Perry Rhodan Neo 79: Spur der Puppen - Christian Montillon - E-Book + Hörbuch

Perry Rhodan Neo 79: Spur der Puppen E-Book und Hörbuch

Christian Montillon

4,0

Beschreibung

Eineinhalb Jahre sind vergangen, seit der Astronaut Perry Rhodan bei seiner Mondlandung auf ein havariertes Raumschiff der Arkoniden gestoßen ist. Im November 2037 ist die Erde kaum wiederzuerkennen. Dass die Menschheit nur eine von unzähligen intelligenten Spezies ist, haben die meisten mittlerweile verstanden, und diese Erkenntnis hat ein neues Bewusstsein geschaffen. Die Spaltung in Nationen ist weitestgehend überwunden. Ferne Welten sind in greifbare Nähe gerückt. Eine beispiellose Ära des Friedens und Wohlstands scheint bevorzustehen. Doch sie kommt zu einem jähen Ende - das stellt Perry Rhodan fest, als er von einer beinahe einjährigen Odyssee zwischen den Sternen zurückkehrt. Das Große Imperium hat das heimatliche Sonnensystem annektiert, die Erde ist zu einem Protektorat Arkons geworden. Während der Widerstand der Menschen seine ersten Erfolge im Kampf gegen die Besatzer erringt, macht sich Rhodan daran, den Auftrag von Rhodanos zu erfüllen. Rhodanos - so nannte sich sein Duplikat, und dieser Mensch ist verstorben. Vor seinem Tod gab er Hinweise, und jetzt muss Perry Rhodan den Puppen Callibsos folgen ...

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Seitenzahl: 243

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Zeit:6 Std. 27 min

Sprecher:Hanno Dinger

Beliebtheit




Band 79

Spur der Puppen

von Christian Montillon

Eineinhalb Jahre sind vergangen, seit der Astronaut Perry Rhodan bei seiner Mondlandung auf ein havariertes Raumschiff der Arkoniden gestoßen ist. Im November 2037 ist die Erde kaum wiederzuerkennen.

Dass die Menschheit nur eine von unzähligen intelligenten Spezies ist, haben die meisten mittlerweile verstanden, und diese Erkenntnis hat ein neues Bewusstsein geschaffen. Die Spaltung in Nationen ist weitestgehend überwunden. Ferne Welten sind in greifbare Nähe gerückt. Eine beispiellose Ära des Friedens und Wohlstands scheint bevorzustehen.

Doch sie kommt zu einem jähen Ende – das stellt Perry Rhodan fest, als er von einer beinahe einjährigen Odyssee zwischen den Sternen zurückkehrt. Das Große Imperium hat das heimatliche Sonnensystem annektiert, die Erde ist zu einem Protektorat Arkons geworden.

Während der Widerstand der Menschen seine ersten Erfolge im Kampf gegen die Besatzer erringt, macht sich Rhodan daran, den Auftrag von Rhodanos zu erfüllen. Rhodanos – so nannte sich sein Duplikat, und dieser Mensch ist verstorben. Vor seinem Tod gab er Hinweise, und jetzt muss Perry Rhodan den Puppen Callibsos folgen ...

Im Zwielicht

In der Dunkelheit, die mich umgibt, schwebt hin und wieder ein Licht.

Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, wann es leuchtet: Immer, wenn derjenige schläft, der mir meinen Körper gestohlen hat. In solchen Momenten wird der Druck, mit dem er mich fesselt und nach unten schiebt, geringer. Die Kontrolle lässt nach, und ich kann für kurze Zeit aufatmen. Mein Bewusstsein wird freier, und ich erahne, wie es war, über meinen Leib selbst bestimmen zu können.

Während all der Pein erinnere ich mich nur dumpf an die Zeit, bevor der Körperdieb gekommen ist. Seit einer Ewigkeit hat die ... die Puppe meinen Leib übernommen und diktiert jede Bewegung, jeden Gedanken.

Mein Name ist Vince Tortino, aber schon früh nannten mich alle nur Tin Can.

Mein Körper gehört seit Jahren einem Fremden.

1.

Graberde

Perry Rhodan, 30. November 2037

»Willst du das wirklich selbst ...«

»Wir müssen«, fiel Perry Rhodan der Frau an seiner Seite ins Wort. Ihre sonst weißen Haare waren hellbraun getönt. Kontaktlinsen färbten die Augen blau. Sie wechselten die Tarnung häufig, um nicht erkannt zu werden. Beide blieben stehen. Sie hörten leise den kleinen Fluss rauschen. Rhodan sah Thora nachdenklich an. »Uns bleibt keine andere Wahl. Die Entscheidung ist längst gefallen.«

Die Arkonidin erwiderte seinen Blick gelassen. »Die Frage ist, ob du es höchstpersönlich tun musst.«

Er zögerte, suchte nach der richtigen Antwort. Aber gab es die überhaupt? Welche Begründung konnte ein Mann dafür vorbringen, an das Grab seiner Eltern zu gehen, mit einer Schaufel in der Hand, um die Särge freizulegen und die Leichen herauszuholen?

Rhodan fühlte, wie sich bei diesen unbehaglichen Gedanken das Enteron, jener geheimnisvolle Symbiont auf seinem Körper, zwischen den Schulterblättern unbehaglich bewegte. Meist wusste er nicht, was der Symbiont wirklich tat – vor allem kannte er noch nicht alle Eigenschaften des seltsamen Gebildes.

Ein Auto rauschte vorbei. Die Rücklichter schaukelten, als es über die Brücke rumpelte, wurden kleiner und verschwanden. Genau an der Stelle war kurz zuvor der Lastwagen verschwunden, in dem Reginald Bull und ein Helfer ihn und Thora abgesetzt hatte, mit nichts als zwei Schaufeln in den Händen – und Waffen in der Tasche, für alle Fälle.

»Danke, dass du mir beistehst«, sagte Rhodan schließlich. »Es ist gut, dass ich es nicht allein ...«

Diesmal war sie es, die ihn unterbrach: »Gern.«

Es war dunkel, kurz vor Mitternacht. Welch ein Klischee, dachte Rhodan. Ausgerechnet um diese Zeit gingen sie zu einem Friedhof, um ein Grab zu öffnen, und das in aller Heimlichkeit. Der Vorteil lag schlicht darin, dass sie bei dieser Tat in der Nacht am wenigsten Aufmerksamkeit auf sich zogen. Deshalb trugen sie auch Schaufeln und verzichteten auf jedes Stück Technologie, das die Aktion womöglich erleichtert hätte. Eine Sonde in das Grab zu schicken, genügte nicht – sie brauchten die Leichen, um sie genau untersuchen zu können. Der Ara Fulkar stand ebenso wie Eric Manoli für eine exakte Autopsie bereit ... sie warteten, dass Rhodan, Bull und Thora ihnen die Leichen brachten.

Wobei die Aussicht auf anstrengende körperliche Arbeit Rhodan davon ablenkte, dass er drauf und dran war, das Grab seiner Familie auszuheben und seine Eltern zu exhumieren. Dass er danach dasselbe beim Grab seiner jung gestorbenen Schwester Deborah tun musste, fiel da kaum noch ins Gewicht.

Oder doch?

Es war Irrsinn.

Aber er musste es tun, und er hatte es auch nicht übers Herz gebracht, diese Aufgabe an jemanden zu delegieren.

»Wir müssen weiter«, forderte Thora.

Er nickte. Sie hatten sich nicht deshalb von ihrem Lastwagen einige Hundert Meter vom Friedhofszugang entfernt absetzen lassen, um Zeit zu verlieren ... sondern damit ein parkendes Fahrzeug keine Aufmerksamkeit wecken konnte.

Reginald Bull fuhr mit dem Wagen einige Runden in der Nähe. Er wartete nur auf ihren Anruf, um den Wagen direkt an der Friedhofsmauer zu parken und die Trage zu bringen, mit denen sie nacheinander die Särge abtransportieren konnten. Mit einem Bagger oder robotischer Unterstützung wäre das alles merklich einfacher gewesen, aber viel auffälliger ... und wenn sie sich eins nicht leisten durften, dann, Aufmerksamkeit zu wecken.

Weder die eines zufälligen Passanten noch die irgendwelcher arkonidischen Robotdrohnen oder sonstiger Überwachungstechnologie. Falls sich die Besatzer der Erde überhaupt um einen alten Friedhof scherten. Vielleicht hätten Rhodan und seine Begleiter auch mit einer ganzen Kolonie Bagger auffahren können. Aber man konnte nie wissen.

An Thoras Seite ging er weiter. Es war kalt. Ihr Atem formte kleine Wolken in der frischen Dezemberluft. Immerhin lag kein Schnee wie sonst üblich zu dieser Zeit. Das erleichterte ihre Aufgabe.

Das Rauschen des Flusses verlor sich hinter ihnen. Es war der Bigelow Brook; Rhodan erinnerte sich genau. An den seichten Ufern dieses Flüsschens, das quer durch Manchester in Connecticut floss, hatte er als kleines Kind oft gespielt. Hatte Steine gewaschen und immer gehofft, Muscheln zu finden, um sie seiner Mutter mitzubringen.

Es erheiterte ihn für einen Augenblick, diese Erinnerung zu haben; als Kind hatte ihm sein Vater tausendmal erklärt, dass es an den Ufern eines Flüsschens mitten in der Stadt keine Muscheln gab ... er hatte trotzdem weitergesucht. Ein Kind konnte sich notfalls seine eigene Welt bauen. Aber nichts, was sich der kleine Perry Rhodan ausdachte, hatte ihn auf das vorbereiten können, was ihn draußen im All erwartete – nichts war so wunderbar gewesen, und so schrecklich.

Was Kinder heutzutage wohl taten, die nun so alt waren wie er damals? Spielten sie ebenfalls im Bigelow Brook, obwohl dieser genau wie Manchester, ganz Amerika und die komplette Erde unter arkonidischer Herrschaft stand? Die Heimat der Menschen war zu einem Protektorat des Großen Imperiums geworden. Besetzt von den Arkoniden, die eigentlich die Position der Erde nicht hätten wissen dürfen.

Perry Rhodan war mit einer Handvoll Gefährten nach Arkon aufgebrochen und hatte sie erfolgreich aus dem Epetran-Archiv gelöscht – nur um bei seiner Rückkehr festzustellen, dass ihr Einsatz und all ihre Opfer umsonst gewesen waren. Das Imperium hatte die Erde besetzt. Wie die Arkoniden an ihre Position gekommen waren, blieb zumindest vorerst noch ein Rätsel.

Dichte hohe Bäume wuchsen an den Seiten des Friedhofs. Vor Rhodan tauchte im Licht einer etwas entfernt stehenden Straßenlaterne ein flacher weißer Bungalowbau auf, dahinter, in die Friedhofsmauer integriert, erhob sich ein roter Ziegelsteinbau. Beides waren Lagergebäude.

Seit Rhodans Kindheit hatte sich hier nichts verändert – er erinnerte sich an diesen Anblick. Das Grab seiner Schwester Deborah hatte er schon viel zu früh besuchen müssen, nachdem sie an ihrer Drogensucht gestorben war. Und nun kehrte er mit einer makabren Mission zurück und sinnierte darüber nach, dass die Welt an diesem Ort seit einigen Jahrzehnten die gleiche geblieben zu sein schien. Ob es Pietät war, eine Art Ehrfurcht oder Scheu vor den Toten, die sich sogar auf die Arkoniden übertragen hatte?

Anderswo gehörten Roboteinheiten zunehmend zum Straßenbild. Gleiter, die über den Köpfen hinwegzischten, erinnerten immer wieder an die Gegenwart der Besatzer. Zugegeben, die Arkoniden verhielten sich in mancherlei Hinsicht unauffällig, aber nirgends waren sie Rhodan bislang so völlig unpräsent erschienen wie an diesem Ort ... an genau jenem Friedhof, in dem seine Familie begraben lag, deren Ruhe er nun stören musste.

Sie könnten es verstehen, sagte er sich. Sie würden wollen, dass ich es tue.

Rhodan und Thora erreichten das Haupteingangstor, das mitten in der Nacht verschlossen war. Bereits vor der arkonidischen Besatzung, bevor Rhodan überhaupt mit der STARDUST zum Mond gestartet war, war dies landesweit so verordnet worden. Nächtliche Verwüstungen hatten überhandgenommen. Es war offenbar der letzte Schrei unter einer gewissen Sorte Jugendlicher gewesen, Graberde zu stehlen und darauf Haschpflanzen zu ziehen – ein Teil der damals alltäglichen Probleme, nach denen sich die Bevölkerung der Erde inzwischen zurücksehnte. Es war überschaubar gewesen. Normal.

Sie gingen einige Schritte weiter, kletterten an einer tief liegenden Stelle über die Mauer. Die Schaufeln warfen sie vor, sie landeten mit einem hellen Klacken auf der anderen Seite.

Sowohl Rhodan als auch Thora trugen unauffällige Zivilkleidung und führten Papiere mit sich, die jeder Überprüfung standgehalten hätten. Die Besatzer waren klug genug, die alten Strukturen der Gesellschaft nicht aufzulösen, sondern sich ihrer zu bedienen und die Menschheit von einem höheren Level aus zu beherrschen.

Auch die Terranische Union bestand weiterhin. Administrator Homer G. Adams und die Mehrzahl der Koordinatoren der Regierung waren im Amt geblieben. Nach außen hin hatten sie sich der arkonidischen Herrschaft gebeugt, ja, begrüßten sie sogar. Tatsächlich aber arbeiteten sie gegen die Besatzer, unterstützten den Widerstand von Free Earth und hofften auf eine Gelegenheit, die neuen Herren loszuwerden – wenngleich es angesichts der Übermacht des Imperiums eine verwegene Hoffnung darstellte.

Doch sie würden nicht aufgeben. Die Begegnung mit Rhodanos, seinem Duplikat, hatte Perry Rhodan davon überzeugt, dass es für die Menschheit um mehr ging als um die Besatzung durch die Arkoniden. Rhodan selbst und alle Menschen waren in das geheimnisvolle Ringen verstrickt. Und er musste herausfinden, in welcher Weise, sollte die Menschheit langfristig eine Überlebenschance haben.

Rhodan flankte über die Mauer. Als er sich umdrehte, um nach Thora zu sehen, bückte diese sich bereits und hob ihre Schaufel auf.

»Du kennst den Weg?«, fragte sie.

Er nickte. Manches vergaß man wohl nie. Es versetzte ihm einen Stich, als er daran dachte, wie seine Schwester beerdigt worden war. Oder seine Eltern. Deborah war an ihrer Drogensucht gestorben; Meth hatte sie zugrunde gerichtet. Ihre Augen waren schon vor dem Tod leer gewesen.

Mit traumwandlerischer Sicherheit fand Perry Rhodan auch im Dunkeln den Weg durch das Labyrinth an Pfaden, mitten im Meer aus meist einfachen Grabsteinen.

Thora folgte ihm. Beide schwiegen.

Das Doppelgrab war schlicht, eines von vielen in einer langen Reihe. In einem ruhten Rhodans Eltern, im anderen seine Schwester. Gras wuchs darüber, ein Stück der Wiese, einfach, harmonisch ... und gepflegt. Jemand schien sich darum zu kümmern, und das besser, als es ihm selbst jemals möglich gewesen war. Der Gedanke versetzte ihm einen Stich.

Er drückte die Schaufel mit dem Fuß in den Boden. Das Erdreich war weich. Thora grub mit ihm, und bald häufte sich ein kleiner Hügel aus Graberde neben ihnen. Rasch schmerzten die Muskeln der Oberarme – in gewissem Sinn das einzig Angenehme dieser Situation, denn was immer ihn ablenkte, war gut. Das Enteron floss wie ein warmes Pflaster über die angestrengten Muskeln. Rhodan fühlte ein Kribbeln, als würde der Symbiont ihn leicht massieren.

Die Anstrengung ließ Rhodan schneller atmen. Er schmeckte Staub, der sich auf seinen Gaumen legte. Er wandte sich ab, schluckte, ehe er husten musste. Er atmete konzentriert durch die Nase; es roch ein wenig torfig, und wie nach einem frisch gemähten Rasen. Das Aroma von Graberde war nicht anders, als ein Loch zu graben, um einen Baum zu pflanzen.

Perry Rhodan weinte.

Thora musste es sehen, aber sie sagte nichts, sondern grub weiter. Noch ein Grund, ihr dankbar zu sein. Thora war einen langen Weg gegangen. Von ihrer ursprünglichen Verachtung der primitiven Menschen war nichts mehr geblieben. Die Arkonidin hatte nach und nach innerlich die Seiten gewechselt. Und jetzt tat sie es auch äußerlich, wie es der zupackenden Thora entsprach. Sie stand an Rhodans Seite – gegen ihr eigenes Volk.

Irgendwann stieß das Schaufelblatt auf Holz. Sie hatten die Überreste der Särge erreicht.

»Ich erledige den Rest, lege die Särge komplett frei und schaue nach dem ...« Thora zögerte. »Nach dem Zustand der Leichen.«

Es war ein Befehl, und Rhodan beugte sich ihm. So muss sie damals gewesen sein, dachte er. Als sie noch die AETRON kommandiert hat. Er stieg aus dem Grab, stand unschlüssig daneben und wandte sich schließlich ab, trat einige Schritte zur Seite. Es genügte, was er hörte: das Knarren eines alten Scharniers; ein Knacken und Brechen von Holz; ein schleifendes Geräusch; ein Aufprall; Thora, die leise auf Arkonidisch fluchte.

Perry Rhodan stellte keine Fragen, und er war froh, dass Thora sich ihm nicht erklärte. Aber jemand musste nachschauen, wie stark die Leichen inzwischen verwest waren und ob überhaupt eine medizinische Autopsie möglich war. Viele Faktoren spielten eine Rolle, wie schnell eine Leiche verweste; an manchen Orten ging es rascher, an anderen langsamer.

Rhodan ging einige Schritte zur Seite, atmete tief die angenehm kühle Nachtluft und sah die Silhouetten zweier Gestalten in der Dunkelheit. Sie bewegten sich schweigend auf ihn zu.

Es blieb keine Zeit zum Überlegen; es war auch nicht nötig. Rhodan stellte sich sofort auf die neue Situation ein. Selbstverständlich hatten sie im Vorfeld etliche Varianten durchdacht – was, wenn Arkoniden kamen? Eher unwahrscheinlich, die Besatzer überließen solche Kontrollen der Terra Police, die sie in ihren Dienst gestellt hatten. Doch die Terra Police war nicht zimperlich, ebenso wenig wie die Justiz, die die Festgenommen in Schnellprozessen rasch verurteilte. Oder Polizisten der örtlichen Behörden? Wenn sie die Aufmerksamkeit harmloser Passanten von außerhalb auf sich zogen? Oder von echten Agenten der Homeland Security, die sich auf die Jagd nach angeblichen Leichenschändern begaben?

Perry Rhodan musste improvisieren. Darin hatte er inzwischen eine Menge Übung.

Als die beiden Fremden näher kamen, stellte er zuerst fest, dass es sich nicht um Arkoniden, sondern um Menschen handelte. Danach fiel ihm etwas auf, das ihn weitaus mehr traf: Die Neuankömmlinge waren eben gerade keine Fremden. Perry Rhodan erkannte sie sofort.

So viel dazu, ruhig zu bleiben und die Rolle des Homeland-Security-Agenten zu spielen, der mit seiner Partnerin einen wichtigen Auftrag erledigt und sich deshalb jede Einmischung verbietet ...

Zwar war er genau wie Thora leicht kosmetisch maskiert – eine andere Haar- und Augenfarbe sowie eine funktionslose Brille und eine Baseballmütze wirkten in dieser Hinsicht Wunder. Aber die beiden Menschen, die er als Kind Onkel Stephen und Tante Charlene genannt hatte, würden sich davon nicht täuschen lassen. Zwar waren sie keine echten Verwandten, wohl aber für lange Jahre die Nachbarn der Familie Rhodan gewesen.

Er beschloss, in die Offensive zu gehen. »Stephen«, sagte er, noch ehe die beiden vor ihm stehen blieben und ehe sie erkannten, wer da vor ihnen stand. »Charlene! Es gibt da einiges, das ich euch erzählen muss.«

Die Worte trafen die Neuankömmlinge wie ein Faustschlag. Sie mussten Anfang siebzig sein. Stephens Gesicht war voller Falten. »Was ... wer sind Sie?«, herrschte er Rhodan an. Er hielt die Hand in der Tasche seiner schwarzen Jacke. Dort verbarg er allzu schlecht eine Handfeuerwaffe. »Was treiben Sie hier am Grab?« Seine Stimme zitterte vor Empörung.

»Aber Steph«, sagte seine Frau. »Erkennst du ihn denn nicht?«

Rhodan legte den Kopf in den Nacken, nahm die Brille ab.

»Perry«, sagte der ehemalige Nachbar fassungslos. »Was tust du beim Grab deiner Familie? Warum ... warum hebst du es aus?«

»Woher wisst ihr, dass ich hier bin?«

»Das wird dir vielleicht nicht gefallen«, sagte Charlene Donaldson.

Ihr Mann drehte sich zu ihr um. »Der Junge gräbt die Särge seiner Eltern aus! Da wird er sich wohl kaum an dem stören, was wir so verbrochen haben.«

»Lass gut sein, Steph! Perry hat seine Gründe. Richtig? Die hast du doch, Junge, oder?«

Junge, dachte Rhodan. So war er lange nicht mehr genannt worden. Aber er hatte auch nie zuvor nachts auf einem Friedhof eine Leiche exhumiert. »Ich habe Gründe, ja«, sagte er. »Und ich muss mich drauf verlassen können, dass niemand außer euch von dieser Aktion weiß. Wird jeden Moment die Polizei anrücken?«

»Ich habe meinen Pod in der Hosentasche und müsste nur ein Sensorfeld antippen, um sie zu alarmieren«, gab Mr. Donaldson zu. »Aber ich glaube nicht, dass das notwendig ist.«

»Ganz sicher nicht«, sagte Rhodan erleichtert.

»Aber was tust du hier?«

»Vertraut ihr mir?«

Charlene nickte. »Wenn wir dir nicht vertrauen können, wem sonst?«

»Ihr wisst wahrscheinlich, dass ich ...«

»Wir wissen alles über dich, was man nur wissen kann«, unterbrach Stephen Donaldson. »Das Netz ist voll von Meldungen über dich.«

»Darum haben wir ja gemerkt, dass du hier bist«, ergänzte seine Frau. »Also genauer, dass sich irgendjemand an den Gräbern zu schaffen macht.«

»Aus dem Netz?«, fragte Rhodan erschrocken. »Aber ...«

»Natürlich nicht«, sagte Mr. Donaldson scharf. »Charly, drück dich doch nicht immer so verquer aus!«

Die beiden waren noch genauso wie früher. Rhodan hätte darüber lachen können, wenn die Situation anders gewesen wäre. Ziemlich anders.

»Junge«, sagte Stephen Donaldson, »es ist so, dass sich die Leute im Netz die Finger blutig tippen und die Münder wund diskutieren über dich. Das weißt du selbst. Du bist eine Berühmtheit, ob dir das gefällt oder nicht. Und es gibt Leute, die ...« Er stockte. »Nun, sie pilgern zu deinem Elternhaus, sie schauen sich deine alte Schule an – lauter solche Dinge.«

»Fans«, kommentierte Charlene. »Und weil diese Leute auch das Grab deiner Familie als ... also ... wie soll ich sagen ...« Sie wand sich.

»Das Grab ist eine – Sehenswürdigkeit?«, fragte Rhodan verblüfft. Die Vorstellung versetzte ihm einen Stich.

Beide nickten. »Wir haben neben dem Grabstein eine Mini-Überwachungskamera angebracht«, sagte Mr. Donaldson. »Nur zur Sicherheit. Für alle Fälle. Da merkten wir natürlich, dass sich jemand am Grab zu schaffen macht. Wir konnten aber weder dich noch deine Begleiterin erkennen. Da haben wir uns gleich auf den Weg gemacht. Wir wohnen immer noch ganz in der Nähe, weißt du?«

»Gut.« Rhodan atmete tief durch. »Ihr vertraut mir, ja? Dann glaubt mir bitte, dass das, was wir hier tun, einen guten Grund hat. Wir müssen etwas nachforschen. Danach bringen wir die Sache, so gut es geht, wieder in Ordnung. Ihr geht nach Hause, löscht alle Aufzeichnungen dieser Überwachungskamera und vergesst, dass ihr mich getroffen habt. Einverstanden?«

»Hat es mit den Arkoniden zu tun?«, fragte Charlene.

»Ja«, log er, und es fühlte sich bitter an. Aber je weniger die beiden wussten, umso besser.

»Das reicht mir nicht!«, herrschte Stephen Donaldson ihn an. »Ich wüsste gern, was du am Grab deiner Eltern und deiner Schwester tust!«

»Es ist schwer zu erklären.«

»Wir haben Zeit.«

»Ich habe den Verdacht, dass die Arkoniden die Leichname meiner Familie an sich genommen haben.« Es tat Rhodan weh, die beiden zu belügen, aber es musste sein. »Das muss ich überprüfen.«

Die Wahrheit musste er für sich selbst behalten. Und außerdem hätten sie ihm ohnehin nicht geglaubt, dass er vor wenigen Tagen sich selbst begegnet war. Besser gesagt: seinem Duplikat. Erschaffen aus einer Schablone, die man von ihm heimlich auf der Elysischen Welt im Arkon-System angefertigt hatte.

Rhodanos hatte sich diese Kopie genannt. Ein Name, den ihm ein guter, nichtmenschlicher Freund verliehen hatte, Tolotos. Dieser Tolotos hatte dem Duplikat den Weg zur Erde gebahnt, wo er mit beinahe leeren Händen angekommen war. Rhodanos war ein alter Mann gewesen, vielleicht ein vorzeitig gealterter. Abgrundtiefe Verzweiflung hatte ihn zu seinem Vorstoß getrieben. Rhodanos hatte geglaubt, Rhodan rechtzeitig anzutreffen, um ihn am Flug zur Elysischen Welt zu hindern, zu verhindern, dass man eine Schablone anfertigte – und schließlich, dass man aus dieser Schablone Hunderte von Duplikaten wie Rhodanos anfertigte, verurteilt zu einem Leben in Qual.

Doch Rhodanos war zu spät gekommen, die Schablone existierte bereits.

Aber vielleicht, so hatte Rhodanos neue Hoffnung geschöpft, hatten sie eine weitere Chance. Rhodan musste zur Elysischen Welt zurückkehren und die Schablone vernichten, bevor man mit ihrer Hilfe Duplikate herstellte. Und Rhodanos wusste einen Weg dorthin: über Callibso, den Herrn von Derogwanien. Callibso hatte Puppen auf die Erde gebracht, um zu verhindern, dass Perry Rhodan zum Mond flog. Folge den Puppen, Bruder!, hatte Rhodanos ihn angefleht, bevor er gestorben war.

Genau das tat Perry Rhodan. Aus Mitgefühl mit dem gequälten Mann, der eine Kopie seiner selbst gewesen war. Um das Leid zu verhindern, dass seine Duplikate erleiden sollten. Um mehr über das Ringen zu erfahren. Und nicht zuletzt, um mehr von seinem eigenen Leben zu wissen. Callibsos Puppen, so der ungeheuerliche Verdacht, hatten versucht, seinen Lebensweg zu lenken. Hatten zu verhindern versucht, dass er Astronaut wurde, dass er mit der STARDUST zum Mond flog und dort auf die gestrandete AETRON stieß. Und dazu hatten sie sich womöglich ebenso ungeheurer wie subtiler Mittel bedient: Sie hatten unbemerkt Menschen übernommen, die Perry Rhodan nahestanden.

Seine Eltern, angeblich. Oder seine Schwester Deborah. Diejenigen, die ihm nähergestanden hatten als irgendjemand sonst, waren vielleicht gar nicht sie selbst gewesen, sondern von Callibsos Puppen beseelte Körperhüllen. Das musste er überprüfen. Es betraf ihn unmittelbarer als alles zuvor, traf ihn mitten ins Herz.

Diesem Hinweis, diesem ungeheuerlichen Verdacht hatte Rhodan nachgehen müssen. So war er nach einigen Vorbereitungen mit Reginald Bull und Thora zum Friedhof gekommen.

Thora stieg soeben aus dem Grab und kam durch die Dunkelheit auf ihn zu. Sie deutete schweigend auf das Ehepaar Donaldson.

»Unsere ... Gäste sind nicht gefährlich«, erklärte Rhodan. »Und sie wollten gerade gehen.«

»Richtig«, sagte Mr. Donaldson. Seine Frau kam auf Rhodan zu und umarmte ihn impulsiv. »Mach's gut, Junge.« Dann verschwanden die beiden. Ihre Schritte verhallten in der Finsternis.

»Ist alles bereit?«, fragte Rhodan.

Thora zögerte. »Ich habe Reginald Bull bereits per Pod gerufen. Er parkt den Lastwagen und bringt die Trage für die Särge.« Sie räusperte sich. »Die Leichen waren nicht mehr ... also, sie liegen schon lange im Grab. Die Verwesung ist fortgeschritten, aber den Ärzten sollten genauere Untersuchungen möglich sein.«

Rhodan schloss die Augen.

»Bereust du, dass du persönlich mitgekommen bist?«, fragte Thora.

»Nein. Es musste sein.«

Er hörte, wie Reg und ihre Helfer kamen. Alles war bereit.

Zu viert schafften sie die drei Särge in den bereitstehenden Lastwagen und ließen den Friedhof hinter sich. Für Rhodan ging damit gewissermaßen ein Albtraum zu Ende ... oder nahm erst seinen Anfang.

Der Ara Fulkar und Eric Manoli, die beiden wohl besten Ärzte, die Rhodan kannte, warteten in einer Arztpraxis auf sie, deren Besitzer für Free Earth arbeitete. Er hatte ihnen im Voraus sein komplettes Haus, in dem die Praxis lag, ohne weitere Fragen zur Verfügung gestellt und sich danach verabschiedet. Es sei ihm eine Ehre, Rhodan persönlich helfen zu können, hatte er gesagt, auch ohne die genauen Umstände zu kennen.

Rhodan wartete mit Reg im Wohnzimmer, während Fulkar und Manoli die Leichen seiner Eltern und seiner Schwester untersuchten. Thora unterstützte sie dabei.

Die beiden Männer schwiegen, aber es war nicht unangenehm. Rhodan war froh darüber, nicht allein sein zu müssen. Die Zeit verging quälend langsam, aber weder Rhodan noch Bull war nach Schlafen zumute.

Bis Thora und die beiden Ärzte endlich den Raum betraten, brach bereits der Morgen an. Verwaschene Helligkeit fiel durch die Fenster herein.

Dr. Eric Manoli war der Bordarzt der STARDUST gewesen, mit der Perry Rhodan und Reginald Bull zum Mond geflogen waren; ein tiefes Vertrauen verband die drei Männer. Fulkar hingegen war ein Ara, ein dürrer, hochgeschossener Mann mit kahlem Schädel – und eine Koryphäe auf dem Gebiet der Medizin, der außerdem die meiste Erfahrung auf dem Gebiet der außerirdischen Biologie aufwies. Wobei es in diesem Fall um Menschen unter bislang undefinierbarem, außerirdischem Einfluss ging.

»Wir haben das Problem gelöst«, sagte Fulkar, und er klang fasziniert, als läge ein großes Abenteuer hinter ihm.

»Wir suchten nach einem biologischen Merkmal, das bei einem Menschen vorhanden sein muss, wenn dieser für eine gewisse Zeit von einem fremden ... Bewusstsein besetzt oder gesteuert worden ist«, erläuterte Eric Manoli. »Unsere grundlegende Annahme war, dass es Auswirkungen im Gehirn geben muss. Weil die Puppe den Körper des eigentlichen Menschen übernimmt, in den sie hineinspringt, muss sich das im Gehirn irgendwie bemerkbar machen. Und ehe irgendjemand die Frage stellt: Nein, ich weiß nicht, wie diese Bewusstseinsübernahme oder -verdrängung vor sich geht.«

»Leider«, ergänzte Fulkar. »Es wäre faszinierend, und ich hoffe auf weitere Erkenntnisse. Ohne mehr Informationen sind jegliche Spekulation in dieser Hinsicht allerdings müßig, auch zum Thema, was mit dem verdrängten Eigenbewusstsein des Körpers geschieht. Um hier eine wissenschaftlich tragbare Hypothese aufzustellen, benötigen wir Daten. Allerdings steht zu vermuten, dass das Eigenbewusstsein weiterhin existiert.«

Rhodan nickte. Er versuchte zu vergessen, dass es bei all dem um seinen Familie ging, die möglicherweise von den fremden Bewusstseinen der Puppen unterdrückt worden waren.

»Das menschliche Gehirn unterscheidet sich in einigen Punkten etwas vom arkonidischen«, erklärte Fulkar. »Das ist eine gute Vergleichsmöglichkeit, um unsere grundlegende Idee zu schildern. Das menschliche Gehirn hat zum Beispiel nicht die Fähigkeit, einen Extrasinn auszubilden und im Dialog damit zu stehen. Deshalb sind gerade die Bereiche, die das Bewusstsein ausbilden und in denen das Bewusstsein ankert, vergleichsweise primitiver ausgebildet.«

Bull gab einen undefinierbaren Laut von sich.

»Was aber auch bedeutet, dass es im menschlichen Gehirn ein großes Potenzial gibt, dass sich gerade diese Bereiche weiter und stärker ausbilden«, sagte Fulkar. »Ich postulierte also, dass eine Puppe in den zu übernehmenden Körper eindringt und mit dessen Eigenbewusstsein kämpft. Vermutlich kann die Puppe es blitzartig verdrängen, muss aber ständig dafür sorgen, dass sie die Oberhand behält.« Der Ara legte die Hände vor der Brust zusammen, deutete dann auf Perrys Oberarme. »Was dann geschieht, kann man sich in einem sicher unzulänglichen Vergleich vorstellen wie ein Muskel, der speziell trainiert wird. Die entsprechenden Gehirnregionen werden durch diesen ständigen unterschwelligen Kampf gestärkt, bilden sich größer und widerstandsfähiger aus. Neue Nervenverbindungen entstehen. Stellen Sie es sich vielleicht wie ein Netz vor, das das unterdrückte Bewusstsein automatisch in der unterdrückten Tiefe hält.«

»Und diese Nervenregionen können Sie anmessen?«, fragte Mercant. Er klang hörbar fasziniert.

»Exakt. Man wird sie bei keinem Menschen finden, der nicht von einer Puppe übernommen worden ist, denn es trifft wohl auf niemanden sonst zu, dass er mit einem fremden Bewusstsein im eigenen Körper kämpft. Es ist uns gelungen, diesen Bereich exakt zu lokalisieren. Dazu war eine der Leichen ...« Der Ara stockte, wohl weil er merkte, dass er ethisch sensibles Gebiet berührte.

»Sie war aussagekräftig«, fuhr er schließlich fort. »Es gibt einen Bereich im Gehirn, den die irdische Wissenschaft Formatio reticularis nennt. Er stimuliert die cortikale Aktivität, ohne die es kein waches Bewusstsein gäbe. Unserer Theorie nach müsste der Formatio reticularis bei einer Person, die von einer Puppe besessen ist, also stärker ausgebildet sein, weil er ständig beansprucht und gewissermaßen im Kampf mit dem Originalbewusstsein steht.«

Bull atmete tief und geräuschvoll durch. »Wir sprechen also von einer ... Besessenheit?«

»Ein allzu mystisch und mythisch verbrämter Begriff«, meinte Fulkar, »aber im Prinzip ja. Wenn man die ganzen legendarischen Ausprägungen und Schlussfolgerungen außer Acht lässt.«

»Dennoch stellt sich mir eine Frage«, sagte Bull. »Um bei dem Begriff der Besessenheit zu bleiben, wie sieht es mit einem ... Exorzismus aus? Kann man die Puppe wieder aus dem Körper vertreiben?«

»Hier könnten wir nur Spekulationen ohne jegliche Grundlage anstellen«, antwortete Manoli. »Das sollten wir vermeiden.«

»Und?«, drängte Rhodan. »Sind meine Eltern und Deborah von Callibsos Puppen übernommen worden?«

»Dein Vater nicht«, erklärte Eric Manoli. »Deine Schwester ebenfalls nicht, soweit wir es bestimmen können. In ihrem Fall war der Verwesungsprozess schon zu weit fortgeschritten, als dass wir uns völlig sicher sein könnten. Es bedarf besserer Medotechnologie, als sie uns hier zur Verfügung steht, um es in Deborahs Fall zu rekonstruieren.«

Rhodan schloss die Augen. »Also mein Vater und Deb nicht. Aber?« Er stellte die Frage, obwohl er die Antwort schon kannte. Sie war zwingend logisch.

Im Morgendämmer

Ich erwache aus einem Dämmerschlaf, und ich begreife, wer ich bin: Tin Can. Dieser Name kommt als Erstes aus der Schwärze in mein Bewusstsein zurück. So nennen sie mich schon seit Jahren. Oder den, den sie für Tin Can halten, denn er ist in Wahrheit eine Puppe. Der Splitter eines mir unbegreiflichen Wesens namens Callibso.

Diese Puppe hat mir vor vielen Jahren meinen Körper gestohlen und unterdrückt seitdem mein Bewusstsein. Ich versuche, dagegen anzukämpfen, aber ich bin zu schwach. Meist bekomme ich nichts mit, schlafe oder dämmere dahin, tagelang, wochenlang. In guten Zeiten allerdings kann ich in das Leben, in die Erinnerungen des Körperdiebes schauen, kann mich hineinverschränken und hineintauchen, bis ich glaube, ich wäre es selbst.

Ich lese die Erinnerungen der Puppe, die mein Leben lebt; sie hat mich schon so früh übernommen, dass ich noch nicht einmal den Spitznamen Tin Can erhalten hatte:

Ich bin die Puppe Tankin, und ich blicke in dieses wunderbare, herrliche Antlitz: mein Meister. Der Grund meiner Existenz: Callibso.

Er hat es mir ermöglicht, meinen Puppenkörper zu verlassen und in diesen Menschen zu springen, den ich nun zum ersten Mal aus seinen eigenen Augen sehe. Es wundert mich: Es ist ein Kind. Aber Callibso weiß bestimmt, warum er mich in den Körper eines Kindes schickt, mir den Körper eines Kindes schenkt.