Reiselust aus purer Neugier - Hiltrud Koch - E-Book

Reiselust aus purer Neugier E-Book

Hiltrud Koch

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Beschreibung

Reisen in alle Himmelsrichtungen, Reisen zum Vergnügen, zum Lernen, einfach aus purer Neugier. Erfahrungen sammeln, sich mit dem Fremden auseinandersetzen, die Welt erfahren und die Vielfalt der Lebens- und Denkweisen von Menschen, Kulturen und anderen Gesellschaften zu erkunden, das bedeutet Reisen. Es ist etwas ganz anderes als Urlaub, Erholung, Abschalten vom Alltag. Man muss nicht weit weg fahren, erleben kann man überall etwas Besonderes, wenn man alle Sinne aufspannt.

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Seitenzahl: 1056

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Reiselust!

Mehr als Weisheit aller Weisen Gilt mir Reisen, Reisen, Reisen

Th.Fontane

Heute hier, morgen dort

Bin kaum da, muss ich fort

So vergeht Jahr um Jahr

Und es ist mir längst klar

Dass nichts bleibt, wie es war

Fragt mich einer, warum

Ich so bin, bleib ich stumm

Denn die Antwort darauf fällt mir schwer

Denn was neu ist wird alt

Und was gestern noch galt

Stimmt schon heut' oder morgen nicht mehr

Manchmal träume ich schwer und dann denk ich es wär

Zeit zu bleiben und nun was ganz andres zu tun

So vergeht Jahr um Jahr und es ist mir längst klar

Dass nichts bleibt, dass nichts bleibt, wie es war

Hannes Wader

Für meine Kinder und Enkelkinder

Inhalt

Vorwort

Begegnungen

Rosinenpicken beim Ikonenmaler

Der gute Hirte

Wie spricht man „Hockenheimring“ aus?

Handwerksbetriebe am Kilimandscharo

Mit einem Fischer durchs Donaudelta

Verständigung ohne Sprachkenntnisse in Kirgistan

Berberwohnung in Chenini

Adoptiert in Agua Azul

Bei den Emberá in Panama

Mennoniten in Mexiko

Griechen in aller Welt

Frühstück bei Trudi Blohm

Landkonflikte in Mexiko

Schulen des Lebens

Saisonarbeiter auf der Insel

Dom Hélder Câmara in Olinda

Die Kunst es vergnügten Picknicks

Thronjubiläum des Thailändischen Königs in Bangkok

Geschenk und Gegengeschenk

Verlassene Bergdörfer auf Korfu

Der Wanderer aus dem Eis

Tellerwerfen verboten!

Behördengänge in Aquaba

Hochzeit im Dartmoor

Graf Spee

Besondere Orte

Gauklerplätze in Marrakech und Meknes

Kathedrale des Weins

So kalt - und so schön!

Eine Stadt unter Tage im Salzbergwerk

Wasserfall am Fuße des Rinjani auf Lombok

Unterwegs im Bekaa-Tal

Ceremony of the Keys

„Durch die Wüste“ über den Chott-el-Djerid

Weltwunder Borobodur

Prambanan, hinduistisches Wunder auf Java

Zu Fuß über den Amur Daria

Ein Schloss für das Buch

Die alte Bibliothek in Timbuktu

César Manrique auf Lanzarote

Das Brandenburger Tor ohne Mauer!

Höhlenmalerei-Zauber Altamira

Zweite Chance am Kap der Guten Hoffnung

Domkuppel in Florenz

In der Jurte in Kirgistan

Insel Kishi im Onegasee

Bauhaustradition im Harz

Synagoge in einer kleinen Landgemeinde

Auf Thomas Manns Spuren auf der Kurischen Nehrung

Place Stanislas in Nancy

Aghia Sophia in Istanbul

Weltwunder Taj Mahal

Kafenion Chara, die reine Freude

Bei den Reichen und Feinen in Patagonien

Böhmisches Dorf in Berlin

Nachts durch den Siq in Petra

Perfekte Illusionsindustrie in Disney World

Frühe Globalisierung - Europa in Macau

Das Grab der Nefertari im Tal der Könige

Machu Piccu, der Höhepunkt

Hattuscha, Hauptstadt der Hethiter

Teotihuacán - Hier wird man zum Gott

Prunk im Topkapi Serail in Istanbul

Tikal, ein magischer Ort im Dschungel Guatemalas

Die Schwimmbad-Kirche in St. Petersburg

Begeisterung für das Opernhaus in Sydney

Palästinenserlager Baqa’a in Jordanien

Gastfreundschaft

Spontane Einladung, spontanes Geschenk

Spiros the Greek

Eingeladen in Istanbul

Zu Gast in Goleczewo, einem kleinen Dorf in Polen

Bei Familie Berber

Zu Besuch in Kutjevo

Unser Besuch bei Familie Nakata in Kobe

Eingeladen bei Familie Hijikata in Tokio

Zu Gast bei einer palästinensischen Familie

Zusammenrücken, es kommt Besuch

Besuch in Bosnien nach dem Ende des Krieges

Zum Essen bei einer kirgisischen Familie

Surprise Party im indischen Pavillon

„Homemade“-Einladung im indischen Zug

Gastfreundschaft in der Jurte

Zum Essen bei einer Familie im Inle-See

Auf ein Glas Wein beim „Zigeunerbaron“ in Moldawien

Gastlichkeit im Supermarkt

Grenzerfahrungen

Kein Durchkommen möglich!

Türkische Flüchtlinge an der bulgarischen Grenze

Grenzübergang von Thailand nach Malaysia

Gut über die Grenze von Mexiko nach Guatemala

An der Grenze zwischen Usbekistan und Turkmenistan

Abgeriegelte Grenze zwischen Marokko und Algerien

Europas Außengrenze in Melilla in Marokko

Einreise verweigert, also sofort zurück!

Grenzen überqueren ohne „Schengen“-Vergnügen

Heilige Orte, heilige Handlungen

Wallfahrt nach Eyüp

Karfreitagsprozession in einer spanischen Kleinstadt

Kirche im Sozialismus

Synagoge auf Djerba

Die Jungfrau von Guadeloupe in Mexiko

Im Tempel der Cao Dai in Vietnam

Wispernde Eiche in Dodona

Wechselbäder in Varanasi

Kazimierz, das alte jüdische Viertel in Krakau

Im Zahntempel in Kandy in Sri Lanka

Kinderkult in Japan

Mevlana-Kloster in Konya

Moulay Idriss, ein Wallfahrtsort in Marokko

Goldener Tempel der Sikhs in Amritsa

Prachtvolle Shwedagon-Pagode in Yangon

Tempel in Nepal

Wallfahrtsort Tindari auf Sizilien - mal ohne Pilger

Karwoche auf Gozo

Baha’i Tempel in Delhi

Johanneskloster auf Patmos

Das Katharinenkloster auf dem Sinai

Berg der Kreuze in Litauen

Prozession zum Mazu-Geburtstag in Taiwan

Wallfahrtsort Knock in Irland

Lalibela

Sprache sprechen, Sprache verstehen

Idylle in Buchenwald?

Keine Touristen, kein Englisch

Vogelschutz

Speisekarten-Grammatik: Singular oder Plural?

Deutsche Sprache, schwere Sprache

Sprechen mit Händen und Füßen?

Kannitverstaans falsche Freunde

Sprachen können macht frei!

Herumtreiben auf Friedhöfen

Jüdische Friedhöfe in Prag

Friedhof beim Neuen Jungfrauenkloster in Moskau

Prunkgräber der Wollbarone in Punta Arenas

Eine Totenstadt in Buenos Aires

Soldatenfriedhof in der Normandie

Kriegsgräber auf Kreta

Von Vulkanasche bedeckt: Philippinischer Friedhof

Englischer Friedhof in Florenz

Hängende Särge der Igorot

Leichenverbrennung in Nepal

Jüdischer Friedhof auf Barbados

Soldatenfriedhof am Waterberg in Namibia

Chinesischer Friedhof in Malakka in Malaysia

Gemeinsamer Friedhof für Moslems und Christen

Begeisterte Dichter-Verehrung

Cremation in Ubud auf Bali

Türme des Schweigens

„Zigeuner-Friedhof“ in Soroca in Moldawien

Begräbnisriten in Madagaskar

Musik liegt in der Luft

Überraschung beim Festival der mediterranen Musik

Zarzuela in Tarragona

Tänze in San Cristobal, Chiapas

Chinesische Musikkultur in Singapur

Frösche quaken auf der documenta 14 in Athen

Irische Kneipenmusik

Rembetiko in Tallin

Ali Farka Touré in Mali

Weihnachten ist täglich!

Griechische Musik in Griechenland und anderswo

Steelband in Jamaika

Alte Musikanten auf Kuba

Konzert von Savia Andina in La Paz

Meeresorgel in Zadar

„Waltzing Mathilda“-Zwitscheruhr in Melbourne

Konzert beim Mittagessen in Georgien

Peña in Arequipa

Tango Argentino

Ramba Zamba in Nepal

Musik im römischen Keller

Musikkultur in Madagaskar

Begegnung zweier Welten

Moskau 1981, Hauptstadt der sozialistischen Welt

Begegnung zweier Welten in Guatemala

Chinesischer Vergnügungspark

Kalte Nacht im prächtigen Serail

Bettelnde Kinder - Kinder bei der Arbeit

Touristenbelustigung in einem türkischen Dorf

Sabbath

Unterwegs in Sasak-Dörfern auf Lombok

Kulturschocks in USA

Ein altes Kleid als Wertobjekt

Exotische Heimat!

Zwiespältige Gefühle im Dogon-Dorf

Strenge Regeln für das Hindu-Leben

„Paradiesisches Fischerdorf“

Polygamie in Gambia

Darüber spricht man nicht: Tabus

Anstrengendes Touristenleben

Touristen als Freiwild

Anschnacker in Tunesien

Ein Auto sicher abliefern in Guatemala City

Europäer unter sich

„Die gefährlichste Straße der Welt“: La Paz - Corroico

Touristenscherz in Palenque

Warten, Zeit totschlagen, Tristesse, Missmut

Frauen als Freiwild

Überforderte Individualtouristen

Unangenehme Anschnacker am Busbahnhof auf Java

Rettende Engel

Festgefahren auf feuchter Wiese in der Bretagne

Auto kaputt im Taubertal

Barbados Transfer

Kein Bus, nirgends

Autoreparatur mit Klebestreifen in Australien

Natur, nie pur

Oasen in Tunesien

Las Medulas, eine römische Goldgrube in Spanien

Medizin aus dem Regenwald

Riesenschildkröten auf den Galapagosinseln

Fischfang in Seixal

Ab durch die Wüste Rub al Kali mit den Beduinen

Viel Staub in der Namib-Wüste

Seelöwen und anderes Getier in Argentinien

Politische Bootsfahrt in Lüderitz

Dschungelmatsch in Nicaragua

Präparierter Dschungelpfad in Costa Rica

Elefanten im Chitwan Nationalpark in Nepal

Im Elefantenwaisenhaus in Sri Lanka

An der Diaz-Bucht bei Lüderitz

Idylle auf dem Nicaraguasee?

Baden im Wadi im Oman

Vorbei an den Gletschern im Beagle-Kanal

Sanddünen in Marokko

„Wolga-Wunder und Zarenzauber“

Von Dorf zu Dorf auf dem Inle-See in Myanmar

Kalbende Gletscher in Alaska

Fahrt auf einem unterirdischen Fluss

Marktgeschehen

Konsumrausch im Sozialismus

Teetische in Syrien

Lebensmittelspenden in Äthiopien

Einkauf im Weihnachtsland

Belauschtes Verkaufsgespräch

Holländische Rosen aus Ecuador

Auf dem Sonntagsmarkt in Kashgar

Marktgeschehen im Jemen

Frische Fische, frische Fische

Panamahut, ein Produkt aus Ecuador

Auf Märkten in Sri Lanka

Assistierter Kaufrausch in Marrakech

Er-Schreckensorte

Niemals wird man fertig mit Auschwitz

Grenzlinien im Trentino

Bunker Valentin in Bremen

Industriebrachen am Haff bei Misdroy

Das Lager Sandbostel, multifunktional

„Topf und Söhne“ in Erfurt, Ofenbauer für Auschwitz

SS-Ordensburg Wewelsburg bei Paderborn

Berchtesgadener ungemütliche Gemütlichkeit

Schloss Duwisib in der namibischen Einöde

Geisterstadt Kolmanskop in Namibia

Im Bauch des Cerro Rico in Potosi

Insel Gorée, Gedenkstätte zur Sklavenverschiffung

„Juden unerwünscht“: Brutale Abschiebung

Yad Vashem

Hiroshima, eine nachhaltige Erschütterung

Point Alpha, der „heißeste Punkt des Kalten Krieges“

Gefängnis in Ushuaia am Ende der Welt

Port Arthur, Straflager für Arme und Unschuldige

Im Folterzentrum der Roten Khmer in Kambodscha

Tierisch!

Schlangenfarm in Bangkok

Auf dem Dromedar einmal herum um Matmata

Katzen in Malaysia

Morgenüberraschung in der Tarangire Tented Lodge

Pavianattacke am Waterberg

Blutiger Hahnenkampf auf Bali

Affen auf Tioman

Putzige Puffins - Papageientaucher in Island

Froschkönigs Ende

Warten am Wasserloch in Etosha

Im „Ratten-Lokal“ in Kuala Lumpur

Eine Vogelklinik in Indien

Tiershows im Großstadtgetümmel

Bären und andere Tiere in Kanada

Berggorillas in Uganda

Paviane im äthiopischen Siemien-Nationalpark

Reiterwettspiele in Kirgistan

Wespen in Not

Tierisch lustig in Taiwan

Berittene Wache

Vor die Hunde gehen in Griechenland

Auf dem Muli durch den Siq in Petra

Lemuren und anderes in Madagaskar

Nachwort

__________________________________________________________________________

Vorwort

Reiselust - oder Reiselaster?

Reisen, mein Grundbedürfnis von klein auf. Ich nenne es Lust.

Andere klagen mich an, es sei ein Laster, etwas von dem ich nicht ablassen könne.

Ja, ich kann es nicht lassen! Stimmt! Es bedeutet mir einfach zu viel an Welterfahrung. Begegnung mit anderer Natur, anderen Kulturen und Menschen, die anders leben, denken, handeln, eröffnet mir viele Möglichkeiten, mehr über Natur, Kunst, Politik, Geschichte, Gesellschaft, einfach alles, was mich interessiert, kennen zu lernen, und das nicht aus Büchern oder Filmen, sondern selbst, mit eigenen Augen, Ohren, mit Händen, Nase, den Füßen, eben ganz, mit Körper und Geist, allen Sinnen.

Mir geht es darum, nicht aus zweiter Hand Bilder und Eindrücke zu übernehmen, sondern selbst zu erkunden, mich selbst dem Neuen auszusetzen, Scheuklappen abzulegen, eigene Begrenzungen erkennen, Grenzen auszuweiten. Das könnte man auch Selbsterkenntnis oder Selbsterfahrung nennen. Die deutsche Sprache bildet das ab, wenn sie davon spricht, jemand sei „er-fahren“ oder „be-wandert“. Man kann leichter etwas lernen, indem man sich auf unbekanntem Terrain bewegt - wenn man staunt, offen ist, Angst ablegt vor dem Unbekannten.

Reisen bildet, aber nur potenziell. Es ist eine Möglichkeit, keine Garantie! Es erfordert Anstrengung und Fleiß, Mut und Ehrlichkeit. Die Laster, die Immanuel Kant aufzählt, Faulheit, Feigheit und Falschheit, können also nicht gemeint sein. Man braucht ja auch genügend Zeit und Geld, ausreichende Gesundheit, Spannkraft und mentale Kraft für das Reisen.

Laster gelten als tadelnswerte Gewohnheiten, eine Selbstschädigung. Schädlich ist das Reisen meiner Erfahrung nicht für die Reisenden selbst, eher für die Umwelt oder die Einheimischen, wenn ihnen zu viele Menschen auf den Pelz rücken, Stichwort „overtourism“. Bei der Aufzählung der sieben Laster im theologischen Kanon, also Hochmut, Neid, Zorn, Trägheit, Habgier, Völlerei und Wollust, kommt das Reisen nicht vor. Dem Mittelalter war das Phänomen ja auch fremd mangels geeigneter Möglichkeiten. Auf Reisen ging man aus beruflichen oder religiösen Gründen, als Handwerker oder Pilger, nicht einfach so aus Spaß an der Freude. Reisen als Laster?

Hochmut?

Überheblichkeit schwindet bei der Begegnung mit anderen Kulturen. Den eigenen Eurozentrismus erkennt man schneller bei der Konfrontation mit der Realität auf anderen Erdteilen. Schädlich finde ich, auf das Reisen zu verzichten, eine echte Selbstschädigung, eine verpasste Chance. Einigen gelingt es tatsächlich, ohne eigene Anschauung „Welt“ zu erfassen, anderen nicht. Vielleicht ist das zu denken mein Hochmut? Weltoffenheit und Wahrnehmen von Veränderungen in der Welt sind leichter möglich durch das Reisen in die Ferne als durch das Fernsehen. Übrigens kann man Toleranz und Welterfahrung auch zu Hause erleben, es gibt genügend Fremde hier um uns herum. Lernen wir sie kennen!

Neid?

Auf wen denn neidisch sein? Höchstens neiden andere mir meine Möglichkeiten, Zeit, Geld, Initiative und Erfahrungen. Ich konkurriere mit niemandem um die aufregendsten Reiseerlebnisse, abgedrehtesten Fortbewegungsarten, spektakulärsten Fotos. Sollen andere es halten, wie sie wollen, ich mache es so, wie es für mich passt.

Zorn?

Ich wäre zornig, wenn man mir das Reisen untersagte. Reisebeschränkungen wie früher in der DDR hätten mich vermutlich zur Flucht motiviert.

Unterwegs ist Zorn hinderlich. Widrigen Umstände muss man gelassen begegnen. Zornig werde ich höchstens, wenn ich abgezockt oder für dumm verkauft werden soll. Mit zunehmender Erfahrung tappt man allerdings auch nicht in jede Falle.

Trägheit?

Die verbietet sich von selbst. Fleiß und Beharrlichkeit gehören dazu, wenn man reist und nicht nur Urlaub macht zur physischen und psychischen Regeneration, wo es egal ist, schlicht austauschbar, wo man sich erholt, in welchem Land sich der Strand oder die tolle Hotelanlage befindet. Erholen kann man sich sowieso auch gut zu Hause.

Habgier?

Reisen kostet Geld, egal wie bescheiden man unterwegs ist. Geiz wäre auch unfair, denn viele Einheimische in den besuchten Ländern leben von den Fremden. Durch meinen Besuch und meine Ausgaben ermögliche ich womöglich Menschen, in ihrer Heimat bleiben zu können, weil sie auf diese Weise Verdienstmöglichkeiten haben.

Völlerei?

Das trifft schon eher zu. Das rechte Maß finden ist eine Aufgabe, beim Essen wie überhaupt bei jedem, was an sich nicht schädlich ist, nur das Übermaß. Ich bemühe mich darum.

Immer nur unterwegs sein ist nicht mein Ziel. Ich bin gern zu Hause! Ich brauche auch zwischendurch Zeit und Muße zur Reflexion, zum Planen, zur Vor- und Nachbereitung, zum Lesen von Literatur von einheimischen Schriftstellern und von Sachbüchern zu aktuellen länderkundlichen Themen. Manches lese ich zur groben Orientierung vorher. Das meiste lese ich erst hinterher, damit ich meine Wahrnehmung nicht schon vorher einenge. Manches lese ich vorher und später noch einmal. Der gleiche Roman aus Georgien oder Taiwan, vor der Reise und hinterher gelesen, scheint mir ein ganz, ganz anderer Roman zu sein! Manches verstehe ich erst, wenn ich es selbst gesehen habe oder mit Menschen dort in Kontakt gekommen bin. Andere mögen eine bessere Vorstellungskraft zu haben, nun, ich funktioniere halt so, dass ich auf die eigene Erfahrung angewiesen bin. Ein Film kann mir das nicht ersetzen, da schaue ich ja durch die auswählende Linse der Filmleute oder Journalisten. Reiseliteratur von Schriftstellern wie z.B. Büscher, Nooteboom oder Kermani schätze ich als Bereicherung, auch ältere wie von Goethe, Seume, Heine oder Pückler-Muskau. Was sahen die? Worauf richtete sich deren Interesse?

Wollust?

„Sinnliche Begierde“ empfinde ich auf jeden Fall. Ist das Sünde? Lust ist schön! Wanderlust, Reiselust, Lebenslust.

Ich stehe zu meinem Laster!

Die Frage, auf welche Weise man reist, mit welcher Haltung, welchen Verkehrsmitteln, wie man dabei etwas erkunden und lernen kann, wie man es schafft, sozialverträglich und ohne zu große ökologische Fußstapfen und Schäden zu hinterlassen, das ist ein weites Feld. Es handelt sich ungelöste Probleme.

Tourismus ist eine gewinnorientierte Industrie von multinationalen Firmen. Auch ein weites Feld, über das es sich lohnt, nachzudenken. „Land und Leute“ kennenzulernen ist ein häufig geäußertes Reisemotiv. Die Industrie kanalisiert dies, bietet Surrogate an und verhindert meist echte Begegnungen. Reisen ist eine Ware. Wie kann es gelingen, den Fallstricken zu entgehen?

In viele Länder könnten wir heute nicht mehr unbeschwert reisen, z.B. Syrien, Mali, Jemen, Myanmar…Wenn wir mit einem großen Abstand noch einmal in einem Land unterwegs sind, sehen wir, wie rasant sich dort die Verhältnisse verändert haben, z.B. in Vietnam, Albanien oder Thailand. Als wir das erste Mal dorthin fuhren, gab es kaum Touristen, jetzt schon. Die urtümlichen Verhältnisse, die sich in meinen Reisetagebüchern spiegeln, gehören der Vergangenheit an. Ich gebe daher die Jahreszahlen an, wann wir diese Reisen unternommen haben.

Ich bin dankbar für das Privileg, vieles gesehen und erlebt zu haben, als nur überschaubare Mengen von Touristen reisten und die Einheimischen auch auf uns neugierig waren, den Kontakt von sich aus suchten und sich uns öffneten. Ein Geschenk. Ich bin sehr dankbar dafür.

Es liegt auf der Hand, dass wir mit zunehmendem Alter wohl nicht mehr so mobil sind und weniger abenteuerlich unterwegs sein können. Ohne Unterstützung einer Organisation zu reisen wird anstrengender.

Wie sind wir nur „früher“ wochenlang herumgereist, ohne iPad, Handy, Navi, Internet, Buchungsportale, all die technischen Hilfsmittel, die es uns heute so leicht machen? Man musste mehr fragen, hatte mehr Kontakte dadurch, erlebte auf Umwegen viel über das Gastland, kam in Ecken, die eigentlich nicht zum Vorzeigen gedacht sind. Wir haben immer hingefunden und erfuhren viel Unterstützung durch Einheimische. Man musste nur manchmal Geduld haben.

Auf fast allen Reisen schreibe ich Tagebuch, um die vielfältigen Eindrücke zu sortieren und zu verarbeiten. Für dieses Buch habe ich fast nur Szenen und Begegnungen daraus abgeschrieben. Manches stammt auch aus Berichten für Familie und Freunde. Ich habe meine damalige Sichtweise stehen lassen. Ich begegne da meinem 30- oder 40- jährigen Ich. Mit zunehmendem Alter und Erfahrung, auch gesellschaftlicher oder politischer Entwicklungen, verändert sich der Blickwinkel.

Selbstverständlich haben wir viel mehr Besonderes erlebt, ich musste mich beschränken. Je länger ich durch die Tagebücher blätterte, desto mehr fiel mir wieder ein. Aber irgendwann ist mal Schluss, ein notwendiger Abschluss der Reiseerinnerungen!

Es gibt so viel Berichtenswertes, was ich nicht weglassen möchte. Ich habe es auf zwei Bände verteilt.

Reisen wir, solange es uns Freude macht! Wer weiß, wie lange uns die Welt offen steht. Ich hoffe, wir finden noch viele gute Möglichkeiten, Neues zu erkunden! Halten wir uns flexibel!

Begegnungen

ROSINENPICKEN BEIM IKONENMALER

In den Gassen der Altstadt von Iraklion auf Kreta verlieren wir unser Zeitgefühl und ein bisschen auch die Orientierung, weil es so viel zu gucken gibt. Man kann die alte Basar-Atmosphäre noch nachvollziehen, es wirkt alles leicht orientalisch.

Schon auf dem Rückweg zur Unterkunft schauen wir durch ein Schaufenster zu, wie ein Mönch (oder ist es ein Pope?) vor einer Staffelei sitzt und an einer Ikone werkelt. Um die frische Farbe nicht zu verschmieren, stützt er seinen Arm auf einem Stab ab, der unten mit einem Lederklumpen verstärkt ist, damit er Abstand vom Bild halten kann. Seine Palette mit selbst angemischten Farben und solchen aus den Tuben allein wäre schon ein gutes Fotomotiv.

Der Ikonenmaler winkt uns herein. Nur keine Scheu, wir sollen ruhig zugucken bei seinem heiligen Werk. Teils auf Griechisch, teils auf Französisch können wir uns verständigen. Der Pope ist von drei jungen Leute umringt, seinen Schülern. Die sollen bei ihm in die Lehre gehen und das Handwerk des Ikonenmalers erlernen, das allerdings kein reines Handwerk darstellt, sondern eine spirituelle Handlung. Das Malen ist eine Art Meditation, versucht er uns zu vermitteln. Bei der Ikone geht es nicht um Originalität oder Kreativität, sondern um das authentische Abmalen des Vorbilds, ab-malen, keine Neuschöpfung.

Der Pope ist ein gewitzter Typ. Ihm macht es Freude, mit den jungen Leuten, die um ihn sind, egal ob künftige Ikonenmaler oder Touristen wie uns, zu streiten, sie zu entschiedenen Aussagen herauszufordern, zu Meinungen und Bekenntnissen. Seine Augen funkeln, es vergisst zwischendurch sogar, weiter zu malen, so interessiert ist er an den Disputen. Er ist hier die absolute Autorität im Raum. Uns wird klar, dass die jungen Männer nicht hier sind, weil sie wirklich malen lernen wollen. Sie bilden einen Diskussionszirkel, ein kleines Widerstandsnest. Wir sprechen über Gott, die Welt - und Politik. Die Diktatur der Obristen lehnen sie alle völlig ab und haben dafür nicht zuletzt auch religiöse Gründe. Der Pope verbrennt sich aber nicht den Mund. Er beherrscht die Kunst der Andeutung, wo jeder weiß, was gemeint ist, aber keiner ihn belangen kann. Mit geschickten Aussagen ist alles klar: Er mummelt einen Papadopulos-Keks in sich hinein und kommentiert, er habe diesen Keks zum Fressen gern.

Wir werden ausgefragt, wie wir Deutschen zur griechischen Diktatur stehen und vor allem, was wir persönlich denken. Das Thema beschäftigt uns geraume Zeit. Wir haben auch Fragen: Ist es vertretbar, zur Zeit einer solchen repressiven Regierung, die fundamentale Menschenrechte und die Demokratie missachtet, die Opposition unterdrückt, nach Griechenland zu reisen? Wir haben uns damit sehr schwer getan. Der Pope und seine Jünger meinen, es sei zu schade, wenn sie durch einen Tourismusboykott vom Rest Europas abgeschnitten wären. Sie möchten uns und andere Touristen treffen, mit uns diskutieren, uns informieren über die politische Lage im Land und das Gefühl haben, nicht allein zu sein mit ihrer Ablehnung und ihrem Protest.

Der Pope bietet uns allen Rosinen an, die sollen wir aufpicken wie die Vögel. Die sind gesund, die sind süß, also nur zu! Zugreifen! Uns fällt auf, dass in dieser Ikonenmalstube stundenlang nichts getrunken wird, kein Alkohol, wie es bei uns bei abendlichen Diskussionsrunden der Fall wäre. Völlig nüchtern werden in gemütlicher Atmosphäre weltliche Ansichten ausgetauscht unter dem Deckmantel frommen Tuns.

Die Farben auf der Palette und der Ikone sind längst getrocknet. Morgen malt der Pope weiter. Gegen Mitternacht verabschieden wir uns und danken sehr für das Vertrauen und die mutige Offenheit des Gesprächs.

1973

DER GUTE HIRTE

Nordgriechenland, zu viert in einem nicht sonderlich geländegängigen Auto, fahren wir bald hinter Florina auf kaum befestigten Straßen durch die Berge hoch oben an Schneeflächen vorbei auf Kastoria zu, den letzten Rest auf holprigen Feldwegen. Schneetreiben setzt ein, dicke Flocken bedecken Auto und Landschaft. In den Ausläufern des Balkangebirges ist im April noch kein Frühling.

Wie sind wir denn bloß hierher geraten? Warum befinden wir uns nicht auf eine der großen Straßen? Weshalb meinen wir immer, abseits der Landstraßen gebe es mehr zu erleben? Es dämmert bereits. Wir haben auf den schlechten Straßen für die paar Kilometer viel länger gebraucht als geplant. Uns fehlt noch ein Quartier für die Nacht, wir müssen uns beeilen.

Eine verlassene Gegend. Nur etliche Schafherden begegnen uns, die uns die Straße versperren. Wir müssen jeweils warten, bis der Weg wieder frei ist. Mehrere Militärposten erinnern uns daran, dass Albanien nicht weit ist, eine Grenze zwischen den Blöcken von Ost und West. Auch die jugoslawische Grenzregion wird vom griechischen Militär bewacht. Die Obristen wollen die Stärke ihrer Diktatur demonstrieren, was bekanntlich besonders gut funktioniert durch Abgrenzung gegen äußere Feinde.

Wir befinden uns im Dreiländereck zwischen Albanien, der jugoslawischen Teilrepublik Mazedonien und Griechenland.

In dieser gottverlassenen Gegend begegnet uns ein Schäfer, der sich aus dem Dämmerlicht herausschält. Mit seinem dicken, zotteligen Hirtenmantel erinnert er uns an die Hirten auf dem Felde aus der biblischen Weihnachtsgeschichte. Er winkt uns fröhlich zu. Wir sollen mal halten! Wir stoppen den Wagen und sehen durch das Schneegestöber ein ganz junges Lamm auf seinem Arm. Er trägt das zitternde Tierchen sanft und versucht es mit einem Zipfel seines Mantels zu bergen und zu wärmen. Mit Begeisterung und strahlendem Lächeln zeigt er uns das Neugeborene. Eine Stunde erst ist es alt, „μία όρα“! Er wiederholt eins ums andere Mal: Erst eine Stunde alt!

Ja, ein kleines Wunder. Das Leben.

Der gute Hirte! Nun verstehen wir das biblische Bild viel tiefer, das Sinnbild für Liebe, Verantwortung, Fürsorge: Achtung des Lebendigen.

1973

WIE SPRICHT MAN „HOCKENHEIMRING“ AUS?

Wir halten in Puerto Rico mehrere Taxifahrer an und fragen nach dem Preis für eine Fahrt bis in die Altstadt. Wie so oft nennen uns die Fahrer überhöhte Preise, weil sie uns für naive und unerfahrene Touristen halten. Wir hatten uns vorher erkundigt, was wohl angemessen und üblich sei.

Der nächste lässt sich gern auf unsere Preisvorstellung ein, ein ganz netter und gesprächiger Typ. Wir seien die dritten deutschen Gäste, die er je gefahren hat, sagt er. Er schwärmt für deutsche Autos, besonders für BMW. Ein Auto-Experte.

Er kennt sich aus mit Autorennen, nennt den Hockenheim- und den Nürburgring. Er möchte mit uns üben, wie man diese komplizierten Namen ausspricht. Zu gerne möchte er mal ein Autorennen dort erleben.

Aus welchem Teil Deutschlands wir denn kämen? Mit der Auskunft „Norden" ist er noch nicht zufrieden. „Ost oder West"? „West". Er freut sich über die deutsche Wiedervereinigung. Wir hätten den Schlamassel zwar selbst angerichtet, der zur Teilung geführt habe, aber beim Fall der Mauer habe sich die ganze Welt mit uns gefreut. Er auf jeden Fall.

2015

HANDWERKSBETRIEBE AM KILIMANDSCHARO

Wir gehen zum Empfang im „Dalta“-Büro in Mkuu, dem Sitz der Handwerksorganisation am Fuß des Kilimandscharo. Ein karges Büro, aber mit Computern ausgestattet. Sonst: Wenig Papier, kaum Aktordner.

Der Chairman hält eine Rede über die Organisation und ihre Beziehung zu Deutschland: Würde, Stolz, Freude. Zweck der Organisation: Zusammenschluss der kleinen Handwerksbetriebe zur Verbesserung ihrer Situation, also gemeinsamer Materialeinkauf, Ausbildung, Workshops, Rechtsberatung etc. Wir besichtigen die künftige Lehrlingswerkstatt. Eine einzige Säge, ein elektrischer Hobel. Fabian sieht sofort, dass die Werkzeuge schlecht gewartet sind und bald verrotten. Handwerk hat hier keine Tradition. Die Menschen lebten bis dahin vom Ackerbau. Das Land ist sehr fruchtbar, aber die Erträge reichen nicht für die wachsende Bevölkerung.

Der Wirtschaft Tansanias geht es derzeit schlecht. Der Preis von Kaffee ist kollabiert, der Erlös ist auf ein Drittel geschrumpft. So haben die Menschen gerade genug Geld für das Notwendigste, für Essen und Schulgeld, nicht für Luxus. Das bekommen die Handwerker zu spüren. Die Schneider z.B. haben weniger Aufträge. Man wartet mit dem Einbau neuer Gitterfenster, bestellt keine Möbel. Die hohe Geburtenrate frisst den Fortschritt auf. Nur ein Teil der Bevölkerung kann noch von der Landwirtschaft leben. Das Handwerk muss Arbeitsplätze schaffen, sonst wandern die Menschen ab in die großen Städte - in die Slums. Aids und Arbeitslosigkeit sind die größten Probleme hier.

Wir bekommen noch einen (Nes-)café und Kekse angeboten, dann geht es weiter. Wir bekommen einen Einblick in die Praxis.

Hinter dem Haus ist die kleine Bäckerei, ein ganz winziger Raum mit einem archaischen Ofen, aus Stein gemauert, Feuerung von außen. Auf dem Tisch ein Mehlvulkan mit Krater, in der Mitte blubbert der Hefeansatz. Zwei Schwarze in weißen Bäckeranzügen, hohe Kochmütze auf den Köpfen, der eine Bäcker mit roter Schleife um den Hals, kneten den Teig für Weißbrot und Scones. Ein neuer Erwerbszweig. Die Leute kaufen Brot, aber als Luxusware, Brot hat die Bedeutung wie für uns Kuchen.

Die Schneiderei: Einige junge Frauen bedienen uralte chinesische "Butterfly"-Maschinen zum Treten, ohne Strom. Die Alte führt Hongkong-Modelle vor, Stoffe aus Batik oder Plastik, sie zeigt uns Kleidermodelle traditioneller afrikanischer Art oder im eher westlichen Stil. Sie hat einen Overlook-Maschine, die aber nicht wirklich funktioniert.

Danach hoppeln wir mit dem Jeep mit Jack, unserm Begleiter für diese Woche, auf einem Feldweg runter zum Lake Chala, einem alten Kratersee an der Grenze zu Kenia. Angeblich soll es da Krokodile geben! Ein kreisrunder See, blau-grünes Wasser, Schmetterlinge, steiles Ufer. Eine Bau-Ruine eines Hotels, die soll auch irgendwann fertig werden. Wir erstehen trockene Kekse am Kiosk gegen den Hunger.

Ruckelweg zurück nach oben. Felder mit Mais, oben wachsen auch Kaffee und Bananen. Eine lange oberirdisch verlegte Wasserleitung mit Wasserhähnen säumt die Wege. Die Leute holen sich hier ihr Wasser und tragen es in Kanistern auf ihren Köpfen nach Hause. Viele Menschen sind hier unterwegs auf den Feldern, vor allem Frauen und Kinder. Eine sehr schöne Landschaft mit einer Mischung aus Ebene und Bergen.

Zum Mittagessen setzen wir uns in ein Barbecue-Restaurant, das ist ein einfacher Bretterverschlag. Es dauert ewig, unsere Bestellungen zu bearbeiten. Dafür haben wir Zeit, die verschiedenen Bierreklamen zu lesen, alle mit dem Kilimandscharo als Thema. Außerdem sitzen Frauen verschiedenen Alters am Nachbartisch, aufwändig aufgehübscht, mehrere trinken Bier. Jack kriegt heraus, dass es sich um Lehrerinnen handelt, die zu einer Versammlung hergekommen sind. Die Fleischstücke, Ziege, sind fett und ganz klein geschnitten. Dazu gibt es Tomatensalat und frittierte Kochbananen. Alles ist mit den Händen zu essen, weshalb der Küchenmeister mit Plastikschüssel und Wasserkessel an unsern Tisch kommt, damit wir uns vorher und nachher die Hände waschen können.

Weiter geht es mit unserer Tour durch die Handwerksbetriebe.

Schlosserei:

Die Fenster in dieser Gegend sind alle durch Gitter gesichert. Sie werden hier in der Werkstatt hergestellt, mit unbeschreiblich simplem Werkzeug! Das Schweißgerät hat noch nicht mal einen Stecker, die Drähte werden einfach so in die Steckdose gefriemelt. Die Kabel sind fast durchgebrochen. Hier regt sich keiner über die mangelnde Arbeitssicherheit auf. Die fertigen Teile sehen sehr gebastelt aus, nicht sonderlich exakt oder fest. Allein schon die Holzrahmen sind krumm und schief. Auf dem Innenhof steht ein Gerät zum Schmieden. Die Holzkohle dazu wird mit einem Fahrrad und einem Ventilator erhitzt, eine pfiffige Konstruktion, eine eigene Erfindung. Das Büro: Tisch, Stuhl, Schrank für Leihgeräte, ein Stapel Papier.

Tischlerei:

Hier werden Schulbänke für Erstklässler roh zusammengezimmert. Was kann schon dabei heraus kommen, wenn man rohe, ungehobelte, ungeschliffene Bretter schief zuschneidet mit einer alten Ritscheratsche-Säge und mit einem dicken Holzhammer dicke Zimmermannsnägel einschlägt? Das Holz spaltet sich, die Astlöcher sind nicht ausgekittet etc. Das sieht alles aus, als ob ein Kind etwas aus Kisten oder Palettenbrettern zusammennagelt. Späne überall, Splitter und Splinte. Die Kinder werden sich ratschen und Splitter in die Popos reinziehen, denn Feile oder Schmirgelpapier kommen hier nicht vor. Farbe oder Beize sind ebenfalls nicht vorgesehen.

Wir sind müde, müde von Mitansehen, müde, weil die Leute so unendlich stolz auf ihre Produkte sind und so zufrieden mit der Qualität. Es ist eine einzige "Als ob“-Imitation westlichen Lebensstils, Hoffnung auf ein Leben, wie wir es haben, und sie können es auf diese Weise nicht erreichen.

Beim Abendessen im „Lutheran Guesthouse“ sitzt am Nebentisch eine Gruppe islamischer Männer beim Bier. Die philippinische Frau am Nebentisch erklärt ganz selbstbewusst, dass sie nicht nur gut ist im Nähen, sondern auch in der Reparatur von Nähmaschinen. Leider muss sie morgen zurück nach Arusha. Sie hatte den Auftrag, die Gardinen für die Organisation zu nähen und die Uniformen der Bediensteten. Sie ist engagiert worden, demnächst hier Nähkurse zu geben. Wir haben an mehreren Stellen von Menschen aus Asien als Berater und Ausbilder erfahren, z.B. aus Vietnam oder den Philippinen. Die können sich besser als Europäer an die afrikanischen Bedürfnisse und Bedingungen anpassen, erwarten weit weniger Geld und haben nicht solche Luxusansprüche an Unterkunft und Verpflegung wie wir.

Neuer Tag, neue Eindrücke!

Wir haben heute wieder herrlichen Sonnenschein. Ab 9.00 Uhr sind wir bei „Kili-Waters“ angemeldet. Der dicke Chef, der uns gestern kurz in der Bar begrüßt hat, will uns kennen lernen. Jack meint, wir sollten halt einen Anstandsbesuch machen, etwas Blabla reden, dann weiter. Besonders stolz sei der Chef auf das gemalte Bild, das die Funktion des Wassersystems zeigt. Kili-Waters ist ein von der GTZ unterstütztes Projekt. Sie wickeln für Dalta den E-Mail-Verkehr ab. Also ist Jack dem Dicken ein bisschen verpflichtet. Wenn es uns nichts ausmacht... Na gut, gehen wir halt hin.

Aber es ist wirklich interessant! Ein selbst gemaltes Bild zeigt, wie das Wasser vom Kili runter springt, aufgestaut und in Bassins gesammelt wird. Von dort geht es in dicken Rohren zu jedem Ort der Gegend, ab da in Wasserleitungen in ein Verteilungssystem. In den Wald sind Touristen hinein gemalt, Waldbrände und Holzeinschlag. Gestern auf dem Weg zum Lake Chala haben wir schon die Leitungen und Zapfstellen gesehen, nicht etwa in die Häuser rein, sondern am Wegesrand. Eifrig erklärt der Chef, dass viel Wasser verschwendet wird. Der Hahn wird nicht richtig zugedreht und es versickert ungenutzt. Sie denken über Systeme nach, die Leute zum Wassersparen zu bringen: Wasseruhren, Öffnungshaken nur beim Nachbarn deponieren, der alles kontrollieren muss etc. Es stehen Laptops im Büro, vernetzte PCs. Die GTZ sorgt für Modernität.

Wir werden allen Mitarbeitern vorgestellt, schütteln viele Hände, bewundern besondere Haartrachten, geflochten wie ein Diadem. Es hängen viele lustige Büro-Sprüche aus, z.B. von B. Franklin: „Du kannst keinen Schwachen stärken, indem du den Starken schwächst", und: „Was man für Geld kaufen kann: ‚Ein Bett, keinen Schlaf; Kosmetik, keine Schönheit; ein Haus, kein ‚Heim‘.“…Wie wahr! Eine Karikatur zeigt die Kette der Arbeit: Eine Frau arbeitet auf dem Feld, ihr Mann überwacht, ob und wie sie arbeitet. Der Ethnologe untersucht..., der Sozialwissenschaftler...etc. Am Ende: Der Steuerzahler wundert sich.

Als wir uns verabschieden wollen, kriegt der Chef mit, dass Fabian sich beruflich mit Video auskennt. Ein Geistesblitz: Seit zwei Jahren hat er eine tolle Sony-Kamera, digital, sowohl für Video als auch für Standfotos. Er kann sie nicht bedienen. Fabian, Experte für geduldiges Erklären, macht sich ans Werk. Eine Stunde! Wir sind stolz auf ihn und froh, dass wir als Gruppe uns endlich mal nützlich machen können. Überglücklich, jetzt endlich die Sache mit der Speicherkarte und der getrennten Benutzung von Film und Foto kapiert zu haben, verabschiedet uns der Dicke dankbar. Fabian empfiehlt ihm, gleich heute Nachmittag alles noch einmal selbst auszuprobieren. Mit seinen dicken Fingern trifft der nur mit Mühe die Knöpfchen auf dem Display.

Überland in Richtung Taraka besuchen wir weitere Dörfer und Handwerker. Im nächsten Dorf das Übliche: eine festgetretene Lehmschicht als Dorfplatz, kaputte Autos, Schrott, Holzbuden mit Geschäften drum herum, die aussehen wir die Stände auf unserm Weihnachtsmarkt.

Die Schneiderin bildet zwei Mädchen aus. Sie hat zwei Angestellte, einer davon ist ein Mann. Alles sieht hier sehr ordentlich aufgeräumt aus, aber nähen kann sie nicht so gut und exakt wie die Schneiderin gestern. Eine sehr selbstbewusste junge Frau.

Am Dorfrand stellt ein Schreiner ganz rohe Geräte für die Landwirtschaft her: Kaffeebohnenschäler, Erdnussschälgerät. Die Sensation: Ein Lauflerngerät für Babys, das sieht aus wie ein Roller. Hoffentlich schleifen die Arbeiter noch die Splinte ab, ehe sie Babys darin laufen lassen. Alle stellen überall die Arbeit ein, wenn wir kommen, auch die Nachbarn rechts und links und die von gegenüber. Wir sind überall die Sensation und werden genauestens beäugt.

Ab in die Botanik, Nebenstraßen. Samstag ist Markt, da arbeiten die Schmiede heute schon fleißig an Hacken und Buschmessern. Wir erleben die Urform des Schmiedens: Unter einem Blätterdach, das auf vier Holzpfosten aufliegt, sitzt ein alter Mann und pustet mit zwei Bälgen von Ziegen, das Fell ist noch außen dran zu sehen, Luft in einen Haufen Holzkohle. Funken stieben auf. Das Blech wird aus dem Feuer geholt und mit einem Hammer auf einem großen Stein platt gehämmert. Ein paar Schritte die Straße hoch sehen wir die modernisierte Form: Die Holzkohle wird von einer Fahrradreifenkonstruktion mit Ventilator bepustet, ähnlich wie in der Schmiede gestern. Ein kleiner Junge („Bruder-Sohn"!), höchstens 10 Jahre alt, dreht das Speichenrad. Wie das zieht, ganz anders als nur der Blasebalg! Jack und unser Fahrer bestellen ein Buschmesser bei diesem Schmied. Viele Kinder kommen angelaufen und bestaunen uns. Heute ist das meistgehörte Wort „Uzungu", „Weiße"!

Die Krönung des Tages: Der Besuch bei einer Bäckerin. Ihre Werkstatt ist abgelegen, nur über eine Grasstraße erreichbar. Eine Siedlung mit Kaffee- und Bananenpflanzungen. Kinder laufen jubelnd hinter uns her: „Uzungu, Uzungu…!" Durch den Laden einer Schneiderin gehen wir über den Hinterhof in den Garten (Bananen, Kaffee, Gemüse...), eine Art verwunschener Paradiesgarten. Ein gemauerter Backofen wie schon bei Dalta gestern, aber ohne Thermometer. Eine freundliche Frau mit Bäckermütze und weißem Kittel drückt uns dreimal die Hand. Das mittlere Mal wird der Daumen gedrückt, wie es hier bei herzlicher Begrüßung üblich ist. Sie guckt gerade ins Ofenloch, um zu sehen, ob die Brote schon gut sind. Sie spricht ein paar Brocken Deutsch, denn sie war in Tübingen zum Training. Dalta hat ihr einen Kredit gegeben, damit sie das nichtprofitable Schneiderhandwerk durch das Backen ergänzen kann. Die Bretzeln und süßen Brote schmecken sehr lecker. „Bäckerhandwerk, man braucht es überall", steht auf dem Reklameschild für eine deutsche Bäckerbrezel.

Im Hinterhof sitzen Nachbarn und trinken Bananenbier aus großen bunten Plastiknäpfen. Jack bestellt sich ein Bier und genieß den ersten tiefen Schluck. Wir nippen daran, es schmeckt säuerlich-gegoren. Es erinnert uns an das Chicha-Bier der Indios. Nun gut, ein Anstandsschluck...

In Tarakea, einer aufstrebenden Stadt an der kenianischen Grenze, besuchen wir eine Reparaturwerkstatt für Radios. Der Herr fachsimpelt mit Fabian. Der allgegenwärtige Staub macht die Radios kaputt, auch die Stromschwankungen sind schädlich. Sonst kann eigentlich nicht viel an den Geräten kaputt sein. Fernseher gibt es hier nur sehr selten, so dass sie kaum mal zur Reparatur gebracht werden.

Nebenan werden Lederschuhe gereinigt. Sie werden nicht eingecremt und gewienert, sondern in den Wassereimer gesteckt und abgewaschen, dann zum Trocknen aufgestellt. Währenddessen sitzen die Männer auf einem Bänkchen, reden oder spielen Dame. Eine Partei spielt mit den Kronkorken nach oben, eine mit Deckel nach unten, also genial einfach.

Mittlerweile ist es Zeit für das Mittagessen. Den Fernsehmeister laden wir ein, dann kann er weiter mit Fabian fachsimpeln. Das sehr gute Lokal, „Resort Inn“, hat schon den Tisch für uns gedeckt. Ein Buffet wird aufgebaut, das Übliche: Reis, Maisbrei, Hähnchen (hier mal mit Füßen dran...) Spinat, Obst, Soße für den Maisbrei.

Nach dem Essen besuchen wir einen Künstler des Schreinerhandwerks. Er trägt einen Kittel, und einen beeindruckenden Zwirbelschnurrbart. Er baut edlere, kunstvolle, sehr sorgfältig gefertigte Möbel und hat schon hier und da welche ausgestellt, was er uns stolz auf Fotos zeigt. Auf dem Weg zur Sägemühle folgen uns Scharen von Kindern. Eckart macht Scherze mit ihnen und sie folgen ihm wie dem Rattenfänger von Hameln. Sie wollen uns anfassen, unsere blauen Augen sehen. Ein Kind will an Eckarts Arm riechen!

Die Sägemühle erschüttert uns wegen der Holzverschwendung. Die äußeren Bretter werden auf einem großen Scheiterhaufen nutzlos verbrannt. Wegen mangelnder Transportmöglichkeiten kann das Holz nirgends hin gebracht werden, wo es gebraucht wird. Mit dem gleichen Aufwand wie für das Verbrennen könnte es auch kleingehackt und als Feuerholz verkauft werden, denken wir.

Ein Blechschmied am Markt zeigt uns Töpfe, Schaufeln, Hühnerfutterspender, alles aus dem alten Blech von abgewrackten Bussen umgearbeitet. Deshalb stehen hier so viele alte Schrottbusse am Straßenrand, aha, perfektes Recycling!

Zurück über die Hoppelstrecke, die Hauptstraße. Reger Fußgängerverkehr, viele Leute mit schweren Lasten auf dem Kopf. „Uzungu, Uzungu"-Rufe. Alle winken, alle, nicht nur so mal höflich, sondern oft ganz enthusiastisch, auch mal ungläubig-staunend.

2001

MIT EINEM FISCHER DURCHS DONAUDELTA

Das Donaudelta ist ein Naturparadies. Seit 1990 ist es zum Biosphärenreservat erklärt worden. Wir haben auf eine Empfehlung einer Mitarbeiterin in der Deutschen Botschaft Bukarest hin ein Paket-Angebot für drei Tage Schifffahrt auf den zahlreichen Armen und Kanälen des Deltas gebucht, ohne uns groß um die Details zu kümmern. Wir stellen uns eine gemütliche Fahrt vor. Geruhsames Tuckern übers Wasser, Vögel beobachten durch ein Fernrohr, vielleicht gibt es besondere Vegetation zu erleben, Vollpension mit anerkannt gutem Essen, kurz: Erholung.

Die große Frage hinter allem interessiert uns: Wie kann ein Flusssystem, das durch halb Europa fließt und mit Sicherheit Unmengen von Schadstoffen mit sich trägt, ganz am Ende ein Naturparadies sein?

Erster Tag, erste Tour:

Wir beziehen eine recht komfortable Kabine und warten auf die Abfahrt. Der Hauptarm Sulina liegt ruhig und breit vor uns. Unser Schiff fährt von Tulcea aus nicht aus eigener Kraft, sondern wird von einem kleineren gezogen. Es liegt daher ruhig auf dem Wasser. Es ist nur das Hotelschiff und nicht dazu gedacht, uns über die Arme des Donaudeltas bis zum Schwarzen Meer zu schippern. Das hatten wir vorher gar nicht geblickt. Nun, lassen wir mal alles auf uns zukommen. Wir vertrauen der Empfehlung, das Programm sei ganz genau auf uns zugeschnitten. Wir sollten das alles unbesorgt entgegennehmen wie ein Geschenk. Na denn!

Das Schiff fasst genau 14 Personen. Zwischen Suppe und Hauptgericht werden wir auf Deck gerufen und sehen das Wrack der „Rostock" quer, rostig und verwahrlost im Wasser liegen. Solange wir auf dem Hauptarm Sulina, einem echten Kanal, immer geradeaus schippern, sitzen wir gemütlich auf den weißen Stühlen auf Deck und lassen die Weiden am Ufer an uns vorbei ziehen.

Das Boot macht mitten in der Pampa an einer hohlen Weide am Ufer fest. Dicke Frösche quaken durchdringend. Sonnenuntergang, sehr malerisch. Luxus in der Wildnis: Fünf-Gänge-Menü im Salon.

Alle aussteigen! Lagerfeuerromantik mit einem Reet-Feuer. Wir sitzen auf Ballen von Reet oder auf den Stühlen vom Deck. Komfortabel.

Zweiter Tag, zweiter Blick:

Frühstück auf dem Sonnendeck, dann fährt der Fischer vor. Aha, ein Ausflug! Wir wurden gar nicht informiert, wie das alles laufen soll hier und nehmen weiter nichts mit. Wir wissen nicht wohin und wie lange...

Wir sind es nicht gewohnt, das andere für uns etwas buchen. Wir haben uns ganz selbstverständlich den Erfahrungen und Kontakten der Deutschen Botschaft anvertraut. Der Unternehmer hat sich nach der Öffnung gerade erst selbstständig gemacht. Er hatte bisher für die staatliche Tourismusbehörde gearbeitet und macht seine ersten Erfahrungen als Unternehmer mit der Organisation von Angeboten für westliche Touristen. Wir gehören zu seinen Versuchskaninchen!

Das System ist, wie wir nach und nach herausfinden, dass das Hotelboot nur am ersten Tag ein Stück herausfährt, also die Illusion einer Flussfahrt verbreitet. Danach wird es wieder zum Ausgangsort zurück geschleppt und wartet auf die nächste Tour. Die Gäste werden von Fischern auf Kontraktbasis mit den langen, schmalen Booten mit Außenbordern abgeholt und durchs Delta geschippert. Das hätten wir uns eigentlich denken können, dass das Hotelschiff auf den kleinen Flussläufen nicht durchkommen kann, was selbst die Fischerboote bei den flachen, schmalen Flussarmen kaum schaffen können.

Wir steigen ins Boot, eine lange, schmale „hölzerne Wurzel“. Flüsse, Seen mit Seerosen, Weiden, Pappeln. Dschungelcharakter oder Typ „Heideflüsschen". Erinnerung an unsere eigenen Paddeltouren steigen in uns auf. Wir bekommen eine Ahnung von der unglaublichen Artenvielfalt in diesem Gebiet. Reiher aller Art fliegen auf, Störche, Säbler, Pelikane. Ein riesengroßer Schwarm Pelikane! Sie fliegen auf, weil unser Fischer sie scheucht. Aber mit vollem Magen kommen sie nur schwer hoch. Sie nehmen Anlauf auf dem Wasser, bis sie fliegen können. Pelikane betreiben Arbeitsteilung beim Fischen. Einige wedeln das Wasser auf, andere treiben die Schwärme, andere picken die Fische raus. Alle kommen mal dran! Tolles Erlebnis!

Kormorane überall. Einer hat gerade einen Fisch erwischt. Der Fischer jagt ihn, so dass er ständig abtauchen muss.

An einer stillen, sauberen Ecke halten wir zum Baden. Wir haben nur kein Badezeug dabei. Wir hatten ja null Ahnung, was auf uns zukommen würde. Blöd! Eckart hat zufällig seine Badehose unter und hüpft rein ins Wasser. Ich geniere mich, aber das Wasser lockt. Oben ohne, aber unten in der Unterhose mache ich einen eleganten Kopfsprung, ganz schnell, damit man mich nicht so ausführlich nackt sieht... Leider habe ich vergessen, vorher meine Brille abzunehmen. Weg! Mist! Ohne Brille ist es schlecht mit dem Sehen. Ich gründele voller Panik auf dem weichen Boden im flachen, trüben Wasser nach meiner Brille. Da ist sie! Heil! Gott sein Dank! Das Wasser ist eine herrliche Abkühlung bei der Hitze.

Erstaunlich ist, dass das Wasser so sauber ist. Wenn man bedenkt, dass die Donau auf ihrem Weg durch so viele Länder Europas viel Schmutz aufnimmt, eine der europäischen Kloaken, wenn man so will, dann nimmt es wunder, dass es an der Mündung so sauber sein soll, dass wir ohne Befürchtungen für Hautausschlag darin baden können. Erklärung: Das Delta wirkt wie eine natürliche Kläranlage. Das viele Schilf und all die anderen Pflanzen reinigen den Unrat und die gelösten Metalle etc. aus dem Wasser. Es gibt schon einige experimentelle Kläranlagen in Europa, die das Prinzip für natürliche Klärung des Wassers übernehmen.

Zum Mittagessen geht es zurück aufs Hotelschiff. Wir haben noch nie und nirgends Vollpension gehabt. Das viele gute Essen überfordert uns.

Nachmittags sind wir besser auf die Natur vorbereitet! Es geht über ganz andere Flüsse mit sehr unterschiedlichem Charakter. Im Boot kommen wir mit unserm Fischer, Adrian, immer öfter und tiefer ins Gespräch.

Er ist eine Art Wildhüter im Naturschutzgebiet. Früher arbeitete er als kommerzieller Fischer, heute passt er im Auftrag der Naturschutzbehörde auf, dass hier alles seine Ordnung hat. Er nimmt uns jetzt immer auf seiner ganz normalen dienstlichen Tour mit.

Das Konzept finden wir sehr gelungen! Sanfter Tourismus. Sehr persönlich und individuell für die Gäste und ein ökonomisch sinnvolles Zusatzeinkommen für die Anrainer, zudem eine perfekte Werbung für den Naturschutz. Wenn die lokale Bevölkerung auf diese Weise neue Einkommensmöglichkeiten bekommt, kann der Erfolg der Schutzmaßnahmen wahrscheinlich gelingen.

Wir fahren auf eine Insel, wo auf einem festgetretenen Platz am Ufer, übersät mit Fischschuppen, eine Gruppe Fischer lagert. Dunkle, gegerbte Gesichter. Schnapsflaschen auf dem Tisch. Eine Suppe brodelt in einem großen Kessel auf offenem Feuer. Es wird geraucht und etwas stumpf vor sich hin geguckt. Ein Puppentorso ist an einem Pfahl angenagelt worden. Was bedeutet das?

Geschlafen wird in einer provisorischen Reethütte, in die Moskitonetze eingehängt sind. Drei etwas besser gewaschene Herren ohne gegerbte Gesichter, aber in dreckigen Badehosen und in winzigen Hundehütten-Zelten hier untergebracht, leisten den Fischern Gesellschaft. Eckart spricht mit einem der Männer, der ein wenig Englisch spricht. Die Herren aus Bukarest gönnen sich ein paar Tage fern der Zivilisation. Ich fühle mich in der Männerwirtschaft und unter den männlichen Stielaugen nicht wohl. Unser Wildhüter kennt die Stelle und die Leute hier. Er schaut regelmäßig vorbei, ob auch der Naturschutz gewahrt bleibet. Es ist nicht verboten, hier wild zu zelten. Das Delta darf in Maßen touristisch genutzt werden, es ist Erholungsgebiet für die Einheimischen. Der Naturbezug ist den Menschen hier sehr wichtig, das erkennen wir sofort. Sie leben autark in der Wildnis, offenbar ein großer Reiz für die Großstädter.

Unser Adrian hat, wie schon am Morgen, eine Kühltasche dabei und teilt daraus Flaschen mit sauberem Wasser aus. Die Männer trinken sonst einfach das Wasser aus dem Fluss. Ob sie es vorher abkochen, bezweifeln wir.

Wir sehen im Nachmittagslicht viele Eisvögel, die blau-rot am Ufer entlang flitzen. Schöne Schilfseen, Dschungeldickicht. Wir baden an einer zivilisierten Ecke. Wir hatten geglaubt, es gebe hier kaum Strömung. Beim Schwimmen spürt man es doch! Adrian lässt uns hier allein und fährt noch eine Kurve zur Kontrolle eines kleinen Flusslaufs.

Ein Gewitter zieht auf. Das kleine Boot holt uns ab und bringt uns zum 5-Gänge-Menü aufs große Boot.

Was für ein Kontrast zwischen unserm Luxus und Überfluss auf dem Hotelboot, der stillen Natur rundum und dem naturnahen Campen der rauen Männer.

Dritter Tag. Neue Erfahrungen mit Menschen im Donaudelta

Adrian holt uns ab. Er bekommt vom Hotelboot eine Picknickbox für uns gereicht. Die anderen Gäste sind abgereist. Weil sich der Küchenbetrieb für uns zwei nicht lohnt, werden wir ganztägig auf Tour geschickt. Wir müssen die Angeln mitnehmen, um den Fisch für unser Mittagessen selbst zu fangen.

Adrian macht sich immer wieder einen Spaß darauf, Kormorane zu jagen und aufzuscheuchen, insbesondere, wenn sie gerade einen Fisch im Schnabel halten, den sie ergattert haben. Er beobachtet die Szenerie und prescht dann mit seinem Boot mit Schwung und Schmackes auf den Pulk der Kormorane zu, die in Panik aufflattern. Er freut sich wie ein Kind, wenn ihm der Überraschungsangriff gelungen ist. Zu ulkig findet er, zuzusehen, wie Pelikane auffliegen wollen, aber zu schwer sind, sich einfach zu erheben. Sie treten mit ihren Flossen erst heftig aufs Wasser , treten und treten, bis sie genügend Schwung bekommen zum Hochfliegen.

Wir finden, er sollte die Vögel lieber in Ruhe lassen. Klar, sie konkurrieren um die Fischbeute, aber dafür ist es ein Naturschutzgebiet, da haben die Bedürfnisse der Vögel Vorrang vor denen der Menschen. Wir merken, dass bei Adrian die Rolle des Fischers immer noch dominiert gegenüber dem des Naturschützers. Aber er kennt sich hier exzellent aus und nimmt seine neue Aufgabe durchaus ernst.

Unser Fischer lässt uns Natur und Menschen im Delta erleben. Er hat begriffen, dass die Vogelwelt allein uns nicht tagelang begeistert. Wir interessieren uns für Menschen. Er besucht ohnehin alle, die sich im Delta aufhalten, und prüft, ob sich alle an die Regeln und den Naturschutz halten. Da kann er uns mitnehmen und beiden Seiten ist geholfen. Bei jedem Halt haben wir den Eindruck, dass er mehr als Freund auftritt als ein Kontrolletti.

Der erste Halt gilt der Begegnung mit zeltenden Professoren der Uni Bukarest. Die fünf Männer, alte Freunde, nehmen sich eine Auszeit in der Natur, leben in diesen Tagen vor allem von dem, was die Flusslandschaft ihnen bietet: Fische. Sie haben auch Proviant in Dosen dabei, klar. Sie schätzen das einfache Leben, wollen die Ruhe genießen, das Zusammensein, Abstand zum Universitätsgetriebe. Sie vertreten verschiedene Fachgebiete, z.B. Medizin, Jura, Naturwissenschaften. Hier sind sie nicht die Professoren, hier sind sie vor allem Männer. Die Umgebung ihrer Zelte mit all dem Gekrame und dem Unrat zeigt, dass sie nicht gewohnt sind, selbst für Ordnung zu sorgen. Einer lässt durchblicken, dass sie gern für ein paar Tage dem Regiment ihrer Ehefrauen entfliehen und überhaupt dem „geordneten Leben in der Zivilisation“. Über die Probleme in der Uni nach dem Systemwechsel (wenn er denn überhaupt dort schon stattgefunden hat…) wollen sie nicht weiter reden.

Einer der Herren spricht sehr gut Englisch. Er informiert uns über den Strukturwandel im Donaudelta. Das Leben der Fischer als staatliche Angestellte unterscheidet sich vom früheren Beruf des Lieferanten von Fischen für die Ernährung der Anrainer.

Mit diesem Professor als Übersetzer fahren wir zu einem Gärtner, der sich inmitten der Wildnis einen ausgedehnten Garten angelegt hat. Hier will unser Professor Gemüse besorgen. Nur von Fisch wollen die Herren auch nicht leben. Der Gärtner ist Rentner und, der Eindruck drängt sich auf, auf der Flucht vor seiner Frau. Nein, immer zu Hause, das hält er nicht aus. Den Sommer über sät und erntet er, wässert die Pflanzen, guckt ihnen beim Wachsen zu und hat seine Ruhe. Zudem verdient er noch etwas zu seiner sehr schmalen Rente dazu. Er kocht z.B. auch Marmelade an Ort und Stelle. Aus Melone kann man auch Marmelade herstellen. Wir sollen die unbedingt probieren. Die Masse schmeckt ein bisschen zu süß und ein bisschen zu angebrannt. Der Alte in seinen abgerissenen Klamotten, die vor Schmutz starren, löchrig, arm, lebt in einem aus einfachen Brettern selbst zusammengenagelten Unterstand. Mehr als Regen hält der bestimmt nicht ab. Gegen die zahlreichen Mücken muss das Feuer helfen. Die Szenerie ringsumher wirkt nicht gerade hygienisch. Der Marmeladenkessel über dem offenen Feuer weckt Assoziationen an uralte Witzzeichnungen von Missionaren im Kochkessel von Dschungelbewohnern.

Gärtnern als Befreiung, das Modell lernen wir hier kennen. Das primitive Leben im Selbstgebauten und Selbstangebauten wird geschätzt, von hoch gebildeten Professoren wie von einfachen, armen Rentnern.

Mittagszeit. Nun müssen wir angeln. Sonst gibt es nichts zu essen. Nein, ich doch nicht! Wenn ein Fisch anbeißen sollte, müsste ich ihn ja töten. Wie denn? Nein, das ist nichts für mich. Typisch, Fisch essen ist ok, ihn fangen und töten, das nicht. Gern essen wir auch Hähnchen, aber ihm selbst den Hals umdrehen? Nein, nein! Eckart muss ran, Adrian appelliert an seine Männerehre. Er angelt tatsächlich einen Hecht, unser Fischer in der gleichen Zeit einen ganzen Sack voll. Er sorgt vor für eine Hochzeit im Dorf! Das Töten macht ihm keine Mühe, routiniert geht er zu Werke.

Und nun? Einen eigenen Grillrost brauchen wir nicht. Adrian kennt sich aus. Er steuert eine Stelle an, wo zwei Lehrerfamilien aus Bukarest mit ihrer eigenen Kinderschar zelten. Der Grill der Lehrerfamilien ist schon heiß! Da passen unsere Fische noch drauf. Wir teilen den Inhalt unserer Picknickbox mit allen. Die Kinder freuen sich sehr über diese Abwechslung. Doch, köstlich, selbst geangelter frischer Fisch schmeckt anders als gekaufter aus dem Laden, keine Frage.

Den weiteren Nachmittag verbringen wir mit Diskussionen über Schulen in Rumänien und Schulsysteme. Die befreundeten Lehrerinnen und Lehrer arbeiten in einer neu gegründeten Waldorfschule. Sie wollen etwas Neues wagen, den Zwang an staatlichen Schulen ertragen sie nicht. Sie haben lange genug unter repressiven Bedingungen gearbeitet und hoffen auf freiere Erziehung der Kinder, auf Naturnähe, musische Förderung, auf weitgehende pädagogische Freiheit. Wir haben es mit Idealisten zu tun. Wir bewundern ihren Mut.

Die Situation all dieser Freunde des wilden Zeltens, die wir im Delta getroffen haben: Stadt- und Zivilisationsflucht. Es darf auch nix kosten, anders als auf einem Campingplatz. Null Komfort, 100% Natur.

Ob das alles im Naturschutzgebiet erlaubt ist? Es handelt sich nicht um eine kommerzielle Nutzung, es sind Gewohnheitsrechte. Diese Erholung suchenden Menschen aus den Städten stören nicht die Natur, sie fügen sich ein, meint Adrian. Wer ist er denn, diesen liebeswürdigen Besuchern ihren einfachen Urlaub zu vermiesen? Unser Wildhüter achtet ja auf alle und alles! Wir haben noch Zeit für eine Runde Schwimmen. Glasklares Wasser, immer wieder erstaunlich. Eisvögel! Eisvögel in Massen! Das Jagen der Kormorane bitten wir Adrian zu lassen. Wir genießen die Stille auf dem Wasser.

Wir verabschieden uns von Adrian und danken herzlich für die Einblicke und Einsichten, die wir hier gewinnen konnten. Morgen kehren wir zurück in die Zivilisation, nach Bukarest.

Auf unserm Wohnboot genießen wir zum Abschied ein Fünf-Gänge-Menü nur für uns allein. Stille.

Von Massentourismus kann (noch!!) keine Rede sein.

1994

VERSTÄNDIGUNG OHNE SPRACHKENNTNISSE IN KIRGISTAN

Vor 9.00 Uhr gibt es im Restaurant am Issyk-Kul-See kein Frühstück. Zeit für einen kleinen Spaziergang im Park am See, das wir ein Meer wirkt. Strahlender Sonnenschein. Die Bediensteten bereiten alles vor für den Tag. Wege und Strand werden geharkt und gefegt, die Bewässerungsanlagen sprühen. Ich gehe noch einmal durch die Anlage, bestaune die Rosen und den Strand, den tiefblauen See und die Gebirgskette auf der anderen Seite. Doch, es ist sehr, sehr schön hier.

Zwei alte Männer mit weißen Filzhütchen sitzen auf der Bank und winken mir, ich solle mich zu ihnen setzen. Nein, aber anhalten auf ein Schwätzchen, das kann ich wohl. Sie können kein Deutsch oder Englisch, ich kein Russisch, und doch haben wir ein anregendes Gespräch.

Die beiden Alten kommen aus Kasachstan, verstehe ich. Sie erholen sich hier ein paar Tage, so wie früher, als dies noch zur Sowjetunion gehörte und hier viele Kombinate Ferienanlagen unterhielten. Nachdem meine Nationalität geklärt ist (Germanski) und sie keine Ahnung von der Existenz einer Stadt namens Hannover haben, tippt der eine sich auf die Brust und sagt: „Cottbus, karascho!" Es hat ihm da sehr gefallen, so wie er die Augen verdreht.

„Cottbus, DDR, Kommunista!“. Er zeigt auf mich und sagt „Kapitalista?" Deutschland? Kapitalist oder Kommunist? Kapitalist, aha. Ja, wie soll ich meine politische Orientierung nennen?

Mit einer ausladenden Handbewegung zeichnet einer einen Ball in die Luft. Der andere Alte zerschlägt mit der Handkante ein imaginäres Gebiet, das er vorher mit den Armen als rundes Gebilde gezeigt hat. „Germania dwa!" Ein Handkantenschlag zerteilt das Ganze. Ich gucke betrübt und schluchze dramatisch. Ja, die deutsche Teilung. Ich mache ein besorgtes Gesicht, kummervoll und verzweifelt. Die Herren greifen wie auf Kommando die beiden Hälften zusammen. Einer murmelt "Germania odin" und zeigt mit dem erhobenen Daumen eine Eins an: „Karacho?“ Ja, wie soll ich das finden? Großartig! Na, und wie! Ich biete alle Schauspielkunst auf, um meine Begeisterung zu demonstrieren. Ich freue mich wie bei einer Aufführung im Schmierentheater: „Karascho!“ Na, dann freuen sich die Herren mit ihren weißen Filzmützen mit mir, mit uns Deutschen, auch wenn sie den Zerfall des Sowjetsystems bedauern. Rentner hatten es früher besser. „Karl-Marx-Stadt - karascho!“

Ich verabschiede mich von den beiden freundlichen Alten aus Kasachstan, aus Almaty. Es ist erstaunlich, wie viel Wesentliches, wenn auch undifferenziert, man austauschen kann, ohne eine gemeinsame Sprache zu haben:

2018

BERBERWOHNUNG IN CHENINI

Im Süden Tunesiens wollen wir in Chinini an für einen kleinen Rundgang halten Das alte Berberdorf bewohnten früher Halbnomaden, doch jetzt zwingt die zunehmende Trockenheit die Menschen zum Abwandern, um überleben zu können. Viele arbeiten nun auf Djerba im Tourismussektor.

Die moderne Unterstadt im Tal interessiert uns weniger als der historische Ortskern auf dem Hügel oben, der ziemlich verlassen wirkt. Nur noch wenige Häuser scheinen bewohnt zu sein. Die weiß getünchte Moschee ragt aus der festungsartigen Bebauung heraus, die sich braun vor und auf dem braunen Bergrist entlang zieht.

Wir stellen das Auto ab. Ein Alter sitzt da, direkt vor seiner Tür und bietet an, uns sein Haus zu zeigen. Danke, sehr freundlich, aber wir wollen keine Voyeure sein. Wir grüßen und ziehen wieder den Hügel hoch.

Wir klettern auf den Mauern herum. Großartige Aussicht auf die Berge, die Ebene. Gelb-braun. In dieser Landschaft ist ein Teil von „Krieg der Sterne“ gedreht worden, was unser Fabian sofort erkennt. Stimmt!

Die Architektur der einfachen Häuser ist simpel-genial: Kubus, Rechteck, flache Decken. Drei Querbalken, darauf wird die Treppe nach oben gebaut. Ich bin entzückt. So viel Klarheit.

Auf dem Weg runter zum Auto kommen wir wieder bei dem Alten vorbei und werden erneut mit freundlicher Geste eingeladen, näher zu treten. Er spricht ein rudimentäres Französisch. Nun gucken wir doch noch kurz bei ihm rein. Der Mann ist so nett und lädt uns so freundlich, so natürlich und wie selbstverständlich ein. Er wirkt nicht wie einer der üblichen Touristen-Anschnacker. Wir wollen ihn nicht düpieren - und wir sind ja von Natur aus neugierig.

Die Berberwohnung beginnt erst nach dem kleinen Innenhof, wo man auf umlaufenden Bänken sitzen oder arbeiten kann. Drinnen: Vorne ein Raum, hinten eine Kammer für Vorräte. Einrichtung: Hinten eine Bank, auf der zwei Felle liegen, also das Bett. An der Decke hängt ein Sieb, an der Wand eine uralte Flinte. An der Stirnseite ein Kalender, Reklameblätter, Fotos, die Touristen vom Alten gemacht haben. Interessant ist die Tür aus Palmenholzbrettern. Die Angel ist unten eine Bodenvertiefung und oben die Astgabel eines Olivenbaums.

Der Alte ist sehr stolz auf seine Habe. Er hat alles ordentlich ausgefegt. Aufräumen muss er nicht, er hat ja nichts, was herumstehen könnte. Draußen zeigt er uns noch eine alte Handmühle für Mehl. Die Einfachheit und Gastfreundlichkeit rührt uns. Er wirkt sehr zufrieden.

Wir danken ihm, dass er uns sein Haus gezeigt hat und vor allem auf unser Auto aufgepasst hat. Die paar Münzen nimmt er als Dank auf keinen Fall an, die Schachtel Kekse aus unserm Picknickvorrat aber doch.

1991

ADOPTIERT IN AGUA AZUL

Agua Azul, „Blaues Wasser“, da wollen wir unbedingt hin, das ist ein Naturparadies, von dem alle schwärmen. Dschungelvegetation, Baden, Erholung nach anstrengenden Besichtigungen und langen Busfahrten, das ist unsere Hoffnung. Eine Besonderheit wollen wir dabei auch kennenlernen: eine indigene bäuerliche Kooperative betreibt dies Tourismusprojekt in eigener Regie, eine „Ejido“.

Wir erkundigen uns nach Bussen nach Agua Azul, was von Palenque ca. 60 km entfernt in Richtung San Cristobal liegt. Ein Tagesausflug.

Der Langstreckenbus fährt auf der Hauptstraße über eine schöne Bergstrecke. Am Abzweig von Agua Azul lassen wir uns raussetzen. Uns nimmt von dort ein Pick-up der Kooperative, die den Naturpark managt, für wenig Geld bis runter ins Tal mit.

Die Natur ist so schön! Der Dschungel ist üppig grün, dazwischen tiefblau-türkises Wasser, was über Felsstufen den Berghang hinunterfällt, Becken bildet, in denen man baden, oft sogar schwimmen kann. Von Becken zu Becken ergießt sich das Wasser, eine natürliche Kaskade durch den Urwald. Zauberhaft! Kleine Pfade führen neben den Wasserläufen den Berg hinauf. An jeder Ecke genießen wir neue schöne Ausblicke, die Front des Wasserfalls wird sehr breit, der in mehreren Strömen nebeneinander herab fällt. Und die Vegetation ist derart üppig! Wilde Zinnien, Wandelröschen, grotesk verwachsene Bäume, jede Menge Epiphyten.

Am Rand verkaufen Kinder den Gästen Obst. Die Frauen des Ejidos braten neben ihren Hütten Empanadas und bieten Souvenirs an. Nichts wirkt aufdringlich, alles wird wirklich nur nett angeboten. Es ist das erste Mal, dass wir erleben, dass eine Touristenattraktion von einer Genossenschaft betrieben wird. Der Gedanke leuchtet uns ein und begeistert uns, denn das System scheint uns Perspektiven zu bieten für sanften Tourismus. So haben die Einheimischen wenigstens Einkünfte durch die Fremden und sind daran beteiligt. Es ist hier nicht alles so kommerzialisiert wie sonst. Die meisten Besucher sind Mexikaner.

Wir laufen den Berg immer weiter hoch, baden hier, tunken uns dort unter. Es macht Spaß, im kühlen, sauberen Wasser zu schwimmen, über die Steine zu klettern, dem Schwall entgegen zu schwimmen. Schmetterlinge, so bunt wie die Fische im Meer: rot-schwarz, schillernd dunkelblau, weiß mit schwarz-weißen Mustern.

Eine Gruppe Einheimischer versucht einem kleinen Jungen das Schwimmen beizubringen, was sie offensichtlich selbst nicht können. Es läuft auf eine Art „Hundepaddeln“ hinaus. Wir gehen so weit hoch, bis die Mücken aggressiver werden und der Weg matschiger. Eine Brücke, über Seile gespannt mit morschen Brettern darüber gelegt, verlockt uns nicht zum Überqueren des Wasserstroms.

Auf dem Rückweg schauen wir an einer Stelle einer Frau bei der Herstellung ihrer Empanadas zu. Eine kleine Kugel Teig wird in einer Presse platt gedrückt. Damit der Teig nicht am Eisen festklebt, kommt auf beide Seiten des Teigs ein Blatt Cellophan. An einer Seite zieht die Frau das Blatt ab und gibt eine Füllung aus Käsekrümeln in die Mitte. Den runden Teig klappt sie in der Mitte zu einem Halbmond zusammen. Der Rand wird festgedrückt, das Cellophan von der Außenseite abgezogen, und rein zum Frittieren in die heiße Fettpfanne. Es schmeckt köstlich, so frisch. Es gibt auch eine Mettfüllung oder eine aus Kartoffeln zur Auswahl. Eine Gruppe von einheimischen Frauen tut sich ebenso wie wir gütlich an den Empanadas. Sie grüßen, lachen, winken uns zu. Wir kennen uns, wir haben gemeinsam gebadet. Ja, mit so vielen. Wir haben kaum ein Becken ausgelassen und haben viele mexikanische Touristen dabei kennen gelernt. Wir fallen auf, es kommen nicht so viele Europäer hierhin.

Als ein Gewitter grollt, gehen wir zum Ausgang und essen noch einmal „nur eine Kleinigkeit" bei den Ejido-Frauen. Das ist eine ausführliche Mahlzeit. Die meinen es gut mit uns, wir haben nur schon so viele gute Empanadas intus.

Es geht auf 16.00 Uhr zu, wir halten Ausschau nach dem Pick-up-Fahrer, der uns versprochen hat, uns um diese Zeit wieder zurück zur Hauptstraße zu fahren. Sonst kommen wir hier nicht weg. Wir denken, er fährt den Shuttle hin und her, hoch und runter, der wird schon noch kommen. Nein, er kommt nicht. Die Busse der Reisegruppen verlassen nach und nach den Parkplatz. Wir stehen und schauen, aber wie lange noch? Von hier kommen wir nicht weg! Der Weg hoch ist zu Fuß zu weit und das Gewitter wird bald einsetzen. Schöner Mist! Was nun? Was tun? Es fängt schon an zu regnen. Dicke Tropfen.

Ich fasse Mut und gehe auf einen Busfahrer zu, der eine mexikanische Reisegruppe an Bord hat. Dieser Bus ist, ehrlich, unsere letzte Chance.

Ich frage ihn direkt, ob er uns bis zur Hauptstraße mitnehmen kann. Er zögert. Einige Passagiere raten ihm zu. Sie haben mit uns gebadet. Sie haben Mitleid mit den regennassen Touris