Rattlesnake (Deutsch) - Kim Fielding - E-Book

Rattlesnake (Deutsch) E-Book

Kim Fielding

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Beschreibung

Zwischen dem Landstreicher Jimmy und dem Barmann Shane fliegen die Funken. Aber wird Jimmy um Shanes Willen dem Ruf der Straße widerstehen können? Jimmy Dorsett ist schon seit seiner Jugend auf der Straße unterwegs, ohne Heim und ohne Hoffnung. Er besitzt nicht viel: eine Reisetasche, ungezählte Geschichten aus einem unsteten Leben und eine alte Rostschüssel von Auto. In einer kalten Nacht nimmt er in der Wüste einen Anhalter mit, der ihm etwas Unverhofftes hinterlässt – nämlich den Brief eines sterbenden Mannes an den Sohn, den er seit Jahren nicht mehr gesehen hat. Jimmy will den Brief bei seinem Adressaten abliefern und landet in Rattlesnake, einer kleinen Stadt in den Hügeln der kalifornischen Sierra. Im Zentrum der Stadt befindet sich das Rattlesnake Inn, wo der frühere Cowboy Shane Little als Barmann arbeitet. Zwischen den beiden Männern fliegen die Funken, und als Jimmys Auto den Geist aufgibt, besorgt ihm Shane im Rattlesnake Inn einen Job als Handwerker. In der Gemeinschaft der kleinen Stadt und in Shanes Armen findet Jimmy eine ungewohnte Ruhe. Aber das kann nicht von Dauer sein. Die Straße ruft und Shane – ein starker, stolzer Mann mit einer leidvollen Vergangenheit und einer komplizierten Gegenwart – hat mehr verdient als einen verlogenen Landstreicher, der es nirgends lange aushält.

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Veröffentlichungsjahr: 2018

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Inhalt

Zusammenfassung

Danksagung

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Copyright

Rattlesnake

Von Kim Fielding

Zwischen dem Landstreicher Jimmy und dem Barmann Shane fliegen die Funken. Aber wird Jimmy um Shanes Willen dem Ruf der Straße widerstehen können?

Jimmy Dorsett ist schon seit seiner Jugend auf der Straße unterwegs, ohne Heim und ohne Hoffnung. Er besitzt nicht viel: eine Reisetasche, ungezählte Geschichten aus einem unsteten Leben und eine alte Rostschüssel von Auto. In einer kalten Nacht nimmt er in der Wüste einen Anhalter mit, der ihm etwas Unverhofftes hinterlässt – nämlich den Brief eines sterbenden Mannes an den Sohn, den er seit Jahren nicht mehr gesehen hat.

Jimmy will den Brief bei seinem Adressaten abliefern und landet in Rattlesnake, einer kleinen Stadt in den Hügeln der kalifornischen Sierra. Im Zentrum der Stadt befindet sich das Rattlesnake Inn, wo der frühere Cowboy Shane Little als Barmann arbeitet. Zwischen den beiden Männern fliegen die Funken, und als Jimmys Auto den Geist aufgibt, besorgt ihm Shane im Rattlesnake Inn einen Job als Handwerker.

In der Gemeinschaft der kleinen Stadt und in Shanes Armen findet Jimmy eine ungewohnte Ruhe. Aber das kann nicht von Dauer sein. Die Straße ruft und Shane – ein starker, stolzer Mann mit einer leidvollen Vergangenheit und einer komplizierten Gegenwart – hat mehr verdient als einen verlogenen Landstreicher, der es nirgends lange aushält.

Danksagung

ICH DANKE Karen Witzke und Eli Easton für ihr unschätzbares Feedback zu dieser Geschichte.

Mein Dank gilt auch meinem Mann und meinen Töchtern, die mit mir im Namen der Recherche ungezählte Friedhöfe aus der Zeit des Goldrauschs besucht haben.

1

ES BEGANN mit einem toten Mann.

Nein, das stimmt nicht. Für Jimmy Dorsett begann es schon vorher, als er – quicklebendig und allein – durch die weite, leere Wüste fuhr und sich fragte, wie lange sein ratternder und stöhnender alter Ford noch durchhalten würde. Er hätte lieber Radio gehört, aber das Radio war schon hinüber gewesen, als er den Wagen gekauft hatte. Das gleiche galt für die Klimaanlage und war der Grund, warum er meistens nachts unterwegs war. Na ja … einer der Gründe.

Er wusste genau, dass er langsamer fahren sollte, weil der Ford dann möglicherweise noch einige Meilen länger durchhalten würde. Trotzdem trat er aufs Gaspedal. Er redete sich ein, dass daran nur der Kaffee schuld war, den er getrunken hatte, um wach zu bleiben und wegen dem er jetzt dringend pissen musste. Aber Tatsache war, dass er immer schnell fuhr. Auch dann, wenn er nirgends sein musste.

Er hätte am Straßenrand anhalten und einen der Joshuabäume gießen können, entschloss sich aber, noch etwas länger durchzuhalten. Außerdem brauchte er noch einen Kaffee und das Benzin ging zur Neige. Der Zeiger näherte sich schon bedrohlich dem roten Bereich.

Er sah die Lichter schon aus mehreren Meilen Entfernung. Als er sich ihnen näherte, stellte er fest, dass es sich um eine kleine Stadt handelte. Es war nicht viel los. Einige unscheinbare Häuser standen direkt an der Straße, doch in diesen Häusern lebten Menschen, und sie besaßen mehr als er. Es gab noch einige Geschäfte, doch sie waren so dunkel, dass Jimmy nicht entscheiden konnte, ob sie für die Nacht oder für immer geschlossen waren. Zwei riesige Tankstellen lagen einander direkt gegenüber auf beiden Seiten der Straße. Jede hatte ein kleines Lädchen und viel Platz, auf dem die großen Sattelschlepper anhalten oder wenden konnten. Die kalten, grellen Lichter trugen nicht gerade dazu bei, der kalten Wüstennacht etwas Wärme zu geben.

Jimmy fuhr an die Tankstelle auf der rechten Straßenseite.

Als allererstes ging er aufs Klo. Der Mann hinter der Kasse beobachtete ihn misstrauisch. Er war sehr groß, hatte einen zotteligen Bart und wahrscheinlich – nur sicherheitshalber – die Hand an der Pistole unter der Theke.

Die Toiletten waren schmutzig, doch Jimmy war Schlimmeres gewohnt. Viel Schlimmeres. Zumindest funktionierte das Waschbecken. Er wusch sich die Hände und spritzte sich von dem kalten Wasser ins Gesicht. Es gab keinen Spiegel, aber das machte nichts.

Danach nahm er eine Tüte Chips und eine Packung Snickers aus dem Regal im Laden und füllte sich den größten Pappbecher, den es gab, mit Kaffee. Damit ging er zur Kasse. „Und für dreißig Dollar Normalbenzin“, sagte er. Die Benzinpreise waren in letzter Zeit gesunken, sodass er mit seinem Geld viel weiter kam. Trotzdem war sein kleines Bündel Notreserve erbärmlich dünn.

Der Kassierer rechnete ab, nahm das Geld und gab ihm eine Quittung. Er sagte während des ganzen Vorgangs kein einziges Wort, noch nicht einmal ein ‚Danke‘ oder ‚Schönen Abend noch‘. Jimmy lächelte freundlich. „Vielen Dank und einen schönen Tag“, sagte er.

Der Mann gab keine Antwort.

Jimmy füllte den Tank mit Benzin. Er lauschte dem leisen Brummen der Pumpe, ohne an etwas Besonderes zu denken. Darin war er gut – seinen Verstand abzuschalten und einfach abzuwarten, was als Nächstes auf ihn zukam.

Er setzte sich in den Wagen und schaltete den Motor ein. Der bittere Kaffee verbrannte ihm die Zunge. Jetzt musste er sich entscheiden. Die kleine Stadt lag an einer Straßenkreuzung. Wenn er nicht wenden und zurückfahren wollte, musste er eine von drei Richtungen einschlagen. Er fuhr an den Rand des Parkplatzes und blieb wieder stehen. Nach Norden, Westen oder Osten. Das eine war so vielversprechend wie das andere. Der Asphalt sah überall gleich aus.

Und dann bemerkte er den alten Mann.

Der Mann stand an der Tankstelle gegenüber. Er lehnte mit dem Rücken an einer Straßenlaterne und hatte einen Rucksack vor den Füßen liegen. Sein Bart war dicht und grau. Die Wollmütze hatte er tief ins Gesicht gezogen und die Jeans waren schon so ausgebleicht, dass sie im Licht der Laterne fast weiß wirkten. Seine dünne Jacke war für die kalte Wüstennacht nicht geeignet. Der Mann zitterte. Er beachtete weder Jimmy noch die beiden Sattelschlepper, die in der Nähe geparkt hatten. Er sah aus wie ein Mann, der das Warten schon lange aufgegeben hatte.

Jimmy war im Laufe der Jahre schon mehr als einmal dieser Mann gewesen. Kein Bett, kein Geld, keine Hoffnung. Zum Teufel – wenn erst der Ford endgültig schlappmachte und die letzten Scheine aus dem Portemonnaie verschwunden waren, würde er wieder dieser Mann sein.

Doch noch hatte Jimmy ein Auto, das fuhr. Er hatte eine Kleinigkeit zu essen und etwas Bargeld. Also fuhr er auf die andere Seite der Straße und hielt vor dem alten Mann an. Er öffnete die Tür – das Fenster funktionierte nicht mehr – und fragte: „Kann ich dich mitnehmen?“

Der Mann schaute kaum auf. Er nahm einfach seinen Rucksack, der ziemlich schwer zu sein schien, und warf ihn auf den Rücksitz des Fords. Dann setzte er sich auf den Beifahrersitz. Er und Jimmy schlossen die Türen.

„Wohin willst du?“, fragte Jimmy.

„Rattlesnake.“

Jimmy schüttelte den Kopf. „Nie davon gehört.“

„Richtung Norden am Highway 49. Goldgräberland.“ Seine Stimme hörte sich an wie ein alter Truck, der über eine Schotterpiste fuhr. Harsch und knarrend. „Fährst du in die Richtung?“

„Sicher. Falls der Wagen so lange durchhält.“

Sah aus, als hätte Jimmy sein Ziel gefunden.

DER MANN hieß Tom. Er stank nach Zigaretten, Schnaps und der Art von altem Schmutz, der sich über lange Zeit ansammelte. Aber Jimmy hatte in letzter Zeit in seinem Ford geschlafen und roch wahrscheinlich auch nicht viel besser. Sie ertrugen sich gegenseitig, ohne sich zu beschweren.

Toms Alter war schwer einzuschätzen. Er konnte erst fünfzig sein, genauso gut aber auch schon achtzig. Seine Pupillen waren wässrig und seine Hände zitterten. Er musste auch oft husten. Jimmys Angebot, sich bei den Chips oder den Snickers zu bedienen, lehnte er ab. „Kein Hunger.“

„Wann hast du zuletzt gegessen?“

„Keine Ahnung. Ich habe keinen Hunger.“

Nun, Jimmy konnte ihn nicht zum Essen zwingen. Er hob jedoch sicherheitshalber einen Riegel Snickers auf.

Vielleicht wäre Tom eingeschlafen. Doch die Straße war lang und leer, und Jimmy hatte sich schon seit einer Ewigkeit mit niemandem mehr unterhalten. „Hast du lange gewartet, um mitgenommen zu werden?“, fragte er.

Tom grunzte. „Seit Sonnenuntergang. Ein Trucker hat mich von Flagstaff aus mitgenommen. Aber er ist weitergefahren nach Santa Clarita. Nicht meine Richtung. Seitdem nichts mehr.“ Zum ersten Mal sah er Jimmy richtig an. „Warum hast du angehalten?“

„Du hast verfroren ausgesehen.“

„Wo willst du hin? Jedenfalls nicht nach Rattlesnake.“

Jimmy zuckte mit den Schultern. „Ich habe kein bestimmtes Ziel.“

„Bist du auf der Flucht?“

„Nein. Nur … unterwegs. Und du? Was willst du in Rattlesnake?“

Tom ließ sich lange Zeit mit seiner Antwort. „Habe früher dort gelebt. Lange her. Dachte, dass …“ Er hustete sich einen halben Lungenflügel raus. Danach drehte er schweigend den Kopf zur Seite und starrte aus dem Seitenfenster ins Nichts. Jimmy starrte ebenso schweigend geradeaus. Viel mehr als Nichts war hier auch nicht zu sehen.

Die Stille wurde zu laut. „Warst du jemals in Minden, Nebraska?“ Jimmy wartete nicht auf eine Antwort. „Es liegt mitten im Nirgendwo, einige Meilen von der I-80 entfernt. Ich bin vor einigen Jahren eine Zeit lang dort gewesen. Sie haben eine Sehenswürdigkeit – Harold Warp’s Pioneer Village. Es ist eine Ansammlung von Sammlungen. Als hätte ganz Nebraska seine Dachböden, Ställe und Garagen ausgemistet und den alten Müll nach Minden gebracht.“ Jimmy hatte dort einen Sommer lang in einer Snack-Bar gearbeitet, Hamburger gegrillt und Pommes in heißem Fett gebraten. Er hatte gerade genug verdient, um in der Nähe von einem alten Ehepaar ein kleines Zimmer zu mieten. Im Großen und Ganzen war es nicht schlecht gewesen.

„Nein, noch nie“, sagte Tom.

„Nun, es ist einen Besuch wert. Falls du mal in der Nähe bist …“ Jimmy dachte an die drückende Sommerhitze in Nebraska, an die weiten Ebenen, die so endlos schienen wie der Himmel und an die Glühwürmchen, die nachts in der Dunkelheit tanzten.

Er rutschte auf seinem Sitz hin und her. Die Federung war hinüber. „Sie haben alle Arten von Fahrzeugen in der Ausstellung, seit den Tagen der Pferdewagen und Kutschen. Es gibt auch einen Dampfwagen und Fords, die sind noch älter als meine Rostschüssel hier. Aber ich habe auch schon größere Ausstellungen gesehen. Vor einigen Jahren habe ich in Missouri auf einer Farm gearbeitet. Neue Zäune errichten und alte ausbessern. Mein Boss dort hatte zwei große Scheunen, die waren voll mit alten Autos. Hunderte davon. Von Versteigerungen. Ich glaube, er war süchtig danach. Kein einziges ist noch gefahren. Sie waren alle verstaubt und voller Ungeziefer und Mäusenester. Aber er hat immer wieder neue gekauft.“

Sein Passagier gab keine Antwort. Noch nicht einmal ein Husten war zu hören. Jimmy trank einen Schluck Kaffee. Die Brühe war mittlerweile abgekühlt und nur noch bitter. „Ich bin mal mit einem Greyhound-Bus nach … Mist. Ich weiß nicht mehr, wohin ich eigentlich gefahren bin. Aber es hat geregnet und man konnte durch die Fenster nichts sehen, weil sie total beschlagen waren. Einige Reihen vor mir hat diese Lady gesessen. Sie war noch ziemlich jung. Eigentlich fast noch ein Mädchen. Sie hat da schon gesessen, als ich eingestiegen bin. Hat ängstlich ausgesehen, als ich an ihr vorbeigegangen bin. Vielleicht hat sie gedacht, ich will ihr etwas antun oder so.“ Jimmy wurde oft so angesehen. Er war nicht sehr groß, aber kräftig genug, um einiges auf die Waage zu bringen. Vermutlich hatte er auch ein hartes Gesicht. Es bekümmerte ihn nicht sonderlich, wenn die Leute Angst vor ihm hatten. Dann versuchten sie wenigstens nicht, ihn übers Ohr zu hauen. Aber er fühlte sich deswegen manchmal traurig und einsam. Dieser Tag im Greyhound war so ein Moment gewesen.

„Wir haben also in dem Bus gesessen und sind nach Irgendwo geholpert. Es gab nicht viele Passagiere und das Mädchen hat diese merkwürdigen Geräusche gemacht. Erstickte Schreie? Ich bin aufgestanden und habe sie gefragt, ob es ihr gut geht. Sie hat mich mit riesigen Augen angesehen. ‚Ich bekomme ein Baby‘, hat sie gesagt. Und so war es auch. Der Fahrer ist an die Seite gefahren und hat einen Notdienst verständigt. Aber das Baby hatte es eilig. Es ist in dem Greyhound geboren worden, mit mir und dem Fahrer und einem Soldaten als Hebammen. Ich war der erste Mensch, den der kleine Junge gesehen hat. Ich frage mich manchmal, was aus ihm geworden ist. Er muss jetzt schon fast zwanzig Jahre alt sein. Fast so alt, wie ich damals war.

Das Baby hat uns alle erstaunt angesehen und so laut geschrien, dass es Tote zum Leben erweckt hätte. Es ist ein gutes Zeichen, wenn Neugeborene so laut schreien. Das weiß ich. Aber ich frage mich trotzdem manchmal, ob der Junge nicht einfach nur verdammt enttäuscht war von der Welt, in die er geboren wurde.“

Nach zehn oder fünfzehn Minuten Schweigen räusperte sich Tom. „Hast du irgendwo Familie?“

Es war eine einfache Frage, aber die Antwort darauf war verdammt kompliziert. „Nicht wirklich.“

„Ich auch nicht. Jedenfalls nicht mehr. Aber früher schon. Wie alt bist du?“

Jimmy musste nachrechnen, bevor er die Frage beantworten konnte. „Ich bin letzten Monat dreiundvierzig geworden.“ Er hatte seinen Geburtstag nicht gefeiert. Mit wem hätte er auch feiern sollen? Verdammt, er konnte sich nicht erinnern, wann ihm das letzte Mal jemand gratuliert hatte. Er hatte schon lange niemanden mehr gut genug gekannt.

„Dann hast du noch Zeit.“

„Zeit wofür?“

Tom hustete, bevor er antwortete. „Hör mir zu, Jimmy. Eines Tages wirst du ein alter Bastard sein, so wie ich. Und du wirst allen möglichen Scheiß bereuen, aber es wird zu spät sein, um etwas dagegen zu tun. Warte nicht so lange. Wenn es in deinem Leben etwas gibt, was du in Ordnung bringen musst, dann tu das jetzt, so lange du noch kannst.“

Ein Stich fuhr ihm durch die Brust. Jimmy ignorierte ihn und schüttelte den Kopf. „Mit mir ist alles in Ordnung. Ich kann nur nicht ruhig sitzen. Mich kribbelt’s ständig in den Füßen und ich muss weiterziehen. Daran ist nichts verwerflich.“

Tom schnaubte. „Nein. Solange du dabei glücklich bist … Bist du glücklich?“

Jimmy gab ihm keine Antwort.

Einige Meilen weiter zog Tom ein Stück Papier aus der Tasche. Es knisterte, als er es auseinanderfaltete. Jimmy sah ihm aus dem Augenwinkel zu. Obwohl es im Wagen zum Lesen viel zu dunkel war, starrte Tom den Zettel lange an, bevor er ihn wieder zusammenfaltete und wegsteckte.

„Ich hatte einen Sohn“, sagte Tom leise. „Damals, in Rattlesnake. Ich habe den Jungen geliebt. Aber noch mehr habe ich die Flasche geliebt. Ich habe ihn und seine Mom verlassen, als er noch ein kleines Kind war. Habe ihn seitdem nicht wiedergesehen.“

Wenn Jimmy nicht gefahren wäre, hätte er jetzt die Augen geschlossen. Aber so kniff er sie nur etwas zusammen und schaute weiter geradeaus. Sie näherten sich dem Tehachapi Pass und die Straße stieg an. „Wie alt ist er jetzt?“, fragte er mit zugeschnürter Kehle.

„Keine Ahnung.“ Tom hustete eine Weile. „Erwachsen.“

„Und warum willst du jetzt nach Rattlesnake?“

„Bin krank geworden. Ich glaube, es ist diese verdammte Reue, die mir im Magen liegt wie ein Krebs. Ich habe ihm einen Brief geschrieben. Ich wollte den Brief mit der Post schicken, aber ich kenne seine Adresse nicht. Ich weiß noch nicht einmal, ob er noch dort lebt. Vielleicht ist er schon vor Jahren aus Rattlesnake weggegangen. Aber ich kann den Brief nicht einfach wegwerfen. Ich habe es versucht, aber ich konnte es nicht. Also habe ich beschlossen, ihn selbst abzugeben. Falls mein Sohn noch da ist.“

Jimmy dachte, dass manche Wünsche wie Gift sein konnten. Am Anfang waren sie hell und glänzend, süß wie Zucker. Aber wenn sie sich festsetzten und nicht erfüllten, dann wurden sie sauer und schlecht. Wurden giftig. Das war der Grund, warum Jimmy sich nie etwas wünschte.

„Ich hoffe, du findest ihn“, sagte er zu Tom.

Der alte Mann seufzte. „Ja. Es wäre schön, ihn zu sehen, selbst wenn er mich hasst. Von mir aus kann er mich anschreien und beschimpfen. Ich will ihn nur sehen.“ Er stellte die Rückenlehne etwas nach hinten – Jimmy hätte nicht gedacht, dass das Ding noch funktionierte – und schloss die Augen.

Jimmy trank noch einen Schluck von dem kalten Kaffee.

DER MOTOR des Fords ratterte immer lauter, je steiler es den Berg hinaufging. Jimmy nahm den Fuß etwas vom Gas und hoffte, dass es sich bessern würde, wenn sie den Pass erst überwunden hatten und die Straße wieder bergab führte. Das war nicht der Fall. Im Gegenteil, der Motor beschwerte sich immer lauter. Sie fuhren durch Farmland und kamen durch das schlafende Bakersfield, wo sie den Highway 99 nach Norden einschlugen.

Normalerweise hätte sich Jimmy keine Sorgen um den Ford gemacht. Wenn er den Geist aufgab, dann war das eben so. Er konnte per Anhalter weiterreisen oder bleiben und sich einen Job suchen, bis er genug verdient hatte, um ein Busticket oder eine neue alte Rostschüssel zu kaufen. Selbst die frühe Uhrzeit hätte ihn nicht gestört, weil es schon wieder wärmer wurde und die ersten Laster unterwegs waren. Aber dieses Mal war alles anders, weil er ein Ziel vor Augen hatte. Und er hatte einen Passagier. Jimmy wollte Tom nach Rattlesnake bringen, das hatte er sich fest vorgenommen.

Während er weiterfuhr, wurde es am Horizont hell. Bald würden die ersten Sonnenstrahlen über der Sierra auftauchen. Der Motor hörte sich mittlerweile an wie ein schlechtes Rockkonzert – zu viel Schlagzeug und Gitarristen, die sich nicht einigen konnten, welches Lied sie spielen sollten. Er dachte sich Liedtexte aus, um sich wachzuhalten. This is it, for my piece of shit, car that’s gonna up and quit. It’s not fine, to lose what’s mine, here on fucking Ninety-nine. Na gut, er hatte nie behauptet, ein Musiker zu sein.

Trotz des Getöses unter der Motorhaube und in seinem Kopf, wurden Jimmys Augenlider immer schwerer. Sie hatten noch mindestens zwei bis drei Stunden Fahrtzeit vor sich, bevor sie Rattlesnake erreichen würden. Vielleicht schaffte der alte Ford es noch, aber sehr zuversichtlich war Jimmy nicht. Und er brauchte dringend Schlaf. Sie kamen an den Stadtrand von Fresno und er nahm die erste Ausfahrt, die zu einem Rastplatz führte. „Ich muss nur kurz die Augen zumachen. Eine halbe Stunde oder so, nicht länger.“

Tom gab keine Antwort.

Der Parkplatz war so gut wie leer. Nur einige Sattelschlepper standen an einem Ende und ein Wohnmobil in der Nähe des Toilettenhäuschens. Es war düster, da die Sonne noch nicht ganz aufgegangen, die Beleuchtung aber schon abgeschaltet war. Jimmy suchte sich einen Parkplatz, der weit von den anderen Autos entfernt lag. Er schaltete den Motor ab, der mit einem stotternden Geräusch und einem müden Seufzer verstummte.

Jimmy wurde durch seine Blase an den vielen Kaffee erinnert, den er getrunken hatte. „Mist. Bin gleich zurück“, sagte er zu dem schlafenden Tom, zog die Schlüssel aus dem Zündschloss und stieß Tom an der Schulter an. „Ich bin gleich zurück“, sagte er etwas lauter.

Und in diesem Moment erkannte er, dass Tom nicht schlief.

„Scheiße!“, brüllte er und tastete panisch hinter sich nach dem Türgriff. Als sich die Tür endlich öffnete, wäre er beinahe vom Sitz auf den Asphalt gefallen. Er stieg aus, atmete tief durch und starrte seinen Passagier an.

Tom sah nicht schlimmer aus als im Leben. Seine Augen waren geschlossen, sein Mund stand etwas auf und das Gesicht hatte eine wachsbleiche Farbe. Ihm war keinerlei Schmerz anzusehen, und falls er beim Sterben ein Geräusch gemacht hatte, musste das Scheppern des Motors es übertönt haben.

Jimmy hatte bisher zwar nur eine Geburt miterlebt, aber schon oft Tote gesehen. Drogentote. Unfallopfer. Einmal hatte er eine Gruppe Bullen beobachtet, die bei einer Leiche am Rand des Highways standen. Die Füße schauten unter einer Decke hervor, mit der jemand den Körper bedeckt hatte. Er hatte auch einmal mehrere schwüle Sommermonate in einem Kaff im Süden – an den Namen konnte er sich nicht mehr erinnern – verbracht, wo er als Gärtner auf einem Friedhof arbeitete, den Rasen mähte, die Bäume beschnitt und abgeblühte Blumen entsorgte. Damals hatte er keine Toten zu Gesicht bekommen, nur Särge und frisch verfüllte Gräber. Aber der Tod war kein Unbekannter für ihn. Nur saß er normalerweise nicht auf seinem Beifahrersitz.

Jimmy beruhigte sich schnell wieder und überlegte, was er tun sollte. Sein erster Gedanke war, nach Rattlesnake zu fahren und dort nach Toms Sohn zu suchen, um ihm die Leiche zu übergeben. Doch das war keine gute Idee. Was sollte er machen, wenn sein Ford Toms Beispiel folgte und den Geist aufgab? Oder wenn ihn die Bullen anhielten? Wie sollte er ihnen den Toten erklären, mit dem er durchs Land fuhr?

Er konnte die Leiche irgendwo abladen und sich aus dem Staub machen. Aber das war hinterhältig. Der arme Tom hatte nicht verdient, wie eine Ladung Müll entsorgt zu werden. Außerdem lebten sie in der Welt von Big Brother und es gab überall Überwachungskameras. Wenn die ihn aufzeichneten, hatte er wieder das Problem, die Leiche erklären zu müssen.

Am besten war es – so entschied er schließlich –, gleich die Bullen zu informieren. Sicher, dann musste er auch erklären, was passiert war. Darum kam er nicht herum. Aber es würde doch verdammt viel weniger verdächtig aussehen.

Scheiße. Bullen machten ihn immer … nervös.

Jimmy entschied auch, dass der Druck auf seiner Blase momentan Vorrang hatte, weil Tom schließlich schon tot war. Er lief über den Parkplatz zu dem Toilettenhäuschen, pisste wie ein Gaul und wusch sich anschließend die Hände. Als er das stinkende Gebäude wieder verließ, sah er sich nach einem öffentlichen Telefon um. Er fand zwar sofort eins, aber es war kaputt. Der Hörer war zerbrochen und nur das untere Ende hing noch am Kabel.

Er überlegte, ob er zu dem Wohnmobil gehen sollte, verwarf die Idee jedoch wieder und machte sich auf den Weg zu den großen Sattelschleppern. Als er den ersten erreichte, klopfte er laut an die Tür der Fahrerkabine. ‚Crete Carrier, Lincoln, Nebraska‘, besagte die Aufschrift an der Seite.

Er musste einige Male anklopfen, bevor hinter dem Fenster das Gesicht des Fahrers auftauchte, der ihn mürrisch anschaute. „Was willst’n du?“, brüllte der Mann. Seine spärlichen, grauen Haare standen in alle Richtungen ab. Unter anderen Umständen hätte Jimmy darüber gelacht.

„Ich muss die Bullen verständigen!“, rief Jimmy zurück.

„Warum?“

„Ich habe einen toten Mann im Auto!“

Damit hatte er die volle Aufmerksamkeit des Fahrers, der ihn erschrocken anblinzelte und verschwand. Er musste über Funk seine Kumpels informiert haben, weil sich kurz darauf sämtliche Türen der Trucks öffneten und Männer ausspuckten, die offensichtlich gerade aus dem Schlaf gerissen worden waren.

„Zeige es mir“, sagte der Mann aus dem Crete Carrier.

Wie eine Trauerprozession mit Baseballkappen folgten sie Jimmy schweigend über den Parkplatz. Als sie an Jimmys Ford ankamen – die Fahrertür stand noch weit offen –, versammelten sie sich um den Wagen und starrten Tom mit offenen Mündern an.

„Ja, der ist definitiv tot“, verkündete einer der Trucker, ein Mann mit einem mächtigen Bierbauch und Zottelbart.

„Wer ist das?“, fragte ein anderer. „Dein Dad?“

Jimmy schüttelte den Kopf. „Ein Anhalter. Ich habe ihn in der Wüste aufgelesen. Ich dachte, er würde nur schlafen.“

„Verdammte Scheiße.“

Dem konnte Jimmy nur zustimmen.

Kurz darauf verständigte einer der Trucker die Polizei. Zehn Minuten später fuhren mit heulenden Sirenen zwei Polizeiautos auf den Parkplatz, denen ein Rettungswagen folgte. Die Männer traten zur Seite, als die Polizisten auf sie zukamen. Nur Jimmy blieb bei seinem Wagen stehen. Jetzt war Tom sein Problem.

Während sich die Sanitäter um Tom kümmerten, zog einer der Polizisten Jimmy zur Seite. Das Namensschild an seiner Brust wies ihn als Officer R. Ramirez aus, und wenn Jimmy auf Männer in Uniform stehen würde, wäre er jetzt hin und weg gewesen. Der Mann war groß und muskulös, mit kurzen, dunklen Haaren und einem kantigen Kinn. Seine großen, braunen Augen hatten kleine Lachfältchen in den Winkeln. Er musterte Jimmy von oben bis unten. Sollte ihm etwas an dem Anblick missfallen haben, so ließ er sich nichts davon anmerken.

„Kann ich bitte Ihren Führerschein sehen, Sir?“, fragte Ramirez.

Jimmy zog den Führerschein aus der Brieftasche. Er war vor acht Jahren in South Carolina ausgestellt worden, aber immer noch gültig. Jimmy gab ihn Ramirez, der ihn aufmerksam studierte. „Ist die Adresse noch aktuell?“, erkundigte er sich.

„Nein.“

Ramirez gab ihm den Führerschein zurück und zog ein kleines Notizbuch aus der Tasche. „Leben Sie zurzeit in South Carolina, Sir?“ Ihm musste aufgefallen sein, dass die Nummernschilder des Fords in Oklahoma ausgestellt worden waren.

„Nicht mehr“, antwortete Jimmy.

„Was ist Ihre derzeitige Anschrift?“

„Ich, äh …“ Diese Frage war höchst unangenehm. „Ich habe keine. Ich bin … auf der Durchreise.“

„Wohin?“

„Nach Sacramento. Ich habe dort einen Job in Aussicht.“

„Ich verstehe. Bitte erzählen Sie mir, was genau passiert ist, Mr. Dorsett.“

Wenigstens war Ramirez höflich und nicht herablassend. Und so blieb er auch, während Jimmy ihm seine Geschichte erzählte. Danach stellte er noch einige Nachfragen, um seine Notizen zu vervollständigen. Ramirez machte nicht den Eindruck, als wollte er Jimmy reinreiten.

„Okay“, sagte er, als Jimmy zum Ende kam. „Warten Sie bitte hier, ja?“

Jimmy nickte. Was sollte er auch sonst tun? Er trat unruhig von einem Bein aufs andere, während Ramirez sich mit den anderen Bullen und den Sanitätern unterhielt. Die Trucker langweilten sich offensichtlich, denn sie gingen, einer nach dem anderen, zurück zu ihren Schleppern. Jimmy war verdammt froh, dass er vor der Ankunft der Bullen noch gepinkelt hatte. Er war hundemüde und kurz davor, im Stehen einzuschlafen.

Die Sanitäter luden Tom in den Rettungswagen und fuhren ohne Blaulicht davon. Die Bullen blieben noch und nach einigen Minuten kam Ramirez wieder zurück zu Jimmy. Er sah nicht sehr glücklich aus.

„Mr. Dorsett, haben Sie in der Gegend von Fresno Bekannte?“

„Nicht eine Seele.“

„Ich fürchte, ich muss Sie bitten, hier in der Nähe zu bleiben, bis wir den Fall untersucht haben.“

Mist. „Untersucht? Er war alt und krank und ist gestorben.“

„Ich weiß. Ich habe nicht die geringsten Zweifel, dass Sie mir die Wahrheit berichtet haben. Aber leider darf ich mich darauf nicht verlassen. Es tut mir leid.“ Man musste ihm zugestehen, dass er es ernst zu meinen schien.

„Wie lange?“

„Zwei oder drei Tage. Wir müssen eine Autopsie durchführen lassen und vielleicht die ersten Laborergebnisse abwarten. Und wir müssen Ihren Wagen als Beweismittel sicherstellen.“

Jimmy stöhnte. „Mein Auto! Sehen Sie, es ist …“

„Ich weiß. Ich kümmere mich persönlich darum, dass es so schnell wie möglich geht. Aber es wird trotzdem einige Tage in Anspruch nehmen.“ Er wurde ernst. „Besteht die Möglichkeit, dass wir bei der Durchsuchung des Wagens Drogen finden?“

„Ich weiß nicht, was Tom in seinem Rucksack hat. Aber bei mir werden Sie keinerlei Drogen finden.“ Jimmy hatte als junger Mann Drogen genommen, manchmal sogar zu viel. Mit der Zeit war ihm allerdings klargeworden, dass Drogen die giftigste Form der Hoffnung waren. Sie wirkten nur für kurze Zeit und danach war alles noch schlimmer als vorher. Jimmy trank noch ab und zu Alkohol, aber nicht mehr so oft und so viel wie früher.

Ramirez nickte. „Gut. Haben Sie genug Geld, um für einige Nächte ein Motel zu nehmen? Wenn nicht, haben wir eine Unterkunft für obdachlose Männer in der Stadt. Oder ich kann Ihnen eine Zelle in unserem Gefängnis anbieten, aber das wäre keine sehr gute Lösung.“

Jimmy überlegte wieviel Geld er noch im Portemonnaie hatte. „Was kostet ein Zimmer in dem Motel?“

„Fünfunddreißig pro Nacht, wenn Sie nicht allzu wählerisch sind.“

Er kicherte. „Bin ich nicht. Und bei dem Preis kann ich mir ein oder zwei Nächte leisten.“

„Gut. Ich fahre Sie hin.“

„Ja, danke.“ Jimmy rieb sich übers Gesicht. „Kann ich wenigstens meine Tasche mitnehmen?“ In der Reisetasche war sein gesamter Besitz – wenn man von dem Ford absah: Etwas Kleidung zum Wechseln, ein Paar feste Arbeitsstiefel, eine alte Strickmütze, der Kulturbeutel mit Inhalt, eine Decke und ein Handtuch, sowie einige zerfledderte Taschenbücher, die er hier und da aufgesammelt hatte.

„Nein, tut mir leid. Aber Sie können sich Dinge mitnehmen, die Sie unbedingt brauchen.“

Jimmy hatte also das zweifelhafte Vergnügen, unter den Augen der Bullen Unterwäsche, Socken, T-Shirts, Toilettenartikel und ein Buch aus seiner Reisetasche nehmen zu dürfen. Dann wurde die Tasche wieder verschlossen und im Kofferraum seines Fords verstaut. Ramirez besorgte ihm eine Plastiktüte, damit er seine Sachen transportieren konnte. Das war nett von ihm.

Jimmy war noch nie vorne in einem Polizeiwagen gefahren. Es war ziemlich eng. Überall waren Geräte und Knöpfe, die er nicht identifizieren konnte. Er musste sich zusammenreißen, um sie nicht auszuprobieren. Jimmy war allerdings froh, dass sie nicht auf dem Weg in den Knast waren, sondern zu einem Motel fuhren. Er wollte sein Glück nicht überstrapazieren.

Ramirez setzte sich hinters Lenkrad und lächelte Jimmy zu, bevor er losfuhr. „Ich bin Ihnen für Ihre Kooperationsbereitschaft wirklich dankbar, Sir. Ich weiß, dass es für Sie nicht sehr angenehm ist.“

„Ich werde es wohl überleben.“ Im Gegensatz zu dem armen Tom. „Werden Sie mit seinem Sohn Kontakt aufnehmen?“

„Wir werden versuchen, seine Angehörigen ausfindig zu machen.“

„Was passiert mit der Leiche?“

„Das kommt ganz darauf an. Wenn wir Angehörige finden, wird sie ihnen übergeben. Wenn nicht, müssen wir sehen, ob er genug hinterlassen hat, um eine Beerdigung zu bezahlen.“

Jimmy schnaubte. „Und wenn das nicht der Fall ist?“

„Wird er verbrannt und die Asche für einige Zeit aufbewahrt.“

Nach einer kurzen Fahrt fuhr Ramirez vom Highway ab auf eine alte Hauptstraße, an der eine Reihe von Motels standen, die offensichtlich schon in den 50er Jahren errichtet worden waren, als es den neuen Highway noch nicht gab. Das Comet Motel hatte eine verblasste Neonbeschriftung mit einem raumschiffartigen Anhängsel. Die Farbe an den verwitterten Außenwänden war fast vollständig abgeblättert. In der Einfahrt standen zwei Prostituierte und warteten auf Kundschaft. Sie winkten Ramirez zu, der zurückwinkte.

„Es ist nicht gerade das Ritz“, meinte Ramirez, als er vor der Rezeption anhielt. „Aber es ist besser, als die Obdachlosenunterkunft oder eine Gefängniszelle.“

Jimmy war mittlerweile so müde, dass er überall geschlafen hätte. „Okay. Danke für die Fahrt.“

„Hier ist meine Visitenkarte. Rufen Sie an, wenn Sie Fragen haben oder Hilfe brauchen. Ansonsten melde ich mich hier, sobald es Neuigkeiten gibt. Es gibt ein Telefon an der Rezeption. Nur nicht abreisen, ja?“

„Nein.“ Jimmy nahm die Karte und steckte sie in die Hosentasche. Dann nahm er seine Plastiktüte und stieg aus.

Bevor er die Tür schließen könnte, lehnte sich Ramirez über den Sitz und hielt ihm die Hand hin. „Nochmals vielen Dank, Mr. Dorsett.“

Gott, der Bulle sah wirklich verdammt gut aus. Unter anderen Umständen hätte Jimmy vielleicht sogar mit ihm geflirtet. Aber so schüttelte er Ramirez nur die Hand, schlug die Tür zu und ging davon.

2

NACHDEM OFFICER Ramirez wieder abgefahren war, nahm sich Jimmy ein Zimmer und bezahlte seine fünfunddreißig Dollar für eine Nacht bei einem Mann mit kaputten Zähnen und Tätowierungen im Gesicht. Das Zimmer war schmutzig, muffig und dunkel, was ihn nicht sonderlich überraschte. Auch die durchgelegene Matratze, die offensichtlich noch aus der Zeit von Jimmy Carter stammte, war nicht weiter verwunderlich. Vermutlich war damals auch die Bettwäsche das letzte Mal gewechselt worden. Jimmy zog seine Tennisschuhe aus und legte sich – voll bekleidet – aufs Bett, ohne die Decke zurückzuziehen. Er klemmte sich das Kissen unter den Arm und schlief Sekunden später ein.

Er schlief länger und tiefer als erwartet. Erst sein knurrender Magen weckte ihn. Es war später Nachmittag. Unter dem tröpfelnden Wasser, das kaum als Dusche durchging, entwarf er in Gedanken Werbebroschüren für das Comet Motel. Er illustrierte sie mit Hochglanzfotos, auf denen die Highlights des Motels zu sehen waren: die tote Kakerlake in der Duschwanne, die geheimnisvollen Flecken auf dem rosa gepolsterten Stuhl, der Blutfleck an der Schranktür. Den Text lockerte er mit lobenden Zitaten zufriedener Gäste auf: Dem Drogendealer aus dem Nachbarzimmer, dem Mann auf dem Parkplatz, der die Leute laut schreiend vor Aliens warnte, die ihre Gedanken lesen könnten, den freundlichen Nutten aus der Nachbarschaft. Und dann war da noch die unvergleichlich zentrale Lage des Motels – die Güterzüge fuhren nur wenige Meter entfernt am Fenster vorbei. Und zwar mehrmals täglich. Nicht zu vergessen auch der Highway, der auf der anderen Seite des Gebäudes sein beruhigendes Rauschen hören ließ. Und wenn man in erster Reihe sitzen und die Aktivitäten der örtlichen Kleinkriminellen beobachten wollte, war das Comet Motel ebenfalls allererste Wahl.

Es war nicht so, dass er nicht schon in schlimmeren Absteigen übernachtet hätte, aber er hasste es trotzdem, für dieses Dreckloch sein sauer verdientes Geld ausgeben zu müssen.

Frisch geduscht und umgezogen, machte Jimmy sich auf die Suche nach etwas Essbarem.

Die gleißende Sonne brannte ihm in den Augen. Das Motel und die Umgebung sahen jetzt noch trostloser aus, als in den frühen Morgenstunden. Das grelle Licht verbarg nichts – weder die abblätternde Farbe noch das verrostete Metall oder die Risse im Beton. Am anderen Ende des Parkplatzes spielten einige verwahrloste Kinder mit einem Ball und einem zerbrochenen Einkaufswagen. Jimmy lächelte ihnen zu, aber sie lächelten nicht zurück. Er hatte es nicht anders erwartet.

Das Comet teilte sich die Straße mit einigen weiteren heruntergekommenen Motels. Dazwischen lagen Brachen, auf denen zerzauste Palmen wuchsen. Einige Straßen weiter fand Jimmy eine Tankstelle mit einem Spirituosenladen – alles was man brauchte, um besoffen Auto zu fahren. Außer dem Alkohol gab es in dem Laden allerdings auch Grundlebensmittel. Er kaufte sich einen Laib Brot, Streichkäse in der Dose, eine Schachtel Müsliriegel und eine große Flasche Wasser. Seit er wieder ständig unterwegs war, hatte er sich beschissen ernährt. Vermutlich war er schon kurz vorm Skorbut. Aber Jimmy konnte sich nicht leisten, in Restaurants zu essen – es reichte nicht einmal für Fast Food – und ohne Kühlschrank hatte er nicht viel Möglichkeiten. Er kaufte noch eine kleine Packung Frischmilch, um wenigstens ein gesundes Lebensmittel zu sich zu nehmen. Die Milch trank er auf dem Rückweg zum Motel.

Jimmy war ruhelos und wäre gerne noch etwas gelaufen, doch die Sonne ging schon langsam unter und die Gegend machte keinen sehr vertrauenswürdigen Eindruck. Außerdem wollte er nicht riskieren, dass die Bullen ihn im Motel suchten und er war nicht dort. Dann würden sie vielleicht vermuten, er hätte die Stadt verlassen.

Mist. Genau das sollte er tun. Dieses Nest verlassen. Die Bullen würden schon noch früh genug herausfinden, dass Tom eines natürlichen Todes gestorben war. Dann konnte ihnen Jimmy egal sein und sie würden nicht nach ihm suchen. Das einzig Wertvolle an dem alten Ford waren seine Stiefel, die noch im Kofferraum lagen. Die alte Kiste selbst war reif für die Schrottpresse. Aber Officer Ramirez hatte ihn respektvoll behandelt und ihm sogar vertraut. Außerdem hatte Jimmy ihm sein Wort gegeben, die Stadt nicht zu verlassen. Auch gut. Er konnte es hier noch einige Zeit aushalten.

Zurück im Zimmer, sprühte er sich von dem Käse aufs Brot und rollte es zusammen, bevor er es aß. Es war eines der Standardgerichte seiner Kindheit – zusammen mit Cornflakes ohne Milch, Erdnussbutter auf Keksen und Ketchup-Sandwich. Wenn seine Brüder sich erbarmten und den Herd anwarfen, gab es sogar Nudelsuppe aus der Tüte. Mist. Es war wirklich ein Wunder, dass er noch nicht an Mangelerscheinungen krepiert war.

Er wusch Hemd, Unterwäsche und Socken in dem kleinen Waschbecken und hängte sie zum Trocknen über die Stange der Duschkabine. Jimmy hasste es, verschwitzt und verdreckt zu stinken. Deshalb achtete er möglichst darauf, dass immer alles sauber war. Manchmal ließ sich ein gewisses Maß an Schmutz allerdings nicht vermeiden, insbesondere dann, wenn er im Freien übernachtete. Aber es schmerzte ihn zutiefst, wenn er merkte, dass andere Menschen ihm auswichen, als ob Schmutz und Armut ansteckend wären. Die meiste Mühe gab er sich, wenn er auf der Suche nach einem neuen Job war. Niemand stellte einen dreckigen Landstreicher ein.

Untätige Langeweile war ein weiteres Problem seiner unsteten Lebensweise. Deshalb versuchte er, diese leeren Zeiten zu kultivieren. Er setzte sich aufs Bett und schaltete den Verstand ab. Heute wollte es allerdings nicht funktionieren. Die Gedanken schwirrten ihm durch den Kopf und dröhnten lauter als sein alter Ford. Der alte Fernseher half ihm auch nicht weiter. Das Bild rauschte und der Ton war so schlecht, dass man kein Wort verstand. Jimmy nahm sein Buch aus der Plastiktüte und fing zu lesen an. Es war ein alter Schinken von Stephen King, den er schon kannte, aber gerne noch einmal las.

Es wurde Nacht und es wurde lauter. In einem der anderen Zimmer brüllte sich ein Paar lautstark an. Ein Baby schrie. Autos beschleunigten, Reifen quietschten. Züge ratterten vor dem Fenster vorbei und brachten die Wände zum Wackeln. Irgendwo skandierte eine Frau immer wieder das Gleiche: „Du kannst es nicht aufhalten, weil es dich aufhalten will.“ Es hörte sich an, wie eine Stimme aus den Tiefen der Hölle.

Und die Bullen ließen sich nicht blicken.

Obwohl Jimmy nicht wirklich müde war, schaltete er irgendwann das Licht aus und legte sich hin. Wieder voll bekleidet. Er träumte von Erdbeben und anderen Naturkatastrophen. Und er träumte von Schlangen.

AM NÄCHSTEN Morgen musste er wieder fünfunddreißig Dollar bezahlen. Der Mann an der Rezeption sah nicht glücklicher aus, das Geld anzunehmen als Jimmy, der es bezahlen musste.

„Gibt es hier in der Nähe einen Lebensmittelladen?“, erkundigte sich Jimmy.

„An der Tankstelle, vier Blocks entfernt“, sagte der Mann und zeigte mit dem Daumen über die Schulter.

„Ja, da war ich gestern. Ich dachte mehr an einen Laden, der richtige Lebensmittel verkauft. Sie wissen schon – die Sachen, mit den unaussprechlichen Wörtern auf der Liste der Zutaten.“

Der Mann schürzte die Lippen und schüttelte den Kopf.

„Na gut“, sagte Jimmy. „Einen schönen Tag noch.“

Auf dem Parkplatz waren wieder die Kinder. Jimmy war sich sicher, dass sie eigentlich in der Schule sein sollten, aber niemand schien sich um sie zu kümmern. Er wusste aus seiner eigenen Kindheit, dass sie vermutlich genau darüber informiert waren, was hier wo abging. „Hey“, sagte er zu dem ältesten Jungen, der ungefähr neun oder zehn Jahre alt sein musste. „Wo kann ich hier Lebensmittel kaufen? Außer an der Tankstelle.“

Der Junge kniff die Augen zusammen. „Warum?“

„Weil ich den Käse aus der Dose nicht mehr sehen kann.“

„Gib mir fünf Bucks, dann sage ich es dir.“

Die anderen Kinder umringten sie. Sie warteten auf Unterhaltung oder Geld. „Ein unternehmerischer Geist“, sagte Jimmy. „Das gefällt mir. Aber ich habe keine fünf Dollar mehr.“

„Dann sage ich es dir nicht.“ Der Junge verschränkte die Arme vor der Brust.

„Ich mache dir einen Vorschlag. Du sagst mir, wo es hier einen Supermarkt gibt, und ich jongliere für dich, wenn ich zurückkomme.“

Der Junge zog skeptisch die Augenbrauen hoch. „Jonglieren?“

„Jawoll. So lange ich weg bin, müsst ihr drei Gegenstände finden, mit denen man jonglieren kann. Sie dürfen nicht tödlich sein, nicht zu groß und nicht zu schwer.“

Die jüngeren Kinder plapperten aufgeregt durcheinander und überlegten, was man hier finden konnte, aber ihr Anführer ließ sich nicht so leicht überzeugen. „Woher soll ich wissen, ob du wirklich jonglieren kannst?“

„Gar nicht. Aber selbst wenn ich es nicht kann, siehst du, wie ich mich blamiere, wenn ich die Dinger durch die Luft werfe. Das ist mindestens fünf Dollar wert.“

„Vielleicht. Und was ist, wenn du zurückkommst und gar nichts machst?“

Jimmy zuckte mit den Schultern. „Du musst mir eben vertrauen.“

Der Gesichtsausdruck des Jungen zeigte mehr als deutlich, was er von der Idee hielt. Einem Erwachsenen vertrauen? Jimmy konnte ihm keinen Vorwurf machen. Er hätte seinen letzten Cent darauf gewettet, dass der Junge schon mehr als einmal die Erfahrung gemacht hatte, dass Erwachsene nichts mehr waren als verlogene, unzuverlässige Arschlöcher.

„Was hast du denn zu verlieren, Kumpel? Wenn du mir die Informationen nicht gibst, werde ich mit Sicherheit nicht jonglieren. Aber wenn du es tust, jongliere ich wenigstens vielleicht. Deine Chancen stehen also besser, wenn du damit rausrückst.“

Der Junge überlegte einen Moment, dann nickte er. „Okay. Aber wehe, du hast gelogen.“

Der Laden war ungefähr anderthalb Meilen entfernt. Es war ein staubiger Weg, der an kleinen Häusern vorbeiführte, deren Fenster und Türen fest verriegelt waren. Es war ein kleiner Laden mit abgetretenem Holzfußboden und einem unangenehmen Geruch nach verdorbener Ware. Aber die Auswahl war trotzdem größer als an der Tankstelle. Jimmy kaufte zwei Dosen Thunfisch, eine Schachtel Crackers, einige Äpfel, eine Tüte Mandeln, Schokoriegel und einen Liter Frischmilch. Wenn es in dem Zimmer eine Kochplatte oder wenigstens eine Kaffeemaschine gäbe, hätte er mehr Möglichkeiten gehabt. Aber ohne heißes Wasser ging nicht viel.

Auf dem Rückweg zum Motel wurde die Tasche schwerer und schwerer.

Er begrüßte die Nutten in der Einfahrt. Die Kinder warteten schon auf ihn. „Wir haben was gefunden“, sagte ein Mädchen mit Zahnlücken, wo ihr oben in der Mitte die Milchzähne ausgefallen waren.

„Prima. Ich bringe erst meine Tüte ins Zimmer.“

Es war ihnen anzusehen, dass sie keine Lust zu warten hatten, aber er ging einfach an ihnen vorbei, schloss die Zimmertür auf und stellte die Tüte auf den schmutzigen Stuhl. Dann ging er wieder nach draußen auf den Parkplatz. „Gut. Was habt ihr mir zu bieten?“

Sie zeigten ihm stolz die Gegenstände, die sie gefunden hatten: einen zerbrochenen Baseballschläger aus Holz, eine vergammelte Grapefruit und eine Barbiepuppe, nackt und ohne Haare auf dem Kopf. „Das ist wahrlich eine beeindruckende Sammlung.“

„Ich wette, du kannst es nicht“, sagte der älteste Junge und drückte die Brust raus. Jimmy stellte sich vor, wie er in zehn Jahren aussehen würde – muskelbepackt, tätowiert, und ständig im Kampf mit der ganzen Welt. Aber zumindest würde er sich nichts gefallen lassen.

Jimmy nahm lächelnd die drei Gegenstände auf und warf sie einzeln hoch, um ein Gefühl für ihr Gewicht und ihre Balance zu entwickeln. Dann fing er an, damit zu jonglieren.

Er war ziemlich gut. Jonglieren hatte er schon vor Jahren gelernt, als er und sein Lehrer nicht wussten, wie sie sich die Zeit vertreiben sollten. Der Mann war kein sehr guter Jongleur gewesen, aber Jimmy hatte danach geübt. Es war eine gute Möglichkeit, kurze Wartezeiten zu überbrücken und erforderte nicht viel Zubehör. Ein- oder zweimal hatte er, als er durch eine größere Stadt kam und das Geld knapp war, sogar einen Pappbecher auf den Bürgersteig gestellt und sich mit Jonglieren Geld verdient. Er nahm dazu, was immer er gerade zur Hand hatte – Schlüssel, einen Schuh, ein Buch, Steine oder zerbrochene Plastikteile. In dem Pappbecher waren immer genug Münzen, um sich einen Kaffee und Fast Food zu leisten.

Die Kinder sahen gebannt zu und feuerten ihn an, wenn er besonders hoch warf. Nach einigen Minuten hörte Jimmy auf, fing die drei Gegenstände aus der Luft und verbeugte sich vor seinem Publikum. Die Kinder applaudierten und sahen für kurze Zeit wie ganz normale, glückliche Kinder aus – sogar der älteste Junge, der genau wusste, dass dieser kurze Glücksmoment nicht lange anhalten würde.

„Wie hast du das gelernt?“, fragte der Junge.

„Ich war bei einem Zirkus. Ich habe auf einem Elefanten gesessen und mit brennenden Fackeln jongliert.“

Die Kinder sahen ihn mit großen Augen an. „Und warum bist du nicht mehr bei dem Zirkus?“, fragte ein kleiner Junge.

Jimmy lächelte. „Ein traumatischer Unfall mit einem Löwen.“ Jimmy salutierte und verließ die Bühne nach links. Sein Thunfisch mit Crackers wartete auf ihn.

WEDER OFFICER Ramirez noch ein anderes Mitglied der Jungs in Blau besuchte an diesem Nachmittag das Comet. Jedenfalls nicht, um Jimmy zu sprechen. Als er später am Abend in seinem Buch las und dabei einen Apfel aß, drangen Schreie vom Parkplatz in sein Zimmer. Die Schreie wurden immer lauter, dann waren Schüsse zu hören und sie brachen abrupt ab. Jimmy rollte instinktiv vom Bett und presste sich flach auf den Boden. Er wollte nicht von einem Irrläufer getroffen werden. Es war ein so sinnloser Tod. Nach kurzer Zeit heulten Sirenen, es wurde wieder geschrien, dann herrschte Ruhe. Jimmy hoffte, dass niemand erschossen worden war.

„Ihr Torrence‘ seid Jammerlappen“, sagte er zu seinem Buch, als er wieder vom Boden aufstand. „Ich würde eure Geister jederzeit gegen einen durchgeknallten Revolverhelden eintauschen.“ Motels, in denen es spukte. Was für ein Unsinn.

Jimmy konnte sich nicht mehr auf sein Buch konzentrieren. Er saß auf dem Bett, lehnte sich mit dem Rücken an das zerbrochene Kopfteil und dachte über seine unmittelbare Zukunft nach. Er konnte nicht ewig hier rumsitzen und auf Ramirez warten. Vielleicht sollte er sich einen Job suchen. Ein Platz zum Leben – ein möbliertes Zimmer oder ein etwas besseres Motel, in dem man wochenweise mieten konnte.

Aber der Plan – wenn man ihn überhaupt als einen solchen bezeichnen konnte – hörte sich irgendwie nicht richtig an. Nicht, dass er etwas gegen Fresno einzuwenden hätte. Die Stadt war zwar nicht gerade strahlend, aber er hatte schon schlimmere erlebt. Trotzdem wollte er hier nicht bleiben. Die Stadt juckte ihn wie eine wollene Unterhose. Früher oder später passierte ihm das mit jeder Stadt, doch hier ging es schon nach zwei Tagen los.

Er musste hier weg.

Jimmy beschloss, noch einen Tag auszuharren. Wenn Ramirez nicht in den nächsten vierundzwanzig Stunden auftauchte, wollte er sich auf die Socken machen. Per Anhalter oder mit dem Zug. Und dann wollte er erst wieder an einem Ort bleiben, wenn das Jucken aufhörte. Vorübergehend.

Er nahm seine zweite Dusche an diesem Tag, als ob er die zusätzliche Sauberkeit ansparen und später aufbrauchen könnte. Dann faltete er die Klamotten zusammen, die er gestern gewaschen hatte, und steckte sie in die Plastiktüte, die er von Ramirez bekommen hatte. Danach zählte er die Geldscheine in seinem Portemonnaie und legte sich ins Bett.

Er konnte nicht einschlafen. In der Nähe wurde schon wieder gestritten. Wut und Angst, aber – Gott sei Dank – keine Schüsse. Ein Zug fuhr vor dem Fenster vorbei und erschütterte mit seinem Tuten das ganze Gebäude. Jimmys Verstand war zu dämlich, einfach abzuschalten. Zufällige Erinnerungsfetzen wirbelten ihm durch den Kopf, bis sich eine Erinnerung festsetzte. Sie war noch sehr neu und alles andere als zufällig.

Du hast noch Zeit, hatte Tom gesagt.

Ja, Zeit hatte Jimmy immer, auch wenn er sonst nichts hatte. Zeit, ein Buch, einige Klamotten zum Wechseln, den Beutel mit dem Rasierzeug, einige Lebensmittel und ungefähr hundert Bucks. Tom hatte auch gesagt, er sollte die Zeit nutzen, um alles in Ordnung zu bringen. Was für ein Blödsinn. In Jimmys Leben gab es nichts, was in Ordnung gebracht werden müsste. Außer dem Ford natürlich. Aber Jimmy hatte kein Geld für Reparaturen, und außerdem war es die alte Kiste wohl nicht mehr wert.

Jimmy kannte niemanden, der ihn um sein Leben beneiden würde. Aber es war ja auch sein Leben, nicht das eines anderen Menschen. Und er bedauerte nichts. Sicher, er hatte manchmal falsche Entscheidungen getroffen, dumme Sachen gemacht. Er war sogar einige Male im Knast gelandet und hatte Chancen versiebt, die sich ihm boten. Er hatte Männer gefickt, von denen er besser die Finger gelassen hätte, hatte andere nicht gefickt, obwohl sie es wert gewesen wären. Er war in seinem Leben schon oft falsch abgebogen.

Und dann gab es da die Dinge, die er nicht getan hatte. Keine Beziehungen. Keine echten Freundschaften. Keine Schule nach der zehnten Klasse. Kein richtiges Zuhause, nur Unterkünfte mit Ablaufdatum. Er war nie für andere Menschen wichtig gewesen, hatte ihnen nie etwas bedeutet.

Eines Tages würde er genauso sterben wie Tom – allein, vielleicht auf der Straße. Niemand würde sich dafür interessieren, von den Pechvögeln abgesehen, die sich um seine Leiche kümmern mussten.

Jimmy wollte verdammt sein, wenn er sich hier seinem Selbstmitleid ergab. Schon gar nicht wollte er sein Leben auf den Kopf stellen und die Vergangenheit ungeschehen machen. Er hatte nie Kinder gehabt, die er hätte verlassen können, hatte nie jemanden im Stich gelassen. Und wenn er auf der Straße leben wollte – und das wollte er! –, dann war das seine eigene Entscheidung. Verdammt aber auch, er war schließlich niemandem etwas schuldig.

Die improvisierte Mahlzeit in seinem Magen wurde sauer. Er drehte sich auf die Seite und versuchte noch einmal, endlich einzuschlafen.

3

RAMIREZ LIEß sich auch am nächsten Morgen nicht blicken. Jimmy saß auf einem umgedrehten Plastikeimer vor seinem Zimmer und sah den spielenden Kindern zu, die über den Parkplatz rannten. Eine der Nutten hatte Frühschicht und versuchte, in der Einfahrt Kunden zu fangen. Gegen Mittag kam ein Mann vorbei und setzte sich zu ihm. Er war wahrscheinlich nicht älter als dreißig, sah aber schon alt und verbraucht aus. Sein mausgraues Haar hing strähnig über alter Haut, seine braunen Augen waren ausgeblichen und wässrig.

Der Mann lehnte sich an die Wand und holte sich eine Zigarette aus der Tasche. Er zündete sie an und nahm einen tiefen Zug. „Bist du frisch aus dem Knast?“, fragte er dann. Vielleicht hatte er gesehen, wie Ramirez ihn hier absetzte. Obwohl – normalerweise spielten Bullen nicht den Chauffeur für entlassene Knastbrüder.

„Nein. Ich habe schon lange nicht mehr gesessen.“ Und nie für sehr lange. Er hatte nie wirkliche Verbrechen begangen und war immer nur für Kleinigkeiten verurteilt worden: Landstreicherei, Betreten fremden Eigentums und so.

„Was machst du hier?“

„Ich bin auf der Durchreise.“

Der Mann spuckte aus und zog wieder an seiner Zigarette. „Ich bin seit sieben Monaten hier. Ich und die Kinder.“ Er zeigte vage auf die Kinder. Es konnten nicht seine sein, aber dazu sagte er nichts. „Es ist ein Scheißloch hier.“

„Ich könnte ein Update brauchen“, meinte Jimmy.

„Ich hatte früher ein Haus. Es war ein nettes, kleines Haus. Wir haben es immer sauber gehalten. Ich hatte einen guten Job als Bauarbeiter, weißt du? Dann ist die Wirtschaft zusammengebrochen. Wir haben das Haus verloren. Ich war froh, endlich einen neuen Job zu finden. Ich hatte einen Unfall und seitdem ist mein Rücken hinüber. Und meine Frau …“ Er seufzte und klopfte sich an den Kopf. „Sie hat Probleme hier oben, verstehst du? Sie ist seit einiger Zeit im staatlichen Krankenhaus in Stockton. Aber sie wird bald entlassen.“

Jimmy kannte die Geschichte. Zumindest kannte er ähnliche Geschichten. Familien wie diese hatten nie eine Chance. Wenn sie erst einmal Pech hatten, wurde es nur noch schlimmer. Und selbst, wenn sie für kurze Zeit Glück hatten, lebten sie so sehr an der Armutsgrenze, dass schon die kleinste Kleinigkeit sie wieder ins Unglück stürzte.

„Ich hoffe, es wird wieder besser für euch“, sagte Jimmy.

„Ja, es wird schon wieder. Wenn Rosie entlassen wird, gehen wir nach Norden, wir und die Kinder. Es ist dieser verdammte Ort hier, der sie wahnsinnig macht. Wenn wir erst in Oregon oder Washington sind, wird es ihr besser gehen. Dort gibt es auch Jobs. Wir kaufen uns ein neues Haus und …“ Er verstummte, als ob er am Ende seiner Träume angelangt wäre. Oder vielleicht war ihm auch klargeworden, dass er hoffte, und Hoffnung war Gift.

„Ich wünsche euch viel Glück“, sagte Jimmy. Dann ging er zurück in sein Zimmer und las weiter in seinem Buch.

JIMMY DACHTE gerade übers Abendessen nach, als jemand an die Tür klopfte. Er hatte schon die fünfunddreißig Dollar für den Tag bezahlt, also konnte es nicht der Mann von der Rezeption sein. Außerdem sah der sowieso nicht aus, als würde er die Energie aufbringen, an eine Tür zu klopfen. Deshalb wunderte sich Jimmy nicht allzu sehr, dass er Officer Ramirez vor sich stehen sah, als er die Tür öffnete.

„Tut mir leid, dass es so lange gedauert hat“, sagte Ramirez. „Unsere Gerichtsmedizin ist sehr gründlich.“

„Kein Problem. Kann ich mein Auto zurückhaben?“

Ramirez lächelte freundlich. „Ja. Ich kann Sie mitnehmen zum Abschlepphof.“

Jimmy rieb sich den Nacken. „Äh, wenn ich Abschleppgebühren bezahlen muss …“

„Natürlich nicht. Sie können es abholen und losfahren. Alles zum Aufbruch bereit?“

Das war es nicht, aber es dauerte nur wenige Minuten, um alles in zwei Tüten zu verpacken. Ramirez wartete, bis Jimmy sich abgemeldet hatte. Dann hielt er ihm die Beifahrertür seines Dienstwagens auf und machte eine schwungvolle Armbewegung. „Ihre Kutsche, Mr. Dorsett.“