Traumjäger und Goldpfote - Tad Williams - E-Book

Traumjäger und Goldpfote E-Book

Tad Williams

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Beschreibung

Die Stunde der Dämmerung hatte begonnen, und der Dachfirst, auf dem Traumjäger lag, war in Schatten gebettet. Schlimmes geht vor unter den Nachfahren von Harar Goldauge und Fela Himmeltanz. Wohin bloß sind Fritti Traumjägers Freunde und Gefährten verschwunden? Und vor allem: Wo steckt Goldpfote, seine geliebte Gespielin? Zusammen mit Raschkralle und Dachschatten macht sich der Kater auf die Suche. Er kommt an den Königshof des ältesten Katzengeschlechts der Geschichte, und sein Weg führt ihn hinab bis in die dunkelste Katzenhölle. Und schließlich findet er, was kein Mensch und keine Katze je zuvor auch nur geträumt hatten ...

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Seitenzahl: 548

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Tad Williams

Traumjäger und Goldpfote

Roman

Aus dem Amerikanischen von Hans J. Schütz

Impressum

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Speicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Besuchen Sie uns im Internet: www.tadwilliams.de

Hobbit Presse

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »Tailchaser’s Song«

im Verlag DAW Books, Inc., New York

© 1985 by Tad Williams

Für die deutsche Ausgabe

© 2012 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung

Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Cover: Stefan Hilden, www.hildendesign.de

Coverillustration: © Kerem Beyit, www.theartofkerembeyit.com

Datenkonvertierung: Koch, Neff & Volckmar GmbH, KN digital – die digitale Verlagsauslieferung Stuttgart

Printausgabe: ISBN 978-3-608-93831-9

E-Book: ISBN 978-3-608-10309-0

Gewidmet meinen Großmüttern

Elizabeth G. Anderson

und

Elizabeth Wilins Evans,

deren Unterstützung mir so viel bedeutet hat,

und der Erinnerung an

Fever,

der ein guter Freund war, doch eine bessere Katze.

Mein besonderer Dank gilt John Carswell,

Nancy Germing-Williams und Arthur Ross Evans

für ihre Unterstützung bei der Vorbereitung dieses Buches.

Ich wünsche ihnen allen einen Guten Tanz.

Vorbemerkung des Autors

Mit wenigen Ausnahmen entstammen alle unbekannten Wörter, die in diesem Buch vorkommen, dem Höheren Gesang des Volkes. Wie andere Warmblüter besitzt das Volk zwei Sprachen. Die Gebrauchssprache, die es mit den meisten anderen Säugetieren teilt, ist der Gemeinsame Gesang, der größtenteils aus Gesten, Witterungen und Körperhaltungen besteht; dazu kommen ein paar leicht deutbare Geräusche und Schreie, welche die ganze Skala der Ausdrucksmöglichkeiten umfassen. Der Gemeinsame Gesang ist – wie in diesem Buch – in der Übersetzung nur unvollkommen wiederzugeben.

Bei bestimmten Anlässen oder bei spezifischen beschreibenden Passagen, wo der Gemeinsame Gesang nicht ausreicht, wird der Höhere Gesang benutzt. Fast der gesamte rituelle Bereich und natürlich das Geschichtenerzählen fallen in diese Kategorie.

Der Höhere Gesang ist eine überwiegend verbale Sprache, obgleich die Bedeutung eines Wortes auch durch die Körperhaltung und die Akzentuierung deutlich gemacht werden kann. Der Leser braucht also nicht fortwährend Wörter nachzuschlagen, denn die gebräuchlichen Wörter des Höheren Gesangs sind im Text übersetzt worden. Am Schluss des Buches findet sich überdies ein kleines Lexikon der Katzensprache für jene, die allzu kleinmütig sind, sowie ein Namensverzeichnis.

Warum ich meine Katze schätze

Weil sie dem ersten Schein des göttlichen Glanzes im Osten

Auf ihre Weise huldigt.

Weil sie das tut, indem sie ihren Leib siebenmal mit anmutiger

Schnelle herumwirbelt …

Weil sie, nachdem sie gehuldigt und den Segen empfangen hat,

An sich selber zu denken beginnt.

Und dies vollführt sie in zehn Stufen.

Erstens beschaut sie ihre Vorderpfoten, um zu sehen,

Ob sie sauber sind.

Zweitens wirbelt sie mit den Hinterbeinen den Staub auf,

Damit es hinter ihr sauber wird.

Drittens streckt sie sich gründlich mit gespreizten Vorderpfoten.

Viertens schärft sie ihre Krallen an Holz.

Fünftens wäscht sie sich.

Sechstens wälzt sie sich frisch gewaschen herum.

Siebtens flöht sie sich, damit es sie beim Spaziergang nicht juckt.

Achtens reibt sie sich an einem Pfosten.

Neuntens fragt sie nach ihren Anweisungen.

Zehntens begibt sie sich auf die Suche nach Nahrung …

Wenn dann ihr Tagewerk vollbracht ist, macht sie sich

An ihre eigentliche Arbeit.

Denn sie hält die nächtliche Wache des Herrn gegen den Feind.

Denn sie bekämpft die Mächte der Finsternis mit knisterndem

Fell und funkelnden Augen.

Denn sie widersteht dem Teufel, welcher der Tod ist,

Indem sie sprühendes Leben verbreitet.

In ihren Morgengebeten liebt sie die Sonne, und die Sonne

Liebt die Katzen.

Sie entstammt der Rasse der Tiger.

Die Cherub-Katze ist dem Engels-Tiger verwandt.

Ich schätze meine Katze,

Weil nichts süßer ist als ihr Frieden, wenn sie ruht.

Weil nichts lebendiger ist als ihr Leben, wenn es in Bewegung ist.

Weil Gott sie mit einer unendlichen Vielfalt von Bewegungen

Gesegnet hat …

Weil sie nach jeder Musik tanzen kann …

Christopher Smart

TRAUMJÄGER UND GOLDPFOTE

In der Stunde vor Anbeginn der Zeit kam Tiefklar Urmutter aus der Finsternis auf die kalte Erde. Sie war schwarz, und die ganze Welt schien in ihr Pelz geworden zu sein. Sie verbannte die ewige Nacht und gebar die Zwei.

Harar Goldauge hatte Augen, so heiß und strahlend wie die Sonne zur Stunde der Kleineren Schatten; er war die Verkörperung des hellen Tags, des Mutes und des Tanzes.

Fela Himmeltanz, seine Gefährtin, war schön wie Freiheit und Wolken, wie das Lied heimgekehrter Wanderer.

Goldauge und Himmeltanz zeugten viele Kinder und zogen sie in dem Wald auf, der die Welt zu Beginn der Älteren Tage bedeckte. Kletterblitz, Wolfsgespiel, Laubsänger und Schimmerkralle, ihre Jungen, hatten kräftige Gebisse, waren scharfäugig, behende, aufrichtig und tapfer bis zu ihren Schwanzspitzen.

Doch die Eigentümlichsten und Schönsten von all den ungezählten Kindern Harars und Felas waren die drei Erstgeborenen.

Der Älteste hieß Viror Windweiß; sein Fell schimmerte wie Sonnenlicht auf Schnee, und er war schnell wie der Wind …

Das zweite Kind war Grizraz Kaltherz, grau wie die Schatten und voller Seltsamkeit …

Der Drittgeborene wurde Tangalur Feuertatze genannt. Er war schwarz wie Tiefklar Urmutter, doch seine Pfoten waren flammend rot. Er hielt sich abseits und sang für sich allein.

Unter den erstgeborenen Brüdern gab es Nebenbuhlerschaft. Windweiß lief so schnell und war so stark, wie eine Katze es sich nur erträumen konnte – niemand übertraf ihn im Springen oder Laufen. Feuertatze war klug wie keiner; er löste alle Aufgaben und Rätsel und ersann Lieder, die das Volk viele Katzenalter hindurch sang.

Kaltherz konnte mit den Leistungen seiner Brüder nicht wetteifern.

Er wurde neidisch und begann den Sturz von Windweiß und die Erniedrigung des Volkes zu betreiben.

So geschah es, dass Kaltherz ein mächtiges Untier gegen das Volk ins Feld schickte. Ptomalkum war sein Name, und es war die letzte Ausgeburt des Dämonen-Hundes Venris, den Tiefklar in den Tagen des Feuers vernichtet hatte. Ptomalkum, erweckt und genährt von Kaltherz’ Hass, tötete viele aus dem Volk, bevor er selbst von dem tapferen Windweiß erschlagen wurde. Jedoch Windweiß empfing so schwere Wunden, dass er rasch dahinsiechte und starb. Als er erkannte, dass seine Ränke zunichtegemacht waren, fürchtete sich Kaltherz, kroch in ein Loch und verschwand in der verschwiegenen Erde.

Groß war das Wehklagen am Hofe von Harar ob des Todes von Windweiß, den alle geliebt hatten.

Feuertatze, sein Bruder, von Gram erfüllt, floh den Hof, entsagte seinem Anspruch auf die Königswürde und wanderte in die Welt.

Fela Himmeltanz, Windweiß’ Mutter, war von jener Zeit an stumm, und sie blieb es ihr langes Leben lang.

Harar Goldauge jedoch war so von Zorn erfüllt, dass er weinte und gewaltige Eide schwor. Heulend ging er in die Wildnis und vernichtete alles, was ihm auf seiner Suche nach dem verräterischen Kaltherz in die Quere kam. Schließlich, unfähig, einen so großen Schmerz zu ertragen, flüchtete er sich in den Schoß der Urmutter im Himmel. Dort lebt er immer noch und jagt die leuchtende Maus der Sonne durch den Himmel. Oft blickt er von oben auf die Erde herab und hofft, Viror noch einmal unter den Bäumen des Welt-Waldes dahinlaufen zu sehen. Ungezählte Jahreszeiten folgten einander, und die Welt wurde älter, bevor Feuertatze seinem treulosen Bruder Kaltherz wieder begegnete.

In den Tagen von Prinz Glattbart, als Königin Dämmerstreif herrschte, kam Tangalur Feuertatze den Ruhus, dem Eulenvolk, zu Hilfe. Ein rätselhaftes Untier hatte die Nester der Eulen geplündert und alle Ruhu-Jäger getötet, die sich ihm in den Weg gestellt hatten.

Feuertatze machte eine Falle, indem er einen mächtigen Baum so lange mit den Krallen bearbeitete, bis er beinahe durchtrennt war, und legte sich dann auf die Lauer, den Räuber zu erwarten.

Als das Untier in dieser Nacht erschien und Feuertatze den Baum fällte, entdeckte er zu seinem Erstaunen, dass es Grizraz Kaltherz war, der unter dem Baum begraben lag.

Kaltherz bat Feuertatze, ihn zu befreien, und versprach, ihm die uralten Weisheiten zu enthüllen, derer er im Inneren der Erde teilhaftig geworden sei. Tangalur lachte bloß.

Als die Sonne aufging, begann Kaltherz zu schreien. Er wand sich und kreischte, so dass Feuertatze, obgleich er eine Finte fürchtete, seinen leidenden Bruder von der Last des Baumes befreite.

Kaltherz war so lange unter der Erde gewesen, dass die Sonne ihn blendete. Er kratzte und rieb sich seine gepeinigten Augen und heulte so erbärmlich, dass Feuertatze sich nach etwas umsah, womit er ihn vor dem glühenden Licht des Tag-Sterns schützen konnte. Sobald er sich jedoch abwandte, grub der geblendete Kaltherz sich einen Gang, schneller als es ein Dachs oder ein Maulwurf vermocht hätte. Als der aufgeschreckte Feuertatze sich über das Loch beugte, war Kaltherz aufs Neue im Inneren der Welt verschwunden.

Man erzählt sich, dass er noch immer dort wohnt, vor den Augen des Volks verborgen; dass er unter der Erde Übeltaten ersinnt und danach giert, in die Obere Welt zurückzukehren …

1. KAPITEL

… hängt keinem Irrtum nach:

Wir sind nicht scheu und kümmerlich:

Wir sind sehr hell und wach,

Der Mond und ich!

W. S. Gilbert

Die Stunde der Steigenden Dämmerung hatte begonnen, und der Dachfirst, auf dem Traumjäger lag, war in Schatten gebettet. Er steckte tief in einem Traum voller

Sprünge und Flüge, als er ein ungewöhnliches Kribbeln in seinen Barthaaren spürte. Fritti Traumjäger, der junge Jäger des Volkes, wurde plötzlich wach und schnupperte die Luft. Mit gespitzten Ohren und starr abstehenden Barthaaren sog er prüfend die Abendbrise ein. Nichts Außergewöhnliches. Doch was hatte ihn dann geweckt? Grübelnd spreizte er die Pfoten und begann sich zu strecken, bis sein Körper vom Rückgrat bis zur Spitze seines rötlichen Schwanzes locker war.

Als er sich fertig geputzt hatte, war das Gefühl einer Gefahr verflogen. Vielleicht war es ein Nachtvogel gewesen über ihm … oder ein Hund unten im Feld … vielleicht …

Vielleicht werde ich wieder ein Kind, dachte Fritti bei sich selbst, das erschreckt vor fallenden Blättern Reißaus nimmt. Der Wind rubbelte durch sein frisch gelecktes Fell. Verärgert sprang er vom Dach in die hohen Gräser hinunter. Zuerst musste er etwas gegen den Hunger tun. Danach wurde es Zeit, zum Mauertreff zu gehen.

Das Dämmerlicht schwand, und Traumjägers Bauch war immer noch leer. Das Glück war ihm nicht geneigt gewesen.

Regungslos und geduldig hatte er am Eingang zur Höhle eines Ziesels auf der Lauer gelegen. Nachdem eine Ewigkeit nahezu lautlosen Atmens verstrichen und der Bewohner des Baus immer noch nicht aufgetaucht war, hatte Traumjäger enttäuscht aufgegeben. Missmutig hatte er auf dem Höhleneingang herumgetrampelt und sich dann auf die Suche nach einer anderen Beute gemacht.

Das Glück hatte ihn ganz und gar verlassen. Selbst ein Nachtfalter war seinem stürmischen Angriff entkommen und in Spiralen nach oben in die Dunkelheit geflogen.

Wenn ich nicht bald etwas fangen kann, sorgte er sich, werde ich zurückkehren und aus dem Napf fressen müssen, den die Großen für mich hinausgestellt haben. Harar! Was für ein Jäger bin ich eigentlich? Ein schwacher Anflug von Geruch ließ Traumjäger unvermittelt innehalten. Vollkommen bewegungslos und mit angestrengten Sinnen kauerte er und schnupperte. Es war ein Quieker, und so nahe, dass er ihn mit dem Wind wittern konnte.

Er bewegte sich schattenleicht, suchte sich sorgsam seinen Weg durch das Unterholz, und dann erstarrte er wieder. Dort! Anderthalb Sprünge vor ihm saß die Mre’az, die er gerochen hatte. Ohne Traumjäger zu bemerken, hockte sie da und stopfte sich Samen in die Backentaschen – die Nase zuckte nervös, die Augen zwinkerten unruhig.

Fritti ließ sich auf die Erde nieder, und sein aufgestellter Schwanz schlug hinter ihm hin und her. Immer noch kauernd, hob er sich auf die Hinterbeine und machte sich zum Angriff bereit – regungslos und mit gespannten Muskeln. Er sprang. Er hatte die Entfernung falsch eingeschätzt. Er sprang zu kurz, und als er mit zuckenden Tatzen landete, hatte der Quieker gerade noch Zeit, ein entsetztes Zirpen auszustoßen, ehe er – husch! – in seinem Loch verschwand.

Fritti stand über dem Fluchtloch und biss sich verlegen die Pfote.

Als Traumjäger die letzten Brocken aus dem Napf leckte, sprang Spindelbein auf die Veranda. Spindelbein war ein wilder, grau und gelb gescheckter Tiger, der in einem Abzugskanal auf der anderen Seite des Feldes hauste. Er war ein wenig älter als Fritti, worauf er sich viel einbildete.

»Nre’fa-o, Traumjäger.« Spindelbein zog sich hoch und schärfte träge seine Krallen an einem hölzernen Pfeiler. »Sieht so aus, als hättest du heute Abend reichlich zu fressen bekommen. Sag mal, lassen dich die Großen für dein Abendessen Männchen machen? Ich habe mich oft gefragt, wie das abläuft, musst du wissen.« Fritti tat so, als hörte er nichts, und begann seinen Schnurrbart zu säubern.

»Mir fällt auf«, fuhr Spindelbein fort, »dass die Heuler eine Art Abmachung haben. Sie bringen den Großen Sachen, springen viel herum und bellen die ganze Nacht, um etwas zu fressen zu kriegen. Machst du das auch?« Spindelbein streckte sich lässig. »Ich bin einfach neugierig, verstehst du? Eines Nachts – oh, ich gebe zu, dass es nicht wahrscheinlich ist –, eines Nachts könnte ich einmal nicht fähig sein, mir etwas zum Abendessen zu fangen, und dann wäre es ganz hübsch, etwas zu haben, worauf man zurückgreifen kann. Ist Bellen sehr schwierig?«

»Sei still, Spindelbein.« Fritti fauchte, dann nieste er vor Lachen und sprang auf seinen Freund los. Sie rangen einen Augenblick, dann gaben sie sich frei und versetzten einander Tatzenhiebe. Schließlich, als sie müde waren, ließen sie sich kurz nieder, um sich zu lecken.

Als sie sich ausgeruht hatten, sprang Spindelbein von der Veranda herab und tauchte in die Dunkelheit. Fritti glättete ein letztes Stück Fell an seiner Seite, und dann folgte er ihm.

Gerade begann die Stunde der Tiefsten Stille, und hoch am Himmel, entrückt und gleichmäßig leuchtend, stand Tiefklars Auge.

Der Wind lief flüsternd durch die Blätter der Bäume, als Traumjäger und Spindelbein sich ihren Weg durch Felder und über Zäune bahnten. Manchmal verhielten sie, um auf die Geräusche der Nacht zu lauschen, dann stoben sie über schimmernde, vom Licht der Straßenlaternen erhellte Rasenflächen. Als sie am Saum der Alten Wälder anlangten, welche die Wohnungen der Großen umgaben, konnten sie die frischen Gerüche anderer Stammesgenossen riechen.

Jenseits der Anhöhe und hinter einem Wäldchen mächtiger Eichen lag der Eingang zur Schlucht. Traumjäger dachte mit Freude an die Lieder und Geschichten, die bei der zerfallenden Mauer die Runde machen würden. Er dachte auch an Goldpfote, deren schlanke, graue Gestalt und zierlicher gebogener Schwanz ihm seit kurzem fast ununterbrochen im Kopf herumspukten. Es war schön, zu leben und in der Nacht des Mauertreffs zum Volk zu gehören.

Tiefklars Auge warf ein perlmuttfarbenes Licht auf die Lichtung. Am Fuß der Mauer waren fünfundzwanzig oder dreißig Katzen versammelt – sie rieben sich aneinander in gravitätischer Begrüßung und beschnüffelten die Nase eines Neuankömmlings.

Viele Jüngere aus dem Volk übten sich in Scheinkämpfen. Traumjäger und Spindelbein wurden von einer Schar junger Jäger begrüßt, die lässig ein wenig abseits von der Menge herumstanden.

»Prächtig, dass ihr hier seid!«, rief Pfotenflink, ein junger Kater mit dickem, schwarz-weißem Fell. »Wir wollen gerade anfangen, Spring-in-die-Luft zu spielen – bis die Alten kommen, versteht sich.«

Spindelbein hüpfte hinüber, um mitzumachen, doch Fritti schüttelte höflich den Kopf und schob sich vorwärts durch die Menge, um nach Goldpfote Ausschau zu halten. Er konnte ihren Geruch nicht ausfindig machen, während er durch das Gewimmel von Katzen schlüpfte.

Zwei junge Felas, kaum dem Kätzchenalter entwachsen, begegneten ihm mit kokett gerümpften Näschen und rannten dann ausgelassen prustend weg. Er beachtete sie nicht und senkte seinen Kopf respektvoll, als er an Langstrecker vorüberkam. Der ältere Kater, der flach hingestreckt majestätisch am Fuß der Mauer lag, würdigte ihn eines Blinzelblicks aus seinen riesigen grünen Augen und grüßte ihn mit einem flüchtigen Ohrzucken.

Immer noch keine Spur von Goldpfote, dachte Fritti. Wo mochte sie sein? Niemand versäumte einen Mauertreff, wenn er es vermeiden konnte. Treffen fanden nur in jenen Nächten statt, in denen das Auge vollständig geöffnet und am hellsten war. Vielleicht kommt sie später, dachte er. Oder vielleicht ging sie in dieser Sekunde mit Springhoch oder Auenhusch spazieren – ihren Schwanz in voller Länge ausgestreckt, damit sie ihn bewundern konnten …

Der Gedanke machte ihn wütend. Er drehte sich um und versetzte einem halbstarken Kater einen Hieb, der hinter seinem Rücken Luftsprünge und Kapriolen vollführte. Es war der junge Raschkralle, der ihn derart erschreckt anblickte, dass es Fritti sogleich leid tat, dass er ihn geschlagen hatte. Dieser übermütige Springinsfeld war häufig eine Plage, aber er meinte es nicht böse.

»Tut mir leid, Raschkralle«, sagte er. »Ich hab nicht gewusst, dass du’s bist. Ich dachte, es wär der alte Langstrecker, und ich wollte ihm eine Lektion erteilen.«

»Wirklich?«, keuchte der junge Kater. »Das hättest du wirklich getan?« Fritti bereute seinen Scherz. Langstrecker würde ihn nicht sehr komisch finden.

»Vergiss es«, sagte er. »Es war ein Irrtum, und ich entschuldige mich.«

Raschkralle war entzückt, dass er wie ein Erwachsener behandelt wurde. »Natürlich nehme ich deine Entschuldigung an, Traumjäger«, sagte er würdevoll. »Es war ein verständlicher Irrtum.«

Fritti prustete. Er biss den jungen Kater spielerisch in die Flanke und setzte seinen Weg fort.

Die Zeit der Tiefsten Stille war halb vorüber und das Treffen in vollem Gange, und Goldpfote war immer noch nicht aufgetaucht. Während einer der Älteren die versammelte Menge ergötzte – inzwischen auf beinahe sechzig Köpfe angewachsen –, bahnte sich Fritti seinen Weg zu Spindelbein, der bei Pfotenflink und den anderen saß. Der Ältere beschrieb einen großen und möglicherweise gefährlichen Heuler, der wild in der Gegend herumlief, und Spindelbein und die anderen Jäger hörten aufmerksam zu, als Fritti ankam.

»Spindelbein!«, zischte er. »Kann ich einen Augenblick mit dir sprechen?«

Spindelbein gähnte und streckte sich, bevor er Fritti gemächlich auf seinen Sitz zwischen drei Wurzeln folgte. »Worum geht es denn?«, fragte er liebenswürdig. »Ist es Zeit für meine Übungsstunden im Bellen?«

»Bitte, Spindelbein, keine Scherze. Ich kann Goldpfote nirgendwo finden. Weißt du, wo sie ist?«

Spindelbein sah Traumjäger aufmerksam an, während der Alte eintönig weitersprach.

»Aha«, sagte er, »es kam mir gleich so vor, als wärst du mit deinen Gedanken woanders. All das wegen einer Fela?«

»In der vergangenen Nacht haben wir den Tanz des Einverständnisses getanzt!«, sagte Fritti erregt. »Aber wir konnten ihn nicht zu Ende bringen, bevor die Sonne aufging. Wir wollten ihn heute Nacht beenden. Ich weiß, dass sie mit mir einverstanden gewesen wäre! Was könnte sie dazu gebracht haben, das Treffen zu versäumen?«

Spindelbein klappte in gespieltem Entsetzen seine Ohren herunter. »Ein abgebrochener Tanz des Einverständnisses! Bei Himmeltanz’ Schnurrbart! Ich glaube, ich sehe schon, wie dir dein Fell ausgeht! Und dein Schwanz wird schlapp!«

Fritti schüttelte ungeduldig den Kopf. »Ich weiß, dass dir das lächerlich vorkommt, Spindelbein, und bei deinem Geschwader schwanzwedelnder Felas kümmert dich eine echte Verbindung nicht. Aber mich kümmert sie, und ich mache mir Sorgen um Goldpfote. Bitte, hilf mir.«

Spindelbein blickte ihn einen Augenblick aus blinzelnden Augen an, und er kratzte sich hinter seinem rechten Ohr. »In Ordnung, Traumjäger«, sagte er nur. »Was kann ich tun?«

»Nun, ich denke, heute Nacht können wir nicht viel unternehmen. Wenn ich sie morgen aber nicht finden kann, könntest du vielleicht herauskommen und dich mit mir ein wenig umsehen?«

»Ich denke schon«, erwiderte Spindelbein. »Aber ich glaube, dass ein wenig Geduld vielleicht … au!«

Pfotenflink hatte sich von unten angeschlichen und rammte seinen flachen Kopf gegen Spindelbeins Hinterbacken. »Was soll dies tiefsinnige Gerede? Borstenmaul wird gleich eine Geschichte erzählen, und ihr sitzt hier herum wie zwei fette Eunuchen!«

Traumjäger und Spindelbein hüpften hinunter und ihrem Freund nach. Felas waren Felas, aber eine Geschichte war gewiss nicht zu verachten!

Das Volk schloss sich enger um die Mauer zusammen – ein Meer wedelnder Schwänze. Gemächlich und mit ungeheurer Würde erklomm Borstenmaul ein zerfallenes Mauerstück. Am höchsten Punkt hielt er inne und wartete.

Borstenmaul war, mit den elf oder zwölf Sommern, die er auf dem Buckel hatte, gewiss kein junger Kater mehr, doch alle seine Bewegungen zeugten von eiserner Beherrschung. Sein schildpattfarbenes Fell, früher mit glänzenden rostigen und schwarzen Flecken durchsetzt, war mit dem Alter ein wenig stumpf und der kräftige Borstenkranz, der um sein Maul spross, grau-weiß geworden. Seine Augen jedoch waren strahlend und klar und konnten eine unternehmungslustige junge Katze drei Sprünge entfernt zum Stehen bringen.

Borstenmaul war ein Oel-cir’va, ein Meister Alt-Sänger, einer der Bewahrer der Überlieferung des Volkes. Die ganze Geschichte des Volkes lebte in ihren Liedern, die im Höheren Gesang der Älteren Tage als ein heiliges Gut von einer Generation an die nächste weitergegeben wurden. Im weiteren Umkreis des Mauertreffs war Borstenmaul der einzige Alt-Sänger, und seine Geschichten waren für das Volk so wichtig wie das Wasser oder wie die Freiheit, zu rennen und zu springen, wie es ihnen gefiel.

Von seinem Platz auf der Mauerkrone beäugte er lange Zeit die Katzen zu seinen Füßen. Das erwartungsvolle Mauzen wurde leiser und ging in ein leises Schnurren über. Einige der jungen Katzen – schrecklich aufgeregt und unfähig stillzusitzen – begannen sich wie wild zu putzen. Borstenmaul schlug dreimal mit dem Schwanz, und dann war es still.

»Wir danken unseren Älteren, die über uns wachen«, begann er. »Wir preisen Tiefklar, deren Auge unserer Jagd Licht gibt. Wir grüßen unsere Beute, weil sie das Jagen angenehm macht.«

»Wir danken. Wir preisen. Wir grüßen.«

»Wir sind das Volk, und heute Nacht sprechen wir mit einer Stimme von unser aller Taten. Wir sind das Volk.«

Unter dem Bann des uralten Rituals wiegten sich die Katzen sanft hin und her. Borstenmaul begann seine Geschichte.

»In den Tagen, da die Erde jung war – als einige der Ersten noch in diesen Gefilden umherstreiften –, herrschte am Hof von Harar Königin Seidenöhrchen, Enkeltochter von Fela Himmeltanz. Und sie war eine gute Königin. Ihre Pfote war ebenso gerecht zum Besten ihres Volkes wie ihre Kralle flink, ihre Feinde zu treffen.

Ihr Sohn und Mitherrscher war Prinz Neunvögel. Er war eine riesige Katze, kraftvoll im Kampf, rasch erzürnt, und ungeachtet seiner jungen Jahre barst er vor Stolz. Man erzählt sich, dass er, ein Kätzchen noch, am Tage, da er seinen Namen erhielt, mit einem einzigen Schlag seiner Tatzen neun Stare zugleich getötet habe. Also wurde er Neunvögel genannt, und der Ruhm seiner Stärke und Taten reichte weit.

Seit dem Tode von Windweiß waren viele, viele Sommer vergangen, und niemand, der zu dieser Zeit am Hofe lebte, hatte jemals einen der Ersten zu Gesicht bekommen. Vor Generationen schon war Feuertatze in die Wildnis gezogen, und viele glaubten, er sei tot oder habe sich seinem Vater und seiner Großmutter im Himmel beigesellt.

Als Geschichten von Neunvögels Stärke und Tapferkeit im Volk umzulaufen begannen, erzählt von Maul zu Ohr, und als Neunvögel anfing, jenen Kriechern Gehör zu schenken, die sich immer dem großen Volk an die Fersen heften, glaubte er mit der Zeit, die Größe der Erstgeborenen in sich zu erkennen.

Eines Tages wurde überall im Welt-Wald erzählt, Neunvögel sei nicht mehr damit zufrieden, Prinzregent an der Seite seiner Mutter zu sein. Es wurde zu einem Treffen aufgerufen, zu dem alles Volk von nah und fern kommen sollte, um zu feiern, zu jagen und zu spielen. Und auf dieser Versammlung wollte er den Königsmantel von Harar für sich beanspruchen – den Tangalur Feuertatze für unantastbar und einzig den Erstgeborenen vorbehalten erklärt hatte –, und Neunvögel wollte sich selbst zum König der Katzen ausrufen.

Und so kam der Tag, und das gesamte Volk versammelte sich am Hof. Während alle ausgelassen tanzten und sangen, dehnte Neunvögel seinen mächtigen Körper in der Sonne und sah zu. Dann erhob er sich und sagte: ›Ich, Neunvögel, stehe heute vor euch, um mit dem Recht des Blutes und der Klaue den Königsmantel zu beanspruchen, der so lange nicht mehr getragen worden ist. Wenn keine Katze unter euch ist, die etwas dagegen einzuwenden hat, dass ich diese uralte Bürde auf mich nehme …‹

In diesem Augenblick gab es ein Geräusch in der Menge und eine sehr alte Katze stand auf. Ihr Fell war überall grau durchschossen – besonders an den Beinen und Pfoten – und am Maul war es schneeweiß.

›Du beanspruchst den Mantel mit dem Recht des Blutes und der Klaue?‹, fragte die alte Katze.

›Das tue ich‹, erwiderte der Prinz.

›Mit welchem Recht des Blutes beanspruchst du die Königswürde?‹

›Mit dem Recht des Blutes von Fela Himmeltanz, das in meinen Adern fließt, du zahnlose alte Memme!‹, gab Neunvögel hitzig zurück und erhob sich von seinem Sitz. Das ganze versammelte Volk flüsterte erregt, als Neunvögel zum Vaka’az’me schritt, dem dreiwurzligen Sitz, der den Erstgeborenen geweiht war. Neunvögel hob seinen langen Schwanz und besprühte den Vaka’az’me mit seiner Jagdmarke. Und das erregte Flüstern steigerte sich, als die alte Katze vorwärtstrottete.

›Oh Prinz, der du König der Katzen sein möchtest‹, sagte der Alte, ›dein Blut gibt dir vielleicht einen Anspruch, doch wie steht es mit der Klaue? Willst du zum Zweikampf um den Mantel antreten?‹

›Gewiss‹, sagte Neunvögel lachend, ›und wer soll es mit mir aufnehmen?‹ Die anderen Katzen sahen einander ungläubig an und hielten nach einem mächtigen Herausforderer Ausschau, der mit dem kraftvollen Prinzen hätte kämpfen können.

›Ich werde gegen dich kämpfen‹, sagte der Alte schlicht. Die Katzen zischten vor Überraschung und machten Buckel, doch Neunvögel lachte bloß aufs Neue. ›Geh nach Hause, alter Junge, und schlag dich mit Käfern herum‹, sagte er. ›Ich werde nicht mit dir kämpfen.‹

›Der König der Katzen kann kein Feigling sein‹, sagte die alte Katze. Bei diesen Worten schrie Neunvögel wutentbrannt auf, sprang vor und holte mit seiner riesigen Tatze zu einem Schlag gegen den alten Graubart aus. Doch mit überraschender Schnelligkeit sprang der Alte beiseite und versetzte dem Prinzen einen Hieb an den Kopf, der ihn einen Augenblick lang betäubte. Sie begannen ernstlich zu kämpfen, und die Menge mochte ihren Augen kaum trauen, als sie sah, mit welcher Gewandtheit und welchem Mut die alte Katze gegen einen so gewaltigen und grausamen Kämpfer antrat.

Nach einer langen Weile packten sie sich und rangen miteinander, und obwohl der Prinz sich in seinem Nacken verbiss, fuhr der Alte mit den Krallen seiner Hinterbeine hoch und kratzte, und Neunvögel war überrascht, dass dieser lahme Alte seinem Fell solche Schmerzen zufügen konnte.

›Du hast eine Menge deines Fells eingebüßt, Prinz‹, sagte der Alte. ›Willst du auf deinen Anspruch verzichten?‹

Voller Zorn griff der Prinz an, und sie begannen erneut zu kämpfen. Der Alte packte den Schwanz des Prinzen mit seinen Zähnen, und als dieser versuchte, sich herumzudrehen und seinem Gegner das Gesicht zu zerfetzen, riss ihm der Ältere den Schwanz von seinem Körper. Das Volk fauchte vor Verwunderung und Furcht, als Neunvögel blutüberströmt herumwirbelte und sich erneut dem Alten stellte, der selbst verwundet war und keuchte. ›Dein Fell und deinen Schwanz hast du bereits gelassen, oh Prinz. Willst du nicht auch von deinem Anspruch lassen?‹

Rasend vor Schmerz stürzte sich Neunvögel auf den Alten, und sie rangen – fauchend und die Tatzen schwingend, dass Blut und Schaum in der Sonne glitzerten. Schließlich zwängte der Herausforderer Prinz Neunvögels Hinterteil unter eine Wurzel des Vaka’az’me.

Als der aufgewirbelte Schmutz sich gesetzt hatte, lief eine Welle plötzlicher Erregung durch die Menge der Zuschauer. Beim letzten Gefecht waren große Mengen weißen Staubes aus dem Pelz des Herausforderers herausgewirbelt worden. Die Haare an seinem Maul waren nicht mehr grau, und seine Pfoten und Beine leuchteten flammend rot.

›Du siehst mich in meiner wahren Gestalt, Neunvögel‹, sagte er. ›Ich bin Fürst Tangalur Feuertatze, Sohn von Harar, und es geschieht auf mein Geheiß, dass es keinen König der Katzen gibt. Du bist eine tapfere Katze‹, fuhr er fort, ›aber deine Anmaßung darf nicht ohne Strafe bleiben.‹ Mit diesen Worten packte Feuertatze den Prinzen am Genick und zog und streckte Körper und Beine in die Länge, bis sie dreimal so lang waren, wie sie es bei einer Katze gewöhnlich sind. Darauf befreite er den Prinzen aus der Klammer der Baumwurzel und sagte: ›Schwanzlos und haarlos, lang und ungelenk habe ich dich gemacht. Gehe nun und komme niemals mehr zum Hof von Harar, dessen Macht du an dich reißen wolltest. Doch dieses Schicksal lege ich dir auf: dass du jedem Angehörigen des Volkes dienen sollst, der es dir befiehlt, und dies gilt auch für alle deine Nachkommen, bis ich dein Geschlecht von diesem Bann befreie.‹

Und mit diesen Worten ging Fürst Tangalur davon. Das Volk verstieß den verunstalteten Neunvögel aus seiner Mitte, nannte ihn M’an – was ›ohne Sonnenlicht‹ bedeutet –, und er und alle seine Nachfahren gingen für immer auf ihren Hinterbeinen und tun es noch heute, denn ihre Körper sind zu lang gestreckt worden, als dass ihre Vorderbeine den Boden berühren könnten.

Neunvögel, der Thronräuber, von den Erstgeborenen bestraft, war der erste der Großen. Lange haben sie dem Volk gedient, ihm Schutz bei Regen und Nahrung gegeben, wenn die Jagd schlecht war. Und wenn heute einige von uns den in Ungnade gefallenen M’an dienen, so ist das eine andere Geschichte für ein anderes Treffen. Wir sind das Volk, und heute Nacht sprechen wir mit einer Stimme von unser aller Taten. Wir sind das Volk.«

Nachdem er sein Lied beendet hatte, sprang er mit einer Kraft von der Mauer, der man seine vielen Sommer nicht anmerkte. Als er ging, senkte das versammelte Volk ehrfürchtig die Köpfe zwischen die Vorderpfoten.

Die Stunde des Letzten Tanzes stand nahe bevor, und die Gesellschaft löste sich in kleine Grüppchen auf. Die Katzen sagten einander Lebewohl, schwätzten und sprachen über das Lied.

Traumjäger und Spindelbein blieben noch eine Weile, besprachen ihre Pläne für den kommenden Abend mit Pfotenflink und einigen der anderen jungen Jäger, dann brachen sie auf.

Als sie über die Felder zurücktollten, stolperten sie über einen Maulwurf, der sich aus seinem Bau verirrt hatte. Nachdem sie ihn ein wenig gejagt hatten, zerbiss ihm Spindelbein das Genick und sie aßen. Mit wohlgefüllten Bäuchen trennten sie sich bei Frittis Veranda.

»Mri’fa-o, Traumjäger«, sagte Spindelbein. »Wenn du morgen meine Hilfe brauchst, ich werde zur Stunde der Steigenden Dämmerung am Waldrand sein.«

»Schöne Träume für dich, Spindelbein. Du bist ein guter Freund.«

Spindelbein schnipste mit dem Schwanz und war verschwunden. Fritti hüpfte in den Kasten, den die Großen ihm überlassen hatten, und sank in die Welt des Schlafs.

2. KAPITEL

Es ist das Nebelhafte, Ungreifbare.

Wenn du es triffst, wirst du seinen Kopf nicht sehen,

Und wenn du ihm folgst, nicht seinen Rücken.

Laotse

Fritti Traumjäger war das zweitjüngste aus einem Wurf von fünf Kätzchen gewesen. Als seine Mutter, Inez Graswiege, ihn zum ersten Mal beschnüffelte und die Feuchtigkeit der Geburt aus seinem Fell leckte, spürte sie, dass er anders war – eine unmerkliche Besonderheit, die sie nicht zu deuten wusste. Seine blinden Säuglingsaugen und sein suchendes Mäulchen waren gleichsam beharrlicher als die seiner Brüder und Schwestern. Als sie ihn säuberte, spürte sie ein Prickeln in ihren Barthaaren, eine Andeutung unsichtbarer Dinge.

Vielleicht wird er ein großer Jäger, dachte sie.

Sein Vater, Streifenbauch, war gewiss ein stattlicher, kräftiger Kater. Sogar ein Hauch der Älteren Tage hatte ihn umgeben, besonders in jener Winternacht, als er mit ihr das rituelle Lied gesungen hatte.

Doch nun war Streifenbauch fort – seiner Nase nach und irgendeinem dunklen Drang folgend –, und sie war, natürlich, zurückgeblieben, um seine Nachkommen allein aufzuziehen.

Als Fritti heranwuchs, verlor sich die Erinnerung an ihre frühen Empfindungen. Die Gewohnheit und das schwere, alltägliche Geschäft, einen Wurf aufzuziehen, ließen viele ihrer feineren Gefühle abstumpfen.

Obgleich Fritti ein lebhaftes und friedfertiges Kätzchen war, gescheit und schnell von Begriff, so erfüllte er doch, was seine Größe anlangte, nie die Hoffnung seines Jäger-Vaters. Zu der Zeit, als das Auge sich dreimal über ihm geöffnet hatte, war er immer noch nicht größer als seine ältere Schwester Tirya und beträchtlich kleiner als jeder seiner zwei Brüder. Sein kurzes, ursprünglich cremefarbenes Fell hatte nachgedunkelt und eine Aprikosen-Orangen-Farbe angenommen, mit Ausnahme der weißen Streifen an Beinen und Schwanz und einer kleinen, milchigen, sternförmigen Zeichnung auf der Stirn. Nicht groß, aber flink und unternehmungslustig – von der kindlichen Tapsigkeit abgesehen – tanzte Fritti durch die erste Spanne seines Lebens. Er tollte mit seinen Geschwistern herum, jagte hinter Käfern, Blättern und anderen kleinen Dingen her, die sich bewegten, und übte seine unreife Geduld, um die anstrengende Kunst des Jagens zu erlernen, die Inez Graswiege ihren Kindern beibrachte.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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