Rock im Rückwärtsgang - Michael Buschmann - E-Book

Rock im Rückwärtsgang E-Book

Michael Buschmann

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Beschreibung

Im deutschen Sprachraum ist weithin unbekannt, dass viele weltliche Rock-Songs Botschaften enthalten, die nur beim Rückwärtslauf der Platten oder Kassetten hörbar sind. Da werden Jesus und die Bibel verspottet, Satan und das Böse angebetet, zügellose Lebensweisen verherrlicht. Diese versteckten Botschaften lassen nicht nur die wahren Absichten vieler Sänger und Produzenten erkennen - sie sind auch eine ernste Gefahr für alle Rock-Freunde. Das menschliche Unterbewusstsein verarbeitet nämlich auch Informationen, die nicht bewusst durch den Filter der fünf Sinne aufgenommen und beurteilt worden sind. Der Autor hat die Ergebnisse seiner Untersuchungen in eine Erzählung eingebettet. Sie zeigt eindrucksvoll, welch ein zerstörerisches Werk Botschaften per „backward masking" im Leben junger Menschen vollbringen, weist aber auch auf das Leben in der Freiheit des christlichen Glaubens hin. ---- Michael Buschmann wurde 1961 in Dortmund geboren, ist verheiratet und wohnt heute in einer Kleinstadt in Ostwestfalen. Nach seinem Abitur studierte er an der Universität Paderborn. Zur Zeit arbeitet er teilzeitlich in einem Altenheim. Dadurch bleibt ihm genügend Zeit für seine schriftstellerische Arbeit. Der Bestsellerautor Michael Buschmann ist ein Spezialist für spannende, sehr realitätsnahe Romane über brandheiße Themen.

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Seitenzahl: 278

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Rock im Rückwärtsgang

Manipulation durch »backward masking«

Michael Buschmann

Impressum

© 2017 Folgen Verlag, Langerwehe

Autor: Michael Buschmann

Cover: Eduard Rempel, Düren

ISBN: 978-3-95893-056-8

Verlags-Seite: www.folgenverlag.de

Kontakt: [email protected]

 

Dieses eBook darf ausschließlich auf einem Endgerät (Computer, eReader, etc.) des jeweiligen Kunden verwendet werden, der das eBook selbst, im von uns autorisierten eBook-Shop, gekauft hat. Jede Weitergabe an andere Personen entspricht nicht mehr der von uns erlaubten Nutzung, ist strafbar und schadet dem Autor und dem Verlagswesen.

Inhalt

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Kapitel 1

La Via Del Tren Subterrano Es Peligrosa! – Diese Warnung tauchte in beinahe jedem U-Bahn-Wagen auf. Der spanische Satz bedeutete: Das unterirdische Zuggleis ist gefährlich! Obwohl sich dieser Hinweis auf die dritte, stromführende Schiene der U-Bahn-Gleisanlage bezog und nicht auf die Gefahren in den Zügen, hätten nicht wenige New Yorker dem übertragenen Bedeutungsinhalt zugestimmt, was bei durchschnittlich achtunddreißig Verbrechen pro Tag nicht verwunderlich war.

Die klappernde Masse Stahl der Linie 9 von Queens nach Harlem donnerte fahrplanmäßig durch die schwarze Röhre. Die Musik in dem Wagenabteil mit der Nummer 26 war nahezu identisch mit dem Image, das die einundachtzig Jahre alte Untergrundbahn bei den Fahrgästen genoß. Auf einen Nenner gebracht, lautete es: schrill, schnell, schmutzig! Im Abteil 26 dominierte ausnahmslos die Jugend, 14- bis 18jährige Jungen und Mädchen mit einem phonstarken 2 x 35 Watt Radiorecorder. Aus den Membranen des Geräts quoll der fetzende Sound des Liedes ›Heils Bells' der australischen Hardrock-Band AC/DC. Die Dröhnung, bestehend aus kreischendem Gesang, wenig Höhen und reichlich Bässen, durchflutete das gesamte Abteil und die siebenundzwanzig Paar Ohren darin.

Die Stimmung unter den Teenagern reichte von aufgedreht bis lethargisch. Einige holten durch Abschreiben ihre versäumten Hausaufgaben nach, wobei sich Mathematik als der Renner schlechthin erwies. Andere dösten noch müde vor sich hin. Wieder andere kritzelten Sprüche an die verdreckten Fensterscheiben, da die Wände des Wagens, innen wie außen, bereits restlos mit unentzifferbarer Graffiti beschmiert waren, oder erzählten sich Witze, die in nichts sauberer waren als die Fenster. Ein kleiner Rest von besonders Lebhaften sang eifrig alle Lieder mit oder ramponierte mit seinen Klappmessern das Inventar, weil eine Meinungsverschiedenheit über die Frage, wessen Klinge wohl schärfer sei, nicht anders zu klären war.

Unter denen, die ihre Stimmbänder erprobten, befand sich Celeste Rousseau, die eine Vorliebe für harte, kompromisslose Musik besaß. Zusammen mit ihrer Freundin Gina Sheehan kreischte sie mit AC/DC Sänger Brian Johnson um die Wette:

»Mein Blitz zuckt über den Himmel. Du bist zwar noch jung, aber du musst sterben. Ich mache keine Gefangenen, schone kein Leben.«

Ginas Stimme überschlug sich. Sie räusperte sich und setzte wieder ein: »Ich habe meine Glocken, ich bring dich in die Hölle. Ich kriege dich schon. Satan kriegt dich. Höllenglocken, ja, Höllenglocken! Ich läute die Glocken der Hölle.«

Celeste ereilte nun das gleiche Schicksal wie zuvor Gina. Protestierend klopfte sie gegen ihre Brust, und beide Mädchen mussten lachen. Dann sangen sie weiter:

»Ich gebe dir schwarze Gefühle, dein Rückgrat rauf und runter. Wenn du auf Böses aus bist, dann bist du mein Freund. Sieh mein weißes Licht flammen, wenn ich die Nacht durchspalte. Wenn das Gute links liegt, dann werde ich mich rechts halten …«

Der Junge, dem der Radiorecorder gehörte, zog an seiner Zigarette und beobachtete mit Freuden die beiden singenden Mädchen schräg gegenüber. Den Schalk im Nacken, drückte er auf die Stopp-Taste des Geräts. Die Musik verstummte augenblicklich, und das unkontrollierte Gekreische von Celeste Rousseau und Gina Sheehan war für Sekunden allein zu hören. Gelächter ringsum war die Folge dieser Sondereinlage.

Herzlich wenig Begeisterung herrschte dagegen bei den Opfern des tückischen Streichs. Celeste Rousseau machte als erste ihrer Wut Luft: »Dewey Sallenger, du bist ein hundsgemeines Ekelpaket! Kommst dir wohl unheimlich komisch vor, was?«

Der Angeklagte schien diese Worte als Kompliment aufzufassen. Die Brust des 18jährigen schwoll unter der schwarzen Lederjacke so sehr an, dass das schwarze T-Shirt mit Totenkopf zum Vorschein kam. Während er den durchschlagenden Erfolg seiner Aktion noch sichtlich auskostete und mit seinen Freunden albern herumwitzelte, schritt Gina Sheehan zur Tat. Beleidigt nahm sie ihr Käsebrot und schleuderte es dem Übeltäter unter einem Hagel von Schimpfworten an den Kopf. Die Stimmung im Abteil 26 erreichte den Siedepunkt. Selbst die eben noch Dösenden waren jetzt hellwach, standen auf ihren Sitzen, hüpften, pfiffen und klatschten begeistert Beifall. Der Spötter schüttelte sich den klebrigen Käse mit einem entrüsteten »I bäh!« aus dem Haar. »Auch noch Stinkkäse!«

Niemand von den Jungen und Mädchen hatte bemerkt, dass der Zug eine Station anfuhr. Erst als die Bremsen anzogen, wurde es ihnen bewusst. Doch zu spät! Etliche der auf den Sitzbänken Stehenden plumpsten zu Boden. Ernüchterung hatte sie schnell eingeholt und auf den Teppich des Alltags zurückbefördert.

Viele Schülerinnen und Schüler mussten an dieser Station aussteigen. Celeste Rousseau und Gina Sheehan stülpten die Kopfhörer ihrer Walkmen über und fuhren Arm in Arm die Rolltreppe der U-Bahn-Station hinauf ans Tageslicht. Der Pulk von Schülern, in dem sie sich noch befanden, würde sich wie jeden Morgen sehr bald auf dem anschließenden Fußweg durch die Straßenschluchten von Harlem zerstreuen.

Celeste Rousseau war sechzehn Jahre alt, mittelgroß, mit sportlich ranker Figur. Sie trug langes, blondes Haar, das stets wohlgekämmt und mit ein paar zusammengeflochtenen Strähnen durchsetzt war. Harte Musik war nicht ihr einziges Faible. Sie trug auch für ihr Leben gern Turnschuhe, eine Marotte, die ihre Mutter allmählich nicht mehr guthieß, weil es darauf hinauslief, dass die eleganten Schuhe fern der Welt vergammelten. Eine solche Einstellung ihrer Tochter konnte Mrs. Rousseau mit ihrem religiösen Empfinden nicht in Einklang bringen. Im Stillen sah sie Cels Gleichgültigkeit sogar als sündhaft an, aber was interessierte ihre Tochter schon Sünde oder Nicht-Sünde. Neulich erst, als sie während einer Diskussionssendung im Fernsehen über Abtreibung den Abbruch der Schwangerschaft als Mord und Sünde bezeichnete, hatte Cel ihre unmissverständliche Meinung vom Stapel gelassen. Sünde sei ein Märchen, hatte sie gesagt, eine Legende, an der bereits der Schimmel sitze, ein Spleen der älteren Generation, der außer Mode gekommen und heute zum Glück nicht mehr »in« sei.

Betroffen über diese Haltung, hatte Mrs. Rousseau nach Unterstützung durch ihren Mann Ausschau gehalten. Vergebens! Ihn interessierten derartige Meinungsverschiedenheiten herzlich wenig. Als Sicherheitsbeamter des LaGuardia-Flughafens hatte «er den Tag über genug Probleme zu wälzen und nichtige Debatten mit übernervösen Fluggästen zu fuhren, die noch am Boden schon dem Höhenkoller anheimgefallen waren. Er wollte wenigstens nach Dienstschluss seine Ruhe haben. Er bezog ein relativ gutes Gehalt, so dass die Familie sich ein kleines Häuschen in der Nähe des Juniper Valley Parks hatte leisten können. Mit diesem »Schloss im Grünen« im Stadtteil Queens sah er den Grundstein zu einem glücklichen Familienleben gelegt, aus dem nichtswürdige Kontroversen wie über das Schuhwerk und die Sünde gefälligst zu verschwinden hatten.

Der Schülerpulk hatte sich tatsächlich merklich gelichtet. Celeste stromerte mit ihrer Freundin die St. Nicholas Avenue entlang, an der die Privatschule lag. Ein paar Meter vor ihnen dröhnte die Anlage Dewey Sallengers. Aber das beeinträchtigte die Qualität der Rocktitel von Iron Maiden, die durch Cels Gehörgänge jagten, nicht im mindesten. Nichts um sich herum sehend noch hörend, kam sie voll auf ihre Kosten. Denn heute war Gina Sheehan an der Reihe zu führen und aufzupassen, dass sie mit niemandem zusammenstieß und ordnungsgemäß Ampelübergänge überquerte.

Mit einem leichten Stupser in die Rippen weckte Gina ihre Freundin, um sie aufmerksam zu machen auf das, was sich vor ihnen anbahnte. Dewey Sallenger nämlich, umgeben von seiner Clique aus durchweg jüngeren Burschen, die ihm ob seiner coolen Art fast zu Füßen lagen, stand wieder einmal kurz vor seinem Fünf-Minuten-Auftritt. Jedes Mal fing es mit halbstarken Sprüchen und Gebärden innerhalb der Clique an und endete stets mit aggressiven Auswüchsen gegenüber unbeteiligten Außenstehenden.

Die Mädchen beobachteten, wie sich die Gruppe wieder einmal auf Kosten des Schwächsten amüsierte und wie ihr Rädelsführer dominierender und gleichzeitig übermütiger wurde, so dass er zunächst an Passanten generell und unverbindlich herumnörgelte und sie anschließend, nachdem kein großer Widerstand erwachsen war, direkt und zielstrebig anpöbelte. Cel und Gina hatten es schon erlebt, dass er Frauen mit obszönem Gerede beleidigte oder Menschen, die ein Kreuz um den Hals trugen, gehässig eine Abwandlung des bösartigen Ausspruchs von John Lennon an den Kopf warf: »Ich bin bald berühmter als Jesus Christus!«

Vor Celestes Augen spitzte sich die Situation zu, als ein alter Mann vorüberging, der sich auf einen Gehstock stützen musste. Nicht genug, dass die Clique ihm keinen Durchlass auf dem Gehsteig gewährte und er in den Rinnstein auszuweichen hatte, nein, Dewey Sallenger kickte ihm lässig im Vorbeigehen die Gehstütze weg! Abrupt verlor der alte Mann den Halt, kippte zur Seite weg und prallte auf das harte Pflaster des Bürgersteigs. Den beiden Mädchen lief es kalt über den Rücken.

»Ojemine!« stieß Celeste entsetzt hervor und ging entschlossen auf die Bande Halbstarker zu. Wie wild hieb sie auf die Rüpel ein, die eigentlich noch ein wenig mit dem wehrlosen Alten zu spielen gedachten, sich aber – durch den unerwarteten und forschen Angriff überrumpelt – nun langsam verzogen.

»Haut ab, ihr Idioten! Los! Verschwindet! Ihr seid ekel-haft, wisst ihr das?« Cel zeigte sich nicht wählerisch in ihrer Wortwahl. Sie trat wütend ein paar Löcher in die Luft. »Haut endlich ab! Verzieht euch, ihr Dreckskerle, ihr!«

Unter leisem Protest und zaghaften Androhungen zog die Clique endlich ab. Cel wandte sich um und blickte mitleidsvoll auf das Häufchen Elend, das vor ihr hilflos auf dem schmutzigen Teerbelag kauerte.

Sie neigte sich herab und fragte behutsam: »Haben Sie sich verletzt?« Um die Antwort verstehen zu können, riss sie den Kopfhörer herunter, der ihr um den Hals fiel.

»Nein«, erklang ein leises, fast zerbrechliches Stimmchen. »Mir tut nichts weh. Ich bin nur zu alt und ungelenk, um allein wieder hochzukommen. Wenn du mir dabei helfen würdest?«

Cel schaute suchend auf zu Gina, die inzwischen den Gehstock aufgelesen hatte und sofort mithalf, ihre Anerkennung für Cels Tapferkeit nicht verhehlend. »Donnerwetter! Denen hast du es aber gegeben!«

Gemeinsam schafften sie es spielend, die zierliche Gestalt auf die Beine zu heben. Mit der einen Hand nahm er den in merkwürdigem Rosa gehaltenen Stock entgegen, und mit der anderen strich er sein dünnes, silberweißes Haar aus dem Gesicht.

Mit einem weichen, warmen Lächeln sagte er: »Dank deines mutigen Auftretens bin ich noch in Ordnung. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn man denen freie Hand gelassen hätte.«

Cel trat verlegen von einem Fußballen auf den anderen, stammelte ein unbeholfenes »Ach, i wo« und klopfte ein bisschen den Staub vom grauen Konfektionsanzug, der den hageren Körper des alten Mannes umschlotterte. Sie musterte anschließend das Ergebnis und strahlte den Mann zufrieden an: »So, geht's wieder?«

»Ja. Danke sehr«, entgegnete der Mann, an sich hinunterschauend und dann Cels Blick suchend. Nur mit Mühe konnte sie dem entwaffnenden Blick des Mannes standhalten. Er sagte nichts, doch seine braunen Augen sprachen Bände und schienen alles bis ins Tiefste ihrer Seele auszuloten – in ihr zu lesen wie in einem offenen Buch.

Die vielsagende Stille zwischen den beiden wurde lediglich von den dumpfen Schlagzeugrhythmen und Gitarrensalven gestört, die aus Cels Kopfhörer kamen. Eine Stimme sang: ›Hölle und Feuer sind bereit, losgelassen zu werden. Fackeln lodern, und geheime Reime werden gepriesen, wenn sie anfangen zu schreien mit hocherhobenen Händen. In der Nacht brennt das Feuer hell. Das Ritual hat begonnen. Satans Arbeit ist getan. Sechs, sechs, sechs, die Zahl des Tieres …‹

Jemand zupfte an ihrem Ärmel. Verwirrt sah sie zur Seite. »Ich will ja nicht drängen. Aber wenn wir nicht bald weitergehen, Cel, kommen wir zu spät zu Mathe. Und du weißt, wie streng Hanselmann sein kann«, bemerkte Gina mit wachsender Besorgnis.

Cel lugte verstohlen auf ihre Armbanduhr und erschrak: »Oh, jetzt aber schnell!« Und zum alten Mann gewandt, der sie schmunzelnd beobachtet hatte: »Tut mir leid. Wir müssen weiter. Auf Wiedersehen!«

Der Mann nickte verständnisvoll. »Beeilt euch, damit ihr meinetwegen keine Scherereien bekommt.«

Mit einem angedeuteten Winken entfernte sich Celeste, zaghaft rückwärts gehend. »Machen wir!« beteuerte sie. »Und passen Sie gut auf sich auf!«

»Das nächste Mal helfe ich dir hoch!« rief er ihr nach.

Cel reagierte auf diese Worte nicht mehr, da sie glaubte, sie falsch verstanden zu haben. Auf Ginas Zerren hin drehte sie sich schließlich in Marschrichtung.

»Ich weiß was, das du nicht weißt«, ulkte Gina plötzlich. »Das wäre aber das erste Mal, seit wir uns kennen«, bot Cel Paroli. »Was ist es denn?«

»Du verpasst soeben deine Lieblingsgruppe.«

Erst jetzt fiel Cel auf, dass sie im Gegensatz zu ihrer Freundin den Kopfhörer nicht aufgesetzt hatte.

»Tatsächlich! Iron Maiden!« stellte sie überrascht fest, schloss die Augen und ließ sich – völlig von der Umwelt abgeschottet – berauschen: ›… sechs, sechs, sechs, die Nummer für dich und mich. Ich komme wieder. Ich werde zurückkehren. Und ich werde deinen Körper besitzen und es dir heiß machen. Ich habe das Feuer und habe die Gewalt. Ich habe die Macht, meinen teuflischen Plan zu vollenden …‹

Kapitel 2

»Cel, komm mal herunter!« Mrs. Rousseau rief bereits das vierte Mal, ohne dass sie eine Antwort erhielt. Das reichte. Der Geduldsfaden war gerissen. Sie eilte die Treppe hinauf und stieß die Tür zum Zimmer ihrer Tochter auf. »Hörst du nicht?« schimpfte sie ärgerlich drauflos und hielt dann abrupt inne. Nein, sie hörte natürlich nichts! Celeste lag langgestreckt auf ihrem Bett, die Augen geschlossen und den Kopfhörer übergestülpt. Das war erstens ihre Lieblingsbeschäftigung nach der Schule und zweitens ihre Lieblingspose. Kopfschüttelnd trat Mrs. Rousseau ans Bett und puffte Cel gegen die Schulter.

Cel fuhr zusammen und nahm erbost den Hörer ab. »Ojemine! Musst du mich unbedingt so erschrecken?«

»Du hast gerade Grund, dich zu beschweren«, drehte ihre Mutter den Spieß um. »Deinetwegen schreie ich mich heiser, weil du wieder unter diesen Mistdingern hockst. Du solltest herunterkommen und mir beim Abwaschen helfen.« Mrs. Rousseau stemmte drohend ihre Hände in die Hüften. »Wie sieht es übrigens mit den Hausaufgaben aus? Schon alles fertig, dass du dich hier faul berieseln lassen kannst?«

»Das ist kein Berieseln, sondern eine Rekreationsphase«, protestierte Cel schnippisch und setzte hinzu: »Schafft ungemein viel neue Energien. Solltest du auch mal probieren. Außerdem haben wir keine Hausaufgaben auf. Sonst noch was?«

»Ihr bekommt ja in letzter Zeit verdächtig wenig auf. Aber wenn dem so ist, dann kannst du dich wenigstens im Haushalt etwas nützlich machen.«

Celeste stöhnte. »Ojemine! Keine Hausaufgaben bedeutet noch lange nicht, dass ich auch keinem Stress ausgesetzt bin. Schule ist kein Zuckerschlecken.«

»Hilfst du mir …«

Mrs. Rousseau hatte die Frage noch nicht ganz beendet, da hatte Cel schon ihren Kopfhörer wieder aufgesetzt, sich ins Kissen zurückfallen lassen und ihre Standardantwort in die Luft geschleudert. »Keinen Bock!«

Ihre Mutter atmete tief durch und zog sich resignierend zurück. Eine Weile lag Cel ruhig da. Dann begann sie unbeschwert, Jethro Tulls ›Aqualung‹ mitzusingen, indem sie den Text von der Rückseite des Plattencovers ablas: »Am Anfang schuf der Mensch Gott. Und er schuf ihn im Ebenbild der Menschen. Der Mensch gab Gott eine Menge Namen, auf dass er der Herr über die ganze Erde sei, wenn es dem Menschen passte. Am sieben-millionsten Tag ruhte sich der Mensch aus. Und er stützte sich schwer auf seinen Gott und sah, dass es gut war. Der Mensch formte Aqualung aus dem Staube der Erde und eine Menge anderer von seiner Art. Diese niedrigen Menschen warf der Mensch in die Leere. Einige wurden verbrannt und einige aus ihrer Art entfernt. Und der Mensch wurde der Gott, den er geschaffen hatte, und mit seinen Wundern regierte er über die ganze Erde. Als diese Dinge geschahen, lebte der Geist, welcher den Menschen veranlasst hat, seinen Gott zu schaffen, in allen Menschen und sogar in Aqualung …«

Sie legte die Hülle beiseite, weil die Nadel des Tonarms das Ende des schwarzen Vinylrundes erreicht und sich der Plattenspieler ausgestellt hatte, und erhob sich von ihrem Bett. Verträumt ging sie zu ihrem Schreibtisch am Fenster und fing an, in »Powerhouse« zu lesen, dem Monatsmagazin für Fans der harten Musikszene, das sie abonniert hatte. Sie versank derart in ihrer Lektüre, dass sie fürchterlich erschrak, als sich eine Hand auf ihre Schulter legte.

»Mir scheint, die dauernde Musik hat dich total schwerhörig gemacht. Dreimal Klopfen müsste doch reichen«, sagte Mrs. Rousseau.

Verstört drehte Cel sich auf ihrem Stuhl um und blickte ihre Mutter an. »Schon gut. Ich war in Gedanken«, erklärte sie, durch die Anspielung etwas gereizt. Dann wanderten ihre Augen neugierig auf das Paket, das ihre Mutter im Arm hielt.

»Was ist denn das?«

»Ein Dankeschön dafür, dass du mich so tatkräftig beim Abwaschen unterstützt hast«, entgegnete Mrs. Rousseau ironisch. Der Hieb erweckte bei Cel ein ehrlich gemeintes Schuldgefühl.

»Entschuldige, Mum! Weiß auch nicht, was in mich gefahren ist«, gestand sie reuig.

»Akzeptiert, Kleines!« Mrs. Rousseau küsste ihre Tochter versöhnlich auf die Wange und stellte das mysteriöse Paket auf die Schreibtischplatte. »Das ist heute morgen mit der Post für dich angekommen. Im Trubel hatte ich es ganz vergessen.«

»Lieb von dir. Danke!«

»Hast du dir irgendwas bestellt?«

Cel schüttelte den Kopf und rümpfte skeptisch ihr Stups-näschen, während sie den quadratischen Karton begutachtete. Erst als ihr Blick auf den Absender fiel, erhellte sich ihre Miene. Wie elektrisiert sprang sie vom Stuhl, umarmte euphorisch ihre Mutter und küsste sie überschwänglich mit den Worten: »Ich hab gewonnen! Hurra! Ich hab gewonnen, Mum! Ist das nicht toll? Ich hab gewonnen! Ojemine! Ich!«

Mit Not konnte Mrs. Rousseau sich vor dem Ersticken aus der Umklammerung lösen: »Was ist denn mit dir los, Kleines? Bist du jetzt übergeschnappt?«

»Ich freue mich irrsinnig, Mum, das ist alles.« Sie verpasste ihrer Mutter einen letzten Freudenknutscher und machte sich mit flinken Handbewegungen über das Paket her. In Windeseile war der Karton in die Ecke geflogen, stand der Inhalt an dessen Stelle.

»Pfui!« schrie Mrs. Rousseau entsetzt auf und sank auf die Bettlehne. »Was, zum Teufel, ist das, Cel?«

Celeste schaute mit leuchtenden Augen auf das Objekt und erwiderte in selbstverständlichem Ton: »Beruhige dich, Mum. Mit Teufel liegst du gar nicht so schlecht.« Sie kicherte, als habe sie einen Witz gemacht. »Darf ich vorstellen: Das ist Eddie, das Maskottchen meiner Lieblingsband und die rechte Hand des Teufels. Eddie, das ist meine Mutter.« Sie kicherte von neuem.

Ihrer Mutter war nicht nach Scherzen zumute. Ungläubig und ziemlich blass um die Nase stotterte sie: »Den willst du doch nicht behalten?«

»Aber natürlich«, antwortete Cel ohne Verständnis für die Frage. »Wo denkst du hin! Um Eddie zu gewinnen, habe ich ja extra an dem Preisausschreiben teilgenommen. Sieh hier.« Sie hielt ihrer Mutter ein Blatt Papier unter die Nase. »Die Band beglückwünscht mich zum ersten Preis. Und alle fünf haben eigenhändig unterschrieben.«

Doch ihre Mutter starrte wie gebannt auf das abscheuliche Monster. Es handelte sich um ein Skelett, das in kostbare Kleider gehüllt war und auf einem thronähnlichen Stuhl kauerte. Das totenkopfgleiche Gesicht zierte eine lange, zerzauste Haarmähne; es war zu einem breiten, schmierigen Grinsen verzogen, das von Schadenfreude nur so überquoll.

Cel nahm die Statue auf und wies ihr den schönsten Platz im Mittelpunkt ihres Wandregals zu. Sie prüfte ihre Entscheidung, indem sie den Kopf zur Seite warf, und fand sie schließlich ausgezeichnet.

Mittlerweile hatte Mrs. Rousseau ihre Fassung und ihre Gesichtsfarbe zurückgewonnen. »Bin gespannt, was dein Vater zu diesem hässlichen Vogel sagen wird.« Insgeheim jedoch wusste sie die Antwort: er würde nichts sagen.

»Beleidige Eddie nicht!« warf Cel entrüstet ein, zwinkerte ihrem neuerworbenen Gut zu und sprang elanvoll die Treppe hinunter. »Ich muss dringend Gina anrufen und ihr die frohe Kunde berichten.«

Mrs. Rousseau folgte ihr aus dem Zimmer. »Hat sie etwa auch an dem Wettbewerb teilgenommen?«

»Na klar!« rief Cel aufgeregt. Sie konnte es nicht erwarten, ihrer Freundin die Neuigkeit mitzuteilen. »Gina wird vor Neid fast platzen.« Sie drückte eine letzte Taste und legte den Hörer ans Ohr.

»Nicht so lange, hörst du?« warf ihre Mutter noch ein, bevor sie in der Küche verschwand.

»Ja, ja … Hallo, Gina? Ich bin's, Cel …«

Eine Stunde später wurde Mr. Rousseaus Stimme im Hausflur vernehmbar. Wie immer, wenn er von der Arbeit kam, präsentierte er sich angesichts des Feierabends in erstaunlich guter Laune, was seine Frau als erste zu spüren bekam. Heute zum Beispiel hatte er ihr einen Strauß Blumen mitgebracht.

Cel warf hastig den Hörer auf die Gabel, als sei sie bei etwas Unerlaubtem ertappt worden, und rannte zur Begrüßung auf den Flur. Sie flog ihrem Vater so stürmisch um den Hals, dass dieser fast das Gleichgewicht verlor. »Hi, Daddy!«

»Hallo, Mäuschen! He, willst du deinen Vater strangulieren?«

Ihr Vater war stämmig wie ein Baum und drei Kopf größer als Cel, so dass sie an ihm baumeln konnte wie eine Klette. »Nee, bloß schmusen.«

Mr. Rousseau sah sie ahnungsvoll lächelnd an. »Hat mein Schmusekätzchen was auf dem Herzen? Hast du was angestellt?«

»Ich? Nö!« tat sie, als sei die Frage absurd, rümpfte ihre Nase und hüpfte vergnügt ins Wohnzimmer. Dort machte sie es sich vor dem Fernseher gemütlich.

Ihre Mutter funkte energisch dazwischen: »Wie wär's, wenn du Stephen ein bisschen spazieren fahren würdest, anstatt dich vor den Affenkasten zu hocken? Frische Luft würde ihm gut tun. Und dir würde sie auch nicht schaden, so blass, wie du bist.«

Cel lag schon das obligatorische »Keinen Bock« auf den Lippen, als sie die über den Zeitungsrand schielenden, nichts Gutes verheißenden Augen ihres Vaters bemerkte.

»Ojemine!« knurrte sie mürrisch, stand aber trotzdem auf und schlurfte lustlos hinaus, um den Kinderwagen für ihr einjähriges Brüderchen zu holen. Obschon ihre Mutter verboten hatte, den Walkman mitzunehmen, versteckte Cel ihn geschickt unter ihrer Jacke und zog gelangweilt ab. Außer Sichtweite des Hauses holte sie ihn dann hervor. Sie stellte die Lautstärke so hoch ein, dass auch nicht der kleinste Laut des Gequäkes ihres Bruders das Trommelfell mehr erreichte. Sichtlich aufgeheitert ging sie weiter in Richtung Juniper Valley Park.

Kapitel 3

Der Schülerpulk löste sich an der St. Nicholas Avenue wieder auf. Cel hatte den alten Mann nicht vergessen. Wieder einmal musste sie an den brutalen Zwischenfall des Vortages denken. Und ihre Erinnerung wurde um so lebendiger, je näher sie der ominösen Stelle kam, an der es passiert war. Erheblichen Anteil an ihrer geistigen Rückblende hatte die Tatsache, dass sie es war, die heute zu lotsen und zu wachen hatte. Gina Sheehan war wie entseelt in irgendwelche Träumereien entschwebt, so dass es schien, als bewege ein inwendiger Motor eine ansonsten leere Hülle durch die Gegend.

Rauschen. Klack! Cels Walkman hatte sich ausgeschaltet. Sie wechselte die Cassette und drückte die Start-Taste. Das Vorband lief durch, dann setzten die gestochen klaren Aufnahmen ein. Die nächsten fünfundvierzig Minuten waren gesichert. Zumindest war Cel dieser Meinung.

Dewey Sallenger und seine Meute schlenderte wie gehabt ein paar Meter voraus. Einer von ihnen deutete plötzlich auf irgend etwas weiter vorn, das überwältigend komisch sein musste, da einige sich vor Lachen schüttelten, andere sich vor Belustigung auf ihre Oberschenkel schlugen. Cel war der Blick durch die langen Kerls verwehrt. Sie tippte auf einen betrunkenen Straßenpenner, von denen sich viele für ein paar lumpige Cents in aller Öffentlichkeit zur Schau stellten. Ihr taten die Menschen leid, die ihre Würde billig verscherbeln mussten, um das nackte Überleben zu sichern.

Ein unhörbares Gicksen entwich ihrem Mund, als sie entdeckte, was Dewey & Co. tatsächlich so amüsierte. Sie blieb abrupt stehen. Gina, von dem plötzlichen Stoppen ihrer Freundin in die Realität zurückgeholt, traute ihren Augen nicht. Deweys Clique, die sonst die ganze Breite des Gehsteigs in Beschlag nahm, öffnete sich urplötzlich zu einem kleinen Spalier, und hindurch kam eine bescheidene Gestalt gehumpelt. Der Mann. Ihr Mann. Mit ausgebeultem Jackett, heiterer Miene und … einem Walkman! Cel glaubte, ihr Herzschlag setze aus.

Der alte Mann schritt auf sie zu. Seine Augen unablässig auf sie gerichtet und mit einem friedlichen Lächeln auf den Lippen, blieb er vor ihr stehen.

»Guten Tag, ihr zwei!«

»Tag, Sie alleine!« gab Gina keck zurück, die so etwas wie Schüchternheit nicht kannte. »Donnerwetter, Sie haben's ja echt gut drauf? Ich dachte immer, die ältere Generation würde an einem Technologiekomplex leiden.«

Der alte Mann nickte. »Geht man nicht mit dem Fortschritt, geht er eben allein davon. Rücksichtslos eilt er weiter und weiter, ob man nun Schritt halten kann oder nicht. Wer außer Puste gerät, der fällt zurück, denn der Fortschritt wartet nicht.«

Gina war beeindruckt. »Das ist richtig weise gesprochen. Genauso wie unser Bio-Pauker. Der kann das auch. Den müssten Sie mal kennenlernen.«

»Ach, wirklich?« fragte der alte Mann und ließ seinen Blick auffordernd von Gina zu Cel schweifen, die bis dahin stumm Wurzeln geschlagen hatte.

»Ja, ja!« versicherte sie hastig und fügte interessiert hinzu: »Aber sagen Sie, wie geht es Ihnen? Wegen des Sturzes, meine ich.«

Als sei das eine olle Kamelle, winkte er ab: »Ein paar farbenprächtige Fleckchen, mehr nicht. Zum Glück nicht an allerwertester Stelle, so dass ich meine Hauptbeschäftigung, das Sitzen, wenigstens schmerzfrei ausüben kann.«

Sie lachten so unbekümmert, dass einige Passanten mit vorwurfsvoller bis verständnisloser Miene ihre Köpfe schwenkten, was die drei zu einem nur noch stärkeren Gelächter animierte. Der alte Mann warf ein: »Blanker Neid, diese Muffel. Ob man auf offener Straße ausgelassen fröhlich ist oder sie mit einem Eimer Wasser in der Hand überquert, die Menschen wundern sich zu Tode.« Gina und Cel stimmten amüsiert zu.

Er fuhr im gleichen Tenor fort: »Liest man am Tag acht Zeitungen, hält das alle Welt für okay. Aber liest man nur eine Seite in der Bibel, schon ist man verdächtig anormal und wird mit einem versteckten Grinsen schief angesehen.« Er hielt plötzlich selbstanklagend inne. »Was erzähl' ich da bloß! Ihr müsst gewiss weiter, wenn ihr euren Zug nicht verpassen wollt.«

»Ach, i wo! Wir haben noch viel Zeit«, schoss Cel großspurig hervor, ohne dabei auf Gina zu achten, die kontrollierend auf ihre Uhr sah und gänzlich gegenteiliger Ansicht war. ›Für einen Moment wird es noch ausreichen', dachte sie und lauschte aufmerksam, als Cel fragte: »Lesen Sie in der Bibel?« und sofort ernstlich versicherte: »Sie können es mir ruhig gestehen. Ich werde Sie auf keinen Fall schief ansehen.«

Der alte Mann antwortete mit der gleichen Ernsthaftigkeit: »Regelmäßig, jeden Tag, seit meinem neunzehnten Lebensjahr. Das sind jetzt fast sechs Jahrzehnte.«

Man merkte Cel an, dass sie mit so einem schweren Fall nicht gerechnet hatte. »Aber dann haben Sie das Buch doch bestimmt schon längst durch, denn da wird doch nie etwas dran umgeschrieben oder eine Fortsetzung wie bei Romanen veröffentlicht.«

»Schon unzählige Male habe ich das Buch durchgelesen.«

»Wird das nicht langweilig auf die Dauer, immer wieder dasselbe zu lesen? Sie wissen doch schon, was kommt, ehe Sie umblättern. Ich stelle mir das öde vor.«

Der alte Mann kniff eine Sekunde nachdenklich die Lippen zusammen. »Nehmen wir an, dein Lieblingsstar würde des Weges kommen, du hättest auch gerade einen Fotoapparat bei dir, und er würde sich anbieten, so lange vor der Linse zu posieren, wie es dir beliebt. Wieviel Fotos würdest du schießen? Eins, oder?«

Cel ließ ihrer Phantasie freien Raum. Restlos begeistert malte sie sich die Situation aus. »Ein Bild? Ich bin doch nicht blöd! Wenigstens den Film in der Kamera würde ich total verknipsen.«

»Aber das ist doch immer die gleiche Person, das gleiche Gesicht, die gleiche Kleidung. Ich stelle mir das langweilig vor auf die Dauer.«

Cel wurde fast erbost über diese Engstirnigkeit: »Langweilig? Absolut aufregend …« Dann stockte sie, weil sie bemerkt hatte, dass der alte Mann sinngemäß ihre Antwort verwandt hatte, wenngleich sie die gedankliche Brücke nicht schlagen konnte.

Er holte sie auf halber Strecke ab. »Du hast natürlich recht«, gestand er, »ich bin sicher, jeder eingefleischte Fan würde von seinem Idol soviel Fotos knipsen, wie ihm zur Verfügung stehen. Denn obwohl es immer die gleiche Kamera und auch das gleiche Motiv bleibt, ändert sich für den Betrachter eine Menge. Er entdeckt mit jedem neuen Blick durch den Sucher vieles, was er bisher übersehen oder was im Verborgenen gelegen hatte. Insofern ist die Angelegenheit auch bei dem fünfzigsten Schnappschuss immer noch absolut aufregend.«

Damit war die Brücke geschlagen. Cel fühlte sich unwohl wie selten zuvor, da sie das Beispiel verstand und einsah, das Bibelstudium des Mannes trotz gegenteiliger Beteuerungen zu Anfang doch bös geschmäht zu haben. Ausgerechnet diesem lieben, alten Mann hatte sie doch beweisen wollen, dass sie anders war als die anderen Menschen. Ausgerechnet ihn hatte sie kränken müssen. Zum ersten Mal in ihrem Leben schämte sie sich in Grund und Boden. Zum ersten Mal spürte sie, wie Schamröte ihre schmalen Wangen leicht erhitzte.

Gina wunderte sich zwar über die ungewöhnlich rosarote Farbe auf den Wangen ihrer Freundin, aber ansonsten hatte sie keine Antenne für das, was sich in ihrer Anwesenheit abspielte. Für sie stand in erster Linie im Vordergrund, dass es höchste Zeit war, auf den Bahnsteig zu gehen, wenn sie den Zug nach Queens noch erreichen wollten. Ungeduldig zupfte sie an Cels Khaki-Pumphose. »Wir müssen uns beeilen!«

»Herrjemine, ja doch! Noch einen Moment, bitte.« Zum alten Mann gewandt fragte sie: »Was hören Sie denn da schönes? Klassik?« Er schüttelte entschieden sein Haupt. »Keineswegs. Ich höre die gleiche Musik wie du.«

Cel rümpfte sehr skeptisch ihre Nase. »Woher wissen Sie, was ich gerade höre?«

Der Mann reichte ihr seinen Kopfhörer und schaltete das Gerät ein. Cel verfuhr ebenso mit ihrem Recorder und presste je eine Hörmuschel an jedes Ohr, wobei der Mann zu ihrer Verblüffung erläuterte: »Auf beiden ist das Lied ›Snowblind‹ von Styx.«

Cel verengte ihre hellblauen Augen und gestand verdutzt: »Tatsächlich! Das ist ja ein Ding! Nur … bei Ihrem Band verstehe ich den Text gar nicht. Hört sich irre verzerrt und geleiert an. Fast so, so … na!« Sie schnippte mit den Fingern und lachte dann, weil sie ihren Gedanken für so abwegig und verrückt hielt. »Fast so, wie rückwärts gespielt!«

»Ist es auch«, bestätigte er wie selbstverständlich.

Das Eingeständnis war Anlass genug für Gina, unversehens in der Unterhaltung wieder aktiv mitzumischen. »Oh, Mann! Sie sind ja ein richtig ausgeflippter Typ. Machen Sie öfter so einen Jux, dass Sie Cassetten rückwärts laufen lassen?«

»Ja. Denn das ist eine ziemlich ernste Sache.«

»Ach!« stieß Gina sarkastisch mit einem mitleidigen Schmunzeln hervor und bestimmte: »Tut mir leid, wir müssen jetzt wirklich los!« Ohne auf Cel weiter Rücksicht zu nehmen, zerrte sie sie einfach am Arm die Stufen zur Plattform hinunter.

Über ihre Schulter hinweg rief Cel dem alten Mann lachend nach: »Schade! Hätte gern mehr gehört, denn der Gag ist nicht schlecht.«

Sie schafften es, sich im U-Bahn-Abteil Fensterplätze zu ergattern. Auf dem Schmierfilm der Fenster ließ sich so herrlich malen.

»Ein komischer Kauz, der Alte. Ich glaube, der tickt nicht ganz richtig«, knüpfte Gina an das eben Erlebte an und ließ ihren Finger auf der Scheibe kreisen.

»Aber er hat's für sein Alter noch voll drauf«, sagte Cel begeistert und fuhr nicht ohne Erstaunen fort: »Dass man bei Liedern auch rückwärts was verstehen kann, habe ich nicht gewusst. Du?«

»Nee. Glaube ich auch nicht. Überleg doch mal! Wenn man etwas Vorwärtsgesprochenes zurücklaufen lässt, dann kann doch nur wirres Zeug herauskommen. Ist doch logisch!«

Cel schüttelte ihren Kopf. »Ich habe es aber doch mit eigenen Ohren gehört, Gina. Das waren selbst rückwärts vollständige, klare Worte, wie vorwärts gesungen.«

Gina, der die Diskussion über so ein absurdes Thema allmählich zu bunt wurde, versetzte frostig: »Und was hast du, bitte schön, gehört?«

»Vorwärts sangen ›Styx‹: ›I try so hard to make it so‹. Und rückwärts sagte eine Stimme: ›Beweg dich, Satan, bewege dich in unseren Stimmen.‹«

Gina lachte laut auf. »Bist du sicher?«

»Absolut! Das war kein Trick. Das war echt. Voll echt.« »Ist ja ein Ding«, war Gina nun überzeugt und sann still über dieses Phänomen nach.

Cel starrte in sich gekehrt aus dem Fenster hinaus in die pechschwarze Finsternis der Röhre, durch die der Zug hindurchfegte. Sie hatte es mit eigenen Ohren hören können. Es war auf beiden Bändern das gleiche Lied gewesen. Unzweifelhaft! Im Schlaf würde sie es erkennen, und sogar rückwärts. Wie zwei Züge aus entgegengesetzten Richtungen hatten die Strophen sich genähert und am Punkt X getroffen. Es hallte noch frisch in ihren Ohren: ›Bewege dich, Satan, bewege dich in unseren Stimmen!‹ Wie dieses exakte Timing möglich gewesen war, wie es überhaupt dazu kam, dass der alte Mann gewusst hatte, was sie gerade für Musik hörte – es blieb ihr schleierhaft. Sie wusste nur, dass das, was sie gehört hatte, der reinsten Wahrheit entsprach.

»Würde mich mal interessieren, wie Styx das gemacht haben. Dich auch?« fragte Cel neugierig.

»Naja, schon«, gestand Gina zögernd und ergänzte mit einem schelmischen Grinsen: »Vielleicht ganz nützlich, wenn ich bald meine eigene Band gründe.«

Sie lachten und alberten den Rest der Fahrt herum.

Kapitel 4

Versonnen saß Cel am Abendbrottisch. Sie aß ein paar Happen und stocherte ansonsten lustlos in ihrem Essen herum. Ihrem Vater, der sie seit einiger Zeit von der Seite beobachtet hatte, war nicht entgangen, dass das Verhältnis zwischen Frau und Tochter leicht angespannt war. Entschlossen wollte er der Ursache nun auf den Grund gehen, tupfte sich mit der Serviette die Mundwinkel ab und fing einfach an.

»Also, was ist los zwischen euch beiden? Glaubt ihr, ich merke nicht, dass da was ist?«

»Ach, eine absolute Lappalie. Nicht der Rede wert«, spielte Mrs. Rousseau die Angelegenheit herunter. »Deine Tochter wirft mir fehlendes Verständnis vor, nur weil ich mich nicht für eine Sache interessiere, die sie offenbar sehr beschäftigt.«

»So? Und was wäre das?« fragte ihr Mann und blickte Cel erwartungsvoll an, die unverwandt auf ihr Essen stierte. Als sie keinerlei Anstalten machte, zu antworten, stieß ihre Mutter sie mit dem Ellenbogen an.

»Nun komm! Sag es Dad! Mir hast du's ja auch erzählt.«