Rotkäppchen raucht auf dem Balkon - Wladimir Kaminer - E-Book

Rotkäppchen raucht auf dem Balkon E-Book

Wladimir Kaminer

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12,99 €

Beschreibung

Geschichten für Familienmenschen – charmant, kurzweilig und humorvoll ... Das neue Buch des SPIEGEL-Bestsellerautors von »Die Kreuzfahrer« und »Coole Eltern leben länger«!

Verstehe einer die Kinder. Oder die Großeltern. Die einen werden erwachsen, kaufen sich Leitz Ordner für Handyverträge und schwören dem billigen Fusel ab, der gestern noch zu jeder Party gehörte. Die anderen haben eine kindliche Freude daran, die Welt neu zu erobern und ihre Grenzen auszuloten. So mancher Jugendliche bleibt hingegen lieber zu Hause, um zwischen Kühlschrank und Computer nach sich selbst zu suchen. In seinen neuen Geschichten beschreibt Familienmensch Wladimir Kaminer das komplizierte Verhältnis der Generationen mit viel Liebe und Humor.

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Seitenzahl: 188

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Buch

Verstehe einer die Kinder. Oder die Großeltern. Die einen werden erwachsen, kaufen sich Leitz Ordner für Handyverträge und schwören dem billigen Fusel ab, der gestern noch zu jeder Party gehörte. Die anderen haben eine kindliche Freude daran, die Welt neu zu erobern und ihre Grenzen auszuloten. So mancher Jugendliche bleibt hingegen lieber zu Hause, um zwischen Kühlschrank und Computer nach sich selbst zu suchen. In seinen neuen Geschichten beschreibt Familienmensch Wladimir Kaminer das komplizierte Verhältnis der Generationen mit viel Liebe und Humor.

Weitere Informationen zu Wladimir Kaminer sowie zu lieferbaren Titeln des Autors finden Sie am Ende des Buches sowie unter www.wladimirkaminer.de.

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Wunderraum-Bücher erscheinen im

Wilhelm Goldmann Verlag, München,

einem Unternehmen der Random House GmbH.

Originalveröffentlichung August 2020

Copyright © 2020 by Wladimir Kaminer

Copyright © dieser Ausgabe 2020

by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umschlaggestaltung und Konzeption: buxdesign | München

Umschlagillustration: Ruth Botzenhardt

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN 978-3-641-26916-6V002

www.wunderraum-verlag.de

Inhalt

Italienische Diät

Kaminers im Kulturwahn und drum herum

Mutters Geburtstag

Der magische Turnschuh des Lebens

Leben heißt lernen

Mutters Frühstück

Frag deine Eltern

Die (unendlich) erträgliche Schwierigkeit des Seins

Freitag, der 13.

Pflegestufen

Die Besonderheiten der vietnamesischen Küche

Zwölf Weisheiten des großen Meisters Laotse

Linke Tochter

Diona

Polnische Ostsee

Kleiner grüner Kaktus

Gockel ist weg

Mahlers 1. Sinfonie

Muttersprache

Katzen regieren die Welt

Die Stadt der Tugend

Die Weltverbesserer

Die Märchen der neuen Zeit

Das Problem mit den Jahreszeiten

Osteuropäische Pflegemigration

Die Jägermeister I

Die Jägermeister II

Deutscher Stollen russischer Prägung

Warum liegt hier überall Stroh?

Die Ethnologen

Jugend forscht

Frühlingslieder

Die vier Merkmale des Erwachsenwerdens

Epilog

Italienische Diät

In der ersten Zeit ihres Lebens entsteht bei vielen jungen Menschen der naive Eindruck, sie seien von Vollidioten umzingelt. Sie zweifeln an der Zurechnungsfähigkeit ihrer Eltern, ihrer Lehrer sowie der Regierung und denken, Dummheit regiere die Welt. Dabei sehen sie natürlich nur die Fassade, während ihnen die weit zurückreichende Weisheit der Völker verborgen bleibt. Sie versteckt sich in der Geschichte des Landes, in den alten Volksliedern, die keiner mehr singt, hinter den zweideutigen Sprichwörtern, die niemand versteht. Das erste deutsche Sprichwort, das ich hörte, war eine Warnung: »Hüte dich vor blonden Frauen und Autos, die die Russen bauen.« Was sollte denn das heißen? Zum einen wurden blonde Frauen überall auf der Welt hochgeschätzt; zum anderen mussten meine Landsleute früher jahrelang warten, bis sie ein Auto kaufen konnten. Und jetzt das. Hinter dem Sprichwort steckte eindeutig eine Geschichte, die ich nicht kannte. Anscheinend war hier in Deutschland eine Blondine mit einem russischen Auto heftig unterwegs gewesen und hatte das Bewusstsein des deutschen Volkes krass verändert.

Meine deutschen Freunde fragten mich oft, welches geheime Wissen in der weitverbreiteten russischen Volksweisheit Baba s vosu kabile legche steckt. Das sagen die Russen zu jedem Anlass und oft auch ganz ohne. Direkt ins Deutsche übersetzt würde der Satz frauenfeindlich klingen, er heißt nämlich so viel wie: »Wenn du merkst, dass deine Stute langsam wird, schubs schnell deine Frau von der Kutsche.« Das ist aber nicht so gemeint. Bei russischen Weisheiten steckt hinter dem oberflächlichen Unsinn immer ein zweiter Sinn, den selbst die Muttersprachler erst verstehen, wenn sie mindestens 200 Gramm Cognac intus haben. Für Außenstehende bleiben diese Weisheiten rätselhaft und hinter der Sprache verborgen. Selbst wenn sie das Vokabular einer Fremdsprache komplett beherrschen, werden sie die Weisheit des Volkes nicht verstehen. Sie steckt nicht in der Grammatik, nicht im Wortschatz oder in der Aussprache, sondern dahinter. Sie ist vergraben in den Pausen zwischen den Wörtern, im Husten und Schweigen der Völker. So hinterhältig sind die Sprachen der Welt, mit Ausnahme des Italienischen. Dort ist die Weisheit offensichtlich und nicht versteckt. Ich wollte schon immer Italienisch lernen, doch zuerst war ich dafür zu faul, dann zu alt und zu faul.

Mit dem Alter fällt es immer schwerer, neue Sprachen zu lernen. Meine Tochter aber hatte Glück. An ihrer Humboldt-Universität dürfen Studenten sämtliche Sprachkurse belegen, sie bekommen dafür sogar Punkte für oberflächliche oder überfachliche Wahlpflichtbereiche und haben dann bessere Aussichten bei der Studentenjob-Vermittlungszentrale. Meine Tochter weiß das zu schätzen. Sie lernte kurzerhand gleich alle Sprachen, um die Welt besser zu verstehen, und gilt jetzt schon in ihrer Stammkneipe als weise. Sie hatte bereits Französisch und Spanisch, nun ging sie noch in den Kurs für Italienisch. Sie wollte gleich auf dem A2-Level einsteigen, für das sie allerdings einen Aufsatz zum Thema »Wie ich den Sommer verbracht habe« schreiben musste. 180 Wörter auf Italienisch, ohne dass sie irgendwelche Vorkenntnisse besaß. Die einzige Erfahrung, die sie mit dem Italienischen hatte, waren unsere gemeinsamen Familienessen beim Italiener um die Ecke gegenüber dem Abenteuerspielplatz. Diese Erfahrung setzte meine Tochter für ihren Aufsatz ein:

»Im Sommer sind wir mit den Eltern gelegentlich nach Mallorca oder Ibiza gefahren«, schrieb sie, »aber noch öfter gingen wir einfach zum Italiener Mario gegenüber vom Abenteuerspielplatz. Meine Eltern mögen die italienische Küche sehr. Sie bestellen für die Kinder crostini misti und Cola und für sich selbst erst einmal einen aperitivo: einen Aperol für Mama, Campari oder Martini für Papa und einen Grappa für die Oma, weil Oma nichts Süßes mag. Dann nehmen sie vino bianco für die Mama, vino rosso für den Papa und noch einen Grappa für die Oma, weil Oma nichts Kaltes trinkt. Wenn sie fertig sind, nehmen sie einen digestivo: Limoncello für die Mama, Sambuca für den Papa und einen Absacker-Grappa für die Oma, weil Oma nichts Süßes mag und nichts Kaltes trinkt. Danach nehmen sie die Oma und gehen nach Hause.«

Obwohl diese Arbeit mehr nach einem Restaurantbeleg aus zwanzig Jahren italienisch Essen aussah, bekam meine Tochter eine 1 für ihre Arbeit samt der Bemerkung der Lehrerin: »Du hast aber lustige Eltern.« Jetzt müssen wir noch öfter zum Italiener, damit die Tochter ihre Sprachkenntnisse nicht nur auf dem Papier, sondern auch in der Praxis einsetzen kann. Ich halte mich gern an die italienische Diät. Sie ist hart, aber dient einem guten Zweck. Dank ihr gelingt es meiner Tochter vielleicht, als Einzige in unserer Familie die Welt zu verstehen, denn wir verstehen sie nicht. Wir können ihr daher nur dabei helfen. Wie die Italiener sagen: Chi la sera i pasti gli ha fatti, sta agli altri a lavar i piatti – wenn einer kocht, müssen die anderen abwaschen.

Kaminers im Kulturwahn und drum herum

Früher wussten die Menschen Massenevents zu schätzen. Ob Revolution, Krieg, Kommunismusaufbau – alle machten mit. Heute passen alle Events, die uns bewegen, auf die Bildschirme von Smartphones. Jeder hat sein ganz individuelles Kulturprogramm mit einem Passwort verschlüsselt, und keiner will es mit anderen teilen. Irgendetwas ist mit uns passiert. Entweder sind die Menschen humaner oder einander gleichgültiger geworden. Niemand will die anderen noch beglücken, belehren oder in Reih und Glied aufstellen, bis auf einige ältere Semester. Meine Mutter zum Beispiel träumt schon seit Langem davon, dass wir als Großfamilie alle zusammen zu einem Konzert gehen. Sie versucht, uns zu jedem Anlass und auch ganz ohne Konzertkarten zu schenken, gegen die wir uns höflich wehren. »Ihr nutzt die hiesige Kulturlandschaft überhaupt nicht!«, regt sich Mama auf.

Sie hält uns für Kulturbanausen und hat damit natürlich recht. Das liegt nicht zuletzt am kulturellen Überangebot dieser Stadt. Berlin hat ein abwechslungsreiches Kulturprogramm, jeden Tag staune ich, was wir verpassen: eine Stasiaktenausstellung in Hohenschönhausen, ein gastronomisches Streetfood Festival in Kreuzberg mit Schwerpunkt Insekten, einen mehrtägigen internationalen Wettbewerb »Jugend lernt Schlagzeug« – davon meine ich sogar nachts etwas gehört zu haben, obwohl wir nicht in Friedrichshain wohnen. Die Bewohner von Marzahn können ruhiger schlafen, sie haben nur eine Gartenausstellung.

Meine Mutter geht dreimal die Woche in ein Museum, ins Konzert, ins Theater oder in die Philharmonie. »Ich möchte euch einladen, ich kaufe euch jede Karte, egal was sie kostet«, sagt sie immer wieder zu uns. Wir gehen nicht darauf ein. Nur ihr Enkelkind Nicole nahm Omas Angebot einmal an. Sie wollte das Wunder der Unsterblichkeit live sehen. Überall auf der Welt reizt es die Menschen, über die schmale Linie zu schauen, die das Sein vom Nichtsein trennt. In meiner Heimat stehen die Menschen seit beinahe hundert Jahren Schlange vor dem Mausoleum auf dem Roten Platz, um einige Minuten lang einen ausgestopften Mann mit einem roten Bart zu bestaunen. Ich bilde mir ein, die Menschen in der Schlange zu verstehen. Es sind bestimmt starke Gefühle, die sie zu dem Mausoleum treiben: die Angst vor dem eigenen Tod und die Neugier auf die darauffolgende Ewigkeit. Was aber die Menschen alle paar Jahre zu einem sogenannten letzten Konzert der Rolling Stones in Berlin treibt, bleibt mir ein Rätsel. Außerdem liegt der ausgestopfte Mann im Mausoleum für alle kostenlos da, während die singenden Steine sauteuer sind. Ich glaube sogar, sie sind teurer als alle lebenden Sängerinnen und Sänger. Für Nicole war es trotzdem ein Traum, diese Band einmal live zu erleben, und meine Mutter beschloss, ihr den Konzertbesuch zum Geschenk zu machen. Allerdings unter einer Bedingung: Sie wollte mitkommen. In meinen Augen war das ein interessantes soziales Experiment, man könnte sogar eine Geschichte darüber schreiben: »Oma und die Rolling Stones in der Waldbühne«.

»Da musst du aber noch durch den Wald, um zu der Veranstaltung zu kommen«, warnten wir sie. Meine Mutter ist ein kulturinteressierter Mensch, aber keine große Läuferin. Sie trägt eine Uhr mit Schrittzähler, die ihr anzeigt, wie viele Schritte sie im Laufe des Tages bereits gemacht hat. In der Regel sind es bis Mittag 43. Das Hauptproblem beim Gehen besteht darin, das Gleichgewicht zu halten. Mit dem Alter merkt man überdeutlich, dass die Erde nirgends gerade, sondern immer rundlich ist. Es geht ständig bergauf und bergab. Das erfordert eine enorme Aufmerksamkeit, eine falsche Bewegung und du landest im Busch. Eine Gehhilfe möchte meine Mutter aber nicht, sie äußert sich abschätzig über all die komischen Omas, die kleine Wagen vor sich herschieben, obwohl die meisten dieser Omas in Wahrheit jünger sind als sie. Nicht einmal einen Stock möchte meine Mutter, höchstens einen Regenschirm, den sie unauffällig als Gehstock benutzt. Das wird ein großer Spaß, ahnten wir.

Am Tag des Konzertes regnete es. Das Enkelkind und die Oma gingen zusammen 800 Meter durch den Wald. Der Regenschirm wurde meiner Mutter gleich am Eingang abgenommen, weil er unter Umständen als gefährliche Waffe dienen konnte. So könnte meine Mutter, wenn ihr ein Song nicht gefiel, den Regenschirm wie einen Speer benutzen und mit einem gezielten Wurf den einen oder anderen Stone vorzeitig ins Rollen bringen.

»Aber dafür bin ich doch viel zu alt und schwach«, verteidigte die Oma ihren Regenschirm vor dem Wachdienst. »Ich könnte ihn niemals so weit schleudern.«

»Das ändert aber nichts«, meinte der Wachdienst.

Nach seiner Security-Logik musste die Oma ja gar nicht selbst werfen, sie könnte stattdessen das Enkelkind bitten, den Wurf für sie zu erledigen. Und das Enkelkind müsste gehorchen, allein schon aus Respekt vor dem Alter.

Die ganze Waldbühne bestand aus miesen Treppen und Stufen aus Stein, die offenbar für einen überdimensionalen Menschen gemacht worden waren. Meine Mutter hasst Treppen grundsätzlich, aber die der Waldbühne widersprachen jeglicher Vorstellung von menschlichem Leben. Es kamen immer mehr Besucher zu dem Konzert, die große Waldbühne schien ausverkauft zu sein. Junge und Alte waren dabei, als wäre die jahrelange Schlange vor dem Mausoleum in Moskau plötzlich durch Zauberkraft hierher versetzt worden. Es donnerte und blitzte am Himmel, als die Stones ihren ewigen Altmännergesang über die Unbefriedigtheit des Mannes begannen. »I can’t get no satisfaction!«, riefen sie. Das Enkelkind nahm Omas Hand und sprang und sprang und sprang im Takt der Musik.

Nach dem Konzert zeigte die Schrittzähleruhr auf einmal 99 000 – ein Rekord. Als wäre meine Mutter einmal um die Welt gelaufen.

Mutters Geburtstag

»Ich möchte dieses Jahr überhaupt nicht groß feiern, und extra kochen möchte ich auch nicht. Wer kommt, der kommt. Ich kaufe einfach einen der tollen Marmorkuchen aus der Bäckerei Harmonie. Oder vielleicht bringt ja jemand selbst einen Kuchen mit.«

Wir besprachen mit Mama ihren bevorstehenden Geburtstag, und sie war melancholisch gestimmt. »Ich werde achtundachtzig Jahre alt. Wer hätte gedacht, dass ich es so weit bringen würde trotz Krieg, Hunger und Not. Ich glaube, das Auswandern hat mich verjüngt.«

Meine Mutter war mit sechzig aus der Sowjetunion nach Deutschland gekommen und betrachtete diesen Umzug als Beginn eines neuen Lebens. »Wenn es so weitergeht, werde ich womöglich sogar neunzig. Niemand von meinen Freundinnen und Freunden hat das geschafft. Jetzt ist das Wichtigste, sich nicht behexen zu lassen«, meinte meine Mutter. Ich wusste sofort, was sie meinte. Ab einem bestimmten Alter gilt es als schlechtes Omen, seine Geburtstage zu opulent zu feiern. Die Mutter meiner Mutter hatte ihren Siebzigsten in einem kaukasischen Restaurant namens Rioni in Moskau gefeiert, mit Musikkapelle, freier Getränkeauswahl und hauseigenem Feuerspucker. Danach waren das Geburtstagskind und etliche Gäste im Krankenhaus gelandet.

»Ich möchte ganz bescheiden zu Hause bleiben, im kleinen Familienkreis feiern und keine Einladungen verschicken. Allerdings wünsche ich mir schon sehr, dass meine Enkelkinder mich besuchen, und zwar freiwillig – also von allein, nicht von ihren Eltern gezwungen. Sie könnten einfach so vorbeikommen und fragen: ›Hallo Oma, wie geht es dir? Sollen wir dir vielleicht einen Marmorkuchen aus der Bäckerei Harmonie bringen?‹ Sie kommen mich ja sonst nie besuchen.«

»Aber Mama«, sagte ich zu ihr, »das ist leider der normale Lauf der Dinge. Die Jugend ist zu sehr mit sich selbst beschäftigt, sie denkt nicht an die Großeltern. Nirgendwo auf der Welt gehen junge Menschen freiwillig ihre Omas besuchen. So eine Jugend gibt es nicht.«

»Es gibt sehr wohl so eine Jugend«, erwiderte meine Mutter. »Da kenne ich Geschichten … die von Rotkäppchen zum Beispiel!«

Ich wäre beinahe vom Stuhl gefallen, so unerwartet kam das.

»Liebe Mutti, Rotkäppchen ist eine Märchenfigur, die sich frustrierte Omas ausgedacht und dann den Gebrüdern Grimm ins Ohr geflüstert haben. Du glaubst doch nicht wirklich, dass das Mädchen mit dem Kuchen freiwillig durch den dunklen Wald zu seiner Oma gegangen ist. Bestimmt wurde sie von ihrer alleinerziehenden Mutter unter Druck gesetzt. Wahrscheinlich hatte die Mutter finanzielle Schwierigkeiten und wollte bei der Oma ein wenig Geld pumpen, weil Omas bekanntlich sehr sparsam leben und immer etwas auf der hohen Kante haben. Nachdem sie sich aber vor Jahren zerstritten hatten, weil die Oma Rotkäppchens Vater nicht leiden konnte, hat sie ihre Tochter losgeschickt. ›Hier, nimm den Kuchen und ab zu Oma!‹, hat sie gesagt. ›Und setz deine rote Kappe auf, damit sie dich überhaupt erkennt.‹

Ganz sicher ist es so gewesen. Rotkäppchen hatte bestimmt erstens keine Lust, allein durch den Wald zu laufen, und zweitens noch weniger Lust, das rote Käppchen zu tragen, das völlig aus der Mode war. Nur kleine Kinder und komische Tanten trugen noch rote Käppchen. Aber sie musste sich dem Willen der Mutter beugen, denn sie war minderjährig und hatte kein Mitspracherecht. Außerdem konnte das Mädchen seine eigene Oma nicht einmal von einem Wolf unterscheiden. Was sagt uns das? Das Enkelkind und die Oma hatten einander vorher wahrscheinlich nicht allzu oft gesehen.«

»Ich wünsche mir trotzdem, dass meine Enkel kommen«, bestand meine Mutter auf ihrem altmodisch romantischen Weltbild.

»Mal sehen, was sich machen lässt«, nickte ich knapp. Abends telefonierte ich mit meiner Tochter. Ich näherte mich dem Thema lieber von Weitem.

»Na, Nicole, wie geht es dir, Liebes?«

»Mein Leben ist die Hölle«, meinte sie. »Gestern hatte ich den schlimmsten Tag meines Lebens.«

Sie hatte endlich ihr Seminar in Ethnologie über »Gender und Migration« hinter sich gebracht, in dem es darum ging, dass alle Menschen Migranten waren und sich außerdem jeden Tag ein anderes Geschlecht aussuchen konnten, so wie man im Geschäft neue Hosen anprobierte. Danach hatte meine Tochter drei Stunden Fahrunterricht. Der Fahrlehrer hatte sie gelobt, sie könne inzwischen besser bremsen als ihr Altersdurchschnitt, sie sei geradezu eine geborene Bremserin. Dann war er, ein Kettenraucher, aus dem Auto gestiegen, um eine Zigarette zu rauchen, während Nicole ganz alleine einparken lernen sollte, und zwar richtig nah am Bordstein. Nachdem der Fahrlehrer eine Schachtel Marlboro aufgeraucht hatte, hatte sie es fast geschafft. Abends musste sie fünf Stunden im Prater kellnern, riesige Weihnachtsgänse durch die Gegend schleppen und nachts noch nach Frankfurt an der Oder fahren, weil ihr alter Freund Lucas Geburtstag hatte. Er hatte sie bereits ein halbes Jahr zuvor eingeladen, aber vergessen, ihr mitzuteilen, dass er zwischenzeitlich umgezogen war. Kurzfristig die Einladung abzusagen wäre nicht freundschaftlich gewesen, also fuhr Nicole nach Frankfurt/Oder und gegen Morgen wieder zurück. Die ganze Zeit tat ihr das linke Ohr weh, weil sie sich die Ohrmuschel hatte piercen lassen, was viel mehr schmerzte als ein Bauchnabelpiercing, da Ohrmuscheln keine Fettschicht haben. Prompt konnte sie nachts nur auf der rechten Seite schlafen. »Sonst geht es mir aber gut«, meinte die Tochter, »alles picobello.«

»Liebe Nicole«, sagte ich, »bald hat deine Oma Geburtstag. Könntest du dir vorstellen, sie zu besuchen und eine halbe Stunde lang Rotkäppchen zu spielen? Den Kuchen gebe ich dir natürlich mit.«

»Und was genau soll ich tun? Soll ich sie wirklich fragen, warum sie so große Ohren hat?« Meine Tochter hielt das für keine gute Idee.

»Nein, das musst du nicht. Du fragst sie nur, wie es ihr geht«, sagte ich.

»Das kann ich machen«, meinte die Tochter, »es wird aber nichts bringen, weil Oma mich nicht hören kann. Jedes Mal, wenn wir uns treffen und ich sie laut grüße, fragt sie im besten Fall nach, was ich gerade gesagt habe. Oma mag ja große Ohren haben, aber hören tut sie mich trotzdem nicht. Sie schaut russische Krimiserien auf voller Lautstärke, sodass die Nachbarn verzweifelt an die Tür klopfen, weil sie denken, in ihrer Wohnung würden wie am Fließband Russen umgebracht. Und selbst wenn sie mich hört, versteht sie mich nicht. Sie fragt dann dich, was ich gerade gesagt habe, und redet in meiner Anwesenheit von mir in der dritten Person.«

»Gut, aber sie sieht dich und freut sich darüber«, konterte ich. »Oma hat noch gute Augen.«

»Oma sieht mich auch nicht«, konterte Nicole. »Als ich mir neulich zu Halloween die Haare blau gefärbt hatte, hat sie es nicht einmal bemerkt.«

»Ich verspreche dir, wenn du dir die Haare rot färbst, wird sie es merken«, sagte ich.

»Ich möchte mir die Haare aber nicht rot färben, das machen nur Kinder und komische Hartz-IV-Tanten aus Weißensee. Ich bin für wärmere Farben, kann mich aber zwischen Grün und Blau nicht entscheiden.«

An Omas Geburtstag klingelte es an der Tür, und Nicole, das süßeste Enkelkind mit blaugrün gefärbten Haaren, einem vom Piercing angeschwollenen Ohr und einem Marmorkuchen aus der Bäckerei Harmonie, erschien, küsste die Oma, lächelte sie an und führte einen großartigen Small Talk durch. Mutters Katze, ein dicker nordamerikanischer Maine-Coon, saß auf dem Teppich zu Omas Füßen und fauchte das blaugrüne Rotkäppchen an.

»Wer solche Katzen hat, braucht keine Wölfe mehr«, schüttelte das Rotkäppchen den Kopf und ging auf den Balkon eine rauchen.

Der magische Turnschuh des Lebens

Der Lauf der Zeit ist durch keine menschliche Macht aufzuhalten, und irgendwann kommt der bewegende Augenblick: Die Kinder verlassen das Elternhaus. Ihre Zimmer müssen ausgeräumt, die hintersten Schubladen geöffnet werden, die letzten Spuren der Kindheit werden beseitigt und weggeputzt. Da stellt sich natürlich die Frage, wohin mit dem ganzen Kram? Wegschmeißen oder archivieren? Nimmt das Kind die Sachen mit, oder will es sie dem Scheiterhaufen der Geschichte überantworten? Das kommt ganz auf das Kind an.

Luise, die beste Freundin meiner Tochter, ist zum Beispiel ein Messie. Sie schmeißt nichts weg. Sie besitzt sogar noch das Gummibändchen mit ihrem Namen, das man im Krankenhaus an ihrem Ärmchen befestigt hatte, nachdem sie das Licht der Welt erblickt hatte. Sie hat auch noch viele Süßigkeiten aus dem vorigen Jahrzehnt bei sich im Regal. Ihre noch immer nicht ausgepackte Schultüte bewahrt sie für später auf, wenn sie in Rente geht und das Leben so bitter wird, dass sie Lust auf Süßes bekommt. Es gibt in der Tat solche Menschen, die ihre Begierden bewusst unterdrücken und den Inhalt ihrer Schultüten nicht gleich vernaschen, sondern den Spaß auf später verschieben. Sie glauben, je länger sie warten, desto besser schmeckt irgendwann der Tüteninhalt. Manchmal aber übertreiben sie es mit der Warterei und vergessen, was an der Tüte eigentlich so toll sein sollte. So wird aus einem verschobenen Traum ein Exponat. Luises Zimmer ist voll mit solchen Exponaten, von denen ihr Abi-Ei sicher die skurrilste Erinnerung an längst vergangene Zeiten ist.

Der Abiball vor fünf Jahren war lang. Zweimal kam die Feuerwehr, einmal die Polizei. Die Jugend hat bis in den frühen Morgen gefeiert, erst um 6.00 Uhr gingen die Letzten nach Hause. Am nächsten Tag wollte sich Luise wie immer ein Ei zum Frühstück kochen. Bei dem Gedanken an das Innere des Eis wurde ihr jedoch so schlecht, dass sie, statt es zu essen, wieder ins Bett ging. Das gekochte Abi-Ei stellte sie ins Regal. Da steht es noch immer und riecht nicht einmal schlecht. Luise meint, sie würde irgendwann auch das Abi-Ei essen zusammen mit dem Inhalt der Einschulungstüte, nur eben später, wenn sie in Rente ging.

Auch ihre Tagebücher von der ersten bis zur fünften Klasse hat Luise sorgfältig eingebunden im Regal neben dem Ei stehen. Die Texte werden manchmal bei der einen oder anderen Party, wenn die ehemalige Klasse zusammenkommt, laut vorgelesen. In der Grundschule hatte jeder Tagebuch geschrieben, aber nicht jeder hat seine aufbewahrt. Meine Tochter vernichtete den Großteil ihrer Tagebücher in einem Anfall von Rebellion, als sie erkannte, wie verkrampft und gezwungen diese bemühte Kreativität war. Es sind nur einige Fetzen übrig geblieben, die jedoch durchaus tiefen Einblick in ihre damalige Sehnsucht nach einer eigenen Identität erlauben. Diese Sehnsucht wurde durch zwei Faktoren stark beeinflusst: die scheinbar endlosen Folgen von »Deutschland sucht den Superstar« und die spannenden Abenteuer von Harry Potter und seiner Gang aus der alten Zauberschule Hogwarts.