Otherland Teil 1 / Stadt der goldenen Schatten - Tad Williams - E-Book

Otherland Teil 1 / Stadt der goldenen Schatten E-Book

Tad Williams

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Beschreibung

Eine Gruppe mächtiger Männer, die sich Gralsbruderschaft nennt, hat mit enormen Geldmitteln das Simulationsnetzwerk »Otherland« entwickelt. Es ist mehr als nur die Spielwiese einiger Exzentriker: Von langer Hand vorbereitet soll es das gigantische Kontrollsystem werden, das die gesamte Menschheit beherrscht. Nur wenige haben eine Ahnung davon, welche Ausmaße das Netz bereits angenommen hat. Nur wenige erkennen die tödliche Gefahr. Angelockt von der Vision einer strahlenden, einer goldenen Stadt, versammeln sich neun Menschen in der VR, um sich dem Bösen entgegen zu stellen und seine Pläne zunichte zu machen. Im November 2004 hat Tad Williams für »Otherland« den Corine-Future Preis erhalten.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 1529




Tad Williams

Otherland

Band 1Stadt der goldenen Schatten

Aus dem Englischen übersetztvon Hans-Ulrich Möhring

Impressum

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Speicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Hobbit Presse

www. hobbitpresse.de

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »Otherland«

bei Daw Books, Inc. New York

© 1996 Tad Williams

Für die deutsche Ausgabe

© J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, gegr. 1659,

Stuttgart 1998

Schutzumschlag: Dietrich Ebert, Reutlingen

Datenkonvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

Printausgabe: ISBN 978-3-608-93421-2

E-Book: ISBN 978-3-608-10126-3

Dieses E-Book basiert auf der aktuellen Auflage der Printausgabe.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Dieses Buch ist meinem Vater Joseph Hill Evans gewidmet, von Herzen.

Eigentlich liest Vater keine Romane, deshalb sollte ihm jemand Bescheid sagen, sonst wird er nie davon erfahren.

Vorbemerkung des Autors

Die Ureinwohner Südafrikas sind unter vielen Namen bekannt – als San, Basarwa, Remote Area Dwellers (im derzeitigen südafrikanischen Behördenjargon) und im allgemeineren Gebrauch als Buschleute oder Buschmänner.

Ich gebe gern zu, daß ich mir bei meiner Darstellung des Lebens und der Anschauungen der Buschleute in diesem Roman große Freiheiten erlaubt habe. Die Buschleute haben keine monolithische Überlieferung – jede Gegend und manchmal jede Großfamilie kann ihre eigenen fesselnden Mythen haben – und keine einheitliche Kultur. Ich habe Buschmanngedanken, -lieder und -geschichten vereinfacht und manchmal abgewandelt. Die Literatur stellt ihre eigenen Forderungen.

Aber die alten Traditionen der Buschleute sind am Aussterben. Eine meiner fragwürdigsten Entstellungen der Wahrheit könnte letzten Endes die schlichte Annahme sein, daß in der Mitte des einundzwanzigsten Jahrhunderts überhaupt noch jemand übrig sein wird, der das Jäger- und Sammlerleben im Busch weiterführt.

Aber bei allem Herumdoktern an der Wahrheit habe ich mich bei meiner Darstellung doch nach Kräften um innere Genauigkeit bemüht. Sollte ich jemanden beleidigt oder ausgenutzt haben, wäre ich gescheitert. Meine Absicht ist es in erster Linie, eine Geschichte zu erzählen, aber wenn die Geschichte zur Folge hätte, daß einige Leser mehr über die Buschleute und über eine Lebensweise erfahren, die keiner von uns achtlos vom Tisch wischen darf, so wäre ich darüber sehr glücklich.

Inhalt

Vorspann

Eins · Das Universum nebenan

1 Mister Jingos Lächeln

2 Der Flieger

3 Graues Leersignal

4 Das Leuchten

5 Ein Weltbrand

6 Niemandsland

7 Der gerissene Faden

8 Dread

9 Verrückte Schatten

Zwei · Der Traum des roten Königs

10 Dornen

11 Im Innern der Bestie

12 Hinter den Spiegeln

13 Elentochters Sohn

14 Die Stimme seines Herrn

15 Freunde hoch oben

16 Der tödliche Turm des Senbar-Flay

17 Besuch von Jeremiah

18 Rot und Weiß

19 Fragmente

20 Seth

21 Die Leiter hinauf

22 Gear

23 Der Einsiedlerkrebs

Drei · Anderswo

24 Unter zwei Monden

25 Hunger

26 Jäger und Gejagte

27 Die Braut des Morgensterns

28 Wiedersehen mit dem Onkel

29 Sarg aus Glas

30 In des Kaisers Garten

31 Lichtlose Räume

32 Der Tanz

Vier · Die Stadt

33 Der Traum eines anderen

34 Schmetterling und Kaiser

35 Der Herr von Temilún

36 Die singende Harfe

37 Johnnys Dreh

38 Ein neuer Tag

39 Blaues Feuer

Vorspann

> Im Schlamm fing es an, wie so vieles.

In einer normalen Welt wäre Frühstückszeit gewesen, aber in der Hölle wurde offenbar kein Frühstück serviert; das Bombardement, das vor Tagesanbruch losgegangen war, sah nicht danach aus, als wollte es nachlassen. Dem Gefreiten Jonas stand der Sinn ohnehin nicht nach Essen.

Bis auf die kurze Zeit des panischen Rückzugs über ein Stück schlammiger Erde, das wüst und verkratert war wie der Mond, hatte Paul Jonas diesen ganzen vierundzwanzigsten Tag des Monats März 1918 genauso zugebracht wie die drei Tage davor und wie den Großteil der letzten paar Monate – zitternd zusammengekauert im kalten, stinkenden Schleim irgendwo zwischen Ypern und St. Quentin, betäubt von dem schädelerschütternden Donner der schweren deutschen Geschütze, blindlings zu Irgend Etwas betend, woran er längst nicht mehr glaubte. Er hatte Finch und Mullet und den Rest der Einheit im Chaos des Rückzugs irgendwo verloren – hoffentlich, dachte er, hatten sie wohlbehalten einen anderen Teil der Gräben erreicht, aber es fiel schwer, sehr weit über das eigene Fleckchen Elend hinauszudenken. Die ganze Welt war naß und pappig. Die aufgerissene Erde, die skelettartigen Bäume und Paul selbst waren alle reichlich von dem Nieselschleier besprüht worden, der jedesmal langsam niederging, wenn wieder etliche hundert Pfund rotglühenden Metalls in einer Schar Menschen explodiert waren.

Roter Nebel, graue Erde, der Himmel fahl wie alte Knochen: Paul Jonas war in der Hölle – aber es war eine ganz besondere Hölle. Nicht alle darin waren schon tot.

Einer ihrer Bewohner etwa, stellte Paul fest, ließ sich weiß Gott Zeit mit dem Sterben. Dem Klang seiner Stimme nach zu urteilen konnte der Mann nicht weiter als zwei Dutzend Meter entfernt sein, aber er hätte genauso gut in Timbuktu sein können. Paul hatte keine Ahnung, wie der verwundete Soldat aussah – seinen Kopf aus eigenem Antrieb über den Rand des Schützengrabens zu heben, war nicht minder undenkbar, als aus eigener Willenskraft zu fliegen –, aber was er nur allzu gut kannte, war die Stimme des Mannes, die seit einer vollen Stunde fluchte, schluchzte und vor Schmerzen wimmerte und jede kleine Pause zwischen dem Kanonengebrüll ausfüllte.

Die übrigen Männer, die während des Rückzugs getroffen worden waren, hatten alle den Anstand besessen, rasch zu sterben oder wenigstens leise zu leiden. Pauls unsichtbarer Kamerad hatte nach seinem Feldwebel, nach seiner Mutter und nach Gott geschrien, und als keiner davon kam, hatte er einfach so weitergeschrien. Er schrie immer noch, ein schluchzendes, wortloses Heulen. Nachdem er ein gesichtsloser Landser wie Tausende anderer gewesen war, schien der Verwundete jetzt entschlossen zu sein, jedermann an der Westfront zum Zeugen seines Sterbens zu machen.

Paul haßte ihn.

Das schreckliche Krachen der Einschläge verstummte. Ein göttlicher Moment der Stille trat ein, bis der Verwundete wieder anfing zu kreischen; er pfiff wie ein kochender Hummer.

»Hast du mal Feuer?«

Paul drehte sich um. Helle biergelbe Augen starrten neben ihm aus einer Schlammaske heraus. Die Erscheinung, auf Händen und Knien kauernd, hatte einen Feldmantel an, der so zerschlissen war, daß er aus Spinnweben zu bestehen schien.

»Was?«

»Hast du mal Feuer? Ein Streichholz?«

Die Normalität der Frage inmitten von so viel Irrealem überraschte Paul dermaßen, daß er nicht wußte, ob er richtig gehört hatte. Die Gestalt hob eine Hand hoch, nicht minder schlammig als das Gesicht, und hielt ihm ein schlankes weißes Röllchen vor die Nase, so strahlend sauber, als wäre es eben vom Mond gefallen.

»Hörst du schlecht, Mensch? Feuer?«

Paul langte in seine Tasche und fummelte mit tauben Fingern darin herum, bis er eine Schachtel Streichhölzer gefunden hatte, in verblüffend trockenem Zustand. Der verwundete Soldat fing an, noch lauter zu heulen, einen Steinwurf entfernt in der Wüste verloren.

Der Mann im abgerissenen Feldmantel ließ sich an die Wand des Grabens zurückkippen und schmiegte die Krümmung seines Rückens in den schützenden Schlamm, dann zerpflückte er die Zigarette behutsam in zwei Teile und gab einen davon Paul. Als er das Streichholz anzündete, neigte er lauschend den Kopf.

»Gütiger Himmel, schreit der da oben immer noch!« Er gab die Steichhölzer zurück und hielt die Flamme still, damit Paul seine Zigarette auch anzünden konnte. »Hätte der Fritz ihm doch richtig eine verpassen können, dann hätten wir wenigstens ein bißchen Frieden.«

Paul nickte. Schon das war eine Anstrengung.

Sein Gefährte reckte das Kinn hoch und ließ ein Rauchfähnchen entweichen, das sich um den Rand seines Helms ringelte und sich vor dem stumpfen Morgenhimmel in Luft auflöste. »Hast du je das Gefühl …?«

»Gefühl?«

»Daß es ein Irrtum ist.« Der Fremde bedeutete mit einer Kopfbewegung die Schützengräben, die deutschen Kanonen, die ganze Westfront. »Daß Gott auf und davon ist oder ein Nickerchen macht oder sonstwas. Hoffst du nicht auch manchmal, daß er eines Tages runterschaut und sieht, was hier los ist, und … und was dagegen unternimmt?«

Paul nickte, obwohl er sich die Sache noch nie so genau überlegt hatte. Aber er hatte die Leere des ewig grauen Himmels empfunden, und hin und wieder hatte er das merkwürdige Gefühl gehabt, aus weiter Ferne auf das Blut und den Schlamm hinunterzuschauen und die mörderischen Kampfhandlungen mit dem inneren Abstand eines Mannes zu betrachten, der vor einem Ameisenhaufen steht. Gott konnte nicht zuschauen, soviel war sicher; wenn doch, und wenn er die Dinge gesehen hatte, die Paul Jonas gesehen hatte – Männer, die tot waren, aber es noch nicht wußten, sondern hektisch versuchten, ihre hervorquellenden Eingeweide in ihre Feldjacken zurückzustopfen; geschwollene und fliegenbesudelte Leichen, die tagelang unbestattet wenige Meter von Freunden entfernt lagen, mit denen sie gesungen und gelacht hatten –, wenn er das alles gesehen hatte, ohne einzugreifen, dann mußte er verrückt sein.

Aber Paul hatte noch niemals auch nur einen Moment lang geglaubt, daß Gott die winzigen Kreaturen, die sich zu Tausenden auf einem zerbombten Schlammfeld abschlachteten, retten würde. Das war einfach zu märchenhaft. Bettelknaben heirateten keine Prinzessinnen; sie starben in verschneiten Straßen oder dunklen Gassen … oder in schlammigen Schützengräben in Frankreich, während der alte Papa Gott sich gründlich ausschlief.

Er raffte sich zu einer Frage auf. »Irgendwas gehört?«

Der Fremde zog inbrünstig an seiner Zigarette, ohne sich darum zu kümmern, daß die Glut an seinen schlammigen Fingern brannte, und seufzte. »Alles. Nichts. Das Übliche. Der Fritz bricht im Süden durch und wird schnurstracks bis Paris vorstoßen. Oder die Yanks sind jetzt dort, und wir werden sie aufrollen wie nichts und im Juni in Berlin einmarschieren. Die geflügelte Siegesgöttin von Samodingsbums ist am Himmel über Flandern erschienen, dabei hat sie ein Flammenschwert geschwenkt und den Hootchy-cootchy getanzt. Alles Scheiße.«

»Alles Scheiße«, pflichtete Paul bei. Er zog nochmal an seiner Zigarette und ließ sie dann in eine Pfütze fallen. Traurig sah er zu, wie schlammiges Wasser das Papier durchtränkte und die letzten Krümel Tabak darin schwammen. Wie viele Zigaretten würde er noch rauchen, bevor der Tod ihn traf? Ein Dutzend? Hundert? Oder war das vielleicht seine letzte? Er hob das Papier auf und zerknüllte es zwischen Finger und Daumen zu einem festen Kügelchen.

»Danke, Kamerad.« Der Fremde wälzte sich herum und kroch schon durch den Graben davon, als er noch etwas Seltsames über die Schulter rief. »Halt dich bedeckt. Überleg dir mal, wie du rauskommst. Wie du wirklich raus kommst.«

Paul erhob die Hand zum Abschiedsgruß, obwohl der Mann ihn gar nicht sehen konnte. Der verwundete Soldat oben brüllte schon wieder, wortlose grunzende Schreie, die sich anhörten, als ob etwas Unmenschliches in den Geburtswehen läge.

Unmittelbar darauf, wie aufgeweckt von einer dämonischen Anrufung, nahmen die Geschütze das Feuer wieder auf.

Paul biß die Zähne zusammen und versuchte sich die Ohren zuzuhalten, aber immer noch konnte er den Mann schreien hören; die krächzende Stimme war wie ein heißer Draht, der zum einen Ohr hinein und zum anderen hinaus ging und dabei hin und her sägte. Er hatte in den letzten zwei Tagen vielleicht drei Stunden Schlaf ergattert, und die rasch näherrückende Nacht würde bestimmt noch schlimmer werden. Warum waren keine Krankenträger losgelaufen, um den Verwundeten zu holen? Die Geschütze schwiegen seit mindestens einer Stunde.

Aber als er darüber nachdachte, ging Paul auf, daß er außer dem Mann, der ihn um Feuer gebeten hatte, niemanden gesehen hatte, seit sie alle heute morgen aus den vorderen Gräben geflohen waren. Er hatte angenommen, daß nur ein paar Biegungen weiter noch andere saßen, und der Mann mit der Zigarette schien das bestätigt zu haben, aber der Beschuß war so stetig gewesen, daß Paul nicht den Wunsch verspürt hatte, sich vom Fleck zu bewegen. Jetzt, wo seit einer Weile Ruhe herrschte, fragte er sich, wie es um den Rest der Einheit stand. Hatten sich Finch und die übrigen alle noch weiter zurückgezogen, in irgendwelche früher gebuddelten Löcher? Oder lagen sie bloß ein paar Meter weiter platt am Boden und waren von keinen zehn Pferden aufs offene Schlachtfeld zu bringen, auch nicht für einen Hilfseinsatz?

Er ließ sich auf die Knie fallen, schob den Helm nach hinten, damit er ihm nicht über die Augen rutschte, und kroch in westlicher Richtung los. Obwohl er sich weit unterhalb des Grabenrands hielt, empfand er seine Bewegung als provokativen Akt. In Erwartung eines furchtbaren Schlages von oben zog er die Schultern hoch, aber außer dem unablässigen Jammern des sterbenden Mannes kam nichts.

Zwanzig Meter und zwei Biegungen weiter stieß er auf eine Wand aus Schlamm.

Paul versuchte sich die Tränen wegzuwischen, aber rieb sich dabei nur Schmutz in die Augen. Eine letzte Explosion ertönte droben, und die Erde bebte im Einklang. Ein Klumpen Schlamm an einer der in den Graben ragenden Wurzeln erzitterte, fiel ab und wurde ein nicht zu unterscheidender Teil der allgemeinen Schlammigkeit des Bodens.

Er saß in der Falle. Das war die schlichte, schreckliche Wahrheit. Sofern er sich nicht oben aufs ungeschützte Gelände wagte, konnte er sich nur in seinem abgeschnittenen Stück Schützengraben zusammenkauern, bis ihn eine Granate traf. Er machte sich keine Illusionen, daß er lange genug durchhalten würde, um mit Verhungern rechnen zu müssen. Er machte sich überhaupt keine Illusionen. Er war so gut wie tot. Nie wieder würde er Mullet über die Rationen klagen hören oder den guten alten Finch dabei beobachten, wie er sich den Schnurrbart mit dem Taschenmesser stutzte. Solche Kleinigkeiten, so nichtig, und doch vermißte er sie schon so sehr, daß es weh tat.

Der Sterbende war immer noch dort draußen und heulte.

Dies ist die Hölle, drin bin ich, nicht draußen …

Wo war das her? Aus einem Gedicht? Der Bibel?

Er knipste sein Halfter auf und zog seine Webley, führte sie vor sein Auge. In dem schwindenden Licht wirkte das Loch im Lauf brunnentief, eine Leere, in die er hineinfallen konnte, um nie wieder herauszukommen, eine stille, dunkle, Ruhe spendende Leere …

Paul verzog den Mund zu einem trostlosen kleinen Lächeln, dann legte er vorsichtig den Revolver in seinen Schoß. Es wäre unpatriotisch, zweifellos. Lieber die Deutschen zwingen, ihre teuren Granaten an ihn zu verschwenden. Noch ein paar Arbeitsstunden mehr aus einem Fräulein mit frostblauen Armen an einem Fließband an der Ruhr herausschinden. Und überhaupt, Hoffnung gab es immer, oder?

Er fing abermals an zu weinen.

Oben unterbrach der Verwundete einen Augenblick sein Kreischen, um zu husten. Er hörte sich an wie ein Hund, der Prügel kriegte. Paul legte den Kopf nach hinten in den Schlamm und brüllte: »Halt’s Maul! Halt um Himmels willen das Maul!« Er holte tief Luft. »Halt endlich dein Maul und verreck, verdammt nochmal!«

Von der Tatsache, daß er Gesellschaft hatte, offenbar ermuntert, fing der Mann wieder zu schreien an.

Die Nacht schien ein Jahr oder noch länger zu dauern, Monate der Finsternis, große Blöcke aus unbeweglichem Schwarz. Die Geschütze knatterten und brüllten. Der sterbende Mann heulte. Paul zählte jeden einzelnen Gegenstand, an den er sich aus seinem Leben vor den Schützengräben erinnern konnte, dann fing er wieder von vorne an und zählte abermals. Bei einigen wußte er nur noch die Namen, aber nicht mehr, was die Namen eigentlich hießen. Manche Worte wirkten unglaublich fremd – »Liegestuhl« war eines, »Badewanne« ein anderes. »Garten« kam in mehreren Liedern im Gesangbuch des Kompaniepfarrers vor, aber Paul war sich ziemlich sicher, daß das auch etwas Wirkliches war, und so zählte er es mit.

»Überleg dir mal, wie du rauskommst«, hatte der gelbäugige Mann gesagt. »Wie du wirklich raus kommst.«

Die Geschütze schwiegen. Der Himmel war eine Idee fahler geworden, als ob jemand mit einem schmutzigen Lumpen drübergewischt hätte. Es war gerade so hell, daß Paul den Rand des Schützengrabens sehen konnte. Er kletterte hoch und rutschte so prompt ab, daß er über das Auf und Nieder lachen mußte. Wie du rauskommst. Er fand mit seinem Fuß eine dicke Wurzel und schwang sich auf den Rand der Feldschanze. Er hatte seine Waffe dabei. Er wollte den fortwährend schreienden Mann umbringen. Viel mehr wußte er nicht.

Irgendwo kam die Sonne hoch, obwohl Paul keine Ahnung hatte, wo genau das sein mochte: die entstehende Helligkeit war gering und über eine weite, matte Himmelsfläche verschmiert. Unter diesem Himmel war alles grau. Schlamm und Wasser. Er wußte, daß die flachen Stellen das Wasser waren, also mußte alles andere Schlamm sein, bis auf die hohen Dinger vielleicht. Ja, das waren Bäume, erinnerte er sich. Waren Bäume gewesen.

Paul stand auf und drehte sich langsam im Kreis. Die Welt ging in allen Richtungen nur wenige hundert Meter weit, bevor sie im Dunst endete. Er fühlte sich mitten in einem leeren Raum ausgesetzt, so als hätte er sich versehentlich auf eine Bühne verirrt und stände jetzt vor einem schweigenden, erwartungsvollen Publikum.

Doch er war nicht ganz allein. Irgendwo im Leeren stand ein einsamer Baum, eine krallende Hand mit einem verdrehten Stacheldrahtarmband. Etwas Dunkles hing in seinen entblößten Ästen. Paul zog den Revolver und stolperte darauf zu.

Eine menschliche Gestalt hing kopfunter im Baum wie eine weggeworfene Marionette, ein Bein in dem spitzen Winkel zwischen Ast und Stamm verklemmt. Alle ihre Gliedmaßen schienen gebrochen zu sein, und die Arme baumelten mit greifenden Fingern nach unten, als ob der Modder der Himmel wäre und sie zu fliegen gedächte. Die Vorderseite des Kopfes war eine zerfetzte, konturlose Masse, rot und schwarz verbrannt und grau, bis auf ein hell glotzendes gelbes Auge, irr und starr wie ein Vogelauge, das sein langsames Näherkommen beobachtete.

»Ich bin draußen«, sagte Paul. Er hob die Waffe, aber der Mann schrie gerade nicht.

Ein Loch ging in dem verwüsteten Gesicht auf. Es redete. »Endlich kommst du. Ich habe auf dich gewartet.«

Paul stierte. Der Revolvergriff war glitschig in seinen Fingern. Sein Arm zitterte vor Anstrengung, oben zu bleiben.

»Gewartet?«

»Gewartet. So lange gewartet.« Der Mund, leer bis auf ein paar rot eingelegte weiße Splitter, verzog sich zu einem umgekehrten Grinsen. »Hast du je das Gefühl …?«

Paul zuckte zusammen, als das Schreien wieder losging. Aber es konnte nicht der sterbende Mann sein – dies hier war der sterbende Mann. Demnach …

»Gefühl?« fragte er und blickte auf.

Die dunkle Form stürzte aus dem Himmel auf ihn zu, ein schwarzes Loch in der stumpfgrauen Luft; sie pfiff im Fallen. Der dumpfe Knall der Haubitze folgte einen Moment später, als ob die Zeit sich zurückgewandt und sich selbst in den Schwanz gebissen hätte.

»Daß es ein Irrtum ist«, sagte der hängende Mann.

Und dann schlug die Granate ein, und die Welt klappte zusammen: Kniff für Kniff wurde sie lichterloh brennend immer kleiner eingefaltet und dann an den Kanten plattgedrückt, bis alles verschwunden war.

> Nach Pauls Tod wurde alles noch komplizierter.

Er war natürlich tot, und er wußte es auch. Was hätte er sonst sein sollen? Er hatte das Haubitzengeschoß vom Himmel auf sich niedergehen sehen, einen flügellosen, augenlosen, atemberaubend modernen Todesengel, stromlinienförmig und unpersönlich wie ein Hai. Er hatte gespürt, wie ein Stoß durch die Welt ging und die Luft Feuer fing, wie der Sauerstoff aus seinen Lungen floh und diese in seiner Brust zu Kruste verkohlten. Es konnte keinen Zweifel geben, daß er tot war.

Aber warum tat ihm der Kopf weh?

Natürlich ließ sich in einem Leben nach dem Tode, in dem die Strafe für eine verpfuschte Existenz ein ewig hämmernder Kopfschmerz war, ein gewisser Sinn sehen. Ein Sinn der grauenhafteren Art.

Paul schlug die Augen auf und blinzelte vor Helligkeit.

Er saß aufrecht am Rand eines riesigen Kraters – eine unbedingt tödliche Wunde, tief in die schlammige Erde gebohrt. Das Gelände ringsherum war flach und leer. Es gab keine Schützengräben, oder falls doch, waren sie unter dem Auswurf der Explosion begraben; in allen Richtungen sah er nichts als aufgewühlten Schlamm bis zum umschließenden Horizont, wo die Erde selbst im grauschimmernden Dunst verschwamm.

Aber irgend etwas Festes war hinter ihm und gab ihm Halt, und das Druckgefühl im Kreuz und an den Schulterblättern ließ in ihm erste Zweifel aufkommen, ob er sich den Tod nicht zu früh eingebildet hatte. Als er den Kopf in den Nacken legte, um nachzuschauen, rutschte ihm sein Helm über die Augen, so daß er einen Moment lang wieder im Finstern saß, glitt dann weiter übers Gesicht und fiel ihm in den Schoß. Er starrte den Helm an. Der obere Teil war weitgehend weggesprengt; das zerrissene und verbogene Metall des Randes ähnelte nichts so sehr wie einer Dornenkrone.

Horrorgeschichten von bombardierten Soldaten fielen ihm ein, die ohne Kopf oder mit den eigenen Innereien in den Händen noch zwei Dutzend Meter gelaufen waren, ohne ihren Zustand zu begreifen, und ein heftiges Zittern ergriff Paul. Langsam, wie in einem grausigen Spiel mit sich selbst, befühlte er mit den Fingern das Gesicht, fuhr sich damit über Wangen und Schläfen, tastete nach der Schädeldecke in der Erwartung, nur noch Brei vorzufinden. Er fühlte Haare, Haut und Knochen … aber alles an seinem richtigen Platz. Keine Wunde. Als er sich die Hände vors Gesicht hielt, waren sie ebenso mit Blut beschmiert wie mit Schlamm, aber das Rot war schon trocken, alte Farbe, Pulver. Er ließ die lange angehaltene Luft hinaus.

Er war tot, aber sein Kopf tat weh. Er war am Leben, aber ein rotglühender Granatsplitter hatte seinen Helm durchschlitzt wie ein Messer eine Tortenglasur.

Paul blickte auf und sah den Baum, das kleine, skelettartige Ding, das ihn ins Niemandsland hinausgelockt hatte. Den Baum, in dem der sterbende Mann gehangen hatte.

Jetzt ragte er durch die Wolken.

Paul Jonas seufzte. Er war fünfmal um den Baum herumgegangen, und das Ding machte keinerlei Anstalten, weniger unmöglich zu werden.

Das zierliche, blattlose Bäumchen war so hoch gewachsen, daß seine Krone hinter den Wolken verborgen war, die bewegungslos am grauen Himmel hingen. Sein Stamm war so breit wie ein Burgturm aus dem Märchen, ein gewaltiger Zylinder aus rauher Rinde, der sich genauso weit nach unten wie nach oben zu erstrecken schien, denn er stieß ganz gerade in den Bombenkrater hinab und verschwand auf dem Grund in der Erde, ohne Wurzeln erkennen zu lassen.

Er war um den Baum herumgegangen und konnte sich keinen Reim darauf machen. Er war vom Baum weggegangen in der Hoffnung, einen Blickwinkel zu finden, aus dem er seine Höhe abschätzen konnte, aber das hatte seinem Verständnis auch nicht aufgeholfen. Ganz gleich, wie weit zurück er über die kahle Ebene stolperte, der Baum ragte weiterhin durch die Wolkendecke. Und ob er wollte oder nicht, er mußte stets zu dem Baum zurückkehren. Nicht nur, daß sich nirgends ein anderes Ziel bot, nein, die Welt selbst wirkte irgendwie gekrümmt, so daß er sich am Schluß immer wieder auf den monumentalen Stamm zubewegte, ob er nun diese oder jene Richtung einschlug.

Er setzte sich eine Zeitlang mit dem Rücken dagegen und versuchte zu schlafen. Der Schlaf wollte nicht kommen, aber er hielt seine Augen trotzdem hartnäckig geschlossen. Die Rätsel, die sich ihm stellten, paßten ihm nicht. Er war von einer explodierenden Granate getroffen worden. Der Krieg und alle daran Beteiligten schienen wie vom Erdboden verschluckt, dabei konnte man einen bewaffneten Konflikt von solchen Ausmaßen eigentlich nur schwer einfach so verschwinden lassen. Das Licht hatte sich nicht verändert, seit er hierhergekommen war, obwohl die Explosion nun schon Stunden her sein mußte. Und das einzige andere Ding auf der Welt war ein immenses, unmögliches Gewächs.

Er betete darum, wenn er die Augen wieder öffnete, möge er sich entweder in einem respektablen Jenseits befinden oder zurückversetzt sein in den gewohnten Jammer der Schützengräben mit Mullet und Finch und dem Rest der Einheit. Als er fertig gebetet hatte, wagte er noch nicht zu schauen, weil er Gott – oder Irgend Jemand – genug Zeit geben wollte, alles wieder in Ordnung zu bringen. Er saß da, bemühte sich, den Schmerz quer über seinen Hinterkopf zu ignorieren, und ließ die Stille in sich einsinken, während er darauf wartete, daß wieder normale Verhältnisse einkehrten. Schließlich öffnete er die Augen.

Dunst, Schlamm und der immense, verfluchte Baum. Nichts hatte sich verändert.

Paul seufzte tief und stand auf. Er hatte nicht viele Erinnerungen an sein Leben vor dem Krieg, und im Augenblick war selbst die unmittelbare Vergangenheit verdüstert, aber an eines erinnerte er sich jetzt, nämlich daß es eine Geschichte gegeben hatte, in der etwas Unmögliches geschah, und sobald klar war, daß das Unmögliche nicht daran dachte, sich als ungeschehen herauszustellen, blieb nur eines übrig: Das Unmögliche mußte als möglich behandelt werden.

Was macht man mit einem unausweichlichen Baum, der durch die Wolken in den Himmel wächst? Man steigt hinauf.

> Es war nicht so schwierig, wie er erwartet hatte. Zwar standen bis dicht unter den Wolkenbäuchen keine Äste vom Stamm ab, aber die schiere Riesigkeit des Baums half ihm; die Rinde war narbig und zerklüftet wie die Haut einer ungeheuren Schlange und bot Zehen und Händen hervorragend Halt. Einige der Höcker waren groß genug, um eine Sitzfläche zu bieten, so daß er relativ sicher und bequem verschnaufen konnte.

Trotzdem war es nicht einfach. Obwohl es an diesem zeitlosen, sonnenlosen Ort schwer zu sagen war, hatte er, als er den ersten Ast erreichte, das Gefühl, schon wenigstens einen halben Tag geklettert zu sein. Der ausladende und nach oben schwingende Ast war breit wie eine Landstraße, und wo auch er in den Wolken verschwand, erblickte Paul die ersten undeutlichen Umrisse von Blättern.

Er legte sich an der Abgabelung des Astes vom Stamm hin und versuchte zu schlafen, aber obwohl er sehr müde war, wollte der Schlaf noch immer nicht kommen. Als er sich ein wenig ausgeruht hatte, erhob er sich und kletterte weiter.

Nach einer Weile wurde die Luft kühler, und er spürte den feuchten Anhauch der Wolken. Der Himmel rings um den großen Baum wurde diesiger und verschleierte die Enden der Äste. Im fernen Laubwerk über Paul hingen riesige, schattenhafte Gebilde, aber er wußte nicht, was sie waren. Nach einer weiteren halben Stunde Klettern gaben sie sich als gigantische Äpfel zu erkennen, jeder so groß wie ein Sperrballon.

Beim Höhersteigen wurde der Nebel immer dichter, bis Paul von einer Phantomwelt aus Ästen und treibenden, zerrissenen Wolkenschwaden umgeben war, ganz als kraxelte er in der Takelage eines Geisterschiffs. Kein Laut außer dem Knirschen und Kratzen der Rinde unter seinen Füßen drang an seine Ohren. Brisen kühlten den dünnen Schweiß an seiner Stirn, aber keine blies stark genug, um die großen, flachen Blätter erzittern zu lassen.

Stille und Nebelfetzen. Der große Stamm und seine Umhüllung aus belaubten Ästen über und unter ihm, eine Welt für sich. Paul kletterte weiter.

Die Wolken wurden jetzt noch dichter, und er spürte, wie das Licht sich veränderte: Etwas Warmes brachte die Schwaden zum Glühen, wie eine Lampe hinter dicken Vorhängen. Er ruhte sich abermals aus und überlegte, wie lange er wohl fiele, wenn er neben den Ast treten würde, auf dem er saß. Er zupfte sich einen losen Knopf von der Hemdmanschette und ließ ihn fallen, sah zu, wie er durch die Luftströmungen hinabtrudelte, bis er lautlos unter ihm in den Wolken verschwand.

Später – er hatte keine Vorstellung, wie viel später – merkte er, daß es heller wurde, je höher er kam. Die graue Rinde zeigte erste Anzeichen anderer Farben, sandige Beige- und blasse Gelbtöne. Die Oberseiten der Äste wirkten abgeplattet durch das neue, grellere Licht, und der Dunst ringsherum gleißte und funkelte, als ob zwischen den einzelnen Tröpfchen winzige Regenbogen spielten.

Der Wolkendunst war hier so dicht, daß er Paul am Klettern hinderte: er schlang sich in triefenden Ranken um sein Gesicht, machte die Griff- und Trittstellen glitschig, beschwerte seine Sachen und zerrte tückisch an ihm, wenn er schwierige Handwechsel durchführte. Er dachte kurz daran aufzugeben, aber außer wieder nach unten konnte er nirgendwo hin. Lieber einen unangenehm raschen Absturz riskieren, als die langsamere Alternative wählen, die nur ins ewige Nichts auf der grauen Ebene dort unten führen konnte.

Wie dem auch sei, dachte Paul, wenn er schon tot war, konnte er nicht noch einmal sterben. Und wenn er am Leben war, dann war er Teil eines Märchens, und so früh am Anfang kam bestimmt niemand um.

Die Wolken wurden dichter; die letzten hundert Meter seines Aufstiegs hätte er durch modernden Musselin klettern können. Wegen des klammen Widerstands merkte er gar nicht, wie hell die Welt wurde, doch als er sich durch die letzten Wolken schob und blinzelnd den Kopf hob, befand er sich auf einmal unter einer blendenden, messingfarbenen Sonne und einem wolkenlosen, reinblauen Himmel.

Keine Wolken über ihm, aber Wolken überall sonst; die Oberseite der großen schaumigen Masse, durch die er soeben geklettert war, erstreckte sich vor ihm wie eine weiße Wiese, ein meilenweites buckliges Feld aus Wolkenwatte. Und in der Ferne, im strahlenden Sonnenlicht glänzend … ein Schloß.

Während Paul es anstarrte, schienen die hellen, schlanken Türme sich zu strecken und zu verzittern, wie durch das Wasser eines Bergsees gesehen. Dennoch war es offensichtlich ein Schloß, nicht bloß ein trügerisches Zusammenspiel von Wolken und Sonne; bunte Fahnen tanzten an den Spitzen der steilen Türmchen, und das mächtige Tor mit dem Fallgitter war ein grinsender Mund, durch den man ins Dunkle blickte.

Er lachte plötzlich abrupt, doch seine Augen füllten sich mit Tränen. Es war schön. Es war furchterregend. Nach der großen grauen Leere und der Halbwelt der Wolken war es zu leuchtend, zu stark, beinahe zu real.

Und doch war er genau darauf zugeklettert: Es rief ihn so deutlich, als ob es eine Stimme hätte – so wie die düstere Ahnung eines auf ihn wartenden unausweichlichen Etwas ihn getrieben hatte, den Baum zu erklimmen.

Es gab die ganz schwache Andeutung eines Pfades über das Zuckerwattefeld, einen stärkeren Strich Weiß, der vom Baum ausging und sich auf das ferne Schloßtor zuschlängelte. Er kletterte das letzte Stück, bis seine Füße auf gleicher Höhe mit der Wolkenfläche waren, zögerte einen Moment, um das heftige, schnelle Schlagen seines Herzens auszukosten, und trat dann vom Ast. Eine schreckliche Sekunde lang gab das Weiße nach, aber nur wenig. Er balancierte mit wedelnden Armen, bis er feststellte, daß es nicht schlimmer war, als auf einer Matratze zu stehen.

Er ging los.

Das Schloß wurde größer, je näher er kam. Wenn Paul noch irgendwelche Zweifel daran gehabt hätte, daß er in einer Geschichte und nicht an einem realen Ort war, hätte der immer klarer werdende Anblick seines Ziels sie vertrieben. Es war ganz deutlich etwas, das jemand erfunden hatte.

Sicher, es war real und recht solid – doch was hieß das schon für einen Mann, der über die Wolken ging? Aber es war real, real wie etwas, woran man lange geglaubt, aber was man nie gesehen hat. Es hatte die Form eines Schlosses – es war so sehr ein Schloß, wie es überhaupt nur möglich war –, aber es war so wenig eine mittelalterliche Feste, wie es ein Stuhl oder ein Glas Bier war. Es war die Idee eines Schlosses, erkannte Paul, so etwas wie ein platonisches Ideal, unbefleckt von den schmuddeligen Realitäten irgendwelcher Mauern und Gräben oder feudaler Kriege.

Platonisches Ideal? Er hatte keine Ahnung, wie er darauf gekommen war. Erinnerungen schwammen dicht unter der Oberfläche seines Bewußtseins, näher denn je, aber immer noch so seltsam unscharf wie die vieltürmige Vision dort vor ihm.

Er schritt unter der regungslosen Sonne dahin, während Wolkenfähnchen von seinen Fersen aufstoben wie Rauch.

Das Tor stand offen, sah aber nicht gerade einladend aus. Im Kontrast zu dem diffusen Gleißen der Türme war der Eingang tief, schwarz und leer. Paul blieb eine Zeitlang vor dem unheimlichen Loch stehen, denn das Blut raste in seinen Adern und seine Selbstschutzreflexe wollten ihn dazu drängen umzukehren, doch er wußte, daß er eintreten mußte. Obwohl er sich noch nackter fühlte als vorher unter dem Granatenhagel, mit dem der ganze irrsinnige Traum angefangen hatte, holte er schließlich tief Luft und schritt hindurch.

Das mächtige steinerne Gelaß hinter dem Tor war eigentümlich kahl, der einzige Schmuck ein einzelnes großes Banner, Rot mit Schwarz und Gold bestickt, das an der gegenüberliegenden Wand hing. Darauf war eine Vase oder ein Kelch abgebildet, woraus zwei verschlungene Rosen wuchsen, und über den Blumen eine Krone. Unter dem Bild stand die Inschrift »Ad Aeternum«.

Als er darauf zutrat, um es genauer zu betrachten, hallten seine Schritte nach dem dämpfenden Wolkenteppich so laut durch den leeren Saal, daß er erschrak. Er nahm sicher an, jemand würde nachsehen kommen, wer eingetreten war, aber die Türen an beiden Enden des Saales blieben geschlossen, und kein anderer Laut gesellte sich zu dem ersterbenden Echo.

Es fiel schwer, das Banner lange anzuschauen. Jeder einzelne schwarze und goldene Faden schien sich zu bewegen, so daß ihm das ganze Bild verschwommen vor den Augen tanzte. Erst als er fast bis zum Eingang zurücktrat, sah er es wieder deutlich, aber trotzdem verriet es ihm nichts über das Schloß und seine Bewohner.

Paul musterte die Türen an den beiden Enden. Es gab kaum einen Anhaltspunkt, zwischen ihnen zu wählen, und so wandte er sich der zur Linken zu. Obwohl sie höchstens zwanzig Schritte entfernt zu sein schien, brauchte er überraschend lange, um sie zu erreichen. Paul schaute zurück. Das Portal gegenüber war jetzt nur noch ein dunkler Fleck in weiter Ferne, und der Vorraum selbst schien sich mit Nebel zu füllen, als ob die Wolken von außen hereintrieben. Er drehte sich um und sah die Tür, auf die er zugegangen war, jetzt unmittelbar vor sich aufragen. Kaum hatte er sie berührt, schwang sie auch schon auf, und er trat hindurch.

Und befand sich in einem Dschungel.

Aber es war kein richtiger Dschungel, erkannte er gleich darauf. Die Vegetation war überall dicht, aber zwischen den herabhängenden Lianen und langen Blättern hindurch erspähte er schattenhafte Mauern; Rundbogenfenster hoch oben in diesen Mauern gewährten Durchblick auf einen Himmel mit dahinjagenden Sturmwolken – einen ganz anderen Himmel als den blauen Schild, den er vor dem Eingangstor hinter sich gelassen hatte. Der Dschungel war überall, aber Paul war trotzdem noch innerhalb des Schlosses, auch wenn das Außen hier ganz anders aussah.

Dieser Raum war noch größer als der riesige Eingangssaal. Ganz oben, hoch über den nickenden, giftig wirkenden Blumen und dem grünen Gewucher, erstreckte sich eine mit komplizierten Winkelmustern aus schimmerndem Gold überzogene Decke, die einem juwelbesetzten Lageplan eines Labyrinths glich.

Eine andere Erinnerung trieb nach oben, angestoßen vom Geruch und der feuchtwarmen Luft. Einen solchen Ort nannte man … nannte man … ein Gewächshaus. Es war ein Ort, wo Sachen gezogen wurden, erinnerte er sich dunkel, wo Sachen wuchsen, wo Geheimnisse verborgen waren.

Er schob die klebrigen Wedel einer langblättrigen Pflanze aus dem Weg und trat vor, aber plötzlich mußte er heftig mit den Armen rudern, um nicht in einen Teich zu plumpsen, den die Pflanze verborgen hatte. Scharen winziger Fische, knallrot wie im Ofen erhitzte Pennys, schossen aufgeschreckt davon.

Er drehte sich um und ging am Rand des Teiches entlang, um einen Fußpfad zu finden. Die Pflanzen waren staubig. Während er sich durch das dickste Gestrüpp arbeitete, stoben pulverige Wolken in das schräg durch die hohen Fenster fallende Licht, wirbelnde Schwebeteilchen aus Silber und Glimmer. Er stutzte und wartete, daß der Staub sich legte. In der Stille drang ein leiser Ton an sein Ohr. Jemand weinte.

Er streckte beide Hände in die Höhe und schob das Laub auseinander, als ob es Vorhänge wären. Von üppigen Pflanzen eingefaßt stand vor ihm ein großer glockenförmiger Käfig, dessen schlanke goldene Stäbe so dicht von blühenden Ranken umwunden waren, daß man kaum sah, was darin war. Paul trat näher, und im Innern des Käfigs bewegte sich etwas. Er blieb wie angewurzelt stehen.

Es war eine Frau. Es war ein Vogel.

Es war eine Frau.

Sie drehte sich um; ihre weit aufgerissenen schwarzen Augen waren feucht. Ein großer Schwall dunkler Haare umrahmte ihr langes Gesicht und ergoß sich über ihren Rücken, wo er mit dem Lila und schillernden Grün ihres seltsamen Kostüms verschmolz. Aber es war kein Kostüm. Sie war in Federn gehüllt; unter ihren Armen waren lange Schwingen fächerförmig eingefaltet. Flügel.

»Wer da?« rief sie.

Es war natürlich alles ein Traum – vielleicht nur die letzten Halluzinationen kurz vor dem Tod auf dem Schlachtfeld –, aber als ihre Stimme in ihn einsickerte und sich in ihm niederließ wie etwas, das sein Zuhause gefunden hatte, wußte er, daß er ihren Klang nie vergessen würde. Entschlossenheit und Leid und ein Anflug von Wahnsinn lagen darin, alles in diesen zwei Worten. Er trat vor.

Ihre großen runden Augen wurden noch weiter. »Wer bist du? Du gehörst nicht hierher.«

Paul starrte sie an, obwohl er sich des Eindrucks nicht erwehren konnte, daß er sie damit kränkte, so als ob ihre befiederten Gliedmaßen eine Art Mißbildung wären. Vielleicht waren sie das. Oder vielleicht war an diesem merkwürdigen Ort er der Mißgebildete.

»Bist du ein Geist?« fragte sie. »Wenn ja, vergeude ich bloß meinen Atem. Aber du siehst nicht wie ein Geist aus.«

»Ich weiß nicht, was ich bin.« Sein trockener Mund machte Paul das Sprechen schwer. »Ich weiß auch nicht, wo ich bin. Aber ich fühle mich nicht wie ein Geist.«

»Du kannst reden!« Sie war so bestürzt, daß Paul Angst hatte, etwas Schreckliches getan zu haben. »Du gehörst nicht hierher!«

»Warum weinst du? Kann ich dir helfen?«

»Du mußt verschwinden. Unbedingt! Der Alte Mann wird bald zurücksein.« Ihre aufgeregten Bewegungen erfüllten den Raum mit leisem Rascheln. Noch mehr Staub wirbelte in die Luft.

»Wer ist dieser alte Mann? Und wer bist du?«

Sie trat an den Rand des Käfigs und umklammerte mit ihren schlanken Fingern die Stäbe. »Geh! Geh sofort!« Aber ihr Blick war gierig, als wollte sie sich ein Erinnerungsbild von ihm einprägen, das nie verblassen würde. »Du bist verletzt – an deinen Sachen klebt Blut.«

Paul sah an sich hinunter. »Altes Blut. Wer bist du?«

Sie schüttelte den Kopf. »Niemand.« Sie zögerte, und in ihrem Gesicht arbeitete es, als ob sie etwas Schockierendes oder Gefährliches sagen wollte, aber der Augenblick ging vorbei. »Ich bin niemand. Du muß verschwinden, bevor der Alte Mann zurückkommt.«

»Aber was ist das hier für ein Ort? Wo bin ich? Ich habe lauter Fragen, Fragen über Fragen.«

»Du darfst hier nicht sein. Nur Geister besuchen mich hier – und die bösen Werkzeuge des Alten Mannes. Er sagt, sie sollen mir Gesellschaft leisten, aber manche von ihnen haben Zähne und einen sehr ausgefallenen Humor. Wabbelsack und Nickelblech – das sind die grausamsten.«

Im Überschwang seines Gefühls trat Paul plötzlich vor und faßte ihre um das Gitter gelegte Hand. Ihre Haut war kühl, und ihr Gesicht war ganz nah. »Du bist eine Gefangene. Ich werde dich befreien.«

Sie riß ihre Hand weg. »Außerhalb dieses Käfigs kann ich nicht überleben. Und du wirst nicht überleben, wenn der Alte Mann dich hier findet. Bist du hinter dem Gral her? Du wirst ihn hier nicht finden – dies ist nur ein Schattenort.«

Paul schüttelte ungeduldig den Kopf. »Ich weiß nichts von einem Gral.« Aber noch während er das sagte, erkannte er, daß das nicht die volle Wahrheit war: Das Wort löste tief in seinem Innern ein Echo aus, berührte Stellen, an die er noch nicht herankam. Gral. Irgend etwas, es bedeutete irgend etwas …

»Begreifst du denn nicht?« rief die Vogelfrau, und glänzende Federn plusterten und sträubten sich vor Zorn um ihren Hals. »Ich bin keiner der Hüter. Ich habe nichts vor dir zu verbergen, und ich will nicht … ich will nicht, daß dir ein Leid geschieht. Geh, du Narr! Selbst wenn du ihn dir nehmen könntest, würde der Alte Mann dich doch finden, wo du auch hingingest. Er würde dich zur Strecke bringen, auch wenn du den Weißen Ozean überquertest.«

Paul fühlte, wie ihre Angst ihm entgegenschlug, und einen Moment lang war er überwältigt, unfähig zu sprechen oder sich zu bewegen. Sie ängstigte sich seinetwegen. Dieser gefangene Engel empfand etwas … für ihn.

Und der Gral, was das auch sein mochte – er fühlte eine Ahnung davon, fühlte sie knapp außer seiner Reichweite schwimmen wie einen der bunten Fische …

Ein fürchterliches Zischen, laut wie tausend Schlangen, rührte die Blätter ringsherum auf. Die Vogelfrau erschrak und wich in die Mitte ihres Käfigs zurück. Gleich darauf erscholl ein schwerer scheppernder Schritt, der die Bäume erbeben ließ, so daß noch mehr Staub aufwirbelte.

»Das ist er!« Ihre Stimme war ein erstickter Schrei. »Er ist zurück!«

Etwas Riesiges näherte sich schnaufend und polternd wie eine Kriegsmaschine. Ein grelles Licht blitzte durch die Bäume.

»Versteck dich!« Das nackte Entsetzen in ihrem Flüstern ließ sein Herz hämmern. »Er wird dir das Mark aus den Knochen saugen!«

Der Lärm wurde lauter; sogar die Mauern bebten und der Boden wackelte. Paul tat einen Schritt, dann stolperte er und sank in die Knie, denn das Grauen brach über ihn herein wie eine schwarze Welle. Er kroch dorthin, wo der Wildwuchs am dichtesten war, und die Blätter, die ihm entgegenklatschten, schmierten ihm Staub und Nässe ins Gesicht.

Ein lautes Knarren erscholl wie von mächtigen Scharnieren, dann verbreitete sich der Geruch eines Gewitters im Raum. Paul hielt sich die Augen zu.

»ICH BIN WIEDER DA.« Die Stimme des Alten Mannes war laut wie Kanonenfeuer und genauso dröhnend unmenschlich. »UND WO BLEIBT DEIN LIED ZU MEINER BEGRÜSSUNG?«

Die lange Stille wurde nur von dem Zischen unterbrochen, das wie entweichender Dampf klang. Schließlich antwortete die Vogelfrau, leise und zittrig.

»Ich habe dich nicht so früh zurückerwartet. Ich war nicht darauf vorbereitet.«

»UND WAS HAST DU ZU TUN, AUSSER DICH AUF MEINE RÜCKKEHR VORZUBEREITEN?« Wieder ertönten krachende Schritte und zeigten das Näherkommen des Alten Mannes an. »DU WIRKST GANZ AUFGELÖST, MEINE NACHTIGALL. IST WABBELSACK GROB MIT DIR UMGESPRUNGEN?«

»Nein! Nein, ich … ich fühle mich heute nicht wohl.«

»DAS ÜBERRASCHT MICH NICHT. ES LIEGT EIN WIDERLICHER GERUCH IN DER LUFT.« Der Ozongestank wurde stärker, und zwischen seinen verklammerten Fingern hindurch sah Paul wieder das Licht blitzen. »WENN ICH’S RECHT BEDENKE, RIECHT ES HIER NACH MENSCH.«

»W-wie … wie sollte das möglich sein?«

»WARUM SCHAUST DU MIR NICHT IN DIE AUGEN, MEIN SINGVÖGELCHEN? IRGEND ETWAS STIMMT HIER NICHT.« Die Schritte kamen näher. Der Fußboden vibrierte, und Paul hörte ein mißtönendes Quietschen wie von einer Brücke bei starkem Wind. »ICH GLAUBE, HIER IST EIN MENSCH. ICH GLAUBE, DU HAST BESUCH.«

»Lauf!« schrie die Vogelfrau. Paul fluchte und rappelte sich inmitten kopfhoher Zweige taumelnd auf. Ein gewaltiger Schatten lag über dem Raum, der das weiche graue Licht von den Fenstern verdeckte und dafür den kalten blauweißen Schein seiner sprühenden Funken verbreitete. Wild um sich schlagend brach Paul durch das klebende Laubwerk, und sein Herz bummerte wie das eines Windhunds. Die Tür … wenn er bloß die Tür wiederfinden könnte.

»IRGEND ETWAS HUSCHT DA IM GEBÜSCH HERUM.« Die Stimme des Titanen klang amüsiert. »WARMES FLEISCH … UND NASSES BLUT … UND KNACKIGE KNÖCHELCHEN.«

Paul platschte durch den Teich und hätte fast das Gleichgewicht verloren. Er sah die Tür nur wenige Meter vor sich, aber das mächtige scheppernde Ungetüm war ihm dicht auf den Fersen.

»Lauf!« flehte die Frau. Noch in seiner Panik war ihm klar, daß sie dafür eine furchtbare Strafe würde erdulden müssen; er hatte das Gefühl, sie verraten zu haben. Er erreichte die Tür und flog förmlich hindurch, so daß er auf dem glatten Steinboden ausrutschte und hinschlug. Er sah das riesige Tor vor sich, und Gottseidank, Gottseidank, es war offen!

Hundert Schritte, vielleicht mehr, ein zähes Vorankommen, wie in Sirup. Das ganz Schloß erbebte unter den Schritten seines Verfolgers. Schließlich stürzte er durch das Tor nach draußen, wo jetzt aber nicht mehr helles Sonnenlicht, sondern Dämmergrau herrschte. Die obersten Äste des großen Baumes ragten in schier unerreichbarer Ferne über den Rand der Wolken. Paul rannte über das Wolkenfeld darauf zu.

Das Ungetüm kam angetrampelt, und er hörte die großen Scharniere kreischen, als es die Torflügel zurückwarf. Ein brenzlig riechender Windstoß ging über ihn hin und warf ihn fast zu Boden, und ein mächtiges Brüllen tönte über den Himmel: Der Alte Mann lachte.

»KOMM ZURÜCK, KLEINER WICHT! ICH WILL MIT DIR SPIELEN!«

Paul sprintete den Wolkenpfad entlang, und sein Atem war sengend heiß in den Lungen. Der Baum war schon ein bißchen näher. Wie schnell würde er absteigen müssen, um dem Zugriff dieses schrecklichen Monstrums zu entkommen? Es würde ihm doch bestimmt nicht folgen können – wie sollte selbst der große Baum das Gewicht eines solchen Kolosses tragen?

Die Wolken unter seinen Füßen spannten sich und federten wie ein Trampolin, als der Alte Mann aus der Burg trat. Paul stolperte und fiel vornüber; eine seiner Hände kam neben dem Pfad auf und stieß durch die Wolkendecke wie durch Spinnweben. Er rappelte sich auf und sauste weiter – der Baum war jetzt nur noch wenige hundert Schritte entfernt. Wenn er bloß …

Eine mächtige graue Hand von der Größe einer Baggerschaufel schloß sich um ihn, ein Ding aus Kabeln und Nieten und rostendem Eisenblech. Paul schrie auf.

Die Wolken blieben weit unter ihm zurück, als er hoch in die Luft gerissen wurde, wo er umgedreht vor dem Gesicht des Alten Mannes baumelte. Paul schrie abermals auf, und diesmal hörte er einen anderen Schrei, schwach, aber deutlich traurig, aus dem fernen Schloß widerhallen – den Klageruf eines eingesperrten Vogels.

Die Augen des Alten Mannes waren gewaltige rissige Turmuhrziffernblätter, sein Bart ein Gewirr aus verschlungenen, rostigen Drähten. Er war unglaublich riesig, ein Koloß aus Eisen und zerbeulten Kupferrohren und sich langsam drehenden Rädern, der aus jedem Riß und jedem Schlitz dampfte. Er stank nach Elektrizität und entblößte beim Grinsen eine Reihe grabsteingroßer Betonhauer.

»GÄSTE DÜRFEN NICHT FORTGEHEN, EHE SIE IN DEN GENUSS MEINER GASTFREUNDSCHAFT GEKOMMEN SIND.« Paul spürte, wie seine Schädelknochen von der mächtigen Stimme des Alten Mannes vibrierten. Als der Riesenrachen sich weiter öffnete, strampelte und zappelte Paul in der stickigen Dampfwolke. »GERADE GENUG FÜR MEINEN HOHLEN ZAHN«, sagte der Alte Mann. Dann schluckte er ihn hinunter.

Kreischend stürzte Paul in die ölige, räderknirschende Finsternis.

> »Laß das, du Blödmann!«

Paul wehrte sich, aber irgendwer oder -was hielt seine Arme fest. Er bäumte sich noch einmal auf und erschlaffte dann.

»Schon besser. Hier – nimm mal ’nen Schluck.«

Etwas rieselte ihm in den Mund und brannte die Kehle hinunter. Er bekam einen Hustenanfall und fuhr ungestüm hoch. Diesmal wurde er gelassen. Jemand lachte.

Er schlug die Augen auf. Vor dem Schlamm der Schützengrabenwand und einem Streifen Himmel saß Finch neben ihm, beinahe auf ihm drauf.

»Wird schon wieder.« Finch schraubte den Flachmann zu und steckte ihn in die Tasche. »Bloß ein kleiner Bums auf den Kopf. Reicht leider nicht aus, um dich nach Hause zu schicken, alter Junge. Immerhin wird Mullet sich freuen, dich zu sehen, wenn er vom Töpfchen zurückkommt. Ich hab ihm schon gesagt, du wärst bald wieder auf dem Damm.«

Paul lehnte sich zurück, den Kopf voll wirrer Gedanken.

»Wo …?«

»In einem der hinteren Gräben – ich glaub, ich hab dieses Scheißding vor zwei Jahren selber gegraben. Der Fritz war plötzlich der Meinung, der Krieg wär doch noch nicht aus. Er hat uns ein ziemliches Stück zurückgeworfen – weißt du nicht mehr?«

Paul haschte nach den verwehenden Fetzen seines Traumes. Eine Frau mit Federn wie ein Vogel, die von einem Gral gesprochen hatte. Ein Riese wie eine Lokomotive, ein Ungetüm aus Metall und heißem Dampf. »Und was ist passiert? Mit mir?«

Finch langte hinter ihn und angelte sich Pauls Helm. Er war oben an einer Seite eingedellt. »Ein Stück Schrapnell. Aber zum Heimtransport nicht genug. Kein Glück, was, Jonesie?«

Also war alles ein Traum gewesen. Nur eine Halluzination nach einer geringfügigen Kopfverletzung. Paul blickte Finchs altvertrautes Gesicht an, seinen angegrauten Schnurrbart, die müden Augen hinter stahlumrandeten Brillengläsern, und wußte, daß er wieder da war, wo er sein sollte, in der schlammigen, blutigen Patsche. Klarer Fall. Der Krieg ging weiter, ohne Rücksicht auf Soldatenträume, eine vernichtende Realität, gegen die keine andere Realität ankam.

Paul tat der Kopf weh. Er hob eine schmutzige Hand, um sich die Schläfe zu reiben, und dabei flatterte ihm etwas aus dem Ärmel in den Schoß. Er schaute rasch zu Finch hinüber, aber der andere Mann wühlte in seiner Feldtasche nach einer Dose Corned beef und hatte nichts gesehen.

Er hob das Ding auf und ließ die letzten Sonnenstrahlen darauf fallen. Die grüne Feder funkelte – unglaublich real, unglaublich leuchtend und vollkommen unberührt vom Schlamm.

Eins

Das Universumnebenan

bedauert dies gehetzte UnTier Mensch

nicht. Fortschritt ist eine kommode Krankheit:das Opfer (Tod und Leben ausgeklammert)

spielt mit der Größe seiner Kleinheit– zur Bergkette vergotten Elektroneneine Rasierklinge, und Linsen werfen

den Unwunsch durchs gekrümmte Wowann wiederauf sich unselbst zurück.

Die Welt der Mache

ist keine Welt des Werdens – nein, bedauert

Fleisch Bäume Sterne Steine, aber niedies Prachtstück hypermagischer Ultra-

Omnipotenz. Wir Ärzte wissen, wann

ein Fall unheilbar … Hör mal: nebenangibt’s ein saugutes Universum; komm.

e. e. cummings

Kapitel 1

Mister Jingos Lächeln

NETFEED/NACHRICHTEN:

Massaker wegen eines defekten Chips

(Bild: Kaschiwili in Fesseln bei der Anklageerhebung)

Off-Stimme: Im Verhaltenschip des Sträflings Aleksander Kaschiwili sei ein unerwarteter Defekt aufgetreten, wurde heute von amtlicher Seite bekanntgegeben, nachdem der mod-kontrolliert in Hafturlaub entlassene Kaschiwili -

(Bild: mehrere Feuerwehr- und Krankenwagen vor verbrannter Ladenfassade)

- im Großmoskauer Stadtteil Serpuchow 17 Gäste eines Restaurants mit einem Flammenwerfer getötet hatte.

(Bild: Doktor Konstantin Gruchow in seinem Universitätsbüro)

Gruchow: ”Die Technik ist noch im Frühstadium. Unfälle sind nicht auszuschließen …”

Einer der anderen Dozenten stieß die Tür der Bürozelle auf und beugte sich hinein. Der Lärm vom Korridor kam mit hereingeschwappt, lauter als gewöhnlich.

»Bombendrohung.«

»Schon wieder?« Renie stellte ihr Pad auf den Tisch und nahm ihre Tasche. Dann fiel ihr ein, wie viele Sachen während des letzten Alarms auf Nimmerwiedersehen verschwunden waren, und sie griff sich noch das Pad, bevor sie in den Flur trat. Der Mann, der ihr Bescheid gesagt hatte – sie konnte sich einfach seinen Namen nicht merken, Yono Soundso –, war ihr mehrere Schritte voraus und im Strom der gemütlich zu den Ausgängen schlendernden Studenten und Dozenten schon kaum mehr auszumachen. Sie ging schneller, um ihn einzuholen.

»Alle zwei Wochen«, sagte sie. »Einmal am Tag, wenn Prüfungen sind. Das macht mich noch wahnsinnig.«

Er lächelte. Er hatte dicke Brillengläser, aber hübsche Zähne. »Wenigstens kommen wir mal an die frische Luft.«

Minutenschnell war auf der breiten Straße vor der Technischen Hochschule von Durban 4 eine Art spontaner Karneval lachender Studenten und Studentinnen im Gange, die froh über den Unterrichtsausfall waren. Eine Gruppe junger Männer hatte sich die Jacken wie Röcke um die Taillen gebunden und tanzte auf dem Dach eines geparkten Wagens, ohne sich um die schrill und schriller werdenden Befehle einer älteren Professorin zu kümmern, sofort damit aufzuhören.

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