Perry Rhodan Neo 10: Im Licht der Wega - Christian Montillon - E-Book

Perry Rhodan Neo 10: Im Licht der Wega E-Book

Christian Montillon

3,0

Beschreibung

Sommer 2036: Für die Menschheit ist eine neue Ära angebrochen. Perry Rhodan und eine Gruppe von Begleitern starten zum ersten interstellaren Flug der Menschheit. Ihr Ziel: das Wega-System. Dort tobt eine unbarmherzige Schlacht zwischen zwei ungleichen Völkern. Rhodan greift auf Seiten der Schwächeren in den aussichtslosen Kampf ein. Denn der Ausgang der Schlacht entscheidet über die Zukunft der Menschheit ... Auf der Erde herrschen währenddessen Panik und Angst. Fremdartige Außerirdische besetzen den Planeten. Sie haben nur ein Ziel: Beute machen. Rhodans Freund Reginald Bull stellt sich der Gefahr und gerät in einen Hinterhalt.

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Band 10

Im Licht der Wega

von Christian Montillon

Sommer 2036: Für die Menschheit ist eine neue Ära angebrochen. Perry Rhodan und eine Gruppe von Begleitern starten zum ersten interstellaren Flug der Menschheit. Ihr Ziel: das Wega-System.

Dort tobt eine unbarmherzige Schlacht zwischen zwei ungleichen Völkern. Rhodan greift auf Seiten der Schwächeren in den aussichtslosen Kampf ein. Denn der Ausgang der Schlacht entscheidet über die Zukunft der Menschheit ...

Ich bin mir nicht sicher, ob ich jemand bin.

Denn trägt nicht jeder Jemand auch einen Namen? Wenn ich an mir hinabsehe, gibt es jedoch nur Metall und irgendwelche Dinge, die so aussehen, als wären sie menschlich.

Eine recht passable Kopie, das muss ich zugeben, wenn sie sich momentan auch noch in einem erbärmlichen Zustand befindet.

Ich bin mitten in der Wüste zu mir gekommen, in einem Versteck, unter Steinen verborgen. Meine Speichereinheiten sagen, ich wurde einfach weggeworfen.

Die automatischen Reparaturvorrichtungen haben mich danach aktiviert, als sie eine Annäherung meldeten: ein Tier – Rohmaterial, um mich zu perfektionieren. Der Vorgang ist noch nicht abgeschlossen. Ich trage den Kadaver bei mir, wie er zuvor mich trug. Zunächst muss ich ein geeignetes Versteck aufsuchen.

Inzwischen funktioniere ich immerhin so gut, dass ich mich auf den Weg machen kann.

Mein Name ist Rico, und ich habe ein Ziel.

1.

Das Licht der fremden Sonne

Perry Rhodan

Der bodenlose Abgrund verschlang Perry Rhodan.

Das leuchtende Weiß der Sterne war genau wie jegliches andere Licht nur noch eine blasse, ferne Erinnerung. Die Schwärze war das Hier und Jetzt, war alles, war das gesamte Universum.

Rhodans Körper glühte in einem plötzlichen Schmerz, und flammende Funken tanzten vor seinen Augen. Diesen Phantomlichtern folgte echte Helligkeit. Das Leben kehrte zurück, der Abgrund stieß sie aus. Die GOOD HOPE beendete ihren Überlichtflug.

Für Thora stellte all dies Routine dar, für alle anderen an Bord ein überwältigendes Erlebnis. Und ein überwältigender Schmerz, der jedoch ebenso plötzlich abebbte, wie er gekommen war. Die irrealen Flammen vor Rhodans Augen verschwanden mit einem letzten Flackern. Die Zentrale des arkonidischen Beiboots, das er selbst auf den Namen GOOD HOPE getauft hatte, schälte sich wieder in die Wirklichkeit.

Er atmete tief durch, bemerkte, dass ihm etwas Speichel aus dem Mundwinkel floss, und wischte ihn mit einer beiläufigen Handbewegung weg. Mühsam kehrte er auch gedanklich in die Realität zurück.

Während der Schmerz nachließ, schaute er sich nach seinen Begleitern um, die ihn auf diesem Flug ins Unbekannte begleiteten. Neun Gefährten, die in der Fremde des Alls aufeinander angewiesen waren, die eng zusammenarbeiten und einander blind vertrauen mussten, wenn sie überleben wollten. Neun Menschen – falls man Thora als einen Menschen bezeichnen konnte.

Eigentlich eine Arkonidin, stand sie ihm zugleich unendlich nah und fern. War sie als intelligentes, ähnlich denkendes Wesen nicht genauso Mensch wie er selbst? Rhodan wusste es nicht, und es blieb ihm auch keine Zeit, darüber nachzudenken. Es war nur eine von tausend fast philosophischen Fragen, die die neue Ära aufwarf. Die Menschheit und mit ihr jeder einzelne Terraner würden ihr Selbstverständnis völlig neu überdenken müssen.

»Ich sehe Sie alle leiden«, hörte er Thoras Stimme. »Es ist normal beim Wiedereintritt in das Standarduniversum. Eine Folge des Sprungs an einen viele Lichtjahre weit entfernten Ort.«

»Transitionsschmerz«, presste Rhodan heraus. Crest hatte ihm bereits in Terrania davon berichtet; es im Vergleich dazu selbst zu erleben war der Unterschied zwischen der gekritzelten Zeichnung eines Kleinkindes und dem Meisterwerk eines begnadeten Künstlers.

Viel wichtiger war ohnehin das übergroße Hologramm, das vor Thora in der Luft schwebte. Es zeigte im Zentrum eine lodernde blauweiße, riesige Sonne. Die Wega ...

Rhodan starrte das dreidimensionale Abbild an. Ein fremdes Sonnensystem mit Welten, die von seiner Heimat viel zu weit entfernt waren, um sie dermaßen klar und deutlich zu beobachten – zu bestaunen. Zwar hatte man mit irdischer Technologie schon vor Jahren die Existenz von Planeten im Wegasystem nachgewiesen, aber das hier übertraf Rhodans kühnste Träume. Lichtjahreweit von der Heimat entfernt und offenbar von fremden Intelligenzen bewohnt – und zum Greifen nah.

Die gigantische Riesensonne Wega stand im Mittelpunkt des Sternensystems. Noch blieben einige Bereiche des Hologramms unscharf, wie verschwommen. Thora betonte, dass die Ortersysteme ständig neue Daten sammelten, um das Abbild zu perfektionieren. »Normalerweise würde es viel schneller gehen, nur leider ist die GOOD HOPE nicht gerade in einem guten Zustand.«

Trotz dieser Einschränkungen verschlug es Rhodan den Atem, als er die schiere Unzahl von Planeten sah, die um die Sonne kreisten; ganz zu schweigen von der Masse an Monden, die wiederum ihre Bahn um die einzelnen Welten zogen. Mal gab es keinen Trabanten, mal einen einzigen, wie man es von Terra gewohnt war ... dann wieder drei, fünf oder scheinbar gleich ein ganzes Dutzend. Er starrte die holografische Wiedergabe an, und nun, da er sich darauf konzentrieren konnte, fand kein anderer Gedanke mehr Raum.

Die irdische Wissenschaft wusste einiges über Wega; seit Jahrzehnten war Wega das, was man als gut erforscht bezeichnete. Doch nun in unmittelbarer kosmischer Nähe zu stehen, änderte alles. Als Astronaut kannte Rhodan viele Daten über diesen Stern, wusste, dass er größer und weitaus heller war als die heimatliche Sonne – aber hier zu sein war etwas völlig anderes. Ein überwältigendes Gefühl. Er brannte darauf, nicht nur ein Hologramm zu sehen, sondern einen direkten Blick auf den Stern und einige seiner Planeten zu werfen.

»Verwirrt?«, fragte Thora. »Nicht alle Sonnensysteme sind so überschaubar und behaglich wie das Ihrige.« Sie selbst schien allerdings ebenfalls von einer gewissen Ehrfurcht ergriffen zu sein. Nach wie vor umgaben sie die leuchtenden, virtuellen Steuerflächen, genau wie vor ihrem Aufbruch.

Mithilfe dieser holografischen Elemente hatte Thora die GOOD HOPE von Terra aus bis zu dem Transitionssprung ebenso virtuos wie gelassen gesteuert. Nicht anders, als spiele sie zu ihrem Vergnügen ein Instrument – mehr noch, als beherrsche sie ein gesamtes, perfekt harmonisches Orchester mit tausend Handbewegungen gleichzeitig. Der anschließende Transitionsschmerz hatte die Arkonidin nicht einmal zum Wanken gebracht, soweit Rhodan es mitbekommen hatte.

Die holografischen Schaltflächen leuchteten noch immer in Hüfthöhe rund um sie, doch sie musste sie nicht mehr bedienen. Die GOOD HOPE hatte ihre Reise vorerst beendet. Das Beiboot trieb im Leerraum des fremden Sonnensystems.

Ein Sprung über viele Lichtjahre lag hinter ihnen; eine Entfernung, die Rhodans Vorstellungsvermögen sprengte. Er konnte zwar mit den Zahlen jonglieren, Distanzen zueinander in Bezug setzen, aber er begriff es nicht. Seine Imagination kapitulierte notgedrungen. Ein Leben lang war der Abstand der Erde zum Mond das gewesen, was man mit dem Einsatz sämtlicher Mittel und unter größter Lebensgefahr maximal überbrücken konnte. Nun schrumpfte diese Strecke im Verhältnis zu weniger als dem ersten tapsigen Schritt eines Kleinkindes zusammen.

Thora wandte den Blick vom Hologramm des Wega-Systems ab, legte den Kopf in den Nacken, blickte kurz zur Decke der Zentrale, die sich über ihr wölbte, und schloss die Augen. Das weiße Haar streichelte ihre Schultern, fiel über den Rücken. Sie atmete aus, straffte ihre Haltung und schien über etwas nachzudenken. Oder versuchte sie ihre Gefühle unter Kontrolle zu bringen? Nur worüber erregte sie sich so sehr? Ein Lichtschein spielte auf ihrem Kinn.

»Was wissen wir bereits über das System?«, fragte Rhodan.

Sie antwortete, ohne die Augen zu öffnen. »Die Ortersysteme liefern laufend neue Ergebnisse, die das Echtbild-Hologramm zur Perfektionierung nutzt. Alle grundlegenden Vorsichtsmaßnahmen habe ich sofort nach unserer Ankunft ergriffen. Es gibt keine Schiffe in unmittelbarer Reichweite, was nach einem Notruf alles andere als selbstverständlich ist. Wir könnten ebenso gut inzwischen mitten in einer Raumschlacht stecken und angegriffen werden. Oder längst alle in unsere Atome zerblasen worden sein.«

Rhodan nickte, während er seinen Blick nicht von der blauweißen Sonne inmitten des Hologramms wenden konnte. »Ich danke Ihnen, Thora. Ihre Hilfe ist unverzichtbar. Ich gebe mich nicht der Illusion hin, dass einer von uns auch nur ansatzweise so gut mit der Steuerung der GOOD HOPE umgehen kann wie Sie.«

Nun sah sie ihn aus ihren roten Augen direkt an. »Sie sollten Ihre Schwäche nicht allzu sehr betonen.«

»Unter Freunden sehe ich keinen Grund, die Wahrheit nicht auszusprechen. Hier, mitten im All, sind wir aufeinander angewiesen. Sie vielleicht in Kürze ebenso auf uns.«

Ihr kühles, hellhäutiges Gesicht blieb zunächst ausdruckslos, bis die roten Augen vor Erregung zu tränen begannen. »Es wäre nicht das erste Mal.«

Rhodan lächelte. Sie wuchsen zu einer Einheit zusammen. Sie alle. Doch nun drängte es ihn, mehr über die Wunder dieses fremden Sonnensystems zu erfahren.

Allerdings riss ihn etwas aus der staunenden Faszination: Tako Kakuta schrie auf. Der gequälte Laut ging in ein Gurgeln über. Der japanische Teleporter-Mutant griff sich an den Hals. Das Gesicht lief blau an, er wankte, die Arme ruderten hilflos in der Luft. Er suchte nach einem Halt, den er jedoch nirgends fand.

Im nächsten Augenblick sackte er in sich zusammen. Der Kopf prallte auf die Füße der Telekinetin Anne Sloane, die noch versucht hatte, ihn zu stützen. Die Zähne schlugen krachend aufeinander.

Als Rhodan sich neben ihm bückte, bildete sich eine kleine rote Blase vor den Lippen des Japaners. Der Mund öffnete sich. Ein einzelner, dunkler Blutstropfen perlte auf der Zunge, die nach hinten in den Rachen rutschte. Tako Kakuta würgte, und die Augen verdrehten sich.

In seinem Zustand drohte ihm die Gefahr, daran zu ersticken. Vorsichtig überstreckte Rhodan Kakutas Kopf, doch es half nichts. Die Zunge blieb zu weit im Rachen und verstopfte die Luftröhre. Der japanische Teleporter versuchte zu atmen, schnappte nach Luft, doch es gelang ihm nicht. Ein gurgelndes Geräusch drang aus seinem Mund, Arme und Beine zuckten krampfhaft. Die Pupillen waren nicht mehr zu sehen, nur noch der Rand der Iriden und viel zu viel von dem Weiß, durch das sich kleine, blutig rote Adern verästelten.

Ohne zu zögern, umklammerte Perry Rhodan Kakutas Kiefer, presste Daumen, Zeige- und Mittelfinger auf die Gelenke und drückte den Mund auf. Der Kopf bebte in seinem Griff, zuckte krampfhaft hin und her.

»Ruhig, Tako, ich helfe dir.« Er wusste nicht, ob der Japaner ihn hörte. Rasch packte er zu, fasste Kakutas Zunge, zog sie nach vorne. Mit Blut vermischter Speichel klebte zwischen seinen Fingern.

Der Teleporter gurgelte. Die Kiefer entwickelten erstaunliche Kraft, als sie im Reflex zuschnappten. Rhodan vermochte sie mit der freien Hand nicht zu halten, es gelang ihm auch nicht, die Hand rechtzeitig vollständig zurückzuziehen. Schmerzhaft bohrten sich die Zähne des Japaners in seinen Daumen.

Jemand packte plötzlich Kakutas Kopf. Ras Tschubai zog die Kiefer auseinander, Rhodan konnte seine Finger befreien. Pochender Schmerz jagte durch die ganze Hand. Der kurze Krampfanfall des Teleporters endete, der Körper streckte sich und blieb reglos liegen.

»Ohnmächtig«, erklärte Tschubai, ohne ein weiteres Wort über den Vorfall zu verlieren, »aber er atmet. Keine akute Gefahr.«

»Sicher?«

»Ich bin kein Arzt und habe noch nie einen Überlichtflug mit einem arkonidischen Beibootraumer hinter mich gebracht ...«, Tschubai kicherte ohne einen Funken Amüsement, »... aber ja, ich bin mir ziemlich sicher.«

Rhodan unterdrückte das Zittern seiner verletzten Hand. Kleine Fleischwunden, nicht mehr. Er konnte die Finger bewegen. »Danke!«

Der Sudanese lachte, diesmal klang es echt und aufrichtig. Die tiefschwarze Gesichtshaut rund um den Mund legte sich in Falten. Ein Schweißtropfen glitzerte am Ansatz seines kurz geschorenen Kraushaares. »Keine Ursache. Wenn Anne ihre telekinetischen Fähigkeiten weiter perfektioniert, kann sie einen Mann, der an seiner Zunge zu ersticken droht, vielleicht mit reiner Geisteskraft retten, ohne mit den Händen zuzugreifen. Bis dahin müssen wir auf die guten alten Methoden zurückgreifen.«

»Du hast eine völlig falsche Vorstellung von Telekinese«, erwiderte Anne Sloane. Dann stutzte sie und verschränkte die Arme vor der Brust. »Oder – vielleicht hast du sogar recht. Ich muss meine Fähigkeit perfektionieren, um sie noch besser lenken zu können!« Sie klang voller Tatendrang. So hatte Rhodan sie kennen gelernt, ausgelassen, spontan, fast etwas überdreht, als wolle sie damit das Unfassbare überspielen, das die telekinetische Gabe ihrem Leben verlieh. In ihr lag ein großes Potenzial verborgen, und sie besaß den starken Willen, den eisernen Charakter, den sie benötigte, um es freizulegen.

»Es geht ihm also gut, ja?« Mitleid lag in Thoras Stimme, eine Empfindung, die Rhodan noch vor Kurzem bei ihr für unmöglich gehalten hatte. Ihr Verhältnis zu Tako Kakuta war ohnehin ein besonderes: Der Teleporter hatte ihr das Leben gerettet, als sie im abgestürzten Arkonidenschiff nach dem Kampf mit Clifford Monterny zu verbrennen drohte. »Ich kenne derlei Symptome bei Transitionssprüngen. Jeder geht mit dem Schmerz anders um. Ihn hat es extrem hart getroffen.«

»Aber er wird es überstehen«, betonte Ras Tschubai noch einmal.

»Dann kümmern wir uns jetzt um die aktuellen Informationen über dieses Sonnensystem«, sagte Thora. Mit einem Mal war sie wieder viel distanzierter, erinnerte an die unerreichbare, über allem thronende Schiffskommandantin, als die Rhodan sie zuerst auf dem Mond kennen gelernt hatte.

»Man muss Prioritäten setzen«, sagte er.

Sie schaute ihm direkt in die Augen. »Wie wahr.« Sie lächelte auf ihre eigene, undurchschaubare Art; kühl und schön wie die perfekt harmonische Statue einer altgriechischen Göttin. Das schlohweiße Haar verstärkte die distanzierte Ausstrahlung noch.

Die Zentrale des arkonidischen Beibootes bot keine direkte Sichtmöglichkeit ins All. Einige Dutzend Meter und etliche Wände aus Arkonstahl, vor allem in der äußeren Kugelschale, lagen zwischen ihnen und dem Weltraum. Das Hologramm vor Thora bot allerdings einen mehr als guten Ersatz: eine inzwischen perfekte, dreidimensionale Aufnahme ihrer kosmischen Umgebung.

Ras Tschubai trat einen Schritt vor und streckte die Hand aus. Die Fingerspitzen verharrten kurz vor den äußeren Grenzen des Hologramms, in dem sich die Planeten und Monde unablässig bewegten. Nur die Sonne stand als glühender, fast faustgroßer – und in Wirklichkeit zweifellos gigantischer – Flammenball unbeweglich im Zentrum. Die schwarzen Finger des Sudanesen ragten in das Sonnenabbild. Sie zitterten, ehe sie sich zu einer Faust ballten. Der Teleporter-Mutant konnte seine Erregung kaum verbergen. »Wie viele Welten sind es?«

»42 Planeten«, erklärte die Arkonidin. »Die Zahl der Monde spielt keine Rolle.«

»Für Sie vielleicht nicht. Sie haben schon alles gesehen. Ich jedoch ...« Tschubai brach ab. Offenbar hatte er keinerlei Lust, mit Thora darüber zu diskutieren, ebenso wenig wie Rhodan. Der Augenblick zählte, der Moment, als Mensch des Planeten Erde unendlich viel tiefer ins All vorgedrungen zu sein als jeder andere vor ihnen. Bis in ein fremdes Weltensystem, das eigenes Leben hervorgebracht hatte.

»Das ist wohl leicht übertrieben, Mister Tschubai. Ich habe bei Weitem nicht alles gesehen. Diese große Ansammlung von Planeten beeindruckt mich ebenfalls – vielleicht genauso sehr wie Sie, wenn auch auf eine andere Weise. Viele dieser Welten tragen Leben. Allein das gebietet mir Ehrfurcht.« Die Arkonidin veränderte die Bildwiedergabe, indem sie die Wega-Sonne näher heranzoomte. Weltenkugeln wuchsen, rasten zu den Begrenzungen des Hologramms und verschwanden. »Lassen Sie mich Ihnen allen etwas zeigen.«

Thora

Thora war tatsächlich beeindruckt. Sie fragte sich, ob sie in diesem Planetensystem den Hinweis finden würde, den sie suchte. Genau wie Crest. Schon so lange.

Inzwischen zeigte das dreidimensionale Abbild nur noch das zentrale Gestirn und exakt neun Planeten auf den jeweiligen Abschnitten ihrer Bahn rundum. »Es geht mir um die Positionen sieben bis neun.« Thora verlieh ihrer Stimme eine lehrerhafte Neutralität. »Den Orterergebnissen zufolge gibt es noch mehrere Himmelskörper in diesem System, die besiedelt zu sein scheinen, aber diese drei Welten weisen die größte Bevölkerungsdichte auf. Sie alle tragen eine Sauerstoffatmosphäre, die der Erde extrem ähnlich ist. Dieses Volk kann also genau wie die Menschheit und die Arkoniden auf demselben Planeten ungeschützt überleben.«

Sie sah in die Runde. Wie nicht anders erwartet, versammelten sich inzwischen alle an Bord rund um das Hologramm und schauten es mit großen Augen an. Thora schätzte ihre Gefühle als eine Mischung zwischen Begeisterung und Ehrfurcht ein. Etwas, das vielen Arkoniden, wenn nicht sogar fast allen, verloren gegangen war. Thora war erleichtert darüber, dass sie selbst sich in einem Wandel befand, dass sich ihr Blick wieder weitete.

Nur einer fehlte selbstverständlich in dem Reigen der Terraner – der noch immer ohnmächtige Japaner Tako Kakuta. Er besaß offenbar eine schwache Konstitution, wenn er bereits auf einen so kurzen Transitionssprung derart extrem reagierte. Vielleicht spielten bislang unbekannte Komponenten mit hinein; der Umgang mit Mutanten war auch für Thora etwas Neues. Sie hoffte, dass Kakuta sich bald einsatzbereit zeigen würde. Er war unverzichtbar für diesen Flug, den Rhodan lediglich für eine Rettungsmission aufgrund eines Notrufes hielt.

Thora hatte sich die Namen all ihrer Begleiter genau eingeprägt. Nach ihren bitteren Erfahrungen mit der lethargischen Besatzung ihrer AETRON war es ein Genuss, mit diesen Menschen voller Tatendrang zusammenzuarbeiten. Vor Kurzem hätte sie es noch für unmöglich gehalten, je zu einer solchen Einschätzung zu gelangen.

Am linken Rand des Hologramms stand Rod Nyssen, gefolgt von Conrad Deringhouse, Darja Morosowa, Alexander Baturin, Ras Tschubai, Anne Sloane und Wuriu Sengu. Einschließlich Rhodan waren immerhin fünf von ihnen Astronauten, zumindest ihrem Verständnis nach. Echte Weltraumfahrt sah jedoch völlig anders aus als die kurzen Vorstöße ins All bis zum Trabanten ihres Planeten, die die Menschen der Erde bislang vollbracht hatten. Auf sie alle, sollten sie lange genug überleben, warteten noch eine Menge Überraschungen.

Gerade die nicht weltraumerfahrenen Mutanten konnten besonders wertvolle Helfer sein. Seien es nun die Teleporter Tschubai und Kakuta, die Telekinetin Anne Sloane oder Wuriu Sengu, der so genannte Späher, der durch feste Materie zu blicken vermochte, als wäre sie nicht vorhanden.

Ein interessanter Zufall, dass gerade in diesen Tagen auf der Erde so viele Männer und Frauen mit besonderen Fähigkeiten auftauchten. Wenn man es denn einen Zufall nennen wollte, zumal die Heimatwelt dieser Menschen ausgerechnet so nahe am Wega-System lag. Thora war sich allerdings noch nicht sicher, ob ...

Sie riss sich aus den Gedanken. Es gab in diesen Minuten leider Wichtigeres. Alles der Reihe nach. Wie hatte Rhodan es genannt? Man muss Prioritäten setzen.

»Mit einiger Wahrscheinlichkeit«, fuhr sie fort, »stammte der Notruf, der uns hierher geführt hat, von einer dieser Welten auf den Positionen sieben bis neun. Zur allgemeinen Erinnerung spiele ich noch einmal eine Aufzeichnung der Worte vor.«

Es kostete nur eine kurze Schaltung, und die Worte, die wohl ohnehin alle an Bord auswendig zitieren konnten, erklangen erneut.

Echsen haben uns gefunden. Sie werden das System überrennen! Dunkelheit verdrängt das Licht! Du lebst länger als die Sonne, heißt es. Eile herbei! Kerlon.

»Zum nächsten Punkt«, sagte sie, als der Notruf verklang. »Niemand von uns weiß etwas über dieses Sonnensystem, das Sie Wega nennen. Weder Crest noch ich kannten es, und in unseren wenigen verbliebenen Positroniken ließen sich ebenfalls keine Aufzeichnungen darüber finden. Der Ursprung der Hyperfunksendung wurde allerdings korrekt zugeordnet, er stammt zweifelsohne aus diesem System. Auch wenn alles friedlich wirkt.«

»Lassen wir uns von dem Schein nicht trügen«, sagte die russische Kosmonautin Darja Morosowa. »Diese Echsen, von denen in Kerlons Botschaft die Rede ist. Wer ist damit gemeint?«

Selbstverständlich hatte Thora längst eine Theorie entwickelt, doch diese wollte sie nicht zum Besten geben, solange es keine Beweise dafür gab. »Wie ich bereits erwähnte, ist mir dieses System ebenso unbekannt wie Ihnen. Die blumige Sprache von Dunkelheit, die das Licht verdrängt, mutet außerdem verwirrend an.«

»Genau wie der Hinweis, dass etwas – oder jemand – länger lebt als die Sonne«, ergänzte Rhodan. »Vielleicht sollten wir versuchen, diesen Kerlon ausfindig zu machen, der den Notruf absandte.«

Länger leben als die Sonne ... Thora sah auf eine der virtuellen Schaltflächen, die sie als Bildschirm nutzte, auf dem die Positronik des Schiffs unablässig die einkommenden Orterergebnisse auswertete. »Den Möglichkeiten der GOOD HOPE sind leider Grenzen gesetzt, und mit Ihrem Wunsch verlangen Sie, diese Grenzen zu überschreiten. Wir dürfen Technologie nicht mit Magie verwechseln.«

»Das habe ich gewiss nicht vor. Es geht mir lediglich darum, den exakten Ursprungsort des Notrufs ...«

»Moment«, unterbrach Thora. »Die Schiffssysteme haben einen Datenstrom aufgefangen, der mit einer Bildinformation unterlegt ist. Die Entschlüsselung und Übertragung läuft. Mit etwas Glück können wir gleich einen Bewohner dieses Sonnensystems sehen.«

Wäre die GOOD HOPE kein halbes Wrack gewesen, stünde die Bildwiedergabe längst zur Verfügung. Dennoch war das teilzerstörte arkonidische Beiboot immer noch vielen überlichtfähigen Raumschiffen anderer Völker überlegen. Dass die Bewohner dieses Sonnensystems etwas Gleichwertiges aufweisen konnten, wagte Thora zu bezweifeln. Diesen Nachteil würden sie allerdings im Zweifelsfall durch schiere Masse leicht wettmachen, und für die GOOD HOPE gab es nun einmal keinen Nachschub, keine weiteren Einheiten, um sie zu unterstützen. Also galt es, extreme Vorsicht walten zu lassen, solange nicht feststand, was es mit dem etwas exzentrisch formulierten Notruf auf sich hatte.

Noch ehe die Entschlüsselung eine holografische Bilddatei lieferte, erbebte die Zentrale. Ein Stoß durchlief die GOOD HOPE, den die Absorber nicht neutralisieren konnten. Metall ächzte, schriller Lärm hallte durch den Raum.

Thora spannte sich an und fing den Ruck ab; Rhodan gelang es ebenfalls. Rod Nyssen stürzte, und Anne Sloane stieß einen kurzen Schrei aus. Die anderen nahm Thora nicht wahr. Mit einem tausendfach geübten, routinierten Handgriff gab sie automatisch Befehle in die leuchtenden Schaltflächen ein. Sie musste dazu noch nicht einmal den Blick senken.

Das Hologramm der inneren Planeten erlosch. Ein letzter Lichtpunkt irisierte und verwehte. Stattdessen baute sich ein anderes Bild auf, schematisch und stilisiert; eines, das nicht mehr darauf abzielte, durch optische Details Eindruck zu schinden, sondern das nüchterne, effektive Informationen lieferte.

2.

Eine Spindel in der Wüste

Sid González

Der ehemals dicke Junge schwitzte in der Hitze der Wüste Gobi. Er produzierte schon immer viel zu viel Schweiß und stank dann wie fauliger Seetang; so hatten es die anderen Straßenjungen zumindest bezeichnet. Inzwischen war er dürr und am Ende seiner Kräfte, weil seine Teleportergabe ihn auszehrte – aber das Schwitzen war nicht verschwunden.

Mist.

Es gehörte zu den Sachen, die er an sich überhaupt nicht mochte. Die Liste war auch sonst nicht gerade kurz, obwohl er sich hütete, mit jemandem darüber zu reden. Was Sid González von Sid González hielt, ging nur ihn selbst etwas an.

»Ich wollte schon immer Außerirdische sehen«, sagte er, »und die Arkoniden sind ja auch klasse. Na ja, manche davon. Darum bin ich auf diese Fantasy-Leute erst recht gespannt.« Das konnte er tatsächlich kaum abwarten.

»Fantan-Leute«, verbesserte Sue, die zierliche, kleine, verstümmelte Sue Mirafiore mit nur einem Arm. Sid sah ihr an, dass sie am liebsten gerannt wäre, um schneller voranzukommen, doch Reginald Bull hatte ihnen eingetrichtert, einen ruhigen und gelassenen Eindruck zu erwecken. Und das hieß vor allem, auf keinen Fall zu rennen. »Fantan«, wiederholte sie. »Nicht Fantasy, kapierst du das?«

Sid tippte sich an die Stirn. »Ist klar. Kann mir eben auch nicht jedes dämliche Detail sofort merken, was der alte Crest so von sich gibt. Was hat er denn erzählt über diese ... äh ...«

»Fantan«, sagte Sue so langsam, als würde sie zu einem kleinen Kind sprechen. Dabei hob sich ihr Armstumpf, was an ihrem T-Shirt im Schulterbereich seltsam aussah. Der Stoff beulte sich aus.

Sieht aus, als krabble darunter eine riesige Spinne, dachte Sid. Er zog die Nase hoch. Er war müde und schlecht gelaunt. Trotzdem mochte er Spinnen. Wenn ich kein Teleporter wäre, hätte mich Reginald Bull garantiert nicht für diese Erstkontakt-Mission ausgewählt. Ich würde zwar eine Menge verpassen, aber ich könnte auch gemütlich auf irgendeiner Couch in Terrania herumliegen und ein Nickerchen halten. Doch gedanklich vor sich hin zu jammern, half ihm bestimmt nicht weiter. »Also, was hat Crest über diese Leute gesagt?«

»So gut wie nichts«, mischte sich Reginald Bull zum ersten Mal in das Gespräch ein. »Das ist das Problem. Unsere Informationen sind sehr spärlich. Der alte Arkonide hat das Spindelraumschiff gesehen, als es neben Terrania zur Landung ansetzte, und gemeint, dass es wahrscheinlich den Fantan gehört. Das war's schon.«

»Super.« Sid gab einen knurrenden Laut von sich. »Das hätte ich auch noch hinbekommen. Mal schnell einen Namen erfunden. Passt auf.« Er verstellte die Stimme. »In dem Schiff sitzen möglicherweise die Jeroen-Leute. Das ist rasch gesagt. Und wenn es später doch nicht stimmt, hat man ja keinen Fehler gemacht.«

»Was soll das, Sid?« Sue klang aggressiv wie eine angreifende Klapperschlange. »So hat Crest das bestimmt nicht gemeint.«

Er wusste selbst nicht, was mit ihm los war. Vielleicht war es die Müdigkeit oder dieses Gefühl, dass ihm diese ganze Sache über den Kopf wuchs. Die Angst. Sein Leben. Es war alles so schnell gegangen. Wo war sie hin, die Zeit, als er noch ein Straßenjunge gewesen war, ein Niemand, nach dem sich keiner umdrehte und der tun und lassen konnte, was immer er wollte?

Inzwischen galt er – bei aller Bescheidenheit – als einer der wichtigsten Leute auf der Erde. Ein Teleporter. Einer, den man auswählte, wenn es darum ging, den Erstkontakt zu einem fremden Sternenvolk herzustellen, das soeben mit einem äußerst seltsam aussehenden, verdammt riesigen Raumer einfach so, ohne Vorankündigung, direkt neben dem entstehenden Terrania gelandet war. Der neuen, geplanten Hauptstadt der friedlich vereinten Erde, wenn es nach Rhodan und den anderen Träumern ging, zu denen er selbst gehörte.

Das Schiff dieser Fantan-Leute – Sid hatte sich bewusst so schnoddrig gegeben, als hätte er den Namen vergessen – sah aus, als wäre ein geisteskranker Ingenieur und Raumschiffsdesigner auf die Idee gekommen, zwei halbe Torpedos mit den Spitzen aneinanderzumontieren. Oder, um Reginald Bulls nüchterne Beschreibung zu benutzen, es besaß die Form einer Spindel. Damit allerdings konnte Sid nichts anfangen. Er hatte nie zuvor eine Spindel gesehen. Und wahrscheinlich hatte noch nie irgendein Mensch auf diesem Planeten auf eine Spindel gestiert, die derart riesig in den Himmel ragte.