Quo vadis Marktwirtschaft? - Horst Pfeil - E-Book

Quo vadis Marktwirtschaft? E-Book

Horst Pfeil

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Beschreibung

Der Autor erzählt in diesem Buch die gelebte Geschichte der sozialen Marktwirtschaft beginnend unter Ludwig Erhardt bis in die Neunziger Jahre...

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Seitenzahl: 142

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Dieser Satz behält für immer seine Gültigkeit.

Liebe Leser,

Dieses Buch führt Sie in das vergangene Jahrhundert. In ein Jahrhundert zweier Weltkriege, in dem Millionen Menschen ihren Tod fanden und Deutschland zweimal als der Verlierer dastand. Nach dem Zweiten Weltkrieg standen viele Mütter ohne Mann und wir Kinder ohne Vater da. Meine Mutter und ich waren nur zwei von unzähligen Menschen und Familien, die ihr Schicksal selbst in Hand nehmen mussten. Uns hat keiner gefragt, wie es uns geht, geschweige denn finanziell unterstützt. Wir mussten sehen wie wir in der Kriegs- und Nachkriegszeit ein Dach über dem Kopf und etwas zum Essen bekamen. In meinem sechsten Buch hatte ich über diese Zeit geschrieben.

Mit einem Freund, der dieses Buch gelesen hatte, kam die Idee, ein Buch über die Nachkriegszeit zu schreiben. Eine Zeitreise in das vergangene Jahrhundert und wie es zu einem Wirtschaftswunder kam. Was die Siegermächte, besonders Frankreich und viele andere Staaten in der Welt, ins Grübeln brachte. Sie hatten unsere Städte zerstört. Nun bauten wir innerhalb von 10 Jahren den größten Teil der Zerstörung wieder auf. Wie geht das denn?

Es war eine verrückte Zeit, die ich miterlebte. Sie war nur möglich durch Politiker, die sich stillschweigend über die Gesetze der drei alliierten Westmächte in der Bundesrepublik hinwegsetzten. Politiker, wie Konrad Adenauer, Ludwig Erhardt, Kurt Schuhmacher, der die KZ-Zeit überstanden hatte. Einen Bundespräsidenten Theodor Heuß, den wir jungen Menschen mit Hochachtung betrachteten. Für viele von uns wurde er zu einer Vaterfigur.

Wir Handwerker konnten ohne Einschränkung der Arbeitszeit unserer Tätigkeit nachgehen. Wir hatten einen Beruf und keinen Job. Die Aufschläge in den Nachtstunden waren steuerfrei. Die Handwerks-Betriebe brauchten keine Gewerkschaft. Der Meister war Arbeitgeber und gehörte einer Handwerksinnung an, die Tarifverträge abschloss. Wir hatten einen Finanzminister, Fritz Schäffer, der bis in die Gegenwart der einzige Finanzminister war, der ein Guthaben ansparte. Das Volk sprach scherzhaft vom Juliusturm. Er war ein Hüter der deutschen Steuerzahler. Das ganze geschah in der Zeit vom 20. September 1949 bis in das Jahr 1961. In einem Zeitraum, wo ein Alleinverdiener seine Familie ernähren konnte.

Das neue Jahrhundert ist noch jung an Jahren, aber von ständig neuen Kriegsberichten auf unserer Erde behaftet. Mit dem siebten Buch möchte ich besonders junge Menschen ansprechen, die kurz vor dem Schulabschluss stehen: Das Handwerk braucht Euch mehr denn je! Als junger Mensch, ich war zwanzig Jahre alt, hatte ich das Elektro-Installateur Handwerk erlernt. In einem Hamburger Handwerksbetrieb bekam ich einen Mittelschulpraktikanten für eine vierwöchige Probezeit mit. Dort lernte er wie die Praxis aussieht. Ein Jahr später fing er seine Lehre in dieser Firma an. Außer seinem Praktikum war sein Abgangszeugnis aus der Mittelschule wichtig. In den Fächern Mathematik, Physik mussten mindestens befriedigende Noten stehen. Wobei in meiner Zeit ein guter Volksschüler diese Voraussetzungen ebenfalls besaß. Wir sind in Europa ein führendes Land einer dualen Berufsausbildung. Und wir werden von anderen Ländern noch heute um dieses System beneidet. Praxis und Schule – ein System, das unschlagbar ist. Den heutigen Begriff Job kannte keiner. Man lernt einen Beruf für sein Leben. Es ist eine Berufung, für die es gilt sich bis zum Berufsende ständig weiterzubilden.

Gestatten Sie mir ein kurzes Plaudern aus dem sogenannten Nähkästchen. Vor vier Jahren lebten wir, meine Frau und ich, in Andalusien. Das Nachbargrundstück hatte ein Holländer gekauft. Der Verkäufer ebenfalls aus Holland brachte eigene Handwerker und eine Hilfskraft aus Süd-Amerika mit. An Castro aus Bolivien erinnere ich mich besonders gern. Es war kurz vor meinem siebzigsten Geburtstag. Bei uns wurde Baumaterial angeliefert. Die Zementsäcke wogen fünfzig Kilo. Als es Castro sah, half er mir beim Abladen. Con, ein holländischer Handwerker für viele Gewerke, fragte mich eines Tages: „Du hast bestimmt ein Fachbuch für Abflussleitungen.“ – so lieh ich es ihm aus. Nach ein paar Wochen brachte er mir das Buch dankend zurück. Auf der Porche sitzend, sprachen wir bei einem Glas Bier über die ausführlichen Erklärungen. Dabei kam die Frage auf, ob dieses Buch für ein Studium an der Universität sei? Über meine Antwort war er erstaunt als ich ihm sagte, das wäre ein Ausbildungsbuch für Handwerksberufe. Duales Ausbildungssystem: in Holland unbekannt! Ob Con oder Castros Frau Josefa aus Bolivien, ihre selbstverständliche Hilfsbereitschaft und ihre Achtung vor älteren Menschen, werden meine Frau und ich, nie vergessen. Es wurde nicht erst gefragt, darf ich helfen? Man half einfach. Bevor Sie mich fragen sollten, um das Warum dieses Nähkästchens: In der Lehrzeit, im Beruf, Familie, überall wo wir gehen und stehen die Augen offenhalten und einfach helfen. Eine Tugend, die wir in Deutschland immer seltener vorfinden. Falls es nicht im Elternhaus gelernt wird, muss es spätestens in der Lehrzeit beigebracht werden.

Ein guter Freund von mir ist Mitinhaber in einem mittelständischen Unternehmen für erneuerbare Energien. Im letzten Gespräch erzählte er, wie schwierig es ist Mitarbeiter zu finden, die er auch einstellen kann. In den Vorstellungsgesprächen der Bewerber mit Masterab schluss in der Elektrotechnik, liegen die Gehaltsvorstellungen ihrem Titel entsprechend hoch. Wird berechtigt hinterfragt, welche Erfahrung können sie mir bieten, ist die Antwort mager, denn der Bewerber hat keine! Das ist in unserem Land nichts Besonderes. Diese Tendenz zeichnete sich bereits im letzten Jahrhundert in den siebziger Jahren ab. Als der Titel Graduierter Ingenieur abgeschafft wurde. Die Graduierten hatten außer dem Studium eine praktische Ausbildung, und waren nach der Studienzeit für mittelständische Unternehmen sofort einsetzbar.

Das erinnert mich an die Verabschiedung eines Mitarbeiters eines Staatsbetriebs in den Ruhestand vor ca. 30 Jahren. Ein Abteilungsleiter lobte den ausscheidenden Mitarbeiter für seine jahrelange Tätigkeit mit folgenden Sätzen: „Sie waren vom ersten Tag ihrer Tätigkeit in unserem Haus der richtige Mann. Sie waren schon an Bord der Seeschiffe ein Schiffsingenieur mit einer praktischen Ausbildung. Durch ihre Umsicht der fachlichen und praktischen Kenntnisse und ihrer Menschenführung haben sie nicht nur mich, sondern alle ihre Mitarbeiter überzeugt und sehr geschätzt. Wir werden sie sehr vermissen.“

In den Gesichtern der anwesenden Diplom Ingenieure großer deutscher Industrie-Unternehmen spiegelte sich Empörung bis hin zu Spott und Trotz. Dieser Perso nenkreis befand sich wieder in der Sandkiste. Das kindliche Gemüt spiegelte sich in ihrem Gebaren.

Wie sieht die Gegenwart aus? Wird in den technischen Berufen im Studium zu viel Theorie gelehrt? Ein Ingenieur muss in der Praxis technische Produktionsabläufe verstehen, um in den heutigen komplizierten Systemen zu bestehen. Ja keine Kritik sondern, wer bin ich!!! Und wie sieht die Gegenwart für die mittelständischen Unternehmen aus? Masterabschluss mit einer drei jährigen Lehrlingsausbildung? Geschätzte Kosten nun, das lasse ich lieber!

In diesem Buch werden die Namen mir bekannter und noch lebender Personen nur mit deren Einwilligung verwendet. Um nicht in einen stumpfsinnigen Schreibstil zu verfallen, erhält der restliche Teil von mir erfundene Namen.

Ihr oder Euer Horst Pfeil

Buchholz in der Nordheide, im August 2019

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Gastbeiträge zum Thema Soziale Marktwirtschaft

Weckruf und Mahnung zugleich

Zu guter Letzt

Nachwort

Kapitel 1

Der Start in die Berufstätigkeit.

Wer über meine Berufsausbildung im sechsten Buch nicht gelesen hat, für den kommt hier noch einmal eine kurze Zusammenfassung: Eine dreijährige Lehrzeit in einer Elektrofirma mit Ladengeschäft. Ausbildung zum Elektroinstallateur. In vielen Handwerksberufen war der Name Geselle ein traditioneller Name. So nannte sich das Prüfungszeugnis auch Gesellenbrief. Als Geselle konnten wir Erfahrung im Wohnungsbau und in der Industrie sammeln. Der Installationsbereich war in den eben genannten Arbeitsbereichen in der Ausführung sehr unterschiedlich. Die VDE Richtlinien und Gesetze hatten oder fanden nur zum Teil in diesen Bereichen Anwendung. Oft wird in der Gegenwart der Handwerksberuf belächelt. Der Satz: Handwerk hat goldenen Boden, hat noch immer Gültigkeit. Dieser Satz zeigt uns in der jetzigen Zeit, wie wichtig es ist ein Handwerk zu erlernen. Eigenständig und verantwortlich elektrische Anlagen zu installieren, zu warten und zu pflegen. Dieser Satz bezieht sich auf alle Handwerksberufe.

Wer nach der Lehrzeit glaubt, nun beginnen die Herrenjahre, abgeleitet aus dem Satz: Lehrjahre sind keine Herrenjahre, der irrt. Wer im Leben etwas erreichen will, muss es selbst in seine Hände nehmen. Dazu gehört ein ausgewogenes Selbstwertgefühl. Zu oft wird in unserer Zeit von einem Selbstbewusstsein gesprochen. Wer nur Selbstbewusstsein seinem Gegenüber zeigt, kann dabei arrogant wirken. Das Selbstwertgefühl ist ein eigenes in sich tragendes Gefühl, das dem anderen die eigene Ausgeglichenheit zeigt. Ein Tipp: sehen Sie am Tag einmal in den Spiegel und sprechen Sie mit Ihrem Inneren: „Verdammt, ich mag mich.“ Mit dieser Einstellung werden Sie in Ihrem täglichen Ablauf glänzen. Das ist eine Anleitung, zum täglichen Miteinander und ein Übergang in die Arbeitswelt.

Bis in die Sommermonate war ich als Geselle in meiner Lehrfirma tätig. Nach meinem Umzug nach Hamburg, war die Zeit gekommen auch hier zu arbeiten. Wo heute, in der Nähe des Hamburger Hauptbahnhofs, ein Busbahnhof steht, stand 1955 eine noch zum Teil unzerstörte Sporthalle. In dieser war die Firma Vorwald und Sohn untergebracht. Für alle Sanitär- und Elektroarbeiten standen jeden Morgen um 7 Uhr, mindestens 40 bis 50 Handwerker in dieser Halle, um für ihren täglichen Arbeitsplatz eingeteilt zu werden. Die auf morgendliche Arbeitseinteilung wartende Gruppe der Elektriker bestand nur aus ein paar Leuten. Hier traf ich wieder auf meinen Lehrkollegen Achim K. und lernte Willi Backe kennen. Mein neuer Kollege wurde Fred, ein angenehmer 28-Jähriger. Im Büro ging es jeden Morgen hektisch zu. Walter, der ältere Büroleiter, war ein besonders ordnungsliebender Mensch. Sämtliche Dinge wie Lineal, Bleistifte, Radiergummi oder Büroklammern hatten ihren festen Platz auf seinem Schreibtisch. Um ihn auf die sogenannte Palme zu bringen, wurde er vor seinem Büro in ein Gespräch verwickelt. In der Zwischenzeit hatte einer von uns Elektrikern zwei oder drei, der geordneten Teile auf seinem Schreibtisch im Büro verändert. Danach verließen wir die Halle, um draußen vor der Tür zu lauschen. Es dauerte nur eine kurze Zeit, bis in der Halle die Hölle ausbrach. Walter lief so schnell er konnte nach draußen, wo er sein gesamtes Schimpfpotenzial hinter uns her rief. Am nächsten Morgen lag zufällig eine Packung Zigaretten auf seinen Schreibtisch. Der Frieden war wieder hergestellt.

Die ersten Wochen waren Fred und ich bei Opel Dello. Im Hinterhof standen die großen gebrauchten Amischlitten. Vom Oldsmobile über Chevrolet, Cadillac und Buick. Dabei kamen wir zwei ins Schwärmen und stellten uns die Frage, können wir uns jemals so ein Fahrzeug leisten? Um an der Wand auf dem Hof Leitungen und Beleuchtungskörper zu montieren, mussten die Fahrzeuge ein paar Meter bewegt werden. Allein der Klang der Motoren reichte uns zum Weiterträumen.

In dieser Zeit kam es vor, dass es für die Elektriker nicht genügend Arbeit gab. Wir wurden ausgeliehen. So kam ich zu einer Firma, in der ich in einem vom Krieg zerstörten mehrgeschossigen Gebäude in der Wandsbeker Chaussee Wohnungen installierte. Mit 19 Jahren meine erste große Baustelle in einem mehrgeschossigen Haus, die ich allein installierte.

Nur Wohnungen zu installieren war nicht mein Ding, so bewarb ich mich auf eine Anzeige im Hamburger Abendblatt. Eine Fima, Elektro-Werkstatt Hugo Thönssen, bot mir einen, meinen Vorstellungen entsprechenden Arbeitsbereich. Herr Thönssen, ein kauziger älterer Herr, hatte keine Kinder und lebte allein in einem Neubau am Mundsburger Damm. Er behandelte mich, als wäre ich sein Sohn. Mit 19 Jahren war ich als Elektromonteur eigenständig tätig, verdiente gut, durfte die Hamburger Hafenluft schnuppern und war zufrieden. Für die, die Hugo Thönssen nicht kannten: er war einfach nur ein komischer Kauz. Er trug ständig einen Hut, fuhr einen VW Käfer und rauchte Dannemann-Zigarillos. Sein ständiger Begleiter ein in die Jahre gekommener Langhaar-Dackel. Die Werkstatt befand sich am Baumwall, unmittelbar am Viadukt der Hamburger Hochbahn. Das aus Beton bestehende kleine Gebäude diente wahrscheinlich im Krieg als Bunkerein- und -ausgang. Es hatte im Fußboden eine verriegelte Stahlplatte. Der Luftschutzbunker lag demnach im Erdreich unmittelbar hinter der Kaimauer. Zu bestimmten Jahreszeiten bildete sich Schwitzwasser an der Decke und den Wänden. Es war schon ein abenteuerlicher Raum aus heutiger Sicht. Geschätzte 12 qm – genügend Platz für eine Werkbank und Regale für das Material. Es gibt auch eine besondere Geschichte zu erzählen. An einem Sommertag, wir hatten nichts zu tun, nahm ich eine Leiter und stieg auf das Dach des Eingangs. Auf der schmalen Seite zur Straße war eine Rundung mit einem Durchmesser von 15 cm im Betondach zu sehen. Daraus war zu schließen, dass jemand versucht hatte ein Loch durch die Decke zu schlagen. Das Wort elektrische Schlagbohrmaschine war vielleicht schon im Duden zu finden, Handwerker zu sein bedeutete jedoch in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts, per Hand mit Hammer, Meißel und Rallbohrer und Muskelkraft für kleine Löcher zu arbeiten. Mit einem satirischen Gedanken könnte doch daher der Name „Handwerk“ abgeleitet werden!

Tage später erzählte ich meinem Chef von meiner Entdeckung. Seine Antwort, ja es war so: Mein Vorgänger hatte es schon einmal versucht, ein Entlüftungsloch durch die Deckenstärke von 40 cm und 15 cm Durchmesser zu schlagen. Dann meinte er, seine braune Danneman Zigarre grinsend in der Hand haltend, ja, mein lieber Horst, das wäre doch schön, wenn sie mal Luft haben dort weiter zu machen? Nun es gab Tage, da war ich früher mit der Arbeit fertig als geplant und es regnete nicht, was in Hamburg bekanntlich selten vorkommt. So klopfte ich Millimeter um Millimeter bis ich es eines Tages geschafft hatte. Wenn kurz nach 15 Uhr die Schauerleute mit ihren grauen Büdeln lässig über der Schulter hängend, mir nette Sprüche hoch riefen: „Na, min Jung, jümmers nich fardig?“ Die hatten es gut, für sie war Feierabend. Während ich auf dem Dach war, spielte mir ein Hafenarbeiter im vorbeigehen einen Streich. Er zog mir die Leiter weg. Von diesem Tag an lag die Leiter von unten nicht sichtbar auf dem Dach. Man wusste damals nicht, ob die Hafenleute nicht en Lütten in der Krone hatten, wenn sie von der Schicht kamen. Es soll ja vorgekommen sein, dass, wenn Wein in Fässern gelöscht wurde, der anschließende Schwund mit Wasser ausgeglichen wurde. Die Litermenge musste schließlich stimmen.

Der größte Auftraggeber dieser kleinen Firma war Strom und Hafenbau in Hamburg. Wir arbeiteten für den Zoll und deren Kassen, auf den Pontons Entenwerder und anderen schwimmende Zollstellen. Innerhalb und außerhalb der Zollgebäude, alles was im oder am Rand des Zollgebiets lag. Wir machten die Wartung, die Reparaturen und Neuinstallationen. Am damaligen neuen Hauptzollamt auf der Veddel installierten wir so nebenbei eine Blitzschutzanlage. War am Jahresende noch Geld im Behördenpott, so mussten diese Moneten auch ausgegeben werden. Sonst würde der Haushalt für das kommende Jahr um den nicht ausgegebenen Betrag gekürzt. Das Ganze nennt sich kameralistische Buchführung. Es soll ja vorgekommen sein, dass in großen Mengen, Sanitärpapier zum Po-Abwischen auf Lager gelegt wurde. Bei uns war es anders. Damit das Schmuggelgut von den Beamten besser zu sehen war, demontierten wir die alten Leuchten einschließlich deren Leuchtmittel und modernisierten so die Zollbüros. Auch solche Dinge gehören in die Berufserfahrung. Meine beruflichen Aufgaben wurde immer mehr und meine Erfahrung stieg mit. Und doch schied ich im Jahr 1958 aus der Firma Thönssen aus.

Kapitel 2

Im Leben treffen wir Entscheidungen, die im Moment nicht nachvollziehbar sind, sich jedoch später als richtig erweisen. Ich lernte meine spätere Frau kennen und suchte mir eine andere Hamburger Firma. Obwohl ich den Hamburger Hafen noch heute liebe, zeigte ich ihm damals vorerst den Rücken.

Die Firma John Karl Khodl hatte einen Firmenwagenfuhrpark bestehend aus Kombifahrzeugen der Marke Fiat. Es wurde für mich eine neue Herausforderung. Die jetzigen Kunden waren Industrieunternehmen oder Schiffswerften aber auch mittellständische Unternehmen auf Sankt Pauli. In den damaligen Jahren fuhr man mit der Straßenbahn oder ging zu Fuß zu seinen Arbeitsstellen. Das bedeutete Werkzeug und Material zu tragen. Hing die Entscheidung Firmenwechsel vielleicht mit dem Fuhrpark zusammen? Mein Arbeitsgebiet wurde vielfältiger. Außerdem wurde durch die Nachtarbeit unsere Haushaltskasse aufgebessert. Zum Beispiel mussten wir ab 20 Uhr in einem der größten Kaufhäuser in der Mönckebergstraße, die Vitrinen mit Neonleuchten ausrüsten. Die Arbeitszeit endete nach Mitternacht gegen 2 Uhr. Am nächsten Tag fingen wir erst zwei Stunden später an. Die beruflichen Aufgaben änderten sich täglich und somit wuchs die Erfahrung.

Nach einem der heißesten Sommer, im Jahr 1959, das auch ein sehr gutes Weinjahr war, stellte ich fest, mit meinem Verdienst konnte ich meine inzwischen dreiköpfige Familie nicht allein ernähren. Ich gebe zu bedenken, in dieser Zeit gab es keine Babyjahre, kein Kindergeld und die Krippen waren rar und teuer. Das soziale Netz trug damals den Namen „Du hast eine Ehe geschlossen und einen Sohn“ du trägst allein die Verantwortung für deine Familie.

Wenn ich nun zu Beginn des neunten Lebensjahrzehnts zurückblicke. Habe ich es als Mann immer richtig gemacht? Viele Männer meiner Jahrgänge schweigen und haben aber genau so gehandelt. Aber wenigstens einer muss es der jetzigen abgefahrenen zu sehr emanzipierten femininen Welt doch sagen dürfen? Ja, es gab einmal in den vergangenen Jahrzehnten Männer, die für ihre Frauen und Kinder Verantwortung trugen. Aber dulden in der Gegenwart die emanzipierten femininen Wesen noch die Verantwortung tragenden maskulinen Artgenossen? Auf diese Fanpost freue ich mich.

Der Mann meiner Mutter war als Tallyman (Landungs