Peggy Guggenheim - Mona Horncastle - E-Book

Peggy Guggenheim E-Book

Mona Horncastle

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Beschreibung

Peggy Guggenheim, der Venedig eines der aufregendsten Museen der Moderne zu verdanken hat, galt lange als skandalöses »armes reiches Mädchen« und wurde als »hässliches Entlein« verspottet. Zu Unrecht, wie Horncastles neue Biografie beweist. Als junge Frau im Paris der 1920er Jahre ist sie Teil der literarischen und künstlerischen Avantgarde, wird 1941 zur Fluchthelferin und rettet sich selbst und ihre Sammlung »entarteter Kunst« vor den Nationalsozialisten nach Amerika. Ihre Galerie in New York wird zum Anlaufpunkt europäischer Künstler:innen im Exil und zum Flaggschiff des Abstrakten Expressionismus, den sie 1948 nach Europa bringt. Sie war emanzipiert, engagiert und immer unerschrocken. Eine außergewöhnliche Frau, die den Zeitgeist des 20. Jahrhunderts gefördert hat, als Museen vom Louvre bis zum MET sich einig waren: Das ist keine Kunst.

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Seitenzahl: 257

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Andy Warhol: „Oh, ich fühle mich so geehrt, auf derselben Party zu sein wie Sie, Mrs. Guggenheim!“

Peggy Guggenheim: „Wer ist der Mann?“

(New York 1969)

Intro

I Herkunft

Aufwachsen im goldenen Käfig

Erfolgsgeheimnisse

Familienanekdoten

II Emanzipation

Literarischer Idealismus

Paris 1920

Laurence Vail, der König der Boheme

Eheleben

Two perfect bitches und ein kaputter Rolls-Royce

Literarische Suffragetten

Realpolitik versus literarische Ideale

III Neuanfang

Ein Leben für die Kunst

Das Ei des Brâncuși

Fantastische Frauen

Ambitionen

IV Warclouds

Unverbrüchlicher Optimismus

Picasso sagt Nein

Entartet und verfolgt

Auslieferung auf Verlangen

Abschied aus Frankreich

Komplizierte Familienangelegenheiten

V Art of This Century

Neue und alte Ängste

Zuhause im Exil

Gamechanger

Die Geburtsstunde der New York School

Peggy zieht Resümee

VI Collezione Peggy Guggenheim

Ankommen

Die Vollendung des unvollendeten Palazzo

Das Haus füllt sich

Die letzte Dogaressa

Entscheidungen

Vermächtnis

Eine Art Nachwort

Anmerkungen

Verwendete Literatur

Personenregister

Bildnachweis

Die Autorin

Impressum

Intro

„Die Biennale 1948 war wie das Öffnen einer Champagnerflasche – der Korkenknall der modernen Kunst, nachdem die Nazis versucht hatten, sie zu vernichten.“1

(Vittorio Carrain)

136 Kunstwerke und zwei Legenden, fotografiert von Lee Miller: Peggy Guggenheim zeigt Lionello Venturi „ihren Pavillon“. © Lee Miller Archives, England 2025. All rights reserved. leemiller.co.uk

Als 1948, nach einer kriegsbedingten Pause von sechs Jahren, die seit 1893 bestehende Biennale di Venezia wiedereröffnet, ist Peggy Guggenheims Sammlung erstmals in Europa zu sehen. Am Vorabend des Zweiten Weltkriegs hat sie begonnen, die Art von Kunst zu sammeln, die im nationalsozialistischen Deutschen Reich als entartet gilt und in vielen anderen Ländern unterschätzt wird. Georges Braque, Salvador Dalí, Marc Chagall, Alberto Giacometti und Constantin Brâncuși hält der Louvre im besetzten Paris (noch) nicht für bedeutend genug, um Peggys Sammlung in Sicherheitsverwahrung zu nehmen.

Als die Künstler der Avantgarden des 20. Jahrhunderts nicht mehr ausgestellt werden und der Kunstmarkt für moderne Kunst zum Erliegen kommt, setzt sich Peggy Guggenheim das Ziel, jeden Tag ein Bild zu kaufen. „An dem Tag, als Hitler in Norwegen einmarschiert ist, ging ich in Légers Atelier und kaufte ihm für 1.000 Dollar ein wunderbares Gemälde von 1919 ab.“2 Es ist der 9. April 1940 und das Bild, das sie kauft, ist Les hommes dans la ville (Men in the City), eine frühe Arbeit aus Fernand Légers mechanischer Periode, in dem er die gesellschaftlichen Veränderungen und den unmenschlichen Utilitarismus im Ersten Weltkrieg verarbeitet. Anekdoten wie diese offenbaren die Menschlichkeit von Peggy Guggenheims Mäzenatentum und ihre Motivation als Sammlerin.

Bereits als Sechzehnjährige beginnt sie sich von der für sie vorbestimmten Rolle als Tochter einer prominenten Familie der konventionellen, alteingesessenen deutsch-jüdischen Elite New Yorks3 zu emanzipieren und kommt zu dem Schluss, dass „Leute wie die Guggenheims verpflichtet sind, die Welt zu verbessern“.

Ihr erklärtes Ziel als Kunstsammlerin ist so auch von Anfang an philanthropisch, denn mag Men in the City, wie alle Arbeiten, die sie kauft, heute ein Vielfaches wert sein, 1940 waren die 1.000 Dollar, die sie Fernand Léger zahlt, sehr viel Geld.4 Vor allem aber hat sie dem Künstler aus einer existenziellen Notlage geholfen – und nicht nur ihm. Peggy unterstützt Künstler, die als subversiv gelten, prekär leben und oft weit davon entfernt sind, anerkannt zu sein. Warum? Darüber schweigt sie sich zeit ihres Lebens aus – ein Dilemma, nicht nur für ihre Biografen, sondern auch für ihre Wegbegleiter. Vielleicht hat das Lee Krasner am besten in Worte gefasst, als sie sagte: „She did it. Ganz gleich, was ihre Beweggründe waren.“5

Nachdem der Zweite Weltkrieg zum Exodus unzähliger Künstler aus Europa geführt hat, zeigt Peggy Guggenheim 1948 in Venedig der Weltöffentlichkeit Werke der europäischen Vorkriegs-Avantgarden, die sie vor den Nationalsozialisten nach Amerika gerettet hat – gemeinsam mit den abstrakten Expressionisten aus den USA, die sie in New York zu fördern und zu sammeln beginnt. Weder die einen noch die anderen sind einem größeren Publikum in Europa bekannt. Erstere sind eine Wiederentdeckung, Letztere eine Neuentdeckung und zusammen erschüttern sie die Kunstwelt. Lee Miller fotografiert die Ausstellung und schreibt in der Vogue: „Die größte Sensation war der Pavillon von Peggy Guggenheim.“6

Neben einer Bronze von Alberto Giacometti und vor einem Gemälde von Marc Chagall schwingt ein Mobile von Alexander Calder. Mark Rothkos hypnotische Farbfelder treffen auf Paul Klees poetische Abstraktionen, Wassily Kandinskys synästhetische Kompositionen auf Jackson Pollocks expressive Dynamik.

In Venedig gelingt es Peggy Guggenheim schließlich, die Kunst der Avantgarden des 20. Jahrhunderts in einem Museum zugänglich zu machen. Ohne den Zweiten Weltkrieg wäre es sehr wahrscheinlich anders gekommen. Dann hätte sie das erste Museum der Moderne wohl in London eröffnet. Stattdessen zwingen sie die politischen Verhältnisse 1941, nach zwanzig Jahren in Europa nach New York zurückzukehren, wo sie ihr epochales Galeriemuseum Art of This Century eröffnet, das zum Anlaufpunkt der europäischen Exil-Künstler und zum Nukleus des abstrakten Expressionismus der New York School wird. Doch es ist ein Projekt auf Zeit. 1947 geht Peggy Guggenheim wieder nach Europa und findet für sich und ihre Sammlung eine dauerhafte Heimat im Palazzo Venier dei Leoni in Venedig.

„Ich bin keine Kunstsammlerin. Ich bin ein Museum“, wird sie in den 1970er-Jahren über sich selbst sagen – eine Prophezeiung in zweierlei Hinsicht: Die Peggy Guggenheim Collection in Venedig ist sowohl eines der spannendsten als auch eines der intimsten Museen in Europa und untrennbar mit seiner Stifterin verbunden. Hier ist nicht nur die Kunst zu sehen, die sie gesammelt hat, hier sind die Arbeiten all der Menschen zu sehen, die ihre Wegbegleiter, Freunde und teils auch Lebenspartner waren. Sie ist zwar keinesfalls die einzige, wohl aber die bekannteste Mäzenin und Museumsgründerin der Welt und bis heute eine Celebrity, die über die Kunstwelt hinaus berühmt ist – nicht zuletzt aufgrund ihrer Autobiografie, die sie erstmals 1946 und in einer dritten, überarbeiteten und erweiterten Fassung 1979 als Out of this Century – The Informal Memoirs of Peggy Guggenheim veröffentlicht.

„Ich habe kein Erinnerungsvermögen.“ Mit diesem erstaunlichen Satz eröffnet Peggy ihren Lebensbericht, um dann ausführlich Erinnerungen an Erlebnisse, persönliche bis sehr persönliche Begegnungen und pikante Details aus ihrem Leben mitzuteilen. Ihre „informellen Memoiren“ sind die einer demonstrativ emanzipierten Frau, die skandalös offen über ihr Liebesleben schreibt. Doch Peggys sexpositiver Feminismus kommt vor der Zeit und wird nicht als solcher gelesen, sondern gegen sie verwendet. Fortan durchziehen die Machismen und Sexismen die Literatur über Peggy und ihre Wegbegleiter.

Calvin Tomkins, der Biograf von Marcel Duchamp, Peggys langjährigem Freund und wichtigstem Kunstberater, beschreibt sie als inkompetent und als „linkische, unsichere, herrische und heißhungrig promiskuitive Frau“7 und der Picasso-Biograf John Richardson urteilt in der Filmbiografie Peggy Guggenheim. Ein Leben für die Kunst: „Sie war bemerkenswert erfolgreich für jemand, der keine kunsthistorische Ausbildung hatte, keinen angeborenen Geschmack oder ein Gespür für Dinge, dafür aber den leidenschaftlichen Wunsch, die Kunst zum eigenen Nutzen einzusetzen und durch sie zu einer eigenen Persönlichkeit, zu einem Star zu werden. Da sie nicht schön genug war, konnte sie nie eine begehrenswerte Persönlichkeit der Gesellschaft im Sinne einer Sirene werden, aber als Sammlerin, wie es sie noch nie zuvor gegeben hatte, gelang ihr das.“

Die Liste der chauvinistischen Kommentare ist lang und hat vor allem einen Grund, den Peggys Freundin Yoko Ono auf den Punkt bringt: „Wenn eine Frau mächtig ist, werden andere alles daransetzen, sie zu kritisieren – und über ihr Aussehen zu lästern ist der einfachste Weg.“8

Peggy Guggenheim stirbt am 23. Dezember 1979 im Alter von 81 Jahren und wird im Garten ihres Palazzo in Venedig beigesetzt. Ganz in der Nähe ihres Grabes befindet sich die Arbeit der wortmächtigen Konzeptkünstlerin Jenny Holzer: SAVOR KINDNESS BECAUSE CRUELTY IS ALWAYS POSSIBLE LATER – ein treffender Kommentar auf Peggy Guggenheims Leben und ihr Vermächtnis.

Peggy Guggenheim 1968 in ihrem Garten des Palazzo in Venedig.

IHerkunft

„Juden hatten in Amerika nicht überall Zutritt.“9

(Stephen Birmingham)

Von Hausierern zu Millionären und Philanthropen: die Familie Guggenheim.Hier finden Sie eine ausführliche Bildbeschreibung.

Aufwachsen im goldenen Käfig

„Meine Kindheit war über alle Maßen unglücklich.“

(Peggy Guggenheim)

Als Peggy Guggenheim 1898 geboren wird, steht ihr eine „Kindheit mit Goldrand“10 bevor, ein goldener Käfig, aus dem sie 1921 auszubrechen versucht, indem sie nach Paris geht. Als sie dort ihre ersten autobiografischen Notizen niederschreibt, beginnen diese mit den Worten: „Ich stamme aus zwei der besten jüdischen Familien. Einer meiner Großväter wurde wie Jesus Christus in einem Stall geboren, oder besser gesagt, über einem Stall in Bayern, und mein anderer Großvater war Hausierer.“ Ein humorvoller, aber auch bissig-ironischer Auftakt aus der Perspektive der dritten Generation, die vieles für selbstverständlich nimmt, was für ihre Vorfahren unvorstellbar war: „Meine Großväter haben ihr Leben zwar bescheiden begonnen, aber prunkvoll beendet. (…) Als ich auf die Welt kam, waren die Seligmans und die Guggenheims extrem reich.“

Ende des 19. Jahrhunderts ist New York City the place to be. Wer während der wirtschaftlichen Blütezeit in den USA nach den Sezessionskriegen, im Gilded Age, Erfolg hat, zieht hierher, um noch erfolgreicher zu werden. Gleichzeitig ist die Stadt für die Einwanderer aus Europa das Tor zu Amerika. Um dem Ansturm Herr zu werden, wird die Einwanderungsbehörde 1892 von Manhattan auf die ehemalige Gefängnisinsel Ellis Island im Hudson River verlegt. Da aber viele Migranten in der Stadt bleiben, wird es eng in New York. Innerhalb von fünfzig Jahren hat sich die Einwohnerzahl mit knapp 3,5 Millionen fast verfünffacht. Dieses Wachstum ist eine Herausforderung für die Stadtverwaltung und die Stadtgesellschaft gleichermaßen und beförderte Rivalitäten in allen sozialen Schichten – auch in der wohlhabenden Oberschicht, die jüdische Bankiers und Unternehmer wie die Seligmans und Guggenheims als neureiche Emporkömmlinge betrachten. Die überwiegend weiße und protestantische Geld- und Geistesaristokratie grenzt sich entschieden ab und verwehrt Juden gesellschaftliche Anerkennung und den Zugang zu ihren Kreisen.

Eine frühe Aufnahme von Peggy Guggenheim aus dem Jahr 1913.

Die Hoffnung, dass im Land of the Free Bürgerrechte uneingeschränkt für alle Menschen unabhängig von Herkunft oder Religion gelten und jeder an seinen Leistungen und seinem (Wohl-)Verhalten gemessen wird, zerschlägt sich 1877, als Joseph Seligman, Peggys Großonkel und einer der damals mächtigsten Bankiers, der Zutritt zum Grand Union Hotel in Saratoga verweigert wird, nachdem er dort mit seiner Familie über Jahre hinweg immer wieder zu Gast war. Der öffentliche Beschwerdebrief, den er an den Hotelverwalter Henry Hilton schreibt, macht landesweit Schlagzeilen. Schließlich einigt man sich – Henry Hilton muss eine Spende an jüdische Wohlfahrtseinrichtungen zahlen. Die sogenannte Seligman-Hilton Affair führt aber letztlich dazu, dass der Antisemitismus in den USA gesellschaftsfähig wird.

Ende der 1880er-Jahre definiert das Social Register das Who’s who der New Yorker Oberschicht. Es versammelt und veröffentlicht die Namen der Besuchslisten der prominentesten alteingesessenen Familien. „Eine praktische Auflistung der eigenen Freunde und der potenziellen Freunde“11, 5.000 Personen des protestantischen Geldadels und nur einem einzigen jüdischen Namen: Joseph Pulitzer. Ein Affront, der dem jüdischen Großbürgertum nicht unbemerkt bleiben kann und auch nicht soll: 1892 wird ein Destillat dieser Liste als Four Hundred in der New York Times veröffentlicht und definiert fortan sprichwörtlich das gesellschaftliche Parkett – ihr Autor, Ward McAllister, hat sich an der Größe des Ballsaals von Caroline Astor orientiert, der unangefochtenen Gatekeeperin der New Yorker High Society.12

Der Judenverfolgung in der Alten Welt konnten die Warburgs, Schiffs, Loebs, Kuhns, Goldmans, Sachs, Seligmans und Guggenheims Mitte des 19. Jahrhunderts mit dem Atlantikliner entkommen, nicht aber dem Antisemitismus. Daran kann kein Geld der Welt etwas ändern. Die (überwiegend) deutsch-jüdische Elite New Yorks lebt als Our Crowd13 auch in der neuen Heimat in einer Parallelgesellschaft am Central Park und den Sommerhäusern in New Jersey. Innerhalb von wenigen Jahren hat es sich etabliert, von der „jüdischen Fifth Avenue“ und dem „jüdischen Newport“ zu sprechen. Das betont eher ungewollt die Ähnlichkeiten des Lebensstils zwischen dem jüdischen Großbürgertum und den Astors, Vanderbilts und Rockefellers, auch wenn es abwertend und ausgrenzend gemeint ist.

Erfolgsgeheimnisse

„So ärmlich das Leben meiner Großväter begonnen hat, so feudal ging es zu Ende.“

(Peggy Guggenheim)

Im 19. Jahrhundert ist die Versorgung der ländlichen Bevölkerung in den USA von Hausierern abhängig, die diese mit Handelswaren aus den Städten beliefern. Mit einer relativ kleinen Investition in Produkte des täglichen Bedarfs konnte man als Händler mit etwas Geschick ein gutes Auskommen haben – und mit noch mehr Geschick ein Handelsnetzwerk aufbauen. Beide Großväter von Peggy verwirklichen diese frühe Form des American Dream: vom Hausierer zum Millionär.

Peggys Großvater mütterlicherseits, James Seligman, wird 1824 im Königreich Bayern geboren, jedoch nicht in oder über einem Stall, sondern über der Weberei seiner Eltern David und Fanny Seligman in Beiersdorf, in der auch Kurzwaren verkauft werden. Er ist der drittgeborene Sohn von insgesamt acht Brüdern und drei Schwestern.14 Sein ältester Bruder Joseph zeigt der Familienlegende nach schon früh unternehmerisches Geschick: Er führt ein, dass die Kunden im Laden seiner Eltern in allen damals gängigen Währungen zahlen können – und gegen eine kleine Gebühr auch tauschen. Joseph Seligman hat den Devisenhandel für sich entdeckt. Als Ältester geht er zum Studium nach Erlangen und schifft sich 1837 in Bremen Richtung Amerika ein. Mit dem Verkauf von Schmuck, Messern und anderen Kleinwaren an die ländliche Bevölkerung verdient er innerhalb kürzester Zeit ausreichend Geld, um mit seinen Ersparnissen auch den Rest der großen Familie nachzuholen.

Die beiden Ältesten Joseph und William gründen 1846 das Familienunternehmen J. & W. Seligman & Co., das mit dem Handel importierter Kurzwaren aus Europa erfolgreich wird. Nach und nach steigen alle Brüder in das Unternehmen mit ein und legen mit einem hohen Arbeitsethos, wirtschaftlichem Spürsinn für kluge Investitionen in aufstrebende Wirtschaftszweige und dem nötigen Quäntchen Glück den Grundstein für ein Firmennetzwerk, aus dem schließlich eine der führenden Investmentbanken New Yorks hervorgeht. Die ersten Millionen bringt die Finanzierung von Uniformen für die Soldaten im Bürgerkrieg. In den Folgejahren ist Seligman & Co. an der Finanzierung mehrerer Eisenbahngesellschaften, dem Bau des Panamakanals und der Gründung von Standard Oil und General Motors beteiligt. Joseph Seligman und seine Brüder haben es von fliegenden Händlern zu einer der mächtigsten Bankiersfamilien an der Wall Street gebracht.15

Peggys Großvater väterlicherseits, Meyer Guggenheim, wird 1828 in Lengnau geboren, einem der einzigen beiden Orte in der Schweiz, in dem Juden im 18. und 19. Jahrhundert geduldet werden. Als er 1848 in die USA immigriert, kommt er nicht allein. Sein Vater, Simon Guggenheim, muss seit dem Tod seiner Frau 1836 für vier Töchter und einen Sohn sorgen. Zwar beginnt Meyer schon in jungen Jahren, das Familieneinkommen durch Hausieren aufzubessern, aber die Zukunftsaussichten sind hoffnungslos, vor allem aufgrund der rigiden Ehegesetze für Juden in der Schweiz. Langfristig würden die Mädchen nur heiraten können, wenn Simon Guggenheim für jede 500 Gulden als Mitgift aufbringen kann. Unmöglich. Aber auch kurzfristig ist die Lage frustrierend. Als Witwer ist es üblich, eine neue Ehe einzugehen, um die Versorgung der Kinder zu sichern. Doch als Simon Guggenheim die ebenfalls verwitwete Rachel Weil Meyer heiraten möchte, die ihrerseits sieben Kinder hat, wird die Eheschließung untersagt, weil man ihnen die Versorgung einer so großen Familie nicht zutraut. Simon und Rachel sehen nur einen Ausweg: Amerika.

Die Auswanderung in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten ist die letzte Hoffnung für den bereits 56 Jahre alten Simon, seine zukünftige Frau (die Ehe wird kurz nach der Ankunft in Amerika geschlossen) und die insgesamt zwölf Kinder. Simon und Meyer Guggenheim gelingt es, als Hausierer und Importeure von Stickereiprodukten den Grundstein für ein Familienunternehmen zu legen, das von Beginn an sehr vom Erfindungsreichtum Meyers profitiert: Vater und Sohn handeln unter anderem mit einer Herdreinigungspaste und einem Vorläufer von Instantkaffee, zwei Produkten mit einer hohen Nachfrage, aber kleiner Gewinnspanne. Erst mit einem verbesserten Produkt aus eigener Herstellung im Angebot können sie eine deutlich höhere Marge erwirtschaften. Dieser Erkenntnisgewinn, dass Eigenproduktionen eine höhere Gewinnchance garantieren, prägt fortan alle Unternehmungen der Familie: Als die Guggenheims in den Bergbau einsteigen, kaufen sie nicht nur Minen in den USA, Mexiko und Alaska, sie übernehmen auch die Weiterverarbeitung der Bodenschätze aus ihren Erzbergwerken in Schmelzöfen. Mit der Philadelphia Smelting and Refining Company beherrscht die Familie Guggenheim schließlich bald 80 % der weltweiten Produktion von Kupfer, Silber und Blei.16

Wie bei Familienunternehmen üblich, ist sowohl bei den Seligmans als auch den Guggenheims Firmenpolitik auch Familienpolitik. Die Söhne und oft auch die Schwiegersöhne steigen in die Unternehmen ein, Eheschließungen werden entsprechend strategisch geplant. Die Lebensplanung für Töchter und Söhne ist vorgegeben, persönliche Neigungen, Vorlieben, Wünsche und Eignung sind nachgeordnet. Für die männlichen Familienmitglieder steht fest, das Vermögen durch Arbeit zu sichern und zu vermehren, die Frauen bekommen Kinder und sind für den häuslichen und sozialen Bereich zuständig. Eine problematische Tradition, wenn man bedenkt, dass männlich nicht mit geschäftstüchtig und weiblich nicht mit fürsorglich gleichzusetzen ist. Ein Streitpunkt, der sich schon in der Gründergeneration zeigt, in der zweiten Generation zu ersten Emanzipationsversuchen führt und schließlich in der dritten Generation zu offener Rebellion.

So etwa bei Max Stettheimer, der Babette Seligman heiratet und damit nicht nur eine private, sondern auch eine berufliche Bindung an die Familie eingeht. Als sich Seligman & Co. vom Handelsunternehmen zu einer international agierenden Investmentbank entwickelt, ist Max damit alles andere als glücklich. Er ist Händler und hat weder Interesse am Bankwesen noch an einem Posten im Ausland. Daraus erwächst ein Familienzwist, der sich im Kern um Loyalitätskonflikte und die Unantastbarkeit des Familienoberhaupts bei allen beruflichen und privaten Entscheidungen dreht. Angelehnt an ein Briefzitat wird er von Biografen als Our Dear Babette Syndrom beschrieben und ist exemplarisch: Der Ehemann instrumentalisiert seine Frau, die wiederum von ihren Brüdern instrumentalisiert wird.

Für Babette Seligman eine ausweglose Situation, ist sie doch von beiden Seiten abhängig. Der älteste Bruder und Firmengründer Joseph wendet sich ratsuchend an den zweitältesten Seligman, William: „Max besteht darauf, dass wir wieder in den Import einsteigen. Und zwar im gleichen Umfang wie früher, sonst wird er sich andere Partner suchen. Nichts wäre mir lieber, wäre da nicht our dear Babette, die sagt, dass ihr ein noch unerträglicheres Leben bevorsteht als bisher, wenn Max seine geschäftlichen Beziehungen zu uns löst, und sie fleht mich an, zu versuchen, ihn zu halten. Um ihretwillen erachte ich es als meine Pflicht, auch wenn ich ihn nicht in Paris oder Frankfurt unterbringen kann, was mir am liebsten wäre, wenn er wieder in den Handel einsteigt.“17

William Seligman schlägt eine diskrete Lösung vor: Geld und ein kleines Zugeständnis. Max Stettheimer übernimmt das Frankfurter Bankhaus, das fortan ausnahmsweise als Seligman & Stettheimer firmiert, und er wird mit einer Sonderzahlung befriedet. Dass Babette mit der Lösung nicht gänzlich einverstanden ist, kommentieren die Brüder trocken: „Immerhin haben wir Max zu einem reichen Mann gemacht.“18

In der väterlichen Linie von Peggy gibt es ähnliche Konflikte, die aber erst in der zweiten Generation auch außerhalb des Familienkreises sichtbar werden. Meyer Guggenheim hat verfügt, dass alle seine Söhne die gleichen Anteile am Unternehmen halten sollen. Vor allem die älteren Söhne, die schon lange für ihren Vater arbeiten, halten diese Regelung für ungerecht, da sie von Anfang an einen wesentlichen Beitrag zu Auf- und Ausbau der Geschäftsfelder und den jeweiligen Erfolgen geleistet haben, während die jüngeren Brüder Benjamin und William die Universität besuchen dürfen und erst nach dem Studium in die Firma eintreten. Der Altersunterschied zwischen dem ältesten Sohn Isaak Guggenheim und dem letztgeborenen Sohn William beträgt vierzehn Jahre. Isaak hat mit siebzehn zu arbeiten begonnen und auch die drei anderen älteren Söhne werden angelernt, sobald sie volljährig sind.

Die Logik Meyer Guggenheims ist: „Mag sein, dass die Jüngeren, wenn sie einsteigen, eher eine Belastung sind und keine große Hilfe. Während dieser Zeit müssen die Älteren die Last tragen. Aber das alles ändert sich mit der Zeit. Es kommt der Tag, an dem die Älteren in den Ruhestand gehen wollen. Dann müssen die Jüngeren die Last tragen. Außerdem dürfen wir die Ehefrauen nicht vergessen! Wenn die Frau des einen Partners erfährt, dass der Partner-Ehemann der anderen mehr Geld verdient, gibt es Ärger.“19

Die Älteren akzeptierten diese Entscheidung zähneknirschend, doch die Jüngeren sehen sie nicht als bindend an. Benjamin und William Guggenheim verlassen beide 1901 nach anhaltenden Unstimmigkeiten mit ihren Brüdern das Familienunternehmen – dank der Regelung ihres Vaters, für den das Ausscheiden eines Familienmitglieds noch ein undenkbares Szenario war, ausgestattet mit Unternehmensanteilen, durch die Benjamin Guggenheim 250.000 Dollar pro Jahr bezieht (heute wären das etwas mehr als 9 Millionen).

Familienanekdoten

„Benita war die Liebe meines Lebens.“

(Peggy Guggenheim)

Die Verlobung von Peggys Eltern, Benjamin Guggenheim und Florette Seligman, ist aus Sicht der Seligmans nicht standesgemäß. Die jüdische Elite in New York führt zwar offiziell kein Social Register, ihre Akzeptanzkriterien sind aber ebenso exklusiv. Als soziale Währung gelten Herkunft, Umgangsformen und wie lange man bereits in den USA bzw. in New York lebt – und sie bestimmt die Heiratspolitik. Die Seligmans fühlen sich den Guggenheims überlegen, sie halten diese für Emporkömmlinge – reiche, aber unkultivierte Unternehmer.

In einem Telegramm an die Verwandtschaft in Europa wird Florettes Verlobung in nur einem Satz verkündet, mit einem ebenso amüsanten wie treffenden Schreibfehler: „Florette Engaged Guggenheim Smelt Her.“

Für die Bankierstochter gilt der Unternehmersohn, dessen Familie erst seit 1888 in New York ansässig ist, und deren Reichtum mit Schmelzöfen gemacht wurde, als schlechte Partie. Am ausschweifenden Liebesleben des zukünftigen Schwiegersohns, der ein stadtbekannter Don Juan ist, stört sich hingegen niemand.

Liebesabenteuer gehören für Männer zu dieser Zeit zum guten Ton: „Es war die Ära der Mätresse, und man ging natürlich davon aus, dass jeder vermögende Mann eine hatte. (Selbst diejenigen, die keine hatten, taten so, als hätten sie eine.)“20 Peggys Cousin, Harold Loeb, erinnert sich an einen Ratschlag ihres Vaters Benjamin Guggenheim: „Aus zwei Gründen solltest du nie eine Frau vor dem Frühstück lieben. Erstens macht es müde, zweitens könntest du im Laufe des Tages eine treffen, die dir besser gefällt.“21 Diskretion scheint erst am Ende einer Liaison angebracht: „Wenn die Zeit gekommen ist, sich zu trennen, ist es von größter Wichtigkeit, für die betreffende Dame zu sorgen.“22

Peggy und Benita mit ihrem Hund Twinkle 1919 bei einer Hundeshow.

Diese Mahnung ist weniger großzügig als der Erfahrung geschuldet, dass ein öffentlicher Skandal am ehesten mit Geld verhindert werden kann. Learning by doing der Guggenheim’schen Frauenhelden, seit Peggys Großvater Meyer Guggenheim einen sehr öffentlich ausgetragenen Vorwurf der Untreue mit einer Hausangestellten durch einen finanziellen Ausgleich beigelegt hat.

Seither gibt es einen Versorgungsfonds, der eigens für abgelegte Liebschaften eingerichtet wurde und diese lebenslang absichert – auch über den Tod ihres Liebhabers hinaus: Wenn ein Guggenheim stirbt, vererbt er offenbar auch diese Zahlungsverpflichtung, wie aus einer Nachricht Peggys an ihren Finanzverwalter hervorgeht. Sie schreibt Anfang der 1970er-Jahre: „Die Geliebte meines Vaters ist endlich gestorben, ich werde also mehr Geld zur Verfügung haben.“23 (Sie muss über neunzig gewesen sein.)

1894 geben sich Florette und Benjamin Guggenheim unter einem „Baldachin, der aus Tausenden von Rosen bestand“24, das Jawort. Knapp ein Jahr nach der Hochzeit bringt Florette ihre erste Tochter, Benita Rosalind, zur Welt. 1898 wird Marguerite, genannt Peggy, geboren und 1903 schließlich die dritte Tochter, Barbara Hazel. Bis kurz vor Hazels Geburt bewohnt die Familie ein Apartment im Hotel Majestic, dann ziehen sie in ein palastartiges Haus in der 72. Straße East am Central Park, in die Nachbarschaft der Rockefellers, Stillmans und der Witwe des 18. Präsidenten der USA, Ulysses Grant – und wohnen somit neben den zwei reichsten amerikanischen Familien und der Witwe des ehemals mächtigsten Mannes der USA. Das Haus beschreibt Peggy ausführlich und betont, ihr Vater habe es nach seinen Plänen umbauen lassen und eingerichtet. Hier verbringt Peggy prägende Jahre ihrer Kindheit in einer skurrilen Mischung aus repräsentativem Luxus und Jagdtrophäen.

Benjamin und Florette Guggenheims Lebensführung entspricht der äußeren Form nach weitestgehend den Konventionen reicher Familien zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Der Mann ist das Familienoberhaupt, die Ehefrau organisiert das Familienleben, folgt Einladungen und spricht Gegeneinladungen aus, überwacht den Haushalt, das Personal und die Erziehung der Kinder. Peggy erinnert sich an wöchentliche Teegesellschaften ihrer Mutter, „mit den langweiligsten und spießigsten Damen der jüdischen Upperclass“, die auch für die Töchter zwingend sind.

Die Mädchen werden zu Hause unterrichtet und wachsen recht isoliert auf, als Spielkameraden haben sie nur ihre Cousins und Cousinen. Der Alltag folgt strikten Routinen, vor allem das Sozialleben der Frauen und Kinder ist weitestgehend auf den Familienkreis beschränkt. Man trifft sich zu sonntäglichen Mittagessen bei den Großeltern und unter der Woche besucht man sich zu ausgedehnten Abendessen. Die Schriftstellerin Emanie Sachs porträtiert die Welt der jüdisch-deutschen Oberschicht von New York in ihrem Gesellschaftsroman Red Damask als restriktiv, elitär und höchst konventionell, als eine Welt, in der „alle dieselben Seidentapeten haben. Sie haben denselben Zahnarzt, kaufen in denselben Läden ein und gehen in die gleichen Konzerte. Sie denken gleich und handeln gleich und haben eine Todesangst davor, nicht alle dasselbe zu sagen.“25

Auch die jährliche Grand Tour durch Europa gehört zum Standardprogramm, bietet aber sowohl Abwechslung als auch eine kurze Auszeit von den gesellschaftlichen Zwängen. Auf einer der ersten dieser Bildungsreisen besuchen Benjamin und Florette mit Benita und Peggy München und geben ein Porträt ihrer Töchter beim Malerfürsten Franz von Lenbach in Auftrag. So entstehen 1902/03 ein Bildnis von Peggy und ein Doppelporträt mit ihrer Schwester, die Peggy ein Leben lang hütet wie einen Schatz und als die größte Kostbarkeit ihrer Kindheit bezeichnet.

1911 entscheidet sich Benjamin Guggenheim ganz für die Freiheit in Europa und lebt fortan in Paris. Er versucht, sich als Geschäftsmann zu etablieren, und scheint durch Prestigeprojekte, wie den Neubau des Aufzugs im Eiffelturm, auch erfolgreich zu sein, tatsächlich aber mehren sich seine Fehlinvestitionen. Ein Jahr später droht ihm die Pleite. Seine Familie hat er seit acht Monaten nicht mehr gesehen, doch nun kommt ihm Hazels neunter Geburtstag gerade recht. Er kauft eine Schiffspassage nach New York, doch da sich die Abfahrt seines Schiffes verzögert, bucht er fatalerweise eine Kabine auf der Titanic – eine Entscheidung, die ihn das Leben kostet.

Als der Luxusliner den Eisberg rammt und die Passagiere auf Rettungsboote verteilt werden, stehen Benjamin Guggenheim und sein Sekretär Victor Giglio nicht in Schwimmwesten an Deck, sondern im Smoking. Benjamin erklärt dem verwunderten Steward: „Wir haben uns feingemacht und sind bereit, als Gentlemen unterzugehen“26, und bittet ihn, Florette eine Nachricht zu überbringen, im Falle, dass ihm etwas zustoßen sollte: „Dann sagen Sie meiner Frau in New York, dass ich mich bemüht habe, meine Pflicht zu tun.“27 Diese Nachricht erreicht nicht nur Florette, sondern auch die Leser der New YorkTimes, die am 20. April 1912 titelt: GUGGENHEIM, DYING, SENT WIFE MESSAGE.

Pflichterfüllung scheint für Benjamin Guggenheim und seine Brüder wichtig zu sein – und ein dehnbarer Begriff. Benjamin verzichtet auf einen Platz in einem Rettungsboot und hilft gentlemanlike Frauen und Kindern. In einem dieser Rettungsboote sitzt auch seine aktuelle Geliebte, die Sängerin Léontine Pauline Aubart, die unter dem Namen Mrs. Guggenheim reist. Schon aufgrund der Versorgungsvereinbarung für „betreffende Damen“ können Benjamins Brüder ihrer Schwägerin deren Existenz nicht verheimlichen, das finanzielle Desaster, das er hinterlassen hat, verschweigen sie ihr aber so lange wie möglich.

Den Verlust ihres Vaters wird Peggy nie ganz verwinden: „Der Tod meines Vaters hat mich zutiefst getroffen. Es dauerte Monate, um über den Schock der Titanic-Katastrophe hinwegzukommen und Jahre, um den Verlust meines Vaters zu verarbeiten.“ Zudem fühlt sie sich um ihr Erbe betrogen, denn angesichts des enormen Reichtums der Familie empfindet Peggy ihren Status einer „armen Verwandten“ als Demütigung. Gleichzeitig entwickelt sie aber auch ein ambivalentes Verhältnis zu diesem Geld, das ihr ohne eigenes Zutun zugefallen ist. Als die Brüder den Nachlass Benjamin Guggenheims überblicken, alle seine Schulden beglichen und die Finanzen geregelt haben, bleiben der Witwe 800.000 Dollar und jeder Tochter jeweils 450.000 – nach heutigem Kurswert bekommt Peggy also immerhin fast 15 Millionen Dollar in Form eines Aktienpakets.

Armut ist relativ, dennoch sind Einschränkungen nötig. Florette zieht mit ihren Töchtern in eine kleinere Wohnung mit weniger Dienstpersonal und beschließt, dass die Mädchen nicht mehr zu Hause unterrichtet werden. Ab 1914 besucht Peggy die Jacobi School, eine exklusive Privatschule für jüdische Mädchen, und kommt das erste Mal in ihrem Leben mit Gleichaltrigen außerhalb der Familie zusammen. Sie geht auf Tanzbälle und hat ihr Debüt auf dem gesellschaftlichen Parkett. Nach ihrem Abschluss entscheidet sich Peggy gegen ein Studium an der Universität und nimmt stattdessen Privatunterricht in den Fächern Geschichte, Wirtschafts-, Politikwissenschaften und Sprachen – neben Französisch lernt sie nun auch noch Italienisch.

Eine ihrer Lehrerinnen ist Lucile Kohn, eine promovierte Altphilologin und Anhängerin der Arbeiterbewegung. Sie vermittelt Peggy einen anderen Blick auf die Welt und ermahnt sie, dass mit Privilegien und Reichtum eine gesellschaftliche Verantwortung einhergeht und „dass Leute wie die Guggenheims verpflichtet sind, die Welt zu verbessern“. Peggy und Lucile Kohn halten nicht nur über viele Jahre hinweg Kontakt, Peggy unterstützt fortan auch deren Engagement für den American Labor Education Service mit „unzähligen Hundertern für die Sache der Arbeiter“. Durch ihre Lehrerin entdeckt Peggy die Philanthropie und wird nie nur eine Charity Lady sein.

Peggy Guggenheim 1969 in Venedig vor ihrem Kinderporträt von Franz von Lenbach, fotografiert von Stefan Moses.
Madge Jenison 1916 in ihrer Buchhandlung The Sunwise Turn.

Zunächst aber entscheidet sie sich dafür, selbst zu arbeiten. Sie übernimmt wechselnde Jobs als Zahnarzthelferin und als Mitarbeiterin im Büro zur Verteidigung der nationalen Sicherheit während des Ersten Weltkriegs, sehr zum Missfallen ihrer Mutter, die sie lieber standesgemäß verheiraten würde. In dieser Zeit mehren sich auch die Sorgen um Peggys Gesundheit. Anfällig für Krankheiten war sie schon immer, nun zeigen sich aber auch psychische Probleme. 1918 hat Peggy einen Nervenzusammenbruch, den sie in ihren Memoiren romanreif schildert.

„Ich lief durch die Gegend und wälzte all die Probleme von Raskolnikow in meinem Kopf und bemerkte, wie sehr ich diesem Helden aus Dostojewskis Schuld und Sühne ähnelte.“ In ständiger Furcht vor einem Brand sammelt sie zwanghaft Streichhölzer von der Straße auf, auch die abgebrannten, und nachts liegt sie wach im Bett, aus Angst davor, das eine übersehen zu haben, mit dem nun ein Haus angezündet würde. Dabei hätte Peggy für ihre Angst vor brennenden Häusern keine literarische Vorlage gebraucht: Im Sommer nach Benjamin Guggenheims Tod 1912 verbringen Florette und ihre Töchter die Ferien nicht wie üblich in Europa, sondern bei Verwandten in New Jersey und werden Zeugen, wie ein benachbartes Hotel abbrennt. Da das The Dunes Juden den Zutritt verwehrt, steht in Peggys Beschreibung die Schadenfreude im Vordergrund: „Es brannte zu unserer großen Freude ab.“

Laut New York Times hat das Ereignis allerdings dramatische Ausmaße. Das fünfstöckige Hotel brennt nicht nur vollständig ab, es gibt Tote und Verletzte und die vielen Schaulustigen behindern die Löscharbeiten. Vor allem aber setzt der Funkenflug auch mehrere Häuser in der Umgebung in Brand – unter anderem „the home of Mrs. Benjamin Guggenheim“28.

Doch Peggy, von klein auf eine begeisterte Leserin, weiß, was eine gute Story ausmacht. Im Verlauf ihres Lebens beginnt sie sich auch über ihre Belesenheit zu definieren und führt in ihren Memoiren einige repräsentative Autoren an. Ihr literarisches Namedropping umfasst Henrik Ibsen, den Dramatiker und Frauenversteher, der in seinen Theaterstücken gegen die verlogene Moral seiner Zeit und die Selbstgerechtigkeit der Männer anschreibt. Thomas Hardy, den schreibenden Kirchenrestaurator, wie seine Figuren ein tragischer Charakter, der sich gegen soziale Ungerechtigkeiten auflehnt. Anton Pawlowitsch Tschechow, den melancholischen Skeptiker und radikalen Individualisten. Oscar Wilde, den Skandalautor, dilettierenden Dandy und scharfzüngigen Exzentriker. Leo Tolstoi, der bereits zehn Jahre, bevor er beginnt, in Krieg und Frieden