Schmerz und Vergeltung - Frank Esser - E-Book
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Schmerz und Vergeltung E-Book

Frank Esser

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Beschreibung

Hubert Nellessen, erfolgreicher Geschäftsmann und Vorsitzender des Elferrats der Schwarz-Gelben Funken, wird nach einer Damensitzung im Eurogress entführt und kaltblütig ermordet. Während Hauptkommissar Karl Hansen und sein Partner Stefan Riedmann von der Mordkommission Aachen den Tatort in Eilendorf inspizieren, wird ein zweiter Leichenfund auf einem Parkplatz in Eschweiler gemeldet. Ein junger Mann, dessen Identität zunächst unklar ist, wurde durch einen Kopfschuss exekutiert. Auf den ersten Blick gibt es keine Verbindung zwischen den beiden Toten. Doch die Spuren an beiden Tatorten deuten darauf hin, dass es einen Zusammenhang zwischen den Morden gibt. Während die neu gegründete Sonderkommission "Doppelmord" ersten vielversprechenden Hinweisen nachgeht, wird ein weiterer Leichnam entdeckt. Der Tod des Aachener Unternehmers stellt die Ermittler vor neue Rätsel. Je tiefer sie graben, desto mehr offenbart sich, dass die Motive hinter den Morden viel komplexer sind, als sie je erwartet hätten. Der siebte Fall für den Aachener Hauptkommissar ist ein in sich geschlossener Roman und kann unabhängig von den übrigen Teilen gelesen werden

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Epilog
Nachwort

Frank Esser

Schmerz und Vergeltung

Ein Aachen-Krimi

Hansens 7. Fall

Impressum

Copyright: ©2025 Frank Esser Cover: ©NaWillArt Coverdesign/www.nawillart-coverdesign.de

Lektorat:© Claudia Tallian - www.manuskriptzauber.com

Korrektorat© Marion Kaster

Verlag: Frank Esser

Am Römerhof 1

52477 Alsdorf

[email protected]

Prolog

Jetzt oder nie. Sie sammelte all ihren Mut und zog mit zitternden Händen die selbst gebastelte Stichwaffe aus dem schmutzigen Schlitz der nach Schweiß und anderen Körperausdünstungen stinkenden Matratze. Die improvisierte Waffe hatte sie aus dem Stiel eines Löffels gefertigt, den sie heimlich eingesteckt und in endlosen Stunden auf dem kalten Betonboden ihres Gefängnisses zu einer scharfen Spitze geschliffen hatte. Dennis, ihr Bewacher, würde jeden Moment den Raum betreten und das Essen bringen. Der Klang seiner Cowboystiefel, der unheilvoll von den Wänden widerhallte, war ihr in den letzten Wochen zur ständigen Erinnerung geworden – ein grausames Echo ihrer Gefangenschaft. Unzählige Tränen hatte sie vergossen, seit sie entführt worden war, und ihr Körper hatte unvorstellbare Qualen erlitten. Doch trotz all der physischen und psychischen Schmerzen, die man ihr zugefügt hatte, war ihr Überlebenswille ungebrochen geblieben.

Immer, wenn man sie geholt hatte, hatte sie, obwohl ihr Geist von Drogen benebelt gewesen war, Beobachtungen angestellt und schließlich einen Fluchtplan geschmiedet. Jetzt war der Moment gekommen, ihn in die Tat umzusetzen.

Die Schritte näherten sich. Ihr Herz schlug immer heftiger, die Anspannung wuchs. Der Schlüssel wurde ins Türschloss gesteckt, gedreht, und das Schloss öffnete sich mit einem leisen Klick. Sie wagte in diesem Moment kaum, zu atmen. Das Messer verschwand unter dem Ärmel ihres Pullovers, den Griff der Stichwaffe und das Ärmelbündchen hielt sie dabei fest – unzählige Male hatte sie geübt, die Klinge auf diese Weise zu verstecken und schnell ziehen zu können. Mit einem lauten Krachen wurde die Tür aufgestoßen, und Dennis trat mit einem Tablett in der Hand ein.

»Abendessen«, flötete der stets gut gelaunte Mann mit der sportlichen Figur und dem kantigen Gesicht mit den dunklen Haaren und Dreitagebart. Für einen kurzen Moment stutzte er bei ihrem Anblick und verharrte in der Nähe der Tür. Seine Augen weiteten sich. »Hast du 'nen Geist gesehen? Bist weiß wie 'ne Wand.«

Reiß dich zusammen, ermahnte sie sich im Stillen. »Mir ist bloß schlecht«, presste sie durch die Zähne hervor, und das war nicht einmal gelogen. Der Gedanke, die Waffe in den nächsten Sekunden einsetzen zu müssen, lag ihr schwer im Magen, als hätte sie einen Stein verschluckt. Jeder Atemzug fühlte sich an wie ein Wettlauf gegen die Zeit.

»Werd bloß nicht krank«, erwiderte er ohne einen Hauch von Sorge in seiner Stimme. Hatte sie allerdings auch nicht erwartet. Dann setzte er sich wieder in Bewegung und stellte das Tablett mit dem Marmeladenbrot und der Cola vor ihre Füße auf den Boden. Als sich Dennis erhob, sah sie ihre Chance gekommen. Blitzschnell zog sie das improvisierte Messer hervor, schnellte in seine Richtung und stach zu. Sie erwischte ihn am Oberschenkel. Dennis schrie auf und jaulte wie ein getretener Hund. Mit einem weiteren, entschlossenen Stich versenkte sie das Messer tief in seinem Fleisch. Diesmal ließ Dennis` Aufschrei die Wände zum Beben bringen. Ohne einen Moment zu zögern, rappelte sie sich auf. Raus, sie musste hier unbedingt raus.

»Geschieht dir recht, du Arschloch«, rief sie im Hinauslaufen.

»Ich krieg dich, du blöde Fotze«, hörte sie ihn hinterherrufen, während sie den Kellerflur entlangrannte. Dabei zählte sie die Türen. Die vorletzte Stahltür auf der linken Flurseite führte ins Treppenhaus. Für gewöhnlich war sie nicht abgeschlossen. Jedenfalls nicht, wenn man sie in den letzten Wochen hochgebracht hatte, um ... sie verdrängte den Gedanken.

Hinter sich hörte sie ein Geräusch. Panisch warf sie einen Blick über die Schulter. Dennis. Der Wichser war bereits wieder auf den Beinen und hatte die Verfolgung aufgenommen. Humpelnd und bei weitem nicht so schnell wie sie. Er war gerade erst auf den Flur getreten, schrie ihr wie ein Bekloppter hinterher. Sie hatte schon knapp zehn Meter Vorsprung und die gesuchte Tür lag direkt vor ihrer Nase. Sie drückte die Klinke hinunter, und zu ihrer großen Erleichterung sprang die Tür auf. Sie schlüpfte durch den schmalen Spalt und stürmte die dahinterliegende Treppe hinauf. Immer zwei Stufen auf einmal.

»Bleib stehen, du Bitch«, schrie ihr Verfolger just in dem Moment, als sie bereits die große Eingangshalle des ehemaligen Fabrikgebäudes betrat, das längst umgebaut und umfunktioniert worden war.

Rechts von ihr lag der Eingang, eine große alte Holztür. »Bitte sei nicht abgeschlossen«, betete sie leise, als sie darauf zustürmte.

»Du sollst stehenbleiben, du Miststück«, schrie Dennis ein weiteres Mal. Auch er hatte inzwischen die Eingangshalle betreten. Blut hatte sich auf dem Hosenbein seiner Jeans ausgebreitet.

Sie drückte die Klinke der Eingangstür herunter. Nichts rührte sich. Wild zerrte sie an der Klinke, vergeblich. Tränen schossen ihr in die Augen. »Nein, nein, nein«, jammerte sie nur. Sie ging in die Hocke und vergrub den Kopf in ihren Händen. Voller Verzweiflung wippte sie leicht vor und zurück.

»Hast du wirklich gedacht, die ist offen? Für wie blöd hältst du uns eigentlich?« Die Stimme ihres Bewachers triefte vor Hohn. Er war jetzt ganz nah. Sie wagte nicht aufzublicken. »Ich hab dir doch gesagt, dass du hier nicht mehr rauskommst, du Schlampe«, schob er hinterher.

Sie hob den Kopf. »Bitte lass mich gehen«, flehte sie ihn an und krallte sich an seinem unverletzten Bein fest.. Er schlug ihr fest mit dem Handrücken ins Gesicht, als würde er ein lästiges Insekt von sich wegschlagen, sodass sie rücklings auf den Boden fiel. Mit der linken Hand packte er sie am Kragen ihres Pullovers und bevor sie etwas sagen konnte, explodierte seine Faust in ihrem Gesicht und ließ sie binnen weniger Sekunden in eine tiefe Dunkelheit gleiten.

Damit war ihr Traum von Freiheit, verbunden mit der Hoffnung, dieser Hölle - der zweiten persönlichen in ihrem bisher so kurzen Leben - endlich entkommen zu können, wie ein Ballon zerplatzt.

Kapitel 1

Dienstag, 6. Februar 2024

Riedmann blickte nur kurz von seinen Unterlagen auf, als sein Chef, Kriminalhauptkommissar Karl Hansen, der vierundfünfzigjährige Leiter der Aachener Mordkommission, das Büro betrat.

»Moin, Stefan«, begrüßte Karl seinen Kollegen, der übernächtigt wirkte. Seine Augen verrieten die Erschöpfung– ein Anblick, der in den letzten Wochen zur Gewohnheit geworden war. Angesichts der persönlichen Umstände war dies allerdings kaum verwunderlich. »Hast du dir wieder die Nacht um die Ohren geschlagen?«

Riedmann nickte. »Jedenfalls die halbe. Dreiundzwanzig verdammte Tage wird Lauras Nichte jetzt vermisst und immer noch keine Spur«, brummte er und lehnte sich in den Schreibtischstuhl zurück, während er sich über das stoppelige Kinn rieb. Der Ermittler mit der sportlich-drahtigen Figur, der sonst immer penibel auf sein Aussehen achtete, war nach einer kurzen Nacht mal wieder unrasiert zum Dienst erschienen. Überhaupt wirkte es so, als ob sein Partner mit dem jungenhaften Gesicht in den letzten Wochen regelrecht gealtert war.

Hansen hatte Mitleid mit seinem fast dreizehn Jahre jüngeren Partner. Nadine Schulz, die siebzehnjährige Auszubildende zur Friseurin war vor über drei Wochen spurlos verschwunden. Den Untersuchungen der Kollegen zufolge musste sie auf dem Heimweg vom Volleyballtraining entführt worden sein. Bisher war keine Lösegeldforderung bei den Eltern eingegangen – ein Umstand, der nichts Gutes bedeuten konnte. Hansen hoffte inständig, dass der Entführungsfall nicht zur Mordsache werden würde und somit zu ihrer eigenen Angelegenheit. In diesem Fall hätte er Riedmann von den Ermittlungen wegen der Nähe zur Familie und der dadurch gegebenen Befangenheit ausschließen müssen. Riedmann und seine Freundin Laura Decker, die Leiterin der KTU, verbrachten jede freie Minute damit, auf eigene Faust zu recherchieren, um das Mädchen zu finden. Bisher leider vergeblich. Ähnlich war es auch den Kollegen der Vermisstenstelle ergangen. Die Auszubildende blieb spurlos verschwunden. Anzeichen dafür, dass sie sich aus eigenem Antrieb heraus abgesetzt hatte, gab es ebenfalls nicht.  »Auch wenn die Vorzeichen äußerst ungünstig stehen, dürft ihr die Hoffnung nicht aufgeben«, versuchte Hansen, seinen Partner zu ermutigen, mit dem er bereits seit mehr als zehn Jahren zusammenarbeitete. Just in diesem Moment klingelte sein Handy.

Ein Blick aufs Display verriet ihm, dass die Leitstelle anrief, weshalb er das Gespräch sofort entgegennahm. Es dauerte keine halbe Minute. Als Hansen aufgelegt hatte, ließ er einen tiefen Seufzer folgen, der Riedmanns Aufmerksamkeit weckte. Ernst blickte er den Oberkommissar an.

»Leichenfund in Eilendorf, genau gesagt auf dem Gelände des Regenklärbeckens Breitbenden. Ich hole meinen Mantel, dann fahren wir los«, meinte der vierundfünfzigjährige Leiter der Mordkommission und machte auf dem Absatz kehrt.

»Ausgeblutet wie ein Schwein, würde ich mal sagen«, konstatierte Hansen keine zwanzig Minuten später, nachdem er einen ausführlichen Blick auf den männlichen Leichnam geworfen hatte. Der saß zusammengekauert hinter dem Steuer eines Audi Q5. Bei jedem einzelnen Wort bildeten sich vor Hansens Mund kleine Atemwölkchen in der Luft. Es war verflucht kalt.

Auch Riedmann betrachtete die sterblichen Überreste genau. »Ach, du Scheiße«, murmelte er schließlich. »Das ist Hubert Nellessen.«

»Muss man den kennen?«, wollte Hansen stirnrunzelnd wissen.

Riedmann verdrehte die Augen. »Das ist der Vorsitzende des Elferrats der Schwarz-Gelben-Funken, dem größten Aachener Karnevalsverein.«

»Du weißt doch, dass ich mit Karneval nichts am Hut habe. Aber jetzt, wo du es sagst, fällt selbst bei mir der Groschen. Natürlich habe ich den Namen schon mal aufgeschnappt und es erklärt auch, warum auf dem Beifahrersitz eine Narrenkappe liegt.«

»Komiteemütze«, korrigierte Riedmann ihn umgehend. »Wenn ich es richtig auf dem Schirm habe, haben die gestern ihre Damensitzung gehabt. Vermutlich hat Nellessen vor seinem gewaltsamen Tod noch daran teilgenommen. Das könnte helfen, den Tatzeitpunkt einigermaßen einzugrenzen, wenn wir herausfinden, wie lange er dort gewesen ist«, erklärte er und zückte sein Handy, um die Veranstaltung zu googeln. Wenige Sekunden später hatte er die Bestätigung, am Vorabend hatte die Damensitzung des Vereins stattgefunden.

»Außerdem gehört ihm die Karlsbrauerei«, ertönte hinter ihnen Laura Deckers Stimme. Die vierzigjährige Leiterin der KTU war inzwischen mit ihrem Team eingetroffen. Die beiden Ermittler waren so in die Tatortbesichtigung vertieft gewesen, dass ihnen die Ankunft der Spurensicherung glatt entgangen war. Der Schnee knirschte unter den Sohlen ihrer Stiefel, als sich Riedmanns Freundin – eine zierliche Frau mit makellosem Gesicht, das eine natürliche Schönheit offenbarte und langen braunen Haaren - näherte. Wie ihre Kollegen, die sie im Schlepptau hatte, war sie komplett in einen weißen Schutzanzug gehüllt. Ihre langen braunen Haare waren unter einer Mütze verschwunden.

»Was du nicht alles weißt«, entgegnete Hansen mit einem schiefen Grinsen.

Laura Decker stellte den Koffer ab, der die notwendigen Utensilien zur Untersuchung des Tatorts enthielt. Sven Kochs, ihr übergewichtiger Kollege, der in dem Schutzanzug aussah wie eine Presswurst, hatte bereits damit begonnen, die ersten Fotos vom Tatort zu schießen. »Na ja, als ich den Namen Nellessen in Verbindung mit einer Damensitzung aufgeschnappt habe, war mir sofort klar, um wen es sich bei dem Opfer handelt. Der Typ ist bekannt wie ein bunter Hund in Aachen. Was habt ihr sonst schon herausgefunden?«, fragte sie und machte einen Schritt auf die geöffnete Fahrertür des Audi zu.

»Jemand hat ihm die Kehle aufgeschlitzt. Er dürfte ziemlich schnell verblutet sein«, kam Riedmann seinem Chef mit einer Antwort zuvor. »Mehr wissen wir auch nicht. Wir sind erst kurz vor euch eingetroffen.«

»Och, dann bin ich euch also schon einen Schritt voraus. Immerhin können wir bereits festhalten, dass es sich hier vermutlich um eine geplante Tat handelt«, entgegnete Decker und warf nun ebenfalls einen Blick in das Innere des Fahrzeugs.

»Wie kommst du darauf?«, wollte Hansen wissen. Er stampfte von einem Fuß auf den anderen. Die Kälte kroch ihm in die Knochen. Er zog die Mütze, die seinen kargen Haarschopf bedeckte, noch tiefer in die Stirn.

»Das Schloss der Schranke, die eigentlich verhindern soll, dass Unbefugte mit ihrem Auto die Zufahrt zu diesem Regenklärbecken befahren, ist aufgebrochen worden. Allem Anschein nach mit einem Bolzenschneider«, erklärte sie, den Blick auf die sterblichen Überreste des Mannes auf dem Fahrersitz gerichtet. »So was führst du in der Regel nicht in deiner Manteltasche mit.«

»Ihr seid noch nicht mal zwei Minuten vor Ort und habt das schon rausgefunden«, wunderte sich Hansen, der sich mit behandschuhtem Daumen und Zeigefinger das Kinn rieb.

Laura Decker nickte. »War keine allzu große Kunst. Das Schloss lag direkt vor meinen Füßen, als ich aus unserem Wagen gestiegen bin. Sieht ein Blinder, dass das Eisen sauber durchtrennt worden ist. Eine Tatwaffe kann ich hier im Fahrzeug nicht entdecken.« Sie wandte sich ab und steuerte auf den Instrumentenkoffer zu.

»Also hat die Täterin oder der Täter Hubert Nellessen vermutlich gezwungen, auszusteigen und das Schloss aufzubrechen«, mutmaßte Hansen mit gerunzelter Stirn.

»Oder es war noch jemand anders mit im Wagen, der das erledigt hat, während die andere Person das Opfer in Schach gehalten hat«, entgegnete die Spurensucherin. Sie hatte inzwischen eine Pinzette und eine in einem Beutel versiegelte nagelneue Fusselrolle aus dem Koffer genommen, um mögliche Spuren auf dem Leichnam zu sichern.

»Wäre ein denkbares Szenario«, stimmte Hansen zu. »Wie auch immer, wir lassen euch jetzt mal eure Arbeit erledigen und unterhalten uns in der Zwischenzeit mit dem Zeugen, der den Toten gefunden hat.« Kaum hatte er den Satz beendet, klingelte sein Handy. Wieder die Leitstelle, was ihn die Stirn runzeln ließ.

Das Gespräch hatte nicht mal eine Minute gedauert und mit jedem Wort der Anruferin war die Falte auf der Stirn ein wenig tiefer geworden.

»Ihr werdet's kaum glauben, aber es gibt einen weiteren Leichenfund. Wir beide«, er deutete auf Riedmann, »fahren da jetzt sofort hin. Markus und Jens sollen die Befragung des Mannes übernehmen, der den toten Karnevalisten entdeckt hat. Die beiden sollten jeden Moment eintreffen. Dann können sie sich auch gleich in der Nachbarschaft umhören. Vielleicht hat ja irgendjemand etwas gehört oder gesehen, was uns weiterhelfen kann.«

Kapitel 2

Riedmann betrachtete die Leiche mit einem Ausdruck, der zwischen Abscheu und professioneller Neugier schwankte. »Sieht ganz nach einer Hinrichtung aus«, murmelte er, während sein Blick auf den jungen Mann fiel, der nicht älter als Anfang bis Mitte zwanzig sein konnte. Kaltblütig ermordet durch einen Schuss in den Hinterkopf abseits eines Parkplatzes in Eschweiler an der Wilhelminenstraße Ecke am Kitzberg. Der Tote lag versteckt hinter einem Gebüsch, als wäre er ein ungeliebtes Geheimnis, von dem die Welt nicht erfahren sollte.

Ein Rentner, der mit seinem Hund Gassi gehen wollte, hatte das Pech gehabt, den Leichnam zu finden. Sein vierbeiniger Freund hatte angeschlagen und keine Ruhe mehr gegeben. Unweit der sterblichen Überreste hatte der Hundebesitzer sein Frühstück im Schnee verteilt.

Ein zweites Team der KTU – Laura war mit ihren Leuten noch in Eilendorf beschäftigt – hatte bereits die Arbeit aufgenommen, bevor die beiden Ermittler den Tatort erreicht hatten. Die Blutlache, Knochenfragmente der Schädeldecke und Hirnmasse rund um den Kopf des Opfers waren ein eindeutiger Beleg dafür, dass der Fundort dem Tatort entsprach. Das Areal war inzwischen großräumig von zwei Streifenpolizisten abgesperrt worden. Der Rentner wartete mit seinem Labrador in seinem Wagen auf dem Parkplatz.

Hansen atmete einmal tief durch. »Nicht mal halb zehn und wir haben schon zwei Leichenfunde. Was für eine Scheiße geht hier ab?«, grummelte er. »Kennen wir bereits die Identität des Toten?«, wandte sich der Chefermittler an einen Kollegen der Spurensicherung.

»Hatte keine Papiere dabei«, brummte der Gefragte nur. »Auch kein Handy oder 'n Portemonnaie«, schob er hinterher.

»Vielleicht haben wir es mit Raubmord zu tun«, warf Riedmann in den Raum.

»Möglich. Aber warum das Opfer gleich erschießen? Ich kann keine Abwehrspuren an den Fingern erkennen. Zudem ist dem Mann in den Hinterkopf geschossen worden. Ich denke eher, dass man uns nur glauben lassen will, es handele sich um Raubmord«, hielt Hansen dagegen, während sich Riedmann zu dem auf dem Boden liegenden Toten kniete und den Körper betastete.

»Wird sicherlich nicht einfach, den Todeszeitpunkt zu bestimmen. Wenn du mich fragst, ist der Kerl tiefgefroren. Das sieht nicht nach gewöhnlicher Totenstarre aus. Aber das wird Bode uns bald sagen können.« Riedmann erhob sich wieder aus der unbequemen Hocke und ließ die Hände in den Taschen des Schutzanzuges verschwinden, den er übergezogen hatte.

»Zwei Tote in einer Nacht«, seufzte der Hauptkommissar. »Da hat unser Rechtsmediziner alle Hände voll zu tun. Einzige Gemeinsamkeit auf den ersten Blick ist die brutale Vorgehensweise bei der Ausführung der Morde. Unwahrscheinlich, dass es da einen Zusammenhang gibt. Wir werden Unterstützung bei den Ermittlungen brauchen.« Dann hielt er kurz inne. »Ich sehe keine Patronenhülsen. Habt ihr schon welche gefunden?«, wandte sich Hansen schließlich noch einmal an den Kollegen der SpuSi, der gerade ein Nummerntäfelchen neben einem Schuhabdruck in der Nähe des Leichnams platzierte und ein Maßband daneben auslegte, um die Größe des Sohlenprofils zu ermitteln.

Der schüttelte den Kopf. »Vermutlich haben sie die Täter mitgenommen.«

»Die Täter? Bist du dir sicher?«, hakte Hansen nach, seine Neugier war geweckt.

»Auf jeden Fall! Rund um das Opfer haben wir vier verschiedene Schuhabdrücke und die Pfoten des Labradors entdeckt. Ein Abdruck stammt vom Opfer selbst. Einen können wir dem Rentner zuordnen, der unseren John Doe gefunden hat. Die anderen beiden Abdrücke befinden sich in unmittelbarer Nähe zum Opfer, Schuhspitzen voraus. Da sich das Ganze hier etwas abseits des Parkplatzes abgespielt hat und es sich um frische Spuren handelt, könnt ihr von zwei Tätern beziehungsweise Täterinnen ausgehen«, erklärte der Spurensucher geduldig, ohne dabei ein einziges Mal von seiner Arbeit aufzublicken.

Hansen atmete tief durch. »Wunderbar, da hätten wir eine weitere Parallele zum Mordfall Nellessen. Sonst noch irgendwelche Erkenntnisse, die uns weiterhelfen könnten?«

»Im Moment eher nicht«, antwortete der Mann. Er sprühte den zuvor markierten Schuhabdruck mit grüner Farbe ein, um ihn anschließend mit Gips zu füllen und den Abdruck zu sichern.

»Okay, dann unterhalten wir uns jetzt einmal mit dem Zeugen«, erwiderte Hansen und stapfte durch den Schnee auf den Hyundai zu, in dem der Rentner wartete. Der Wagen des Hundehalters parkte von der Einfahrt zum Parkplatz aus gesehen ganz rechts am Ende des Platzes und somit in entgegengesetzter Richtung zum Leichenfundort. Riedmann trottete ihm hinterher. Auf halbem Weg rief er auf einmal »Stopp«. Hansen blieb abrupt stehen und drehte sich zu seinem dreizehn Jahre jüngeren Kollegen um.

»Was ist los?«, fragte der Ermittler verwundert.

Riedmann deutete mit dem Zeigefinger über Hansens Kopf hinweg Richtung der angrenzenden Bäume. »Wenn mich nicht alles täuscht, hängt da vorn eine Wildkamera.«

Hansen vollzog eine Hundertachtzig-Grad-Drehung und entdeckte die Kamera. Er nickte bedächtig. »Du hast recht, gut beobachtet«, meinte er schließlich. »Versuch doch mal, Kontakt mit dem zuständigen Förster aufzunehmen und besorg uns die Aufnahmen. In der Zwischenzeit befrage ich den Zeugen.«

Riedmann zückte sein Handy. »Wird erledigt, Chef.«

Kapitel 3

Die Befragung des Rentners, der die Leiche des jungen Mannes in Eschweiler gefunden hatte, war ergebnislos geblieben. Schweren Herzens machten sie sich auf den Weg zurück in die Kaiserstadt. Vor ihnen lag die schreckliche Aufgabe, den Angehörigen von Hubert Nellessen die Todesnachricht zu überbringen und Fragen über das Opfer zu stellen.

Die Familie Nellessen wohnte in einer alten Stadtvilla in der Eupener Straße in Aachens Süden. Hansen, der sich leidenschaftlich für die Geschichte und Architektur seiner Heimatstadt interessierte, schätzte das Baujahr des imposanten Gebäudes auf Ende des neunzehnten Jahrhunderts. Die zweigeschossige Jugendstilvilla mit ihrer gelben Fassade fiel sofort ins Auge - Hansen zählte allein zehn große Sprossenfenster mit Klappläden an der Front der Villa. In der Straße gab es zwar noch andere sehenswürdige Prachtbauten, doch diese Villa strahlte eine besondere Eleganz aus.

Als sie klingelten, öffnete die Hausherrin selbst. Hansen hatte die Fahrt genutzt, um ein paar Informationen über den Geschäftsmann zu sammeln. Dabei hatte er auch ein Foto im Internet entdeckt, auf dem der Brauereibesitzer mit seiner Frau abgelichtet worden war. Simone Nellessen, eine Frau um die vierzig Jahre, hoch aufgeschossen, dunkles langes Haar, auf natürliche Weise attraktiv. Dazu eine gepflegte Erscheinung, ein freundliches Lächeln und eine selbstbewusste Ausstrahlung. Doch als sich Hansen und Riedmann vorstellten, erstarb das Lächeln augenblicklich.

»Oh Gott, Polizei? Ist meinem Mann etwas zugestoßen?« Die Frau schlug die Hand vor den Mund, ihre Stimme zitterte vor Angst.

»Vielleicht können wir das in Ruhe drinnen besprechen, Frau Nellessen«, schlug Hansen vor, darum bemüht, die Situation zu beruhigen.

»Ja, sicher, entschuldigen Sie bitte.« Die sichtlich irritierte Frau trat einen Schritt zur Seite und ließ die beiden Ermittler eintreten.

Sie durchquerten den großzügig bemessenen Eingangsbereich mit dem eleganten Parkettboden. Zwei geschwungene Holztreppen führten hinauf in die obere Etage. Am Ende des Flurs betraten sie durch eine bereits geöffnete doppelflügelige Tür das Esszimmer, das nahtlos ans Wohnzimmer anschloss. Hansen schätzte die Fläche der beiden Räume auf etwa achtzig Quadratmeter. Am großen Esstisch, der mit Frühstücksutensilien bedeckt war, saß eine junge Frau, die genau in dem Moment, als sie das Zimmer betraten, in ein Marmeladenbrötchen biss.

»Meine Tochter, Kristina«, meinte die Hausherrin, während sie sich wieder setzte und den Ermittlern bedeutete, ebenfalls Platz zu nehmen. »Die Herren sind von der Polizei«, fügte sie als Erklärung für ihre Tochter hinzu, als sie Kristinas fragenden Blick bemerkte. Die junge Frau ähnelte ihrer Mutter optisch kaum. Hellblond gefärbtes kurzes Haar, etwas pummelig, Schlabberlook.

Hansen und Riedmann hängten ihre Jacken über die Stuhllehnen und setzten sich.

Der Hauptkommissar atmete einmal tief durch. Angehörigen die Todesnachricht eines Verwandten zu überbringen, war die unangenehmste Seite seines Jobs. Daran würde er sich nie gewöhnen, selbst nach fast achtundzwanzig Dienstjahren nicht. »Frau Nellessen, es tut mir leid, Ihnen mitteilen zu müssen, dass wir heute Morgen Ihren Mann tot aufgefunden haben. Mein herzliches Beileid. Ihnen natürlich auch«, meinte er an Kristina gewandt.

Die Unternehmerwitwe starrte ihn ausdruckslos an, während die Tochter das Brötchen auf dem Teller ablegte. Ein herzzerreißender Aufschrei durchbrach die Stille, und Frau Nellessen brach in Tränen aus. Kristina saß hingegen stocksteif auf ihrem Stuhl und starrte ihre Mutter mit einem nicht zu deutenden Blick an.

»Ich habe es in dem Moment geahnt, als Sie sich vorgestellt haben«, sagte Frau Nellessen nach mehr als einer Minute mit gebrochener Stimme. »War ... war es ein Unfall?«

Hansen schüttelte den Kopf. »Ihr Mann wurde leider Opfer eines Gewaltverbrechens. Seine Leiche wurde hinter dem Steuer seines Wagens in Eilendorf entdeckt.« Weitere Details ließ er an dieser Stelle bewusst weg, um die Witwe nicht zusätzlich zu belasten.

Kristina, die immer noch kein Wort gesagt oder gar eine Reaktion gezeigt hatte, verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte sich zurück. »War ja klar, dass das irgendwann mal passieren würde«, meinte sie plötzlich. Ihre Stimme klang kalt und distanziert.

Hansen und Riedmann konnten kaum glauben, was sie gehört hatten und schauten sich überrascht an. Frau Nellessen funkelte ihre Tochter tränenüberströmt und wütend an. »Kristina, dein Vater wurde ermordet! Und das ist das Erste, was du dazu zu sagen hast?«, echauffierte sich die Witwe nun mit deutlich festerer Stimme als zuvor.

»Ach, tu doch nicht so. Ich habe schon immer gesagt, dass er so schwanzgesteuert ist, dass ihm das irgendwann mal zum Verhängnis werden würde«, blaffte Kristina zurück und warf ihrer Mutter einen eiskalten Blick zu.

Hansen hob beide Augenbrauen und auch Riedmann stand die Überraschung ins Gesicht geschrieben.

»Kristina, es reicht«, schrie die Hausherrin und schlug mit der flachen Hand auf die Tischplatte, so heftig, dass ihre Kaffeetasse umkippte und sich der Rest des schwarzen Gebräus auf der Tischdecke verteilte. Verlegen schaute sie die beiden Ermittler an und stellte die Tasse wieder auf den Unterteller.

»Darf ich fragen, was Sie damit andeuten wollen?«, richtete sich Hansen an die Tochter.

»Das sollte Ihnen besser meine Mutter erzählen, sofern sie den Mut dazu hat und nicht wieder die Augen vor der Wahrheit verschließt. Ich muss jetzt los«, kam es wie aus der Pistole geschossen zurück. Kaum hatte Kristina zu Ende gesprochen, erhob sie sich und stampfte ohne sich zu verabschieden aus dem Raum. Hansen gab Riedmann ein kurzes Zeichen, ihr zu folgen.

Simone Nellessen schnäuzte sich geräuschvoll. »Entschuldigen Sie bitte den Auftritt meiner Tochter. Sie und mein Mann«, sie hielt für einen Moment inne und seufzte tief, »hatten nicht gerade das beste Verhältnis«, erklärte die Witwe und begann abermals zu schluchzen. »Verzeihung, ich komme sofort wieder«, fuhr die Unternehmergattin fort, erhob sich und stürmte nun ebenfalls aus dem Esszimmer.

Jetzt saß Hansen allein an dem überdimensionalen Tisch und schüttelte den Kopf. Was für eine groteske Situation. Während die Witwe zutiefst schockiert war, schien der Tod des Vaters Kristina nicht im Geringsten zu berühren.

Kurz darauf betrat Simone Nellessen wieder den Raum. Er erkannte den Zipfel eines Taschentuchs, der aus dem Bündchen des Pullovers hervorlugte, nachdem sie ihm gegenüber Platz genommen hatte.

»Was genau wollte Ihre Tochter eben andeuten?«, setzte der Kommissar noch einmal an. Die Antwort lag zwar auf der Hand, doch er wollte sie lieber aus dem Mund der Witwe hören. Immerhin konnte hier ein mögliches Mordmotiv zugrunde liegen.

Sie starrte sekundenlang auf die perfekt manikürten Fingernägel, als ob sie dort die Antwort finden könnte. Dann brach sie ihr Schweigen. »Kristina glaubt, dass Hubert mich mit anderen Frauen betrogen hat.«

»Und Sie denken das nicht?«, fragte Hansen, seine Stimme ruhig, aber fordernd.

Mit einer wegwerfenden Handbewegung wischte sie die Frage beiseite. »Geschwätz.«

»Meistens haben Gerüchte ja durchaus einen konkreten Hintergrund. Warum ist Kristina davon überzeugt, dass der Tod ihres Vaters möglicherweise mit einer Affäre zusammenhängt?«, ließ Hansen nicht locker.

Frau Nellessen schniefte ein weiteres Mal, zog das Taschentuch aus dem Ärmel und putzte sich noch einmal hastig die Nase, bevor sie es wieder verstaute. »Kristina hat Hubert vor knapp zwei Jahren in flagranti mit seiner Sekretärin erwischt. Seitdem traut ... hat sie ihm nicht mehr über den Weg getraut.«

»Verstehe«, meinte Hansen. »Hatte Ihr Mann die Affäre beendet?«

»Selbstverständlich«, entgegnete die Frau umgehend mit aufgerissenen Augen. »Ein einmaliger Ausrutscher, nicht mehr, nicht weniger.«

»Wie lautet der Name der Sekretärin?«, wollte Hansen wissen und zückte sein kleines Notizbuch, das wie das Notenheft eines Lehrers aussah. Er bevorzugte es nach wie vor, handschriftliche Notizen zu machen, während Stefan lieber alles ins Handy tippte. Er schrieb den Namen der Frau auf und erfuhr obendrein, dass die Sekretärin nach diesem Stelldichein umgehend entlassen worden war. Dass ihr Mann weitere Affären vor oder nach dem Intermezzo mit der Vorzimmerdame gehabt haben könnte, verneinte sie entschieden.

»Sie sprachen eben davon, dass Ihr verstorbener Mann und Ihre Tochter ein angespanntes Verhältnis hatten. Ist das nur darauf zurückzuführen, dass sie ihren Vater beim Seitensprung erwischt hat?«, stellte er die nächste Frage, als die schwere Haustür ins Schloss fiel. Riedmann betrat Sekunden später wieder das Zimmer, um wie zuvor neben ihm Platz zu nehmen.

Frau Nellessen atmete einmal tief durch. »Nein, sie waren schon von jeher wie Katz und Maus. Hubert hat immer schon hohe Erwartungen an Kristina gehabt. Aber die konnte sie im Grunde nie erfüllen. Er reichte ihm nicht, dass sie nur gute Noten nach Hause brachte. Klassenbeste sollte sie sein. Wenn sie beim Tennisturnier nicht als Siegerin vom Platz ging, hing der Haussegen schief. Solche Dinge halt.«

»Hat er Ihre Tochter auch geschlagen?« Riedmann stellte die Frage, bevor Hansen es tun konnte.

Die Frau riss die Augen weit auf. »Nein, nein«, beeilte sie sich zu antworten. »Hubert war streng, aber er hat nie Hand an sie gelegt. Das hätte ich niemals zugelassen.«

»Doch da war noch mehr?«, hakte Hansen nach, dem nicht entgangen war, dass die Frau nervös am Band ihrer Armbanduhr nestelte.

Sie stöhnte auf, hielt einen Augenblick inne. »Sie hatten sich zuletzt endgültig entzweit. Hubert konnte nicht akzeptieren, dass unsere Tochter lesbisch ist und seit einem Jahr in einer Beziehung mit einer Frau lebt.«

»Meine Güte, wir leben im einundzwanzigsten Jahrhundert. Nur Ewiggestrige stören sich an homosexuellen Partnerschaften«, entfuhr es Hansen, dem Intoleranz in solchen Fragen schon immer zuwider war. Riedmann quittierte den Ausbruch seines Chefs mit einem schüchternen Lächeln.

»Ich weiß, Herr Kommissar. So ist ... war Hubert halt. Ich denke, insgeheim hat er sich immer einen Sohn gewünscht, der einmal in seine Fußstapfen tritt und die Firma später übernimmt«, sagte Frau Nellessen fast schon entschuldigend.

»Das meinte Ihre Tochter eben auch, als wir uns unterhalten haben«, bestätigte Riedmann.

»Hatte Ihr Mann Feinde?«

Die Witwe lachte auf. »Vielleicht nicht unbedingt Feinde, aber Neider ganz bestimmt. Hubert war ein erfolgreicher Geschäftsmann, wie Sie vielleicht wissen. Das wird man nicht, wenn man immer auf Kuschelkurs ist. Und im Karneval geht es ebenfalls nicht ohne Ellbogenmentalität. Doch bevor Sie jetzt fragen, ich kann Ihnen keinen konkreten Namen nennen.«

Hansen nickte und machte weitere Notizen. Es war jetzt schon abzusehen, dass die Ermittlungen im Fall Hubert Nellessen umfangreich werden würden. »Was mich allerdings etwas überrascht: Haben Sie sich nicht gewundert, dass Ihr Mann nicht nach Hause gekommen ist?«

»Weshalb sollte ich? Er hat mir doch eine WhatsApp geschickt und mir mitgeteilt, ich soll mir keine Sorgen machen. Er sei nach der Sitzung noch mal in die Firma gefahren. So was hat er öfter gemacht. In seinem Büro hat er für alle Fälle ein Klappbett stehen«, erklärte die Frau und griff nach dem Handy, das vor ihr auf dem Tisch lag. Sie öffnete die Nachricht und zeigte sie den überraschten Ermittlern.

»Die Nachricht ist von 1:35 Uhr«, wie Hansen feststellte. Entweder Nellessen hatte wirklich vorgehabt, nach der Sitzung zum Firmensitz zu fahren, und war erst anschließend entführt worden oder die Person, die ihn ermordet hatte, war dafür verantwortlich.

»Eine letzte Frage noch. Wo waren Sie zwischen Mitternacht und heute Morgen?«

Frau Nellessen zog die Augen zu engen Schlitzen zusammen. »Erkundigen Sie sich gerade allen Ernstes nach meinem Alibi? Das ist unerhört!«, echauffierte sich die Hausherrin.

»Es gehört zur Polizeiroutine, solche Fragen zu stellen«, entgegnete Hansen ruhig.

»Ich war zu Hause, in meinem Bett. Allein. Meine Tochter ist gegen drei Uhr nach Hause gekommen. Sie war mit Freunden aus. Ich habe ihr Auto gehört.«

»Deckt sich mit Kristinas Aussage«, bestätigte Riedmann, der die junge Frau zuvor befragt hatte.

»Sie sollten jetzt nicht allein sein. Ist da jemand, der Ihnen zur Seite stehen kann?«, fragte Hansen, der gleichzeitig die Visitenkarte eines Psychologen aus dem Portemonnaie zog und über den Tisch reichte.

»Ich komme schon klar«, erwiderte die Hausherrin und warf einen Blick auf die Karte. Dann erhob sie sich von ihrem Stuhl und begleitete die beiden Ermittler zur Tür.

»Was hat dir die Tochter über den Vater erzählt?«, fragte Hansen seinen Partner auf dem Weg zu ihrem Dienstwagen.

Riedmann drückte auf die Funkfernbedienung und entriegelte den Wagen. »Die Kurzfassung reicht hier vermutlich«, meinte der Ermittler, öffnete die Tür und ließ sich auf den Fahrersitz fallen.

»Laut O-Ton von Kristina war ihr Vater ein herrschsüchtiges, testosterongesteuertes, notgeiles Arschloch, das jedem Rock hinterhergehechelt und ihr und der Mutter das Leben zur Hölle gemacht hat.«

Hansen blickte seinen Partner mit offenem Mund an. »Klingt nach einem durch und durch angenehmen Zeitgenossen. Das könnten interessante Ermittlungen werden.«

Kapitel 4

15:00 Uhr, Besprechungsraum der Mordkommission

Hansen räusperte sich kurz und ließ den Blick durch die Runde schweifen. Alle acht Stühle um den großen Tisch des Besprechungsraumes waren besetzt. Aus Platzmangel lehnten zwei Kollegen der neu eingerichteten Sonderkommission mit dem simplen Namen »Doppelmord« lässig an der Wand. Auch Kriminalrat Richard Hellhausen sowie Laura Decker nahmen an der Sitzung teil.

»Ladies and Gentleman, lasst uns beginnen, damit wir alle auf dem neusten Stand der Ermittlungen sind und die Aufgabenverteilung besprechen können«, eröffnete der Chefermittler die Sitzung. Das zuvor lebhafte Gemurmel, das den Raum erfüllt hatte, erstarb augenblicklich. »Unser geschätzter Rechtsmediziner, Doktor Bode, und sein Team haben sich mal wieder selbst übertroffen und sich mächtig ins Zeug gelegt. Die ersten Obduktionsergebnisse der beiden Toten liegen bereits vor.«

»Oha, dann hatte er bestimmt noch private Verpflichtungen am Nachmittag. Der lässt sich doch sonst auch immer alle Zeit der Welt«, unterbrach Jens Marquardt seinen Chef. Der sechsundvierzigjährige Ermittler mit dem schulterlangen Haar und lässigem Kleidungsstil war aufgrund seines jugendlichen Aussehens der Sonnyboy in Hansens Team. Einst als „enfant terrible“ der Abteilung bekannt, hatte er sich inzwischen zum zuverlässigen Ermittler gemausert. Die Zeiten der nachlässigen Polizeiarbeit und als Schürzenjäger waren vorbei. Die feste Beziehung, in der er seit einiger Zeit lebte, hatte ihm eindeutig gutgetan.

»Den Todeszeitpunkt von Hubert Nellessen grenzt Bode grob auf Mitternacht bis 03:00 Uhr nachts ein. Genauer lässt sich das wegen der Außentemperaturen leider nicht bestimmen. Da das Opfer nachweislich zuletzt gegen 0:30 Uhr bei der Damensitzung der Schwarz-Gelben-Funken gesehen wurde, können wir das Zeitfenster im Moment nicht weiter eingrenzen. Immerhin scheidet die Tochter damit als Verdächtige aus. Kristina«, er deutete auf das Foto der jungen Frau, das er direkt neben dem Bild ihrer Mutter Simone an die Dokumentationstafel hinter sich gepinnt hatte«, hat laut Zeugenaussage gegen halb drei die Geburtstagsfeier in Roetgen verlassen. Frau Nellessen hat wiederum angegeben, gehört zu haben, dass Kristina gegen drei nach Hause kam. Innerhalb dieses Zeitfensters war die Tat schlichtweg nicht möglich«, konstatierte der Hauptkommissar.

»Was ist mit dem Alibi der Ehefrau?«, fragte eine junge Frau mit Pagenschnitt. Karin Wegmann, eine Kollegin von der Vermisstenstelle, die unter anderem im Fall von Laura Deckers verschwundener Nichte ermittelt hatte.

»Steht auf wackeligen Füßen. Sie war nach eigenen Aussagen allein zu Hause, was natürlich niemand bezeugen kann«, erklärte Hansen. »Die Befragung der Nachbarn in Eilendorf, die in unmittelbarer Nähe zum Tatort wohnen, hat leider keine Erkenntnisse gebracht.

»Aber ich habe neue Infos für euch«, meldete sich nun Laura Decker, die Leiterin der KTU. »Ich denke, wir können Nellessens Todeszeitpunkt ziemlich genau eingrenzen.«

»Ach, können wir?« Hansen runzelte die Stirn und setzte sich.

»Yepp. Dank der Telematikdaten des Autos können wir den Ablauf der Geschehnisse der letzten Nacht nahezu exakt nachzeichnen. Ihr kennt das ja von euren eigenen Fahrzeugen: Fahrzeit, Benzinverbauch, Durchschnittsgeschwindigkeit, nur einige Daten, die der Bordcomputer liefert. Aber im Hintergrund werden noch viel mehr Informationen aufgezeichnet, man muss nur wissen, wie man darauf zugreift«, erklärte Laura mit einem Augenzwinkern. Sie war jetzt ganz in ihrem Element. »Um 00:41 begann die Fahrt im Parkhaus vom Eurogress, wo die Damensitzung der Schwarz-Gelben-Funken stattfand. Nellessen war definitiv nicht allein. Vermutlich war er in Begleitung von mindestens zwei Personen, seinen mutmaßlichen Mördern, in welcher geschlechtsspezifischen Kombination auch immer.«

»Sämtliche Kameras waren doch ausgefallen, woher weißt du das?«, unterbrach Hansen sie sofort. Die Verwunderung stand ihm ins Gesicht geschrieben.

---ENDE DER LESEPROBE---