Das Beste von Tad Williams - Tad Williams - E-Book

Das Beste von Tad Williams E-Book

Tad Williams

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Beschreibung

In diesem Buch findet der Leser so verrückte Dinge wie einen seltsame Geschichten erzählenden Vampir, zwei elendige Engel, einen Drachen, der mit einem Ritter und einer Hexe gemeinsame Sache macht, einen ein doppeltes Spiel treibender Fisch, einen loyalen Roboterbutler und den größten Zauberer überhaupt. Von seiner epischen Fantasy-Serie "Das Geheimnis der Großen Schwerter" (erschienen bei Klett Cotta), die George R.R. Martin als Inspiration für GAME OF THRONES nennt, bis zu seinem Romanklassiker "Traumjäger und Goldpfote" hat Williams jedes Genre, an das er seine Schreibfinger gelegt hat, mit Bravour gemeistert. Diese Sammlung zeigt die erstaunliche Breite von Williams Vorstellungskraft. Eindeutig dienten klassische Visionäre wie J.R.R. Tolkien, Ray Bradbury, Peter S. Beagle als Vorbilder.

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Seitenzahl: 703

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Das Beste vonTAD WILLIAMS

Die deutsche Ausgabe von Das Beste von Tad Williamswird herausgegeben von Amigo Grafik, Teinacher Straße 72, 71634 Ludwigsburg.Herausgeber: Andreas Mergenthaler und Hardy Hellstern,Übersetzung: siehe Seite 648; verantwortlicher Redakteur und Lektorat: Markus Rohde;Lektorat: Andrea Bottlinger, Kerstin Feuersänger (Das Drachentöter-Spiel) und Gisela Schell; Satz: Rowan Rüster/Amigo Grafik;

Titel der Originalausgabe: THE VERY BEST OF TAD WILLIAMS

Copyright © 2014 by Tad WilliamsIntroduction copyright © 2014 by Tad Williams

Originalausgabe erschienen beiTachyon Publications, San Francisco, USAWWW.TACHYONPUBLICATIONS.COM

All copyrights are by Tad Williams unless otherwise indicated.

German translation copyright © 2015, by Amigo Grafik GbR.

Print ISBN: 978-3-86425-795-7 (Oktober 2015)E-Book ISBN: 978-3-86425-748-3 (Oktober 2015)

WWW.CROSS-CULT.DE

INHALT

Einleitung

Das Drachentöter-Spiel

Die Fluttore

Die Hände des Fremden

Kind einer uralten Stadt

Der Jugenddetektiv von Oz: Eine Geschichte aus dem Otherland-Universum

Drei Duette für Jungfrau und Nashorn

Auch nicht mit einem Wimmern

Ein paar Gedanken zu DARK DESTRUCTOR

Z steht für …

Monsieur Vergalants Canard

Der Stoff, aus dem die Träume sind

Ein Fisch und drei Freunde

Alles fluffige Getier auf Erden und alle pinkfarbenen Vögel unter dem Himmel

Ein mieser fieser Ritter

Omnitron, was geht ab?

Schwarze Sonne

Die Boten Gottes

EINLEITUNG

Woher kommen eigentlich Geschichten? Diese Frage höre ich häufig. Hier folgt die Wahrheit, jedenfalls nach meiner Erfahrung: Sie kommen nirgendwoher. Sie sind bereits da und müssen nur entdeckt werden. Überall um uns herum sind Geschichten, und es sind unendlich viele. Sie stecken in jedem Wort, jeder Erfahrung, jedem Ding.

Nehmen wir beispielsweise einen Stein. Einen einfachen, glatten Stein, etwa so groß wie Ihre geschlossene Faust – keinen Edelstein, nichts derart Einfaches. Nur einen ganz gewöhnlichen Stein. Welche Geschichte steckt wohl dahinter?

Nun ja, Kain hob einen Stein wie diesen auf und erschlug damit seinen Bruder Abel. Das ist eine ziemlich berühmte Geschichte, wenn auch etwas brutal. Und David tötete den Riesen Goliath ebenfalls mit einem Stein. Allerdings müssen wir uns nicht unbedingt mit dem Mordpotenzial von Steinen beschäftigen, um eine Geschichte zu entdecken.

Was wäre, wenn Sie die Größe einer Ameise hätten? Der gewöhnliche Stein erscheint Ihnen nun ziemlich groß. Er könnte Ihnen auf einer wichtigen Reise den Weg versperren. Er könnte ein Objekt der Verehrung sein. Er hätte einen Hügel herunterrollen und Ihre gesamte Familie auslöschen können. (Ups, ich sagte doch, dass ich eigentlich nicht über mörderische Steine schreiben wollte.) Als Stein von gewöhnlicher Größe könnte er auch der Schlüssel zur Lösung eines Rätsels sein – womöglich haften wichtige DNA-Rückstände an ihm, oder er weist Spuren einer lange vergessenen menschlichen Rasse auf –, jedoch liegt er zwischen Tausenden beinahe identischen Steinen. Wie findet man ihn? Wird man ihn rechtzeitig aufspüren?

Ein Stein kann auch ein Briefbeschwerer auf dem Schreibtisch eines alten grausamen Mannes sein. Warum behält er ihn? Was könnte er ihm bedeuten? Ein Stein könnte das Spielzeug eines Kindes sein, das sich keine besseren Spielzeuge leisten kann. Er könnte als Türstopper benutzt werden, damit eine Person nicht aus ihrem Haus ausgesperrt wird – bis der Stein eines Tages ein paar Zentimeter zu weit rollt und die Tür zuschlägt und die Person nicht wieder hineinkommt. Dahinter steckt eine Geschichte. Das weiß ich aus Erfahrung.

Und wenn hinter jedem Stein eine Geschichte steckt – sogar viele davon, wie ich soeben unter Beweis gestellt habe –, wie viel mehr Geschichten warten dann dort draußen, getarnt als Taube oder als Flyer, den jemand auf dem Bürgersteig hat fallen lassen, oder in der Verkleidung Ihres Postboten oder als seltsame Wolke an einem ansonsten strahlend blauen Himmel? Wie viele Geschichten fahren neben Ihnen im Zug mit, lesen ihre Zeitungen und fragen sich, warum Sie sie so seltsam anschauen? Was ist mit den Geschichten, die aufgestapelt in Ihrer Garage liegen und sich als alte Klamotten ausgeben, die schon bald an die Kleiderkammer gehen sollen? Oder die Geschichte, die so tut, als wäre sie der nervende Nachbarshund? Haben Sie heute vielleicht schon eine Geschichte in einem Rinnstein links liegen lassen, weil sie nach nicht viel mehr aussah als nach einer zerbrochenen Flasche, deren Etikett vom Wasser und der Witterung bereits abgelöst wurde? Wer hat sie dorthin geworfen? Was hat die Person als Nächstes getan?

Das ist die Welt, in der ich lebe. Wenn ich die Gewohnheit und das Normale in den Dingen verdränge und mich stattdessen etwas genauer umsehe, fange ich an, überall um mich herum Geschichten zu sehen und zu hören. Fast jede Geschichte in diesem Buch hat so angefangen, als eine Kleinigkeit, die meine Neugier erregte, vielleicht als Traum, der mir nach dem Aufwachen noch einen Moment lang in Erinnerung blieb, oder als nicht weiter erklärte Fußnote in einem Geschichtsbuch, womöglich auch als so etwas Simples wie ein Gesprächsfetzen, den ich von vorbeieilenden Fremden aufgeschnappt habe, komplett aus dem Zusammenhang gerissen und daher herrlich unerklärbar.

Wie ich bereits sagte, tauchen Geschichten nicht einfach so auf. Sie sind keine Handlungsreisenden, die mit einem Koffer voller Romantik und Geheimnisse und Science-Fiction an Ihre Tür klopfen. Nein, die Geschichten sind bereits da, Sie müssen nur die Augen aufmachen. Vielleicht liegt die Geschichte, die Sie suchen, eben nicht zusammen mit den ganzen anderen Sachen im Aktenkoffer des Handlungsreisenden, sondern eher in seinen abgetragenen Schuhen oder in dem leicht verzweifelten Lächeln in seinem Gesicht, das nahelegt, dass er heute noch nichts verkauft hat. Oder sie liegt in den Lügen, die er am Telefon erzählt, wenn er zu Hause anruft um Bescheid zu sagen, dass er sich verspätet. Vielleicht hat sie auch überhaupt nichts mit dem Handlungsreisenden zu tun, sondern eher mit dem älteren Mann auf der anderen Straßenseite, der aus dem Fenster sieht und feststellt, dass er, obwohl er bereits seit vierzig Jahren in dieser Gegend wohnt, keinen einzigen der Nachbarn kennt, die der Handlungsreisende besucht.

Alles kann eine Geschichte sein, denn eine Geschichte kann alles sein, jede Idee. Dann beginnt die Arbeit. Sie müssen das, wofür Sie sich entschieden haben, aufnehmen und es sich ganz genau ansehen, es aus allen Blickwinkeln betrachten, darüber nachdenken, wo es war und was mit ihm passiert ist und was noch nicht mit ihm passiert ist, aber passieren könnte. Sie müssen darüber nachdenken, was dazu führt, dass auch andere die Geschichte erfahren wollen. Und dann müssen Sie sich diesen Stein, diese Unterhaltung, diese Wolke, diesen Handlungsreisenden, das, was auch immer Ihre Vorstellungskraft anregt, vornehmen und damit arbeiten. Sie müssen es formen und sein Innerstes freilegen, es ans Licht bringen, damit jeder sieht, was Sie gesehen haben, jeder hört, was Sie gehört haben, und jeder fühlt, was Sie gefühlt haben, als Sie diese Geschichte entdeckten.

Geschichten sind überall. Sie müssen nicht weit herumkommen. Sie sind in dem Raum, in dem Sie diese Zeilen lesen, in Ihrem Leben, in Ihren Erinnerungen, und es gibt noch jede Menge davon direkt vor Ihrer Haustür. Diese hier sind nur ein paar, die ich gefunden habe. Das, was ich aus Ihnen gemacht habe, dürfen Sie gern mit anderen teilen, und ich hoffe, dass Sie Ihnen gefallen. Allerdings habe ich dort draußen noch unzählige Geschichten übrig gelassen, falls Sie selbst auch welche finden möchten. Sie sind eine Ressource, die niemals zur Neige gehen wird – eine der wenigen. Und das Wichtigste daran ist Folgendes: Bis man sie findet und mit anderen teilt, sind sie vergeudet. Also selbst wenn Sie keine eigenen Geschichten finden wollen, würde ich mich freuen, wenn Sie einen Blick auf meine werfen.

Tad WilliamsSanta Cruz, Kalifornien24. Oktober 2013

DAS DRACHENTÖTERSPIEL

»Flieht, oder ich röste Euch wie einen Krustenbraten! Dies sind Eure einzigen Möglichkeiten!« Das Monster bewegte sich raschelnd in den Tiefen der Höhle. Seine Stimme klang aufgrund seiner Größe gewaltig und laut, doch die Jahrhunderte des Feuerspuckens hatten sie kratzig werden lassen.

»Keins von beidem, wenn Ihr gestattet.« Der Mann in der Rüstung wartete so geduldig wie es ihm möglich war und hoffte, dass er weit genug vom Eingang der Höhle entfernt stand, um nicht doch noch geröstet zu werden, falls das Gespräch nicht die erhoffte Wendung nahm. »Ich würde Euch gern etwas antragen.«

»Ihr wollt was?« Die Wut in diesen Worten klang keineswegs geheuchelt. »Ich habe zwar davon gehört, dass es in fernen Landen Ritter geben soll, die in diesen scheußlichen modernen Zeiten dazu übergegangen sind, sich zu solch perversen Schandtaten herabzulassen. Doch niemals hätte ich mir träumen lassen, dass mir jemand solch einen widerlichen Antrag unterbreiten würde! Euch wird es gleich sehr heiß werden, junger Narr!«

»Ich bin nicht mehr ganz jung, und ich halte mich auch nicht für einen Narren«, sagte der Ritter. »Und es ist nicht eine solche Art Antrag. Guter Gott, ich habe Euch ja noch nicht einmal zu Gesicht bekommen. Ganz abgesehen davon ist Euer Odeur nicht gerade angenehm, jedenfalls für eine menschliche Nase.«

Als der Drache nach einer längeren Pause wieder zu sprechen begann, schwang ein kleiner Anflug verletzter Gefühle in seiner Stimme mit. »Aha. Also nicht solch ein Angebot.« Eine weitere Pause. »Wie kann ich sichergehen, dass Ihr nicht versuchen werdet, mich zu erschlagen, wenn ich hinauskomme?«

»Wenn ich mir sicher wäre, Euch erschlagen zu können, dann würde ich wohl nicht hier stehen und reden. Ich gebe Euch mein Wort als Ritter, dass Ihr vor mir in Sicherheit seid, solange Ihr mir nichts antun wollt.«

»Hmmmmpf.« Diesem Laut, begleitet von einer Wolke aus heißem Dampf, folgte schon bald das Geräusch eines langen und geschuppten Körpers, der sich über den steinigen Boden schob. Dann tauchte der große Drache in der Höhlenöffnung auf.

Der Ritter bemerkte, dass dieser offensichtlich schon bessere Tage gesehen hatte. Seine Schuppen waren abgewetzt und schartig, seine Farbe nicht mehr so kräftig, und doch war er groß genug und verfügte vermutlich noch über genügend Feuerkraft, sodass er Verhandlungen einem Angriff vorzog.

»Ich bin Guldhogg«, verkündete der Drache, und jedes Wort hallte deutlich über die Hügel hinweg. »Warum habt Ihr mich aufgesucht? Seid Ihr des Lebens müde geworden?«

»Um ehrlich zu sein, bin ich es müde zu hungern, und selbst der Alkohol, dem ich mich in meiner Freizeit gern einmal zuwende, verliert nach und nach seinen Reiz.« Der Ritter machte eine höfliche Verbeugung. »Mein Name ist Sir Blivet von Überall und Nirgends, seit Kurzem Drachentöter im Ruhestand – und mittellos. Wahrlich kein besonders erfreulicher Zustand – tatsächlich dachte ich daran, mich erneut der heftigen Trinkerei zuzuwenden –, doch kürzlich wurde es noch schlimmer. Die Bewohner von Handselmansby zerrten mich geradezu aus meinem Ruhestand hervor, um Euch zu vernichten – dafür boten sie mir eine recht interessante Summe …«

Der Drache richtete sich bis fast zu den Baumwipfeln auf. »Elender Feigling! Ihr habt einen Meineid geleistet!« Ein Grollen erklang, und aus seinem Rachen stieß eine Feuerwolke hervor. Doch bevor die Flammen auch nur ein paar Schritt weit gekommen waren, begann Guldhogg zu husten. Die Flammen flackerten auf und erstarben, und eine Dampfwolke – wohl eher ein Wölkchen – stieg in den morgendlichen Himmel empor. »Nur einen M-m-moment«, sagte der Drache. »Gebt mir Gelegenheit, um z-z-zu Atem zu kommen, g-garstiger Ritter.« Er hörte auf zu husten, doch stattdessen litt er nun an einem Schluckauf. Bei jeder kleinen Eruption entstand ein weiteres Dampfwölkchen. »Ehrlich, ich werde Euch …« Hicks. »Ich werde …« Hicks. »Euch gründlich durchrösten.« Und wieder ein Hicksen.

»Edler Guldhogg, altehrwürdigster aller Drachen, erspart mir diesen Unsinn.« Sir Blivet ließ sich auf dem Boden nieder. Er hatte noch nicht einmal sein Schwert gezogen. »Die Bewohner von Handselmansby mögen nicht wissen, dass Ihr alt und krank seid, doch ich weiß es. Ihr könntet mich genauso wenig rösten wie Ihr die Kardinalswürde vom Papst in Rom erhalten könnt.«

»Ihr Ritter von einem Schweinehund!« Der Drache richtete sich erneut auf. »Hmmmpf. Ich meine: Ihr Schweinehund von einem Ritter! Womöglich habe ich zurzeit ein paar Schwierigkeiten mit meiner Feuerkraft, aber ich kann Euch immer noch vernichten! Habe ich nicht noch meine Klauen und Zähne, jedenfalls noch die meisten davon? Kann ich nicht fortfliegen, jedenfalls mit einem ordentlichen Rückenwind und gelegentlichen Ruhepausen? Glaubt ja nicht, dass ich mich so einfach besiegen lasse, Ihr unhöfliche und unverschämte menschliche Person.«

»Dem stimme ich zu, mächtiger Guldhogg. Ihr seid noch immer ein vortrefflicher Gegner, selbst in Eurem hohen Alter und mit Euren Gebrechen.«

»Ja! Ja, das bin ich!« Der Drache lehnte sich vor und verengte die großen gelben Augen zu Schlitzen. Als er sprach, klang er ein wenig besorgt. »Bin ich wirklich solch eine Witzfigur? Es gab mal eine Zeit, da brachte die bloße Erwähnung des Namens Guldhogg die Frauen zum Schreien und Kinder zum Weinen.«

»Und so ist es immer noch«, sagte Sir Blivet. »Es ist keinesfalls allgemein bekannt, dass Eure Fähigkeiten … nachgelassen haben. Tatsächlich ist mir dieser Umstand nur deshalb bewusst, da ich im Vorfeld unserer Begegnung einige Nachforschungen angestellt habe. Ich wollte eine Möglichkeit finden, um einen Kampf mit Euch zu verhindern. Denn …« Blivet nahm seinen Helm ab und enthüllte Haar und Bart, deren Farbe man durchaus als mit Weiß durchzogen hätte bezeichnen können, obwohl sich bei näherer Betrachtung ein deutliches Übermaß an Weiß erkennen ließ. Darüber hinaus war sein Haar, das vermutlich mal den Großteil seines Schädels bedeckt hatte, fast vollständig aus dem vorderen und oberen Bereich seines Kopfes verschwunden und zog sich nun weiter nach hinten zurück. »Wie Ihr erkennen könnt – und was zu einem nicht gerade geringen Teil zu meiner eigenen recht misslichen Lage beiträgt –, bin ich selbst auch nicht mehr ganz jung.«

Guldhogg kniff die Augen zusammen. »Bei meinen ehrwürdigen geschuppten Vorfahren, das seid Ihr tatsächlich nicht, nicht wahr?«

»So ist es. Ich wollte wirklich nichts mit dieser ganzen Angelegenheit zu tun haben, doch der Mangel macht uns jeder Sünd’ ergeben.«

Das Wesen schüttelte seinen langen Kopf. »Also ungeachtet dessen, was die fortschreitenden Jahre Euch selbst angetan haben, Sir Ritter, habt Ihr Euch dazu entschlossen, einen armen alten Drachen anzugreifen. Schande über Euch, Sir. Schande über Euch.«

»Oh, im Namen Jesu Christi!« Der Mann in der fleckigen Rüstung schüttelte verärgert den Kopf. »Hört Ihr denn nicht zu? Ich sagte doch soeben, dass ich Euch nicht bekämpfen will. Tatsächlich möchte ich Euch einen Handel vorschlagen – einen Handel, der uns beiden gleichermaßen zum Vorteil gereichen wird. Werdet Ihr mir nun endlich zuhören?«

Guldhoggs Augen verengten sich erneut, doch dieses Mal nicht aus Argwohn. Er schien ernsthaft über die Worte des Ritters nachzudenken, und endlich nickte der große Drache.

»Ich werde Euch zuhören, Sir Ritter.«

»Nennt mich Sir Blivet. Oder einfach nur Blivet. Schließlich werden wir zusammenarbeiten.«

Die vermögenden Bürger von Handselmansby, einer aufstrebenden Marktstadt, deren Handelskammer es sich zum Ziel gesetzt hatte, aus ihr ein neues Shoebury oder sogar ein Thetford zu machen, veranstalteten Blivet zu Ehren eine kleine Feier im Rump and Hock Inn. Es gab Häppchen und die Gäste mussten ihren Met selbst zahlen.

»Handselmansby dankt Euch für Euren Heldenmut und Euren Einsatz, verehrter Sir Ritter«, sagte der Bürgermeister, während er ihm den versprochenen Sack Gold überreichte. »Doch wenn Ihr den schrecklichen Drachen Guldhogg tatsächlich vernichtet habt, wo sind dann seine Überreste?«

»Äh«, sagte Blivet. »Nun ja. Wisst Ihr, obwohl ihn mein letzter Stoß tödlich verletzte, gelang es dem Ungeheuer so gerade eben, mit letzter Kraft davonzufliegen. Doch ich versichere Euch, dass er so viel Blut verlor, dass es keine Überlebenschance für ihn gibt.«

Als der Ritter die Fünf-Meilen-Markierung an der Straße erreichte, die aus Handselmansby hinausführte, senkte sich ein großer Schatten aus dem Himmel herab und landete mit einem ungeschickten Plumpsen neben ihm. Guldhogg brauchte einen Moment, um wieder zu Atem zu kommen, bevor er sprechen konnte – offensichtlich war er in den letzten Jahren nicht viel geflogen. »Hat es geklappt? Haben sie Euch das Geld gegeben?«

»Ja. Und ich habe es bereits gleichmäßig aufgeteilt.« Blivet zeigte ihm die Säcke und reichte ihm einen davon. »Hier ist Euer Anteil.«

Guldhogg schüttete ein paar Goldmünzen in seine große klauenbewehrte Vorderpranke. »Entzückend. Ich habe schon länger nichts mehr von diesem glänzenden Zeug gehabt. Ist natürlich nicht genug, um es sich darauf gemütlich zu machen, aber besser als nichts.« Er seufzte. »Das Problem ist jetzt natürlich, dass ich keinen Ort habe, an dem ich es aufbewahren kann. Ich meine, nun, da ich aus dem Großraum Handselmansby vertrieben wurde. Wo auch meine Höhle lag.«

Sir Blivet nickte. »Ich muss zugeben, dass dies eine unglückliche Entwicklung ist. Aber ich bin mir sicher, dass Ihr irgendwo im Danelag ein neues Zuhause finden könnt. Tatsächlich muss auch ich mir eine neue Bleibe suchen, denn wenn sich die Nachricht von meiner erfolgreichen Vernichtung eines Drachen verbreitet, rennen mir die Leute jede Woche mit immer wieder neuen Aufträgen die Türe ein. Ich bezweifle doch stark, dass ich noch mal so viel Glück haben werde, einen verlässlichen Partner zu finden, und außerdem habe ich keinerlei Interesse mehr an der Jagd auf echte Monster – diese Tage liegen weit, weit hinter mir. Um ehrlich zu sein, verlangt es mich nur nach einer kleinen regelmäßigen Einkommensquelle, damit ich mich niederlassen und meine goldenen Jahre genießen kann. Vielleicht suche ich mir sogar ein Weib …«

Guldhogg sah ein wenig gekränkt aus. »Ihr sucht einen neuen und verlässlichen Partner, Sir Blivet? Ich würde mich selbst als mehr als nur verlässlich bezeichnen – genau genommen bilde ich mir gar ein, mehr gegeben zu haben als zuvor vereinbart worden war. Habe ich nicht eindrucksvoll Feuer über den Baumwipfeln gespien, sodass die Städter sehen konnten, wie erbittert unser Kampf war? Habe ich nicht geheult und gebrüllt, bis der Äther selbst wie im Fieber erzitterte? Und nun habe ich kein Zuhause mehr und bin, mit Ausnahme dieses Säckchen Goldes, ebenso auf weiteres Einkommen angewiesen wie Ihr.«

»Ich habe nie so ganz verstanden, was ein Äther ist, also verlasse ich mich in dieser Sache auf Euer Wort«, sagte Blivet höflich. »Doch davon abgesehen habt Ihr vollkommen recht, ehrenwerter Guldhogg: Ihr wart ein mehr als angenehmer Widersacher, und sollten wir uns jemals in einer Situation wiederfinden, in der wir so etwas wiederholen könnten …«

Es herrschte eine ganze Weile lang Stille, doch dann räusperte sich der Drache und stieß ein winziges heißes Wölkchen aus. »Ihr scheint mitten im Satz innegehalten zu haben. Habt Ihr vergessen, was Ihr sagen wolltet?«

»Nein. Begleitet mich doch noch ein Weilchen«, sagte Blivet und stieg in seinen Sattel. »Mir ist gerade eine Idee gekommen, die ich gerne mit Euch besprechen möchte. Jedoch würde ich es vorziehen, wenn wir hier nicht zusammen dabei gesehen werden, wie wir das Geld der Einwohner Handselmansbys zählen.«

In den folgenden Jahren wurden Ostanglien und der Danelag von einer ausgewachsenen Drachenplage heimgesucht. Keine Bürger kamen zu Schaden, jedoch wurde einiges an Besitz geraubt, besonders Schafe und andere essbare Nutztiere. Der berühmte Drachentöter Sir Blivet wurde von Benfleet bis hoch nach Torksey und sogar noch darüber hinaus angefordert. Eines Tages ließ sogar der König von York anfragen, ob Blivet sich eines besonders abscheulichen Exemplars (das verängstigte Landvolk nannte es den Schnaufenden Schrecken) annehmen könne, das sich in der Kirkham-Schlucht niedergelassen hatte. Und wieder gelang es dem altgedienten Drachentöter, die Kreatur in nur wenigen Tagen zu vertreiben. Hierfür wurde er vom König fürstlich entlohnt, und der Ritter zog sich daraufhin in aller Bescheidenheit wieder aus York zurück.

Seltsamerweise schienen andere Drachentöter von diesem neuerlichen Monsterboom nicht in solch großem Maße zu profitieren wie Sir Blivet. Als sich Percy von Pevensey und Gwydion Riesenaxt auf die Suche nach den Kreaturen machten, die offenbar so viel Unglück in den East Midlands verursachten, konnten sie kaum eine Spur von ihnen finden. Sie trafen einzig auf Sir Blivet, der ihnen nur zu bereitwillig erklärte, wo man sie suchen solle. Doch die beiden bekannten Drachenjäger ritten ebenso enttäuscht von dannen wie viele weitere Vertreter ihrer Zunft, denn anscheinend war nur Sir Blivet in der Lage, die Kreaturen aufzuspüren. Schon bald wurde er, noch ehe er die eine Gegend von ihrer feuerspeienden Geißel befreit hatte, bereits von einer anderen drachengeplagten Bevölkerung zu Hilfe gerufen, die sich oftmals in unmittelbarer Nähe befand. Es hatte den Anschein, dass die Drachenplage sich ausweitete, und der Ritter verbrachte weit mehr Zeit auf seinem Pferd als unter einem Dach.

»Um ehrlich zu sein, Guldhogg, mein Freund«, gestand Blivet dem Drachen eines Tages in ihrem Lager im Wald, »bin ich dieses ganze Schauspiel allmählich leid.« Sie machten gerade eine Pause. Kurz zuvor hatten sie ihren letzten Lohn ihrer Ansammlung von Truhen und Schatullen hinzugefügt, die mittlerweile so vielzählig und vor lauter Münzen so schwer waren, dass sie ein mehrspänniges Fuhrwerk benötigten, um alles von Stadt zu Stadt und von Tal zu Tal zu transportieren. »Es ist nicht so, dass es keinen Spaß gemacht hätte.«

Guldhogg nickte, während er an einem Schaf knabberte. »Ich weiß, was du meinst, Bliv, alter Freund. Ich frage mich, ob wir unseren Wirkungskreis ein wenig ausweiten sollten. Ich schwöre dir, dass ich immer und immer wieder dieselben Bauern sehe.«

»Nun ja, ein Bauer sieht wie der andere aus«, erklärte Blivet. »Besonders dann, wenn sie mit dem Finger auf einen zeigen und schreien.«

»Es ist nicht nur das. Ich glaube, dass mich während unserer letzten Aktion welche erkannt haben. Eine Familie, die wohl aus Barrowby hergezogen ist – du erinnerst dich doch an Barrowby, oder?«

»Wo du das Pferd des Kanzlers aus seinem Stall gestohlen und die Knochen bei ihm aufs Dach gelegt hast?«

»Ja, genau. Jedenfalls hörte ich, während ich gestern hier über die Stadt hinwegflog, Feuer spie und brüllte, diesen Burschen, der ursprünglich aus Barrowby stammt, rufen: ›Ich habe diesen verdammten Drachen schon mal gesehen!‹ Wirklich sehr ungehobelt.«

»So ist es.« Blivet starrte auf seinen Berg Gold, der im Fuhrwerk lag. Er zog die Brauen zusammen und dachte nach. »Also schlägst du vor, zu neuen Ufern aufzubrechen?«

»Das halte ich für eine gute Idee. Ich will unser Glück nicht herausfordern.«

Sir Blivet zupfte noch immer beunruhigt an seinem Bart. »Ja, doch wie ich bereits sagte, Guldhogg, geht es für mich noch um etwas anderes. Ich bin diese Herumreiserei so langsam satt. Wenn ich mir vorstelle, dass wir uns in den Süden aufmachen oder in die West Midlands … na ja, um ehrlich zu sein, wären mir ein bisschen Ruhe und Frieden lieber – vielleicht finde ich sogar ein nettes Weib in meinem Alter und genieße meinen Ruhestand. Wir haben fast genug Gold beisammen. Ein weiterer Auftrag sollte unser beider finanzielle Zukunft sichern.« Er hielt inne. »Tatsächlich glaube ich sogar, dass ich einen Weg finden kann, wie wir beides zugleich erreichen können – einen letzten Zuschuss zu unserem Vermögen und einen permanenten Wohnsitz für uns beide! Wie klingt das? Wir erledigen mehrere Fliegen mit einer Klappe.«

»Ein Zuhause für uns beide? Ich bin gerührt, Blivet, aber wie soll das gehen?«

»Es ist so: Obwohl du bei Weitem das einträglichste bist, bist du doch nicht das einzige Wesen, das den Einwohnern hier zusetzt. Immerhin schreiben wir das zehnte Jahrhundert in England – vor ein paar Jahren konnte man kaum aufstehen und sich recken, ohne einen Lindwurm oder Greifen oder Ähnliches anzustoßen. Sie mögen alle etwas seltener geworden sein, doch über die Insel verteilt gibt es immer noch eine ganze Menge andere Monster.«

»Selbstverständlich«, sagte Guldhogg. »Das ist mir bekannt. Dies ist einer der Gründe dafür, dass die Menschen nicht wirklich überrascht sind, wenn ich irgendwo auftauche und so tue, als sei ich ein anderer Drache als beim letzten Mal. Ehrlich, Blivet, das hört sich so an, als seist du traurig darüber, dass immer noch ein paar von uns übrig sind.«

Der Ritter lehnte sich zu ihm hinüber, obwohl meilenweit niemand in der windigen Heidelandschaft zu sehen war. »Nur ein paar Meilen die Straße runter, in der Nähe von Fiskhaven an der Küste, haust ein schrecklicher Oger namens Ljotunir.«

»Was für ein seltsamer Name!«, sagte Guldhogg.

»Ja, also die Sache ist die, dass er offenbar ein garstiger Geselle ist, der das Städtchen Fiskhaven in Angst und Schrecken versetzt. Mir kam zu Ohren, dass es ein nettes Plätzchen ist, frische Seeluft und einige sehr schöne Burgen mit Meerblick, die seit dem Zusammenbruch des Markts für Trockenhering für einen Spottpreis zu haben sind. Und Ljotunir mag zwar ein harter Brocken sein, aber nicht unbesiegbar. Er ist zwölf Fuß groß und ziemlich stark, aber nicht feuerfest … du verstehst, worauf ich hinauswill?«

»Nein«, sagte Guldhogg etwas säuerlich. »Nein, Bliv, mein guter treuer Weggefährte, ich fürchte, das verstehe ich nicht.«

»Aber das ist doch ganz einfach, Guld, mein geschuppter Kamerad. Wir können uns deshalb nirgendwo niederlassen, weil ich, wo auch immer wir hingehen, ein Riesenspektakel daraus mache, wie ich dich vertreibe oder sogar vernichte. Das bedeutet wiederum, dass du dich im Nachhinein nicht einfach weiter öffentlich mit mir abgeben kannst. Doch wenn wir diesen Oger gemeinsam vertreiben könnten … nun ja, dafür würde man uns erneut fürstlich entlohnen, doch dieses Mal müsstest du keinen Schaden anrichten und wir könnten beide in Fiskhaven bleiben. Dann kaufen wir uns eine Burg und Land, lassen uns nieder und genießen die Früchte unserer Partnerschaft« – bei diesen Worten deutete er auf den voll beladenen Wagen – »in Ruhe und Frieden. Und was noch wichtiger ist: Wir tun dies an einem festen Ort, wie es sich für Individuen unseres fortgeschrittenen Alters gehört. Kein Herumreisen mehr.«

»Und wovon soll ich mich ernähren?«, fragte Guldhogg. »Immerhin macht mich in erster Linie der Umstand, dass ich das Vieh der Leute verspeise, zu einer dracona non grata. « Der große Drache wirkte plötzlich verdrießlich. »Du hältst mich doch nicht auch für widerlich, oder, Blivvy? Ich meine, wir kennen uns ja jetzt schon eine ganze Weile. Du kannst offen sprechen.«

»Du bist ein sehr angenehmer Begleiter«, sagte der Ritter mit fester Stimme. »Nur wer Drachen gegenüber voreingenommen, engstirnig oder schlicht und einfach rüpelhaft ist, würde etwas Gegenteiliges behaupten. Doch du hast mich meinen Plan gar nicht zu Ende ausführen lassen, deine Nahrungsversorgung ist da mit inbegriffen. Wir haben Geld, Guldy. Sobald wir den Oger erledigt haben, lassen wir uns in Fiskhaven nieder und werden Bauern! Wir kaufen Schafe und züchten sie. Dann kannst du so viele essen, wie du zum Leben brauchst, solange du die Kleinen verschonst, damit sie heranwachsen können – so kommen immer mehr Schafe dazu, die du essen kannst. So funktioniert das Bauernleben, weißt du?«

»Wirklich? Das ist ja großartig!« Guldhogg schüttelte seinen großen geschuppten Kopf. »Was die sich wohl als Nächstes einfallen lassen?«

Die Schlacht mit dem schrecklichen Oger Ljotunir wütete tagelang, und im gesamten Tal erscholl der Kampfeslärm. Schließlich nahm sie in den Hügeln hoch über Fiskhaven ihr Ende. Als Sir Blivet sich gerade in die Stadt aufmachen wollte, um seinen Lohn für den Sieg über den Oger einzufordern, bemerkte er, dass Guldhogg sehr geistesabwesend, ja, sogar irgendwie traurig wirkte.

»Was ist los, alter Kumpel?«

»Es geht um den Oger. Er sieht so unglücklich aus!« Guldhogg nickte in Richtung Ljotunir, der mit dem Rücken an den Stamm einer Eiche gelehnt dasaß und laut schluchzte.

Blivet nahm seinen schweren Helm ab und ging über die Lichtung zu dem Platz, an dem Ljotunir saß. Aufgrund seines Gewichts neigte sich der Baum bereits gefährlich zur Seite. Die Wangen des Monsters waren tatsächlich tränenfeucht. »Was bekümmert Euch, Sir Oger?«, fragte Blivet. »Bedauert Ihr, dass Ihr Euch mit einem Viertel Anteil zufriedengegeben habt? Ihr versteht schon, dass das Risiko in diesem Geschäftszweig bei uns liegt, nicht wahr? Und dass wir unseren Ruf über viele Jahre hinweg aufgebaut haben? Doch vielleicht trauert Ihr nur Eurem eigenen Ruf als unschlagbarem und angsteinflößendem Riesen nach?«

»Das ist es nicht, und am Geld liegt es auch nicht.« Ljotunir schluchzte und wischte sein Gesicht mit einem Taschentuch ab, das die Größe eines Tischtuchs hatte (tatsächlich war es ein Tischtuch). »Es ist nur … nun ja, jetzt habe ich kein Zuhause mehr. Ich habe mich auf diese Sache eingelassen, weil ich nicht kämpfen wollte. Um ehrlich zu sein, bin ich das letzte Jahrhundert lang gar nicht ich selbst gewesen – meine Gelenke schmerzen aufgrund des feuchten Meeresklimas, Sir Ritter, und der heulende Wind lässt mich nachts zumeist keinen Schlaf finden –, doch trotzdem hängt mein Herz an diesem Ort. Wo soll ich nun hin? Wie soll ich nur weiterleben?« Wieder brach der Riese in Tränen aus, und seine Schluchzer brachten die sich bereits gefährlich zur Seite neigende Eiche so zum Erzittern, dass ein Nest voller erschrockener junger Eichhörnchen zu Boden fiel.

»Na, na«, beruhigte ihn Blivet. »Ich bin mir sicher, dass Euer Anteil an unserer Beute groß genug ist, um Euch davon ein hübsches Steinhäuschen irgendwo in der Wildnis zuzulegen. Vielleicht solltet Ihr Euch weiter in Richtung Norden orientieren – wie ich hörte, ist die arktische Brise auf den Orkneys recht angenehm und trocken, was Euren Gebrechen zum Vorteil gereichen sollte.«

»Ja, trocken mag sie sein, aber so kalt, dass sich selbst ein Basilisk was abfriert!«, sagte der Oger betrübt. »Das wird meinen Gelenken erst recht zusetzen, oder etwa nicht?« Erneut schluchzte er.

»Oh, schau dir doch den armen Kerl an!«, sagte Guldhogg, als er näher kam. »Er ist so traurig! Sein kleines Gesicht sieht todunglücklich aus! Können wir denn gar nichts tun?«

Blivet sah sich den schluchzenden Riesen genauer an, dessen »kleines Gesicht« so groß war wie der Schild des Ritters. Schließlich seufzte Blivet, wandte sich dem Drachen zu und sagte: »Vielleicht habe ich eine Lösung. Aber zuerst brauche ich dringend ein Fass Ale.«

»Wirklich?«, fragte Guldhogg, der neugierig darauf war, was für ein seltsames Menschending Blivet nun wohl plante. »Und was hast du damit vor?«

»Austrinken«, sagte der Ritter. »Jedenfalls den Großteil.«

Sir Blivet war soeben klar geworden, dass sie, wenn er seinen Freund Guldhogg glücklich machen wollte, den nun heimatlosen Oger in ihre kleine Organisation mit aufnehmen mussten. Und dies bedeutete, dass sie – wieder einmal – am Morgen weiterziehen würden.

Zunächst lief die Sache gar nicht so schlecht. Nun, da Ljotunir sich ihnen angeschlossen hatte, konnte Guldhogg sich gelegentlich mal eine Woche freinehmen und überließ die anstrengende Aufgabe, die Landplage für die Bevölkerung zu spielen, dem Oger. So konnten sie sogar an einige Orte zurückkehren, die sie bereits von Drachen befreit hatten (na ja, jedenfalls von einem Drachen), da diese jetzt ihre Hilfe wegen eines Ogerproblems benötigten. Blivet allerdings hatte keine freien Tage mehr, und sie verbrachten viel Zeit damit, von Grafschaft zu Grafschaft zu reisen.

Guldhogg entging nicht, dass der Ritter neuerdings vor dem Einschlafen ziemlich viel Ale trank und dass sich die Unterhaltungen mit ihm, die noch vor ein paar Wochen recht angeregt gewesen waren, nun zumeist auf ein »Fürwahr, wie du meinst« reduzierten.

Und es wurde schlimmer.

Gerüchte über den Schwindel, den Blivet und Guldhogg in Mittelengland abzogen, machten mittlerweile auf der Insel die Runde – zwar nicht unter den Dorfbewohnern, die ja das Ziel der Hochstapler waren, sondern innerhalb der großen nationalen Gemeinschaft der mythischen Geschöpfe und Fabelwesen. Diese Kreaturen hatten wohl bemerkt, dass zwei recht große Vertreter ihrer Zunft, nämlich ein Drache und ein Oger, nicht nur einen Weg gefunden hatten, zu überleben, sondern auch zu Wohlstand zu gelangen. Als sich die Nachricht über diesen Durchbruch verbreitete, bekamen Blivet und seine Freunde überall, wo sie hinkamen, Geschäftsangebote von den verschiedensten Spuk- und Schreckensgestalten, die das Glück verlassen hatte oder die anderweitig auf der Suche nach Abwechslung waren.

»Mir ist schon bewusst, dass das schwierig für uns wird, Blivet mein alter Freund«, sagte Guldhogg. »Aber ich kann mir einfach nicht helfen – ich weiß, wie sich diese Kreaturen fühlen. Die Zeiten sind schon seit Langem schwer für uns mythische Monster, und es wird nur noch schlimmer werden, wenn in ein paar Hundert Jahren das Zeitalter der Renaissance anbricht.«

»Aber wir können nicht alle von ihnen gebrauchen«, protestierte Blivet. »Welcher Stadtrat, der noch einigermaßen bei Verstand ist, heuert einen Ritter an, um ein paar Schusterwichtel zu erschlagen?«

»Wir können Arbeit für sie finden. Zum Beispiel deine Stiefel, Blivvy. Hättest du die nicht gerne neu besohlt?«

Blivet seufzte. »Reich mir mal das Ale rüber, ja?«

Bevor das Jahr verstrichen war, hatten sich zu Blivets und Guldhoggs Unternehmen (größtenteils auf Drängen des Drachen) ein Basilisk, zwei Hippogreifen – die wahnsinnig ineinander verliebt waren und sich entschieden hatten, von ihren Familien fortzulaufen – sowie eine immer weiter anwachsende Entourage aus Wassergeistern, Kobolden, Barghesten und ähnlichen mythischen Gestalten hinzugesellt. So wurde aus einer übersichtlichen und komfortablen Mensch-und-Drache-Partnerschaft eine seltsame geheime Truppe, die von Grafschaft zu Grafschaft durch ganz Mittelengland reiste.

Guldhogg hatte gehofft, dass ihre zusätzlichen Begleiter ihr Unternehmen vereinfachen würden, da sie nun auch an Orte zurückkehren konnten, die sie bereits mehrmals gerettet hatten (und dies nicht nur vor Ogern oder Chimären, sondern auch vor weniger gefürchteten, aber dennoch unerfreulichen Schicksalen, wie beispielsweise über längere Zeit von einer Horde Butzemänner heimgesucht zu werden). Doch alles Geld, das sie einnahmen, diente dazu, ihr riesiges Gefolge aus fabelhaften Gestalten vor neugierigen Augen zu verbergen, in Bewegung zu halten und – was am wichtigsten war – satt zu bekommen, während sie kreuz und quer durch Mittelengland reisten.

Das größte Problem war allerdings, dass Blivet es logischerweise so langsam satt hatte, von Stadt zu Stadt zu reisen und so zu tun, als töte er etwas. Vermutlich setzte es ihm auch zu, dass ihn seine Landsleute nicht etwa als noblen Drachentöter feierten, sondern in ihm vielmehr einen arroganten Kammerjäger sahen, der Wassergeister und Kobolde fortscheuchte, als seien sie kaum mehr als Ratten.

Guldhogg kam nicht umhin zu bemerken, dass Blivet einen ziemlich hohen Verbrauch an Ale hatte und dass es ihn immer weniger kümmerte, ob ihre mittlerweile massiv angewachsene Gruppe verborgen blieb. Ihre Reisen von Ort zu Ort gerieten immer mehr zu einer Parade als zu einer verdeckten Operation. Inzwischen hatten sich ihnen sogar ein paar Menschen angeschlossen und man bekam das Gefühl, sich auf einem Jahrmarkt aufzuhalten anstatt Teil eines ernsthaften wirtschaftlichen Unternehmens zu sein. Sogar ein Drache konnte erkennen, dass es nur noch eine Frage der Zeit war, bis irgendeinem Städter auffiel, wie sehr sie übers Ohr gehauen worden waren.

Und Guldhogg war nicht der Einzige, der sehen konnte, was auf sie zukam: Blivet kaufte sein Ale nun in riesigen Mengen.

Guldhogg entging auch nicht die Ironie, dass sie vermutlich mehr Geld hätten einnehmen können, wenn sie den Leuten Eintrittskarten verkauft hätten, damit diese sich die Menagerie aus seltsamen Tieren anschauen konnten – immerhin ging es ihnen gut genug, um horrende Summen auf stümperhaft organisierten Jahrmärkten in der Gegend auszugeben –, doch Blivet und der Drache mussten tagtäglich von Sonnenaufgang bis lang nach Mitternacht arbeiten, um ihr Gefolge satt zu bekommen und in Bewegung zu halten; ein größeres Maß an Organisation wäre schier unmöglich gewesen.

Als dann in Smethwick eine drohende Katastrophe nur gerade so eben abgewendet werden konnte, als eine Familie Werwölfe zum Abendessen aufbrach und auf einen Kinderkreuzzug stieß, wurde Guldhogg schließlich klar, dass sich etwas ändern musste. (Die Beinahe-Katastrophe schien Blivet nur noch durstiger zu machen.)

Der Drache erkannte, dass sich sein Freund der Ritter nun an einem Scheideweg befand und vielleicht nur noch einen weiteren giftigen Basiliskenbiss davon entfernt war, dem ausufernden Unternehmen auf der Suche nach einem ruhigeren Leben den Rücken zu kehren. Guldhogg war ein alter Drache, und obwohl seine eigene Paarungszeit schon lange verstrichen war, wurde ihm bewusst, dass sein Freund einer fürsorglichen Partnerschaft bedurfte, die ihm selbst eine ganze Armee aus Butzemännern, Ogern und Kameloparden nicht bieten konnte.

Zwei der neueren Mitglieder der Truppe waren sprechende Raben – laut, durchtrieben und clever. Im Tausch für ein paar glänzende Dinge aus Guldhoggs mittlerweile riesiger Sammlung stimmten sie zu, einige Aufgaben für ihn zu übernehmen. Sie suchten die Haupt- und Nebenstraßen des späteren Dunklen Zeitalters Großbritanniens nach einer Gegebenheit ab, die den Vorstellungen des Drachen entsprach.

Als die Truppe eines Tages am Fluss Derwent haltmachte, um die Selkies zu tränken, kehrten die Raben mit den Neuigkeiten zurück, auf die Guldhogg gewartet hatte.

»Der Verwunschene Wald?« Blivet warf einen skeptischen (und auch etwas unsteten, da er sich schon früh am Morgen dem Ale zugewandt hatte) Blick auf das Schild. Bereits von außen sah der Wald, den das Schild ankündigte, so aus, als bringe er wahrhaftige Albträume hervor. Die Bäume wuchsen sehr nah beieinander und waren hoch und alt. Es war kaum vorstellbar, dass in ihren dunklen Schatten überhaupt etwas gedieh. An dem Ort unterhalb der Ausläufer der Berge herrschte Totenstille, und die Atmosphäre in dem kleinen Tal, das zwar nah an einem der Hauptverkehrswege, aber weit entfernt von jeglichen Siedlungen lag, war so drückend, dass selbst den Basilisken die Lust aufs Frühstück verging (was fürwahr etwas heißen mag). »Sieht widerlich aus. Was für ein Monster haust dort?«, fragte der Ritter. »Und selbst wenn es unserem Unternehmen von Nutzen sein sollte, warum soll gerade ich anstelle von dir oder Ljotunir oder einem der anderen größeren Wesen hineingehen und danach suchen? Ich habe schon seit Jahren nicht mehr wirklich gegen ein gefährliches Wesen gekämpft.«

»Das mag schon sein, aber du kannst die Eigenschaften eines Monsters am besten einschätzen«, besänftigte ihn Guldhogg. »Wir alle vertrauen auf dein Urteilsvermögen. Außerdem sind wir der Meinung, dass deine Ideen die besten und nützlichsten sind.«

Blivet warf ihm einen skeptischen Blick zu. »Ehrlich?«

»Oh, auf jeden Fall. Besonders dann, wenn du nicht so viel trinkst.«

Der Ritter machte ein mürrisches Gesicht. »Du hast meine Frage noch nicht beantwortet. Was für ein Monster haust an diesem unheiligen Ort?« Der eisige Wind, der direkt aus dem Wald zu kommen schien, ließ ihn erzittern.

»Irgendein weibliches Wesen«, antwortete Guldhogg spontan. »Ich bin mir nicht ganz sicher.«

»Und wie kann es sein, dass sich hier, mitten im Nirgendwo, auch nur irgendjemand für diese Kreatur interessiert?« Blivet sah sich um. »Mal ehrlich, Guldhogg, wer würde uns denn dafür entlohnen, dass wir sie verjagen? Hier ist doch im Umkreis von einigen Meilen keine Stadt zu finden.« Der Drache wirkte auf Blivet tatsächlich ein wenig nervös. »Bist du dir sicher, dass das hier der richtige Wald ist?«

»Oh, absolut. Und es gibt ein paar ausgezeichnete Gründe für dich, dort hineinzugehen«, sagte Guldhogg im Brustton der Überzeugung. »Die gibt es auf jeden Fall. Ich werde dir später alles erklären, Blivvy. Mach dich nun auf den Weg. Ich warte hier und horche. Ruf mich einfach, wenn du mich brauchst.«

Sir Blivet warf dem Drachen einen letzten zweifelnden Blick zu, dann klappte er geräuschvoll das Visier seines Helms herunter, nahm seine Lanze und eilte in den Wald hinein. Er dachte wohl, dass er auf diese Weise umso schneller zu seinen Ale-Fässern zurückkehren könnte, die als Beweis ihrer Freundschaft nicht von ihm verlangten, sich einem Monster entgegenzustellen.

Der Wald war im Innern genauso düster, wie er von außen wirkte. Er war durchzogen von langen Schatten und totenstill. In der kalten Brise wehten die Netze von großen, jedoch bisher nicht sichtbaren Spinnen. Sir Blivet hatte das ständige Gefühl, beobachtet zu werden, und gerade als er sich dazu entschloss, ins Lager zurückzukehren und zu gestehen, dass das Wesen nicht auffindbar war, sprach ihn jemand an.

»Sir Ritter?«

Ihm wurde flau im Magen und er wandte sich um. Eine in einen Umhang gehüllte Gestalt trat aus den Schatten auf den Wildwechsel, dem sein Pferd gefolgt war. »Wer seid Ihr?«, fragte er und versuchte, sich an den kühnen und unerschrockenen Tonfall zu erinnern, den er in jüngeren Jahren mit Leichtigkeit hatte anschlagen können, als er es nicht besser gewusst hatte. »Braucht Ihr Hilfe?«

»Das könnte wohl sein«, sagte die Gestalt. »Seid Ihr Sir Guldhogg?«

»Sir Gul…« Blivet schüttelte verwirrt den Kopf. »Nein. Guldhogg ist ein Freund von mir, aber …« Er warf einen genaueren Blick auf die Gestalt mit dem Umhang, doch unter der Kapuze konnte man kaum etwas von ihrem Gesicht erkennen. »Ich bin Sir Blivet, der bekannte Drachentöter. Wer seid Ihr?«

»Ich bin das Monster des Verwunschenen Waldes.« Die Gestalt schlug ihre Kapuze zurück und zum Vorschein kam eine attraktive Frau mittleren Alters mit kurzem Haar, schlankem Hals und scharfem Blick.

»Ihr seid das Monster?«

»Nun ja, eigentlich bin ich eher eine Hexe.« Sie lachte etwas verlegen. »Doch als ich mich vor vielen Jahren hier niederließ, streute ich das Gerücht von einem gefährlichen und tödlichen Monster, das in diesem Wald lauert, damit man mich in Ruhe lässt. Die Menschen tendieren dazu, sich vom Hexenwahn mitreißen zu lassen, und bevor man sich versieht, suchen sie einen nach einem dritten Nippel ab oder haben schon die Zündhölzer parat – Ihr wisst schon, was ich meine. Doch ich befürchte, dass ich meine Arbeit zu gut erledigt habe.« Sie zuckte mit den Schultern und wies in den dunklen Wald hinein. »Alle sind fortgezogen. Selbst die Leute aus den umliegenden Dörfern haben sich aus lauter Angst auf die Suche nach einem neuen Heim gemacht. Hier bin ich nun.«

»Hier seid Ihr nun.« Blivet war sich zwar der Tatsache bewusst, dass dies nicht gerade die gescheiteste Erwiderung war. Doch er war von der unerwarteten Offenheit im Gesicht der Frau sowie von ihrer bescheidenen und vernünftigen Redeweise erstaunt. »Aber warum genau?«

»Weil ich hier lebe.« Sie warf ihm einen Blick zu, der nahelegte, dass sie ihn für nicht besonders schlau hielt.

»Nein, ich meine, warum bin ich hier?« Blivet wünschte sich mittlerweile, er hätte sich erst später an diesem Tag dem Ale zugewandt. »Nein, das ist auch nicht ganz richtig. Was ich meine, ist: Warum habt Ihr und … und Sir Guldhogg dieses Treffen arrangiert?«

»Ah. Eine berechtigte Frage.« Sie lächelte. »Wer, glaubt Ihr, Sir Blivet, sind die Kunden einer Hexe? Menschen. Man will, dass sie einen fürchten, dass sie von einem beeindruckt sind. Allerdings will man nicht, dass sie wegziehen, denn für wen soll man dann noch Liebestränke brauen? Wessen kranke Kälber und wessen kranke Babys soll man heilen? Für wen kann man dann noch mithilfe der Karten oder von Teeblättern die Zukunft vorhersagen?«

»Aha, ich denke, ich verstehe, was Ihr damit sagen wollt. Aber dieses Treffen …«

»Guldhogg hat die Verhandlungen mithilfe der Raben eröffnet. Eine wirklich gute Idee, da der hier vormals ansässige Lord diesen Ort gemeinsam mit seinen Untertanen und dem Waldvolk verlassen hat, was bedeutet, dass ich auf normalem Wege nicht viel Post bekomme.«

»Oh, ich verstehe«, sagte Blivet, der nun vollends davon überzeugt war, rein gar nichts mehr zu verstehen. »Die Verhandlungen eröffnet.«

»Sir Hogg ließ mich wissen, dass man Euch und dem Rest Eurer … Gilde? Organisation? Wie auch immer, dass man Eurem Gefolge eine stattliche Summe angeboten habe, um das Monster aus dem Verwunschenen Wald zu vertreiben. Seine Ehre gebot es ihm, mich darüber zu informieren, dass Ihr auf dem Weg seid. Also schrieb ich ihm zurück und machte ihm stattdessen ein geschäftliches Angebot.«

Ah. Nun ergab alles etwas mehr Sinn, entschied Blivet. »Geschäftliches Angebot. Ja. Nun, habt Ihr Gold?«

Sie lachte erneut. Blivet kam nicht umhin, zu bemerken, dass sie recht hübsch war – auf eine schlichte, reife Art – und sogar noch hübscher, wenn sie etwas amüsierte. »Ihr Götter, nein!«, sagte die Hexe. »Ich habe keinen Penny. Wie auch, wenn alle meine Kunden nach Rutland County und weiter Richtung Süden gezogen sind? Nein, ich habe überhaupt kein Geld. Geht ein Stück mit mir und lasst uns über die ganze Sache reden.«

Blivet stieg von seinem Pferd, obwohl er den Sinn darin nicht ganz erkennen konnte. Doch er war gewillt, noch mehr Zeit in der Gesellschaft dieser attraktiven Frau zu verbringen. Sie legte eine Persönlichkeit an den Tag, die er von einer Hexe niemals erwartet hätte. »Aber wenn Ihr kein Geld habt, worüber sollen wir dann reden? Ich meine, was das Geschäftliche betrifft?«

Nun war es an ihr, den Kopf zu schütteln. »Einfältiger Mann. Als sei Gold das einzig Wertvolle auf der Welt. Übrigens lautet mein Name Hekate. Ich wurde nach der Göttin benannt.«

»Erfreut, Euch kennenzulernen, Mistress Hekate.«

»Ich habe zwar keinen Cent, jedoch bin ich laut geltendem Recht die Eigentümerin dieses Waldes. Ich habe dem hier ansässigen Lord einen Gefallen getan, als ich seine Tochter von den Pocken heilte. Also übereignete er mir den Wald, als er wegzog (na ja, eher floh) – wohl hauptsächlich, damit ich die Heilung seiner Tochter nicht rückgängig mache, nehme ich an.« Sie räusperte sich. »Demnach bin ich, wie man so schön sagt, arm an Geld, jedoch reich an Land, mein gut aussehender Sir Blivet, und ich möchte Euch und Sir Guldhogg gern eine Allianz anbieten, die uns allen zum Vorteil gereichen wird.«

Es kostete sie ein ganzes Jahr und einen überraschend großen Teil ihrer Ersparnisse, einen Zaun um den Wald zu ziehen, der zwar nicht besonders groß, aber dennoch eben ein Wald war. Für alle Arbeiten, die nicht von Rotkappen oder Gargoyles erledigt werden konnten, mussten Arbeiter in Pferdewagen hergebracht werden. Sie brauchten ein weiteres Jahr für Aufräum- und Bauarbeiten, mit dem Ergebnis, dass das Dunkle Zeitalter schon beinahe zu Ende war, als endlich der Tag der großen Eröffnung kam.

»Ich halte es noch immer nicht für fair«, sagte der Drache missmutig. »Immerhin war es meine Idee. Ich habe euch zusammengebracht. Ich habe mehr oder weniger alles in die Wege geleitet. Und ihr wollt es trotzdem Blivetland nennen?«

»Nun schmoll nicht, Guldhogg«, sagte Hekate. »Du hast doch die Überraschung noch gar nicht gesehen.«

»So ist er immer«, sagte Blivet. »Und er trinkt noch nicht mal.«

»Solltest du übrigens auch nicht«, sagte Guldhogg und klang noch immer griesgrämig.

»Sei nicht gemein, Guldy«, sagte die Hexe. »Mein Blivvy war in letzter Zeit sehr abstinent.«

»Ich war auch viel zu beschäftigt, um irgendwas anderes zu sein«, stimmte der Ritter zu. »Weißt du eigentlich, wie schwierig es war, die ganzen Imbissbuden aufzustellen und den Irrwichten das Zählen beizubringen?«

»Nun ja, wir konnten sie entweder dafür einsetzen oder sie zur Schau stellen, und du weißt doch noch, was sie taten, als wir das versuchten. Wir können wohl kaum zulassen, dass sie die zahlenden Kunden mit ihren Fäkalien bewerfen, nicht wahr?«

»Ich denke, nun ist es an der Zeit, uns der Öffentlichkeit zu präsentieren«, sagte Blivet. »Komm mit, Guldhogg. Ich muss dir etwas zeigen.«

Wenn man bedachte, wie einsam und verlassen dieser Landstrich im Norden vor ein paar Jahren noch gewesen war, wirkten die Menschenmassen, die zu Hunderten in langen Reihen am Zaun entlang standen und darauf warteten, durch das große Eingangstor einzutreten, umso beeindruckender. Der Drache sprach sich dafür aus, sie augenblicklich einzulassen – »Das Geld brennt ihnen ein Loch in die Taschen, Blivet!« –, doch der Ritter verbot es, bevor nicht noch eine letzte kleine Aufgabe erledigt war.

»Zieh mal an diesem Seil hier«, sagte er zu dem Drachen. »Mach schon, alter Kumpel, nimm es ins Maul und zieh.«

Guldhogg, der mit großem Unmut auf das Holzschild über dem Tor geschaut hatte, auf dem »Blivetland« stand, zuckte mit seinen Flügeln und zog am Seil. Daraufhin rollte sich eine riesiges Segeltuch aus, das noch größer als das Holzschild und für aller Augen sichtbar war.

»Oh«, sagte Guldhogg und klang ziemlich überwältigt. »Oh, ist das … bin das wirklich …?«

»Ja, Dummkopf, das bist du«, sagte Hekate und knuffte ihm mit dem Ellbogen in seine geschuppten Rippen. »Allerdings nennen wir dich ›Guldy Hogg‹, weil das freundlicher klingt.« Blivet, Guldhogg und sie selbst sahen zu dem gigantischen Segeltuch hinauf, das in der Frühlingsbrise wehte. Darauf war das riesige und bunte Abbild von Guldhogg zu sehen, dessen Gesicht zu einem freundlichen Grinsen verzogen war. »Das sieht man überall, weißt du?«, sagte sie.

»Was denn?«

»Na dein Abbild, Dummkopf. Du bist das offizielle Maskottchen von Blivetland. Wir haben Guldy-Hogg-Tuniken, Geschirrhandtücher – sogar Hüte!« Sie zog einen der letztgenannten hinter ihrem Rücken hervor und reichte ihn Blivet, der ihn nach kurzem Zögern aufsetzte. Die hervorstehenden Nüstern des Drachengesichts auf dem Hut muteten fast wie die runden Ohren irgendeines bizarren Nagetiers an. »Der sieht genauso aus wie du, Guldy!«, rief Hekate. »So gut aussehend!«

Während Guldhogg auf sein eigenes Abbild auf dem Kopf seines Freundes starrte, öffneten sich die Tore von Blivetland. Die erste Gruppe zahlender Besucher drängte sich durchs Tor und eilte in den Wald hinein, um die Greifeninsel und Nessies Höhle anzusehen und auf Guldy Hoggs Wilder Schwingenbahn mitzufahren. Diese bestand aus großen Bottichen, die an Seilen aufgehängt waren. Um das Ganze anzutreiben, trieb Ljotunir der Oger mit seinen starken und erstaunlich unansehnlichen Füßen eine riesige Drehscheibe an. Die begeisterten Besucher schienen bereits jede Ecke des Waldes besetzt zu haben, und die Verkäufer kamen mit der Ausgabe von Gerstensaft und Süßigkeiten kaum noch nach.

Der Klang der Münzen, die in den Truhen Blivetlands klimperten, versetzte die drei Gründer in gute Laune.

»Ist das nicht viel besser, als durchs ganze Land zu reisen?«, fragte Hekate. »Wir bleiben einfach hier und das Land kommt zu uns!«

»Allerdings dachte ich, dass ich mich endlich zur Ruhe setzen könnte«, grummelte Sir Blivet. »Stattdessen wirst du mich mit der ganzen Arbeit hier noch viel zu früh ins Grab bringen.«

»Ach was! Guldy und du müsst nur zwei kleine Shows am Tag machen – na ja, samstags drei –, und er ist derjenige, der die Kostüme wechseln und all die anderen Drachen spielen muss, die du erschlagen hast.«

»Aber die waren doch alle er!«, protestierte der Ritter.

»Ist ja egal, alle lieben euch und wollen euch beide sehen. Es wäre wohl kaum der ›Spaßigste Ort auf Erden‹, wenn ihr zwei nicht um ein und vier Uhr nachmittags so tun würdet, als brächtet ihr euch gegenseitig um.« Sie lehnte sich hinüber und küsste Blivets bärtige Wange. »Und denk nur mal daran – kein Herumreisen mehr!«

Dann entschied Guldhogg, dass er einen süßen Brandteig-Fladen probieren wollte, also machten sich die drei gemeinsam auf den Weg zu den Fabelhaften Feenleckereien – der Ritter, seine Lady und sein bester Freund. Der Klang von Fantasie, die in bare Münze umgewandelt wurde, war überall zu hören. Ein anscheinend recht einfacher Tausch, doch mit einer zusätzlichen Dividende der Heiterkeit für alle Beteiligten. Selbst im zehnten Jahrhundert.

DIE FLUTTORE

Nightingale nahm nicht gleich das erste Taxi, das er sah, als er auf die regnerischen Straßen San Franciscos hinaustrat. Das tat er nie. Manche mochten das vielleicht Aberglauben nennen, aber in seinem Geschäft war die Trennlinie zwischen »Aberglauben« und »Regeln des Überlebens« äußerst fein. Er trat auf den Bordstein zurück, um dem aufspritzenden Wasser zu entgehen, als das zweite Taxi auf sein Winken hin heranfuhr. Paranormale Ermittler verdienten nicht genug, als dass sie so einfach ein Paar guter Schuhe ruinieren konnten.

Jemand hätte mich warnen sollen, dass die Welt vor unaussprechlichem Schrecken zu retten ein wenig so ist, wie Lehrer zu sein – der Job bringt dir viel Befriedigung, aber die Bezahlung ist lausig.

»Gilman Street 33«, wies er den Fahrer an. Ein Exhippie, reif für den Ruhestand. Schulterlanges graues Haar hing strähnig aus seinem Kangol-Käppchen, und etliche Silberringe glitzerten an den Fingern, mit denen er das Lenkrad hielt. »Das ist unten an der Jones.«

»Alles klar.« Der Fahrer fädelte sich in den Verkehr ein. Die Scheibenwischer quietschten, ließen die Lichter der Stadt verwischen und an der Scheibe neben Nightingales Kopf herabrinnen. »Was für ’ne Nacht«, sagte der Fahrer. »Ich weiß ja, wir brauchen den Regen und so, aber … Scheiße, Mann.«

Nathan Nightingale hatte den größten Teil der letzten Woche in einem kleinen, überheizten und beinahe sauerstofffreien Raum verbracht, sodass er freudig nackt durch diesen Sturzregen gelaufen wäre. Aber er nickte nur und meinte: »Ja. Was für ’ne Nacht.«

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