Outlander – Die geliehene Zeit - Diana Gabaldon - E-Book

Outlander – Die geliehene Zeit E-Book

Diana Gabaldon

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14,99 €

Beschreibung

Dramatisch und hochspannend:
In Band 2 von Diana Gabaldons Highland-Saga kehrt Claire Randall mit ihrer Tochter Brianna zum magischen Steinkreis zurück

Die schottischen Highlands 1968: Zwanzig Jahre ist es her, dass Claire Randall durch einen magischen Steinkreis ins Jahr 1743 gereist ist. Zwar hat sie dort in Jamie Fraser die Liebe ihres Lebens gefunden, doch schließlich musste sie ins 20. Jahrhundert zurückkehren – zu ihrer eigenen Sicherheit und der ihrer Tochter Brianna.
Doch nun ist für Claire die Zeit gekommen, noch einmal in die Highlands zu reisen, denn Brianna soll endlich die Wahrheit erfahren: über den magischen Steinkreis, Claires Zeitreise und ihre große Liebe Jamie Fraser. Außerdem hofft Claire, die Antwort auf die eine Frage zu finden, die sie seit über 20 Jahren quält: Konnte Jamie die schreckliche Schlacht von Culloden überleben?

Mit ihrer Outlander-Serie hat Bestseller-Autorin Diana Gabaldon ein Universum erschaffen, das die Leser von exzellent recherchierten historischen Romanen und von großen Liebesgeschichten gleichermaßen begeistert.

Alle Bände der "Outlander"-Reihe von Diana Gabaldon:

• »Outlander«
• »Outlander - Die geliehene Zeit«
• »Outlander - Ferne Ufer«
• »Outlander - Der Ruf der Trommel«
• »Outlander - Das flammende Kreuz«
• »Outlander - Ein Hauch von Schnee und Asche«
• »Outlander - Echo der Hoffnung«
• »Outlander - Ein Schatten von Verrat und Liebe«

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Seitenzahl: 1823

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Diana Gabaldon

Outlander

Die geliehene ZeitRoman

Aus dem Englischen von Barbara Schnell

Knaur eBooks

Über dieses Buch

Spannend, wildromantisch, dramatisch: Band 2 der großen Highland-Saga endlich in ungekürzter Neuübersetzung!

Schottland 1968: Zwanzig Jahre, nachdem Claire Randall aus der Vergangenheit zurückgekehrt ist, bringt sie ihre Tochter Brianna in die Highlands. Brianna soll endlich das Land ihres Vaters kennenlernen. Außerdem sucht Claire die Antwort auf eine Frage, die sie seit über zwanzig Jahren quält: Hat ihre große Liebe Jamie Fraser die schreckliche Schlacht bei Culloden überlebt?

Der zweite Band zur erfolgreichen TV-Serie »Outlander« bei VOX

Inhaltsübersicht

Widmung

Prolog

Erster Teil

Inventur

Die Spannung steigt

Mütter und Töchter

Culloden

Geliebte Ehefrau

Zweiter Teil

Wellen schlagen

Königliche Audienz

Ruhelose Geister und Krokodile

Der Glanz von Versailles

Eine Dame mit herrlichem braunem Lockenhaar

Sinnvoller Zeitvertreib

L’Hôpital des Anges

Betrügereien

Leibesübungen

In welchem Musik eine Rolle spielt

Des Sulfurs Natur

Besessen

Dritter Teil

Schande in Paris

Kraft deines Eides

La Dame Blanche

Auferstehung zur Unzeit

Vierter Teil

Das königliche Gestüt

Die besten Pläne von Mäusen und Menschen

Der Bois de Boulogne

Raymond der Häretiker

Fontainebleau

Eine Audienz bei Seiner Majestät

Und es ward Licht

Die Nessel ist ein sauber Kraut …

Fünfter Teil

Lallybroch

Post aus Paris

Feld der Träume

Hüter deines Bruders

Wenn der Postmann zweimal klingelt

Mondlicht

Sechster Teil

Prestonpans

Holyrood

Ein Handel mit dem Teufel

Familienbande

Der Fuchsbau

Der Fluch der Seherin

Wiedersehen

Falkirk

In welchem eine Menge Dinge den Bach hinuntergehen

Zur Hölle mit den Randalls

Timor Mortis Conturbat Me

Siebter Teil

Lose Enden

Hexenjagd

Selig sind die …

Danksagung

Leseprobe »Outlander«

Für meinen Mann, Doug Watkins –

danke für das Rohmaterial

Prolog

Dreimal erwachte ich im Dunkel vor dem Morgengrauen. Erst in Trauer, dann in Freude und zuletzt in Einsamkeit. Langsam weckte mich das, was ich verloren hatte; Tränen benetzten mein Gesicht wie ein feuchtes Tuch in lindernden Händen. Ich drehte mein Gesicht in das nasse Kissen und ließ mich treiben, auf salzigem Wasser in Höhlen aus unvergessenem Schmerz, in die unterirdischen Tiefen, Schlaf.

Dann kam ich, von Freude durchdrungen, zu mir, aufgebäumt im letzten Zucken der Vereinigung; seine Berührung verebbte, gerade noch frisch auf meiner Haut, auf den Pfaden der Nerven, und die Wellen der Erfüllung stiegen aus meiner Mitte auf. Ich wies das Wachsein von mir, wandte mich um und suchte den scharfen, warmen Duft der gestillten Lust eines Mannes in den tröstenden Armen meines Geliebten, Schlaf.

Beim dritten Mal erwachte ich allein, jenseits von Liebe oder Schmerz, den Anblick der Steine noch vor Augen. Ein kleiner Kreis, aufrechte Steine auf der Kuppe eines steilen grünen Hügels. Der Name des Hügels ist Craigh na Dun, der Feenhügel. Die einen sagen, der Hügel ist verzaubert, die anderen, er ist verflucht. Sie haben alle recht. Doch niemand kennt die Funktion oder den Zweck der Steine.

Außer mir.

Erster Teil

Durch einen Spiegel in einem dunkeln Wort

   

Kapitel 1

Inventur

Inverness 1968

Roger Wakefield stand in der Mitte des Zimmers und fühlte sich umzingelt. Er hielt das Gefühl durchaus für gerechtfertigt, insofern als er umzingelt war: von Tischen voller Nippes und Erinnerungsstücken, von schweren Möbeln im viktorianischen Stil mit Plüsch und Prunk, von kleinen Webteppichen, die heimtückisch auf die Gelegenheit warteten, unter einem arglosen Fuß davonzurutschen. Umzingelt von zwölf Zimmern voller Möbel, Kleider und Papiere. Und die Bücher – mein Gott, die Bücher!

Das Studierzimmer, in dem er stand, war auf drei Seiten mit Bücherregalen gesäumt, allesamt vollgestopft bis zum Bersten und darüber hinaus. Taschenbuchausgaben von Krimis lagen in bunten, schmuddeligen Stapeln vor Kalbslederbänden, die sich dicht an dicht mit Buchclubausgaben und alten, in längst geschlossenen Bibliotheken stibitzten Wälzern drängten, dazu Abertausende von Pamphleten, Broschüren und mit Nadel und Faden zusammengeschusterten Manuskripten.

Im Rest des Hauses sah die Lage ähnlich aus. Jede horizontale Oberfläche war mit Büchern und Papieren übersät, und jeder Schrank schien ächzend aus den Fugen gehen zu wollen. Sein verstorbener Adoptivvater hatte ein langes, erfülltes Leben gelebt, weit über die »siebzig, wenn’s hoch kommt, achtzig« Jahre hinaus, die ihm die Bibel zugestand. Und in all diesen Jahren hatte Reverend Wakefield niemals etwas weggeworfen.

Roger kämpfte das Bedürfnis nieder, zur Haustür hinauszulaufen, in seinen Morris Minor zu springen, nach Oxford zurückzukehren und das Pfarrhaus mitsamt seinem Inhalt dem Wetter und den Vandalen zu überlassen. Ruhig bleiben, sagte er sich und holte tief Luft. Du schaffst das schon. Die Bücher sind der einfache Teil; sie müssen nur einmal durchgesehen werden, und dann musst du jemanden anrufen und sie abholen lassen. Natürlich braucht man dazu einen Laster von der Größe eines Eisenbahnwaggons, aber es ist machbar. Kleider – kein Problem. Alles für Oxfam.

Er hatte zwar keine Ahnung, was Oxfam mit einem Haufen schwarzer Sergedreiteiler circa Jahrgang 1948 anfangen würde, aber vielleicht waren die Armen, die in den Genuss kommen würden, ja nicht so wählerisch. Allmählich fiel ihm das Atmen leichter. Die historische Fakultät in Oxford hatte ihm einen Monat Urlaub gewährt, um den Nachlass des Reverends zu regeln. Vielleicht würde die Zeit ja doch reichen. In seinen deprimierteren Momenten war es ihm so vorgekommen, als müsste es Jahre dauern.

Er ging auf einen der Tische zu und ergriff eine kleine Porzellanschale. Sie war mit kleinen Rechtecken aus Blei gefüllt, »Gaberlunzies«, Bettelmarken, die die Gemeinden im achtzehnten Jahrhundert als eine Art Lizenz ausgegeben hatten. Vor der Lampe standen ein paar Steingutflaschen, daneben lag ein mit Silber beschlagenes Widderhorn als Schnupftabakspender. Ob er sie einem Museum überlassen sollte?, dachte er zweifelnd. Das Haus war voller Gegenstände aus der Zeit der Jakobiten; der Reverend war Amateurhistoriker gewesen und das achtzehnte Jahrhundert sein bevorzugtes Jagdrevier.

Seine Finger wanderten unwillkürlich zu dem Tabakshorn hinüber, um darüberzustreichen und die schwarzen Linien der Gravuren nachzuzeichnen – die Namen und Amtszeiten der Diakone und Schatzmeister der Schneidergilde am Canongate, Edinburgh 1726. Vielleicht sollte er ja einige der ausgesuchteren Errungenschaften des Reverends behalten … Doch dann zog er die Hand zurück und schüttelte entschlossen den Kopf. »Kommt nicht in Frage«, sagte er laut, »das ist der beste Weg zum Wahnsinn.« Oder zumindest zum Beginn eines Lebens als Packratte. Wenn er auch nur anfing, das eine oder andere zu behalten, würde er am Ende doch mit der ganzen Bescherung in dieser Monstrosität leben, die sich Haus nannte, umgeben vom Krimskrams der Jahrhunderte. »Und Selbstgespräche führen«, murmelte er.

Der Gedanke an den Krimskrams der Jahrhunderte rief ihm die Garage ins Gedächtnis, und seine Knie gaben ein wenig nach. Der Reverend, der eigentlich Rogers Großonkel war, hatte ihn mit fünf adoptiert, nachdem seine Eltern im Zweiten Weltkrieg umgekommen waren, seine Mutter bei einem Bombenangriff, sein Vater über den finsteren Wassern des Kanals. Mit seinem üblichen Sammlerinstinkt hatte der Reverend den gesamten Nachlass von Rogers Eltern aufbewahrt und ihn in Kisten und Kartons hinten in der Garage gelagert. Roger wusste aus erster Hand, dass in den letzten zwanzig Jahren niemand diese Kisten geöffnet hatte.

Roger stöhnte auf wie ein Heimgesuchter aus dem Alten Testament, als er daran dachte, die Hinterlassenschaften seiner Eltern zu durchwühlen. »O Gott«, sagte er laut. »Alles, nur das nicht!«

Die Bemerkung war zwar nicht unbedingt als Gebet gedacht gewesen, doch wie als Antwort klingelte es an der Tür, so dass sich Roger aufgeschreckt auf die Zunge biss.

Die Tür des Pfarrhauses neigte dazu, bei feuchtem Wetter zu klemmen, was bedeutete, dass sie meistens klemmte. Roger befreite sie mit einem markerschütternden Quietschen und sah eine Frau auf der Schwelle stehen.

»Kann ich Ihnen helfen?«

Sie war mittelgroß und ausgesprochen hübsch. Sein erster Eindruck war der von feinem Knochenbau und weißem Leinen, gekrönt von einer Fülle brauner Locken, die zu einer Art halb gezähmtem Knoten frisiert war. Und mitten darin ein außergewöhnliches, leuchtendes Augenpaar von der Farbe gut gereiften Sherrys.

Diese Augen wanderten nun von seinen 46er Turnschuhen zu dem Gesicht einen guten Kopf über ihr. Ihr Lächeln wurde breiter. »Ich fange ja nur ungern mit einem Klischee an«, sagte sie, »aber mein Gott, sind Sie gewachsen, Roger!«

Roger spürte, wie er rot wurde. Die Frau lachte und hielt ihm die Hand hin. »Sie sind doch Roger, oder? Mein Name ist Claire Randall; ich war eine alte Freundin des Reverends. Aber Sie habe ich das letzte Mal gesehen, als Sie fünf Jahre alt waren.«

»Äh, Sie sagen, Sie waren eine alte Freundin meines Vaters? Dann wissen Sie also schon …«

Das Lächeln verschwand und wich einem Ausdruck des Bedauerns.

»Ja, ich war sehr traurig, es zu hören. Das Herz, ja?«

»Ähm, ja. Ganz plötzlich. Ich bin gerade aus Oxford gekommen, um mich um … alles zu kümmern.« Mit einer vagen Handbewegung deutete er auf das verwaiste Haus hinter ihm und seinen gesamten Inhalt.

»So wie ich die Bibliothek Ihres Vaters in Erinnerung habe, dürfte allein diese kleine Aufgabe Sie bis Weihnachten in Anspruch nehmen«, stellte Claire fest.

»Wenn das so ist, sollten wir Sie vielleicht besser nicht stören«, sagte eine angenehme amerikanische Stimme.

»Oh, ich vergaß«, sagte Claire und wandte sich halb zu der jungen Frau um, die außer Sichtweite in einer Ecke der Eingangsveranda gestanden hatte. »Roger Wakefield – meine Tochter Brianna.«

Brianna Randall trat mit einem schüchternen Lächeln vor. Im ersten Moment starrte Roger sie an, dann besann er sich auf seine Manieren. Er trat zurück und hielt die Tür weit offen, während er sich flüchtig fragte, wann er zuletzt das Hemd gewechselt hatte.

»Nicht doch, nicht doch!«, sagte er herzlich. »Ich wollte sowieso gerade Pause machen. Kommen Sie doch herein.«

Er winkte die beiden Frauen durch den Flur in das Studierzimmer des Reverends und nahm dabei zur Kenntnis, dass die Tochter eins der größten Mädchen war, die er je aus der Nähe gesehen hatte. Sie war bestimmt eins achtzig groß, dachte er, als er sah, dass sich ihr Kopf auf einer Höhe mit der Flurgarderobe befand. Im Weitergehen richtete er sich unbewusst zu seiner vollen Größe von einem Meter neunzig auf und duckte sich erst im letzten Moment, um sich den Kopf nicht am Türsturz des Studierzimmers zu stoßen, als er den Frauen hineinfolgte.

 

»Eigentlich wollte ich ja schon eher kommen«, sagte Claire und machte es sich in dem gewaltigen Armsessel noch ein wenig bequemer. Die vierte Wand des Studierzimmers hatte Fenster, die vom Boden bis zur Decke reichten, und das Sonnenlicht schimmerte auf der Perlmuttspange in ihrem hellbraunen Haar. Allmählich lösten sich die Locken aus ihrer Befestigung, und sie schob sich beim Reden geistesabwesend eine Strähne hinter das Ohr.

»Ich hatte die Reise letztes Jahr schon gebucht, aber dann gab es einen Notfall in der Klinik in Boston – ich bin Ärztin«, erklärte sie, und ihr Mundwinkel verzog sich ein wenig, denn es gelang Roger nicht, seine Überraschung zu verbergen. »Aber es tut mir leid, dass wir es nicht getan haben; ich hätte Ihren Vater gern noch einmal gesehen.«

Roger fragte sich, warum sie dann jetzt gekommen waren, obwohl sie doch wussten, dass der Reverend tot war, doch die Frage kam ihm unhöflich vor. Stattdessen fragte er: »Und jetzt besuchen Sie die hiesigen Sehenswürdigkeiten?«

»Ja, wir sind mit dem Auto aus London gekommen«, antwortete Claire. Sie lächelte ihre Tochter an. »Ich wollte, dass Brianna das Land sieht; man glaubt es zwar nicht, wenn man sie reden hört, aber sie ist genauso Engländerin wie ich, auch wenn sie nie hier gelebt hat.«

»Tatsächlich?« Roger betrachtete Brianna. Sie sah überhaupt nicht englisch aus, beschloss er; abgesehen von ihrer Größe, hatte sie dichtes rotes Haar, das sie lose auf den Schultern trug, und kräftige, scharfkantige Gesichtsknochen. Ihre Nase war lang und gerade – vielleicht einen Hauch zu lang.

»Ich bin in Amerika geboren«, sagte Brianna, »aber meine Eltern sind – waren – beide Engländer.«

»Waren?«

»Mein Mann ist vor zwei Jahren gestorben«, erklärte Claire. »Ich glaube, Sie kannten ihn – Frank Randall.«

»Frank Randall! Natürlich!« Roger schlug sich vor die Stirn und spürte, wie seine Wangen heiß wurden, als Brianna kicherte. »Sie werden mich jetzt für einen Vollidioten halten, aber ich habe gerade erst begriffen, wer Sie sind.«

Der Name erklärte eine Menge; Frank Randall war ein bedeutender Historiker gewesen und ein guter Freund des Reverends; sie hatten jahrelang jakobitische Obskuritäten miteinander ausgetauscht, obwohl es mindestens zehn Jahre her war, dass Frank Randall zuletzt im Pfarrhaus gewesen war.

»Dann … wollen Sie die historischen Stätten in der Gegend von Inverness besuchen?«, fragte Roger. »Sind Sie schon in Culloden gewesen?«

»Noch nicht«, antwortete Brianna. »Wir wollten es im Lauf der Woche tun.« Ihr Lächeln war höflich, mehr nicht.

»Wir haben für heute Nachmittag eine Tour am Loch Ness gebucht«, sagte Claire. »Und vielleicht fahren wir morgen nach Fort William, oder wir sehen uns einfach nur in Inverness um; der Ort ist anständig gewachsen, seit ich das letzte Mal hier war.«

»Wann ist das gewesen?« Roger fragte sich, ob er seine Dienste als Fremdenführer anbieten sollte. Eigentlich hatte er dazu keine Zeit, aber die Randalls waren gute Freunde des Reverends gewesen. Außerdem war eine Autofahrt nach Fort William in Gesellschaft zweier attraktiver Damen deutlich verlockender als das Ausräumen der Garage, was der nächste Punkt auf seiner Liste war.

»Oh, vor über zwanzig Jahren. Es ist lange her.« Claires Stimme hatte einen seltsamen Unterton, der Roger bewog, sie anzusehen, doch sie erwiderte seinen Blick mit einem Lächeln.

»Nun ja«, wagte er sich vor, »falls ich irgendetwas für Sie tun kann, solange Sie in den Highlands sind …«

Claire lächelte zwar weiter, doch in ihrem Gesicht änderte sich etwas. Er hätte fast glauben können, dass sie auf die Gelegenheit gewartet hatte. Sie richtete den Blick auf Brianna, dann wieder auf Roger.

»Da Sie es erwähnen«, sagte sie, und ihr Lächeln wurde breiter.

»Oh, Mutter!«, sagte Brianna und richtete sich im Sitzen auf. »Fall doch Mr. Wakefield bitte nicht zur Last! Du siehst doch, wie viel er zu tun hat!« Sie wies mit einer Handbewegung auf das mit überquellenden Kartons und endlosen Bücherstapeln vollgestopfte Studierzimmer.

»Oh, das macht doch nichts!«, protestierte Roger. »Äh … was ist es denn?«

Claire brachte ihre Tochter mit einem Blick zum Schweigen. »Ich hatte auch nicht vor, ihn bewusstlos zu schlagen und zu verschleppen«, sagte sie trocken. »Aber vielleicht kennt er ja jemanden, der mir helfen kann. Es ist ein kleines historisches Projekt«, erklärte sie. »Ich brauche jemanden, der sich gut mit den Jakobiten des achtzehnten Jahrhunderts auskennt – Bonnie Prince Charlie und Konsorten.«

Roger beugte sich vor. »Jakobiten?«, sagte er. »Diese Periode gehört zwar nicht zu meinen Spezialgebieten, aber ich weiß schon ein wenig – es lässt sich ja kaum vermeiden, wenn man so nah an Culloden lebt. Dort hat die letzte Schlacht stattgefunden«, sagte er, an Brianna gewandt. »Wo Charlies Armee auf den Herzog von Cumberland getroffen ist und zum Dank für ihre Mühen abgeschlachtet wurde.«

»Richtig«, sagte Claire. »Und genau darum geht es bei dem, was ich herausfinden möchte.« Sie griff in ihre Handtasche und zog ein zusammengefaltetes Blatt Papier heraus.

Roger öffnete es und überflog den Inhalt. Es war eine Liste von Namen – vielleicht dreißig, allesamt Männer. Am Kopf der Seite stand die Überschrift JAKOBITENAUFSTAND 1745 – CULLODEN.

»Oh, der Fünfundvierziger Aufstand?«, sagte Roger. »Diese Männer haben also in Culloden gekämpft?«

»Ja«, erwiderte Claire. »Was ich herausfinden will, ist – wie viele von den Männern auf dieser Liste haben diese Schlacht überlebt?«

Roger rieb sich das Kinn, während er die Liste betrachtete. »Das ist zwar eine einfache Frage«, sagte er, »aber die Antwort ist möglicherweise schwer zu finden. Es sind so viele Highlander aus Prinz Charlies Gefolge auf dem Feld von Culloden umgekommen, dass man sie nicht einzeln begraben hat. Man hat sie in Massengräber gelegt, die nur mit einzelnen Steinen gekennzeichnet sind, auf denen der Name des Clans steht.«

»Ich weiß«, sagte Claire. »Brianna ist noch nicht dort gewesen, ich aber schon – vor langer Zeit.« Er glaubte, einen flüchtigen Schatten in ihren Augen zu sehen, den sie jedoch hastig vertuschte, indem sie in ihre Handtasche griff. Kein Wunder, wenn es so war, dachte er. Culloden war ein Ort, der niemanden kaltließ; auch ihm trieb es die Tränen in die Augen, über dieses Moor hinwegzublicken und an den verzweifelten Mut der Highlandschotten zu denken, die abgeschlachtet unter dem Gras lagen.

Sie faltete noch mehrere andere mit Schreibmaschine beschriebene Blätter auseinander und reichte sie ihm. Ihr langer weißer Finger fuhr am Rand eines Blattes entlang. Sehr schöne Hände, stellte Roger fest, sorgfältig gepflegt, und jede Hand trug einen Ring. Der silberne Ring an ihrer rechten Hand war besonders auffallend; ein breiter jakobitischer Ring im Flechtmuster der Highlands, mit Distelblüten ausgeschmückt.

»Das sind die Namen der Ehefrauen, soweit sie mir bekannt sind. Ich dachte, das hilft vielleicht, denn falls ihre Männer in Culloden umgekommen sind, werden Sie wahrscheinlich herausfinden, dass diese Frauen später wieder geheiratet haben oder emigriert sind. Die Aufzeichnungen darüber stehen doch vermutlich im Pfarrbuch? Sie stammen alle aus derselben Gemeinde; die Kirche war in Broch Mordha – etwas südlich von hier.«

»Das ist eine hilfreiche Idee«, sagte Roger etwas überrascht. »Genau so denken Historiker.«

»Eine Historikerin bin ich wohl kaum«, sagte Claire trocken. »Andererseits schnappt man natürlich das eine oder andere auf, wenn man mit einem Historiker zusammenlebt.«

»Natürlich.« Roger kam ein Gedanke. »Ich bin ein furchtbarer Gastgeber; lassen Sie mich doch etwas zu trinken holen, und dann können Sie mir ein bisschen mehr darüber erzählen. Vielleicht kann ich Ihnen ja selbst dabei behilflich sein?«

Trotz der Unordnung wusste er, wo die Karaffen aufbewahrt wurden, und so waren seine Gäste schnell mit Whisky versorgt. Er hatte Brianna reichlich Wasser ins Glas geschenkt, doch ihm fiel auf, dass sie daran nippte, als enthielte es Ameisenspray, nicht den besten Glenfiddich Single Malt. Claire, die ihren Whisky pur wollte, schien deutlich mehr Genuss daran zu finden.

»Also.« Roger setzte sich wieder und griff nach dem Blatt. »Das Problem ist interessant, was die historische Recherche angeht. Sie sagen, diese Männer kamen aus derselben Gemeinde? Ich vermute, sie gehörten auch zum selben Clan – wie ich sehe, hießen einige von ihnen Fraser.«

Claire nickte, die Hände auf dem Schoß gefaltet. »Sie kamen vom selben Anwesen; einem kleinen Gut namens Broch Tuarach – in der Gegend wurde es Lallybroch genannt. Sie gehörten zum Fraser-Clan, obwohl sie Lord Lovat nie offiziell die Treue geschworen haben. Diese Männer haben sich dem Aufstand schon früh angeschlossen; sie haben in der Schlacht von Prestonpans gekämpft – Lovats Männer sind ja erst kurz vor Culloden dazugestoßen.«

»Tatsächlich? Das ist ja interessant.« Unter den üblichen Umständen des achtzehnten Jahrhunderts wären solche kleinen Pachtbauern dort gestorben, wo sie gelebt hatten. Man hätte sie auf dem dortigen Kirchhof begraben und es ordentlich ins Pfarrbuch eingetragen. Doch Bonnie Prince Charlies Versuch, den britischen Thron zurückzuerobern, hatte 1745 den normalen Lauf der Dinge drastisch durcheinandergebracht.

In der Hungersnot nach der Katastrophe von Culloden waren viele Highlander in die Neue Welt emigriert; andere waren aus den Tälern und Mooren in die Städte gezogen, um dort Nahrung und Arbeit zu finden. Einige wenige waren geblieben und hatten sich standhaft an ihr Land und ihre Traditionen geklammert.

»Das wäre Stoff für einen faszinierenden Artikel«, sagte Roger und dachte laut. »Man verfolgt das Schicksal einer Reihe von Individuen, um zu sehen, was aus ihnen geworden ist. Nicht ganz so interessant, wenn sie tatsächlich alle in Culloden umgekommen sind, aber es ist ja denkbar, dass einige von ihnen fliehen konnten.« Selbst wenn es nicht Claire Randall gewesen wäre, die ihn danach fragte, hätte er das Projekt als willkommene Unterbrechung übernommen.

»Ja, ich glaube, ich kann Ihnen dabei behilflich sein«, sagte er und freute sich über das warme Lächeln, das ihm zuteilwurde.

»Würden Sie das wirklich tun? Das ist ja wunderbar!«, sagte sie.

»Aber gern«, sagte Roger. Er faltete das Blatt zusammen und legte es auf den Tisch. »Ich fange sofort damit an. Aber sagen Sie doch, wie war denn Ihre Anreise?«

Das Gespräch wandte sich allgemeineren Dingen zu, und die Randalls erzählten ihm von ihrem Atlantikflug und der anschließenden Fahrt. Rogers Aufmerksamkeit begann ein wenig zu wandern, als er anfing, die Recherchen für sein Projekt zu planen. Er hatte zwar ein schlechtes Gewissen, denn eigentlich durfte er sich die Zeit gar nicht nehmen. Andererseits war es eine interessante Frage. Und es war ja möglich, dass er das Projekt mit einigen der notwendigen Aufräumarbeiten verbinden konnte; er wusste auswendig, dass in der Garage achtundvierzig Kartons standen, die alle die Aufschrift JAKOBITEN, DIVERSES trugen. Ihm wurde schon bei dem bloßen Gedanken daran schwindelig.

Als er seine Gedanken mit einem Ruck von der Garage löste, stellte er fest, dass sich das Gesprächsthema abrupt geändert hatte.

»Druidinnen?«, fragte Roger benommen. Er warf einen argwöhnischen Blick in sein Glas, um zu überprüfen, ob er auch wirklich Wasser hinzugefügt hatte.

»Sie wussten nichts davon?« Claire schien ein wenig enttäuscht zu sein. »Ihr Vater – der Reverend –, er wusste es, wenn auch nicht offiziell. Vielleicht fand er es nicht wichtig genug, um es Ihnen zu erzählen; er war der Meinung, dass man es nicht ernst nehmen konnte.«

Roger kratzte sich am Kopf und raufte sich das dichte schwarze Haar. »Nein, ich kann mich wirklich nicht daran erinnern. Aber Sie haben recht; es kann sein, dass er es nicht wichtig fand.«

»Nun, ich kann es ja auch nicht beurteilen.« Sie schlug die Knie übereinander. Ein Sonnenstrahl fiel auf ihr Schienbein und hob den feinen langen Knochen darunter hervor.

»Als ich zuletzt mit Frank hier war – Gott, das war vor zweiundzwanzig Jahren! –, hat ihm der Reverend erzählt, es gäbe im Ort eine Gruppe von … nun ja, man würde sie wohl moderne Druidinnen nennen. Ich habe keine Ahnung, wie ›echt‹ sie waren; vermutlich nicht sehr.« Brianna hatte sich interessiert vorgebeugt und hielt das Whiskyglas vergessen in den Händen.

»Der Reverend konnte sie nicht offiziell zur Kenntnis nehmen – es war schließlich heidnisches Brauchtum –, aber seine Haushälterin, Mrs. Graham, hatte mit der Gruppe zu tun, also hat er hin und wieder von ihren Aktivitäten Wind bekommen, und er hat Frank damals verraten, dass es im Morgengrauen des Beltanefestes – also des Maifeiertags – eine Art Zeremonie geben würde.«

Roger nickte und versuchte gleichzeitig, sich an die Vorstellung zu gewöhnen, dass Mrs. Graham, diese extrem gesittete ältere Person, an heidnischen Riten teilgenommen hatte und im Morgengrauen durch Steinkreise getanzt war. Alles, was er von druidischen Zeremonien wusste, war, dass dabei manchmal Menschenopfer in Weidenkörben verbrannt wurden, doch ein solches Verhalten konnte er sich bei einer schottischen Presbyterianerin fortgeschrittenen Alters noch weniger vorstellen.

»Es gibt hier ganz in der Nähe einen Steinkreis auf einem Hügel. Also sind wir vor Tagesanbruch dort hingefahren, um, na ja, um sie zu bespitzeln«, fuhr sie mit einem entschuldigenden Achselzucken fort. »Sie wissen ja, wie Wissenschaftler sind; kein Gewissen, wenn es um ihr Fachgebiet geht, geschweige denn irgendwelches Feingefühl.« Bei diesen Worten zuckte Roger zwar sacht zusammen, nickte aber ironisch zustimmend.

»Und da waren sie dann«, sagte sie. »Auch Mrs. Graham, alle mit Bettlaken bekleidet, singend und tanzend in der Mitte des Steinkreises. Frank war fasziniert«, fügte sie mit einem Lächeln hinzu. »Und es war eindrucksvoll, selbst für mich.«

Sie hielt einen Moment inne und betrachtete Roger kalkulierend.

»Ich hatte schon gehört, dass Mrs. Graham vor ein paar Jahren gestorben ist. Aber ich frage mich … wissen Sie, ob sie Verwandte hatte? Die Mitgliedschaft in solchen Gruppen ist, glaube ich, oft erblich; vielleicht gibt es ja eine Tochter oder Enkeltochter, die mir etwas erzählen könnte.«

»Also«, sagte Roger langsam. »Sie hat eine Enkeltochter – Fiona heißt sie, Fiona Graham. Sie hilft sogar seit dem Tod ihrer Großmutter im Pfarrhaus aus; der Reverend war so gebrechlich, dass man ihn nicht sich selbst überlassen konnte.«

Wenn ihm irgendetwas seine Vision der in einem Bettlaken tanzenden Mrs. Graham austreiben konnte, war es die Vorstellung, die neunzehnjährige Fiona könnte die Hüterin uralten mystischen Wissens sein, doch Roger riss sich tapfer zusammen und fuhr fort.

»Sie ist im Moment zwar leider nicht hier, aber ich könnte sie für Sie fragen.«

Claires schlanke Hand winkte ab. »Machen Sie sich keine Umstände. Das kann warten. Wir haben schon viel zu viel von Ihrer Zeit in Anspruch genommen.«

Zu Rogers Bestürzung stellte sie ihr leeres Glas auf den kleinen Tisch zwischen den Sesseln, und Brianna schien es gar nicht abwarten zu können, ihr noch volles Glas dazuzustellen. Ihm fiel auf, dass Brianna Randall an den Fingernägeln kaute. Diese winzige Spur von Unvollkommenheit verlieh ihm den Mut, den nächsten Schritt zu tun. Sie faszinierte ihn, und er wollte nicht, dass sie ging, ohne dass er darauf zählen konnte, dass er sie wiedersehen würde.

»Wo wir von Steinkreisen sprechen«, sagte er eilig. »Ich glaube, ich kenne die Stelle, von der Sie gesprochen haben. Sie ist sehr hübsch, und es ist nicht weit von hier.« Er lächelte Brianna Randall direkt an und stellte geistesabwesend fest, dass sie drei kleine Sommersprossen auf dem einen Wangenknochen hatte. »Ich dachte, ich beginne dieses Projekt vielleicht mit einem Ausflug nach Broch Tuarach. Es liegt in derselben Richtung wie der Steinkreis, also könnte man … aaach!«

Mit einem plötzlichen Ruck ihrer sperrigen Handtasche hatte Claire Randall beide Whiskygläser vom Tisch gefegt und Rogers Schoß mit Single Malt und reichlich Wasser übergossen.

»Oh, das tut mir leid«, entschuldigte sie sich sichtlich betroffen. Sie bückte sich und fing an, die Scherben aufzulesen, obwohl Roger stotternd versuchte, sie davon abzubringen.

Brianna, die ein paar Leinenservietten von der Anrichte geholt hatte, um ihr zu helfen, sagte: »Also wirklich, Mutter, ich habe keine Ahnung, wie man dich operieren lassen kann. Du kannst doch gar nicht mit Gegenständen umgehen, die kleiner als ein Brotkasten sind. Du hast ihm ja die ganzen Schuhe mit Whisky durchtränkt!« Sie kniete sich hin und fing an, Whisky und Scherben vom Boden aufzuwischen. »Und die Hose.«

Sie fischte eine frische Serviette von dem Stapel auf ihrem Arm und wischte Roger eifrig die Zehen blank, wobei ihm ihre rote Mähne wild um die Knie wehte. Dann hob sie den Kopf, richtete den Blick auf seine Oberschenkel und betupfte energisch die feuchten Stellen auf dem Cord. Roger schloss die Augen und dachte inbrünstig an fürchterliche Autounfälle auf der Landstraße, an Steuerformulare des Finanzamts und an den Blob aus dem All – alles, was verhindern konnte, dass er sich fürchterlich blamierte, während ihm Brianna Randalls warmer Atem durch den nassen Stoff seiner Hose drang.

»Äh, vielleicht möchten Sie den Rest lieber selbst machen?«, sagte eine Stimme etwa auf der Höhe seiner Nase, und als er die Augen öffnete, sah er sich einem tiefblauen Augenpaar und einem breiten Grinsen gegenüber. Mit wackeligen Knien nahm er ihr die Serviette ab, die sie ihm entgegenhielt, und atmete, als hätte ihn ein D-Zug verfolgt.

Als er den Kopf senkte, um sich die Hose trocken zu reiben, fiel sein Blick auf Claire Randall, die ihn mit einer Mischung aus Mitgefühl und Belustigung beobachtete. Sonst war ihrer Miene nichts mehr anzusehen; keine Spur dessen, was er kurz vor der Katastrophe in ihren Augen aufblitzen gesehen hatte – so glaubte er. Verlegen, wie er war, vermutete er jetzt, dass es nur Einbildung gewesen war. Denn warum in aller Welt hätte sie es absichtlich tun sollen?

 

»Seit wann interessierst du dich denn für Druiden, Mama?« Aus irgendeinem Grund schien Brianna diese Vorstellung furchtbar komisch zu finden; mir war aufgefallen, dass sie sich auf die Innenseiten der Wangen biss, während ich mich mit Roger Wakefield unterhielt, und das Grinsen, das sie sich verkniffen hatte, stand ihr jetzt breit ins Gesicht geschrieben. »Hast du vor, dir auch ein Bettlaken zu besorgen und mitzumachen?«

»Das wäre bestimmt unterhaltsamer als die Donnerstagsbesprechungen im Krankenhaus«, sagte ich. »Nur vielleicht ein bisschen zugig.« Sie lachte laut auf, so dass vor uns zwei Meisen erschrocken vom Weg aufstoben.

»Nein«, sagte ich und wurde jetzt ernst. »Es sind weniger die Druidinnen, um die es mir geht. Ich hatte hier in Schottland eine Bekannte, die ich gern finden würde, wenn es geht. Ich habe ihre Adresse nicht – ich habe seit zwanzig Jahren nichts von ihr gehört –, aber sie hat sich für solche Merkwürdigkeiten interessiert: Hexerei, abergläubische Überlieferungen, Folklore und so. Sie hat einmal hier in der Nähe gewohnt; ich dachte, wenn sie noch hier ist, hat sie vielleicht mit einer solchen Gruppe zu tun.«

»Wie heißt sie denn?«

Ich schüttelte den Kopf und griff nach der Haarspange, die sich aus meinen Locken löste. Sie glitt mir durch die Finger und fiel ins hohe Gras am Wegrand.

»Verdammt!«, sagte ich und bückte mich danach. Meine Finger zitterten, als ich zwischen den dicht gewachsenen Halmen umhertastete, und ich hatte Mühe, die Spange aufzuheben, die im nassen Gras schlüpfrig geworden war. Der Gedanke an Geillis Duncan brachte mich auch jetzt noch aus der Fassung.

»Ich weiß es nicht«, sagte ich und strich mir die Locken aus dem erhitzten Gesicht. »Ich meine – es ist schon so lange her, sie hat bestimmt inzwischen einen anderen Namen. Sie war verwitwet; vielleicht hat sie ja wieder geheiratet oder benutzt ihren Mädchennamen.«

»Oh.« Brianna verlor das Interesse an dem Thema und ging eine Weile schweigend weiter. Plötzlich sagte sie: »Was hältst du von Roger Wakefield, Mama?«

Ich warf ihr einen flüchtigen Blick zu; ihre Wangen waren gerötet, doch das konnte auch am Frühlingswind liegen.

»Er scheint ein sehr netter junger Mann zu sein«, sagte ich vorsichtig. »Auf jeden Fall ist er intelligent; er ist einer der jüngsten Professoren in Oxford.« Von seiner Intelligenz hatte ich gewusst; ich fragte mich, ob er auch Fantasie besaß. Es gab so viele Akademiker, die keine hatten. Aber Fantasie würde hilfreich sein.

»Er hat so tolle Augen«, sagte Brianna verträumt, ohne die Frage nach dem Inhalt seines Kopfes zu beachten. »Hast du schon einmal so grüne Augen gesehen?«

»Ja, sie sind außergewöhnlich«, pflichtete ich ihr bei. »Sie sind schon immer so gewesen; ich weiß noch, dass sie mir aufgefallen sind, als er noch ein Kind war.«

Brianna sah mich stirnrunzelnd an.

»Also wirklich, Mutter! Musstest du das sagen, als er die Tür aufgemacht hat? ›Mein Gott, sind Sie gewachsen, Roger?‹ Wie peinlich!«

Ich lachte.

»Na ja, wenn du jemanden das letzte Mal gesehen hast, als er dir bis zum Bauchnabel ging, und jetzt schaust du ihm von unten in die Nase«, verteidigte ich mich, »dann ist der Unterschied nun einmal nicht zu übersehen.«

»Mutter!« Aber sie sprudelte vor Lachen.

»Einen ganz ansehnlichen Hintern hat er auch«, stellte ich fest, um sie weiter aufzuziehen. »Das war nicht zu übersehen, als er sich über den Whisky gebeugt hat.«

»Mu-TTERRR! Wenn dich jemand hört!«

Wir waren fast an der Bushaltestelle angelangt. Unter dem Schild standen zwei oder drei Frauen und ein älterer Herr in Tweed; sämtliche Blicke wandten sich uns zu, als wir uns näherten.

»Ist das die Haltestelle für die Loch-Ness-Rundfahrten?«, fragte ich und überflog die verwirrende Ansammlung von Zetteln auf dem Fahrplan.

»Och, aye«, sagte eine der Damen freundlich. »Der Bus kommt ungefähr in zehn Minuten.« Sie betrachtete Brianna, die in ihren Jeans und ihrer weißen Windjacke so eindeutig amerikanisch aussah. Ihr vom unterdrückten Lachen rotes Gesicht fügte dem Ganzen den letzten patriotischen Touch hinzu. »Sie fahren zum Loch Ness? Ist es Ihr erstes Mal?«

Ich lächelte sie an. »Ich habe mit meinem Mann vor über zwanzig Jahren eine Segeltour auf dem Loch Ness gemacht, aber meine Tochter ist zum ersten Mal in Schottland.«

»Tatsächlich?« Das weckte die Aufmerksamkeit der anderen Damen, und sie drängten sich um uns und gaben uns Tipps und stellten uns Fragen, bis der große gelbe Bus um die Ecke getuckert kam.

Brianna hielt beim Einsteigen inne, um die bunte Bemalung zu bewundern, auf der sich grüne Serpentinen durch einen blauen See ringelten, der von schwarzen Kiefern gesäumt wurde.

»Das wird lustig«, lachte sie. »Meinst du, wir bekommen das Ungeheuer zu sehen?«

»Man kann nie wissen«, sagte ich.

 

Roger verbrachte den Rest des Tages ziemlich abgelenkt und wanderte geistesabwesend von einer Aufgabe zur nächsten. Der Bücherkarton, den er als Spende an die Gesellschaft zur Erhaltung historischer Antiquitäten gedacht hatte, quoll über, der antike Lieferwagen des Reverends stand mit geöffneter Motorhaube halb zerlegt in der Einfahrt, und die Milch in seiner halb getrunkenen Teetasse flockte schon aus, während er ausdruckslos in den Regen des frühen Abends starrte.

Was er eigentlich tun sollte, das wusste er, war, mit der Demontage dessen zu beginnen, was das Herz des Studierzimmers war. Nicht die Bücher; das war zwar eine umfangreiche Aufgabe, die jedoch letztlich nur darin bestand zu entscheiden, was er selbst behalten und was er spenden wollte. Nein, früher oder später würde er sich an den gewaltigen Schreibtisch wagen müssen, aus dessen gigantischen Schubladen und unzähligen kleinen Fächern die Papiere quollen. Und er würde den gesammelten Kleinkram von der Korkwand nehmen müssen, die eine ganze Wand des Zimmers einnahm; eine Aufgabe, bei der das tapferste Herz erbebt wäre.

Abgesehen von seiner allgemeinen Hemmung, mit dieser Aufgabe zu beginnen, wurde Roger noch durch etwas anderes aufgehalten. Er wollte all das einfach nicht tun, so notwendig es auch war; er wollte an Claire Randalls Projekt arbeiten und den Schotten aus Culloden nachspüren.

Es war schon an und für sich ein interessantes Projekt, wenn es auch vermutlich keine große Recherchekunst erforderte. Doch das war es nicht. Nein, dachte er, wenn er ganz ehrlich war, wollte er Claire Randalls Projekt lösen, weil er sich wünschte, zu Mrs. Thomas’ Gasthaus zu gehen und Brianna Randall seine Ergebnisse zu Füßen zu legen, wie es die Ritter angeblich mit den Köpfen der Drachen gemacht hatten. Selbst wenn seine Beute nicht so grandios ausfiel, wünschte er sich sehnlich eine Ausrede, um sie wiederzusehen und mit ihr zu reden.

Ein Bronzinogemälde, das war es, woran sie ihn erinnerte, beschloss er. Sie und ihre Mutter erweckten beide diesen merkwürdigen Eindruck wie von einem Künstler umrissen, so lebhaft und doch zart skizziert, dass sie sich von ihrem Hintergrund abhoben, als seien sie dort einradiert. Doch Brianna hatte diese leuchtenden Farben und diese absolute Präsenz, die bei Bronzino den Eindruck erweckten, als folgten seine Modelle dem Betrachter mit den Augen, als könnten sie ihn jede Sekunde ansprechen. Er hatte zwar noch nie einen Bronzino gesehen, der angesichts eines Whiskyglases eine Grimasse schnitt, doch wenn es ein solches Gemälde gegeben hätte, so war er sich sicher, dass es wie Brianna Randall ausgesehen hätte.

»Ach, zum Kuckuck«, sagte er laut. »So viel Zeit wird es ja nicht in Anspruch nehmen, morgen einen Blick in die Aufzeichnungen im Culloden House zu werfen, oder? Du«, sagte er, an den Schreibtisch und seinen mannigfaltigen Inhalt gewandt, »kannst jetzt auch noch einen Tag warten. Und du auch«, sagte er an die Wand gerichtet und zog sich trotzig einen Krimi aus dem Regal. Er sah sich kampflustig um, als wollte er das Mobiliar warnen, ihm ja nicht zu widersprechen, doch es erklang kein Geräusch außer dem Surren des elektrischen Radiators. Er schaltete ihn aus, klemmte sich das Buch unter den Arm, knipste das Licht aus und ging aus dem Studierzimmer.

In der nächsten Minute kam er zurück, durchquerte das Zimmer im Dunklen und nahm die Namensliste vom Schreibtisch.

»Nochmals zum Kuckuck!«, sagte er und steckte sich den Zettel in sein Hemd. »Nicht, dass ich das verflixte Ding morgen noch vergesse.« Er klopfte mit der Hand auf die Tasche, spürte das leise knisternde Papier just über seinem Herzen und ging hinauf ins Bett.

 

Vom Winde verweht und vom Regen durchgefroren waren wir nach unserem Ausflug in die gemütliche Wärme des Abendessens und des offenen Feuers im Salon unserer Pension zurückgekehrt. Brianna hatte beim Rührei zu gähnen begonnen und sich bald entschuldigt, um ein heißes Bad zu nehmen. Ich blieb noch etwas unten, um mit Mrs. Thomas, der Wirtin, zu plaudern, und es war fast zehn Uhr, als ich mich selbst hinauf zu meinem Bad und meinem Nachthemd begab.

Brianna stand gewöhnlich früh auf und ging früh zu Bett; als ich die Zimmertür öffnete, wurde ich von ihrer leisen Atmung begrüßt. Sie schlief tief und fest; ich bewegte mich vorsichtig durch das Zimmer, hängte meine Kleider auf und räumte meine Sachen beiseite, doch die Gefahr, sie zu wecken, war nicht sehr groß. Während ich beschäftigt war, wurde es so still im Haus, dass mir selbst das Rascheln meiner Bewegungen laut erschien.

Ich hatte einige von Franks Büchern mitgebracht, die ich der Bibliothek von Inverness stiften wollte. Sie lagen ordentlich nebeneinander am Boden meines Koffers und bildeten das Fundament für die weniger soliden Gegenstände darüber. Ich zog sie nacheinander hervor und legte sie auf das Bett. Fünf gebundene Exemplare in glänzenden farbigen Schutzumschlägen. Schöne, umfangreiche Bücher von jeweils fünf- oder sechshundert Seiten, den Index und die Illustrationen nicht mitgerechnet.

Die gesammelten Werke meines verstorbenen Mannes in der kommentierten Ausgabe. Zentimeterhohe bewundernde Kritiken zierten die Umschlagklappen, Kommentare sämtlicher anerkannten Experten im historischen Feld. Nicht schlecht für ein Lebenswerk, dachte ich. Eine Leistung, auf die man stolz sein konnte. Kompakt, gewichtig, relevant.

Ich stapelte die Bücher ordentlich neben meiner Tasche auf dem Tisch, um sie am Morgen nicht zu vergessen. Jeder Buchrücken trug natürlich einen anderen Titel, doch ich stapelte sie so, dass das identische »Frank W. Randall« jeweils übereinander zu liegen kam. Sie leuchteten wie Edelsteine im kleinen Lichtkegel der Nachttischlampe.

Es war still in der Pension; es war noch früh im Jahr für Gäste, und die wenigen, die da waren, waren längst schlafen gegangen. Brianna schnaufte leise im Bett und drehte sich im Schlaf um, so dass ihr die langen roten Haarsträhnen im träumenden Gesicht liegen blieben. Ihr langer, nackter Fuß ragte aus der Bettwäsche hervor, und ich zog sacht die Decke darüber.

Der Impuls, ein schlafendes Kind zu berühren, lässt niemals nach, auch wenn das Kind längst um einiges größer ist als seine Mutter und es selbst schon eine Frau ist – wenn auch eine junge. Ich strich ihr das Haar aus dem Gesicht und ließ ihr die Hand über den Scheitel gleiten. Sie lächelte im Schlaf, ein kurzer zufriedener Reflex, der so schnell wieder verschwand, wie er erschienen war. Mein eigenes Lächeln verweilte, während ich sie beobachtete und ihr in die schlaftauben Ohren flüsterte wie schon so oft zuvor: »Gott, wie ähnlich du ihm bist.«

Ich schluckte den kleinen Kloß in meinem Hals herunter – inzwischen war er fast Gewohnheit – und nahm meinen Morgenmantel von der Stuhllehne. In den schottischen Highlands war es im April des Nachts verdammt kalt, doch ich war noch nicht bereit, ebenfalls die warme Zuflucht meines Bettes aufzusuchen.

Ich hatte die Wirtin gebeten, den Kamin im Salon brennen zu lassen, und ihr versichert, dass ich die Glut abdecken würde, ehe ich schlafen ging. Leise schloss ich die Tür, die langen Gliedmaßen und den Wasserfall aus roter Seide auf der blauen Bettdecke noch vor Augen.

»Auch nicht schlecht für ein Lebenswerk«, flüsterte ich in den dunklen Flur hinein. »Vielleicht ja nicht ganz so kompakt, aber auf jeden Fall verdammt relevant.«

Es war dunkel und gemütlich in dem kleinen Salon, wo das Feuer so weit heruntergebrannt war, dass es sich als glühender Streifen über das Rückgrat eines großen Scheites zog. Ich zog einen kleinen Armsessel vor das Feuer und stützte meine Füße auf die Kaminschürze. Ringsum konnte ich all die normalen Geräusche des modernen Lebens hören; das leise Summen des Kühlschranks unten im Keller, das Brummen und Rauschen der Heizung, die das Kaminfeuer von der Notwendigkeit zum Luxus machte; hin und wieder die Reifen eines vorbeifahrenden Autos im Freien.

Doch darunter lag die tiefe Stille einer Highlandnacht. Ich saß ganz still und streckte meine Fühler danach aus. Es war zwanzig Jahre her, dass ich sie zuletzt gespürt hatte, aber die tröstende Macht der Dunkelheit war noch da, nistete zwischen den Bergen.

Ich griff in die Tasche meines Morgenmantels und zog das zusammengefaltete Stück Papier heraus – eine Kopie der Liste, die ich Roger Wakefield gegeben hatte. Es war zu dunkel, um im Schein des Feuers zu lesen, doch ich brauchte die Namen nicht zu sehen. Ich faltete das Papier auf meinem in Seide gehüllten Knie auseinander und starrte blicklos auf die unlesbaren Zeilen. Langsam fuhr ich mit dem Finger über jede einzelne Zeile, murmelte den Namen jedes einzelnen Mannes vor mich hin wie ein Gebet. Sie gehörten zu der kalten Frühlingsnacht, mehr als ich es tat. Doch ich blickte weiter in die Flammen, ließ die Dunkelheit aus dem Freien kommen, damit sie die leeren Stellen in meinem Inneren füllte.

Und während ich ihre Namen sprach, als wollte ich sie herbeirufen, begann ich meinen Weg zurück, durchquerte ich die leere Dunkelheit hin zu dem Ort, an dem sie warteten.

Kapitel 2

Die Spannung steigt

Am nächsten Morgen verließ Roger Culloden House mit zwölf Seiten voller Notizen und einem Gefühl zunehmender Verblüffung. Was ihm eigentlich wie ein absolut geradliniges historisches Rechercheprojekt erschienen war, legte jetzt einige wirklich seltsame Wendungen an den Tag.

Er hatte nur drei der Namen von Claire Randalls Zettel auf den Listen der Gefallenen von Culloden gefunden. Das war an und für sich noch nicht bemerkenswert. Charles Stuarts Armee hatte im Grunde keine lückenlose Musterrolle geführt, da sich der ein oder andere Clanführer anscheinend aus einer Laune heraus entschlossen hatte, sich dem Bonnie Prince anzuschließen, und andere aus noch weniger nachvollziehbaren Gründen wieder auf Distanz gegangen waren, ehe die Namen ihrer Männer auf irgendeinem offiziellen Dokument festgehalten werden konnten. Die Buchführung der Highlandarmee, die schon zu ihren besten Zeiten chaotisch gewesen war, hatte sich gegen Ende so gut wie vollständig in Luft aufgelöst; es hatte schließlich wenig Sinn, eine Soldliste zu führen, wenn man nichts hatte, womit man die Männer bezahlen konnte, die daraufstanden.

Vorsichtig klappte er seine langen Beine ein, duckte sich mechanisch, um sich nicht den Kopf zu stoßen, und schob sich in seinen betagten Morris. Er zog den Ordner unter seinem Arm hervor, öffnete ihn und betrachtete stirnrunzelnd das, was er abgeschrieben hatte. Das Merkwürdige daran war, dass die Männer auf Claires Liste fast alle auf einer anderen Armeeliste aufgetaucht waren.

Es war durchaus möglich, dass die Männer eines Clanregiments desertiert waren, als sich das Ausmaß der nahenden Katastrophe abzeichnete; das wäre nichts Ungewöhnliches gewesen. Nein, was das Ganze so unverständlich machte, war die Tatsache, dass die Namen auf Claires Liste – vollzählig – als Teil des Regiments des jungen Lovat auftauchten, das kurz vor dem Ende des Feldzugs aufgestellt worden war, um ein Versprechen einzulösen, das Simon Fraser, Lord Lovat, den Stuarts gegeben hatte.

Doch Claire hatte definitiv gesagt – und ein Blick auf ihre Originalpapiere bestätigte das –, dass diese Männer alle von einem kleinen Anwesen namens Broch Tuarach gekommen waren, tief im Südwesten des Fraser-Territoriums, eigentlich sogar an der Grenze zu den MacKenzies. Mehr noch, sie hatte gesagt, diese Männer hätten schon seit der Schlacht von Prestonpans zur Highlandarmee gehört, und diese hatte kurz nach dem Beginn des Feldzugs stattgefunden.

Roger schüttelte den Kopf. Das ergab alles keinen Sinn. Natürlich war es möglich, dass sich Claire in Bezug auf die zeitliche Abfolge irrte – sie hatte ja selbst gesagt, dass sie keine Historikerin war. Aber doch sicher nicht in Bezug auf den Ort? Und wie war es möglich, dass Simon Fraser über Männer aus Broch Tuarach verfügte, die dem Oberhaupt des Fraser-Clans keinen Treueeid geschworen hatten? Sicher, Lord Lovat war mit gutem Grund als »der Alte Fuchs« bekannt gewesen, doch Roger bezweifelte, dass selbst der berüchtigte alte Graf mit so etwas durchgekommen wäre.

Stirnrunzelnd ließ Roger den Wagen an und fuhr vom Parkplatz. Die Archive des Culloden House waren deprimierend unvollständig und bestanden zum Großteil aus einem Haufen pittoresker Briefe, in denen sich Lord George Murray über Versorgungsprobleme beklagte, und aus Gegenständen, die sich gut in den Museumsvitrinen für die Touristen machten. Er brauchte einiges mehr als das.

»Langsam, Sportsfreund«, rief er sich zur Ordnung und blinzelte beim Abbiegen in den Rückspiegel. »Du sollst doch herausfinden, was aus den Männern geworden ist, die nicht in Culloden abgekratzt sind. Welche Rolle spielt es, wie sie dort hingekommen sind, solange sie die Schlacht nur unversehrt verlassen haben?«

Doch es ließ ihm keine Ruhe. Es war einfach so merkwürdig. Es kam ja häufig vor, dass Namen verwechselt wurden, ganz besonders in den Highlands, wo die Hälfte der Bevölkerung pauschal »Alexander« zu heißen schien. Demzufolge benannte man Männer nach ihren Herkunftsorten, nicht nur mit ihren Clan- oder Zunamen. Manchmal sogar anstelle von Zunamen. »Lochiel«, einer der prominentesten Jakobitenführer, war eigentlich Donald Cameron von Lochiel, was ihn eindeutig von den Hunderten anderer Donald Camerons unterschied.

Und wer nicht Donald oder Alec getauft war, hieß John. Drei Namen von Claires Liste hatte er in den Totenregistern gefunden: Donald Murray, Alexander MacKenzie Fraser und John Graham Fraser. Alle ohne zusätzliche Ortsnamen, nur der Name und das Regiment, dem sie angehört hatten. Das Regiment des jungen Lovat, das Fraser-Regiment.

Doch ohne Ortsnamen konnte er sich nicht sicher sein, ob es wirklich dieselben Männer waren wie die Namen auf Claires Liste. Im Register der Gefallenen gab es mindestens sechs John Frasers, und selbst das war unvollständig; die Engländer hatten wenig Wert auf Vollständigkeit oder Richtigkeit gelegt – die meisten Listen waren im Nachhinein von den Clanhäuptlingen verfasst worden, die die Häupter ihrer Männer zählten und auf diese Weise feststellten, wer nicht heimgekehrt war. In vielen Fällen waren die Häuptlinge selbst nicht heimgekehrt, was die Sache noch verkomplizierte.

Frustriert fuhr er sich mit der Hand durch das Haar, als könnte die Kopfhautmassage sein Gehirn stimulieren. Und wenn die drei Namen nicht die Männer von der Liste waren, wurde das Rätsel nur noch größer. Gut die Hälfte von Charles Stuarts Armee war in Culloden abgeschlachtet worden. Und Lovats Männer hatten dort gestanden, wo es am schlimmsten war. Es war unvorstellbar, dass eine Gruppe von dreißig Männern an dieser Position überlebte, ohne dass es einen einzigen Toten gab. Lovats Männer hatten sich dem Aufstand erst spät angeschlossen; während in anderen Regimentern Desertion an der Tagesordnung war – Regimentern, die schon lange genug dienten, um eine Vorstellung davon zu haben, was auf sie zukam –, waren die Frasers bemerkenswert loyal gewesen. Und hatten dafür bezahlt.

Lautes Hupen hinter ihm riss ihn aus seiner Konzentration, und er fuhr an die Seite, um den verärgerten Fahrer eines großen Lasters vorbeizulassen. Er beschloss, dass er nicht gleichzeitig fahren und nachdenken konnte. Wenn er so weitermachte, endete er noch als Wrack an einer Steinmauer.

Einen Moment lang saß er still und überlegte. Sein eigentlicher Impuls war es, zu Mrs. Thomas’ Pension zu fahren und Claire zu erzählen, was er bis jetzt herausgefunden hatte. Die Tatsache, dass er dabei möglicherweise einige Momente in Brianna Randalls Gegenwart schwelgen konnte, vergrößerte den Reiz dieser Idee noch.

Andererseits schrien seine Historikerinstinkte nach einer größeren Datenmenge. Und er war sich nicht sicher, ob Claire dafür die richtige Ansprechpartnerin war. Er hatte keine Ahnung, warum sie ihm dieses Projekt anvertrauen und ihn gleichzeitig an seiner Ausführung hindern sollte, indem sie ihm ungenaue Informationen mitgab. Es war einfach nicht vernünftig, und er hatte eigentlich den Eindruck, dass Claire Randall eine außerordentlich vernünftige Person war.

Dennoch, da war diese Sache mit dem Whisky. Seine Wangen wurden heiß, als er daran dachte. Er war überzeugt, dass sie es mit Absicht getan hatte – und da sie eigentlich kein Scherzbold zu sein schien, konnte er nur vermuten, dass sie es getan hatte, um zu verhindern, dass er Brianna einlud, ihn nach Broch Tuarach zu begleiten. Wollte sie ihn von dem Ort fernhalten, oder wollte sie nur nicht, dass er Brianna dorthin mitnahm? Je mehr er über den Zwischenfall nachdachte, desto mehr gelangte er zu der Überzeugung, dass Claire Randall ihrer Tochter etwas verheimlichte – doch er hatte keine Ahnung, was. Noch weniger konnte er sich vorstellen, was es mit ihm zu tun hatte oder mit dem Projekt, das er auf sich genommen hatte.

Er hätte es aufgegeben, wären da nicht zwei Dinge gewesen. Brianna und schlichte Neugier. Er wollte wissen, was hier vor sich ging, und zum Kuckuck, er hatte vor, es herauszufinden.

Er hämmerte sacht mit der Faust auf das Lenkrad und überlegte, ohne den vorbeifahrenden Verkehr zu beachten. Schließlich fiel sein Entschluss, und er bog wieder in die Straße ein. Am nächsten Kreisverkehr drehte er fast eine komplette Runde und hielt auf das Zentrum von Inverness und den Bahnhof zu.

Der Flying Scotsman konnte ihn in drei Stunden nach Edinburgh bringen. Der Kurator, der für die Stuart-Papiere verantwortlich war, war ein guter Freund des Reverends gewesen. Und einen Ausgangspunkt hatte er, auch wenn ihm dieser ein neues Rätsel aufgab. Die Musterrolle, auf der die Namen als Teil des Lovat-Regiments gestanden hatten, hatte angegeben, dass diese dreißig Männer unter dem Kommando eines gewissen James Fraser standen – von Broch Tuarach. Dieser Mann war die einzige offensichtliche Verbindung zwischen Broch Tuarach und den Frasers von Lovat. Er fragte sich, warum James Fraser nicht auf Claires Liste aufgetaucht war.

 

Die Sonne schien; ein seltenes Ereignis für Mitte April, welches Roger in vollen Zügen genoss, indem er das winzige Fenster auf der Fahrerseite herunterkurbelte, um sich den Wind um die Ohren wehen zu lassen.

Er hatte in Edinburgh übernachten müssen, und als er am nächsten Tag spät zurückkehrte, war er von der Zugfahrt so müde gewesen, dass er nicht viel mehr getan hatte, als das warme Abendessen zu verspeisen, von dem Fiona nicht abzubringen war, ehe er dann ins Bett fiel. Doch heute war er voll frischer Energie und Entschlossenheit aufgestanden und in das Dörfchen Broch Mordha hinausgefahren, das in der Nähe des Anwesens Broch Tuarach lag. Möglich, dass ihre Mutter nicht wollte, dass Brianna Randall Broch Tuarach besuchte, doch ihn hinderte ja nichts daran, einen Blick auf den Ort zu werfen.

Er hatte Broch Tuarach tatsächlich gefunden, zumindest vermutete er das; ein enormer Steinhaufen umgab die halb zusammengefallenen Überreste eines dieser Rundtürme, die man in uralten Zeiten zum Leben und zur Verteidigung benutzt hatte. Sein Gälisch reichte so weit, dass er die Bedeutung des Namens verstand, »Turm, der nach Norden zeigt«, und er fragte sich flüchtig, wie ein runder Turm wohl zu einem solchen Namen kam.

In der Nähe befand sich ein Herrenhaus mit Nebengebäuden, ebenfalls in Ruinen, obwohl hier mehr übrig war. Das fast zur Unleserlichkeit verwitterte Verkaufsschild eines Maklers stand an einen Pfosten genagelt auf dem Hof. Roger hielt auf dem Hang über dem Haus und sah sich um. Auf den ersten Blick konnte er nichts erkennen, was erklärt hätte, warum Claire ihre Tochter von hier fernhalten wollte.

Er parkte den Morris auf dem Hof und stieg aus. Es war wunderschön hier, aber sehr abgelegen; er hatte fast fünfundvierzig Minuten gebraucht, um den Wagen von der Landstraße aus vorsichtig über den zerfurchten Feldweg zu manövrieren, ohne sich die Ölwanne zu demolieren.

Das Haus betrat er nicht; es war eindeutig verlassen und möglicherweise gefährlich – er würde dort nichts finden. Doch der Name FRASER war in den Türsturz geschnitzt, und derselbe Name zierte auch den Großteil der kleinen Grabsteine an der Stelle, die der Familienfriedhof sein musste – zumindest, soweit sie lesbar waren. Auch nicht sehr hilfreich, dachte er. Keiner dieser Steine trug den Namen eines Mannes auf seiner Liste. Er würde dem Sträßchen weiter folgen müssen, seiner Karte nach lag das Dorf Broch Mordha drei Meilen weiter.

Wie er schon befürchtet hatte, war die kleine Dorfkirche aufgegeben und vor Jahren abgerissen worden. Hartnäckiges Anklopfen an diversen Haustüren brachte ihm ausdruckslose Blicke, finstere Mienen und schließlich die skeptische Spekulation eines betagten Bauern ein, die alten Register der Pfarre wären entweder an das Museum in Fort William gegangen oder vielleicht nach Inverness; da gäbe es einen Pfarrer, der solchen Krempel sammelte.

Müde und staubig, aber noch nicht entmutigt trottete Roger zurück zu seinem Auto, das vor der Dorfkneipe am Straßenrand stand. Das war ein Rückschlag, wie er in der historischen Feldforschung häufig vorkam, und er war daran gewöhnt. Ein schnelles Bier – nun ja, vielleicht zwei, es war ein ungewöhnlich warmer Tag – und dann weiter nach Fort William.

Es würde ihm ganz recht geschehen, dachte er selbstironisch, wenn sich am Ende herausstellte, dass die Dokumente, nach denen er suchte, im Archiv des Reverends lagerten. Das hatte er davon, wenn er seine Arbeit um eines fragwürdigen Unterfangens willen vernachlässigte, nur um ein Mädchen zu beeindrucken. Sein Ausflug nach Edinburgh hatte nicht viel mehr gebracht, als die drei Namen zu eliminieren, die er im Culloden House gefunden hatte; es hatte sich herausgestellt, dass sie alle drei aus anderen Regimentern stammten und nicht zu der Gruppe aus Broch Tuarach gehörten.

Die Stuart-Papiere nahmen drei ganze Räume des Museums ein, dazu unzählige Umzugskisten im Keller, so dass er kaum behaupten konnte, erschöpfende Nachforschungen angestellt zu haben. Dennoch, er hatte eine Kopie des Soldregisters aus dem Culloden House gefunden, in dem die Männer als Teil eines Regiments aufgeführt waren, das unter dem Oberbefehl des jungen Lovat stand – damit war der Sohn des Alten Fuchses gemeint, der ebenfalls Simon hieß. Der hinterlistige Alte Fuchs hatte seine Loyalität aufgeteilt, dachte Roger; hatte seinen Erben in den Kampf für die Stuarts geschickt und war selbst zu Hause geblieben, um behaupten zu können, die ganze Zeit König Geordies treuer Untertan gewesen zu sein. Viel hatte es ihm nicht genützt.

Dieses Dokument hatte Simon Fraser, den Jüngeren, als Kommandeur angegeben und James Fraser nicht erwähnt. Doch in einer Reihe von Armeedepeschen, Notizen und anderen Dokumenten wurde ein James Fraser erwähnt. Wenn es derselbe Mann war, hatte er sich mit großem Einsatz an dem Feldzug beteiligt. Allerdings war es unmöglich zu sagen, ob es sich um den Mann aus Broch Tuarach handelte, solange er sich nur auf den Namen »James Fraser« stützen konnte; der Name James war in den Highlands genauso häufig wie Duncan oder Robert. Nur einmal wurde ein James Fraser mit einer Reihe zusätzlicher Namen erwähnt, die bei seiner Identifikation helfen konnten, doch in diesem Dokument wurden seine Männer nicht erwähnt.

Er zuckte mit den Schultern, um eine Wolke gieriger Mücken zu verscheuchen. Diese Register systematisch durchzuarbeiten, würde mehrere Jahre in Anspruch nehmen. Da er die Mücken nicht von sich ablenken konnte, betrat er geduckt die dunkle Brauhausatmosphäre der Kneipe und ließ die wilde, aufdringliche Wolke hinter sich.

Während er an seinem kühlen, bitteren Ale nippte, ging er im Kopf noch einmal durch, was er bis jetzt geschafft hatte und welche Möglichkeiten ihm offenstanden. Ihm blieb heute noch genug Zeit, nach Fort William zu fahren, obwohl das bedeuten würde, dass er spät zurück nach Inverness kam. Und wenn er im Museum in Fort William nichts zutage brachte, bestand der logische, wenn auch ironische nächste Schritt darin, sich gründlich im Archiv des Reverends umzusehen.

Und danach? Er trank die letzten Tropfen seines Biers und bestellte mit einem Wink ein neues Glas. Nun, wenn es gar nicht anders ging, konnte er wohl auf die Schnelle nichts Besseres tun, als jeden Friedhof in der allgemeinen Umgebung von Broch Tuarach persönlich zu inspizieren. Er bezweifelte, dass die Randalls vorhatten, die nächsten zwei, drei Jahre in Inverness zu verbringen, um geduldig auf Ergebnisse zu warten.

Er tastete in seiner Tasche nach dem Notizbuch, das der ständige Begleiter jedes Historikers ist. Ehe er Broch Mordha verließ, sollte er zumindest einen Blick auf das werfen, was noch von dem alten Kirchhof übrig war. Man wusste ja nie, was dabei herauskam, und zumindest musste er dann nicht noch einmal hierherfahren.

 

Tags darauf folgten die Randalls Rogers Einladung zum Tee, um zu hören, was für Fortschritte er gemacht hatte.

»Ich habe mehrere der Namen auf Ihrer Liste gefunden«, sagte er zu Claire, während er in das Studierzimmer voranging. »Es ist merkwürdig; noch habe ich keine gefunden, die mit Sicherheit in Culloden gestorben sind. Ich dachte, ich hätte drei, aber es hat sich herausgestellt, dass es andere Männer mit denselben Namen waren.« Er warf einen Blick auf Dr. Randall; sie stand reglos da und klammerte sich mit einer Hand an die Lehne eines Armsessels, als hätte sie vergessen, wo sie war.

»Äh, möchten Sie sich nicht setzen?«, lud Roger sie ein, und sie zuckte wie erschrocken zusammen, nickte und setzte sich abrupt auf die Sesselkante. Roger beobachtete sie neugierig, fuhr aber mit seinem Bericht fort. Er zog den Ordner mit seinen Notizen hervor und reichte ihn ihr.

»Wie ich schon sagte, es ist merkwürdig. Ich habe noch nicht alle Namen aufgespürt; ich glaube, dazu muss ich in den Pfarrbüchern und auf den Friedhöfen in der Gegend von Broch Tuarach herumstöbern. Das meiste habe ich bis jetzt in den Papieren meines Vaters gefunden. Aber man würde doch meinen, dass ich wenigstens ein oder zwei Gefallene gefunden hätte, da sie schließlich alle in Culloden waren. Vor allem wenn sie, wie Sie sagen, zu einem der Fraser-Regimenter gehörten; diese haben fast alle im Zentrum der Schlacht gekämpft, wo es am schlimmsten war.«

»Ich weiß.« Ihr Ton hatte etwas an sich, das ihn bewog, sie verwundert anzusehen, doch sie hatte das Gesicht über den Schreibtisch gebeugt, und es war unsichtbar. Die meisten Notizen waren handschriftliche Kopien, die er selbst angefertigt hatte, da die exotische Technologie der Fotokopie noch nicht bis in das Regierungsarchiv vorgedrungen war, das die Stuart-Papiere hütete, doch es waren auch einige Originalbögen dabei, die er aus dem Dokumentenschatz des verstorbenen Reverends ausgegraben hatte. Sie wendete die Listen mit sanften Fingern und gab sich Mühe, das empfindliche Papier nicht mehr als notwendig zu berühren.

»Sie haben recht; das ist merkwürdig.« Jetzt erkannte er die Emotion in ihrem Ton – es war Erregung, in die sich jedoch Genugtuung und Erleichterung mischten. Irgendwie hatte sie das erwartet – oder es gehofft.

»Sagen Sie …« Sie zögerte. »Die Namen, die Sie gefunden haben. Was ist aus ihnen geworden, wenn sie nicht in Culloden gestorben sind?«

Er war etwas überrascht, dass es ihr so wichtig war, doch er warf einen Blick auf seine Notizen. »Zwei von ihnen haben auf der Musterrolle eines Schiffs gestanden; sie sind nicht lange nach Culloden in die Neue Welt emigriert. Vier sind etwa ein Jahr später eines natürlichen Todes gestorben – nicht überraschend; nach Culloden herrschte eine schreckliche Hungersnot, und es gab viele Tote in den Highlands. Und diesen habe ich in einem Pfarrbuch gefunden – allerdings nicht seine Heimatpfarre. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass es einer unserer Männer ist.«

Erst als die Spannung nun aus ihren Schultern wich, fiel ihm überhaupt auf, dass sie da gewesen war.

»Möchten Sie immer noch, dass ich nach dem Rest suche?«, fragte er und hoffte, dass die Antwort »ja« lauten würde. Er beobachtete Brianna über die Schulter ihrer Mutter hinweg. Sie stand vor der Korkwand, halb abgewandt, als interessierte sie sich nicht für das Projekt ihrer Mutter, doch er konnte eine kleine senkrechte Falte zwischen ihren Augenbrauen sehen.

Vielleicht nahm sie ja dasselbe wahr wie er; diese seltsame unterdrückte Erregung, die Claire wie ein elektrisches Spannungsfeld umgab. Er stellte sich vor, dass ein großer statischer Funke zwischen ihnen überspringen würde, wenn er sie berührte.

Ein Klopfen an der Studierzimmertür riss ihn aus seinen Gedanken. Die Tür öffnete sich, und Fiona Graham kam mit einem Teewagen herein – inklusive Teekanne, Tassen, Untersetzern, dreierlei Sandwiches, Sahnetörtchen, Sandkuchen, Marmeladentörtchen und Scones mit Schlagrahm.

»Hmmm!«, sagte Brianna bei diesem Anblick. »Ist das alles für uns, oder werden noch zehn andere Leute erwartet?«

Claire warf einen lächelnden Blick auf den Tee. Das elektrische Feld war nach wie vor da, jetzt jedoch mühsam unterdrückt. Roger konnte sehen, dass eine ihrer Hände so fest in den Stoff ihres Rocks geklammert war, dass ihr die Kante ihres Rings in die Haut schnitt.

Fiona strahlte. Sie war rundlich und hübsch wie eine kleine braune Henne. Roger seufzte innerlich. Es freute ihn zwar, seinen Gästen etwas anbieten zu können, doch ihm war klar, dass die großzügige Natur der Erfrischungen dazu gedacht war, seinen Beifall zu finden, nicht den seiner Gäste. Fiona war neunzehn, und sie hatte ein einziges, leidenschaftliches Lebensziel: Ehefrau zu sein. Vorzugsweise eines berufstätigen Mannes. Sie hatte einen einzigen Blick auf Roger geworfen, als er vor einer Woche eingetroffen war, um den Nachlass des Reverends zu ordnen, und beschlossen, dass ein Assistenzprofessor für Geschichte der beste Kandidat war, den Inverness zu bieten hatte.

Seitdem war er gemästet worden wie eine Weihnachtsgans, seine Schuhe waren stets blank geputzt, seine Hausschuhe und seine Zahnbürste lagen ordentlich bereit, sein Rock war makellos gebürstet, er bekam die Abendzeitung gebracht und neben den Teller gelegt, sein Nacken wurde massiert, wenn er stundenlang am Schreibtisch gearbeitet hatte, und er sah sich unablässigen Fragen nach seinem körperlichen Wohlbefinden, seiner Stimmung und seinem allgemeinen Gesundheitszustand ausgesetzt. Nie zuvor hatte er einen derartigen Ansturm der Häuslichkeit erlebt.