"Saxonia" - C.M. Groß - E-Book

"Saxonia" E-Book

C.M. Groß

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Beschreibung

Seine Dampflokomotive Saxonia war Metapher der Mairevolution 1849. Der König rühmte Professor Johann Andreas Schuberts Verdienste für das Land Sachsen; Revolutionierung des Dampfschiff-, Lokomotiven-, Maschinen- und Brückenbaus sowie die Einführung des Titels „Ingenieur“ in Deutschland. Er charakterisierte ihn als einen verdienstvollen Vasallen, dessen einzige Verfehlung die Mitwirkung anlässlich der Mairevolution 1849 war. An der Seite von Gottfried Semper, Richard Wagner und August Röckel kämpfte Johann Andreas Schubert als Kommandeur der akademischen Legion auf den Barrikaden. Während Weber und Semper in die Schweiz flüchteten, blieb Schubert in Dresden. Nach 19-jähriger Ehe verstarb seine Ehegefährtin, Florentine, Mutter zweier Kinder. Aus der zweiten Ehe mit Sophie Eben entstammen fünf Töchter. Professor Schubert war eine Persönlichkeit, die es verstand, Forschung, Lehre und Praxis zu verbinden.

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Seitenzahl: 217

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Hommage

für

Professor Johann Andreas Schubert

Inhaltsverzeichnis

VORWORT

ENTWICKLUNG 1808 – 1828

ENTFALTUNG 1829 – 1849

VOLLENDUNG 1850 – 1870

DER INNERE MATTHÄUSFRIEDHOF

DAS „SCHUBERTSCHE“ KINDERHAUS

LEBENSDATEN VON J. A. SCHUBERT

Die erste Dampflok im deutschen Land entstand in Dresden am Elbestrand.

Mit deutschen Wissen, Können und Material erbaut,das hat dem Konstrukteur niemand zugetraut.

Durch eine dritte Achse fiel sie bei Havarien nicht um,das fanden die Engländer sehr dumm.

Von Dresden nach Leipzig fuhr sie den englischen Dampfmaschinen hinterher,war sehr belastbar im Verkehr.

Die Eisenbahngesellschaft hat sich für die Saxonia nicht interessiertund ein Neider hat sie sabotiert.

Die Saxonia lenkte er auf ein totes Gleis,sie sollte auf eine andere Lok auffahren zu jedem Preis.

Die englische Lok stand unter Dampf ohne Personal,das war für die Saxonia keine Qual.

Die englische Maschine war hinterher Schrott,der Saxonia half der Konstrukteur oder Gott?

Erst Jahre später erkannte das Sachsenland,es hatte die Leistung der Saxonia verkannt.

CM Groß

Danksagung

In dem vorliegenden Roman lassen wir Professor Johann Andreas Schubert und seine Zeitgenossen zu Wort kommen. Dank Unterstützung der Sächsischen Landesbibliothek, Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB) war es möglich Briefe und Zeitzeugenberichte mit einzubeziehen. Beraten wurde ich von den Historikern Reinhold Redlin-Fluri CH und Helga Noszkó-Horváth. Ihre Erfahrungen und Kenntnis brachten Ruth Kopta als Eisenbahnerin, die Interessengemeinschaft Historische Friedrichstadt: Horst-Dieter Giera, Wolfgang Dörr, Erich Riedel und H. Strunz vom Matthäusfriedhof ein. Die Bürger Initiative zur Rettung von Schloss Übigau, in dem Johann Andreas Schubert in den Jahren 1838/39 die erste fahrbereite deutsche Dampflokomotive „SAXONIA“ konstruierte, unterstützte mich mit Literatur und Informationsmaterial.

Persönliche Bemerkungen:

Das Gedicht „Saxonia“ wurde als zeitgenössisches Gedicht von der Brentano Gesellschaft 2006 in die Frankfurter Bibliothek aufgenommen.

Sehr geehrte Herren Ingenieure, bitte zürnen Sie mir nicht, wenn der Romanteil Ihr wissenschaftliches Gefühl verletzt. Sie hatten sehr viele Vorteile durch das Wirken von Professor Johann Andreas Schubert. Zum Beispiel dürfen Sie sich heute Ingenieur und nicht Polytechniker nennen. Mein Anliegen war es, eine bedeutende deutsche Persönlichkeit vorzustellen, die bereits bei den Meisten in Vergessenheit geraten ist. Beim Schreiben des Romans hatte ich mehrfach ein „Dejavue.“ Unsere Politiker wollen der frühen Bildung und der Einführung der Polytechnik in den Unterricht zukünftig mehr Aufmerksamkeit widmen. Das praktizierte Johann Andreas Schubert bereits vor 180 Jahren. Damals wurden die intelligenten Schüler und Studenten gefördert und ihre Ausbildung war kostenlos.

CM Groß

Vorwort

Neben wenigen vertrauten Freunden spielten einflussreiche Gönner in Johann Andreas Schuberts Leben eine entscheidende Rolle. Vom Ober-Hofrichter und Polizeipräsidenten in Leipzig, Ludwig Ehrenfried von Rackel, der den 9jährigen Knaben als Pflegesohn aufnahm und seine Schulbildung finanzierte, bis hin zu Wilhelm Gotthelf Lohrmann, der Schuberts Weg in die Technische Bildungsanstalt und seine Unternehmungen in dem Dresdner Actien-Maschinenbau-Verein unterstützte. Damit hatte der junge Mathematiker und Theoretiker eine gute Ausgangsposition, um das erste Personendampfschiff für die Oberelbe und die erste deutsche Dampflokomotive zu konstruieren.

Obwohl Johann Andreas Schubert Bildhauerei studieren wollte, dies aber nicht konnte, weil Ernst Rietschel bevorzugt wurde, begnügte sich der junge Schubert mit einem Studium an der Bauschule. Hier fiel der zielstrebige Schüler besonders seinem Mathematikprofessor Gotthelf August Fischer auf, der Schubert als ersten Mathematiklehrer der neu zu gründenden Technischen Bildungsanstalt vorschlug. Als Johann Andreas Schubert, Sohn eines Tagelöhners aus dem Vogtland, Mathematiklehrer der technischen Bildungsanstalt wurde, war er 20 Jahre alt. Wenige Monate später berief ihn das Kultusministerium zum Professor für Mathematik.

Die deutschen Großindustrieunternehmer verdienten sich mit Auslandsprodukten reich. Professor Schubert hatte weniger Erfolgschancen, weil er davon ausging, dass Sachsen mit eigenen Bodenschätzen, Wissen und Können der Handwerker bessere und preiswertere Produkte herstellen kann. Der König rühmte sehr spät Schuberts Verdienste für das Land Sachsen: Revolutionierung des Dampfschiff-, Lokomotiven-, Maschinen- und Brückenbaus, sowie die Einführung des Titels „Ingenieur“ in Deutschland. Er charakterisierte Professor Schubert als einen verdienstvollen Vasallen, dessen einzige Verfehlung die Mitwirkung anlässlich der Mairevolution 1849 war. Seine Dampflokomotive Saxonia war Metapher der Mairevolution. An der Seite von Gottfried Semper, Richard Wagner und August Röckel kämpfte Johann Andreas Schubert als Kommandeur der Akademischen Legion auf den Barrikaden. Durch den Verrat des Königs wurde die Revolution blutig niedergeschlagen. Trotz Schuberts außergewöhnlichen Fähigkeiten und guten Charakters gestaltete sich sein Lebenslauf konfliktreich. Immer wieder stieß er auf Neider, die ihm seine Erfolge nicht gönnten, seine Werke sabotierten und ihn bei der Regierung und dem König denunzierten.

Nach 19jähriger Ehe starb seine, in der Stille wirkende Ehegefährtin Florentine, Mutter zweier Kinder, an einer Lungenentzündung. Schubert trauerte sehr um die Verstorbene. Danach folgten Jahre der inneren Einsamkeit. Er widmete sich eingehend der frühen Erziehung seiner Kinder Laura und Willy.

Auf einer Reise lernte er seine spätere Frau Sophie Eben kennen. Dieser Verbindung entstammen fünf Töchter. Durch Ärger und Enttäuschung, den Misskredit des Königs, an dem es trotz Erfolg nie mangelte, verschlechterte sich sein Gesundheitszustand. Infolge seiner vielen Obliegenheiten als praktischer Ingenieur, Gutachter und Dozent litt Schubert des Öfteren an üblem Unwohlsein. Mit Johann Andreas Schubert, der am 06. Oktober 1870 starb, hat Dresden einen verdienten Aktivisten, um den technischen und industriellen Fortschritt verloren. Er gehörte nicht zu den Menschen, die Schwierigkeiten auswichen, das stellte Johann Andreas Schubert in seinem Leben ständig unter Beweis. Deshalb kommt ihm allein das Recht zu, Erbauer der ersten deutschen Dampflokomotive zu sein.

Entwicklung 1808 – 1828

Der Sonnenuntergang am Abend des 19. März im Jahre 1808 ließ den nahenden Frühling erkennen. Neben der Rodewischer Wehenmutter schritt der 11jährige Christoph durch einen schneebedeckten Nadelwald der Dorfstraße zu. Unweit der Schule stand das kleine hölzerne Häuschen der Eltern. Christoph erkannte am Fenster der Wohn- und Schlafstube die Köpfe seiner Geschwister. Die Rodewischer blieb plötzlich stehen und schaute sich um, dann blickte sie den Jungen erstaunt an. „Christoph, wo ist dein Vater?“,

Bei dieser Frage wurde der Junge rot, blickte zum Dorfplatz, dann senkte er den Kopf und betrachtete verlegen seine Fußspitzen.

„Ich verstehe“, sprach die korpulente Frau verärgert.

Christoph holte Luft und suchte verzweifelt eine Lösung. „Warten sie, der Pate Leibold wird den Vater sofort holen.“

„Gut, ich verlasse mich darauf. Ich gehe inzwischen zu deiner Mutter und du kümmerst dich um deine Geschwister. In der nächsten Stunde möchte ich keinen im Haus sehen.“

Daraufhin betrat sie das Haus. In dem kleinen dunklen Vorraum kaute die Milchziege genüsslich an einem langen Strohhalm. Christoph eilte beflissentlich voran und öffnete der Wehenmutter die Tür zum Wohnraum. Danach gab er den jüngeren Geschwistern ein Zeichen. Leise verließen die Kinder im Gänsemarsch das Haus.

Johanna-Sophie Schubert lag mit schmerzverzerrtem Gesicht in dem, mit weißem Nesselstoff bezogenem Ehebett. Trotz augenscheinlicher Not und Leid herrschte im Raum Reinlichkeit und Ordnung. Tränen der Dankbarkeit darüber, dass die Wehenmutter aus Rodewisch so schnell herbeigeeilt war, liefen über die verhärmten Wangen der Gebärenden. Im Raum stand lediglich eine Rübölfunzel und dieser kümmerliche Schein war das Erste, was der neue Erdenbürger wahrnahm, als er seinen ersten Schrei ausstieß.

In diesem Moment fuhr ein Pferdegespann vor. Zwei Männer unterhielten sich angeregt, dann wurde die Tür aufgerissen und Johann Michael Schubert, gefolgt vom Paten Leibold torkelte in den Raum. Sein Gesicht verklärte sich, als er den neugeborenen Knaben in den Armen seiner Frau sah.

„Endlich ist unser kleiner Johann-Andreas da“, dabei beugte er sich über seine Frau und hauchte ihr einen Kuss auf die blasse Wange. Die Wehenmutter verzog nach diesen Worten den Mund.

„Versündigen sie sich nicht. Der Pfarrer wird diesen Namen nicht anerkennen.“

So wie es die Wehenmutter vorausgesagt hatte, wollte der Pfarrer den Namen Andreas nicht ins Taufregister eintragen. Gegen den Willen der Eltern trug der Pfarrer den Namen, Johann Schubert, geboren am 19. März 1808, Vater Johann Michael Schubert geb. 1756, Mutter Johanna Sophia, gebürtige Döhler, geb. 1768, verehelicht 1791, ein.

Der Vater war verärgert über die Bevormundung des Pfarrers und tat dies lautstark kund. „Was geht es den an, wir haben unseren geliebten Sohn Johann Andreas vor zwei Jahren sterben sehen und ihm zu Ehren soll sein jüngster Bruder nun seinen Namen tragen.“

Die Mutter wusste, dass ihr Mann den Verlust seines elterlichen Gehöftes nicht verschmerzen konnte und sich mit seinem abhängigen Arbeitsverhältnis als Fuhrmann für die zwei Wernersgrüner Brauereien nicht abfinden wollte. Er grollte deshalb dem Fronherr, der ihn um sein Erbe gebracht hatte und dem Pfarrer, der diesem Leuteschinder sonntags noch seinen Segen gab. Dieser Groll ging so weit, dass er nur selten mit seiner Familie nach Auerbach zur Messe ging. Die meiste Freizeit verbrachte der Vater, zum Leitwesen seiner Frau, beim Kartenspielen in der Dorfschänke. Dort verspielte er seine schwer verdienten Silbergroschen, die dadurch zum Lebensunterhalt seiner Familie fehlten. Der Jüngste wurde Andreas gerufen.

25 Monate war Andreas alt, als seine Mutter das neunte Kind, ein Mädchen, zur Welt brachte. Der kleine Andreas fing eben an, von sich in der ersten Person zu sprechen.

Es kostete viele gute Worte von der Mutter, bis er diesen kleinen Störenfried, der ihm die Liebe seiner Mutter wegnahm, akzeptierte. Dafür durfte Andreas mit der Mutter auf das Feld und mit den großen Geschwistern in den Wald zum Holz sammeln gehen. Die meiste Zeit beobachtete Andreas Käfer und Schmetterlinge, dabei kam das Helfen und Holzsammeln sehr kurz weg. Dann entdeckte das wissensdurstige Kleinkind Bäume, die aussahen als wären sie ganz aus Zucker und denen es kaum zuzutrauen war, dass auf ihnen im Sommer rote Kirschen hingen.

Da gab es vor allem unzählige Vögel, schwarze, graue und ganz bunte, die munter im Schnee herumhüpften und bis zum Fenster der kleinen Holzhütte flogen.

Dann entdeckte er Wagen, die ohne Räder über den Schnee fuhren.

Am Schönsten waren die anheimelnden Stunden, wenn die Mutter mit den Kindern abends in der kleinen Stube saß und Märchen erzählte. Meist nähte sie an einem Hemdchen oder stopfte Strümpfe. Die Mama konnte so spannend Geschichten erzählen, von Prinzen und tapferen schlauen Tieren. Andreas beobachtete dabei seine Geschwister, die flackernde Rübenölfunzel oder die Gegenstände im Raum. Auf der Fensterbank stand eine Lade in der die Mutter ihre armseligen kleinen Schmucksachen verwahrte. Einmal zeigte sie Andreas ihren Brautkranz und ein Gesangbuch, das sie zur ersten heiligen Kommunion von ihrer Mutter erhalten hatte. Im folgenden Jahr verging der Schnee schnell und der Frühling kam ausnahmsweise einmal so, wie ihn die Dichter schilderten, mit sonnigen Tagen. Sogar die Nachtigallen waren frühzeitig eingetroffen und es gab unermesslich viele Blumen. Andreas lernte Blumen für die Mutter winden und erntete von ihr dafür dankbare zärtliche Liebkosungen. Im Garten des Häuschens zwischen den Armenvierteln und der Schule erwachte die Natur und stimmte die Menschen verträglich.

Andreas suchte immer mehr Kontakt zu seinem elf Jahre älteren Bruder Christoph. Dieser nahm sich des Jüngeren an und entwickelte für ihn frühkindliche Erziehungsgrundsätze, um dem Knaben Gehorsamkeit als „Pflicht und Trost“ beizubringen. Christoph zertrat die Gartenschnecke, die ihm Andreas eines Tages brachte, vor den Augen des Jüngeren. Christophs Anliegen war, dem Bruder möglichst früh beizubringen, dass es für den denkenden Menschen zweierlei Tiere gibt; solche die man züchtet, wie die Milchziege im Vorraum des Holzhäuschens, weil sie direkt Nutzen bringen und solche die nur geduldet werden.

Dieser praktische Unterricht hatte Andreas manche Träne aus Mitleid gekostet.

Pate Leibold sah es gern, dass der heranwachsende Andreas nach der Schuleinführung mit einigen Kameraden, die anscheinend eine besondere Gruppe in der Klasse bildeten, nach seiner Heimarbeit fleißig verkehrte und an ihren Leibesertüchtigungen teilnahm.

Andreas oblag es, seine zwei Jahre jüngere Schwester zu betreuen, wenn die Mutter und die anderen Geschwister auf dem Feld der Nachbarn arbeiteten oder im Wald Holz suchten. Das jüngste Kind war ein sehr schönes Mädchen, groß und stark für ihr Alter. Ihr Gesicht mit den blauen Augen, umrandet von goldenen Haaren, die in zwei Zöpfen geflochten waren, strahlte Zufriedenheit und Dankbarkeit aus, wenn sie neben Andreas einherschlenderte und verschmitzt zu seinem braunen lockigen Haupt aufblickte. Die Mutter sah mit Wohlgefallen auf ihre zwei Jüngsten, aber auch ihre größeren Kinder bereiteten der arbeitsamen Frau Freude. Sie hatte die Erziehungsarbeit vollständig allein übernommen und trug mit den Ältesten zum Unterhalt der Familie bei, nachdem sich der Vater immer mehr dem Kartenspiel widmete und selten nach Hause kam. Weder die Eltern noch der Pate Leibold sahen es als Problem an, dass die Kinder in der Schule nicht auf dem ersten Platz saßen. Bei Andreas war das anders.

Er selbst wollte von sich aus viel wissen, hinterfragte alles und saß abends im Licht der Rapsölfunzel mit einem Buch in der Hand am Kamin, wenn die Anderen schon schlafen gegangen waren. Eines Tages setzte sich die Mutter schweigend mit ihrer Handarbeit zu Andreas und strich ihm anerkennend und liebkosend über den Kopf. Sie wartete wieder einmal auf den Vater, der nach einer lauten Auseinandersetzung in die Schenke zum Kartenspielen gegangen war. Da sagte Andreas tröstend zu ihr, “Mama sei nicht traurig, ich werde in die Welt ziehen und so viel Silbertaler verdienen, dass du wieder lachen kannst.“

Die Mutter küsste ihn dankbar auf die Stirn. Andreas sah die Zeit gekommen, mit seiner Mutter ein offenes Wort zu sprechen.

„Mama kannst du mir erzählen, warum der Vater immer so lange von zu Hause wegbleibt und ständig verärgert ist?“

„Andreas, ich denke, um die Sorgen deines Vaters zu verstehen, bist du noch zu jung“,

„Bitte, bitte Mama, wie kann ich ihn verstehen, wenn ich nicht weiß, warum er seine Silbergroschen, nachdem er sie als Fuhrmann für die Brauereien so schwer verdient hat, beim Trinken und Kartenspielen wieder ausgibt.“

„Bitte Andreas setze dich ganz nah zu mir, ich werde versuchen es dir zu erklären.“

Andreas rutschte auf der Ofenbank näher an die Mutter heran, diese legte ihr Flickzeug zur Seite und strich ihrem einfühlsamen Jungen zärtlich über den Schopf.

„Vor 40 Jahren besaßen die Eltern deines Vaters, in Wernersgrün, das Schubertsche Halbhufen Stammgut und dazu noch ein größeres Gut. Mit der Zeit forderte der Fronherr immer mehr Abgaben. Er wurde immer unersättlicher und so verschuldeten sich dein Großvater Johann Michael und seine Frau Ester. Es kam zum Streit vor dem Gericht, wer dabei gewann muss ich dir wohl nicht noch erklären. Nachdem der Großvater 1799 gestorben war, verlor dein Vater nicht nur den größten Teil seines Erbes, er musste auch noch die Kosten für den verlorenen Gerichtsstreit bezahlen.

Mit dem verbliebenen Geld kaufte er unser kleines Häuschen und ernährte seine Familie. Zudem hatte dein Vater neben seiner Familie auch noch der Großmutter Ester, freie Kost und Wohnung zu gewähren.“

„Also ist der Vater gar nicht Schuld an unserer Not, sondern der Junker von Planitz?“

„Du sprichst schon so, wie dein Vater“, stellte die Mutter mit Befriedigung fest.

„Ich liebe euch beide. Ich kann den Vater verstehen, verzeihen kann ich ihm nicht! Warum tut er dir so weh, streitet, trinkt und verspielt die ganzen Silbergroschen? Mama ich werde niemals Karten spielen und das ganze Geld vertrinken.“

„Vielen Dank für deine guten Vorsätze und lieben Worte Andreas.“

Die Mutter erhob sich, löschte das Licht und ging zu Bett. Andreas folgte ihrem Beispiel und stieg in die Kammer unters Dach zu den schlafenden Geschwistern.

Nun in seinem achten Lebensjahr war die Zeit gekommen, dass Andreas seinen Beitrag für das karge Familieneinkommen mit leisten musste. Er hütete Schafe und Kühe, dabei zog es ihn immer wieder an den munter dahinfliessenden Wernersbach. Andreas durchstreifte die Wälder um sein Heimatdorf. Immer öfter nahm ihn Christoph auf lange Gebirgswanderungen ins Hochmoor zum Beeren-, Pilz- und Reisigsammeln mit. Zum Verdruss der Mutter, scheute er keine Gefahr und kletterte auf sehr hohe Gebirgstannen, von denen er eine gute Fernsicht hatte. So konnte Andreas bei klarem Wetter den Saalebogen, Fichtel- und Keilberg, den großen Rammelberg und bis nach Zwickau hin sehen. Die Stadt Leipzig konnte er, von noch höheren Bäumen, am Horizont erkennen. Diese nachhaltigen Eindrücke erweckten in dem Heranwachsenden das Bedürfnis mehr von der Welt kennen zu lernen.

Im Winter hatte die vogtländische Landschaft um Wernersgrün seinen besonderen Reiz. Andreas stieg mit seinen Geschwistern und Schulkameraden auf den 795m hohen Kerbberg, um mit einem Bretterschlitten wieder hinunter zu gleiten. Der herrliche Wald mit seinen hohen alten Eichen und dem Bach hatte zu jeder Jahreszeit große Anziehungskraft auf den empfindsamen Knaben. In der Einsamkeit und Schönheit des Waldes wurde die Grundlage zu seiner tiefinnerlichen Naturliebe und Verbundenheit gelegt, die Johann Andreas Schubert durch sein ganzes Leben begleitete. So oft er in den späteren Jahren Wernersgrün besuchte, versäumte er es nie zu dieser Kindheitsstätte zurückzukehren, die ihm so herrliche und unvergessliche Eindrücke vermittelt hatte.

Andreas fand durch die Tätigkeit des Vaters, als Fuhrmann für die Brauerei, Gelegenheit sich im Brauhaus umzusehen und den Brauereibetrieb kennen zu lernen. Der aufgeweckte und wissbegierige Junge versäumte es nicht die verschiedenen Berufe der Eltern seiner Schulkameraden zu entdecken. Er lernte in einer Schmiede das Herstellen eines Hufeisens, betätigte sich als Harzsammler und Pechsieder und begleitete Christoph in eine Russhütte. Der Ältere holte dort Ruß in Fässern ab, um diese in kleine Butten zu füllen und als ambulanter Händler und Russbuttenmann zu verkaufen. Dabei hörte die Familie von den Problemen der Handwerker und Handelsleute.

Die Preußen erhoben 1815 an den Grenzen zu Sachsen Zölle und die Röhrenmacher klagten über die englische Konkurrenz.

Es wurde bekannt, dass die englischen gewalzten Bleche und Werkzeuge billiger und von besserer Qualität waren. Dadurch verschlimmerte sich die Armut der Bevölkerung im Vogtland, bedingt auch noch durch die Missernten in den Jahren 1816 und 1817.

Eines Tages bat Andreas den Paten Leibold und Christoph ihn auf ihrer Hausierertour mitzunehmen.

„Gut Andreas, pack deinen Beutel, morgen geht es los. Die Eltern haben erlaubt, dass du uns ein Stück des Weges begleiten kannst“, erhielt dieser zur Antwort.

Am nächsten Tag schob Andreas den Wagen von Christoph in Richtung Leipzig. Nach einem beschwerlichen Tag und wenig Erfolg erreichten sie am Abend einen Bauernhof, der in der Abendsonne einladend vor ihnen lag.

„Hier werden wir heute Nacht ein kostenloses Scheunen-Quartier haben“, stellte Pate Leibold fest.

„Woher weist du das? Wird uns der Bauer nicht, wie die Anderen es taten, vom Hof vertreiben?“, fragte ihn der aufgeweckte Knabe.

„Nein dieser Bauer wird uns keinen hausiererfeindlichen Gendarm auf den Hals hetzen. Siehst du das Zeichen am Zaun, das uns unsere Kollegen hinterließen. Wenn wir Glück haben, erhalten wir sogar eine warme Suppe und Brot.“

Andreas betrachtete mit großem Interesse das Zeichen am Gartenzaun. Dabei stimmte es ihn traurig, dass er am nächsten Morgen allein den Heimweg wieder antreten musste.

Am frühen Morgen verabschiedete sich Andreas von seinem Bruder und dem Paten. Er machte sich auf den mehrstündigen Heimweg. Dieser Rückweg kam ihm unendlich lang vor. Abends verirrte er sich im Wald. Erst nach langem Suchen fand er die Straße wieder und eine Wirtschaft.

Vor der Wirtschaft stand eine zur Abfahrt bereite Kutsche. Andreas in der Annahme, dass die Kutsche nach Rodewisch fährt, setzte sich übermüdet hinten auf die leere Kofferablage. Wenig später bestiegen der Polizeidirektor von Leipzig, Oberrichter von Rackel, mit seiner Gattin die Kutsche. Der Frau war beim Heraustreten aus der Wirtschaft der kleine Junge aufgefallen, der sich hinter der Kutsche versteckt hatte. Neugierig geworden, bemerkte sie beim Blick aus dem rückwärtigen Fenster der Kutsche das Kind.

„Ludwig Ehrenfried, schau dort sitzt ein Knabe“, dabei wies sie zum Fenster.

„Kutscher, bitte warte!“ Er deutete mit einer Geste dem Angesprochenen an, sich hinter die Kutsche zu begeben. Der vornehme Herr stieg auf der anderen Seite aus und wartete. Der Kutscher nahm an, dass der zerlumpte kleine Landstreicher, mit den struppigen Haaren, vertrieben werden sollte. Deshalb schrie er das erschöpfte Kind an, „was hast du hier zu suchen? Mach dass du fort kommst!“ Dabei lies er seine Peitsche knallen. Andreas spürte sehr unsanft, dass er entdeckt worden war. Übermüdet fiel er vor Schreck zu Boden, raffte sich schnell wieder auf und rannte um die Kutsche herum, direkt in die Arme des Polizeipräsidenten. Vor Schreck wollte er Reißaus nehmen, jedoch die Hand des vornehm gekleideten Fremden hielt ihn fest. „Warum hast du Angst vor mir?“, fragte der stattliche Mann Andreas freundlich. Seine Frau, die wieder die Kutsche verlassen hatte, sah Andreas prüfend an und fragte, „wer bist du und woher kommst du zu so später Stunde?“

Andreas erzählte ihnen von seinem Missgeschick, dass er seinen Bruder geholfen hatte den schweren Karren zu schieben und sich auf dem Heimweg nach Wernersgrün verirrte. Das Ehepaar von Rackel bat den Kutscher zu warten, betrat noch einmal die Gastwirtschaft, um Andreas ein warmes Mal zu spendieren. Beide fanden Gefallen an dem aufgeweckten treuherzigen Jungen, der ihrem verstorbenen Sohn sehr ähnlich sah. Sie nahmen Andreas an diesem Abend mit nach Leipzig, um ihn einzukleiden und am nächsten Tag zu seiner Familie nach Wernersgrün zu fahren. Ludwig Ehrenfried und Eleonore Henriette von Rackel, geborene Sahrer von Sahr, konnten in dieser Nacht kein Auge schließen. Besonders Herr von Rackel war sehr berührt von dem liebenswerten Jungen. Er äußerte seiner Frau gegenüber den Wunsch, Andreas als Pflegekind in die Familie aufzunehmen und ihn zu fördern, wie er dass mit seinem Sohn getan hätte.

Am nächsten Morgen bat er Andreas in sein Arbeitszimmer.

„Mein lieber Junge, ich muss dir eine Geschichte erzählen. Meine Frau und ich hatten einen Sohn, er hieß Albert, wir liebten ihn sehr und hatten große Pläne, jedoch er fiel im Kampf 1812 in Russland. Du siehst unserem Albert sehr ähnlich. Kannst du dir vorstellen bei uns als Pflegesohn zu leben?“

Dabei schaute er den Knaben sehr ernst an und bemerkte wie der Angesprochene mit sich und seinen Tränen rang.

„Vorstellen kann ich mir das schon, sie sind sehr gut zu mir, aber was wird aus meinen Eltern?“

„Richtig, natürlich werde ich mit deinen Eltern reden, du kannst sie immer besuchen. Heute Nachmittag fahren wir dich wieder nach Wernersgrün, dann spreche ich mit deinem Vater.“

Das Herz von Andreas zog sich zusammen, als er an seine geliebte Mutter und die anheimelnden Stunden am Kamin dachte. Der intelligente Junge war sich im Klaren, dass seine Eltern ihm keine Ausbildung finanzieren konnten wie es von Rackel vorschlug.

Der vornehme Wagen mit dem Wappen an der Tür und den zwei stolzen Rappen fuhr die holprige Dorfstraße entlang. Die Bewohner von Wernersgrün blieben neugierig stehen. Noch größer war ihr Interesse als der Wagen vor dem Schubertschen Tagelöhnerhaus stoppte und Andreas munter und gesund, vornehm gekleidet,

heraussprang. Die Mutter war vor die Tür getreten, um ihren verloren geglaubten Sohn glücklich in die Arme zu schließen. Hinter ihr standen die Geschwister.

„Mama, liebe Mama, du hast dir bestimmt Sorgen um mich gemacht!“, stieß Andreas hervor.

Er lief auf die Mutter zu und umarmte sie.

„Du hast uns so gefehlt. Der Vater und der Pate haben dich überall gesucht. Nun bist du Gott sei Dank wieder bei uns“, dabei wischte sie sich die Freudentränen aus den Augen.

Da erst nahm sie den Offizier und seine Begleiterin, die neben der Kutsche den herzlichen Empfang beobachtet hatten, wahr. Andreas sah ihren Blick und führte sie zu dem Ehepaar von Rackel, seinen Rettern. Herr von Rackel und seine Gattin reichten der Mutter die Hand.

„Wir bringen ihnen ihren verlorenen Sohn zurück, liebe Frau Schubert.“

Nachdem sie sich vorgestellt hatten, bat sie die Mutter in das Haus. Frau von Rackel war sehr angetan von der Ordnung und Sauberkeit in der ärmlichen Hütte. Wenig später kehrte der Vater von seiner Arbeit zurück und lies sich die ungewöhnliche Rettung von Andreas berichten. Nachdem die Kinder nach der Vesper die Hütte verlassen hatten, bat Herr von Rackel um eine Unterredung. „Sehr geehrte Herr und Frau Schubert, ihr Sohn Andreas ist uns schon nach der kurzen Zeit sehr ans Herz gewachsen, deshalb wollen wir sie bitten, uns Andreas zu überlassen. Wir können ihrem Sohn eine gute Ausbildung bieten.“

Die Eltern sahen sich lange traurig an, dann entschied der Vater zu antworten.

„Auch wenn wir arm sind, lieben wir jedes unserer Kinder. Ihr Angebot ist sehr verlockend, erst müssen wir dazu die Meinung von Andreas einholen und uns beraten. Vielen Dank für ihre Nächstenliebe.“

Die Eltern waren nach langer Bedenkzeit einverstanden, sich für Andreas Wohl zu entscheiden und die angebotene Chance, einer höheren Schulbildung, anzunehmen. Natürlich fiel es der besorgten Mutter schwer sich von ihrem Sohn zu trennen. Beim Abschied von ihr wischte sich Andreas verstohlen die Tränen aus den Augen. Er wollte ihr den Abschied nicht noch schwerer machen und hörte aufmerksam auf ihre guten Ratschläge. Mit dem Vater trat er diesmal die Reise nach Leipzig zu seinen Pflegeeltern an. Lange noch standen die Mutter und Geschwister am Gartentor und winkten. Mit den Worten, „Andreas, du hast das Glück eine höhere Schulbildung zu erhalten, vergiss nie woher du kommst!“, hatte sich der Vater verabschiedet.

Andreas betrachtete seine neue Heimat. Die Pflegeeltern wohnten im ersten Stock eines bürgerlichen Hauses, im Stil der Zeit von August dem Starken, in der Messestadt.

Der vogtländische Neuankömmling empfand alles als sehr eng. Das Haus hatte sechs Stockwerke und ein Giebeldach.

Den Hof umschlossen hohe Nebengelasse, Magazine, Lagerräume und in der Erdgeschosszone befanden sich Messestände, Stallungen und Abstellplätze für Pferdekutschen. Ein Durchgang über den Hof führte zur Klostergasse. Andreas erhielt ein eigenes Zimmer und wurde ab sofort von den Pflegeeltern Hans gerufen. Als erstes lernte er die soziale Stellung seiner Pflegeeltern kennen.

Der Pflegevater selbst erklärte dem Jungen die Zusammenhänge.

„Lieber Hans, damit du dich bei uns richtig heimisch fühlst, muss ich dir einige Dinge erklären.“

Begann er in seinem Ledersessel hinter dem Eichenschreibtisch sitzend, seine Einführung.

„Das ich Polizeipräsident von Leipzig bin, das hat dir dein Vater schon erklärt. Dieses verantwortliche Amt ist mit der Tätigkeit des Oberhofrichters gekoppelt. Unsere Freunde betrachten das als Ehrenposten. Damit habe ich weitere Verpflichtungen. Ich bin gleichwohl Bevollmächtigter für die Universitäten.“

Andreas nickte verständnisvoll. Er ahnte wie viel Arbeit auf den Pflegevater mit diesen Ämtern zukam und das dieser wenig Zeit für ihn haben musste. Verständnis hatte er nicht dafür, dass er fortan Hans heißen sollte. Die Frau des Hauses, ließ Hans und ihre adligen Freunde und Verwandte erkennen, dass sie als Wohltäterin angesehen werden wollte. Er vermisste bei ihr die Warmherzigkeit seiner Mutter. Der Junge litt unter dieser Oberflächlichkeit der Pflegemutter, die immer wieder ihre adlige Abstammung in den Vordergrund stellte. So fand er in seiner Wehmut, Traurigkeit und Heimweh in dem freundlichen Hausdiener Friedrich einen treuen Freund, der ihn zu trösten wusste. Zwischen Ludwig Ehrenfried von Rackel und seinem Pflegesohn entwickelte sich allmählich eine innige Freundschaft.