Perry Rhodan Neo 23: Zuflucht Atlantis - Christian Montillon - E-Book + Hörbuch

Perry Rhodan Neo 23: Zuflucht Atlantis E-Book und Hörbuch

Christian Montillon

3,5

Beschreibung

Im Herbst 2036: Perry Rhodan und seine Begleiter sind auf der Suche nach der Welt des Ewigen Lebens. Nicht nur sie haben sich dabei einem sogenannten Transmitter anvertraut. Drei weitere Wesen wurden von einem solchen Gerät durch Raum und Zeit geschleudert: Der Arkonide Crest, die aus Russland stammende Mutantin Tatjana Michalowna und der Topsider Trker-Hon stranden in der Vergangenheit, gut zehntausend Jahre vor ihrer Zeit. Nachdem sie auf Tramp, der sterbenden Welt, mit erschütternden Erlebnissen konfrontiert worden sind, gelingt ihnen die Flucht. Die "blinde" Transition mit einem arkonidischen Beiboot endet im Leerraum zwischen den Sternen. Crest und seinen Begleitern bleibt nichts anderes übrig, als einen Notruf abzusetzen. In Zeiten eines interstellaren Krieges zwischen dem Imperium der Arkoniden und den fremdartigen Methans ist das extrem gefährlich. Was ist, wenn die Methans zuerst auftauchen?

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Zeit:5 Std. 44 min

Sprecher:Hanno Dinger

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Band 23

Zuflucht Atlantis

von Christian Montillon

Im Herbst 2036: Perry Rhodan und seine Begleiter sind auf der Suche nach der Welt des Ewigen Lebens. Nicht nur sie haben sich dabei einem sogenannten Transmitter anvertraut. Drei weitere Wesen wurden von einem solchen Gerät durch Raum und Zeit geschleudert: Der Arkonide Crest, die aus Russland stammende Mutantin Tatjana Michalowna und der Topsider Trker-Hon stranden in der Vergangenheit, gut zehntausend Jahre vor ihrer Zeit.

Nachdem sie auf Tramp, der sterbenden Welt, mit erschütternden Erlebnissen konfrontiert worden sind, gelingt ihnen die Flucht. Die »blinde« Transition mit einem arkonidischen Beiboot endet im Leerraum zwischen den Sternen. Crest und seinen Begleitern bleibt nichts anderes übrig, als einen Notruf abzusetzen.

»Sechsmal gibt es Vergebung. Dies ist das siebte Mal.«

Feltif de Khemrol

Früher:

Das Zeichen der Sterne

D'ihras Blick hob sich zum Himmel: leuchtende Punkte im ewigen Schwarz. »Siehst du sie?«

»Wen?«

»Die Sterne. Ich sehe mich selbst dort oben.«

»Du bist der hellste von allen.« In seiner Stimme lag unendliche Traurigkeit.

Sie verneinte. »Ich gehöre nicht zu den Himmelslichtern. Ich bin das Schwarz, das zwischen ihnen wogt.«

Godwarn wollte etwas sagen, sie sah es ihm an. Aber er fand keine Worte. Er war wütend, sogar jetzt noch. Und doch beugte er sich zu ihr. Er senkte den Blick, dorthin, wo das Kind, das D'ihras Leib verlassen musste, sich sperrte.

»Wieso hast du es nicht vorhergesehen?«, fragte er.

Dieser Narr verstand immer noch nicht, dass eine Seherin der Zukunft nicht jegliche Geheimnisse entriss; manchmal schenkten die Götter einen Blick in das, was kommen würde, doch meistens verwehrten sie ihn.

Wieder kam eine Wehe, schlimmer als zuvor. Sie fühlte nicht nur, wie etwas in ihr zerriss, sie hörte es sogar. Schmerz und Übelkeit spülten ihre klaren Gedanken hinweg. Blut floss.

Als es vorbei war, sackte D'ihra in sich zusammen. Ihr Hinterkopf schlug auf. Sie spürte es kaum; die nächste Wehe jagte bereits heran. D'ihra wusste, dass sie es nicht mehr lange überleben konnte. Bald würde es vorüber sein. Die Hebamme hielt schon das Messer in der Hand, um das Kind aus ihr herauszuschneiden, damit wenigstens es am Leben blieb, wenn die Mutter schon sterben musste.

D'ihra lächelte. Das Kind durfte das Licht der Sterne sehen und mehr noch, sogar das der nächsten Sonne.

Plötzlich: Eine Gestalt stand bei ihnen. Der Fremde mit den roten Augen und der toten, kahlen Haut.

»Feltif!«, rief Godwarn. »Was willst du hier?«

Während die untere Hälfte ihres Körpers in Flammen loderte und sich das erlösende Messer senkte, schrie der Neuankömmling nur ein Wort: »Nein!«

Die Hebamme stockte kurz. »Wenn ich nicht sofort handle, stirbt das Kind im Bauch der Mutter mit ...« Ein Lichtblitz fauchte, und sie erstarrte mitten im Satz und kippte zur Seite.

Der Schmerz fraß D'ihras Verstand. Sie sah die Götter mit offenen Armen, sah sie weinen. Das Kind wollte geboren werden. Es drängte. Ein weiteres Reißen. Die Welt verschwamm. Nun, ohne das dankbar erwartete Messer der Hebamme, würde sie noch mehr leiden müssen. Feltif hatte ihr einen bösen Dienst erwiesen.

Die graue Narbenhand des Fremden presste sich auf ihre Wange, während sich der gesunde Arm auf dem Boden abstützte. »Ich bin gekommen, um dich zu retten.« Seine roten Augen waren dicht vor ihr. Sie tränten. Die Finger umklammerten ein blitzendes, unwirkliches Ding. Er wandte sich ab und beugte sich tiefer. Das Ohr war ein verschrumpeltes Etwas, der Schädel kahl.

Im nächsten Augenblick verschwand der Schmerz, als wäre er nie da gewesen. Ich bin tot, dachte D'ihra. Endlich. Sie bedauerte nur, dass sie das Kind nie zu Gesicht bekommen würde.

Aber sie lebte.

Sie wusste nicht, wie es geschah, aber plötzlich hielt Feltif das Kind in der Hand, einen Jungen. Das Gesichtchen war zerknittert, faltig und weich. Aus dem winzigen Mund tropfte ein wenig Flüssigkeit. Klare, dunkle Augen schauten sie wach und verwundert an. Mutterschmiere rann über die grau vernarbte Hand des Fremden.

»Wieso lebe ich noch?«, fragte sie. »Was hast du getan?«

Feltifs Atem ging schwer. »Etwas, das ich nie hätte tun dürfen. Vergiss es!« Er legte den Jungen auf ihre Brust. Der kleine Körper war warm, und das Herz schlug rasend. »Ich gehe nun.«

»Wohin?«

»Dorthin, wo du mir nicht folgen kannst.«

»Lass mich zu dir kommen und dir danken, wenn der Junge erst einmal ...«

»Nein!« Er wandte sich ab.

Sie sah ihm hinterher, während Godwarn noch immer starr stand und schwieg. Das Kind weinte. Sie drückte es enger an ihre Brüste, die kleinen Finger tasteten, der Mund fand sein Ziel und saugte.

Der Fremde drehte sich noch einmal um. »Denk daran, dass dies nie geschehen ist.«

D'ihras Gedanken waren völlig klar, und sie sah, wohin Feltif gehen würde.

Zur ... Stadt.

Da erkannte sie, dass er kein Mensch war wie alle, die dort wohnten. Nur dass keines der Wesen, die in der Bastion an der Spitze der großen Insel lebten, diese jemals verließen. Außer Feltif, den alle seit Tagen nur für einen Reisenden aus einem fernen Dorf gehalten hatten. Plötzlich wusste sie es besser.

»Komm zurück!«, rief sie, Befehl und Bitte zugleich. »Ich muss dir etwas sagen!«

Zu ihrer Überraschung gehorchte Feltif. Während der Junge trank und die noch blutigen Beinchen strampelten, verstand der Fremde sie ohne weitere Worte und brachte sein Ohr dicht vor ihren Mund.

»Ich weiß, wo du wohnst.« Sie sprach so leise, dass es nicht einmal Godwarn hören konnte. »Aber ich werde es niemals jemandem sagen. Nur eins erbitte ich von dir: Sag mir den Namen der Stadt und von wo ihr einst gekommen seid.«

Er nahm den Kopf langsam zurück, und seine linke Hand streichelte über den Haarflaum des Neugeborenen. Im nächsten Moment spürte sie seinen Atem an ihrer Schläfe. »Mein voller Name lautet Feltif de Khemrol«, flüsterte er. »Ich bin von den Sternen gekommen. Sie hinterließen ihr Zeichen auf mir.« Er strich über seine verbrannte, vernarbte Gesichtshaut, und seine graue Hand ballte sich zur Faust. »Die Stadt, die dir und deinesgleichen verboten ist, trägt den Namen Atlantis.«

»Du bist ein Gott«, sagte sie.

»Nein«, log er.

1.

Was man nur zu gerne vergisst

Crest da Zoltral

Das Chaos blieb zurück, und zum ersten Mal seit einer Ewigkeit fand Crest Zeit, sich um etwas zu kümmern, was er lieber vergessen hätte:

Seine Schmerzen.

Tramp lag hinter ihnen; der Krieg, das Leid und die überraschende Erkenntnis über das Volk und den Planeten der Ilts schienen in weite Ferne gerückt zu sein. Die PESKAR XXV, das Beiboot der drei zeitreisenden Flüchtlinge Crest, Tatjana Michalowna und Trker-Hon, befand sich nun ...

... irgendwo.

Der Überlichtflug hatte sie ins Blinde geführt, einfach ziellos irgendwohin; die einzige Möglichkeit zu entkommen. Der Arkonide wusste, dass er sich eigentlich darum kümmern musste, ob ihnen wieder Gefahr drohte, ob sie inzwischen mitten in einem der zahlreichen anderen Schlachtfelder dieses Krieges trieben. Eigentlich. Aber er konnte nicht. Sein Körper verlangte nach seinem Recht.

Er war viel zu krank, um in einem gestohlenen Beiboot durch Kriegsgebiet zu hetzen und zu versuchen, den Methans zu entkommen. Sie breiteten sich einfach überall aus in dieser Zeit, in der Endphase des Großen Krieges 10.000 Jahre in der Vergangenheit. Oder sie hatten dies getan.

Verwirrend, nicht wahr?, fragte die altbekannte Stimme seines Extrasinns, irgendwo mitten aus den quälenden Schmerzen heraus. Sind die Methans überall, oder waren sie es vor einer schieren Ewigkeit?

Was spielt das für eine Rolle?, antwortete Crest in lautlosem Gedankendialog. Wir sitzen in der Vergangenheit fest, und daran ändern auch spitzfindige semantische Feinheiten nichts. Und das ewige Leben ist genauso fern, wie es immer schon gewesen war. Wenn nicht noch weiter entfernt als je zuvor.

Es half keinem von ihnen, ob irgendjemand irgendetwas korrekt formulierte oder nicht – der Krieg drohte sie alle zwischen den Fronten zu zermahlen, falls die Krebsgeschwüre, die seinen Körper von innen zerfraßen, Crest nicht vorher in den Tod rissen.

Von seinem Nacken ging ein dumpfes Gefühl der Taubheit aus. Er tastete über die Halswirbel und bereute es noch im selben Augenblick. Schon der leichte Druck war zu viel. Er hörte etwas knacken, ihm wurde schwindlig, und Übelkeit wühlte durch seine Gedärme.

Die Zentrale des Beiboots drehte sich, der Boden vor ihm ragte steil in die Höhe, die Decke kippte als Seitenwand herunter. Crest suchte nach irgendetwas, an dem er sich festhalten konnte, weil sich natürlich nicht die Bedingungen in der PESKAR XXV veränderten, sondern er selbst das Gleichgewicht verloren hatte. Reiß dich zusammen!

Erst als Tatjana Michalowna schrie und Trker-Hon in einer bizarren Bewegung, mit rudernden Armen und baumelndem Echsenschwanz, quer durch den Raum fiel, begriff Crest, dass er sich in diesem Fall irrte. Seine Umgebung kippte tatsächlich. Der Lärm einer Detonation erstickte Tatjanas Schrei, und die Druckwelle schmetterte in den Rücken des Arkoniden. Hilflos taumelte er nach vorne und schlug auf.

Instinktiv hob er die Arme und schützte den Kopf. Hitze raste in einer sengenden Welle über ihn hinweg. Die Luft waberte, und als er unter dem Ellenbogen hervorlinste, sah er, dass Trker-Hon inzwischen auf dem Boden lag – oder auf dem, was vor Kurzem noch eine Seitenwand gewesen war. Eine Feuerlohe verpuffte im Rücken des Topsiders.

Crest vernahm nur noch ein dumpfes Dröhnen, in das sich mehr und mehr ein Rauschen mischte; vielleicht sein eigenes Blut, angetrieben vom schwächer werdenden Herzschlag. Das Universum kippte in sich zusammen, und das Zentrum, das die ganze Last aufnahm, war allein er, Crest, der alte, sterbende Arkonide. Seine närrische Suche nach Heilung im ewigen Leben war zu Ende. Er bekam fast keine Luft mehr, obwohl er den Mund weit aufriss. Seine Lungen wollten den rettenden Sauerstoff nicht aufnehmen. Tatjana tauchte in seinem Blickfeld auf. Ihr Mund bewegte sich, sie rief etwas – doch er hörte nichts.

Einen Augenblick fragte er sich noch, ob der Lärm der Explosion ihn taub gemacht hatte, dann gellte ein hohes Sirren. Der metallische Boden riss auf, ein zerfetztes Versorgungskabel schnellte in die Höhe, als wäre es ein angreifendes, wütendes Reptil. Blaue Funken stoben aus seinem Ende und tanzten wie schwerelos in der Luft, ehe sie verglühten. Überschlagblitze zuckten, und ein statisches Summen dröhnte.

Crest wollte sich auf die Füße stemmen, doch die Beine gaben unter ihm nach. Diese Schmerzen. Es war zu viel. Alles war viel zu viel. Die Pein in seinem Körper zog ihn auf einen Abgrund zu, in dem das Vergessen fröhlich lockte.

Jemand packte ihn. Er sah Tatjanas Gesicht über sich.

»Das Schiff geht vor die Hunde!« Der Arkonide hörte es wie ein fernes Flüstern, obwohl sie die Worte ihrem verzerrten Gesichtsausdruck nach zweifellos schrie. »Was sollen wir tun?«

Etwas rann feucht über seine Oberlippe. Blut aus der Nase. Der Hinweis seines Extrasinns wäre nicht nötig gewesen, ebenso wenig die nüchterne, glasklare Feststellung: Es geht zu Ende mit dir.

»Hilferuf«, sagte er. Er konnte sich selbst nicht hören. Danach schloss er die Augen und nahm die Ohnmacht und den herannahenden Tod an.

Wasser tropft aus dem Ende eines Rohrs.

Grüne Pflanzenblätter bewegen sich leicht in einem kaum fühlbaren Wind.

Ein irdisches Tier kriecht unendlich langsam über eine Mauer; eine Schnecke.

Auf einem verlassenen Tisch steht ein Glas mit klarer Flüssigkeit.

Ein metallisches Windspiel dreht sich träge, mit einer Glaskugel im Zentrum.

In einem Schwimmbecken treibt ein bloßes Auge, bis es im Überlauf weggesaugt wird.

Und all das in monotoner Farblosigkeit und gespenstischer Lautlosigkeit.

Es sind wirre Bilder, bedeutungslose Details aus seiner Vergangenheit, die in der Dunkelheit entstehen und ebenso schnell wieder vergehen, während er auf einen kleinen Lichtpunkt zuschwimmt. Augen blicken ihn daraus an, und von irgendwoher kommt eine Stimme:

C...

Ein arkonidischer Wohntrichter, das Haus, in dem er aufwuchs, wenn er sich nicht gerade in einem Raumschiff befand. Das Gesicht seiner Mutter.

...r...

Die Erkenntnis: Das ewige Leben ist der Traum eines Narren, die Legenden lügen, auch wenn sie über die gesamte bekannte Galaxis verbreitet sein mögen.

...e...

Das Wissen zu vergehen bringt Trauer mit sich.

...s...

Trauer darüber, dass er Thora nicht wiedersehen wird, die er wie eine Tochter angenommen hat und die ihm Trost gewesen ist.

...t.

Der Name dehnt sich ein Jahrhundert und eine Sekunde lang, und etwas klatscht auf seine Wange. Ein leichter Schmerz, bis ...

»Crest!«

Der Arkonide versuchte sofort zu antworten, aber es gelang nicht.

»Ich habe Ihnen eine Ampulle verabreicht.«

Was sollte das bedeuten? Er konnte keinen klaren Gedanken fassen. Kein Wunder.

»Wachen Sie auf, Crest! Wir brauchen Sie!«

Woher der kleine Lichtpunkt irgendwo weit vor ihm kam, wusste er nicht, aber die Augen, die ihn daraus anschauten, waren die von Tatjana Michalowna. Er hob die Augenlider, blinzelte, und aus einem Tränenschleier heraus schälte sich die Gestalt der Russin.

»Es war die letzte Ampulle, Crest, aber ich ...«

»Die letzte?«, fragte er, als er sich erinnerte. Die schmerzlindernden Ampullen, die ihm der Ilt Nurghe auf Tramp gegeben hatte ... sein Rettungsanker. Aber es waren doch noch viel mehr gewesen.

Sie verstand auch ohne weitere Erklärungen, worauf er hinauswollte. »Die anderen sind zerstört. Die Explosionen im Schiff, wissen Sie?«

Wusste er nicht. »Was ist passiert?«

»Zu viele Treffer, ehe wir aus der Gegend um Tramp flüchten konnten. Unser Beiboot ist ein Wrack, das sich momentan noch beharrlich weigert auseinanderzubrechen. Lange kann es allerdings nicht mehr dauern.« Sie formulierte es mit klaren, nüchternen Worten und einer Menge Bitterkeit in der Stimme. »Wir haben einen Hilferuf abgeschickt, genau, wie Sie befohlen haben.«

Ich kann Ihnen nichts befehlen, dachte er, sprach es aber nicht aus. Es wäre Zeitverschwendung. »Gibt es schon ... eine Reaktion?«, fragte er stattdessen. Es fiel ihm unendlich schwer zu sprechen; jedes Wort war eine Qual. Die Kehle war trocken. Am Rand seiner Gedanken wuchs das Entsetzen darüber, dass die schmerzlindernden Ampullen zerstört worden waren; einfach so, beiläufig, als bedeutete es nicht viel. Doch wenn die Wirkung der aktuellen Dosis nachließ und ein neuer Schmerzschub kam, gab es keine medikamentöse Hilfe mehr. Nicht ohne ein Wunder.

Und Wunder gab es nicht.

Oder doch?

Weil Tatjana schwieg, wiederholte er: »Gibt es eine Reaktion auf den Hilferuf?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Sind Methans in der Nähe?«, fragte er. In dieser Phase des Krieges waren sie überall. Sie verseuchten den Raum wie eine Plage, führten einen gnadenlosen Vernichtungskrieg gegen die Arkoniden.

Ein erneutes Kopfschütteln; wenigstens das.

Das meiste Wissen über diesen Krieg verschwand im Dunkel der Vergangenheit; immerhin lag er 10.000 Jahre zurück, und die Geschichtsschreibung musste viel zu vieles interpretieren, als dass man von Fakten sprechen könnte. Die Historie war in diesem Fall die Lüge, auf die sich die meisten Forscher geeinigt hatten.

»Was wissen Sie über die Methans, Crest?«, fragte Trker-Hon. Die Schuppenhaut um seine vorgewölbte Echsenschnauze glänzte. Der Schwanz schleifte über ein Stück aufgerissenen Bodens. Kurz war die Zunge zu sehen; sie blutete ein wenig.

Crest zögerte. »Kaum etwas – außer, dass sie sich selbst als Maahks bezeichnen und keinen Sauerstoff atmen«, sagte er schließlich. »Dieser Krieg liegt zu weit zurück. Die Forscher sind sich allerdings in einem Punkt einig.«

»Und der wäre?«, fragte Michalowna ungeduldig.

»Die Methans waren den Arkoniden waffentechnisch unterlegen. Im direkten Kampf hätte ein Raumer meines Volkes immer gewonnen.«

»Aber?«

»Aber sie haben diesen Nachteil durch eine gewaltige zahlenmäßige Überlegenheit ausgeglichen. Wie Heuschrecken haben sie sich millionenfach in den umkämpften Gebieten breitgemacht und sind unaufhaltsam Stück für Stück vorgedrungen.«

»So wie im Fall von Tramp?«

»Dennoch haben die Arkoniden diesen Krieg letztlich gewonnen,« bestätigte Crest.

»Wie?«, fragte die Russin.

Darauf konnte er nur eine enttäuschende Antwort geben. »Wenn wir das nur wüssten ... Angeblich gab es eine Wunderwaffe.«

Sie schwiegen, und Crest fiel nun erst auf, wie gut er sich fühlte. Der Inhalt der Ampulle – der letzten Ampulle – hatte Wunder gewirkt. Er stand auf, und es gelang ihm ohne große Mühe. An das, was kommen mochte, verschwendete er keinen Gedanken mehr. Der Untergang der PESKAR XXV drohte ihn ohnehin mit ins Verderben zu reißen.

»Gibt es Zugriff auf die ...«

Autoreparaturmechanismen, hatte er sagen wollen. Etwas riss ihm das Wort förmlich von den Lippen; doch nicht etwa eine weitere Explosion, sondern ein Alarmsignal und ein trotz aller Schäden aufploppendes Notfallhologramm.

Es zeigte drei Raumer der Methans.

Ihr Notruf war also empfangen worden.

Allerdings nicht von denen, die ihn hätten hören sollen.

Demeira on Thanos

»Demeira! Vergiss nicht deine Pflicht!«

Es gab diese Stimme nicht, doch das änderte nichts an der Tatsache, dass Demeira on Thanos – Flottenkommandantin des Schlachtkreuzers EKTEM und damit momentan Anführerin des Geleitzugs aus zwei Leichten und zwei Schweren Kreuzern sowie der fünfzehn zugehörigen Transporter – die Worte ebenso gut hören könnte, als wären sie direkt neben ihr gesprochen worden.

»Demeira! Vergiss nicht deine Pflicht!«

Oder: »Demeira! Du bist eine Soldatin der Raumakademie!«

Oder, schlimmer als all dies: »Demeira! Ich erwarte es von dir!«

Und immer hatte ihr Vater ihren Namen ausgesprochen, wie nur er es tat, von Anfang an, solange sie zurückdenken konnte; mit der exzentrisch-überzogenen Silbentrennung Dem-e-i-ra, als wären es vier Worte, und der letzte Buchstabe klang fast wie ein »or«. Das würde er nie zugeben, und sie musste ihm zugutehalten, dass er es nie ausgesprochen hatte, aber sie hatte es tausendmal in seinen Augen gelesen, dass er sich einen Sohn gewünscht hatte und keine Tochter. Sein ganzes Leben war daran letztlich zerbrochen, und sie, Demeira, hatte sich jahrelang die Schuld dafür gegeben, weil sie in dieser Hinsicht nicht die Stärke ihrer Mutter besaß, die mit herrischer Arroganz darüber hinwegsah und sich weiter dem Wein der süßen Raitschan-Hänge widmete.

Pflicht war für ihn alles gewesen; und so ging es ihr mittlerweile auch. Meistens. Offiziell. Als hochrangige Militärangehörige, als Kommandantin eines Schlachtschiffs und des dazugehörigen Geleitzugs mitten im Krieg mit den Methans blieb ihr nichts anderes übrig. Aber es gab noch ein bisschen mehr in ihrem Leben. Eine kleine Stimme in ihrem Hinterkopf, die sich zu derjenigen ihres vor exakt zehn Jahren aktivierten Extrasinnes gesellte und die ihr sagte, dass sie den Notruf eines arkonidischen Schiffes hören und ihm folgen musste.

Befehle und Strukturen waren eines – das Leben etwas völlig anderes. Dieser Zusammenhang entsprach in etwa dem Verhältnis zwischen Militärstrategie und den Kämpfen eines Soldaten draußen an der Front; es gab eine Menge Berührungspunkte, aber auch gewaltige Unterschiede.

Als ihr Entschluss feststand, musste sie plötzlich lachen, mitten in der Zentrale der EKTEM, auf ihrem Kommandantenplatz, umgeben von flirrenden Holografien: Vergiss deine Pflicht nicht! Diesmal war es nicht die Stimme der Erinnerung, die zu ihr sprach, sondern diejenige ihres Extrasinnes, der zur Ordnung mahnte. Da konnte sie das Lachen nicht zurückhalten, auch wenn es nach sich zog, dass die Mannschaft ihr verwunderte Blicke zuwarf. Tödlich für die Disziplin an Bord – gut für sie, denn es wischte die letzten Bedenken fort. Jetzt erst recht! Ihre Entscheidung war gefallen, und wozu stand sie im Rang der Kommandantin, wenn nicht, um selbst zu entscheiden, was nötig und angemessen erschien?

Also beschloss sie, ihre Pflicht zu vergessen und ihrem Gefühl zu folgen. Ob es wirklich nur ein Zufall war, dass sie während ihrer Wartezeit im Normalraum zwischen zwei Transitionssprüngen, bis die Triebwerke wieder volle Einsatzfähigkeit meldeten, einen arkonidischen Notruf aufgefangen hatten? Oder steckte mehr dahinter? Das Schicksal? Die Hand der Sternengötter?

»Plan- und Kursänderung«, sagte sie. »Wir fliegen die Quelle dieses Notrufs an.« Gleichzeitig huschten ihre Finger wie beiläufig über eine holografische Schaltfläche und sandten damit den entsprechenden Datensatz an den Platz des Piloten.

Dieser zögerte. »K... Kommandantin?«

»Was ist an diesem Befehl nicht verständlich?«, fragte sie. »Oder wollen Sie mir sagen, dass ich die Steuerung persönlich übernehmen muss?«

Der Pilot versteifte sich. »Selbstverständlich nicht. Ich berechne den Kurs.«

Demeira fühlte sich gut; besser als in jedem Moment, seit sie über einen Mittelsmann den Befehl des Imperators – Seine millionenäugige Erhabenheit, lang möge er Hof halten, lang möge er Licht scheißen, bis er eines Tages daran verglühte – entgegengenommen hatte. Sie tat das Richtige. Der Imperator mochte alles planen, und er mochte sogar recht haben dank seiner Hundertschaft an Beratern ... aber er war nicht hier draußen und erlebte den Krieg nicht mit.

Es ist ein Elend, deine Gedanken mit anhören zu müssen, meldete sich der Extrasinn zu Wort.

Wieso? Schämst du dich für mich? Dabei vergisst du wohl, dass du ohne mich nicht existieren könntest. Wir sind eins. Du bist ich.

Glaubst du wirklich, ich hätte es nötig, dass du mich darauf hinweist? Aber eins noch, Demeira, meine Beste: Umgekehrt gilt dasselbe. Du bist auch ich. Und ohne mich wärst du niemals so weit gekommen. Kommandantin mit einem Geheimauftrag des Imperators? Das ist nur möglich, wenn eine Arkonidin über einen aktivierten Extrasinn verfügt.

Weiter?, dachte sie. Worauf willst du hinaus?

Auf gar nichts. Ich wollte dir nur sagen, was du ...

... was ich ohnehin schon weiß. Also, hast du etwas Sinnvolles zur aktuellen Lage beizutragen, Extrasinn?

Sie genoss jede Sekunde dieses inneren Geplänkels. Sie fühlte sich frei. Frei von den Zwängen ihrer Mission. Frei von der übermächtigen Hand ihres Vaters und des ganzen arkonidischen Reiches. Frei von den Millionen Augen des Imperators, der in Wahrheit auch nur zwei in seinem Gesicht trug – die anderen 999.998, die ihm nachgesagt wurden, trugen seine 499.999 willfährigen Helfer in allen Bereichen des Imperiums, die ihm in seinen großartigen Hintern krochen.

Ketzerische Gedanken, fürwahr; Überlegungen, die sie so niemals laut aussprechen durfte. Der Imperator mochte ein guter Herrscher sein – besser als viele vor ihm zumindest, aber das hieß für Demeira nicht, dass sie ihn wie einen Sternengott verehrte. Sie bevorzugte es, für sich selbst zu denken. Und wenn das bedeutete, dass sie einem Hilferuf folgte, um Arkoniden in Raumnot zu retten, dann war es eben so.

Ja, sie fühlte sich so gut, dass sie fast sogar die verfluchten Methans vergessen könnte, die an jedem einzelnen Tag noch mehr Schiffe aufzubringen schienen. Die verdammte Brut der Giftgasatmer war überall.

Demeira, Demeira, tadelte der Extrasinn, ich erkenne dich kaum wieder.

War das so? Sie grinste. Dann auf in eine glorreiche Zukunft! Schauen wir, was uns erwartet!

Wie auf ein Stichwort hin gab der Pilot in genau diesem Moment bekannt, dass er den Kurs berechnet hatte und die EKTEM samt den Einheiten des ganzen Geleitzuges kurz vor dem Aufbruch stand. »Die Triebwerke sind in wenigen Augenblicken zum Start bereit, Ihrem Befehl zu folgen.«

Die Art, wie er es betonte, ließ keinen Zweifel daran, dass er sich vor dem automatischen Aufzeichnungsprotokoll von jeder Schuld freisprechen wollte. Er befolgte einen Befehl, nicht mehr, genau wie es von ihm erwartet wurde. Die Verantwortung trug Kommandantin Demeira on Thanos, die in diesen Sekunden die eherne Regel des Krieges brach: Rettungsmissionen gab es angesichts der zahlenmäßigen Übermacht der Methans nicht – wer zurückblieb, blieb zurück. Nichts und niemand konnte daran etwas ändern.

Außer dem Willen desjenigen, der ein Raumschiff kommandierte.

Hoffen wir, dachte Demeira, dass es sich lohnt.

Der Geleitzug wechselte zu einer Transition in den Überlichtflug.

Crest da Zoltral

Eine Explosion, viel zu nahe, riss Tatjana Michalowna von den Füßen. Einen Augenblick schwankte sie in einer bizarren Haltung, viel zu weit nach hinten gewandt, ehe sie aufschlug. Crest versuchte noch, sie zu greifen und ihr Halt zu geben, doch er hatte Mühe, selbst stehen zu bleiben.

Eine erst farblose, dann grellweiß lodernde Flammenzunge schoss von der Decke. Sie verpuffte binnen eines Lidschlags. Zurück blieb der Gestank verbrannten Sauerstoffs. Crest war klar, wie knapp sie soeben dem Tod entronnen waren.

Ein hochenergetischer Ausbruch, analysierte der Extrasinn auf seine typisch nüchterne Art binnen einer Millisekunde. Plasmatisches Gas aus den Versorgungsleitungen ist frei geworden. Die Energie hat die Sauerstoffmoleküle entzündet. Eine Kettenreaktion wäre leicht möglich gewesen.

Wieso sind wir davon verschont geblieben?

Der Extrasinn zögerte nur eine Sekunde lang; für seine Verhältnisse eine halbe Ewigkeit. Glück, lautete danach seine ebenso unpräzise wie unlogische Analyse.

Etwas hämmerte von hinten gegen Crests Kniekehlen. Mit einem Aufschrei knickte er ein und fiel hin.

Er drehte sich im Sturz, um zu sehen, wer ihn angegriffen hatte, hob dabei instinktiv die Arme zur Abwehr.

Tatjanas Bein war noch ausgestreckt. Crests Blick wandte sich in die Höhe. Wo eben sein Kopf gewesen war, flimmerte ein energetisches Trenn- und Isolierfeld. Dahinter waberte es hell wie das Innere einer Sonne.

»Was ist das?«, fragte Tatjana. Sie hatte ihn natürlich nicht angegriffen, sondern ihn gerettet – und das, ohne zu begreifen, was überhaupt vor sich ging.

»Eine leicht verzögerte Kettenreaktion«, antwortete er. »Vereinfacht gesagt: Dort oben brennt die Luft. Die Schiffspositronik hat ein automatisches Schutz- und Isolierfeld aufgebaut, das den energetischen Ausbruch eindämmt. Dahinter herrschen Temperaturen jenseits unserer Vorstellungskraft. Wenn das Feld nicht zugleich einen optischen Dämpfer eingebaut hätte, könnten wir keinen Blick darauf werfen, ohne zu erblinden.«

»Diese Energiewand hätte Sie um ein Haar zerschnitten!«

Crest atmete tief ein. Mitten durch den Hals, dachte er. »Rücksicht auf mich konnte das Notfallsystem dabei nicht nehmen.«

»Radikale Methode«, sagte die Russin mit ätzender Stimme.

»Die sowohl das Schiff als auch Sie und Trker-Hon gerettet hat. Ohne das Schutzfeld wäre von uns allen nicht einmal Asche geblieben.« Trotz seiner nüchternen Analyse zitterten seine Finger. Auch im Nachhinein schnürte ihm die Angst die Kehle zu. Dennoch konnte er die Empfindung nicht verdrängen, dass es ein gnädiger Tod gewesen wäre – rasch und ohne einen Gedanken, um sich auch nur bewusst zu werden, was überhaupt geschah. In der einen Sekunde noch am Leben, in der nächsten in seine Atome zerblasen.

»Und jetzt?«, fragte Trker-Hon. Er kroch auf die beiden zu, warf dabei immer wieder einen Blick nach oben zu der flirrenden Energiewand. »Nun werden wir noch schlechter Gewalt über das Beiboot bekommen als vorher! Sämtliche Hologramme der Außenbeobachtung sind ausgefallen! Zuletzt haben wir gesehen, dass Schiffe der Methans angeflogen sind. Sollen wir einfach hier sitzen und warten, bis sie unserem ... Wrack mit ein paar gezielten Schüssen den Rest geben?«

Crest zögerte.

Darauf gibt es nur eine Antwort, kommentierte der Extrasinn.

Doch diese wollte der Arkonide nicht aussprechen. Sie klang zu endgültig. Zu ernüchternd. Zu grausam.

»Crest!«, drängte der Topsider.

Also sagte er es doch. »Ja.« Er schloss die Augen. »Warten wir gemeinsam auf den Tod.«

Plötzlich fühlte er eine Berührung. Er sah hin. Tatjanas Finger legten sich um seine. Sie nickte kaum merklich.

2.

Dem Krieg und dem Schicksal entfliehen

D'ihra