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Das Jahrbuch »Querdenken 2014« präsentiert die neuesten Erkenntnisse aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. Mit den besten Texten von namhaften Autoren wie Manfred Lütz, Hans-Ulrich Grimm, Manfred Spitzer oder Susanne Schmidt. Übersichtlich nach Themen gegliedert, liefern die Texte wichtige Denkanstöße für das kommende Jahr.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 296
Veröffentlichungsjahr: 2013
Querdenken 2014
Das Wichtigste aus Politik, Wirtschaft und Kultur
Herausgegeben von Lilo Göttermann
Knaur e-books
Wird nicht überall manipuliert, getrickst, gefälscht? Der renommierte Psychiater Manfred Lütz spießt das allgemeine Unbehagen an der medial inszenierten Pseudowirklichkeit auf und bestärkt uns, wieder ein Gefühl für das eigene, das eigentliche Leben zu entwickeln.
Steht hinter den Fußballweltmeisterschaften eine »Fifa-Mafia«? Erfahren Sie alles über die Kriminalgeschichte des weltgrößten Sportverbandes.
Macht unser Gesundheitswesen die Menschen krank und das Land arm? Der profilierteste Medizinjournalist Werner Bartens zeigt, wie Krankheiten erfunden und weshalb unnötige Medikamente verschrieben werden.
»Querdenken 2014« beantwortet diese und viele andere spannenden Fragen nach den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen, übersichtlich nach Themen gegliedert.
Neueste Forschungen, erstaunliche Erkenntnisse und mitunter kontroverse Standpunkte: mit den besten Texten von namhaften Quer- und Selbstdenkern wie Manfred Lütz, Werner Bartens oder Manfred Spitzer oder Susanne Schmidt.
Wo immer Sie das Buch aufschlagen und zu lesen beginnen – Sie werden ungewohnte Einblicke erhalten und interessante Gedanken entdecken. Damit Sie heute schon wissen, was 2014 die Welt bewegen wird.
Lilo Göttermann
Aus dem modernen Leben
Manfred Lütz
Der erfolgreiche Manager bekommt einen Anruf: »Ich hätte da eine interessante Position für Sie.«
»Danke, ich bin mit meinem Job zufrieden.«
»Entschuldigung, wissen Sie denn nicht, dass man Ihnen gekündigt hat?« – »Nein, ich weiß von gar nichts.« Doch der Anrufer hat recht.
Der Manager ist wie vom Donner gerührt. Für einen Moment denkt er, das, was er da gerade gehört hat, müsse eine Einbildung sein, das könne nicht wirklich wahr sein. Erst langsam dämmert ihm, dass ihm tatsächlich gerade eben der Teppich unter den Füßen weggezogen wurde.
Nicht immer geht es so dramatisch zu, doch jeder Mensch hatte schon einmal das Gefühl, im falschen Film zu sein. Es sind meist vorübergehende irritierende Momente. Wenn plötzlich der Lehrer, der Professor, der Chef in einer entscheidenden Situation etwas fragt, womit man überhaupt nicht gerechnet hatte. Obwohl man sich doch auf alles, auf wirklich alles, gründlich vorbereitet hatte. Eine Frage wie von einem anderen Stern. Und man hat nicht den blassesten Schimmer, auf was der Mann da hinauswill. Dennoch spürt man genau, dass das nicht irgendeine Frage ist. Alles scheint von der Antwort abzuhängen. Das Herz schlägt einem bis zum Hals, das Adrenalin meldet eine Notfallreaktion, mit einem Mal erscheint die ganze Umgebung unwirklich grell. Man möchte auf der Stelle in den Boden versinken, möchte aus dem Alptraum aufwachen, man möchte, dass es einem wie Schuppen von den Augen fällt. Aber nichts tut sich: Die Welt des Fragestellers scheint Lichtjahre von der eigenen Welt entfernt zu sein. Wie immer man es wendet: Die Wirklichkeit, nach der soeben gefragt wurde, kommt in der eigenen Wirklichkeit einfach nicht vor. Und für einen ganz kurzen Moment kann die Frage aufblitzen: Könnte es sein, dass dieser Zustand nie mehr aufhört, dass plötzlich klarwird, dass man sich in einer Welt verlaufen hat, die gar nicht die wirkliche Welt ist? Und wenn es nur eine einzige wahre Welt geben kann, lebt man dann vielleicht selbst seit langem schon, ohne es zu bemerken – in einer grandiosen Fälschung? Ist die Welt, ist das Leben, ist mein Bewusstsein, zu existieren, ein einziger großer Bluff?
Solche erschütternden Augenblicke maßlosen Entsetzens verstören für kurze Zeit unser Zutrauen zu der Welt, in der wir leben. Und weil das kein Mensch lange aushält, beeilen wir uns, das Ganze herunterzuspielen. Wir reden uns selbst beruhigend zu, wie Kindern, denen man mit eindringlicher Stimme erklärt, dass es den bösen Wolf in Wirklichkeit gar nicht gibt. Was bekanntlich weder wirklich noch metaphorisch die Wahrheit ist, aber dem Kind den Schlaf und uns das ruhige Gewissen zurückgibt, das Kind nicht unnötig geängstigt zu haben. Das Valium, mit dem wir unser Erschrecken in solchen Momenten der Irritation wegschaffen, um schleunigst unser inneres Gleichgewicht wiederherzustellen, ist entweder Arroganz oder Bescheidenheit. Entweder wir erklären den Fragesteller für irgendwie verrückt, oder wir geben zu, dass wir die richtige Antwort gewusst hätten, wenn wir uns nur besser vorbereitet hätten. Und damit scheint die Kuh fürs Erste vom Eis. Unsere Welt ist wieder in Ordnung, eine Welt, in der es unumstößliche Wahrheiten gibt, die alle kennen und über die alle also selbstverständlich miteinander reden können. Oder etwa nicht?
Doch wer tiefer nachdenkt, den beginnt es bei dem Gedanken zu frösteln, dass es auch ganz anders sein könnte, dass nämlich das erschreckende Gefühl, in einem völlig anderen Film zu leben, die Wahrheit sein könnte. Es beschleicht ihn die Furcht, dass die Welt, in der er und nur er lebt, möglicherweise gar nicht die wahre Welt ist. Und dass es irgendwann einmal eine Frage, ein Erlebnis oder einfach einen Knall geben könnte, der den ganzen Schwindel entlarvt und klarmacht, dass die Welt ein gigantisches Theaterspiel ist, eine aufwendige Inszenierung, die einem die tröstende Illusion vermittelt, von anderen verstanden zu werden und selber andere zu verstehen, obwohl in Wahrheit niemand, absolut niemand, so denkt und so fühlt wie man selbst. Also noch einmal die Frage: Könnte es nicht sein, dass die Welt, in der wir zu leben meinen, nichts anderes ist als eine einzige spektakuläre Fälschung?
Nichts spricht dafür, werden Sie vielleicht sagen. Bisher sind Sie ganz selbstverständlich davon ausgegangen, dass Sie aus Erfahrung im Großen und Ganzen wissen, was und wie die Welt wirklich ist, und Sie haben diese Erfahrung ganz problemlos an andere weitergegeben. Doch auch da gibt es einen beunruhigenden Gedanken. Kein Mensch hat schon einmal im nächsten Jahr gelebt, im nächsten Monat, am nächsten Tag, ja noch nicht einmal in der nächsten Minute. Daher kann auch niemand mit Sicherheit sagen, dass nicht in der nächsten Minute etwas ganz Außerordentliches, nie Dagewesenes passieren wird, das alles in Frage stellen wird, von dem wir bisher ausgegangen sind. Und wenn bis jetzt der Eindruck von der Welt, die uns umgibt, völlig unproblematisch war und es keine Hinweise auf eine Fälschung gab, so kann das in der nächsten Minute, so kann das schon beim Umblättern dieser Seite oder wenn Sie jetzt gleich das Zimmer verlassen, völlig anders sein. Dass es immer so weitergehen wird, weil es bisher immer so weitergegangen ist, ist nichts anderes als ein beruhigender Irrtum.
Es gibt ein Problem mit dem ewigen Leben.
Die Sehnsucht danach existiert, seit es Menschen gibt, aber erstmals seit Bestehen der Menschheit sind Menschen in Mitteleuropa nicht mehr so ganz sicher, ob nicht vielleicht doch mit dem Tod alles aus ist. Weil freilich die Sehnsucht umso heftiger brennt, hat sich eine ganze Gesellschaft verschworen, das ewige Leben eigenhändig herzustellen. Wenn es möglicherweise keine Perspektive nach dem Tod gibt, dann muss man eben alles tun, um die Haltbarkeit des Homo sapiens wirksam zu erhöhen und durch ein gesundes Leben den Tod todsicher zu vermeiden. So wurde die Krise der abendländischen Religiosität zur Geburtsstunde einer machtvollen neuen Religion: der Gesundheitsreligion.
Im gesundheitsfrommen Dauerkampf gegen den Tod hat das Leben seine Unbefangenheit verloren. Bewegung, Essen, Trinken, Schlafen, Lieben, Hassen, Lachen, Rauchen und Nichtrauchen, alles wird unter gesundheitlichen Aspekten betrachtet. Viele Regalmeter an Ratgebern geben kriegsentscheidende Informationen für die große Schlacht gegen den Tod, und diese Schlacht, meine lieben Leserinnen und Leser, so steht es überall, beginnt natürlich heute!
Die Parole lautet: Man muss etwas tun für die Gesundheit, von nichts kommt nichts, wer stirbt, ist selber schuld! Den Tod zu besiegen, das suggerieren all diese Texte, ist im Grunde ein Leichtes, wenn man nur rechtschaffen lebt und sich strikt an alle Gebote hält. Das sind leider weit mehr als die alten zehn, aber es stehen zur Aufzeichnung dieser ultimativen Ratschläge ja auch nicht bloß zwei läppische Steintafeln zur Verfügung. Das ist für die, die sich angstvoll an all das halten, nicht sehr lustig, und Humor ist in dieser schönen neuen Gesundheitswelt dann auch vergleichsweise selten. Aber es geht ja auch um nichts weniger als um alles oder nichts, um Leben und Tod, um Sein oder Nichtsein, und da darf man schon ernsthaften Einsatz erwarten.
Das kann dann auch mal gründlich schiefgehen. Zurückgeblieben nannte man früher eigentlich einen bedauernswerten Menschen, der noch ein bisschen kindlich wirkte und geistig nicht ganz auf der Höhe war. Anti-Aging heißt so etwas heute auf Dummenglisch, aber plötzlich soll das nicht mehr bedauernswert, sondern erstrebenswert sein. Neuerdings möchte man gerne zurückbleiben. Man möchte jünger sein, als man ist. Nun wollen auch unsere Kinder mal Biene Maja oder Benjamin Blümchen sein, und wir machen ihnen dann vorsichtig klar, dass das leider nicht geht, was sie mit zunehmendem Alter auch begreifen. Aber bei den Anti-Agern funktioniert das nicht. Sie weigern sich einfach, älter und klüger zu werden. Sie haben sich in den Kopf gesetzt, nicht zu altern, und weisen jeden vorsichtigen Hinweis darauf, dass so etwas nicht geht, empört von sich.
Nun hat es das Schicksal aber so eingerichtet, dass wir alle unvermeidlich gleichermaßen altern, geistig und körperlich. Das hat Vor- und Nachteile. Als Kind möchte man nicht so entsetzlich phantasielos sein wie ältere Menschen, und als Älterer ist man froh, dass man nicht mehr so klein ist, weil man jetzt besser an den guten Likör kommt. So hat jedes Alter etwas für sich, aber eines ist klar: Wer das Altern bloß als Verhängnis sehen kann, wird ein unglücklicher Mensch. Denn alle altern, ob sie wollen oder nicht.
Nun gibt es schon lange ein paar äußere Hilfsmittel, um etwas jünger auszusehen, als man eigentlich ist. Solche erfreulich anzusehenden Fälschungen sollen hier gar nicht kritisiert werden. Aber schon wenn alle möglichen angeblich unerlässlichen Körperübungen angepriesen werden, wird es heikel. Denn all diese Maßnahmen sind zeitaufwendig, und viel Zeit hat man eigentlich nicht mehr. Die in den höchsten Tönen gepriesenen medizinischen Maßnahmen, die die biologische Alterung angeblich mit Sicherheit bremsen sollen, sind bei Licht besehen eine ziemlich mickrige Antwort auf eine große Sehnsucht.
In Wirklichkeit gibt es nur eine einzige, wissenschaftlich eindeutig belegte Maßnahme, mit der man sicherstellen kann, dass man möglichst spät stirbt: Man muss sich alte Eltern aussuchen – was aber nun einmal leider nicht möglich ist. Wenn nämlich beide Eltern über hundert Jahre alt geworden sind, dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass man selber auch sehr alt wird, egal wie ungesund man lebt. Und wenn die Eltern beide mit fünfzig sterben, dann helfen mutmaßlich auch alle Anti-Aging-Aktivitäten nichts. Solche Einsichten sind zugegebenermaßen nicht sehr wirtschaftsfördernd, und in gesundheitsgläubigen Ohren klingen sie wie Blasphemie. Doch leider spricht vieles dafür. Nichts also gegen sinnvolle gesundheitsfördernde Maßnahmen, aber Anti-Aging ist nichts anderes als eine maßlose Verheißung, eine kostspielige Enttäuschung, eine geplante Frustration.
Die Gesundheitsreligion ist ein Tanz um ein Goldenes Kalb, das es eigentlich gar nicht gibt. In einer schwachen Stunde hatte nämlich die Weltgesundheitsorganisation Gesundheit als »völliges körperliches, seelisches und soziales Wohlbefinden« definiert. Hand aufs Herz, liebe Leserinnen und Leser, wer von Ihnen ist dann noch gesund? Erreichbare Ziele sind allerdings ökonomisch nur begrenzt interessant. Wenn das Ziel erreicht ist, endet das Geschäft. Ein unerreichbares Ziel aber, wie die so definierte Gesundheit, das sich zu allem Überfluss auch noch allerhöchster Verehrung erfreut, verspricht unbegrenzte Gewinne. Und so ist es kein Wunder, dass die Gesundheitsindustrie seit Jahren einen unglaublichen Boom erlebt. Zu Recht weisen vor allem Behinderte darauf hin, dass dumme Sprüche wie »Gesundheit ist das höchste Gut« und »Hauptsache, gesund« falsch und menschenverachtend sind, doch als gut plazierte Werbesprüche versprechen sie Milliardengewinne. Die Fälschung der Welt ist im Gesundheitsbereich ein zynisches gigantisches Geschäft.
Wie bei jeder guten anderen Religion wird im Übrigen das ganze Leben des Gesundheitsgläubigen von der Wiege bis zur Bahre von der Gesundheit bestimmt. Den Tod im Nacken, rennen atemlose Menschen durch die Wälder, essen aus Angst, wenn überhaupt, nur ganz entsetzlich gesunde Sachen und leben ein trauriges Leben voller Verzicht und Kasteiung. Mit der Zeit verengt sich ihr Weltbild und folglich ihr Gesprächsstoff ganz auf Gesundheitsfragen, was soziale Kontakte verständlicherweise auf ähnlich orientierte Menschen einschränkt, bis die Ersten im gesundheitsbewussten Bekanntenkreis dennoch überraschenderweise sterben. Dann ist die Verzweiflung groß, denn das war nicht vorgesehen. Zuerst nimmt man irgendeine Panne an, dann argwöhnt man, dass der Gute doch heimlich gesündigt hat, um sich endlich mit der deprimierenden Tatsache abzufinden, dass man, Gott sei’s geklagt, auch gesund sterben kann. Für einen kurzen Moment der Besinnung tritt grell zutage, dass der ganze pseudoreligiöse Gesundheitstrubel auf einer geschäftstüchtigen Fälschung der Welt beruht. Solche Erkenntnisse zur Unzeit können dann allerdings irritierend wirken. Als ein zweiundfünfzigjähriger Mann, der von seiner Frau bekanntermaßen dauernd mit Diäten traktiert wurde, die er nicht aus Einsicht, sondern aus Liebe über sich ergehen ließ, bei einem Verkehrsunfall starb, musste die große Trauergemeinde am Grab das laute Schluchzen seiner Ehefrau vernehmen: »Jetzt haben all die Diäten nichts genützt!« Alle Anwesenden wahrten mit Mühe die Fassung.
Die real existierende Gesundheitsreligion ist eine Realsatire. Inzwischen gibt es sogenannte Lachgruppen. Als ich zum ersten Mal davon hörte, hielt ich das für einen guten Witz. Doch es war nicht der erste April, und der seriöse Radiosender, der von einer solchen Gruppe in Frankfurt berichtete, ließ keinen Zweifel an der Ernsthaftigkeit der Reportage. Auf die Idee zu diesen Lachgruppen waren nicht irgendwelche humorvollen Zeitgenossen gekommen, sondern ganz im Gegenteil. Man hatte aus der Tatsache, dass irgendwer herausgefunden haben wollte, dass Lachen gesund sei, den brutalstmöglichen Schluss gezogen und diese unsäglichen Gruppen gegründet.
Man stelle sich vor: Da treffen sich einmal pro Woche zehn smarte Banker, die sich nicht näher kennen, in einer Souterrainwohnung im Frankfurter Westen und lachen aus vollem Halse hemmungslos eine Stunde lang ausdauernd in Gruppe vor sich hin. Scherze sind dabei verboten, denn es geht um das Lachen an und für sich. Am Ende der Stunde verstummt pünktlich das Lachen. Die Gesichtszüge straffen sich, man greift sich wieder seine Aktentasche, grüßt knapp und verlässt den Raum. Sollten irgendwann Marsmenschen auf die Erde kommen und so etwas erleben, hätten wir gewiss alle Mühe, denen begreiflich zu machen, dass diese merkwürdige Spezies tatsächlich Homo sapiens heißt. Denn eines ist klar: Kein Tier würde sich so lächerlich verhalten. Die Gesundheitsreligion produziert tagtäglich völlig absurde Situationen von hinreißender Komik, aber niemand lacht. Denn Gesundheit, das muss man wissen, ist eine streng humorfreie Zone.
Hier soll uns aber nicht der realsatirische Alltag der Gesundheitsgläubigen interessieren, mit den verheerenden ökonomischen, politischen und ethischen Folgen einer Vergötterung der Gesundheit. Davon handelte mein Buch »Lebenslust – Wider die Diätsadisten, den Gesundheitswahn und den Fitness-Kult«. Hier geht es um das gefälschte Weltbild, das die Gesundheitsreligion überall propagiert. Und auch da ist für existenzielle Erfahrungen kein Platz.
Die Gesundheitsreligion kennt natürlich keinen Gott, denn sie verdankt ihr Entstehen ja gerade dem Zweifel an höheren Mächten und Zielen, und einen Sinn des Lebens außerhalb der beständigen Förderung der Gesundheit vermag sie nicht zu sehen. Der Sinn des Lebens ist nach Auffassung der Gesundheitsreligion nichts anderes als – die Gesundheitsreligion. Dabei ist Gesundheit in Wirklichkeit nur eine nicht ganz unwichtige Rahmenbedingung fürs Leben, sie ist nicht das Leben selbst. Doch der Gesundheitsgläubige verhält sich wie ein Theaterdirektor, der all seine Mühe darauf verwendet, ein Theater instand zu halten, in dem niemals gespielt wird. Der Gesundheit zuliebe verzichtet er tugendhaft aufs pralle Leben. Ein köstliches Mahl – um Gottes willen, das Gewicht! Wunderbarer Wein und am Schluss noch ein Schnaps – um Himmels willen, die Leber! Wochenlang herumfaulenzen im Urlaub ohne Sport – eine Sünde wider den Körper! Lebenslust ist für den passionierten Müslifan nichts anderes als eine teuflische Versuchung. Und wirkliche Religion ist da natürlich wie Opium für das Volk, denn sie könnte durch die scheinbare Vertröstung auf ein wunderbares ewiges Leben Partystimmung aufkommen lassen und die Motivation schwächen, hier und jetzt die strengen Regeln der Gesundheitsreligion strikt einzuhalten.
Auch die anderen existenziellen Erfahrungen kommen in der Welt des Gesundheitsgläubigen nicht vor. Zu Liebe fällt der Gesundheitsreligion nur ein, was man im Frühjahr als Schlagzeile in Boulevardblättern lesen kann: Sex ist gesund! Aber ganz im Ernst: Der Geschlechtsverkehr, der petite mort, der kleine Tod, der französischen erotischen Literatur, zur Stabilisierung der Blutdruckamplitude? Das wäre das definitive Ende der Erotik! Und die Moral hat die Gesundheitsreligion komplett abgeschafft nach dem Motto: Wer heilt, hat recht. Das ist zwar etwas gefährlich für nicht heilbare Demenzkranke und schwer behinderte Kinder, aber wenn der gesunde Mensch der eigentliche Mensch ist, dann ist natürlich der definitiv nicht gesunde Mensch ein Mensch zweiter oder dritter Klasse.
Die Gesundheitsreligion ist hemmungslos. Kein Ort, keine Situation, kein Gespräch ist vor ihr sicher. Jeder Fernsehsender, der etwas auf sich hält, hat seine Gesundheitssendung, in den Nachrichten werden erbauliche Mahnungen eingestreut, das Radio berichtet, und die regelmäßigen Gesundheitsseiten in den Zeitungen haben längst tiefer gehende Reflexionen über Gott und die Welt verdrängt. Niemand kann sich der Allgegenwart von gesundheitlichen Ratschlägen entziehen. Und das wirkt unvermeidlich auf uns alle, selbst wenn wir dem galoppierenden Gesundheitswahnsinn mit ironischer Skepsis gegenüberstehen. Die Gesundheitsreligion produziert eine höchst wirksame Fälschung der Welt. Sie bringt den Menschen nachhaltig dazu, ausschließlich auf den eigenen Body zu starren, und hindert ihn daran, den Blick auch mal nach oben oder überhaupt irgendwo anders hin zu richten. Wer mit Haut und Haaren diesem Massenwahn verfallen ist, der empfindet am Ende die wirkliche Welt, die existenzielle Welt, als leichtfertiges Hobby von Leuten, die bloß nicht in der Lage sind, tapfer ihren Laborwerten ins Auge zu schauen.
Es geht aber auch umgekehrt, dass nämlich das Hobby zum totalen Lebensinhalt wird. Für manch einen hat Fußball eine Bedeutung wie früher die Religion. Tatsächlich ist von »Fußballgöttern« die Rede, und es gibt Fans, die leben emotional im Grunde fast nur noch mit ihrem Verein. Sie betrauern tiefbetrübt die vergangene Niederlage, sie fiebern die ganze Woche über dem nächsten Spiel entgegen, all ihr Denken und Fühlen dreht sich um »ihre« Mannschaft.
Nichts gegen einen spielerischen Umgang mit einem solchen Spiel. Noch der legendäre Bundestrainer Sepp Herberger war für seine humorvollen Kommentare bekannt: »Der Ball ist rund« und »Das Runde muss ins Eckige«. Doch heute werden Spiele mit einer allenfalls unfreiwillig witzigen Akribie so »analysiert«, dass man denken könnte, es gehe dabei um das Wohl und Wehe der Menschheit. So etwas bestärkt den auf Abwege geratenen Fußballfan in seiner verhängnisvollen Verirrung. Dabei sind die Erkenntnisse der Experten zuweilen kabarettreif: »Um das Spiel bald zu entscheiden, müssen sie zeitig ein Tor machen.«
Wenn sich beim Fußballfan aber irgendwann alles nur noch um das runde Leder dreht, wenn man nicht mehr humorvoll, sondern bloß noch bierernst über dieses Thema reden kann, wenn die schönste Nebensache der Welt definitiv zur Hauptsache geworden ist, dann ist auch der verwirrte Fußballfan in einer gefälschten Welt gelandet. Manche Ehe ist darüber zerbrochen, manche Karriere versandet, manche Freundschaft hat der Fußball schon ruiniert. Das ist dann nicht mehr lustig. Der Grund ist, dass die tiefsten Gefühle nicht mehr im wirklichen existenziellen Leben stattfinden, sondern in den künstlichen Schlachten auf dem grünen Feld der Ehre. Der Fan leidet höllische Qualen, wenn das entscheidende Tor eben nicht fällt, und er erlebt paradiesische Freuden, wenn der Abstieg vermieden, der Aufstieg gesichert oder gar die Meisterschaft erreicht ist.
Zugegeben, es ist ein humaner Fortschritt, dass identitätsstiftende Gruppenrivalitäten zwischen Nationen und Städten nicht mehr militärisch ausgetragen werden, sondern auf dem Fußballfeld, so dass in der Regel keine Toten, sondern nur mitunter Verletzte zu beklagen sind. Doch für den einzelnen Fußballfan kann die Übertreibung der Begeisterung dazu führen, dass er ganz und gar in der falschen Fußballwelt lebt und dadurch in Wahrheit sein eigentliches Leben verpasst. Für ihn ist der Sinn des Lebens am Ende rund wie ein Fußball.
Fußball wurde wie viele andere Spiele von den Engländern erfunden, und das Inselvolk neigt ohnehin dazu, aus irgendwelchen Marotten veritable Passionen zu machen, freilich nie, ohne solche höchst merkwürdigen Verhaltensweisen mit einer gehörigen Prise köstlichen britischen Humors zu würzen. Daher ist es kein Wunder, dass das so typisch britische, höchst komplizierte Kricketspiel anderen Völkern als unverständlich gilt, da denen offensichtlich die dafür erforderliche Ironie abgeht. Für echte Briten sind solche Spiele bloß müßige harmlose Lockerungsübungen für ein anstrengendes Leben. Doch andere Varianten des Homo sapiens legen bei Sport und Spiel zuweilen einen Ernst, einen Ehrgeiz, einen Erfolgsdruck an den Tag, der alles andere, was in einem Leben noch Bedeutung haben könnte, in den Schatten stellt. Nicht bloß Fußball, auch sonst keine Sportart ist vor solchen Übertreibungen sicher. Fans, die von derartigen Obsessionen erfasst werden, richten ihr ganzes Leben danach aus, sind fast nur noch an Themen rund um ihre Sportart interessiert, und die Höhepunkte eines solchen Lebens sind tatsächlich Sportevents.
Das wirkliche, das echte Leben kann man aber auch auf andere Weise verpassen. Ein übermäßiges Interesse an Musik, an der ultimativen Band, an dem angeblich einzigartigen Megastar, an der angebeteten Filmdiva kann, wenn es nicht mehr leicht und spielerisch daherkommt, ganz ernsthaft die Prioritäten in einem Leben dramatisch verschieben.
Das eigene Ich, das eigene Leben existiert dann irgendwann nur noch in Abhängigkeit von diesen angehimmelten idealen Wesen, und am Ende lebt ein solcher Mensch in einer selbstgefälschten pseudoreligiösen Welt voller schillernder Devotionalien. Von seinem angebeteten Star weiß er bis ins letzte Detail alles und von sich selbst im Grunde nichts.
Wo soll dann noch Platz sein für wirkliche Liebe zu einem wirklichen Menschen, dem man wirklich begegnet?
All die anderen gefälschten Welten bis hin zur Gesundheitsreligion betreffen letztlich, ob wir wollen oder nicht, uns alle. Wenn Fußball und sonstige Hobbys zur Fälschung der Welt entarten, erfasst das nur einen Teil der Menschheit und glücklicherweise bei weitem nicht alle Sport- oder Musikfans. Genauso ist es auch mit den unglaublichen Plastikreligionen, den klassischen Religionen aus dem Baumarkt, den phantastischen bunten Blüten der Esoterik.
Die Welt ist unübersichtlich, und sie wird immer unübersichtlicher. Früher erzählten die überkommenen Religionen Geschichten von der Welt, die Orientierung boten oder, wie der berühmte Soziologe Niklas Luhmann das ausdrückte, die verwirrende Komplexität der Wirklichkeit so weit reduzierten, dass man einigermaßen den Überblick behielt und sinnvoll leben konnte.
Doch in Mitteleuropa gibt es da neuerdings ein Problem. Hierzulande gehören das Christentum und seine Kirchen inzwischen zu den völlig unbekannten Phänomenen. Jahrhundertelange eifernde Gegenpropaganda hat da ganze Arbeit geleistet. Außer Kreuzzügen, Hexenverfolgung und irgendwelchen Bedenken bei allem, was Spaß macht, fällt den Leuten zu diesem Thema nichts mehr ein. So sucht man anderswo nach Sinn und, gemäß dem bekannten Spruch »Wer nichts mehr glaubt, glaubt alles«, war das die große Chance der Esoterik.
Die Esoterik verfügt über eine uralte Tradition, und darauf beruft sie sich auch gern. Das, was an ihr zu allen Zeiten fasziniert hat, ist ihre Behauptung, über ein exklusives, geheimes Wissen darüber zu verfügen, was hinter dieser ganzen rätselhaften Welt steckt. Schon Kinder lieben Geheimnisse und Erwachsene nicht minder. Allein weil ein Buch »The Secret« heißt, wird es in unseren Tagen ein Bestseller, obwohl nichts dafür spricht, dass irgendetwas in diesem Buch stimmt. Bereits bei den Ägyptern, den Griechen, den Römern gab es solche zusammenphantasierten Ideen, unbeweisbar und unwiderlegbar, und je komplizierter die Geschichten über diese Hinterwelt waren, je elitärer der Kreis, in dem sie verbreitet wurden, desto intensiver war der Glaube daran. Esoterische Zirkel fühlten sich als Geist-Menschen hinausgehoben über die dumme und ahnungslose Masse, nach dem attraktiven Motto: Alle sind doof, nur ich hab den Durchblick! Diese selbsternannten Durchblicker ließen sich angeblich nicht täuschen durch die Oberflächen der Dinge, sondern blickten tiefer hinter die Kulissen der Welt und hatten, wie sie glaubten, Kunde von den geheimen Kräften, die alles bewegten.
Doch für dieses berauschende Gefühl der eigenen Überlegenheit nimmt der Esoteriker in Kauf, dass die eigene Freiheit eingeschränkt wird. Je mehr er sich nämlich auf diese Lehren ernsthaft einlässt, desto mehr lebt er in einer unheimlichen Welt voller merkwürdiger Einflüsse und Energien, die er zwar – als einer der wenigen – zu durchschauen meint, aber dennoch nicht vollständig beherrschen kann. So ist er gezwungen, alle möglichen Vorkehrungen in seinem Leben zu treffen, böse Energien abzuwehren, gute zu fördern und sich selbst durch all die Fährnisse des Schicksals hindurch einen mühevollen Weg zu bahnen.
Zwar ist die Esoterik von außen gesehen ein bunter Maskenball des Unsinns, aber für den gläubigen Esoteriker selbst ist das alles gar nicht lustig. Die esoterischen Lehren sind kompliziert, und die Angebote kann inzwischen niemand mehr wirklich überblicken. Statt Orientierung in der unübersichtlichen Welt bietet die Esoterik letztlich auch wieder nur Unübersichtlichkeit, bloß auf einer anderen Ebene. Das ist zutiefst verunsichernd, und so lebt die alte Heiden-Angst vor den Unbilden der Natur in anderem, bunterem Plastikgewand wieder auf. Dem kann man psychologisch dann nur mit besonders heftigem Glauben an besonders komplizierten Unsinn Paroli bieten. Doch komplizierter Unsinn ist auch Unsinn.
Das Angebot an solchem Unsinn ist allerdings inzwischen gigantisch. Da gibt es Geistheiler, Irisdiagnostik, Channeling und ein bisschen Buddhismus aus der Dose. Beim Rebirthing kann man seine Geburt noch mal erleben und allfällige Fehler erfreulicherweise korrigieren. Leider gibt es bisher noch keine Möglichkeiten, den Zeugungsvorgang zu reorganisieren. Auch die Anthroposophie nutzt esoterische Traditionen. Bei einer privaten Einladung kurz nach der Wende erzählte mir eine esoterisch begeisterte Frau mit strahlenden Augen: »Mein Meister denkt sich gerade eine Religion für Ostdeutschland aus.«
Fast täglich wird irgendetwas Neues erfunden oder angeblich in alten vergilbten Pergamenten gefunden. Das treibt das Geschäft an. Denn Esoterik ist inzwischen ein höchst profitabler Wirtschaftszweig, der für viel Geld heiße Luft verkauft. Wertvolles teuer zu verkaufen, dazu gehört nicht sehr viel. Aus heißer Luft ein Milliardengeschäft zu machen, das setzt aggressive Werbestrategien voraus. Und so sind die Größen des Esoterikgeschäfts nicht tief spirituelle Gestalten oder nachdenkliche Sucher, sondern clevere coole Marketingprofis, die ihre Chance suchen und finden. Kein Wunder, dass auch der geschäftstüchtige Pfarrer Fliege mit teurem selbstgeweihten Wasser und Reklame für energieleitende Metallstangen von sich reden macht.
Dennoch ist man versucht, den unglaublichen Unfug, der da verzapft wird, als harmlosen Zeitvertreib abzutun. Was ist schon dabei, sich Horoskope durchzulesen? Doch man mache sich nichts vor. Wenn da steht, es sei für Liebesentscheidungen gerade eine schlechte Zeit oder man werde vielleicht auf ungewöhnlichen Wegen das große Glück erleben, dann schiebt manch einer vielleicht die geplante Ehe noch mal auf, und ein anderer nutzt die Chance zum Fremdgehen. Das kann massiven Einfluss auf die ganze Existenz eines Menschen haben. Liebe, Gut und Böse, der Sinn des Lebens, das alles gibt es für den sternengläubigen Menschen nicht wirklich als etwas Eigenständiges, denn es unterliegt der Macht der Sterne. Fatalismus, Schicksalsergebenheit und Flucht aus der eigenen Verantwortung, in der Astrologie finden sie eine bunte Spielwiese: Ich bin nicht fremdgegangen, die Sterne wollten das so! Ich habe dich nicht verlassen, unsere Aszendenten passen halt nicht zusammen! Selbst wenn jemand eigentlich nicht an Astrologie glaubt, der angebliche Rat der Sterne, zufällig in einer Zeitung gelesen, kann unbewusst existenzielle Entscheidungen fatal beeinflussen.
Der klassischen Werbestrategie aller Esoteriker kann man übrigens auch bei der Astrologie begegnen. Der Astrologiemissionar bestätigt überraschenderweise die eigenen Bedenken gegen all diesen Unsinn. Natürlich seien die Horoskope in den Illustrierten völlig wertlos. Das sei bloß billiges Amüsement fürs dumme Volk. Nur das individuelle, das »mit wissenschaftlichen Methoden« erstellte, das differenzierte Horoskop sei wirklich »seriös« und aussagekräftig. Man stimmt dem Zweifler bei seinen Zweifeln zu und lädt ihn, psychologisch geschickt, ein, zum verschworenen elitären Kreis der wirklich Wissenden zu gehören. Wer sich freilich auf diesen lockenden Weg begibt, gerät natürlich noch umfassender in die Fänge der künstlichen Heilslehre. Er verliert seine Freiheit an ein Schicksal, das andere für ihn kennen.
Für wenige Minuten bin ich übrigens selbst einmal in astrologischer Versuchung gewesen. Ich hatte bei einer Podiumsdiskussion mit einem Theologen und Astrologen zu debattieren, der zu allem Überfluss auch noch Religionslehrer war und seinen Religionsunterricht mit astrologischen Spielchen aufhübschte. Ich fand die Kombination ziemlich unappetitlich, hatte mich gut vorbereitet und alle mir zugänglichen wissenschaftlichen Argumente gegen die Astrologie und überhaupt gegen esoterische Anwandlungen aufgefahren. Ich hatte die Untersuchungen von Hans Jürgen Eysenck zitiert, der mit präzisen wissenschaftlichen Methoden astrologische Behauptungen überzeugend widerlegt hatte, und gleich auch andere abergläubische Auffassungen entkräftet, so die oft zu hörende Überzeugung, dass der Vollmond erhebliche psychische Auswirkungen habe oder Freitag der Dreizehnte ein Unglückstag sei.
Der Astrologe war zum Schluss ziemlich frustriert, vor allem als ich ihn bat, zu erraten, was ich denn bei meinem nun von ihm erlittenen Charakter aus seiner professionellen Sicht wohl für ein Sternbild hätte. Erst der zehnte Versuch traf ins Schwarze – bei insgesamt zwölf Sternbildern nicht gerade ein voller Erfolg. Und dann fuhr ich nach Hause. Schon im Flur kam mir Wasser entgegengeflossen. O Gott! Schlagartig fiel es mir ein: Morgens war das Wasser abgestellt gewesen, und ich hatte vergessen, den Wasserhahn wieder zuzudrehen! Während ich schicksalsergeben in stundenlanger Arbeit meine Wohnung wieder einigermaßen trockenlegte, beschlich mich ganz kurz der Gedanke, ob sich nicht vielleicht die Sterne gerächt haben könnten und ich mich so richtig wie ein Fisch im Wasser fühlen sollte. Doch dann gab ich meinem waagen Hungergefühl nach, verspeiste in meiner krebsroten entwässerten Küche nicht einen Skorpion oder widderliches Stierfleisch, sondern mit Löwenhunger einen jungfräulichen Pfirsich und dankte dem Wassermann, der den Wasserrohrbruch repariert hatte. Anschließend schützte ich Müdigkeit vor. Von Zwillingen oder Steinböcken wollte ich nichts mehr hören und ging schlafen.
Im Grunde wundert man sich, dass Überzeugungen, von denen sich die Menschheit vor zweieinhalbtausend Jahren schon einmal erfolgreich emanzipiert hatte, heute fröhliche Urständ feiern. Ich habe tatsächlich bestallte Naturwissenschaftler kennengelernt, die leicht beschämt gestanden, sie hätten sicherheitshalber mal ein paar energiereiche Steinchen auf die Fensterbank gelegt. Doch mit guter Werbung ist alles möglich.
Christentum und Kirchen sind da keine Konkurrenz, da man ihnen beständig die Untaten ihrer zweitausendjährigen Geschichte vorhält. Die Esoterik dagegen präsentiert sich, was dunkle Seiten betrifft, völlig geschichtslos. Sie wird für überhaupt nichts verantwortlich gemacht. Man weiß zwar, dass Hitler sich intensiv mit Esoterik befasst hat. Seine Privatbibliothek, die in Washington aufbewahrt wird, ist reich an esoterischer Literatur, und es wird angenommen, dass solche Ideen ihn natürlich bei seinen Verbrechen mehr beeinflusst haben als sein bekannter Vegetarismus. Doch all das wird nicht der Esoterik angelastet, und auch durch Esoterik verpfuschte Lebensgeschichten fallen merkwürdigerweise nicht auf sie zurück. So konnte die Esoterik in die Marktlücke vorstoßen, die die christlichen Kirchen hinterlassen hatten. Esoterik wird öffentlich mehr oder weniger unangefochten als irgendwie interessante Auffassung dargeboten, der in der Talkshow natürlich niemand offen widerspricht, denn: Man wird doch wohl tolerant sein! Obwohl die Zahl wirklich überzeugter Esoterikanhänger sicher nicht überwältigend groß ist, erreicht die Esoterik dennoch auf diese Weise mangels öffentlichkeitswirksamer Konkurrenz geradezu einen Monopolanspruch auf Weltdeutung.
Gegenüber traditionellen Religionen gibt es gesellschaftlich mit der Esoterik noch ein besonderes Problem. Die Esoterik ist völlig egoistisch, sie kennt keine sozialen Rücksichten. Den Esoteriker interessiert nur sein persönliches Horoskop, seine persönliche Zukunft, sein eigener Vorteil.
Die Esoterik fälscht die Welt. Sie bietet sinnsuchenden Menschen selbstgebastelte Antworten, die den Horizont so komplett verstellen können wie die gigantischen Kulissen in der Welt des Truman Burbank. Doch in einer existenziellen Lebenskrise erweisen sich diese Plastikantworten als nicht wirklich tragfähig. Die Wände der esoterischen Welt sind aus Pappe und die phantasievoll bemalten bunten esoterischen Papierflugzeuge können keine Lasten tragen. Bei wirklichem Leid stürzen sie ins Bodenlose ab, ja sie sind sogar von unbändiger Freude völlig überfordert. Die Esoterik kennt keinen Trost, sie kennt kein Mitleid, sie kennt nur Fatalismus. Der Esoteriker lebt am Ende einsam in einem nach vergleichsweise schlichten Gesetzen pulsierenden kalten Weltall, das ihn emotionslos anblickt wie ein Glasauge, hinter dem es keine Person gibt.
Und als kleiner Winzling, der ja nicht die allmächtigen Sterne aus ihrer ewigen Bahn werfen kann, bemüht er sich wenigstens mit kleinen Tricks aus dem esoterischen Zauberkasten, dem Schicksal ein Schnippchen zu schlagen. Doch das ist eine Illusion. Schon in Goethes »Faust« ätzt Mephistopheles:
»Wie sich Verdienst und Glück verketten, das fällt den Toren niemals ein.
Wenn sie den Stein der Weisen hätten, der Weise mangelte dem Stein.«
Der Preis, den der Esoteriker zahlt, ist ein verengter Blick auf die Welt. Ihm entgeht, wenn er ganz in seinen Systemen gefangen ist, dass hinter all den uns beeinflussenden Welten nicht, wie er wähnt, etwas heimlich Durchschaubares liegt, sondern etwas undefinierbar Ergreifendes. Eingefleischte Esoteriker haben durch all das angebliche Wissen das Staunen verlernt. Auf diese Weise laufen sie Gefahr, durch die Befassung mit ihren verquasten Lehren das eigentliche Leben zu verpassen. Denn wer seine Partnerin nach solchen Kriterien aussucht, wird kaum erfahren, was Liebe wirklich ist. Wem der Sinn des Lebens bloß eine mystische Gleichung ist und für wen das Schicksal so übermächtig ist, dass dagegen weder Gut noch Böse eine Chance haben, dem entgeht das Entscheidende seines einmaligen existenziellen Lebens, er wird blind für die Realität.
Im Jahre 1635 reiste ein Inquisitor der Römischen Inquisition als Begleiter eines Kardinals nach Deutschland. Je länger die Reise dauerte, desto mehr wuchs das Entsetzen der beiden. Denn was sie da sahen und hörten, das war der reine Aberglaube. Eine dumpfe Volkswut hatte sich auf gewisse Frauen gestürzt, die man als Hexen bezeichnete und die dann in tumultuarischen Verfahren auf den Scheiterhaufen gebracht wurden. Dieser germanische Furor widersprach nach Auffassung der beiden feinsinnigen und gebildeten italienischen Theologen allen christlichen Prinzipien. Hexenglaube war germanischer Aberglaube, die Spanische Inquisition hatte mit Strenge jede Hexenverfolgung unterbunden. Doch in Deutschland gab es niemanden, der dem barbarischen Hexenwahn Einhalt gebot. Erschüttert kehrten die beiden nach Rom zurück.
