden ihre bescheidenen Unterkünfte errichteten.

Genau dort, direkt an der Uferböschung, in einem der wenigen alten Häuser führte Frau Trude das Tischchen Deck Dich, eine kleine Gastwirtschaft, in der sich das Angebot an Speisen ausschließlich auf Würste beschränkte. Diese aber waren von bester, geradezu einzigartiger Qualität.

Erst im letzten Oktober hatte sie das Wirtshaus übernommen, das lange leer gestanden war. Für die Stadtbevölkerung gut erreichbar, war es zu einem beliebten Ausflugsziel geworden. So hatte das Lokal von Anbeginn beachtliche Umsätze geschrieben. Und als Wolf mit der Wirtin übereingekommen war, sie mit Gute-Laune-Kraut zu beliefern, um es den Gästen als Rauchware anzubieten, hatte es sich zu einer wahren Goldgrube entwickelt.

Frau Trude war so begeistert gewesen, dass sie Wolf eines Tages angeboten hatte, in das Geschäft einzusteigen, um gemeinsam in einen Ausbau zu investieren. Da hatte er nicht lange überlegen müssen.

Als Wolf die Gastwirtschaft erreichte, war es vier Uhr nachmittags. Direkt an der Böschung neben dem Tischchen Deck Dich fixierte ein Kunstmaler eine jungfräuliche Leinwand in der Größe von zwei mal eineinhalb Ellen auf seiner Staffelei. Wolf grüßte ihn im Vorübergehen, fand ein paar nette Worte über den herrlichen Blick auf die Stadt und meinte, dass die Flusslandschaft im Vordergrund mit Sicherheit ein wunderbares Motiv abgebe. Der Maler nickte und beachtete ihn nicht weiter.

Wolf war extra früher gekommen, um nach dem Rechten zu sehen. Er war gespannt, was ihn erwartete. Während der letzten Woche war das Tischchen aufgrund von Renovierungsarbeiten geschlossen gewesen. Die Wände waren frisch getüncht und der Backofen in der Küche gegen ein moderneres Modell mit aufgesetzter Grillplatte ausgetauscht worden. Die Gaststube war nunmehr mit einer halbkreisförmigen Theke und neuen Eichenholzmöbeln ausgestattet. Natürlich hatte das ein Vermögen gekostet, das zur Hälfte zu Wolfs Lasten ging, doch das Ergebnis war mehr als zufriedenstellend.

»Sieht gut aus«, gab sogar Flöhchen zu. »Nettes Ambiente. Alle Achtung!«

»So ist es«, stimmte Wolf bei. »Und wenn sich die Gäste wohlfühlen, bleiben sie länger. Und wenn sie länger bleiben, …«

»… konsumieren sie mehr«, brachte sich Läuschen ein.

»Und wenn sie mehr konsumieren, …«

»… erhöhen sich deine Einkünfte.«

»Und wenn meine Einkünfte steigen, …«

»… wirst du reicher und reicher.«

»Und wenn ich reicher und reicher werde, …«

»… werden die Armen ärmer und ärmer«, beendete Flöhchen den Gedankengang.

»Wir haben geschlossen«, rief Wolf, als jemand klopfte. »Komm am Abend wieder!«

»Ich bin’s, Meister«, tönte es gedämpft von draußen herein. »Hast du Zeit für ein Pläuschchen?«

Wolf eilte zur Türe und ließ den Gast herein. »Was für eine Überraschung«, sagte er. »Schön, dich zu sehen nach so langer Zeit. Bitte, komm weiter und fühl dich wie zu Hause!«

Meister beugte sich zu ihm hinab und umarmte ihn. »Ja, es ist eine Ewigkeit her, dass wir beisammengesessen sind. Dabei bin ich jetzt vermehrt ganz in deiner Nähe.«

»Das ist mir bekannt«, nickte Wolf.

Wie andere auch hatte Meister im letzten Jahr begonnen, ein Haus am gegenüberliegenden Ufer zu bauen. Vor einem Monat war es schließlich fertig geworden. Da er es als Zweitwohnsitz und Geldanlage nützte, hatte er seine Stadtwohnung behalten.

»Was ist das?«, fragte Wolf mit gespieltem Erstaunen. Er deutete auf Katze, die sich hinter Meister in die Stube schleppte. »Gehört die Fellkugel zu dir?«

»Obacht!«, warnte Meister. »Was ihre Figur anbelangt, versteht Katze keinen Spaß.«

»Das ist Katze?« Wolf grinste breit. »Ich dachte schon, du hältst dir neuerdings einen jungen Bären. Was ist passiert? In wenigen Monaten hat sie sich glatt verdreifacht.«

»Ach, halt den Mund, du schäbiger Flohbeutel!«, zischte Katze. »Ich trage noch meinen Winterpelz. Siehst du das nicht?«

»Mitte Mai?« Wolf lachte und wies zu seinem Stammtisch. »Setzt euch! Ich besorge uns etwas zu trinken. Speisen servieren wir erst später, wenn Frau Trude mit den Würsten eintrifft.«

Während er hinter der Theke drei Humpen mit Bier befüllte, half Meister Katze auf einen Stuhl.

»So, jetzt erzählt mir, was es Neues gibt«, forderte Wolf seine Besucher auf, als er zu ihnen zurückkehrte. »Wie laufen die Geschäfte, Meister?«

»Danke der Nachfrage. Ich kann nicht klagen. Trotz der bescheidenen Wirtschaftslage sind die Leute nach wie vor scharf auf den alten Krempel.«

»Überhaupt seit das Königshaus zu deinen Kunden zählt«, ergänzte Wolf.

Mürrisch strich sich Meister durch seinen blonden Haarschopf. »Jaja, schon gut, Wolf. Ich weiß, meine Geschäftsverbindung mit dem Froschkönig stößt dir sauer auf, aber lass uns deswegen nicht zanken.«

»Froschkönig? Nennt man den jungen Herrscher so? Ich nehme an, weil er bei seiner Inthronisation ganz in Grün gekleidet war.«

»Nicht nur deswegen.« Meister nahm drei kräftige Schlucke Bier, hauchte ein zufriedenes »Ah!« und wischte sich mit dem Handrücken den Schaum vom Mund.

»Sondern?«

»Weil seine Zehen von Schwimmhäuten verbunden werden. Das ist so eine Familiensache. All seine männlichen Vorfahren hatten die. Das wissen aber nur die wenigsten.«

»Im Ernst?« Wolf brach in schallendes Gelächter aus. »Er hat Schwimmhäute an den Füßen? Woher weißt du … Ach so, richtig, ich entsinne mich: Er ist dir einst unbekleidet gegenübergestanden.«

»Erspar mir das! Der Anblick war wenig erbaulich. Ich hatte ihn bereits verdrängt.« Wieder griff Meister nach seinem Humpen. »Übrigens steht uns bald eine königliche Hochzeit ins Haus«, plauderte er aus dem Nähkästchen. »Gestern verlautbarte der Froschkönig die frohe Kunde im Kreise seiner engsten Vertrauten.«

»Er will heiraten?« Wolf war ehrlich erstaunt. »Ich habe gedacht, sein Verhältnis zum anderen Geschlecht würde nie über ein platonisches hinausgehen. Seine Ehe mit Aschenputtel war nur von kurzer Dauer und wurde nie vollzogen. Weshalb will er es erneut versuchen?«

»Tja, das ist das harte Los eines Regenten. Auch wenn Frauen nicht sein Fall sind, muss er die Thronfolge sichern. Das gehört sich so.«

»Und wer ist die Glückliche? Kenne ich sie?«

Meister biss sich auf die Lippen. Betroffen starrte er auf seine Hände.

»Nun, wer?«, hakte Wolf nach.

»Rotkäppchen.«

»Rotkäppchen?«

»Tut mir sehr leid«, murmelte Meister. »Ich weiß, das ist nicht leicht für dich. Immerhin warst du mit ihr liiert.«

»Ach was!« Wolf schnaufte verächtlich. »Das ist lange her. Was kümmert mich Rotkäppchen? Sie hat längst keine Bedeutung mehr in meinem Leben. Von mir aus kann sie machen, was sie will. Aber …«

»Ja?«

»Wenn ich mich recht entsinne, verbindet sie mit ihrem Bräutigam ein verwandtschaftliches Verhältnis. Ist sie nicht seine Halbnichte oder etwas in der Art? Wie kann er sie unter diesen Umständen heiraten?«

Meister sah darin kein Problem. »In adeligen Kreisen ist eine Ehe mit Familienangehörigen nichts Ungewöhnliches. Mit dieser Strategie stellen die Herrscherhäuser sicher, dass ihr Blut ungetrübt blau bleibt.«

»Und dass ihr Verstand von Generation zu Generation abnimmt«, ergänzte Wolf. »Wann soll das freudige Ereignis stattfinden?«

»Schon bald. In zwei Wochen. Mir wurde die ehrenvolle Aufgabe zuteil, den Festsaal für die Feierlichkeiten zu schmücken.«

»Welche Ehre!«, höhnte Wolf. »Da gratuliere ich recht herzlich. Meister der Hochzeitsplaner! Das vergönne ich dir. Wer sich mit dem jungen König einlässt, darf sich nicht beschweren, wenn er von ihm eingespannt wird.«

»Niemand beschwert sich, Wolf.«

»Ich nehme an, du wirst fürstlich entlohnt und darfst dich an den Steuergeldern erfreuen, die er den Ärmsten der Armen aus der Tasche zieht.«

»Ich bitte dich, Wolf«, stöhnte Meister, »fang nicht wieder damit an! Meine Dienste werden im üblichen Rahmen honoriert. Darin sehe ich nichts Verwerfliches. Ich meine, ich plündere ja nicht die Schatzkammer.«

Für einige Sekunden herrschte Schweigen. Wolf hatte Meister lange Zeit nicht zu Gesicht bekommen, daher lag ihm nichts daran, einen Streit vom Zaun zu brechen.

»Und du, Katze?«, fragte er, um das Gespräch auf ein anderes Thema zu lenken. »Was macht die Musik? Spielst du noch die Orgel?«

Katze zuckte mit den Schultern. »Dann und wann, wenn mich die Muse küsst. Alleine bereitet mir das Musizieren keinen rechten Spaß.«

»Ja, schade, dass es nach Hahns Abgang mit DRACHENFLUG so schnell vorbei war. Das Potenzial wäre vorhanden gewesen. Ihr hättet es schaffen können. Was treibst du sonst den lieben langen Tag?«

»Na ja, dies und das«, wich Katze aus.

Wolf ahnte es. Sie frönte dem Müßiggang, lag auf der faulen Haut und ließ sich von Meister hinter den Ohren kraulen. So fett wie sie war, bewegte sie sich nur, wenn sie das Bett verließ, um ihre Mahlzeiten einzunehmen.

»Und selbst?«, wollte sie wissen. »Wie ergeht es dir, alleine auf dich gestellt, im Knusperhäuschen? Kommst du mit der neuen Situation zurecht?«

»Aber klar.« Wolf zwang sich zu einem Lächeln. »Du weißt, ich bin ein einsamer Wolf. Ich kann die Ruhe gut genießen. Mir ist es nur recht, wenn nicht ständig jemand um mich herumscharwenzelt. Außerdem bin ich nicht völlig alleine. Meine treuen Wegbegleiter sind mir geblieben.«

»Läuschen und Flöhchen saugen weiterhin dein Blut?«

»Alles wie gehabt«, bestätigte Wolf. »Die Laus im rechten Ohr, der Floh im linken.«

Meister hatte seinen Humpen geleert, stand auf und trat an die Terrassentür. »Eine schöne Aussicht hast du von hier oben. Auf die Stadt, den Fluss und, wie ich sehe, direkt auf mein Haus.«

»Stimmt.« Wolf kam ihm nach. »Und bald bin ich dir noch ein Stück näher. Wir vergrößern unsere Terrasse. Dann wird sie über die Uferböschung hinausragen und Platz für an die hundert Gäste bieten. Die Bauarbeiten sollen demnächst beginnen, damit sie vor dem Sommer abgeschlossen werden können. Die Leute sitzen gerne im Freien, wenn es das Wetter zulässt.«

»Gratuliere zu deinem Geschäftssinn.« Meister klopfte Wolf auf die Schulter. »Mit dem Tischchen Deck Dich hast du einen guten Riecher bewiesen.«

Wolf spürte, dass Meister ein Aber auf der Zunge lag. »Was?«, fragte er bissig.

»Und dennoch … Dass du das Angebot unseres Froschkönigs ausgeschlagen hast, halte ich nach wie vor für einen unverzeihlichen Fehler.«

Wolf blähte seine Backen und blies die angestaute Luft durch seine Lippen. Jetzt fing das wieder an! Meister konnte keine Ruhe geben. Bereits im Winter hatte er als Sprachrohr des Königs Wolf vorgeschlagen, das riesige Gelände hinter der Stadt zu übernehmen, das einst im Besitz des treuen Johannes gestanden war.

»Mit der Herstellung von Krötenschleim und Pilzpulver würdest du wesentlich mehr verdienen als mit einem Wirtshaus«, sagte er. »Du wärst Inhaber eines Monopols in Siebenbergen, würdest ein Imperium führen. Erinnere dich, der treue Johannes konnte mit seinem Drogenhandel ein riesiges Vermögen anhäufen. Seit er untergetaucht ist, sind Krötenschleim und Pilzpulver hierzulande Mangelware. Es braucht einen neuen Anbieter.«

»Tja«, knurrte Wolf. Tief in ihm begann es zu brodeln. Wenn Meister die leidige Angelegenheit unbedingt zum x-ten Male diskutieren wollte, konnte er das haben. »Im Gegensatz zu dir sehe ich mein Leben nicht durch die Anhäufung von Reichtümern erfüllt«, stellte Wolf klar. »Was immer ich in Angriff nehme, mache ich, weil es mir Freude bereitet. Glaube mir, Meister, es würde mich keineswegs zufriedenstellen, dem Froschkönig die Stiefel zu lecken. Ganz abgesehen davon, dass von den Einnahmen nicht viel übrig bliebe. Wie viel musst du an unseren hochverehrten Herrscher abtreten, um deine Geschäfte uneingeschränkt führen zu dürfen? Vor allem jene mit dem Königshof, der bei dir großzügig Antiquitäten mit Steuergeldern einkauft? Wie viel davon wandert als Provision in die private Schatulle des Königs? Nein, Meister, mit diesem Lackaffen will ich nichts zu tun haben. Ich verdiene auch so mehr als genug.«

»Dann warte, bis der Steuereintreiber vor deiner Türe steht. Spätestens dann wird dir das Lachen vergehen.«

»Den Steuereintreiber muss ich nicht fürchten. Mit dem bin ich in der Vergangenheit gut ausgekommen.«

»Himmelherrgott noch einmal!«, fluchte Meister. Er drehte Wolf den Rücken zu und starrte hinaus auf den Fluss. »Dass du es nicht einsehen willst … Von nichts kommt nichts. Will man erfolgreich sein, ich meine, so richtig, muss man Kompromisse eingehen. Im Geschäftsleben läuft das so.«

»Du meinst, man muss sich verleugnen und verbiegen?« Wolf stand kurz davor, die Beherrschung zu verlieren. »Wenn du nach der Pfeife der Mächtigen tanzen willst, ist das deine Sache. Ich werde mich an deren skrupellosen Machenschaften nicht beteiligen. Du weißt genau, was ich vom Froschkönig halte. Er ist durch und durch korrupt, eitel und voller Gier. Sein Wirken zielt einzig und allein darauf ab, sich selbst zu bereichern und seine Günstlinge bei Laune zu halten. Der Rest seiner Untertanen ist ihm egal, die Armen, die Hungerleidenden, die nicht wissen, wie sie an ein Stück Brot für den nächsten Tag kommen sollen, die von ihren Dienstherren ausgebeutet und trotz harter Arbeit kurzgehalten werden. Das alles ist für den König ohne Belang. Hauptsache, er amüsiert sich bei seinen dekadenten Fressgelagen. Und du schlägst mir vor, mit diesem Schnösel gemeinsame Sache zu machen? Würde ich auf dich hören, könnte ich nicht mehr in den Spiegel schauen.«

»Wolf, Meister, ich bitte euch!«, stöhnte Katze. Der Disput schlug sich ihr aufs Gemüt. »Müsst ihr schon wieder streiten? Das bringt doch nichts.«

»Der Herr Wolf will es nicht anders«, reagierte Meister trotzig. »Der denkt immer noch, er könne die Welt mit seinem Idealismus retten. Da irrt er sich gewaltig.«

»So? Tu ich das?« Wolf fletschte die Zähne. »Dann bin ich gespannt, wie du mit deinen dunklen Geschäften die Situation in Siebenbergen verbessern willst. Seit der Froschkönig das Ruder übernommen hat, geht es den Leuten von Tag zu Tag schlechter.«

Meisters Hände ballten sich zu Fäusten. »Wie oft muss ich dir sagen, dass man ein System nur von innen heraus verändern kann? Mit guten Absichten, Lamentieren und Protestieren erreichst du nichts. Um etwas zu bewegen, und zwar nachhaltig, muss man sich in der richtigen Position befinden.«

»Hört doch auf!«, versuchte Katze erneut, die Lage zu beruhigen. »Ihr geht mir auf die Nerven mit eurem ewigen Gezänk.«

Wolf schenkte ihr keine Beachtung. »Tatsächlich?«, fuhr er Meister an. »Dann verrate mir, was du so bewegst als Inhaber einer richtigen Position. Ich vermute, lediglich deine Finger, wenn du nachts die Tageslosung zählst. Das Schicksal der Menschen tangiert dich ebenso wenig wie deinen Freund, den König.«

»Da täuschst du dich gewaltig. Jahr für Jahr spende ich eine stattliche Summe an arme Waisenkinder und siechende Alte.«

»Irrtum«, widersprach Wolf. »Du spendest sie an eine Organisation, die behauptet, sich um die erwähnten Personen zu kümmern. Und wer sitzt dieser Organisation vor? Der König, mein Lieber. Dem stopfst du dein unehrenhaft erworbenes Vermögen in den Rachen.«

»Jetzt reicht es mir.« Meister platzte der Kragen. »Das brauche ich mir nicht bieten zu lassen. Nicht von einem dahergelaufenen Wolf, der sein ganzes Leben nie richtig arbeiten musste. Dein Gute-Laune-Kraut verkauft sich von selbst. Da bleibt für dich nicht viel zu tun.«

»Dahergelaufener Wolf?«, echauffierte sich Wolf. »Ich werde dir gleich zeigen, was ein dahergelaufener Wolf mit einem rückgratlosen Profiteur wie dir anstellt.«

»Ach, du, du …« Meister starrte ihn wütend an. Ohne den Satz zu beenden, machte er auf dem Absatz kehrt und steuerte auf die Türe zu. »Den Unsinn höre ich mir nicht länger an«, zischte er. »Mach, was du willst. Komm, Katze, wir gehen!«

Mit dem Hinterteil voran hangelte sich Katze von ihrem Stuhl. »Männer!«, fauchte sie verdrossen. »Es ist immer das Gleiche mit euch Deppen!«

Frau Trude schob sich mit einem Korb voller Würste durch die Türe. »War das der Meisterdieb?«, fragte sie.

»Ja, warum?«

Wolf nahm ihr die Last ab und trug sie in die Küche.

»Er wirkte ziemlich verärgert. Als er mir mit seinem Fuhrwerk entgegenkam, schimpfte er ohne Unterlass vor sich hin und nahm mich überhaupt nicht wahr. Fast hätte er meinen Eselskarren gerammt. Welche Laus ist ihm denn über die Leber gelaufen?«

»Ich jedenfalls nicht«, lachte Läuschen in Wolfs rechtem Ohr.

»Ach, nicht so wichtig«, meinte Wolf. »Wir hatten eine kleine Meinungsverschiedenheit unter Freunden.«

»Und dieses seltsame Tier, das er mit sich führte? Was war das? Ein Wollschwein?«

»Das war Katze.«

Erstaunt hob Frau Trude eine ihrer Augenbrauen. »Das war eine Katze?«

»Nicht eine Katze. Die Katze. Du solltest sie kennen. Sie ist die ehemalige Organistin von DRACHENFLUG, vormals Bremer Stadtmusikanten.«

»Bedaure, noch nie gehört. Aber erstaunlich, dass sie hinter eine Orgel passt, so feist wie sie ist.«

»Ihre Körperfülle kommt nicht von ungefähr. Bei Meister lebt sie im Schlaraffenland. Das hat sie faul und träge gemacht.«

»Apropos, Wolf …« Frau Trude wies zum Küchenfenster hinaus. »Auf dem Eselskarren warten noch mehr Würste darauf, abgeladen zu werden. Lauf und bring sie herein, aber hurtig, ehe diese mutmaßliche Katze zurückkehrt und alles auffrisst. Husch, husch! Ich werde inzwischen den Backofen anheizen.«

Ihr resolutes Auftreten brachte Wolf zum Schmunzeln. Er konnte sie gut leiden. Ihre Art, die Dinge unverblümt beim Namen zu nennen und keine Konfrontation zu scheuen, egal, wer ihr gegenüberstand, imponierte ihm. Respektlosigkeit hätte es der Froschkönig vermutlich genannt, doch nach Wolfs Meinung besaß sie ein gesundes Selbstbewusstsein, mit dem sie unter anderem dafür sorgte, dass Unruhestifter, Raufbolde, Zechpreller und sonstiges Gesindel ihrem Gasthaus fernblieben. Das Publikum war ein völlig anderes als jenes, das in der Waldschenke verkehrte, in der Wolf früher Stammgast gewesen war. Vor allem die ständig stänkernden und missgelaunten Zwerge machten einen großen Bogen um das Tischchen. Schon bald hatten sie gemerkt, dass mit Frau Trude nicht gut Kirschen essen war. Mit ihrer stämmigen Figur musste sie nicht einmal körperliche Auseinandersetzungen scheuen, bei denen die Zwerge zweifellos den Kürzeren gezogen hätten.

»Ich habe gestern mit dem Anführer der Drei Riesen Bau- und Handels-Kompanie gesprochen«, berichtete sie, während sie einen großen Topf Wasser auf den Ofen stellte. »Morgen beginnen sie mit dem Ausbau der Terrasse. Dann wollen sie ihr Geld sehen.«

Das Feuer, das in der Brennkammer loderte, heizte die Küche spürbar auf. Die ersten Schweißperlen glänzten auf Frau Trudes Stirn.

»Wie viel?«, fragte Wolf mit einem flauen Gefühl im Magen.

»Ach, halb so wild. Die Drei Riesen sind weitaus günstiger als alle anderen Handwerker, mit denen ich gesprochen habe.«

»Wie viel?«, drängte er erneut auf eine Antwort.

»Exakt 20 Thaler.«

»Nicht so schlimm, wie ich befürchtet habe«, meinte er. »Ehrlich gesagt habe ich mit mehr gerechnet.«

»Selbstverständlich sprechen wir von der Anzahlung«, wies ihn Frau Trude auf ein Detail hin, das er nicht bedacht hatte.

»Und summa summarum? Wie viel kostet uns der Spaß?«

»Das Doppelte. Der Kostenvoranschlag beläuft sich auf 40 Thaler.« Frau Trude legte einige Leberwürste in das siedende Wasser und goss Öl in eine gusseiserne Pfanne, in der sie Blut- und Bratwürste zubereitete. »Was ist, Wolf? Hat es dir die Sprache verschlagen?«

Das hatte es tatsächlich. »40 Thaler?« Seine Stimme klang heiser. »40 Thaler für ein bisschen Holz? Ich meine, der Vorbau soll ja nicht aus Marmor gemeißelt werden.«

»Lärchenholz«, konkretisierte Frau Trude. »Das ist nun einmal teuer, dafür hält es ewig. Und bedenke: Es muss erst von den Sieben Bergen herbeigeschafft werden. Willst du dich auf beste Qualität verlassen oder dich mit irgendeinem billigen Fichtengerüst zufriedengeben, das zusammenkracht, sobald diese Katze auftaucht und einen Fuß darauf setzt?«

»Na, meinetwegen.« Wolf gab sich geschlagen. Er kramte in seinem Rucksack nach dem Geldbeutel. »Das heißt, du bekommst von mir fürs Erste zehn Thaler.«

»Was sagst du?« Frau Trude hatte ihn nicht verstanden. Die ersten Würste prasselten lautstark in der Pfanne.

Wolf stieg ein betörender Duft in die Nase. Sofort lief ihm das Wasser im Maul zusammen.

»Zehn Thaler bekommst du von mir«, wiederholte er lauter. »Die Hälfte der Anzahlung.«

Frau Trude wischte sich ihre Hände an der himmelblauen Schürze ab, von der sie mehrere Exemplare besaß und die sie Tag für Tag, gleich einer Uniform, bei der Arbeit trug.

»Genau«, bestätigte sie. »Zehn Thaler für die Terrasse. Und 50 Prozent der Kosten für den Innenausbau.«

Wolf wagte nicht, nach dem Preis zu fragen. Er sah sie nur an.

»25 Thaler«, klärte sie ihn auf.

»Was?«, rief er. »Das kann doch nicht …«

»Mach kein Theater! So ein Backofen kostet eben, ganz zu schweigen von den Möbeln aus Eichenholz. Und die runde Theke war eine Spezialanfertigung. Dafür bringen wir an ihr doppelt so viele Leute unter wie an der alten. Die Investition wird sich lohnen.«

Murrend zählte Wolf 35 Thaler auf den Küchentisch. Das waren die durchschnittlichen Einnahmen von vier Monaten aus dem Verkauf des Gute-Laune-Krauts, und zwar bevor die Steuerbehörde ihre Hand aufhielt.

Seine Bestürzung ließ Frau Trude kalt. Ungerührt schnitt sie einen Laib Brot auf. »Sei nicht verzagt, Wolf«, sagte sie. »Unsere Ausgaben haben wir in Nullkommanix herinnen. Ach ja, das hätte ich beinahe vergessen: Ich musste frisches Fleisch, Knochen, Innereien und Gedärm beim Bauern, dem das Wohl seiner Tiere am Herzen liegt, einkaufen.«

Wolf, der den Geldbeutel zurück in den Rucksack gesteckt hatte, zog ihn wieder heraus. »Sag schon«, grunzte er, »was kostet mich der Spaß?«

»Einen Thaler und 16 Groschen. Aus dem Fleisch erzeuge ich in etwa 200 Würste. Nur, damit du Bescheid weißt.«

Wolf rang nach Luft.

»Fall mir nicht um! Das sind die Gesamtkosten. Dein Anteil beträgt demnach 20 Groschen. Meinen Arbeitseinsatz berechne ich dir ohnehin nicht. Also kriege ich von dir alles in allem …« Frau Trude hob ihren Kopf, schloss die Augen und bewegte lautlos ihre Lippen. »35 Thaler und 20 Groschen. Somit bleiben nach Fertigstellung der Terrasse für dich lediglich zehn Thaler zu bezahlen.«

»Lediglich …« Wolf verzog den Mund. »Aber ein Thaler und 16 Groschen ist ganz schön happig für 200 Würste.«

»Keineswegs. Das Fleisch, das der Bauer, dem das Wohl seiner Tiere am Herzen liegt, liefert, ist das beste im ganzen Königreich. Er füttert seine Schweine mit frischem Gemüse, Getreide aus eigenem Anbau, Kleie, Leinsamen sowie selbstgesammelten Eicheln und Käfern. Außerdem erlaubt er den Tieren, nach Lust und Laune im Freien herumzutollen, bis sie vor Erschöpfung tot umfallen. Dir schmecken sie doch, die Würste, oder? Vor allem die Blutwürste. Kalt sind sie am besten, hab ich recht?«

Grinsend griff sie nach einer Blutwurst und warf sie Wolf in einem hohen Bogen zu. Ganz automatisch sprang er in die Luft und fing sie im Flug. Ehe er gelandet war, hatte er sie bereits verschlungen.

»Krieg ich noch eine?«, bettelte er, während er schwanzwedelnd um Frau Trude herumtrippelte.

»Aber nur eine«, antwortete sie mit gespielter Strenge. »Sonst bleibt für unsere Gäste nichts übrig.«

Diesmal wartete Wolf nicht, bis sie ihm die Wurst zuwarf. Er riss sie ihr aus der Hand.

»Jetzt zu etwas Erfreulichem«, kam Frau Trude auf einen anderen Punkt zu sprechen. »Lassen wir die Ausgaben hinter uns und widmen wir uns den Einnahmen. Folgenden Termin trägst du dir am besten gleich in deinen Kalender ein: Am 2. Juni, das ist ein Montag, findet bei uns die erste Jahresversammlung der Vereinigung aufrechter Knechte und unbeugsamer Mägde statt.«

Wolf blickte sie ratlos an. »Vereinigung aufrechter Knechte? Ich wusste nicht, dass es so etwas gibt.«

»Sie wurde vor Kurzem ins Leben gerufen. Wir erwarten an die 70 Personen, die aus ganz Siebenbergen anreisen werden. Obwohl am selben Tag der König heiratet und alle Gaststätten gesperrt halten, da sie ihre Vorräte für das Festbankett im Schloss zur Verfügung stellen müssen, ist es mir gelungen, vom zuständigen Amtmann eine Ausnahmegenehmigung zu erhalten, damit wir unsere Gäste verköstigen können.«

»Du meinst, alle Knechte und Mägde des Landes kommen bei uns zusammen?« Wolf war beeindruckt.

»Schön wär’s. Nein, natürlich nicht alle. Die würden wir kaum unterbringen. Es werden nur jene da sein, die sich zusammengeschlossen haben, um gemeinsam für bessere Arbeitsbedingungen und höhere Löhne einzutreten, und die bereit sind, wenn notwendig, dafür Maßnahmen zu ergreifen. Das ist doch ganz nach deinem Geschmack, stimmt’s?«

Wolf war sich nicht sicher. »Maßnahmen? Welcher Art?«, forderte er Details ein.

»Keine Ahnung. Vielleicht drohen sie ihrer Herrschaft, die Arbeit niederzulegen oder etwas in der Art. Aber das geht mich nichts an.«

Ein unangenehmer Gedanke ergriff von Wolf Besitz. »Vielleicht geht es uns doch etwas an«, befürchtete er. »Was, wenn sie unseren Schankburschen auf dumme Ideen bringen? Was, wenn er ebenfalls mehr Geld verlangt? Vielleicht sind ihm der eine Thaler pro Woche sowie freie Kost und Logis im Mansardenzimmer nicht genug.«

»Na, das schau ich mir an!« Frau Trude schnappte ein Messer und hob es drohend in die Luft. »Wenn er es wagt aufzubegehren, ist er um einen Kopf kürzer«, schmunzelte sie. »Lass dir keine grauen Haare wachsen. Bei uns fühlt sich der Kerl wohl wie die Made im Speck. Ich bezahle ihm im Jahr fast das Doppelte von dem, was er früher im Laufe seiner ganzen Dienstzeit in der Waldschenke verdient hat.«

»Dort hat er auch nur sechs Monate gearbeitet.«

Frau Trude ließ das nicht gelten. »Er ist besser untergebracht als ich in meiner schäbigen Holzhütte und darf Würste essen, so viele er will. Davon können andere Bedienstete nur träumen. Sollte er rebellieren, werde ich ihm die Flausen rasch austreiben. Wo steckt er eigentlich, der Lümmel? Er müsste längst hier sein.«

Wolf blickte aus dem Fenster. Eine beachtliche Menschentraube hatte sich vor der Gastwirtschaft angesammelt und wartete auf Einlass.

»Ich sehe ihn«, sagte er. »Er steht draußen und unterhält sich mit den Gästen. Ich denke, es ist Zeit für die große Wiedereröffnung.«

»Na dann …« Frau Trude klatschte dreimal in die Hände. »Auf in den Kampf! Öffne die Tore und gewähre den Hungernden Einlass!«

Im heiratsfähigen Alter

Um die 40 Gäste waren im Laufe des Abends ins Tischchen gekommen. Ihr Appetit hatte Frau Trude und Wolf Einnahmen in der Höhe von drei Thalern und acht Groschen beschert. Ein respektables Ergebnis für einen Montag, an dem das Geschäft für gewöhnlich flau war.

Setzte sich der Kundenzustrom in dieser Weise fort, würden sich die Kosten für den Umbau in ein bis zwei Monaten amortisieren.

Punkto Investition und Rentabilität konnte Wolf von seiner Geschäftspartnerin einiges lernen, musste er zugeben. Jetzt begriff er, dass übermäßige Risikovermeidung einen Unternehmer keine großen Sprünge machen ließ. Wollte man erfolgreich sein, galt es, bei geschäftsfördernden Maßnahmen nicht zu knausern.

»Alles, was man ausgibt«, pflegte Frau Trude zu sagen, »kommt mit etwas Geschick zigfach herein.«

Wolf steckte voller Tatendrang. Wie schon an den Tagen davor schenkte er dem schmutzigen Geschirr auf dem Küchentisch keine Beachtung. Rasch verspeiste er im Stehen zwei der drei Blutwürste, die er aus dem Tischchen mitgebracht hatte, natürlich ohne sie vorher zu braten, und ging danach ohne weiteren Aufschub ans Werk. Genauer gesagt, ging er mit zwei Beuteln voller Gute-Laune-Kraut-Samen hinter das Knusperhäuschen, um sie im Kräutergarten auszusäen.

Zum ersten Mal in diesem Jahr herrschten bereits am Morgen milde Temperaturen. Das Wetter war perfekt, um den Grundstein für eine üppige Ernte zu legen. Vor Wochen hatte er seine Anbaufläche deutlich vergrößert. Etwa einen Viertelmorgen, hatte er vorgehabt, dem Wald mittels Brandrodung abzuringen. Doch aufgrund des plötzlich auffrischenden Nordwinds waren die Flammen weiter vorangetrieben worden als geplant. Somit stand ihm insgesamt ein Areal von einem knappen Morgen zur Verfügung, viel mehr, als er mit der vorhandenen Menge an Saatgut bebauen konnte.

Dennoch war er mit bloßen Pfoten darangegangen, die ganze Fläche umzuackern, schon in Hinblick auf das nächste Jahr. Eine entsetzliche Schinderei war das gewesen, die ihm noch Tage danach schmerzende Glieder beschert hatte.

Erstmals, seit er in das Geschäft mit dem Gute-Laune-Kraut eingestiegen war, baute er zwei unterschiedliche Sorten an, die Weiße Witwe, mit der er seit Jahren seinen Lebensunterhalt erwirtschaftete, und, ganz neu im Programm, das Licht des Nordens, eine Züchtung des Hexenmeisters.

Im Abstand von jeweils einer Elle drückte Wolf die Samen in den aufgelockerten Boden. Gewissenhaft verschloss er jedes einzelne Loch, damit ihn keine räuberischen Krähen um den Lohn seiner Arbeit brachten.

Schon bald brannte die Sonne auf sein Fell und gab ihm einen Vorgeschmack auf die Hitze des Sommers. Dann und wann, wenn sein Hecheln so laut wurde, dass es den Gesang der Vögel übertönte, legte er eine Pause ein, um Wasser aus dem Brunnen zu schöpfen und seinen Durst zu stillen.

Alles sei in Ordnung, hatte er auf Katzes Frage nach seinem Befinden geantwortet. Es gehe ihm gut ganz allein im Knusperhäuschen.

Offen gesagt, stimmte das nur zum Teil. Ja, Wolf war tatsächlich ein Einzelgänger, der niemanden in seiner Nähe brauchte. Diesbezüglich hatte er nicht gelogen, doch wäre Aschenputtel hier gewesen, wäre ihm die Arbeit leichter von der Hand gegangen. Genaugenommen hätte sie die Plackerei erledigt, während er ihr von einem schattigen Plätzchen aus motivierend zur Seite gestanden wäre.

Aber Aschenputtel war nicht hier. Niemand war mehr da, von Läuschen und Flöhchen abgesehen. Mit Hahn hatte die Abwanderung begonnen. Er verließ DRACHENFLUG unmittelbar nach dem Konzert am Stadtplatz, ihrem erfolgreichsten, um sich seiner eigenen, höchst persönlichen Karriere zu widmen. Eine Weile überlegten Esel, Hund und Katze, ihr musikalisches Schaffen als Trio weiterzuführen, doch bald wurde ihnen klar, dass sie ohne Hahns Kreativität und seine einzigartige Stimme nicht in der Lage waren, ihr ohnehin bescheidenes Niveau zu halten.

Katze war die Erste, die die Aussichtslosigkeit des Unterfangens erkannte. Von einem Tag auf den anderen packte sie ihr Hab und Gut und zog zu Meister in dessen Stadtwohnung. Esel und Hund, die letzten Verbliebenen des ehemaligen Quartetts, zögerten eine Weile, dem gut geheizten Haus und einem reichlich gedeckten Tisch den Rücken zu kehren. Schließlich fassten sie den Entschluss, ihr Glück als Duo zu versuchen. Sie gaben sich den klingenden Namen Esel und Hund und brachen auf, um fortan als Spielleute durch die Lande zu tingeln. Seit damals hatte Wolf nichts von ihnen gehört.

Und dann, keine zwei Wochen später, im tiefsten Winter, verließ ihn Aschenputtel. Das kam nicht überraschend. Zwischen ihr und Wolf hatte es nie so richtig klappen wollen. Ja, im Haushalt war sie eine unverzichtbare Hilfe gewesen, fleißig und geschickt, doch der Romanze, die sich zwischen ihnen entwickelt hatte, kam bald die Leidenschaft abhanden. Sie war die Flaute, nicht der Sturm. Sie war die Ebbe und nicht die Flut. Lange verloren sie kein Wort darüber, verdrängten, was nicht zu ändern war, aus Angst, ihr Scheitern eingestehen zu müssen.

Immer häufiger stritten sie, oft wegen Kleinigkeiten, weil Wolf wieder einmal mit schmutzigen Pfoten ins Haus gelaufen kam, kurz nachdem Aschenputtel den Boden geschrubbt hatte, oder weil er die Rehschulter ganz alleine aß und ihr nur das Wurzelgemüse blieb. Und wenn einmal dicke Luft zwischen ihnen herrschte, dann ließ sich diese über Tage nicht bereinigen.

»Es ist besser, wir ziehen einen Schlussstrich«, verkündete Aschenputtel eines Morgens, als sie Wolf das Frühstück ans Bett servierte. Tränen standen in ihren Augen. »Sieh es ein, die Liebe ist erloschen.«

Er nickte betrübt und machte sich über den Schinken her, den sie mit Speck ummantelt und kurz angebraten hatte. Als er endlich aus den Federn kroch, war sie mit Sack und Pack abgereist. Nur ihr Maultier hatte sie zurückgelassen, das Maultier, das hinter dem Knusperhäuschen stand und sich seit Aschenputtels Auszug beharrlich weigerte, auch nur einen Schritt zu tun.

Aschenputtel fehlte Wolf, das wollte er nicht leugnen. Nicht als Konkubine, er vermisste sie als Köchin und Dienstmagd. Und es ärgerte ihn maßlos, dass sie jetzt für den König arbeitete. Meister hatte seine Kontakte spielen lassen und ihr eine Anstellung in der Schlossküche verschafft.

Die Sonne stand bereits im Zenit, als Wolf das letzte Samenkorn in die Erde steckte. In aller Eile pumpte er Wasser aus dem Brunnen und leitete es in die Bewässerungsrinnen, die er kreuz und quer durch das Feld gegraben hatte. Das war‘s. Nun musste er geduldig sein, dann und wann nach dem Rechten sehen, die Entwicklung des Gute-Laune-Krauts überwachen und es gegebenenfalls düngen, bevor er im Herbst die Ernte einfahren konnte.

Er streckte seinen steifen Rücken und lief zurück vor das Knusperhäuschen. Zu seiner Überraschung saß dort ein Mann auf dem Boden und blockierte die Haustür. Er hatte seine Ellbogen auf die Oberschenkel gestützt, sein Kinn in die Hände gebettet und starrte ins Leere. Wolf kannte ihn nicht und er empfand keine große Lust, daran etwas zu ändern. Es zog ihn ins Tischchen, wo er die Drei Riesen bei der Errichtung der Terrasse beaufsichtigen wollte.

»Ähm«, räusperte er sich, da ihn der Fremde nicht bemerkte. »Kann ich etwas für dich tun?«

Sofort sprang der Mann auf, klopfte sich den Staub aus dem Hosenboden und zupfte seine Jacke zurecht. »Oh, edler Herr«, begann er, »gut, dass du kommst. Ich bin auf der Suche nach einem gewissen Herrn Wolf. Er soll hier zu Hause sein, wurde mir gesagt. Kennst du ihn zufällig?«

»Zufällig ja«, bestätigte Wolf.

»Sehr gut. Kannst du mir mitteilen, wann ich mit seiner Rückkehr rechnen darf? Er scheint nicht da zu sein. Ich bin einen weiten Weg gewandert, um ihn zu sprechen.«

Wolf fixierte den Mann mit Argwohn. Wollte ihn der Fremde zum Narren halten?

»Oho! Ich denke, das kann lustig werden«, freute sich Flöhchen. »Los, Wolf, halte ihn ein bisschen hin, bis er von selbst draufkommt.«

»Die Zeit habe ich nicht«, entgegnete Wolf.

»Um mir zu sagen, wann Herr Wolf erscheinen wird?«, fragte der Mann.

Seufzend schüttelte Wolf den Kopf. »Nein, ich spreche nicht mit dir, sondern mit … Ach, vergiss es, das würde zu weit führen. Ich bin derjenige, den du suchst. Was willst du von mir? Möchtest du Gute-Laune-Kraut kaufen?«

»Du bist Herr Wolf?« Der Fremde zeigte sich erstaunt. »In meiner Vorstellung sah ich dich anders … größer … und kräftiger mit dichterem Fell.« Er dachte einen Moment lang nach. »Nein«, kam er auf Wolfs Frage zurück, »kein Gute-Laune-Kraut. Sein Rauch macht glücklich und ich habe keinen Grund, vergnügt zu sein.«

»Also, was ist dein Begehr?«, drängte Wolf.

»Ich erbitte deinen Beistand, oh, hochlöblicher Herr Wolf.«

»In welcher Angelegenheit?«

Der Mann holte tief Luft. »Das ist eine lange Geschichte.«

»Kürze sie auf das Notwendigste. Man erwartet mich in meiner Gastwirtschaft.«

»Ja, natürlich. Nichts ist mir unangenehmer, als deine Zeit über Gebühr in Anspruch zu nehmen. Und doch muss ich es tun. Aus reiner Verzweiflung, verstehst du?«

»Offen gestanden: nein.«

»So will ich es dir erklären. Vermutlich bist du der Einzige, der mir helfen kann.«

Wolf war höflich genug, seinen Besucher ins Haus zu bitten. »Nimm Platz und komm auf den Punkt, während ich das Geschirr abwasche.«

Der Fremde ließ das nicht zu. »Ich bitte dich, erhabener Wolf, halte dich nicht mit derart minderen Tätigkeiten auf! Das entspricht nicht deinem Stand. Ich werde die Arbeit erledigen. Das, hochwohlgeborener Herr Wolf, ist das Mindeste, das ich tun kann, wenn ich schon so unverfroren deinen Tagesablauf durcheinanderbringe.«

»Wenn das so ist …« Wolf überließ seinem Besucher das Feld und setzte sich an den Küchentisch. »Dann leg los! Ich bin ganz Ohr.«

Eifrig sammelte der Mann Teller und Gläser der letzten sechs Mahlzeiten zusammen und verfrachtete sie in die Abwasch. Nachdem er Wasser über das Geschirr gegossen hatte, begann er es mit einem Schwamm gründlich zu schrubben.

»Ich bin ein Schuhmacher«, fing er mit seiner Erzählung an, »lebe weit von der Stadt entfernt in einem Landstrich, wo das Wohnen noch einigermaßen leistbar ist.«

»Mhm.« So unauffällig wie möglich schielte Wolf zur Kuckucksuhr, deren Kuckuck bereits vor langer Zeit verstummt war und seither, ohne einen Ton von sich zu geben, im Halbstundentakt aus seinem Häuschen schnellte.

»Nun, vielleicht ist dir zu Ohren gekommen, dass in Siebenbergen ein Edelmann Mädchen und junge Frauen verschwinden lässt.«

»Ich nehme an, du meinst den Unhold, der seine Opfer aus ihren Häusern entführt, wobei er vorgibt, mit ihnen in den Bund der Ehe eintreten zu wollen.«

»Opfer? Entführt?« Der Schuhmacher war mit Wolfs Wortwahl nicht einverstanden. »Denkst du, er will den Mädchen etwas Böses antun? Der Wunsch, sie zu heiraten, sei nur vorgegaukelt?«

»Was glaubst du denn?«

»Tja, aus heutiger Sicht könnte es sein, dass du recht hast.« Zerknirscht senkte der Schuhmacher den Kopf.

»Bist du ein Opfer dieses Heiratsschwindlers? Hat er deine Tochter mitgenommen?«

Ein schwaches Nicken kam als Antwort. »Es war im letzten Oktober, oh, Hochlöblicher, da traf es meine Älteste. Der vornehme Herr stand eines Tages vor meiner Türe, ein Graf vielleicht oder ein Herzog. Alleine seine aufrechte Haltung verriet mir seine herrschaftliche Abstammung.« Schwer atmend setzte der Schuhmacher eine Pause, die seinen Kummer verdeutlichen sollte.

»Im Oktober? Und seit damals bist du auf der Suche nach deiner Tochter?«

Die Frage war dem Schuhmacher unangenehm. Gepeinigt verzog er den Mund. »Nicht direkt auf der Suche …«

»Sondern?«, hakte Wolf nach.

»Oh, hochwohlgeborener Herr Wolf, zuerst hatte ich keinen Grund, an der Aufrichtigkeit des Freiers zu zweifeln. Ich freute mich für mein Kind. Ich meine, welcher Vater möchte seine Tochter nicht bestens versorgt an der Seite eines reichen Mannes wissen? Es hatte den Anschein, als meinte es die Vorsehung gut mit ihr. Zwar erhielt ich keine Einladung zur Hochzeit, was mich traurig stimmte, doch ich vermutete, dem Herrn Grafen lag nichts daran, seine honorigen Gäste mit der Anwesenheit eines Handwerkers zu brüskieren. Tja, das dachte ich …«

»Frag ihn, wann sein Umdenken begonnen hat!«, forderte Flöhchen Wolf auf. »Los, frag ihn!«

»Wann hat dein Umdenken begonnen?«, erkundigte sich Wolf.

»Nun, rühmlicher Herr Wolf, es waren einige Wochen ins Land gezogen, da beehrte mich der hohe Herr um die Weihnachtszeit ein weiteres Mal.«

»Ich wusste es«, bemerkte Flöhchen zufrieden. »Jetzt nimmt die Handlung Fahrt auf. Wetten?«

Wolf beobachtete den Schuhmacher, der das schmutzige Wasser aus der Abwasch laufen ließ und das Geschirr mit frischem nachspülte. »Er kam ein zweites Mal? Was wollte er diesmal?«

»Meine zweite Tochter.«

Nur kurz verschlug es Wolf die Sprache. »Ha!«, brach es aus ihm heraus. »Die Frechheit muss man haben! Nun, ich nehme an, du hast ihm den Wunsch mit Nachdruck verwehrt und dich erkundigt, was aus ihrer Schwester geworden ist.«

»Ja … Nein. Ich meine …«

»Was meinst du?«

»Es stand mir nicht zu, einen hohen Herrn mit belanglosen Fragen zu inkommodieren. Als einfacher Schuhmacher weiß ich, wo mein Platz ist.«

Wolf stierte ihn an. »Aber was hast du getan?«

»Ich gab sie ihm.«

Flöhchen brach in Gelächter aus. »Er gab sie ihm«, prustete es.

»Sei doch nicht so gemein!«, mischte sich Läuschen ein. »Der arme Mann.«

»Du gabst ihm was?«, bohrte Wolf nach, da er das, was er glaubte, nicht glauben wollte.

»Meine zweite Tochter«, bestätigte der Schuhmacher Wolfs Verdacht. »Entschuldigung, wo finde ich ein Geschirrtuch?«

»Direkt neben dir. Es hängt auf dem Haken. Lass mich zusammenfassen: Du hast dem Entführer nach deiner ersten Tochter auch die zweite übergeben?«

Der Schuhmacher drehte sich zu ihm um. Tränen füllten seine Augen. »An eine Entführung dachte ich zu diesem Zeitpunkt nicht. Ich glaubte, meine Älteste hätte seinen Erwartungen nicht entsprochen. Immerhin war sie … hm … eben die älteste. Vielleicht hatte es zwischen den beiden nicht gefunkt. Vielleicht konnte sie ihm nicht geben, was er von ihr erhofft hatte. Das kommt in den besten Familien vor.«

»Ja, schon, aber hätte der edle Herr sie in diesem Fall nicht zurückbringen, sie quasi gegen die jüngere Tochter austauschen müssen? Das wäre nur höflich gewesen.«

»Jetzt, nach reiflicher Überlegung, muss ich dir zustimmen, doch damals, oh, erlauchter Herr Wolf, war ich einfach glücklich, meine zweite Tochter unter die Haube zu bringen. Ich redete mir ein, der ersten würde es gut gehen, sie habe in der Ferne einen anderen Ehegatten gefunden oder eine Stelle als Magd angenommen.«

»Aha. Und wann ist dir klar geworden, dass dieser ominöse Freier bei deiner zweiten Tochter ebenfalls sein Eheversprechen gebrochen hat? Das hat er doch, oder?«

»Als er mir zum dritten Male seine Aufwartung machte.« Der Schuhmacher unterbrach seine Ausführungen, um das getrocknete Geschirr in den Küchenschrank zu räumen.

»Also wieder keine Einladung zur Hochzeit?«, schlussfolgerte Wolf. »Weshalb kehrte er zurück?«

»Um meine Jüngste mitzunehmen.«

»Nein!«

»Doch.«

Flöhchens schallendes Gelächter klingelte in Wolfs Ohr.

»Da hat er sich vermutlich getäuscht«, spekulierte Wolf. »Du hast ihn dir ordentlich zur Brust genommen, ihm gezeigt, wo der Hammer hängt, wo der Bartl den Most herholt, was auch immer.«

»Na ja …«

Wolf geriet in Rage. »Erzähl mir jetzt bloß nicht, du hättest …«