Perry Rhodan Neo 71: Die Kriegswelt - Christian Montillon - E-Book + Hörbuch

Perry Rhodan Neo 71: Die Kriegswelt E-Book und Hörbuch

Christian Montillon

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Beschreibung

Als der Astronaut Perry Rhodan im Juni 2036 zum Mond aufbricht, ahnt er nicht, dass sein Flug die Geschicke der Menschheit in neue Bahnen lenken wird. Rhodan stößt auf ein Raumschiff der technisch weit überlegenen Arkoniden. Es gelingt ihm, die Freundschaft der Gestrandeten zu gewinnen - und schließlich die Menschheit in einem einzigen, freiheitlichen Staat zu einen: der Terranischen Union. Perry Rhodan hat das Tor zu den Sternen geöffnet. Doch die neuen Möglichkeiten bergen neue Gefahren: Als er erfährt, dass die Position der Erde im Epetran-Archiv auf Arkon gespeichert ist, bricht er unverzüglich auf. Er muss die Koordinaten löschen, bevor sie in die falschen Hände geraten und die Macht des Großen Imperiums die Erde zerschmettert. Im August 2037 scheint Rhodans Mission nahezu erfüllt. Elf von zwölf Trägern der Erdkoordinaten sind gefunden. Doch der zwölfte ist gefangen - und er befindet sich in der Gewalt von Sergh da Teffron, jenem Mann, der die Menschheit hasst und am liebsten vernichten würde ...

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Band 71

Die Kriegswelt

von Christian Montillon

Als der Astronaut Perry Rhodan im Juni 2036 zum Mond aufbricht, ahnt er nicht, dass sein Flug die Geschicke der Menschheit in neue Bahnen lenken wird.

Rhodan stößt auf ein Raumschiff der technisch weit überlegenen Arkoniden. Es gelingt ihm, die Freundschaft der Gestrandeten zu gewinnen – und schließlich die Menschheit in einem einzigen, freiheitlichen Staat zu einen: der Terranischen Union.

Perry Rhodan hat das Tor zu den Sternen geöffnet. Doch die neuen Möglichkeiten bergen neue Gefahren: Als er erfährt, dass die Position der Erde im Epetran-Archiv auf Arkon gespeichert ist, bricht er unverzüglich auf. Er muss die Koordinaten löschen, bevor sie in die falschen Hände geraten und die Macht des Großen Imperiums die Erde zerschmettert.

Im August 2037 scheint Rhodans Mission nahezu erfüllt. Elf von zwölf Trägern der Erdkoordinaten sind gefunden. Doch der zwölfte ist gefangen – und er befindet sich in der Gewalt von Sergh da Teffron, jenem Mann, der die Menschheit hasst und am liebsten vernichten würde ...

Ein anderer Ort, eine andere Zeit:

Vom Nutzen der Angst

»Ich habe Angst.«

Sein Lachen, leicht wie ein Flügelschlag, schwebt durch den Korridor des Raumschiffes. »Gut.«

»Das findest du gut?«

»Es ist ... richtig. Vielleicht wirst du überleben, wenn deine Angst dich beschützt.«

»Nur vielleicht?«

»Mehr kann ich dir nicht bieten, Kannaleia. Oder soll ich dich anlügen?«

Nun ist sie es, die lacht: ein Laut voller Trauer und Schwermut. Ganz untypisch für sie. Ihre Augen sind weit geöffnet. Ein Anflug von Panik flackert darin, und das wiederum ist gar nicht gut. »Danke, dass du ehrlich zu mir bist«, sagt sie. In ihr fingerlanges weißes Haar hat sie leuchtend orangefarbene Strähnen gefärbt. Als der Alarm losheult und den Korridor in rotes Licht taucht, sieht es fast aus, als stünde ihr Kopf in Flammen.

Hoffentlich, denkt er, wird es nicht tatsächlich so enden. Oh ihr Sternengötter, lasst sie nicht wirklich brennen!

Denn der Alarm kann in ihrer Situation nur eins bedeuten: Sie sind geentert worden. Aus der Ferne tönen Schreie und der zischende Lärm von Strahlerschüssen. Er hebt die Waffe. »Bist du bereit?«

1.

Es ist nur in deinem Kopf

9. August 2037

Tinnal Nyem

»Ich habe mein Kind angelogen«, sagte Tinnal Nyem. Die Frau neben ihm war schön, aber das war nicht der Grund, weshalb er sie ansprach. Dank seiner Nervosität hätte er mit jedem geredet, um sich abzulenken.

»So?« Ihre Stimme war weich und sanft, aber sie klang nicht im Geringsten interessiert. Wahrscheinlich fragte sie sich, warum sie sich mit den Sorgen ihres zufälligen Sitznachbarn beschäftigen sollte, den sie vor diesem Flug nach Iprasa noch nie gesehen hatte.

Tinnal schaute auf seine Hände, auf die ungepflegten und zu langen Nägel. Er schob die Finger zwischen seine Knie. »Ich habe gelogen, als ich meinem Jungen erklärte, dass es keine Monster gibt.«

Nun drehte sie sich zu ihm um. Ihr weißes Haar fiel wild und ungebändigt wie ein Wasserfall über die Schultern. Ihre Augen waren rot wie die Glut eines uralten Feuers. »Monster?« Sie lachte nicht, und das Wort trug keinen Spott in sich.

»Es gibt sie«, sagte Tinnal Nyem mit derselben Gewissheit, als würde er darüber sprechen, dass der Ruhm des Großen Imperiums unvergänglich sei. Wobei er dies in letzter Zeit sogar bezweifelte, obwohl es nicht ratsam war, das laut auszusprechen. »Nur haben die wahren Monster weder Klauen noch Reißzähne.«

»Da muss ich Ihnen widersprechen.« Seine Sitznachbarin lächelte. Im selben Moment flammte im Passagierraumer KET'AKTOR ein Holosymbol auf: Das Schiff setzte soeben zur Landung auf Iprasa an. »Die Vielfalt des Lebens im Kosmos hat ...«

Es tat ihm in der Seele weh, sie zu unterbrechen; er tat es trotzdem. »Das meinte ich nicht. Sie sprechen von Raubtieren. Ich rede von Monstern.«

»Oh, es gibt durchaus intelligente Lebewesen, die optisch an irgendwelche Ungeheuer erinnern und ...«

Fast hätte er sie wieder unterbrochen, aber diesmal beherrschte er sich und ließ sie ausreden.

»... diese Merkmale aufweisen. Die unendliche Zahl der Sterne hat eine ebenso unendliche Zahl von Intelligenzwesen hervorgebracht. Nicht alle ähneln auch nur im Entferntesten einem Arkoniden. Wir sind nicht das Maß der Dinge, obwohl wir uns manchmal dafür halten. Ein wenig Toleranz täte uns allen gut, finden Sie nicht?«

Tinnal glaubte, im Passagierraum ein leises Fauchen zu hören, doch vielleicht bildete er es sich nur ein. Sonst spürte er nichts vom Landeanflug. Die Andruckabsorber funktionierten perfekt.

Das Holo unter der Decke zeigte nun den Zielplaneten, der immer größer wurde und den er bald nicht mehr komplett wahrnehmen konnte. Der gebogene Horizont leuchtete an einigen Orten – dort glühte die Welt aus Feuer und Eis, der Planet der Extreme, auf dem das Schicksal auf Tinnal wartete, wohl auch auf die Menge der Mitreisenden. Ob sie alle ebenfalls zum Faehrlinstitut wollten? Die meisten sicherlich. Iprasa war nicht gerade ein Touristenziel, obwohl es überaus sehenswerte Schönheiten gab.

Er spürte die Blicke seiner Sitznachbarin auf seinem Gesicht. Das Glühen ihrer Augen schien sich bis auf die Haut seiner Wange fortzusetzen. »Toleranz steht uns allen gut«, meinte er nach langem Zögern. »Aber darauf wollte ich nicht hinaus. Fremde Intelligenzwesen sind keine Monster, ganz gleich, wie sie aussehen mögen.«

Sie antwortete mit einem stummen Lächeln, und er konnte den Blick kaum abwenden. Sie war tatsächlich schön. So schön, dass es ihn schmerzte, weil es Erinnerungen weckte. Tinnal scheuchte die Gedanken an Kannaleia weg. Sie war Vergangenheit, und das war sie seit jenem Moment, als er sie nach der Schlacht gefunden hatte, das Gesicht ein blutiges Etwas und der Mund mit den verkohlten Lippen noch halb geöffnet.

»Nun, dann erzählen Sie mir von Ihren Ungeheuern«, bat die Fremde.

Sie hatte nichts mit seiner geliebten Kannaleia zu tun. Raus! Raus aus meinem Kopf!, dachte er, als sich die Trauer erneut über ihn legte, ihn umhüllte und ihm die Luft aus den Lungen presste. Er konnte nicht atmen. Ruhig. Bleib ruhig, Tinnal, es ist nur in deinem Kopf. Nur in deinem Kopf. Kannaleia war eben alles andere als Vergangenheit. Sie kam stets hervor, wenn er die Schönheit im Leben wiederentdeckte. Oder die Freude. Wenn er lachte.

»Die echten Monster teilen sich einen gemeinsamen Namen«, hörte er sich sagen, und es war fast, als höre er einem Fremden zu, der in einer Holodiskussion seinen von den übrigen Teilnehmern belächelten Standpunkt vertrat. »Dieser Name lautet Krieg. Die Monster sind hässlich, und sie machen mir Angst. Ihretwegen habe ich meinen Sohn angelogen, das Einzige, das mir geblieben ist und mir etwas bedeutet.«

Unvermittelt legte die Fremde eine Hand auf seine Schulter. »Wen haben Sie verloren? Und wann?« Sie zögerte kurz, ehe sie ergänzte: »Ich heiße Nora da Beron. Und ich kenne die Monster des Krieges. Meine Familie hat in der Vergangenheit große Verluste hinnehmen müssen.« Erneut stockte sie. »Nein. Wenn ich ehrlich bin, kenne ich sie nicht. Ich habe nur über sie gelesen. In meinem Khasurn liegen die letzten Opfer drei Generationen zurück. Anders als bei Ihnen, nicht wahr?«

Die Hand blieb auf seiner Schulter. Es fühlte sich tröstlich an. »Tinnal Nyem«, stellte er sich vor, so knapp, wie es nur ging. Noch immer kamen die Worte wie Fremdkörper aus ihm heraus, wenngleich die lähmende Atemnot von ihm abfiel.

»Angenehm«, sagte sie. »Werden Sie ebenfalls das Faehrl aufsuchen?«

Er machte eine zustimmende Geste.

Interessanterweise nahm sie die Hand noch immer nicht weg. Ihrem Namen nach war sie eine Adlige, er ein Bürgerlicher. Standesdünkel schien ihr allerdings fernzuliegen, und sie entsetzte sich nicht einmal darüber, dass er die Ark Summia durchlaufen wollte. Das Faehrl war der einzige Ort, an dem ein Arkonide die Aktivierung seines Extrasinns erleben konnte – wenn er als Sieger aus den Prüfungen hervorging. Bürgerlichen wie Tinnal Nyem stand diese Möglichkeit erst seit wenigen Jahren offen; vorher war diese Ehre jahrtausendelang dem Adel vorbehalten gewesen. Und natürlich war diese Revolution der Denkweise vielen Adligen ein Dorn im Auge.

Nora da Beron beurteilte das offenbar anders. »Und?«, fragte sie. »Sie schulden mir eine Antwort.«

»So?«

»Wen haben Sie verloren? Ihre Frau? Ihre Eltern?«

Mein Leben, dachte er, sagte aber: »Meine Frau, ja. Sie hieß Kannaleia.«

»Wo starb sie?«

Ihr Gesicht. Ihre toten, bewegungslosen Augen. Die weggebrannten Brauen. »Wir dienten gemeinsam als Soldaten im Geleitverband der ASKANIR, eines Schlachtschiffs, das an der Peripherie des Imperiums operierte. Die Topsider griffen uns an ...« Die Echsen haben das Schiff später RUGR-KREHN genannt, dachte er. Niemand weiß, was aus ihm geworden ist. »Die Topsider griffen uns an. Es war ein ... ein Schlachtfeld. Meine Frau gehörte zu denen, die es schaffte, schwer verletzt in einem Beiboot zu flüchten. In einem anderen als ich. Mein Shuttle war das einzige, das entkommen ist. Ihres stürzte auf einem Mond ab. Ich habe danach meinen Dienst quittiert. Viele unserer Kameraden sind dort draußen gestorben, irgendwo im All. Von Kannaleia blieb wenigstens eine Leiche. Hin und wieder tröstet mich die Erinnerung daran, sie noch einmal gesehen zu haben. Manchmal verfluche ich es. Ebenso wie die Tatsache, dass ich überlebt habe.«

»Ja«, erwiderte sie. Mehr nicht. Was hätte sie auch sagen sollen? Konnte es überhaupt eine Antwort darauf geben, die mehr war als eine hohle Phrase?

Mit einem Mal musste er lachen. »Es ist verrückt.«

»Was?«

»Wieso erzähle ich Ihnen das? Sie kennen mich nicht. Es interessiert Sie nicht.«

Sie stimmte nicht zu, aber sie widersprach auch nicht. Stattdessen sagte sie: »Wir alle sind Arkoniden, oder?«

Die KET'AKTOR landete. Tinnal Nyem verließ den Raumer im kleinen Strom der anderen Passagiere. Dabei dachte er nicht über seinen bevorstehenden Besuch im Faehrl nach, wo er eine zweite Chance erhalten würde, seinen Extrasinn zu aktivieren. Ihm gingen Nora da Berons Worte nicht aus dem Kopf, wie sie fragte: »Wir alle sind Arkoniden, oder?«

Der Antigravstrahl setzte Tinnal Nyem vorsichtig am Boden ab. Mit ihm kamen drei weitere Arkoniden in nahezu exakt derselben Sekunde auf der Oberfläche des Planeten an: zwei Männer und eine Frau. Ob er sie wohl als Konkurrenten um die Ark Summia wiedersehen würde?

Musste er vielleicht gegen sie antreten und versuchen, ihre Hoffnungen zu zerschlagen, um selbst die Aktivierung seines Extrasinns erleben zu dürfen? Seit Kannaleias Tod beurteilte er viele Dinge differenzierter als zuvor. Auch die Idee eines gnadenlosen Ausscheidungswettstreits, an dem er sich bei seinem Besuch vor zehn Jahren bedenkenlos beteiligt hatte. Gewiss, es war Tradition seit undenklichen Zeiten, aber war es deshalb richtig? Das war eine völlig andere Frage.

Einer der beiden Arkoniden war alt. Ihm fehlte das linke Auge, stattdessen trug er ein optisch grauenhaft schlecht gearbeitetes technisches Implantat. »Sind Sie zum ersten Mal hier?«, fragte Tinnal.

»Natürlich«, musste er sich anhören, »oder glauben Sie, ich würde mir die Blöße geben, nach einem Versagen erneut hier anzukriechen wie ein Rikan'tach?«

Tinnal bot irgendeine Antwort, die er sofort wieder vergaß. Aha. So war das also. Was dieser Alte wohl zu dem Thema Toleranz-steht-uns-allen-gut sagen mochte? Die Arroganz und Überheblichkeit der alten arkonidischen Adelsgeschlechter troff aus jedem seiner Worte – das glatte Gegenteil Nora de Berons. Wahrscheinlich würde er auf Tinnals Füße spucken, wenn er wüsste, dass er nicht nur zum zweiten Mal zu den Prüfungen antrat, sondern auch ein Bürgerlicher war und damit seit seiner Geburt einen Makel trug.

Der Alte entfernte sich mit stocksteifer Haltung und weit ausholenden Schritten. Tinnal ging merklich langsamer. Es eilte ihm nicht; über viele Dinge musste er nachdenken.

Die ganze Welt schien unter einem gigantischen Schatten zu liegen, doch es war nicht mehr als der Schatten, den die KET'AKTOR warf. Er erstreckte sich etliche Hundert Meter weit. Die Passagiere, die den Raumer zuerst verlassen hatten, erreichten schon fast den Rand; sie sahen von Tinnals Standort aus nicht größer als Spielzeugpuppen aus.

Einige Roboter schwirrten umher und löschten die Ladung der KET'AKTOR. Container stapelten sich auf Plattformen. Heisere, gedämpfte Tierlaute drangen aus ihnen. Die oberste Kiste, ein Metallwürfel mit etwa einem Meter Kantenlänge, schaukelte hin und her.

»Wir können froh sein«, sagte plötzlich eine weibliche Stimme dicht an seinem Ohr.

Tinnal drehte sich um, lächelte. Er hatte Nora da Beron nicht kommen hören, ihre Schritte waren im Lärm der Plattform untergegangen, im Zischen des Antriebs und im Bellen und Keckern der lebendigen Ladung.

»Froh?«, fragte er. »Weil wir auserwählt wurden, unser Glück im Faehrl versuchen zu dürfen?«

Die Adlige gab einen Laut von sich, der ebenso ein dumpfes Kichern sein konnte wie ein unterdrücktes Grollen. »Auserwählt? Das sehe ich nicht so. Entweder wir bestehen und verlassen das Institut mit aktiviertem Extrasinn oder eben nicht. In beiden Fällen weiß ich nicht, ob wir uns glücklich schätzen sollten. Nein, wir können froh sein im Schatten des Raumers. Es wäre sonst brütend heiß. Ich habe damit gerechnet, in einem kleinen Beiboot bis direkt zur Ringmauer um das Faehrl gebracht zu werden. Aber diesen Luxus gönnt man uns wohl nicht. Und weder Sie noch ich haben eine Kopfbedeckung, wenn ich es richtig sehe.«

»Im Institut brauchen wir solchen Schutz nicht.«

»Es klingt, als wären Sie schon einmal dort gewesen.«

Tinnal dachte kurz nach und entschied sich, die Wahrheit zu sagen. Es gab keinen Grund, sie zu verschweigen. »Das stimmt. Damals bin ich gescheitert. Ich habe die Genehmigung, es erneut zu versuchen.«

»Deshalb nannten Sie es auch auserwählt, richtig? Ansonsten kann heutzutage im Unterschied zu früher ja jeder an diesen Ort kommen.«

»Trauern Sie den alten Zeiten nach?«

»Ist das eine Fangfrage?«

»Was hätten Sie zu verlieren?«

Eine Weile gingen sie schweigend weiter. Neben der gigantischen Krümmung der KET'AKTOR tauchte am Horizont bei jedem Schritt ein wenig mehr der runden Mauer auf, die das Faehrl umgab. Zwischen ihnen und ihrem Ziel lagen die Wüste ...

... und ein Trümmerfeld, wo einst die beiden großen Pyramiden der Taa gestanden hatten – imposante, jahrtausendealte, ehrfurchtgebietende Bauwerke der insektoiden Ureinwohner von Iprasa. Die Kriegswehen der Gegenwart hatten sie eingerissen. Da waren nur noch rauchende Grundmauern und verbrannter Boden. Die Monster des Krieges und der Zerstörung fraßen überall, und wer das nicht sah, musste mit verschlossenen Augen auf das Universum blicken.

»Es ist gewöhnungsbedürftig, dass der Zugang zur Ark Summia mittlerweile jedem Arkoniden offensteht«, gab Nora da Beron schließlich zu. »Aber es steht dem alten Adel unseres Volkes nicht zu, sich dagegen zu verwehren. Dies sind unruhige Zeiten, und solche haben seit jeher Neues hervorgebracht. Der Regent hat entschieden, das Faehrl zu öffnen. Ob es richtig oder falsch ist, mögen spätere Generationen entscheiden. Wer sind wir, dass wir darüber einen Richterspruch fällen könnten? Es braucht Abstand, um es beurteilen zu können.«

»Das klingt wie eine sorgfältig vorbereitete politische Rede.«

»Vielleicht bin ich ja tatsächlich sorgfältig vorbereitet.« Sie lachte. »Gegen den Vorwurf, ich würde Politik betreiben, wehre ich mich allerdings aufs Heftigste! Aber etwas anderes – für gewöhnlich erhalten einmal abgelehnte Arkoniden nach zwölf Jahren eine neue Chance. Da Sie nicht adlig sind, Tinnal, kann Ihr Besuch unmöglich bereits so lange zurückliegen.« Sie stockte kurz. »Solche wie Sie«, ergänzte sie schließlich in einem unbestimmbaren Tonfall, »können erst seit etwa einem Jahrzehnt das Faehrl aufsuchen.«

»Ich war damals einer der Ersten«, sagte Tinnal. »Genauer gesagt war ich Teil der zweiten Gruppe von bürgerlichen Hertasonen-Schülern. Es liegt zehn Jahre zurück. Ich wunderte mich selbst, dass der Ruf jetzt schon kam. Aber wie Sie sagten, Edle ... dies sind unruhige Zeiten. Viele alte Konventionen lösen sich auf.«

Es klang gut. So, als würde er selbst daran glauben. Nur dass es nicht so war. Zwar verdrängte er die bohrenden Fragen immer wieder und sagte sich, dass es gut war, diese Chance so früh zu erhalten. Dennoch blieb die Frage, wieso man ihn mindestens zwei Jahre zu früh zur Rückkehr eingeladen hatte.

Nein – es war keine Einladung gewesen. Erst vor vier Tagen war die Nachricht des Verwaltungsprogramms gekommen, mit der er nach Iprasa bestellt worden war. Es war eher eine Art Befehl, sich so rasch wie möglich dort einzufinden. Und da er sich im Heimatsystem aufgehalten hatte, bedeutete so bald wie möglich im Klartext nichts anderes als sofort. Also hatte Tinnal Nyem seine Dinge geordnet, eine Passage gebucht, alles hinter sich gelassen und war aufgebrochen. Mit kleinem Gepäck, aber großen Fragen, die sich mit einem saloppen Dies-sind-unruhige-Zeiten nicht beantworten ließen.

Aber die Antworten warteten auf ihn: jenseits des Trümmerfelds der Taa-Pyramiden. Im Faehrl, dem Ort, auf den er vor zehn Jahren so viele Hoffnungen gesetzt und bitter enttäuscht worden war.

Sie wanderten weiter und konnten bald die gesamte Mauer rund um das Institut sehen, die den Blick ins Innere verweigerte. Das Leben dort spielte sich wie auf einer anderen Ebene ab, losgelöst und dem Alltag oder gar der Realität enthoben. So hatte es Tinnal damals empfunden. Ob es nach wie vor so war? Oder ob die Unruhen im Reich, die militärische Anspannung, die inneren Konflikte um die Hand des Regenten und den Herrscher selbst ...

Tinnals Gedanken stockten.

Nicht nur die Faehrlmauer und das Trümmerfeld der Pyramiden waren inzwischen zu sehen – ein weiteres Schiff war gelandet. Dabei handelte es sich allerdings nicht um einen harmlosen Passagierraumer, sondern um einen Schweren Kreuzer der Kriegsflotte. Er erinnerte sich gut genug an seine aktive Soldatenzeit, um zu wissen, dass das nur Schlechtes bedeuten konnte.

Nora bemerkte offenbar seinen Blick. »Sie sind erstaunt?«

Oder verängstigt. »Ich wusste nichts von direkter militärischer Präsenz beim Faehrl«, sagte er. »Auf Naat wird gekämpft, ja ... aber hier?«

»Es steht wohl in keinem Zusammenhang mit dem Faehrl«, meinte Nora.

»Sondern? Etwa mit den Taa? Sie sind doch harmlos, oder nicht? Warum sollte arkonidisches Militär gegen sie vorgehen?«

»Von dem Schiff wusste ich«, antwortete Nora. »Ehe ich die KET'AKTOR verlassen habe, sah ich es im Holo und fragte nach. Es handelt sich um den Schweren Kreuzer RANIR'TAN, der ...«

Weiter kam sie nicht.

Soldaten eilten auf sie zu, die Waffen im Anschlag. Bei dem Anblick verstummte Nora.

Tinnal spürte sein Herz schmerzhaft schnell unter der Brustplatte schlagen. Da war sie wieder, die alte Angst. Genau wie damals, ehe Kannaleia in ihren letzten Einsatz gegangen war. Nur dass die Angst seiner Frau nicht geholfen hatte; sie hatte nur dafür gesorgt, dass die Zeit bis zu ihrem Tod noch quälender verlaufen war.

Kurz darauf standen zwei Soldaten neben ihnen. Nur neben ihnen. Niemand behelligte die anderen Passagiere auf diese Weise. Als Tinnal das bemerkte, wurde ihm klar, dass es noch größeren Ärger gab als ohnehin befürchtet.

»Wir werden Sie ins Faehrl eskortieren«, sagte einer der beiden Soldaten, den Rangabzeichen zufolge ein Offizier. Er war hochgewachsen und gab sich den Anschein, ein Arkonide zu sein ... aber das war er nicht. Seine Haltung stimmte nicht. Ihm fehlte die Präsenz, die Arroganz eines arkonidischen Offiziers. Seine Augen waren graublau, und eine Narbe zog sich über den rechten Nasenflügel.

Tinnal schaute sich um. Tatsächlich. Alle anderen Neuankömmlinge in Sichtweite blieben unbehelligt. Um wen ging es also bei dieser Aktion? Um ihn? Oder um Nora da Beron? Immerhin war sie eine Adlige, und ...

Nein. Tinnal durfte sich nichts vormachen. Es ging um ihn, und für Nora galt wohl die alte Spruchweisheit, dass die Sternengötter sie zur falschen Zeit an den falschen Ort gelenkt hatten.

Nun erfuhr er also, warum er zwei Jahre zu früh gerufen worden war.

Hoffentlich zumindest, denn ebenso gut konnten die Soldaten ihn einfach umbringen, ohne dass er herausfand, was das alles bedeutete.

»Eine Eskorte ist nicht nötig«, sagte Nora, und in diesem Augenblick kamen der typische Trotz und das Selbstbewusstsein des Adels bei ihr durch. »Außerdem wüsste ich nicht, dass das Militär Macht über das Faehrl hat oder sich in die Vorgänge dort einmischen dürfte. Also gehen Sie zur Seite und lassen Sie uns durch!«

Der Offizier mit der Narbe am Nasenflügel hob seinen Strahler. »Das ist uns leider nicht möglich. Bitte begleiten Sie uns!«

»Eine seltsame Bitte mit vorgehaltener Waffe.«

Der zweite Soldat zielte derweil auf Tinnal. Noch schossen sie nicht.

»Was wollen Sie von mir?«, fragte Tinnal mit kalter, mühsam ruhiger Stimme.

»Nur einige Stunden Ihrer Zeit«, erwiderte der angebliche Offizier. »Es ist für einen guten Zweck. Und es wird nicht wehtun, das verspreche ich Ihnen.« Er drückte ab.

Paralyse, dachte Tinnal, ehe die Welt versank.

Irgendwann träumte er von einem Planeten, den er noch nie gesehen hatte. Er sah eine insektoide Fratze, sah Zangen, sah einen aufgedunsenen Leib.

Ein anderer Ort, eine andere Zeit:

Von der Verwirrung der Erinnerungen

Ich sehe Brände und Tod, aber in den wenigen Momenten der Ruhe stelle ich mir eine ganz andere Frage: Habe ich in den letzten Wochen meine Heimat wiedergefunden oder sie verloren?

Mein Gedankenbruder ist bereit, mir tausend Fakten zu liefern, aber das hilft mir nicht weiter. Er geht mit nüchterner Logik auf einer rein sachlichen Ebene vor. Das bleibt an der Oberfläche und beantwortet mir die eigentliche Frage nicht. Deswegen lacht er mich aus. Atlan, du Narr, kommentiert er, es zählen ausschließlich die Tatsachen, und die sind eindeutig.

Doch da täuscht er sich. Die wahrhaftige, echte Frage geht tiefer – und ich glaube, die Antwort darauf lautet so: Ich habe meine Heimat sowohl gefunden als auch verloren. Und darum muss ich an zwei Fronten kämpfen.

Im Arkonsystem läuft der Aufstand der Naats, sind die allgegenwärtigen Intrigen meines Volkes am Kochen und vielleicht dabei, jegliche Ordnung zu zerbrechen ...

... aber es gibt noch die Schlacht unter der Oberfläche. Sie tobt um die weit entfernte, scheinbar unbedeutende Welt namens Erde, auf der ich so lange geschlafen habe. Und die auch meine Heimat ist.

Darum kämpfe ich, und ich bin froh, dass ich einen Teil dieses Kampfes meinem Begleiter Perry Rhodan übertragen konnte. Er kämpft für mich um die Erde – und sein Kampf wird nicht mit Waffen und Raumschiffen ausgetragen.

Noch nicht. Wenn uns die Sternengötter wohlgesinnt sind, wird es so bleiben.

Wir können alles verlieren.

Oder alles gewinnen.

Mein Einsatz ist mein Leben. Das des Regenten. Und das unzähliger Lebewesen in zwei Sonnensystemen, die unendlich weit auseinanderliegen, deren Schicksal aber verbunden ist.

2.

Kriegsrat auf beiden Seiten

9. August 2037

Atlan da Gonozal

»Die Stadt ist gesichert.«

»Wir haben die Macht übernommen.«

»Der Widerstand ist niedergeschlagen.«

»Große Verluste auf beiden Seiten.«

»Die Ergebnisse sind positiv.«

Ich war zufrieden mit dem, was ich hörte. Über Funk kamen im Sekundentakt Erfolgsmeldungen herein, oft als Holoverbindung, sodass ich in die glücklichen Gesichter der Naats sehen konnte, die die Botschaften abschickten. Nicht dass ausgerechnet Naats für besondere Zurschaustellung von Gefühlen bekannt waren oder ihre Mimik leicht lesbar gewesen wäre ... aber ich war zutiefst davon überzeugt, sie alle glücklich zu sehen. Geradezu begeistert.

Sie hatten allen Grund dazu. Ihr Aufstand auf ihrer Heimatwelt und deren sechsundzwanzig Monden lief gut. Mehr noch: Er war bereits gut gelaufen. Die Naats übernahmen fast überall die Macht und befreiten sich vom Joch der Unterdrückung durch die Arkoniden.

»... blieb uns nichts anderes übrig, als die Barrikade zu sprengen.«

»Der Raumhafen ist eingenommen.«

»Nach erster Schätzung befinden sich mehrere Zehntausend Arkoniden in unserer Gewalt.«

»... haben wir fast alle der etwa hundert Geiseln befreien können.«

»Wir sind sehr zufrieden mit ...« Diese Meldung ging in tosendem Lärm unter.

Mein Kopf ruckte herum, und dieses eine kleine, unscheinbare Holo inmitten vieler anderer zog alle Aufmerksamkeit auf sich. Es schwebte vor mir in der Zentrale der SER'TAGON, und in diesem Augenblick verharrte ein Arkonide an seiner Arbeitsstation aus meinem Blickwinkel genau dahinter. Die dreidimensionalen Lohen schienen nicht nur auf Naat zu flackern, sondern auch auf dem Rücken dieses Offiziers. Nur dass ihm das Abbild nicht zu schaden vermochte, während der Naat, der seinen Satz nicht zu Ende hatten sprechen könnten, hellauf in Flammen stand. Seine Uniform brannte, die mächtigen Arme hoben sich, schützten das Gesicht. Im nächsten Augenblick flackerte das Holo, und die Übertragung erlosch. Winzige Funken glühten in der Luft nach, danach blieb nichts mehr.

»Was ist dort unten los?«, fragte ich.

Die erste Antwort kam von meinem Gedankenbruder. Kannst du dir das nicht denken? Ein Aufstand mit Schlachten und Kriegsherden, die sich über einen gesamten Planeten verteilen, läuft nicht problemlos. In diesem Fall haben die Arkoniden zurückgeschlagen und eine Bastion der Naats gestürmt. Oder ein Beschuss aus der Ferne oder ein Selbstmordattentäter oder ...

Schon gut!, unterbrach ich gedanklich. An diese bizarre Art des mentalen Dialogs der beiden Stimmen in mir hatte ich mich längst gewöhnt; der Extrasinn war ein Teil von mir, obwohl ich auf manche Kommentare hätte verzichten können. In der Tat lag nahe, was er mit nüchterner Logik aufzählte. Meine Frage war eher aus dem ersten Impuls des Entsetzens geboren worden, und Gefühlsregungen wiederum stellten nicht die Spezialität meines Gedankenbruders dar.

Nach kurzer Zeit ging eine Meldung von Naat ein. Tatsächlich hatten etwa zehn Arkoniden einen selbstmörderischen Angriff gestartet – kein Teil des normalen Militärs, sondern eine terroristische Vereinigung, die sich selbst als Khasurn-Null bezeichnete. Eine unbedeutende Randerscheinung, wie der Naat versicherte, der die Erklärung abgab.

Unbedeutend ... für die Toten sicher nicht. Aber das gehörte zu einem solchen Aufstand wohl dazu, auch wenn er so unblutig wie möglich geführt wurde. Die Naats nahmen immer mehr Arkoniden auf dem Planeten als Geiseln – inzwischen einige Tausend von ihnen.

Novaal, der mit mir von Naatral auf die SER'TAGON gewechselt war, sorgte sich, dass die Stimmung kippen und es zu einem Massaker an den Gefangenen kommen könnte. Um das zu verhindern, war Brendan Caine auf Naat geblieben, um sich dort als Diplomat zu versuchen. Novaal selbst wollte so bald wie möglich auf seine Heimatwelt zurückkehren.

Die SER'TAGON diente mir derweil als Flaggschiff. Es war ein 800-Meter-Schlachtschiff der arkonidischen Flotte, das die aufständischen Naats auf einem der Monde ihres Heimatplaneten erobert und damit in ihre Gewalt gebracht hatten. Ein guter Raumer, stark bewaffnet und bislang unbeschädigt – eine bessere Basis konnte ich mir momentan nicht wünschen.

Doch auch fünf oder zehn solcher Schiffe hätten Zwischenfälle wie die Attacke der Khasurn-Null nicht verhindern können. Noch bildete das Arkonsystem einen Unruheherd voller potenzieller Katastrophen. Der Aufstand auf Naat mochte weitgehend gelungen sein ... Friede oder Stabilität herrschte deshalb noch lange nicht. Es gab zu viel, buchstäblich über Jahrtausende aufgestauten Hass, aber das Hauptproblem blieb Sergh da Teffron. Er war der Feind, in dem sich alle Schwierigkeiten manifestierten und von dem tödliche Gefahr ausging. Er und mit ihm der Regent, als dessen Hand sich da Teffron nicht umsonst bezeichnete.

Die Zeit der geheimen Intrigen war vorbei, der Aufstand gegen den Regenten in vollem Gange. Mit Novaals Hilfe hatte ich das Kontrollzentrum Ker'Mekal in meine Gewalt gebracht und danach Naat und seine Monde. Erfolge wie diese brachten nun einmal ... kleine Misserfolge mit sich. Kollateralschäden. Wie immer man es nennen mochte.