Outlander - Das flammende Kreuz - Diana Gabaldon - E-Book

Outlander - Das flammende Kreuz E-Book

Diana Gabaldon

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Beschreibung

Der 5. Band der erfolgreichen "Outlander"-Saga von Bestseller-Autorin Diana Gabaldon in hochwertiger Premium-Ausstattung North Carolina 1770. Jamie und Claire Fraser haben in den britischen Kolonien Nordamerikas Fuß gefasst, doch die Ruhe und der Frieden auf ihrem Anwesen Fraser's Ridge sind trügerisch. Denn unter den immer zahlreicher einwandernden Siedlern gärt es, immer unwilliger nehmen die Einwohner der Kolonien die Bevormundung durch die britische Zentralregierung hin. Als es zu ersten Aufständen kommt, muss auch Jamie sich entscheiden, auf wessen Seite er stehen will. Und für Claire ist die Situation noch schlimmer: Sie weiß, dass die Unabhängigkeitskriege ihre und Jamies Liebe auf die härteste Probe seit Langem stellen werden. Alle Bände der "Outlander"-Reihe von Diana Gabaldon: • »Outlander« • »Outlander - Die geliehene Zeit« • »Outlander - Ferne Ufer« • »Outlander - Der Ruf der Trommel« • »Outlander - Das flammende Kreuz« • »Outlander - Ein Hauch von Schnee und Asche« • »Outlander - Echo der Hoffnung« • »Outlander - Ein Schatten von Verrat und Liebe«

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Diana Gabaldon

Outlander – Das flammende Kreuz

Roman

Aus dem Englischen von Barbara Schnell

Knaur eBooks

Über dieses Buch

North Carolina 1770. Jamie und Claire Fraser haben in den britischen Kolonien Nordamerikas Fuß gefasst, doch die Ruhe und der Frieden auf ihrem Anwesen Fraser’s Ridge sind trügerisch. Denn unter den immer zahlreicher einwandernden Siedlern gärt es, immer unwilliger nehmen die Einwohner der Kolonien die Bevormundung durch die britische Zentralregierung hin. Als es zu ersten Aufständen kommt, muss auch Jamie sich entscheiden, auf wessen Seite er stehen will. Und für Claire ist die Situation noch schlimmer: Sie weiß, dass die Unabhängigkeitskriege ihre und Jamies Liebe auf die härteste Probe seit langem stellen werden.

Inhaltsübersicht

Widmung

Motto

ERSTER TEIL

Glücklich die Braut, der die Sonne lacht

Brote und Fische

Vergällte Körpersäfte

Hochzeitsgeschenke

Aufruhr und Unruhe

For Auld Lang Syne

Schrapnell

Der Faktor

Der Keim der Zwietracht

Großmutter Bacons Geschenke

Stolz

Rechtschaffenheit

Bohnen und Barbecue

Glücklich die Braut, auf die der Mond scheint

Die Flammen der Deklaration

In der Nacht, in der wir Hochzeit halten

Wachfeuer

ZWEITER TEIL

Daheim ist es am schönsten

Der Teufel, den man kennt

Schießunterricht

Falkenauge

Das flammende Kreuz

Der Barde

Spiel mit dem Feuer

Der Segen der Engel

DRITTER TEIL

Die Miliz erhebt sich

Gevatter Tod klopft an

Brownsville

Hirams Harem

Satans Brut

Sturmwaise

Mission erfüllt

VIERTER TEIL

Weihnachten daheim

Zaubermittel

Hogmanay

Unsichtbare Welten

Die Post ist da

Traumzeit

FÜNFTER TEIL

Im Garten der Lüste

Duncans Geheimnis

Mit Musik geht alles besser

Der Deasilzauber

Bezirzt

Schwierigkeiten im Ehebett

Quacksalber

Quecksilber

Die Liste der Venus

Ein Fremder in der Nacht

In Vino Veritas

Blut auf dem Dachboden

Ein Verdacht

A Hard Day’s Night

Das Gold des Franzosen

Tête-a-tête mit Streuselkuchen

Schlussfolgerungen

SECHSTER TEIL

»…Männer genug, sie zu töten, töten können wir sie«

Und lasst uns ruhig schlafen

Happy Birthday to You

Militärgerät

Kriegsrat

Ultimaten

»Versprengte und verdächtige Personen«

Das Logbuch des Chirurgen I

Signal zum Angriff

Alamance

Ein unabdingbares Opfer

Nachspiel

Die Vollstreckung

Ein schrecklicher Notfall

Alles ist gut

Ein schwacher Funke

Zunder und Kohle

SIEBTER TEIL

A Whiter Shade of Pale

The Sounds of Silence

Sag meinen Namen

Blutgeld

Ein Päckchen aus London

Keine Kleinigkeit

Das hört sich einsam an

Sahnequark

Bärentöter

Der Himmel verdüstert sich

Wildfeuer

Bis auf die Knochen verbrannt

Kaminfeuer

Träume sind Schäume

En Garde

Roger kauft ein Schwert

ACHTER TEIL

Die Jupitermonde

Gefahr im Gras

Hausfrauenstress

With a Little Help from My Friends

Entscheidungen

Frisches Blut

Mittsommer Dämmerlicht

NEUNTER TEIL

Aurum

Variationen in Blut

Kluges Kerlchen

Bruder

Ein toter Wal

Helden und Ungeheuer

Die Schlacht an Wylies Landeplatz

Im Myrtengebüsch

Gerissen wie die Füchse

Der Traum der Drossel

Das Logbuch des Chirurgen II

Zugunruhe

Tulach Ard

Die Stimme der Zeit

Mann des Blutes

Und dieser Zukunft dennoch entgegengehen

Danksagung

Leseprobe »Outlander«

 

Dieses Buch ist für meine Schwester Theresa Gabaldon, mit der ich die ersten Geschichten erzählt habe.

 

 

Ich habe den Krieg erlebt und viel verloren. Ich weiß, worum es sich zu kämpfen lohnt und worum nicht.

 

Ehre und Tapferkeit sind einem Mann in Mark und Bein verwurzelt, und nicht selten ist er bereit, für die Dinge, für die er töten würde, auch zu sterben.

 

Und das, a charaid, ist der Grund, warum eine Frau breite Hüften hat; dies knöcherne Becken bietet dem Mann wie dem Kind einen Hafen. Das Leben eines Mannes entspringt den Knochen seiner Frau, und mit ihrem Blut wird seine Ehre getauft.

 

Allein um der Liebe willen würde ich erneut durchs Feuer gehen.

 

ERSTER TEIL

In medias res

   

Kapitel 1

Glücklich die Braut, der die Sonne lacht

Mount HeliconKronkolonie North CarolinaEnde Oktober 1770

Ich erwachte vom Regen, der auf die Zeltleinwand prasselte, und spürte den Kuss meines ersten Mannes auf den Lippen. Ich kniff orientierungslos die Augen zusammen und legte automatisch die Finger an meine Lippen. Um das Gefühl festzuhalten oder um es zu verdecken?, fragte ich mich dabei.

Jamie regte sich neben mir und murmelte im Schlaf, und seine Bewegung wirbelte eine neue Duftwolke aus den Zedernzweigen unserer Bettunterlage auf. Vielleicht hatte ihn der Geist im Vorüberziehen aufgestört. Ich blickte stirnrunzelnd in die leere Luft vor unserem Feldquartier.

Verschwinde, Frank, dachte ich streng.

Draußen war es immer noch dunkel, doch der Nebel, der vom feuchten Boden aufstieg, war perlgrau; nicht mehr lange bis zur Dämmerung. Nichts regte sich, weder innen noch außen, doch empfand ich deutlich ein Gefühl ironischer Belustigung, die wie eine kaum spürbare Berührung auf meiner Haut lag.

Sollte ich denn nicht zu ihrer Hochzeit kommen?

Ich konnte nicht sagen, ob sich die Worte von selbst in meinen Gedanken gebildet hatten oder ob sie – und der Kuss – schlicht das Produkt meines Unterbewussten waren. Mein Verstand war beim Einschlafen immer noch mit Hochzeitsvorbereitungen befasst gewesen; kein Wunder, dass ich aus einem Hochzeitstraum aufgeschreckt war. Von Hochzeiten und Hochzeitsnächten.

Ich glättete den zerknitterten Musselin meines Nachthemdes, und mir war unangenehm bewusst, dass es bis zur Taille hochgeschoben war und dass meine Haut nicht nur vom Schlaf gerötet war. Ich konnte mich nicht konkret an den Traum erinnern, der mich geweckt hatte, nur an ein konfuses Durcheinander aus Bildern und Gefühlen. Vielleicht war es ja auch besser so.

Ich drehte mich auf den knisternden Zweigen um und drängte mich dicht an Jamie. Er war warm und roch angenehm nach Holzrauch und Whisky mit einer schwachen Note nach verschlafenem Mann, wie der Grundton eines nachhallenden Akkordes. Ich reckte mich, ganz langsam, und krümmte meinen Rücken, so dass mein Becken gegen seine Hüfte stieß. Wenn er fest schlief oder nicht in Stimmung war, war die Bewegung sacht genug, um unbemerkt zu bleiben; wenn nicht …

Er schlief nicht fest. Er lächelte schwach, die Augen nach wie vor geschlossen, und seine große Hand glitt langsam über meinen Rücken, um sich mit festem Griff auf meinem Hintern niederzulassen.

»Mmm?«, brummte er. »Hmmmm.« Er seufzte und sank entspannt wieder in den Schlaf, ohne mich loszulassen.

Beruhigt kuschelte ich mich dichter an ihn. Jamies unmittelbare körperliche Nähe war mehr als ausreichend, um den Nachhall meiner Träume zu vertreiben. Und Frank – wenn es denn Frank war – hatte schließlich Recht. Wenn es möglich gewesen wäre, hätte sich Brianna die Anwesenheit beider Väter bei ihrer Hochzeit gewünscht, dessen war ich mir sicher.

Ich war jetzt hellwach, doch im Bett war es viel zu gemütlich, um mich zu bewegen. Draußen regnete es; es war zwar nur Nieselregen, aber die Luft war so kalt und feucht, dass mir das gemütliche Nest aus Decken einladender vorkam als die entfernte Aussicht auf Kaffee. Vor allem, da die Herstellung des Kaffees einen Marsch zum Bach erforderte, um Wasser zu holen, woraufhin das Lagerfeuer in Gang gebracht werden musste – o Gott, das Holz würde feucht sein, selbst wenn das Feuer nicht vollständig erloschen war – und schließlich der Kaffee in einer Handmühle gemahlen und aufgebrüht werden musste, wobei mir feuchtes Laub um die Knöchel wehen und mir die Tropfen von den Bäumen in den Halsausschnitt gleiten würden.

Ich erschauerte bei dieser Vorstellung, zog mir das Oberbett über die nackte Schulter und widmete mich stattdessen in Gedanken wieder der Liste meiner Vorbereitungen, bei der ich eingeschlafen war.

Speisen, Getränke … glücklicherweise brauchte ich mir darum keine Sorgen zu machen. Jamies Tante Jocasta würde sich um alles Notwendige kümmern, oder vielmehr würde ihr schwarzer Butler Ulysses es tun. Hochzeitsgäste – kein Problem. Wir befanden uns inmitten der größten Zusammenkunft von Highlandschotten in den Kolonien, und es gab Essen und Trinken umsonst. Da waren keine gedruckten Einladungen notwendig.

Immerhin würde Brianna ein neues Kleid tragen, ebenfalls ein Geschenk von Jocasta. Dunkelblaue Wolle – Seide war zu teuer und zu unpraktisch für ein Leben in der Wildnis. Es war ein himmelweiter Unterschied zu der Kreation aus weißem Samt mit Orangenknospen, die ich mir einst für ihre Hochzeit vorgestellt hatte – aber dies war ja auch kaum die Art von Hochzeit, die sich irgendjemand in den Sechzigern hätte träumen lassen.

Ich fragte mich, was Frank wohl von Briannas Ehemann gehalten hätte. Wahrscheinlich hätte er ihm seinen Segen gegeben; Roger war Historiker – oder war es zumindest gewesen –, genau wie Frank selbst. Er war intelligent und humorvoll, ein talentierter Musiker und ein freundlicher Mann, der mit großer Hingabe an Brianna und dem kleinen Jemmy hing.

Was ja auch wirklich bewundernswert ist, dachte ich, an den Nebel gerichtet. Angesichts der Umstände.

Ach, das gibst du also zu, ja? Die Worte formten sich in meinem inneren Ohr, so als hätte er sie gesprochen, ironisch, voll Spott gegen sich selbst wie auch mich.

Jamie runzelte die Stirn. Er verstärkte seinen Griff um meine Pobacke und machte im Schlaf leise Schnaufgeräusche.

Das weißt du ganz genau, sagte ich lautlos. Von Anfang an, und das weißt du auch, also mach endlich, dass du verschwindest, ja?

Ich drehte der Außenluft entschlossen den Rücken zu und legte meinen Kopf an Jamies Schulter, um im weichen, zerknitterten Leinen seines Hemdes Zuflucht zu suchen.

Ich war fest überzeugt, dass Jamie weniger dazu neigte als ich – oder vielleicht Frank –, Roger dafür Anerkennung zu zollen, dass er Jemmy an Kindes statt akzeptierte. Für Jamie war es schlicht eine Sache des Pflichtgefühls; einem Ehrenmann blieb gar nichts anderes übrig. Und ich wusste, dass er seine Zweifel hegte, was Rogers Fähigkeiten betraf, in der Wildnis von Carolina eine Familie zu ernähren und zu beschützen. Roger war hochgewachsen, kräftig und geschickt, aber »bonnet, belt and swordie« – Highlandtracht und Schwert – waren für Roger der Stoff, aus dem Balladen waren; für Jamie waren es Alltagsgegenstände.

Die Hand auf meinem Hintern drückte plötzlich zu, und ich fuhr zusammen.

»Sassenach«, sagte Jamie verschlafen, »du windest dich wie eine Kröte, die ein kleiner Junge gefangen hat. Läuft vielleicht deine Blase über?«

»Oh, du bist ja wach«, sagte ich und kam mir ein wenig albern vor.

»Jetzt ja«, sagte er. Die Hand verschwand, und er reckte sich stöhnend. Seine nackten Füße kamen am anderen Ende der Bettdecke zum Vorschein, die langen Zehen weit gespreizt.

»Tut mir Leid. Ich wollte dich nicht wecken.«

»Ach, mach dir keine Sorgen«, beruhigte er mich. Er räusperte sich, blinzelte und rieb sich mit der Hand durch die offenen Strähnen seines roten Haars. »Ich habe wild geträumt; das passiert mir immer, wenn ich beim Schlafen friere.« Er hob den Kopf und blickte zum Fußende, wo er missbilligend mit den Zehen wackelte. »Warum habe ich bloß ohne Socken geschlafen?«

»Wirklich? Wovon hast du denn geträumt?«, fragte ich mit einem leichten Anflug von Beklommenheit. Ich hoffte sehr, dass er nicht etwas Ähnliches geträumt hatte wie ich.

»Pferde«, sagte er zu meiner augenblicklichen Erleichterung. Ich lachte.

»Wie kann man denn wild von Pferden träumen?«

»O Gott, es war schrecklich.« Er rieb sich mit beiden Fäusten die Augen und schüttelte den Kopf. »Hatte mit den irischen Königen zu tun. Weißt du noch, was MacKenzie gestern Abend am Feuer erzählt hat?«

»Die irischen Kö–, oh!« Es fiel mir wieder ein, und bei der Erinnerung daran lachte ich erneut. »Ja.«

Roger, der vor lauter Triumphgefühl über seine neue Rolle ganz rot geworden war, hatte am Abend zuvor die Runde am Feuer mit Liedern, Gedichten und amüsanten, historischen Anekdoten unterhalten – und eine davon handelte von den Krönungsriten, die man den alten Irenkönigen nachsagte. Einer davon erforderte es, dass der erfolgreiche Kandidat sich vor versammelter Menge mit einer weißen Stute paarte, angeblich um seine Männlichkeit unter Beweis zu stellen – obwohl ich eher einen Beweis seiner Kaltblütigkeit darin gesehen hätte.

»Ich war für das Pferd verantwortlich«, informierte mich Jamie. »Und alles ist schiefgegangen. Der Mann war zu klein, und ich musste etwas finden, worauf er sich stellen konnte. Ich habe einen Stein gefunden, konnte ihn aber nicht tragen. Dann einen Hocker, aber der hat in meiner Hand ein Bein verloren. Dann habe ich versucht, Ziegel zu einem Podest aufzutürmen, aber sie sind zu Sand zerkrümelt. Am Ende haben sie gesagt, es sei schon gut, sie würden der Stute einfach die Beine abschneiden, und ich versuchte gerade, sie davon abzuhalten, während der König in spe an seiner Hose herumzerrte und sich beschwerte, dass er die Knöpfe nicht aufbekam, als jemandem aufgefallen ist, dass es eine schwarze Stute war, und das ginge ja wohl nicht.«

Ich prustete los und dämpfte mein Gelächter in einer Falte seines Hemdes, um keinen der Schläfer aufzuwecken, die ihr Lager in unserer Nähe hatten.

»Und dann bist du aufgewacht?«

»Nein. Aus irgendeinem Grund hat mich das furchtbar aufgebracht. Ich habe gesagt, es ginge doch, dass es sogar ein viel besseres Pferd sei, weil doch jeder weiß, dass Schimmel schlechte Augen haben, und ich habe gesagt, die Nachkommen würden blind. Und sie haben gesagt, nein, die schwarze Stute sei ein schlechtes Zeichen, und ich habe darauf bestanden, dass es nicht so sei, und …« Er hielt inne und räusperte sich.

»Und?«

Er zuckte mit den Achseln und warf mir einen Seitenblick zu. Eine schwache Röte kroch an seinem Hals empor.

»Aye, nun ja. Ich habe gesagt, es ginge wunderbar, ich würde es ihnen zeigen. Und ich hatte gerade nach der Kruppe der Stute gepackt, um sie still zu halten, und bereitete mich darauf vor, mich … äh … zum König von Irland zu machen. Da bin ich aufgewacht.«

Ich prustete und keuchte und spürte, wie auch seine Seite vor unterdrücktem Gelächter bebte.

»Oh, jetzt tut es mir erst recht leid, dass ich dich geweckt habe!« Ich wischte mir mit einem Zipfel der Bettdecke über die Augen. »Ich bin mir sicher, dass es ein großer Verlust für die Iren gewesen ist. Ich frage mich aber doch, was die irischen Königinnen von dieser Zeremonie gehalten haben«, fügte ich noch hinzu.

»Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Damen bei dem Vergleich irgendwie schlecht davonkämen«, versicherte Jamie mir. »Obwohl ich schon von Männern gehört habe, die es lieber mit –«

»Das habe ich gar nicht gemeint«, unterbrach ich ihn. »Es ging mir eher um den hygienischen Aspekt, falls du verstehst, was ich meine. Den Karren vor das Pferd zu spannen, ist eine Sache, aber das Pferd vor die Königin …«

»Das – oh, aye.« Er war rot vor Belustigung, doch bei diesen Worten verdunkelte sich seine Haut noch mehr. »Du kannst von mir aus über die Iren sagen, was du willst, Sassenach, aber ich glaube doch, dass sie sich hin und wieder waschen. Und vielleicht hat der König ja sogar ein Stück Seife aufgetrieben, bevor er sich … sich …«

»In media res gestürzt hat?«, schlug ich vor. »Wohl kaum. Ich meine, ein Pferd ist doch ziemlich groß, relativ gesehen …«

»Es ist eine Sache der Bereitschaft, Sassenach, nicht nur der Platzverhältnisse«, sagte er mit einem strafenden Blick in meine Richtung. »Und ich könnte mir vorstellen, dass ein Mann unter diesen Umständen ein wenig Ermunterung gebrauchen kann. Wie auch immer, es heißt jedenfalls in medias res«, fügte er hinzu. »Hast du noch nie Horaz gelesen? Oder Aristoteles?«

»Nein. Es kann schließlich nicht jeder so gebildet sein. Und ich habe noch nie besonders viel für Aristoteles übrig gehabt, nachdem ich erfahren habe, dass Frauen in seiner Weltanschauung noch unter den Würmern kamen.«

»Der Mann kann nicht verheiratet gewesen sein.« Jamies Hand wanderte langsam an meinem Rücken entlang und betastete durch mein Nachthemd hindurch die Höcker meiner Wirbelsäule. »Sonst müssten ihm doch die Knochen aufgefallen sein.«

Ich lächelte und hob meinerseits die Hand an seinen Wangenknochen, der sich scharf und klar über seinen dunkelroten Bartstoppeln erhob.

Dabei sah ich, dass es am Himmel draußen dämmerte; sein Kopf war als Umriss vor dem bleichen Zeltleinen unseres Unterschlupfes zu erkennen, aber ich konnte sein Gesicht deutlich sehen. Seine Miene erinnerte mich daran, warum genau er in der Nacht zuvor seine Strümpfe ausgezogen hatte. Unglücklicherweise waren wir beide vom vielen Feiern so müde gewesen, dass wir mitten in der Umarmung eingeschlafen waren.

Ich fand diese etwas verspätete Erinnerung sehr beruhigend, lieferte sie doch nicht nur eine Erklärung für den Zustand meines Hemdes, sondern auch für die Träume, aus denen ich aufgeschreckt war. Im selben Moment spürte ich, wie ein kühler Luftzug seine Finger unter die Bettdecke gleiten ließ, und ich erschauerte. Frank und Jamie waren ganz unterschiedliche Männer, und jetzt hatte ich keinen Zweifel mehr, wer mich kurz vor dem Aufwachen geküsst hatte.

»Küss mich«, sagte ich plötzlich zu Jamie. Wir hatten uns beide noch nicht die Zähne geputzt, doch er berührte gehorsam meine Lippen mit den seinen. Als ich seinen Hinterkopf fasste und ihn fester an mich drückte, stützte er sich auf eine Hand, um das Bettzeug besser um unsere Unterkörper wickeln zu können.

»Oh?«, sagte er, als ich ihn losließ. Er lächelte, und seine blauen Augen zogen sich im gedämpften Licht zu dunklen Dreiecken zusammen. »Aber sicher doch, Sassenach. Vorher muss ich aber kurz nach draußen.«

Er schlug die Bettdecke zurück und stand auf. Vom Boden aus hatte ich eine sehr unorthodoxe Aussicht, die mir einen viel versprechenden Blick unter den Saum seines langen Leinenhemdes ermöglichte. Ich hoffte, dass der Anblick, der sich mir bot, nicht immer noch aus seinem Alptraum resultierte, hielt es aber für besser, nicht zu fragen.

»Beeil dich lieber«, sagte ich. »Es wird hell; die Leute stehen bald auf.«

Er nickte und trat geduckt ins Freie. Ich lag still und lauschte. Ein paar Vögel piepsten leise in der Ferne, aber es war Herbst; nicht einmal am helllichten Tag würde ihr Gesang so laut und fröhlich werden wie im Frühling und im Sommer. Der Berg und seine zahlreichen Lagerstätten schlummerten noch, aber ich konnte spüren, wie es überall um mich herum lebendig wurde, wenn es auch noch nicht richtig hörbar war.

Ich fuhr mir mit den Fingern durch das Haar, breitete es um meine Schultern aus und drehte mich um, weil ich die Wasserflasche suchte. Da ich kühle Luft in meinem Rücken spürte, blickte ich hinter mich, doch die Dämmerung war da, und der Nebel hatte sich verzogen; die Luft vor unserem Zelt war grau, aber still.

Ich berührte den Goldring an meiner linken Hand, den ich gestern Abend zurückbekommen hatte und der mir nach seiner langen Abwesenheit noch unvertraut war. Womöglich war es ja Franks Ring gewesen, der Frank in meine Träume gerufen hatte. Vielleicht würde ich den Ring heute Abend bei der Hochzeitszeremonie erneut berühren, diesmal absichtlich, und hoffen, dass er irgendwie durch meine Augen sehen konnte, wie glücklich seine Tochter war. Vorerst war er jedenfalls fort, und ich war froh.

Ein leises Geräusch, nicht lauter als die entfernten Vogelrufe, zog durch die Luft. Der kurze Aufschrei eines erwachenden Babys.

Früher hatte ich immer gedacht, dass nicht mehr als zwei Menschen in ein Ehebett gehörten, ganz gleich, unter welchen Umständen. Ich dachte es auch jetzt noch. Doch ein Baby war schwieriger zu verbannen als der Geist eines früheren Geliebten; das Bett von Brianna und Roger musste zwangsläufig drei Leuten Platz bieten.

Die Kante des Zeltleinens hob sich, und Jamies Gesicht erschien. Er sah erregt und alarmiert aus.

»Es ist besser, wenn du aufstehst und dich anziehst, Claire«, sagte er. »Die Soldaten haben am Bach Aufstellung genommen. Wo sind meine Strümpfe?«

Ich fuhr zum Sitzen hoch, und weit unten am Berghang begannen die Trommeln zu dröhnen.

Kalter Nebel lag wie Rauch ringsum in den Mulden; eine Wolke hatte sich auf dem Mount Helicon niedergelassen wie eine Bruthenne auf einem einzelnen Ei, und die Luft war durch und durch feucht. Ich zwinkerte mit verquollenen Augen zu einer unebenen Grasfläche am Bach hinüber, wo eine Abteilung des 67sten Highlandregimentes in ihrer ganzen Pracht Aufstellung genommen hatte und vornehm dem Regen trotzte, während die Trommelwirbel rollten und der Dudelsackbläser des Regiments unter seiner Bärenfellmütze munter drauflosspielte.

Mir war furchtbar kalt, und ich hatte extrem schlechte Laune. Ich war in der Erwartung zu Bett gegangen, beim Erwachen heißen Kaffee und ein nahrhaftes Frühstück vorzufinden, worauf dann zwei Hochzeiten, drei Taufen, zwei Zahnextraktionen, die Entfernung eines entzündeten Zehennagels und andere lustige Formen bodenständigen, gesellschaftlichen Treibens auf dem Programm standen, für die man Whisky brauchte.

Stattdessen war ich von beunruhigenden Träumen geweckt worden, zu Liebesgeplänkel verleitet und dann in den kalten Nieselregen gezerrt worden, mitten in die verflixten res hinein, um mir anscheinend eine Art Proklamation anzuhören. Von Kaffee keine Spur.

Die Highlander hatten einige Zeit gebraucht, um sich von ihren Lagerstätten zu erheben, und das Gesicht des Dudelsackspielers war puterrot, als er endlich die letzten Töne von »Scotland the Brave« schmetterte und mit einem disharmonischen Quietschen abbrach. Das Echo hallte immer noch vom Berg wider, als Leutnant Archibald Hayes vor seine Männer trat.

Leutnant Hayes’ nasaler Akzent aus Fife war laut und klar, und der Wind kam aus seiner Richtung. Dennoch war ich mir sicher, dass die Leute weiter oben auf dem Berg nur sehr wenig hören konnten. Hier am Fuß des Hanges standen wir jedoch nicht mehr als zwanzig Meter von Hayes entfernt, und ich konnte jedes Wort verstehen, obwohl meine Zähne klapperten.

»Von Seiner EXZELLENZ WILLIAM TRYON, Hauptmann-General Seiner Majestät, Gouverneur und Machthaber in und über die nämliche Provinz«, las Hayes vor und hob die Stimme zu einem Bellen, um den Lärm von Wind und Wasser und das ahnungsvolle Gemurmel der Menge zu übertönen.

Die Feuchtigkeit hüllte Bäume und Felsen in triefenden Nebel, die Wolken spuckten abwechselnd Hagel und eisigen Regen aus, und ein launischer Wind hatte die Temperatur um fast zehn Grad gesenkt. Mein linkes Schienbein, das kälteempfindlich war, pulsierte an der Stelle, wo ich es mir vor zwei Jahren gebrochen hatte. Ein Mensch mit einem Hang zu Vorzeichen und Metaphern hätte versucht sein können, Vergleiche zwischen dem scheußlichen Wetter und der Verkündung der Proklamation des Gouverneurs zu ziehen, dachte ich – die Aussichten waren ähnlich kühl und Unheil verheißend.

»So habe ich die Information erhalten, dass sich eine große Zahl anstößiger Aufrührer am vierundzwanzigsten und fünfundzwanzigsten letzten Monats unter großem Tumult in der Stadt Hillsborough versammelt hat, um sich während der Sitzung des Obersten Friedensgerichtes dieses Distriktes den gerechten Maßnahmen der Regierung zu widersetzen, wobei sie in offener Verletzung der Gesetze ihres Landes den assoziierten Richter Seiner Majestät bei der Ausführung seines Amtes dreist attackierten, mehrere Personen während der Sitzung besagten Gerichtes auf barbarische Weise verprügelten und verletzten und der Regierung Seiner Majestät weitere enorme Entwürdigungen und Beleidigungen angedeihen ließen, weiterhin höchst gewalttätige Ausschreitungen gegen die Personen und das Eigentum der Bewohner besagter Stadt begingen sowie auf die Verdammnis ihres gesetzmäßigen Souveräns, König George, und auf den Erfolg des Thronanwärters tranken –«

Hayes hielt inne und holte Luft, um den nächsten Absatz bewerkstelligen zu können. Er blies seine Brust hörbar auf und las weiter:

»Zum Zwecke, die an den besagten Aufwiegeleien beteiligten Personen vor Gericht zu bringen, erlasse ich im Auftrag und mit der Zustimmung des Rates Seiner Majestät diese meine Proklamation, mit der ich sämtliche amtierenden Friedensrichter Seiner Majestät auf das Strengste auffordere, die oben zitierten Verbrechen sorgfältig zu untersuchen und sämtliche Personen, die ihnen gegenüber dazu aussagen wollen, unter Eid zu verhören; woraufhin diese Aussagen an mich zu übermitteln sind, so dass sie am dreißigsten November der Generalversammlung in New Bern vorgelegt werden können, die sich auf diesen Termin zur Abwicklung öffentlicher Angelegenheiten vertagt hat.«

Ein letztes Einatmen; Hayes’ Gesicht war jetzt fast genauso rot wie das des Dudelsackspielers.

»Erteilt von meiner Hand unter dem Großen Siegel der Provinz in New Bern am achtzehnten Oktober im zehnten Jahr der Regentschaft Seiner Majestät, Anno Domini 1770.

Gezeichnet, William Tryon«, schloss Hayes und stieß ein dampfendes Atemwölkchen aus.

»Weißt du«, sagte ich zu Jamie, »ich glaube, das war alles ein einziger Satz, vom Schluss einmal abgesehen. Erstaunlich, selbst für einen Politiker.«

»Psst, Sassenach«, sagte er, den Blick immer noch auf Archie Hayes gerichtet. Hinter mir in der Menge erklang ein unterdrücktes Grollen des Interesses und der Entrüstung – das mit einer gewissen Belustigung über die Formulierungen bezüglich der landesverräterischen Trinksprüche versetzt war.

Dies war eine Zusammenkunft von Highlandschotten, von denen viele in der Folge des Stuartaufstandes in die Kolonien ins Exil gegangen waren, und hätte Archie Hayes die Trinksprüche offiziell zur Kenntnis nehmen wollen, die in der letzten Nacht mit den Whiskybechern die Runde um die Feuer gemacht hatten … aber er hatte schließlich nur vierzig Soldaten dabei, und was immer er selbst über König George und seine mögliche Verdammnis dachte, er behielt es klugerweise für sich.

Über vierhundert Highlander umringten Hayes’ kleinen Brückenkopf am Bachufer. Männer und Frauen suchten in den Bäumen oberhalb der Lichtung Zuflucht, zum Schutz gegen den zunehmenden Wind fest in ihre Plaids und Schultertücher gehüllt. Der Ansammlung versteinerter Gesichter nach zu urteilen, die zwischen den flatternden Schals und Baretten zu sehen waren, behielten auch sie ihre Meinungen lieber für sich. Natürlich war es genauso gut möglich, dachte ich, dass ihre Mienen von der Kälte herrührten wie von angeborener Vorsicht; auch meine Wangen waren steif, meine Nasenspitze war taub, und meine Füße hatte ich schon seit Tagesanbruch nicht mehr gespürt.

»Jedermann, der eine Aussage zu dieser ausgesprochen ernsten Angelegenheit machen möchte, kann sie mir getrost anvertrauen«, verkündete Hayes, dessen rundes Gesicht nichts als offizielle Ausdruckslosigkeit zeigte. »Ich bleibe für den Rest des Tages mit meinem Schreiber in meinem Zelt. Gott erhalte den König!«

Er überreichte seinem Korporal die Proklamation, verbeugte sich abschließend vor der Menge und wandte sich zackig einem großen Zelt aus Segeltuch zu, das in der Nähe der Bäume errichtet worden war. Die Regimentsbanner an der Standarte, die daneben aufgepflanzt war, flatterten heftig im Wind.

Zitternd ließ ich eine Hand durch den Schlitz von Jamies Umhang auf seinen Ellbogen gleiten, und durch seine Körperwärme ging es meinen kalten Fingern gleich besser. Jamie nahm meinen frostigen Griff zur Kenntnis, indem er den Ellbogen kurz an seine Seite presste, doch er sah nicht zu mir nieder; die Augen gegen den Wind zusammengekniffen, sah er zu, wie sich Archie Hayes’ Rücken von uns entfernte.

Der Leutnant war ein kompakter, solide gebauter Mann, der nicht besonders groß war, aber sehr viel Ausstrahlung besaß, und er bewegte sich in aller Seelenruhe, als bemerkte er die Menge auf dem Berg über ihm gar nicht. Der Leutnant verschwand in seinem Zelt und ließ die Eingangsklappe einladend hochgesteckt.

Nicht zum ersten Mal bewunderte ich widerstrebend Gouverneur Tryons politische Instinkte. Diese Proklamation wurde gegenwärtig zweifellos in den Städten und Dörfern der ganzen Kolonie verlesen; er hätte einen örtlichen Beamten oder Sheriff damit betrauen können, diesem gathering seine offizielle Entrüstungsbotschaft vorzutragen. Stattdessen hatte er sich die Mühe gemacht, Hayes zu entsenden.

Archibald Hayes hatte im Alter von zwölf Jahren an der Seite seines Vaters auf dem Schlachtfeld von Culloden gekämpft. Er war im Kampf verwundet, gefangen genommen und nach Süden geschickt worden. Als man ihn vor die Wahl stellte, deportiert zu werden oder in die Armee einzutreten, war er ein Söldner des Königs geworden und hatte das Beste daraus gemacht. Die Tatsache, dass er es in einer Zeit, in der man Offizierspatente fast ausnahmslos kaufte, anstatt sie sich zu erdienen, mit Mitte dreißig zum Offizier gebracht hatte, zeugte hinreichend von seinen Fähigkeiten.

Er war so umgänglich, wie er professionell war; auf die Einladung hin, unser Essen und unser Feuer zu teilen, hatte er den halben Abend im Gespräch mit Jamie verbracht – und sich dann den Rest der Zeit unter Jamies Schutz von Feuer zu Feuer bewegt und sich den Oberhäuptern aller wichtigen anwesenden Familien vorstellen lassen.

Und wessen Idee war das gewesen?, fragte ich mich und sah zu Jamie auf. Seine lange, gerade Nase war von der Kälte gerötet; seine Augen zum Schutz vor dem Wind halb geschlossen, doch sein Gesicht ließ nicht den geringsten Schluss auf seine Gedanken zu. Und das, dachte ich, war ein verdammt sicheres Zeichen dafür, dass er gerade etwas ziemlich Gefährliches dachte. Hatte er von dieser Proklamation gewusst?

Kein englischer Offizier in Begleitung einer englischen Truppe hätte einer Zusammenkunft wie dieser derartige Neuigkeiten vortragen können und dabei auf die geringste Kooperation hoffen können. Doch Hayes und seine unerschütterlichen Highlander in ihrem Regimentstartan … Es war mir nicht entgangen, dass Hayes sein Zelt mit dem Rücken zu einem dichten Kiefernhain hatte errichten lassen; jeder, der im Verborgenen mit dem Leutnant sprechen wollte, konnte sich ungesehen vom Wald aus nähern.

»Rechnet Hayes etwa damit, dass jemand aus der Menge hervorschießt, in sein Zelt rennt und sich auf der Stelle ergibt?«, murmelte ich Jamie zu. Ich allein kannte schon mindestens ein Dutzend Männer unter den Anwesenden, die an den Unruhen von Hillsborough beteiligt gewesen waren; drei von ihnen standen eine Armeslänge von uns entfernt.

Jamie sah, in welche Richtung mein Blick wanderte, und legte seine Hand über die meine, um mich schweigend zur Diskretion zu ermahnen. Ich sah ihn stirnrunzelnd an; er dachte doch wohl nicht, dass ich unabsichtlich jemanden verraten würde? Er schenkte mir ein schwaches Lächeln und einen jener ärgerlichen ehelichen Blicke, die deutlicher als Worte sagten: Du kennst dich doch, Sassenach. Jeder, der dein Gesicht sieht, weiß sofort, was du denkst.

Ich schob mich ein wenig näher heran und trat ihm diskret gegen den Knöchel. Möglich, dass ich ein Gesicht aus Glas hatte, doch in einer Menge wie dieser würde es wohl kaum Kommentare provozieren! Er zuckte nicht einmal, doch sein Lächeln wurde etwas breiter. Er ließ einen Arm in meinen Umhang gleiten und zog mich enger an sich, die Hand auf meinem Rücken.

Hobson, MacLennan und Fowles standen direkt vor uns und unterhielten sich leise. Sie kamen alle drei aus einer winzigen Siedlung namens Drunkard’s Creek, etwa fünfzehn Meilen von Fraser’s Ridge entfernt. Hugh Fowles war Joe Hobsons Schwiegersohn. Er war noch sehr jung, kaum älter als zwanzig. Er tat sein Bestes, um die Fassung zu wahren, doch sein Gesicht war weiß und starr geworden, als die Proklamation verlesen wurde.

Ich wusste nicht, was Tryon den Leuten anzutun gedachte, denen man nachweisen konnte, dass sie daran beteiligt gewesen waren, doch ich konnte spüren, wie die Strömungen der Unruhe, die die Proklamation des Gouverneurs hervorgerufen hatte, durch die Menge liefen wie das Wasser, das nebenan im Bach über die Steine wirbelte.

In Hillsborough waren mehrere Gebäude zerstört worden, und mehrere öffentliche Würdenträger waren auf die Straße gezerrt und misshandelt worden; dem Gerücht nach hatte einer der ironischerweise so genannten Friedensrichter durch einen kräftigen Hieb mit einer Reitpeitsche ein Auge verloren. Der Oberste Richter Henderson hatte sich diese Demonstration zivilen Ungehorsams so zu Herzen genommen, dass er aus dem Fenster gesprungen und aus der Stadt geflohen war, womit er die Gerichtssitzung erfolgreich verhindert hatte. Der Gouverneur war eindeutig sehr verärgert über das, was sich vor sechs Wochen in Hillsborough ereignet hatte.

Joe Hobson sah sich nach Jamie um, dann wandte er sich ab. Leutnant Hayes’ Anwesenheit an unserem Feuer war gestern Abend nicht unbemerkt geblieben.

Falls Jamie seinen Blick sah, so erwiderte er ihn nicht. Er zog eine Schulter zu einem Achselzucken hoch, dann neigte er den Kopf, um mir zu antworten.

»Nein, ich glaube nicht, dass Hayes erwartet, dass sich jemand ergibt. Es mag ja seine Pflicht sein, um Informationen zu bitten; ich danke Gott, dass es nicht die meine ist, seiner Bitte zu entsprechen.« Er hatte nicht laut gesprochen, aber so laut, dass seine Worte Joe Hobson erreichten.

Hobson wandte den Kopf und nickte Jamie sarkastisch zu, um anzuzeigen, dass er ihn gehört hatte. Er berührte den Arm seines Schwiegersohns, und sie drehten sich um und kletterten zu den oben verstreuten Lagerstätten hinauf, wo ihre Frauen sich um die Feuer und die kleineren Kinder kümmerten.

Es war der letzte Tag des gatherings; heute Nachmittag würden die Eheschließungen und Taufen stattfinden, die offizielle Segnung der Liebe und ihrer ungezügelten Früchte, die im Laufe des vergangenen Jahres den Lenden der kirchenlosen Masse entsprungen waren. Am Abend würden die letzten Lieder gesungen und die letzten Geschichten erzählt werden, und man würde zwischen den züngelnden Flammen der zahlreichen Feuer tanzen – ob es regnete oder nicht. Am Morgen würden die Schotten und ihre Familien in ihre Ansiedlungen zurückkehren, die von den dicht besiedelten Ufern des Cape Fear River bis weit in die wilden Berge des Westens verstreut lagen – und sie würden die Nachricht von der Proklamation des Gouverneurs und den Ereignissen von Hillsborough mitnehmen.

Ich wackelte in meinen feuchten Schuhen mit den Zehen und fragte mich beklommen, wer es hier wohl für seine Pflicht halten mochte, Hayes’ Einladung zu einem Geständnis oder zu einer Anschuldigung zu folgen. Jamie nicht, nein. Aber andere vielleicht. Während des einwöchigen gathering hatte es viele Angebereien über den Aufruhr von Hillsborough gegeben, doch waren längst nicht alle Zuhörer geneigt, die Aufrührer als Helden zu betrachten.

Ich konnte das Gemurmel der Unterhaltungen, das nach der Proklamation ausbrach, genauso gut spüren wie hören; Köpfe wandten sich, Familien sammelten sich dichter umeinander, Männer bewegten sich von Gruppe zu Gruppe, und der Inhalt von Hayes’ Ansprache wurde den Hügel hinaufgetragen und für jene wiederholt, die außer Hörweite gestanden hatten.

»Wollen wir gehen? Vor den Hochzeiten gibt es noch viel zu tun.«

»Aye?« Jamie sah zu mir herunter. »Ich dachte, Jocastas Sklaven kümmern sich um die Verpflegung. Ich habe Ulysses die Whiskyfässer gegeben – er ist der soghan.«

»Ulysses? Hat er denn auch seine Perücke dabei?« Ich lachte bei diesem Gedanken. Der soghan war der Mann, der bei einer Highlandhochzeit für die Verteilung von Getränken und Erfrischungen zuständig war; die Bezeichnung bedeutete eigentlich in etwa »freundlicher, jovialer Kerl«. Ulysses, Jocastas schwarzer Butler, war wahrscheinlich die würdevollste Person, die ich je gesehen hatte – selbst ohne seine Livree und seine gepuderte Rosshaarperücke.

»Wenn ja, dann klebt sie ihm wahrscheinlich bis heute Abend am Kopf.« Jamie blickte zu den tief hängenden Wolken auf und schüttelte den Kopf.

»Glücklich die Braut, der die Sonne lacht«, zitierte er. »Glücklich die Leiche, regnet’s mit Macht.«

»Das ist es, was ich an den Schotten so mag«, sagte ich trocken. »Für jede Gelegenheit ein passendes Sprichwort. Sag das bloß nicht, wenn Brianna es hören kann.«

»Wofür hältst du mich, Sassenach?«, wollte er mit einem halben Lächeln wissen. »Ich bin doch schließlich ihr Vater, oder?«

»Definitiv.« Ich verdrängte den plötzlichen Gedanken an Briannas anderen Vater und blickte hinter mich, um mich zu vergewissern, dass Brianna nicht in Hörweite war.

Es war kein Zeichen ihres flammenden Schopfes in der Nähe zu sehen. Eindeutig die Tochter ihres Vaters, war sie auf Strümpfen einsachtzig groß und in einer Menschenansammlung fast genauso leicht auszumachen wie Jamie selbst.

»Es ist sowieso nicht die Hochzeit, um die ich mich kümmern muss; ich muss Frühstück machen, und dann muss ich Murray MacLeod suchen und ihn bitten, mir bei der Morgensprechstunde zu helfen.«

»Oh, aye? Ich dachte, du hast gesagt, der gute Murray ist ein Scharlatan.«

»Ich habe gesagt, er ist unwissend und stur und stellt eine Bedrohung der öffentlichen Gesundheit dar«, korrigierte ich. »Das ist nicht dasselbe – nicht ganz.«

»Nicht ganz«, sagte Jamie grinsend. »Und hast du vor, ihn zu bekehren oder zu vergiften?«

»Je nachdem, was mir am wirksamsten erscheint. Vielleicht trete ich auch einfach nur aus Versehen auf seine Klinge und zerbreche sie; das ist wahrscheinlich die einzige Möglichkeit, ihn davon abzuhalten, die Leute zur Ader zu lassen. Aber lass uns gehen, mir ist kalt!«

»Aye, dann los«, pflichtete Jamie mir mit einem Blick auf die Soldaten bei, die immer noch in Rührt-euch-Stellung am Bachufer formiert waren. »Sieht so aus, als hätte der gute Archie vor, seine Jungs da stehen zu lassen, bis sich die Leute zerstreut haben; sie sind schon ein bisschen blau angelaufen.«

Die Reihe der Highlander war zwar voll bewaffnet und uniformiert, doch ihre Haltung war entspannt; beeindruckend, kein Zweifel, doch nicht bedrohlich. Ein paar kleine Jungen – und auch das eine oder andere kleine Mädchen – hüpften zwischen ihnen auf und ab und zupften frech an den Säumen ihrer Kilts oder schossen ganz wagemutig vor, um die glänzenden Musketen, die baumelnden Pulverhörner und die Griffe der Dolche und Schwerter zu berühren.

»Abel, a charaid!« Jamie war stehen geblieben, um den dritten Mann aus Drunkard’s Creek zu begrüßen. »Hast du heute schon was gegessen?«

MacLennan hatte seine Frau nicht zum gathering mitgebracht und aß daher, wohin der Zufall ihn führte. Die Menge um uns zerstreute sich jetzt, doch er blieb ungerührt stehen und hielt die Ecken eines roten Flanelltaschentuchs fest, das er sich über den zunehmend kahlen Kopf gezogen hatte, um ihn vor dem prasselnden Regen zu schützen. Wahrscheinlich hoffte er darauf, eine Einladung zum Frühstück zu ergattern, dachte ich zynisch.

Ich betrachtete seine stämmige Figur und wog im Geiste seinen möglichen Konsum an Eiern, Porridge und Toast gegen die schwindenden Vorräte in unseren Beuteln auf. Nicht, dass simple Nahrungsknappheit einen Highlander daran hindern würde, jemandem Gastfreundschaft anzubieten – schon gar nicht Jamie, der MacLennan gerade einlud, sich uns anzuschließen, während ich in Gedanken achtzehn Eier durch neun anstatt acht Leute dividierte. Also keine Spiegeleier; ich würde sie mit geriebenen Kartoffeln zu Reibekuchen verarbeiten, und am besten borgte ich mir auf dem Weg bergauf auch noch etwas Kaffee von Jocastas Lagerplatz.

Wir wandten uns zum Gehen, und Jamies Hand glitt plötzlich an meinem Rücken hinunter. Ich machte ein Geräusch, das alles andere als würdevoll war, und Abel MacLennan machte kehrt, um mich anzustarren. Ich lächelte ihm fröhlich zu und unterdrückte das Bedürfnis, Jamie erneut zu treten, diesmal weniger diskret.

MacLennan wandte sich ab und kletterte mit Höchstgeschwindigkeit vor uns den Hang hinauf, und seine Rockschöße schwangen voller Vorfreude über seiner abgetragenen Kniehose. Jamie schob eine Hand unter meinen Ellbogen, um mir über die Felsen zu helfen, und bückte sich dabei, um mir ins Ohr zu knurren.

»Warum zum Teufel trägst du keinen Unterrock, Sassenach?«, zischte er. »Du hast ja unter deinem Rock nichts an – du holst dir noch den Tod bei der Kälte!«

»Da hast du gar nicht so Unrecht«, sagte ich, denn ich zitterte, obwohl ich meinen Umhang trug. Ich hatte zwar ein Musselinhemd unter meinem Überkleid an, doch es war dünn und zerschlissen, wunderbar geeignet für ein Sommerlager unter freiem Himmel, aber völlig unzureichend zur Abwehr der winterlichen Böen, die durch meinen Leinenrock wehten, als bestünde er aus Gazestoff.

»Du hattest gestern Abend einen wunderbaren Wollunterrock an, Sassenach. Was ist daraus geworden?«

»Frag mich lieber nicht«, riet ich ihm.

Jetzt fuhren seine Augenbrauen in die Höhe, doch bevor er weiter nachhaken konnte, erklang hinter uns ein Schrei.

»Germain!«

Ich drehte mich um und erblickte einen kleinen, blonden Kopf, dessen Haare im Gegenwind wehten, während sein Besitzer unterhalb der Felsen den Hang hinunterschoss. Der zweijährige Germain hatte die Tatsache, dass seine Mutter mit seiner neugeborenen Schwester beschäftigt war, dazu benutzt, ihrer Obhut zu entfliehen und einen Vorstoß zu der Formation der Soldaten zu unternehmen. Da er den Händen der Zuschauer immer wieder entwischte, raste er kopfüber den Abhang hinunter wie ein Stein und wurde dabei immer schneller.

»Fergus!«, schrie Marsali. Beim Klang seines Namens wandte sich Germains Vater gerade noch rechtzeitig von seiner Unterhaltung ab, um zu sehen, wie sein Sohn über einen Stein stolperte und kopfüber nach vorn flog. Seltsamerweise machte der Junge keinerlei Anstalten zum Selbstschutz, sondern stürzte elegant und kugelte sich wie ein Igel zusammen, als er mit der Schulter auf dem mit Gras bewachsenen Hang landete. Er rollte wie eine Kanonenkugel zwischen den Reihen der Soldaten hindurch, schoss über den Rand eines felsigen Überhangs hinweg und plumpste klatschend in den Bach.

Die Leute hielten hörbar die Luft an, und einige rannten bergab, um zu helfen, doch einer der Soldaten war schon zum Ufer geeilt. Er kniete sich hin, durchstieß die auf dem Wasser treibenden Kleider des Kindes mit der Spitze seines Bajonetts und zog das durchnässte Bündel ans Ufer.

Fergus rannte in die eisigen Untiefen hinein und streckte die Hände aus, um seinen triefenden Sohn in Empfang zu nehmen.

»Merci, mon ami, merci mille fois«, sagte er zu dem jungen Soldaten. »Et toi, fiston«, sagte er an seinen prustenden Sohn gerichtet und schüttelte ihn kurz. »Comment vas-tu, du lütten Dummkopf?«

Der Soldat machte ein verblüfftes Gesicht, doch ich wusste nicht, ob dies an Fergus’ einzigartiger Dialektmischung lag oder am Anblick des glänzenden Hakens, den er an Stelle seiner fehlenden Linken trug.

»Schon gut, Sir«, sagte er mit einem schüchternen Lächeln. »Ich glaube, ihm ist nichts passiert.«

Brianna tauchte hinter einer Kiefer auf und trug Jemmy, der sechs Monate alt war, auf der einen Schulter. Sie bückte sich und hob die kleine Joan geschickt von Marsalis Arm.

»Komm, gib mir Joanie«, sagte sie. »Kümmere du dich um Germain.«

Jamie schwang sich den schweren Umhang von den Schultern und legte ihn Marsali an Stelle des Babys auf den Arm.

»Sag dem Soldaten, er soll an unser Feuer kommen«, sagte er zu ihr. »Wir bekommen doch noch einen Esser satt, oder, Sassenach?«

»Natürlich«, sagte ich und berichtigte hastig meine Kopfrechnungen. Achtzehn Eier, vier alte Brotlaibe zum Rösten – nein, einen sollte ich für die morgige Heimreise aufbewahren –, drei Dutzend Haferkekse, falls Jamie und Roger sie nicht gegessen hatten, ein halbes Glas Honig …

Ein reumütiges Lächeln erhellte Marsalis Gesicht und wurde von uns erwidert, dann war sie fort und hastete ihren durchnässten, zitternden Männern zu Hilfe.

Jamie blickte ihr mit einem resignierten Seufzer nach, während ihm der Wind in die weiten Hemdsärmel fuhr und sie unter gedämpftem Knattern aufblähte. Er verschränkte die Arme vor der Brust, zog zum Schutz vor dem Wind den Kopf ein und lächelte mit einem Seitenblick zu mir herunter.

»Äh, nun ja, schätze, dann erfrieren wir wohl gemeinsam, Sassenach. Aber das macht mir nichts. Ich würde sowieso nicht ohne dich leben wollen.«

»Ha«, sagte ich gutmütig. »Du könntest nackt auf einer Eisscholle leben, Jamie Fraser, und würdest sie noch zum Schmelzen bringen. Was hast du mit deinem Rock und deinem Plaid gemacht?« Außer seinem Kilt und Hemd trug er nur Schuhe und Strümpfe, und seine hohen Wangenknochen waren vor Kälte genauso gerötet wie seine Ohrenspitzen. Doch als ich meine Hand wieder in seinen Ärmel schob, war er so warm wie eh und je.

»Frag mich lieber nicht«, sagte er grinsend. Er bedeckte meine Hand mit seiner breiten, schwieligen Handfläche. »Lass uns gehen; ich kann das Frühstück kaum erwarten.«

»Warte«, sagte ich und löste mich von ihm. Jemmy hatte keine Lust, seine Mutter mit dem Neuankömmling zu teilen, und heulte und wand sich protestierend, während sein kleines, rundes Gesicht unter der blauen Strickmütze vor Ärger rot anlief. Ich streckte den Arm aus und nahm ihn Brianna ab, und er strampelte und krähte in seinen Wickeltüchern herum.

»Zwergenaufstand.« Brianna lächelte kurz und hievte die kleine Joan an ihrer Schulter in eine stabilere Position. »Bist du sicher, dass du ihn willst? Dieses hier ist ruhiger – und wiegt nur die Hälfte.«

»Nein, ist schon in Ordnung. Schsch, Schätzchen, komm zu Oma.« Ich lächelte bei diesen Worten und spürte diese immer noch neue Mischung aus Überraschung und Entzücken darüber, dass ich tatsächlich Großmutter sein konnte. Ich nahm an, dass es irgendwann nichts Besonderes mehr sein würde; ich hatte mich schließlich auch wunderbar daran gewöhnt, dass man mich »Mama« rief.

Als er mich erkannte, stellte Jemmy das Theater ein und klammerte sich wie immer an mich wie eine Muschel an einen Felsen und vergrub seine runden Fäuste fest in meinem Haar. Ich löste seine Finger und warf einen Blick über seinen Kopf hinweg, doch am Fuß des Berges schien alles unter Kontrolle zu sein.

Fergus stand mit klatschnassen Kniehosen und Strümpfen da, Jamies Umhang um die Schultern gelegt, und wrang mit einer Hand die Vorderseite seines Hemdes aus, während er mit dem Soldaten sprach, der Germain gerettet hatte. Marsali hatte ihr Schultertuch abgenommen und den kleinen Jungen darin eingewickelt, und ihr loses blondes Haar wehte im Wind wie Spinnweben.

Der Lärm hatte Leutnant Hayes neugierig gemacht, und er lugte aus seiner Zeltklappe wie eine Wellhornschnecke aus ihrer Schale. Er spähte bergauf und fing meinen Blick auf; ich winkte kurz, dann wandte ich mich ab, um meiner Familie zurück zu unserer Lagerstelle zu folgen.

Jamie sagte etwas auf Gälisch zu Brianna, während er ihr über eine felsige Stelle vor mir auf dem Pfad half.

»Ja, ich bin bereit«, antwortete sie auf Englisch. »Wo ist denn dein Rock, Pa?«

»Ich habe ihn deinem Mann geliehen«, sagte er. »Wir wollen doch nicht, dass er bei eurer Hochzeit wie ein Bettler aussieht, aye?«

Brianna lachte und strich sich mit der freien Hand eine wehende rote Haarsträhne aus dem Mundwinkel.

»Lieber wie ein Bettler als ein Selbstmordkandidat.«

»Ein was?« Ich holte sie ein, als wir aus dem Schutz der Felsen traten. Der Wind tobte über die freie Fläche und peitschte uns mit Hagel und stechenden Kiessplittern.

»Uff!« Brianna beugte sich über das fest eingewickelte Baby auf ihrem Arm und schützte es vor dem Ansturm. »Roger war gerade dabei, sich zu rasieren, als die Trommeln eingesetzt haben; fast hätte er sich die Kehle durchgeschnitten. Die Vorderseite seines Rocks ist voller Blutflecken.« Sie blickte Jamie an, und ihre Augen tränten vom Wind. »Dann hast du ihn also heute Morgen schon gesehen. Weißt du, wo er jetzt ist?«

»Heil und unversehrt«, versicherte er ihr. »Ich habe ihm gesagt, er sollte Vater Donahue einen Besuch abstatten, solange Hayes zugange war.« Er sah sie scharf an. »Du hättest mir ruhig sagen können, dass der Junge kein Katholik ist.«

»Hätte ich«, sagte sie ungerührt. »Habe ich aber nicht. Ist für mich gehüpft wie gesprungen.«

»Wenn du mit diesem merkwürdigen Ausdruck meinst, dass es nicht von Bedeutung ist –«, setzte Jamie mit einem deutlichen Unterton der Schärfe an, wurde aber dann unterbrochen, weil Roger persönlich auftauchte. Er machte eine blendende Figur in Kilt und Plaid mit grünweißem MacKenzie-Tartan und Jamies Sonntagsrock nebst Weste. Der Rock passte ihm gut – beide Männer waren etwa gleich groß und hatten lange Gliedmaßen und breite Schultern, wenngleich Jamie drei oder vier Zentimeter größer war –, und die graue Wolle stand Roger mit seinem dunklen Haar und seiner Olivenhaut genauso gut wie Jamie mit seinen bronzenen Brauntönen.

»Du siehst gut aus, Roger«, sagte ich. »Wo hast du dich denn geschnitten?« Sein Gesicht war gerötet und hatte das rohe Aussehen, das frisch rasierter Haut eigen ist, doch ansonsten war er unverletzt.

Roger trug Jamies Plaid unter dem Arm, ein rotschwarzes Tartanbündel. Er reichte es ihm und bog den Kopf zur Seite, um mir den tiefen Einschnitt direkt unter seinem Unterkiefer zu zeigen.

»Da. Nicht so schlimm, aber es hat fürchterlich geblutet. Man nennt diese Klingen nicht umsonst Halsabschneider, aye?«

Der Schnitt war zu einer sauberen, dunklen Linie verkrustet, die etwa acht Zentimeter lang war und vom Ende seines Kieferknochens schräg an seiner Halsseite hinunter verlief. Ich berührte flüchtig die Haut neben dem Schnitt. Es war nicht schlimm; die Klinge des Rasiermessers war senkrecht eingedrungen, es gab keine überstehende Haut, die genäht werden musste. Doch es war kein Wunder, dass es stark geblutet hatte; es sah wirklich so aus, als hätte er versucht, sich die Kehle durchzuschneiden.

»Bisschen nervös heute Morgen?«, zog ich ihn auf. »Dir kommen doch nicht etwa Zweifel, oder?«

»Dazu ist es ein bisschen spät«, sagte Brianna trocken, während sie an meine Seite trat. »Hier ist schließlich ein Kind, das einen Namen braucht.«

»Es wird so viele Namen haben, dass es gar nicht weiß, was es damit anfangen soll«, versicherte ihr Roger. »Und du auch – Mrs. MacKenzie.«

Ein Hauch von Röte erleuchtete Briannas Gesicht beim Klang dieses Namens, und sie lächelte ihn an. Er beugte sich zu ihr hinüber, küsste sie auf die Stirn und nahm ihr dabei das Baby ab. Ein Ausdruck plötzlichen Erschreckens überzog sein Gesicht, als er das Gewicht des Bündels in seinen Armen spürte, und er starrte es an.

»Das ist nicht unserer«, sagte Brianna und grinste über seine Verblüffung. »Es ist Joan. Mama hat Jemmy.«

»Gott sei Dank«, sagte er und trug das Baby sehr viel vorsichtiger. »Ich dachte schon, er hätte sich in Luft aufgelöst oder so etwas.« Er hob die Decke sacht an, legte Joans winziges, schlafendes Gesicht frei und lächelte – wie es die Leute immer taten – beim Anblick ihres komischen braunen Haarschopfes, der spitz zulief wie der Haarknoten einer Engelspuppe.

»Schön wär’s«, sagte ich und grunzte, als ich den wohlgenährten Jemmy, der in seiner Decke friedlich eingeschlafen war, in eine bequemere Position hochstemmte. »Ich glaube, er hat auf dem Weg bergauf ein oder zwei Pfund zugenommen.« Die Anstrengung war mir in die Wangen gestiegen, und ich hielt das Baby ein wenig von mir weg, weil mir eine plötzliche Hitzewelle zu Kopfe stieg und mir unter meinen zerzausten Locken der Schweiß ausbrach.

Jamie nahm mir Jemmy ab und klemmte ihn sich geschickt unter den Arm wie einen Fußball, eine Hand unter dem Kopf des Babys.

»Dann hast du also mit dem Priester gesprochen?«, sagte er und sah Roger skeptisch an.

»Das habe ich«, sagte Roger trocken und beantwortete den Blick genauso wie die Frage. »Er ist zu dem Schluss gekommen, dass ich nicht der Antichrist bin. Solange ich willens bin, den Jungen katholisch taufen zu lassen, steht der Hochzeit nichts im Wege.«

Jamie knurrte als Antwort, und ich unterdrückte ein Lächeln. Jamie hatte zwar keine nennenswerten religiösen Vorurteile – er hatte schon mit viel zu vielen Männern jeden denkbaren Hintergrundes zusammengearbeitet, gekämpft oder sie befehligt –, doch die Enthüllung, dass sein Schwiegersohn Presbyterianer war und keinerlei Absicht hatte zu konvertieren, hatte er nicht schweigend hingenommen.

Brianna bemerkte meinen Blick, lächelte mich von der Seite an und verzog ihrerseits belustigt die Katzenaugen zu blauen Dreiecken.

»Sehr klug von dir, das Thema Religion nicht schon früher zu erwähnen«, murmelte ich, wobei ich darauf achtete, nicht so laut zu sprechen, dass Jamie mich hören konnte. Die beiden Männer schritten vor uns her und gingen immer noch sehr steif miteinander um. Allerdings wurde die Förmlichkeit ihres Umgangs durch die herabhängenden Wickeltücher der Babys auf ihren Armen entschärft.

Jemmy quäkte plötzlich, doch sein Großvater schwang ihn hoch, ohne seine Schritte zu verlangsamen, und er ergab sich in sein Schicksal und fixierte uns über Jamies Schulter hinweg mit seinen runden Augen, von seiner Decke wie von einer Kapuze geschützt. Ich schnitt ihm eine Grimasse, und er brach in ein breites, zahnloses Grinsen aus.

»Roger wollte etwas sagen, aber ich habe ihm geraten, den Mund zu halten.« Brianna winkte Jemmy zu und fixierte Rogers Rücken mit dem typischen Blick der Ehefrau. »Ich habe gewusst, dass Pa keine Szene machen würde, wenn wir bis kurz vor der Hochzeit warten.«

Dies war eine sehr treffende Einschätzung des Verhaltens ihres Vaters. Sie ähnelte Jamie in viel mehr Dingen als nur den augenfälligen Merkmalen wie Aussehen, Haar- und Hautfarbe; sie besaß seine Menschenkenntnis und sein Sprachtalent. Dennoch regte sich ein Gedanke in meinem Hinterkopf, irgendetwas, das mit Roger und Religion zu tun hatte …

Wir hatten uns den Männern so weit genähert, dass wir ihre Unterhaltung hören konnten.

»… um Hillsborough«, sagte Jamie gerade, zu Roger hinübergebeugt, damit dieser ihn trotz des Windes hören konnte. »Wollte Informationen über die Aufrührer.«

»Oh, aye?« Roger klang interessiert und argwöhnisch zugleich. »Das wird Duncan Innes neugierig machen. Er ist während der Unruhen in Hillsborough gewesen, hast du das gewusst?«

»Nein.« Jamies Aufmerksamkeit war geweckt. »Ich habe in dieser Woche kaum ein Wort mit Duncan gewechselt. Vielleicht frage ich ihn nach der Hochzeit – falls er sie überlebt.« Duncan sollte am Abend Jocasta Cameron, Jamies Tante, heiraten und war so nervös, dass er dem Zusammenbruch nahe war.

Roger drehte sich um und schützte Joan mit seinem Körper vor dem Wind, während er mit Brianna sprach.

»Deine Tante hat Vater Donahue gesagt, dass er die Trauungen in ihrem Zelt vollziehen kann. Dann wird es nicht ganz so schlimm.«

»Brrr!« Brianna zog zitternd den Kopf ein. »Gott sei Dank. Heute ist nicht der Tag für eine Hochzeit im Grünen.«

Eine Kastanie überschüttete uns mit gelbem Laub, als wollte sie ihre Zustimmung ausdrücken. Roger sah ein wenig beklommen aus.

»Das ist bestimmt nicht die Hochzeit, die du dir vorgestellt hast«, sagte er. »Als kleines Mädchen.«

Brianna blickte zu Roger auf, und ein Lächeln überzog ganz langsam ihr Gesicht. »Das war die erste auch nicht«, sagte sie. »Aber ich fand sie schön.«

Roger neigte aufgrund seiner dunklen Haut eigentlich nicht zum Erröten, und seine Ohren waren sowieso rot vor Kälte. Er öffnete den Mund, als wollte er antworten, dann begegnete er Jamies stechendem Blick, schloss ihn wieder und machte ein verlegenes, aber unleugbar zufriedenes Gesicht.

»Mr. Fraser!«

Ich drehte mich um, und sah einen der Soldaten hügelaufwärts auf uns zukommen, den Blick auf Jamie geheftet.

»Korporal MacNair, stets zu Diensten, Sir«, sagte er schwer atmend, als er bei uns ankam. Er nickte abrupt mit dem Kopf. »Der Leutnant lässt Euch grüßen – ob Ihr wohl so freundlich wärt, ihn in seinem Zelt aufzusuchen?« Sein Blick fiel auf mich, und er verbeugte sich erneut, wenn auch weniger zackig. »Mrs. Fraser. Gott zum Gruße, Ma’am.«

»Zu Diensten, Sir.« Jamie erwiderte die Verneigung des Korporals. »Ich bitte, mich bei dem Leutnant zu entschuldigen, doch ich habe Verpflichtungen, die meine Anwesenheit anderswo erfordern.« Er sprach höflich, doch der Korporal blickte scharf zu ihm auf. MacNair war jung, aber nicht unerfahren; der Ausdruck, der sein hageres, dunkles Gesicht überflog, zeigte, dass er verstand.

»Der Leutnant bittet Mr. Farquard Campbell, Mr. Andrew MacNeill, Mr. Gerald Forbes, Mr. Duncan Innes und den Priester um ihre Anwesenheit sowie Euch.«

Die Anspannung in Jamies Schultern ließ um einiges nach.

»Ach wirklich«, sagte er trocken. Also wollte Hayes die einflussreichen Männer der Gegend konsultieren; Farquard Campbell und Andrew MacNeill waren Großgrundbesitzer und lokale Beamte; Gerald Forbes ein prominenter Anwalt aus Cross Creek. Und Duncan Innes war im Begriff, durch seine bevorstehende Heirat mit Jamies verwitweter Tante zum Besitzer der größten Plantage in der westlichen Hälfte der Kolonie zu werden. Jamie selbst war weder reich noch ein Vertreter der Krone, doch er war der Nutznießer einer großen – wenn auch zur Zeit noch weitgehend unbesiedelten – Landzuweisung im Hinterland.

Er zuckte leicht mit den Achseln und verlagerte das Baby auf die andere Schulter, um es bequemer zu haben.

»Aye. Nun gut. Sagt dem Leutnant, ich werde ihn aufsuchen, sobald es mir gelegen kommt.«

Korporal MacNair verneigte sich ungerührt und zog davon, vermutlich auf der Suche nach den anderen Herren auf seiner Liste.

»Und was soll das jetzt wieder?«, fragte ich Jamie. »Hoppla.« Ich streckte die Hand aus und strich Jemmy einen glitzernden Speichelfaden vom Kinn, bevor er Jamies Hemd erreichen konnte. »Schon wieder ein neuer Zahn?«

»Ich habe Zähne in Hülle und Fülle«, versicherte mir Jamie. »Und du auch, soweit ich informiert bin. Und was Hayes und seine Pläne angeht, ich weiß es nicht genau. Und ich habe auch nicht vor, es herauszufinden, solange ich es nicht muss.« Er zog seine rote Augenbraue hoch und sah mich an, und ich lachte.

»Oh, wir haben das Wort gelegen also im flexiblen Sinne benutzt, was?«

»Ich habe nichts davon gesagt, dass es ihm auch gelegen kommt«, klärte Jamie mich auf. »Nun, was deinen Unterrock angeht, Sassenach, und den Grund, warum du dich mit blankem Arsch auf dem Berg herumtreibst – Duncan, a charaid!« Beim Anblick von Duncan Innes, der durch einen Kiefernhain auf uns zukam, verwandelte sich sein sarkastischer Gesichtsausdruck in aufrichtige Freude.

Duncan kletterte gerade über einen umgestürzten Baumstamm, was ihm auf Grund seines fehlenden Armes sehr schwer fiel. Dann stieß er auf dem Pfad zu uns und schüttelte sich die Wassertropfen aus dem Haar. Er trug bereits seinen Hochzeitsstaat, ein sauberes Rüschenhemd mit gestärkter Halsbinde zu seinem Kilt und einem Rock aus rotem Wolltuch mit goldenen Biesen, dessen leerer Ärmel mit einer Brosche hochgesteckt war. Ich hatte Duncan noch nie so elegant gesehen und sagte ihm das auch.

»Och, na ja«, sagte er verlegen. »Das hat sich Miss Jo gewünscht.« Er schüttelte das Kompliment gemeinsam mit dem Regen ab und strich sich sorgfältig die Nadeln und Rindenstückchen, die auf seinem Weg durch die Kiefern hängen geblieben waren, von seinem Rock.

»Brrr! Ein fürchterlicher Tag, Mac Dubh, das steht fest.« Er sah zum Himmel auf und schüttelte den Kopf. »Glücklich die Braut, der die Sonne lacht; glücklich die Leiche, regnet’s mit Macht.«

»Ich frage mich nur, wie viel Entzücken man von einer durchschnittlichen Leiche erwarten kann«, sagte ich, »ganz gleich, wie die meteorologischen Bedingungen aussehen. Aber ich bin mir sicher, dass Jocasta sehr glücklich sein wird«, fügte ich hastig hinzu, als ich sah, wie sich ein Ausdruck der Verwirrung auf Duncans Gesicht ausbreitete. »Und du natürlich auch!«

»Oh … aye«, sagte er ein wenig unsicher. »Aye, natürlich. Danke, Ma’am.«

»Als ich dich durch den Wald kommen gesehen habe, dachte ich, dir ist vielleicht Korporal MacNair auf den Fersen«, sagte Jamie. »Du bist doch nicht unterwegs zu Archie Hayes, oder?«

Duncan machte ein erschrockenes Gesicht.

»Hayes? Nein, was sollte der Leutnant denn von mir wollen?«

»Du warst doch im September in Hillsborough, nicht wahr? Hier, Sassenach, nimm mir das kleine Krabbeltier ab, aye?« Jamie unterbrach sich, um mir Jemmy zu geben, der jetzt beschlossen hatte, sich aktiver für das Geschehen zu interessieren, und gerade unter Tritten und lauten Grunzgeräuschen versuchte, den Oberkörper seines Großvaters zu erklettern. Doch seine plötzliche Aktivität war nicht der Hauptgrund, warum Jamie sich dieser Last entledigte, wie ich feststellte, als ich Jemmy entgegennahm.

»Vielen Dank«, sagte ich und rümpfte die Nase. Jamie grinste mich an und schob Duncan den Weg entlang, wobei sie ihre Unterhaltung wieder aufnahmen.

»Hmm«, sagte ich und schnüffelte vorsichtig. »Fertig? Nein, dachte ich mir.« Jemmy schloss die Augen, lief knallrot an und stieß ein Knattergeräusch aus, das an gedämpftes Maschinengewehrfeuer erinnerte. Ich löste seine Wickeltücher so weit, dass ich an seinem Rücken hinunterblicken konnte.

»Huch«, sagte ich und wickelte ihn gerade noch rechtzeitig aus seiner Decke. »Womit hat deine Mutter dich nur gefüttert?«

Entzückt darüber, seinen Wickeltüchern entkommen zu sein, strampelte Jemmy mit den Beinchen, als wären es Windmühlenflügel, und aus den ausgebeulten Beinen seiner Windel rann eine ungesund aussehende, gelbliche Substanz.

»Pfui«, sagte ich knapp und trug ihn mit ausgestreckten Armen zu einem der kleinen Rinnsale, die sich den Berg hinunterschlängelten. Ich kam zwar ganz gut ohne den Komfort von fließend warmem und kaltem Wasser und ohne Autos aus, dachte ich, doch es gab Zeiten, da hätte ich wirklich gern Dinge wie Gummihöschen mit elastischen Beinabschlüssen gehabt. Von Toilettenpapierrollen ganz zu schweigen.

Ich fand eine gute Stelle am Rand des Bächleins, wo eine dicke Schicht totes Laub lag. Ich kniete mich hin, breitete eine Ecke meines Umhangs aus, platzierte Jemmy auf Händen und Knien darauf und zog ihm die durchweichte Windel aus, ohne mir die Mühe zu machen, die Sicherheitsnadeln zu lösen.

»Hiiih!«, sagte er und klang überrascht, als ihn die kalte Luft traf. Er verkrampfte seine kleinen, fetten Pobacken und kauerte auf dem Boden wie eine kleine, rosafarbene Kröte.

»Ha«, sagte ich zu ihm. »Wenn du glaubst, kalter Wind am Hintern wäre schlimm, dann warte nur.« Ich ergriff eine Hand voll feuchter, gelbbrauner Blätter und säuberte ihn energisch. Da er ein sehr duldsames Kind war, zappelte und wand er sich zwar, doch er brüllte nicht, sondern gab nur schrille »Iiiih«-Laute von sich, als ich ihn säuberte.

Ich drehte ihn um, hielt eine Hand prophylaktisch über die Gefahrenzone und ließ seinen Geschlechtsteilen eine ähnliche Behandlung angedeihen, was ein breites, zahnloses Grinsen auslöste.

»Na, du bist ja wirklich ein Highlandmann, was?«, sagte ich und grinste zurück.

»Und was meinst du nun wieder damit, Sassenach?« Ich blickte auf und stellte fest, dass Jamie jenseits des Bächleins mit verschränkten Armen an einem Baum lehnte und mich anlächelte. Die leuchtenden Farben seines formellen Tartans und seines weißen Leinenhemdes setzten sich auffallend von dem verblichenen Herbstlaub ab, doch Gesicht und Haare ließen ihn wie einen Waldbewohner aussehen, ganz in Bronze und Dunkelrot, und der Wind regte sich in seinem Haar, so dass die losen Spitzen genauso tanzten wie die scharlachroten Ahornblätter.

»Na ja, Kälte und Feuchtigkeit können ihm offensichtlich nichts anhaben«, sagte ich, während ich meine Bemühungen abschloss und die letzte Hand voll beschmutzter Blätter zur Seite legte. »Ansonsten … na ja, ich habe bis jetzt noch nicht viel mit männlichen Säuglingen zu tun gehabt, aber ist das hier nicht sehr frühreif?«

Jamies Mundwinkel verzog sich nach oben, als er den Anblick betrachtete, der unter meiner Hand zum Vorschein kam. Das winzige Anhängsel war steil aufgerichtet, so steif wie mein Daumen und ungefähr ebenso groß.