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Unfall oder Mord? Geht es um Rache, Gier oder soll etwas vertuscht werden? In »Schroffe Klippen«, dem 17. Band ihrer überaus erfolgreichen und beliebten Alpenkrimi-Reihe, bleibt SPIEGEL-Bestsellerautorin Nicola Förg ihrem genialen Rezept für erfolgreiche Krimis treu: aktuelle Themen, verpackt in raffinierte Plots, und eine Ermittlerin mit besonderem Gespür für Lügen, Unwahrheiten und verborgene Abgründe: Irmi Mangold. Auch in »Schroffe Klippen« will es mit dem Ruhestand für Irmi Mangold einfach nicht klappen. Oder kann sie das Ermitteln nur einfach nicht lassen? Das Opfer: eine moderne digitale Nomadin. Die Hintergründe: rätselhaft. Der Schauplatz: Irlands raue Nordwest-Küste. Eine junge Frau, tot in der Gischt am Fuße schroffer Klippen! Irmis Mitbewohnerin kannte Anja, das Opfer, und glaubt nicht an einen Unfall. Sie bittet Irmi um Hilfe. Diese reist widerwillig nach Irland; erst als sie erfährt, dass auch noch die Tochter der Verstorbenen spurlos verschwunden ist, erwacht ihr Ermittlergeist. Sie und Student Malcolm stoßen auf viele Verdächtige, darunter die Schwiegereltern und skrupellose Greyhound-Züchter. Und was hat ein schwer verletzter Flüchtling mitten in einem Steinkreis damit zu tun? Auch Anjas Lebensstil könnte Anstoß erregt haben: Sie arbeitete remote bei einer Pharmafirma und lebte in einem Luxuscamper am Strand. Der komplexe Fall lässt Irmi nicht mehr los. »Nicola Förg ist eine Meisterin darin, spannende Geschichten zu erzählen, die Missstände aufzeigen « SR3 Auch in diesem 17. Band ihrer SPIEGEL-Bestseller-Reihe bindet Nicola Förg wieder ein spannendes und aktuelles Thema ein — bei jedem ihrer Kriminalromane lernt man etwas dazu! Auf Basis intensiver Recherche erzählt Nicola Förg ihre spannenden Plots mit Tempo, Raffinesse und immer auch mit einem Augenzwinkern. In »Schroffe Klippen« geht es unter anderem um die moderne Arbeitsrealität, die Menschen zu digitalen Arbeitsnomaden werden lässt. Zugleich baut Nicola Förg fesselnde und zugleich beklemmende Informationen über die Greyhoundszucht und Hunderennen in Irland in ihren Krimi ein — ein düsteres und gewaltbereites Milieu. Hintergrund für einen Mord? »Irmi Mangold Krimis werden nie langweilig.« RadioLounge Dabei befindet sich Irmi Mangold diesmal sogar auf ungewohntem Terrain. Schauplatz ist die Küste Irlands, eine Landschaft so dramatisch und wild, dass selbst Irmi Mangold sich der Faszination nicht entziehen kann.
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Veröffentlichungsjahr: 2026
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Cover & Impressum
Widmung
Zitat
Prolog
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Epilog
Nachwort und Danksagung
Inhaltsübersicht
Cover
Textanfang
Impressum
Für Eva und Georg
When the last eagle fliesOver the last crumbling mountainAnd the last lion roarsAt the last dusty fountainIn the shadow of the forestThough she may be old and wornThey will stare unbelievingAt the last unicornWhen the first breath of winterThrough the flowers is icingAnd you look to the northAnd the pale moon is risingAnd it seems like all is dyingAnd would leave the world to mournIn the distance hear her laughterOf the last unicornI’m aliveI’m alive
America, The Last Unicorn
Ein einziges Schaf tanzte aus der Reihe. Während auf der linken Seite des Sträßchens nur Tiere im Gänsemarsch gingen, die einen blauen Punkt im Fell trugen, liefen am rechten Straßenrand rot markierte Schafe – und ganz am Ende noch ein Bläuling. Irmi musste lächeln. War das Unangepasstheit? Ungehorsam? Und war das überhaupt gut?
Von vorne kam ein gewaltiger Reisebus, doch die Schafe hielten stur an ihrer Marschroute fest. Besorgt hielt Irmi so weit wie möglich links an einer – oder besser in einer – Hagebuttenhecke. Ihr Leihwagen war zwar sehr klein, aber der Bus eben sehr groß und das Sträßchen sehr eng. Neben ihr erhob sich eine Wand, auf der Bon Voyage stand, und an den Fenstern darüber hingen Menschen, die mit ihren Handys die Schafskolonne fotografierten. Sie winkten Irmi zu. Ja, bon voyage euch allen, dachte Irmi und fuhr langsam weiter. Der Bläuling querte die Straße vor ihr und sortierte sich in die richtige Gruppe ein. Warum tust du das?, dachte Irmi und war fast ein bisschen enttäuscht.
Es ging nun links ab, grüne Wiesen waren von Steinmäuerchen durchzogen, weit vorne glitzerte das Meer. Irmi konzentrierte sich auf die Straße, denn auch das Wohnmobil, das ihr jetzt entgegenkam, hatte die Dimension eines Tanklastzuges. Die Straße kletterte nun in Kurven einen Bergrücken hinauf. Oben gab es einen kleinen Parkplatz, auf dem sich schon Autos drängten. Es war wirklich gut, dass ihr Auto so klein war.
Irmi stieg aus, und sofort standen ihr die Haare zu Berge. Sie befand sich an Irlands nordwestlichstem Punkt, dem Malin Head. Vom Meer kam der Wind in Böen, was es ihr erschwerte, die flatternde Trekkingjacke anzuziehen. Die Ärmel führten einen wahren Veitstanz auf. Irmi setzte noch eine Mütze auf und folgte dem Pfad zum Meer hinunter. Ein Pärchen kam ihr entgegen, die Frau trug ein Sommerkleid, der junge Mann eine kurze Hose. Die beiden schienen nicht zu frieren, aber das waren mit Sicherheit auch zwei junge Leute aus einer wetterharten Nation.
Irmi stapfte gegen den Wind an und stand nun an der Kante der gewaltigen Felsen. Ein Schild wies nach links: 450 Meter zum Hell’s Hole. Immer heftiger zerrte der Wind an der Jacke, das Wasser krachte gegen die Felsen. Die Gischt stob auf, sie war schneeweiß, dann wieder leicht bräunlich. Über den Himmel jagten Wolken in verschiedensten Grautönen. Ab und zu gaben sie ein Zipfelchen Blau frei, dann schossen Sonnenpfeile Lichtreflexe ins Meer.
Während sie dem Küstenpfad folgte, war sie froh darüber, kein Leichtgewicht zu sein, denn sonst hätte sie befürchten müssen, einfach weggeweht zu werden. Zwei junge Frauen, deren die langen Haare entfesselt vor den Augen herumtanzten, versuchten, ein Video zu drehen. Sie brüllten an gegen den Wind und das Meer, und Irmi bezweifelte, dass man von der Aufnahme irgendwas verstehen würde.
Schließlich stand sie am Teufelsloch, in dem die Gischt tobte. Das war keine Natur, die einem etwas zuraunte, sie brüllte einen an! Beeindruckend und beängstigend zugleich. Wie leicht könnte man hier abstürzen.
Aus dem Nichts kam ein Regenschauer, und Irmi machte sich auf den Rückweg. Als sie wieder am Parkplatz war, wurde es schlagartig sonnig. Ein Regenbogen überspannte die Küste, das war heute schon der dritte, der sie auf dem Weg nordwärts begleitet hatte. Sie entdeckte eine Stele mit dem Wort HOPE, die am Rande des Parkplatzes stand, und war merkwürdig berührt. Was hoffte sie eigentlich zu finden?
»Und wie sollen die jetzt heißen?«, erkundigte sich Franz.
»Na, die Weiße natürlich Bijela«, sagte Luise.
»Aha?«
»Weiß auf Kroatisch.«
Irmi grinste. »Ach so, ja klar, aber seit wann kannst du Kroatisch?«
»Bijelo vino heißt Weißwein, das ist im Urlaub wichtig zu wissen.«
»Dann heißt der rote Kater Rødvin, das ist das norwegische Wort für Rotwein«, meinte Franz lächelnd. »Ich habe mal zwei Jahre in Oslo gearbeitet.«
»Die schwarz-weiße Kätzin muss Gisela W. heißen«, sagte Irmi.
Jetzt schaute Luise ratlos. »Wieso?«
»Gisela Werler hat als erste Frau in Deutschland 1965 eine Bank überfallen. Und diese Katze sieht aus, als hätte sie eine Bankräubermaske auf«, erklärte Irmi.
»Bleibt nur noch der getigerte Kater«, sagte Franz.
»Esso, das ist doch klar!«, rief Luise.
Nun lachten alle drei. Sie kannten noch die Werbung mit dem Tiger im Tank.
Im Moment war von der Energie des kleinen Tigers allerdings nichts zu sehen, denn Bijela, Rødvin, Gisela W. und Esso schliefen selig. Luise hatte die vier Katzenjungen mit der Flasche aufgezogen, inzwischen konnte die Viererbande aber schon allein ihr Katzenkinderfutter fressen. Die vier waren zusammen mit ihrer Mutter von einem Feuerwehrmann gefunden worden, in einem halb abgebrannten Stadel. Die Katzenmutter hatte alles getan, um ihre Kinder zu retten. Offenbar hatte sie sie in den Teil des Gebäudes getragen, auf den das Feuer noch nicht übergegriffen hatte. Dabei hatte sie sich selber lebensgefährliche Brandwunden zugezogen. Franz hatte sie erstversorgt, mit Schmerzmitteln versehen und ihr ihre Babys gezeigt. Er hatte ihr gesagt, dass ihre Kinder in Sicherheit seien und dass sie jetzt loslassen könne. Einen Tag später hatte er die Katzendame erlöst, sie über den Regenbogen geschickt. Sie ruhte nun neben Irmis Hündin Wally und hatte vor dem Tod noch einen Namen bekommen: Andrina, die Tapfere.
Die vier pelzigen Zwerge waren mit einem Paukenschlag in Irmis Leben getreten und hatten ihre Zweifel wieder aufflammen lassen. War sie der ganzen Sache wirklich gewachsen? Als Franz, der pensionierte Tierarzt, auf der Suche nach neuen Räumen für seine Katzenstation gewesen war, hatten sie und Luise ihm angeboten, sie bei ihnen auf dem Hof unterzubringen. Er hatte die früheren Räumlichkeiten verlassen müssen und mit ihm ein Heer von Straßenkatzen und Kätzchen, darunter kranke und behinderte Tiere, Senioren, Katzen mit Ataxie – all jene, die keiner wollte. Der Umzug war noch gar nicht vollzogen, sie bauten und bastelten gerade noch am Austragshäusl, das lange leer gestanden hatte.
Die vier Katzenkinder hatten anfangs alle drei Stunden gefüttert werden müssen, was Luise ohne jeden Selbstzweifel übernommen hatte. Es hatte mehrfach auf Messers Schneide gestanden, und auch jetzt war es immer noch ein Auf und Ab. Gerade hatte man den Eindruck, sie würden es nun packen, dann hatten alle wieder hohes Fieber. Franz zauberte, und alles war wieder gut, doch wenig später bekamen zwei von ihnen schlimmen Durchfall. Und Franz zauberte wieder. Luise war ebenfalls von bemerkenswertem und unerschütterlichem Optimismus. Doch nun hatten die Kleinen Namen, jetzt durften sie auf keinen Fall mehr sterben! Irmi bewunderte Luise, und sie empfand eine tiefe Zuneigung zu Franz. Er war so klar und doch so empathisch. Welcher andere Tierarzt würde einer Katzenmutter sagen, dass sie loslassen durfte?
Die kleine Bijela erwachte und machte einen Katzenbuckel, was bei einem so kleinen Tier zum Niederknien putzig aussah. Vor allem, weil sie eigentlich kurzhaarig war, aber der Schwanz so langhaarig, dass er an eine Feder erinnerte. Sie animierte Esso zum Aufstehen, biss ihn ins Ohr und begann im Seitgalopp durch den Raum zu jagen.
Die Kätzchen sorgten bei Irmi für ein noch nie da gewesenes Wechselbad der Gefühle – von panischer Angst um diese kleinen Wesen bis hin zu großen Glücksmomenten. Natürlich hatten sie auf dem Hof schon immer Tiere gehabt. Neben dem zugelaufenen weißen Hund Raffi wohnten hier Kater und die beiden Katzen Virginia und Woolf und außerdem Luises Viecher, Esel und Mulis. Irmi war bis heute untröstlich wegen Wallys Tod – aber diese vier potenzierten alle Emotionen, die positiven wie die negativen.
Rødvin lief Irmi am Bein hoch. »Hör auf, du kleines Monster! Du hast superspitze Krallen!«, rief sie.
Doch er ruhte erst, als er mit der Aufstiegshilfe den Tisch erklommen hatte und oben angekommen ein Glas umwarf. Auch Gisela W. hatte den Tisch erklettert – über das eine Tischbein, das die großen Katzen längst zu einem Kratzbaum erklärt hatten, weshalb es aussah wie nach Biberverbiss. Die kleine hatte ein Päckchen Taschentücher entdeckt, das sie bis zur Kante trieb. Stolz sah sie ihm hinterher, wie es fiel. Ups, sagte ihr Blick.
Luises Handy gab den Eselsschrei von sich, den sie als Klingelton eingespeichert hatte. Sie ging hin und nahm das Gespräch an.
»Babsi, wie schön, dass du anrufst«, sagte sie. Dann lauschte sie, ihr Gesicht versteinerte, und sie verließ den Raum.
»Wohl nix Erfreuliches«, bemerkte Franz.
Irmi und er saßen eine Weile schweigend da. Man konnte den Katzenjungen stundenlang zuschauen, wie sie ihr Leben feierten, das es fast nicht gegeben hätte. Selten hatte Irmi so viel gelacht wie in den letzten Wochen.
Als Luise zurückkam, sah sie besorgt aus.
»Was ist los? Schlechte Nachrichten?«, fragte Irmi.
»Meine Tochter hat angerufen. Ich hatte doch mal Babsis Bekannte erwähnt, die ihrer Meinung nach große Probleme hat.« Luise schluckte. »Diese Bekannte ist nun seit ein paar Tagen tot.«
Irmi versuchte sich zu erinnern. Ja, Luise hatte da etwas erwähnt, in Zusammenhang mit dieser albernen Idee, dass Irmi doch Privatermittlerin werden könnte. Da war die Rede von Luises Tochter Babsi gewesen, die in Irland ein Café betrieb.
»Man hat Anja an der wilden Steilküste aus dem Wasser gezogen. Ertrunken, zerschmettert. Grauenvoll!«
Was sagte man da? Irmi kannte nicht einmal Luises Tochter. Babsi schien für Luise kein zentrales Thema zu sein. Irmi hatte nur einmal ganz kurz Luises Enkelin Hanna kennengelernt, die auf Irmi einen sympathischen Eindruck gemacht hatte. Luise war mit ihr nach München zu einer alten Bekannten gefahren und hatte von diesem Ausflug im Nachgang auch wenig erzählt. Bis heute gab es nur recht kurze Schlaglichter auf Tochter und Enkelin. So offen Luise sonst war – in diesem Punkt machte sie irgendwie zu.
»Babsi ist davon überzeugt, dass das kein Unfall war.«
»Ein Suizid?«, fragte Irmi vorsichtig.
»Das schließt Babsi erst recht aus. Anja war null suizidgefährdet.«
Irmi warf Franz einen knappen Blick zu, es war klar, dass sie beide dasselbe dachten. Man sah Menschen nur vor die Stirn. Auch allernächste Angehörige – und gerade die! – traf es wie ein Schlag, wenn sich jemand das Leben nahm, und viele Menschen haderten jahrelang damit, dass sie glaubten, sie hätten den Suizid irgendwie verhindern können.
»Irmi, du musst da hinfahren. Bitte! Babsi sagt, dass die irische Garda keinerlei Interesse hat, da Licht ins Dunkel zu bringen.«
»Luise, ich bin keine Polizistin mehr. Und selbst wenn ich das wäre: Ich hätte in Irland null Befugnisse.«
»Aber du kannst so was. Du kannst nachbohren. Keine kann das so wie du! Denk doch nur an dein Gebohre wegen Cordula, da hattest du auch keine Befugnisse. Aber du und Malcolm – ihr wart einfach brillant.«
Auch das versetzte Irmi einen Stich. Sie hatten ebenfalls eine Bekannte verloren: Cordula, Coci, eine rebellische Frau, die in einem eisigen See ertrunken war. Und Luise hatte recht: Irmi hatte sich eingemischt und damit ihre ehemaligen Kolleginnen schwer düpiert. Zum Glück war Malcolm an ihrer Seite gewesen. Malcolm, der Gute! Weil Irmi nichts sagte, schickte Luise hinterher:
»Malcolm hab ich auch gleich angerufen. Der würde sofort nach Irland fliegen. Er hat da eine Cousine, die wollte er sowieso schon lange wieder besuchen. Er ist also am Start!«
»Luise, das kannst du doch nicht einfach so entscheiden!«
»Du bist manchmal etwas unbeweglich, Irmi«, bemerkte Luise. »Ich geh jetzt mal rüber in den Laden. Du hast Bedenkzeit bis heute Abend. Franz, sag du ihr bitte, dass sie die Einzige ist, die so was kann!«
Und damit rauschte sie hinaus, hinüber in Lissis Hofladen, der eigentlich auch Luises Laden war. Lissi war zwar die Besitzerin, aber Luise die Ideengeberin, die dekorierte und sich immer neue Aktionen ausdachte, um Leute in den Laden zu locken.
Irmi starrte ihr nach. »Wahnsinn!«
Franz lachte. »Ich nenne das Power.«
»Gepaart mit Übergriffigkeit. Bin ich wirklich so unbeweglich?«
»Na ja …«
»Bitte?«
»Ach, ihr seid zwei völlig unterschiedliche Menschen. Luise entscheidet rein emotional und du meist rational. Das wirkt dann auf ein Emotionsbündel wie Luise gerne mal unbeweglich.«
»Ihr seid echt witzig. Ich soll nach Irland fliegen, um eine Frau zu treffen, die ich nicht kenne. Die vom Tod einer anderen Frau erschüttert ist, die ich erst recht nicht kenne. Die irische Polizei hat sicher etwas getan, aber wenn das ein Unfall war, was hätten die machen sollen?«
»Du weißt ja nicht, ob es ein Unfall war«, sagte Franz und legte seine Hand auf Irmis Arm. »Und in einem Punkt hat Luise sicher recht. Du bist die Beste …« Es folgte eine kurze Pause. »… für so was.« Er nahm die Hand wieder weg. »Und so ein kleiner Frühlingstrip nach Irland hat doch auch was. Ich würde sofort mitkommen, aber ich kann hier nicht weg. Anfang Mai, du weißt. Es werden lauter kleine Kätzchen kommen, und außerdem steht der Umzug der Station bevor. Aber Irland ist doch pretty charming!«
»Ich kann auch nicht weg, ich bin ebenfalls in die Station involviert«, sagte Irmi entschieden.
»Ich gebe nur zu bedenken, dass du dann Luise ertragen musst. Sie wird dich täglich spüren lassen, wie falsch deine Entscheidung war. Ob du das aushalten willst?« Er lachte.
»Du bist furchtbar.«
»Nein, nur realistisch. Ich bin eine Kombi aus dir und Luise. Zur rechten Zeit rational, zur rechten Zeit emotional. Und noch was, Irmi.« Er sah sie an. »Fridtjof wird auch nicht da sein. Gönn dir doch ein paar Tage Irland.«
Das stimmte – und es schmerzte auch. Sie und Fridtjof hatten immer noch nicht zu einem normalen Umgang miteinander zurückgefunden. Sie behandelten sich gegenseitig, als würden sie mit rohen Eiern jonglieren. In der Tat war Fridtjof Hase am Vortag zu einem Kongress in Wien aufgebrochen, der offiziell am Montag beginnen würde. Er hatte ein paar Bilder aus dem Kriminalmuseum geschickt, in dem die Kriminalgeschichte Wiens ab dem 16. Jahrhundert präsentiert wurde. Ein schauriges Potpourri aus Mördern, Attentätern, Geschichten von perversen Dienstherrinnen. Schädel von Mördern, die von Wissenschaftlern akribisch vermessen worden waren, gab es auch. Die hatten es dem Hasen am meisten angetan. Er hatte geschrieben: Ich liebe den Wiener. Seine melancholische Freud am Tod ist die verfeinerte Form, das Leben nicht ernst zu nehmen.
Der Appetit schien ihm nicht vergangen zu sein, denn er hatte auch ein Foto aus dem Café im Innenhof geschickt, wo er sich einen kleinen Braunen und eine Sacher schmecken ließ. Er war flankiert gewesen von zwei attraktiven Frauen, womöglich Kolleginnen, die auch schon etwas früher angereist waren. Denn Wien war – wie der Hase gesagt hatte – für ihn die schönste Großstadt Europas.
»Ich überleg’s mir«, sagte Irmi wenig überzeugt. »Ich war ja auch noch nie in Irland.«
Genau genommen war sie bislang überhaupt nicht besonders weit herumgekommen. Einmal in Nordschweden, auch das im Zuge einer Ermittlung. Einmal mit Fridtjof am Lago Maggiore in seinem Rustico-Idyll, das auch schnell durch eine Leiche gestört worden war.
»Soll ich dir einen Flug und einen Leihwagen buchen?«, fragte Franz.
»Hast du es so eilig, mich nach Irland zu exportieren?«
»Gar nicht, ich genieße deine Anwesenheit. Aber für mich hört sich das nach einer Eilsache an. Je länger du wartest, desto mehr Spuren sind verwischt.«
»Irmi Mangold, als Eilsache aufzugeben?«
Franz grinste. Irmis Handy meldete sich. Auch sie verließ den Raum, denn sie telefonierte generell nicht gerne, wenn jemand zuhörte. Sie war heilfroh gewesen, als die Karriereleiter sie irgendwann einmal in ein eigenes Büro gehoben hatte. Am Telefon war Malcolm, der sofort mit einem Wortschwall über Irmi hereinbrach, in dem sehr häufig »wir müssen« vorkam.
»Malcolm, müssen tue ich gar nichts.«
»Ich sagte wir! Wir sind das absolute Dream-Team! Was hält dich ab?«
»Die Tatsache, dass ich keine Polizistin mehr bin und in Irland gar nichts ausrichten kann.«
»Nonsens, wir schnuffeln einfach ein bisschen rum.«
»Schnüffeln! Ich will nicht schnüffeln. Ich kenne Luises Tochter nicht einmal!«
»Ich auch nicht. Wir folgen nur dem Ruf der …« Ihm schien ein Wort nicht einzufallen.
»Was? Dem Ruf der Wildnis? Der Berge?«
»Helpfulness, Irmi. Wir werden dort gebraucht.«
»Das ist mir aber ein bisschen viel Pathos, Malcolm!«
»Ich habe gerade einen Flug gebucht. Morgen Abend, Glasgow–Belfast. Ich übernachte bei einem Freund und fahre übermorgen mit dem Bus oder per Anhalter weiter nach Donegal. Irmi, ohne dich schaff ich das nicht! Ich hab mal nachgesehen: Morgen um halb neun geht ein Flug von München nach Dublin. Am Flughafen nimmst du dir einen Leihwagen, du musst ja die Strecke nach Donegal nicht auf einmal fahren. Übernachte irgendwo unterwegs, und übermorgen sehen wir uns. Das wird großartig.«
»Malcolm, du kannst nicht so über mich verfügen!«
»Bitte. Hundertmal bitte! Ach was, tausendmal.«
Irmi musste lachen. »Ich überleg es mir. Wirklich. Ich melde mich.«
Als sie in die Küche zurückkam, war Franz mit seinem Handy beschäftigt. »Ich hab grad mal nachgesehen …«, begann er.
»Wann morgen ein Flug geht«, ergänzte Irmi.
»Ja.«
»Malcolm hat auch nachgesehen.«
»Irmi, mach das. Was hast du zu verlieren? Verschaff dir ein Bild, womöglich kannst du Babsi beruhigen. Luise macht sich Sorgen, für sie ist das schwierig, weil sie kein besonders gutes Verhältnis zu ihr hat.«
Irmi sah ihm forschend in die Augen. »Das hat sie dir erzählt?«
»Ja, ich hatte von meinem Sohn erzählt, mit dem mich leider sehr wenig verbindet. Und ihr Verhältnis zu Babsi scheint auch schwierig zu sein.«
Weder hatte Irmi gewusst, dass Franz einen Sohn hatte, noch hatte sie jemals bei Luise wegen Babsi nachgebohrt.
»Tut mir leid, das mit deinem Sohn.«
»Irmi, alles in Ordnung. Aber Luise würde es helfen, wenn du fliegst. Tu es für sie.«
»Wenn du jetzt tausendmal bitte sagst, bring ich dich um!«
Er lachte. »Darf ich dir den Flug buchen?«
»Ja, dann mach halt.«
Er fingerte weiter am Handy herum und sagte nach ein paar Minuten: »So, Flug gebucht, ich hab dir auch einen Leihwagen bei Hertz reserviert. Einen kleinen Automatikwagen. Das erleichtert das Linksfahren dort.«
Auch das noch, Irmi hatte den Linksverkehr gar nicht auf dem Schirm gehabt. Vielleicht war Malcolms Idee doch ganz gut, unterwegs eine Übernachtung einzubauen. Beim Linksverkehr würde sie sich ziemlich konzentrieren müssen.
»Und wie bezahle ich?«
»Das geht über meine Kreditkarte, du kannst mir das dann später überweisen. Und ich bringe dich morgen natürlich nach München! Jetzt fahre ich und stehe dann morgen um halb sechs auf der Matte.«
Als Franz draußen war, sah Irmi Esso in die Augen. »Die tun sich alle leicht«, murmelte sie.
Jetzt stell dich nicht so an, sagte sein Blick. Irmi schüttelte unwirsch den Kopf und ging packen. Es war Anfang Mai, da würde sie für alle Wetter ausgerüstet sein müssen, was die Auswahl der Kleidungsstücke eher schwierig machte und umfangreicher als gedacht. Franz hatte ihr einen Rückflug in zwei Wochen gebucht. Die Zeit bis dahin kam ihr ewig lang vor.
Als Irmi um fünf Uhr morgens in der Küche auftauchte, hatte ihr Luise schon Kaffee gekocht. »Morgen, Irmi, danke, dass du das machst.«
»Kommst du hier wirklich allein klar?«
»Natürlich. Mach dir keinen Kopf.«
Luise kam überall auf der Welt allein klar, während Irmi ihre Zweifel hatte, ob sie selbst überall so locker und entspannt wäre wie ihre Mitbewohnerin.
Franz war pünktlich, und sie fuhren in Richtung Flughafen, durch den Münchner Verkehr, der früh begann. So viele Menschen in bunten Blechkisten, von denen die meisten eigentlich viel zu groß waren für das einzelne Menschlein, das drinsaß. Franz chauffierte sie ans richtige Terminal für die Aer Lingus und parkte in der Kurzparkzone.
Er ließ es sich nicht nehmen, sie noch bis an die Drehtür zu begleiten und ihren Koffer zu rollern.
»Ich hab da noch was für dich«, sagte er und überreichte ihr einen Irland-Reiseführer.
»Danke, tolle Idee.«
Irmi gab ihm je ein Küsschen auf die linke und die rechte Wange, er tat es ihr gleich. »Wenn du Hilfe brauchst, ruf jederzeit an«, sagte er.
»Mach ich.« Irmi winkte noch mal kurz und verschwand durch die Drehtür. Da fuhr ihr etwas so heftig in die Kniekehle, dass sie fast vornübergekippt wäre. Es war ein Koffer außer Kontrolle, und die dazugehörige Frau entschuldigte sich mehrfach.
»Nix passiert«, meinte Irmi und war ganz zufrieden, dass sie die Prozedur des Eincheckens problemlos meisterte. Sie war froh, dass sie hübsche Socken mit einem Hundemotiv trug, weil sie am Sicherheitscheck ihre Stiefel ausziehen musste. Ein Loch am großen Zeh wäre ja peinlich gewesen!
Ihr Flug war pünktlich, was sie als gutes Omen wertete. Im Flieger schlug sie ihren Reiseführer auf. Vorne hatte Franz hineingeschrieben: Good Luck! Du tust das Richtige!
»Ihr Mann scheint sehr fürsorglich zu sein«, sagte die Frau neben ihr. »Entschuldigen Sie, ich hab Sie am Eingang gesehen, ich war die mit dem Koffer.«
»Ach so, ja.« Worauf bezog sich das? Auf den Koffer oder darauf, dass ihr Mann fürsorglich war? Irmi verzichtete auf eine Richtigstellung. Weil die Frau sie aber weiter ansah, fühlte sich Irmi verpflichtet, etwas zu sagen. »Und Sie fliegen auch nach Irland?« Blöde Frage, sie saßen im Flieger nach Dublin!
»Ja, ich mache eine Rundreise auf den Spuren besonderer Gärten. Ich beginne beim Malahide Castle, da gibt es einen wunderbaren botanischen Garten.«
»Wie schön«, sagte Irmi und sah demonstrativ in ihr Buch. Ihr war nicht nach Small Talk zumute. Die Dame nickte dann netterweise auch ein, schnarchte zwar ein wenig, aber das war Irmi allemal lieber als ein aufgezwungenes Gespräch. Außerdem konnte sie sich so mit dem Buch ein bisschen auf die grüne Insel einstimmen.
Der Flieger hatte ein paar Absacker in der Luft, mehrheitlich aber war der Flug eher ruhig, und er landete auch recht geschmeidig. Sie wartete ziemlich lange auf ihren Koffer, was ihr Zeit gab, Luise eine kurze WhatsApp zu schreiben, dass sie gut gelandet war.
Die Leihwagenfirmen waren nicht im Flughafen gelegen, man musste vielmehr mit dem Bus durch Industrieanlagen fahren, bis man auf ein Areal kam, wo die meisten internationalen Rentals ihre Büros hatten.
Es war ganz schön was los. In der Schlange vor ihr unterhielt sich ein Ehepaar in Irmis Alter auf Französisch. Die Frau trug ein Batikkleid, das so lang war, dass sie auf den Saum trat. Er war ganz in beiges Leinen gehüllt und hatte graue Löckchen. Alt-Hippies auf Französisch. Hinter ihr zuckte eine junge Frau zu irgendeiner Musik in ihrem Kopfhörer und schob einen gewaltigen Rucksack immer wieder ruckartig vor sich her. In der Reihe rechts von ihr stand ein geschniegelter Businessman im Maßanzug, der in sein Headset zischte, und irgendwo kreischte ein Baby in den höchsten Tönen. Für Irmi war es ein Overkill, so viele Menschen zu sehen und in ein solches Stimmengewirr einzutauchen. Sie kam aus dem stillen und beschaulichen Schwaigen, wo sich Kontakte mit anderen Menschen sehr in Grenzen hielten.
Schließlich war Irmi an der Reihe. Das Englischsprechen fiel ihr schwer. Worauf hatte sie sich da nur eingelassen! Sie bekam am Ende einen Packen Papiere und sollte draußen auf den Mitarbeiter warten, der den Wagen vorfahren sollte. Er entpuppte sich als Zwergenauto, ein Kia Picanto in Weiß. Irmi gelang es immerhin, ihr Englisch so weit zu reaktivieren, dass sie ein Navi zum Anschließen ergattern konnte, serienmäßig hatte der Zwerg nämlich keines. Der junge Mann war auch noch so nett, ihr den Hill of Tara einzugeben, denn Irmi hatte sich entschieden, auf dem Weg an die Westküste wenigstens ein oder zwei Attraktionen anzusehen, und von Tara hatte sie im Reiseführer gelesen.
Sie war schweißgebadet, als sie schließlich die N 3 erreicht hatte und sich etwas entspannte. Während sie am linken Rand der zweispurigen Autobahn dahintuckerte, überflutete sie plötzlich ein Schwall Euphorie. Sie hatte ihre Komfortzone verlassen, und das fühlte sich eigentlich gut an. Genieß es, Irmgard Mangold, du bist weitgehend gesund, du kannst leidlich Englisch, du fährst links – was kann schon passieren? Und mit dieser Woge aus Zuversicht bog sie nun von der Autobahn ab.
Die immer enger werdenden Straßen vermittelten ihr einen ersten Eindruck davon, dass wenige irische Kilometer sich ganz schön ziehen konnten. Sie steuerte schließlich einen Parkplatz an, fand eine kleine Lücke und dankte dem Zwergenauto jetzt schon.
Ein Reisebus fuhr gerade davon. Irmi war dankbar, dass sich diese Ladung Menschen nicht über das Epizentrum frühzeitlicher Macht ergießen würde, während sie dort war. Sie stieg hügelan und ließ das Besucherzentrum in einer Kirche links liegen.
Irmi war wahrlich keine große Esoterikerin, aber hier geschah doch etwas mit ihr. Ein kleiner Schauer rieselte ihren Rücken hinunter. Genau genommen waren das nur grasige Überreste von Ringforts, eingestürzte Ganggräber und ein weiter Blick über eine wenig spektakuläre Landschaft. Und doch durchfloss Irmi etwas, das sie nicht hätte beschreiben können.
Von hier aus hatten hundertzweiundvierzig Könige über ihr Königreich geblickt, hatte Irmi gelesen. Sie alle waren nicht per Geburt zum König geworden, sondern der Schicksalsstein hatte die Wahl getroffen. Angeblich hatten die keltischen Götter ihn auf den Hügel gebracht, wo er einen Ruf abgab, wenn er vom rechtmäßigen König von Tara berührt wurde. Irmi erreichte den Stone of Destiny, der abgefingert war von all den Händen, die die Probe aufs Exempel gemacht hatten. Irmi sah sich kurz um: Sie war allein hier oben und legte ihre Hand auf den kühlen Stein, der schwieg. Gut so, zur Königin taugte sie nicht, befand Irmi. Immer noch war sie euphorisiert. Hier floss die Energie der Jahrtausende, ein magischer Ort, der sich jeder rationalen Erklärung entzog.
Irmi machte ein schlechtes Selfie von sich und dem Stein, schickte es Luise mit dem Text: Gut, dass du mich gezwungen hast. Postwendend kam zurück: Das war kein Zwang, du wolltest es selbst. Und drei dicke Herzchen-Emojis.
Irmi schlenderte langsam zurück. Bis auf ein älteres Paar war sie ganz allein mit den wogenden Hügeln der Ewigkeit. Erst am Besucherzentrum kam ihr eine lärmende Menschenhorde entgegen.
»Danke«, sagte Irmi ganz leise zu sich selbst und zum Autochen: »So, weiter geht’s.«
Sie folgte ihrem Navi und gelangte auf die N 2, die sie nordwärts führte. Das Wetter lieferte eine Kostprobe der irischen Vielfalt. Binnen zehn Minuten gab es Regen, dann Sprühregen, dann Sonne, gefolgt von Böen, die am Auto rüttelten. Was die Landschaft betraf, war bisher wenig Spektakuläres zu vermelden.
Irgendwann fiel ihr auf, dass die Preise für das Benzin günstiger wurden. Auf den zweiten Blick stellte sie fest, dass sie in Pfund ausgeschildert waren. Sie war in Nordirland. Hätte sie das bei der Autovermietung womöglich angeben müssen? Kurz befiel sie eine leichte Panik, dann beschloss Irmi, dass sie im Zweifelsfall eine alte Frau aus Bayern wäre, die sich mit Alter und Doofheit rausreden konnte.
Es wurden lange und angespannte Kilometer durch diesen Teil des britischen Königreichs, auf rumpeligen Straßen, vorbei an grauen Häusern. In der Luft lag ein unguter Geruch. Endlich wurden die Straßen wieder besser, die Häuser bunter, sie war wieder in der Republik Irland. Der Unterschied war auffällig – das also passierte, wenn man aus der EU austrat …
Mit dem Adrenalin im Blut war sie länger ohne Pause gefahren, als sie geplant hatte. Es waren nur noch fünfundzwanzig Kilometer nach Letterkenny, und Irmi beschloss, die auch noch durchzuziehen. Sie war überrascht, wie viel Verkehr herrschte und wie sich die Autos an den vielen Kreisverkehren zurückstauten.
In jedem Fall brauchte sie eine Übernachtungsmöglichkeit. Das Mount Errigal Hotel hatte dankenswerterweise noch etwas frei. Erst als sie in ihrem Zimmer stand, wurde ihr bewusst, dass sie wirklich fix und alle war, und sie sank für wenige Minuten auf das Bett. Dann meldete sich der Hunger, und sie war froh, dass es ein angegliedertes Restaurant gab, wo sie die Tagessuppe orderte und dazu ein Guinness. Das musste man doch in Irland, befand Irmi.
Sie wusste dank des Reiseführers, dass beim Stout das Malz mit gerösteter Gerste vermengt wird und die dunkle Farbe ergibt. Benjamin Guinness, der Enkel des Brauereigründers, wurde in den Adelsstand erhoben – eher nicht wegen seiner Bierbrauleistungen, sondern weil er eine großzügige Spende zur Renovierung der St. Patrick’s Cathedral in Dublin getätigt hatte. Edward Cecil, einer seiner Söhne, ließ vorbildliche Arbeiterwohnungen bauen, während sein Sohn Arthur den Park St. Stephan’s Green kaufte, um ihn den Bewohnern von Dublin zur Verfügung zu stellen. Trinken half also der Kultur – aber das Stout würde dennoch nicht zu Irmis Lieblingsgetränken werden. Immerhin war es sehr schlaffördernd.
Für den nächsten Morgen hatte Irmi ein Frühstück gebucht. Als sie in den Speiseraum kam, staunte sie darüber, wie man Freude an matschig zerkochten Tomaten, angebranntem Speck, Sägemehlwürstchen und dem legendären Black Pudding haben konnte, der in Form, Farbe und Geschmack an einen Eishockeypuck erinnerte. Sie beließ es bei einem Toast mit etwas Rührei. Und brach auf in den hohen Nordwesten der Insel.
Nach dem stürmischen Besuch von Malin Head folgte Irmi der steinigen Küste, an der immer wieder bizarre Felspfeiler in der Brandung standen. Ein Fischerboot legte gerade im Malin Harbour ab. Irmi stoppte an der Farren’s Bar, dem nördlichsten Pub Irlands, weil sie im Reiseführer gelesen hatte, dass Luke Skywalker hier einst auf ein paar intergalaktische Getränke eingekehrt war, als Malin Head Drehort für Star Wars gewesen war.
Folgerichtig hockte auch ein Yoda in einer Ecke der Bar. Irmi bestellte sich einen Kaffee und ließ den Blick über diese ganz eigene Galaxie schweifen, wo über der Bar eine ganze Armada von Keramikkannen hing. Lucas Film hatte damals acht Dankesanzeigen in den regionalen Zeitungen der Drehorte geschaltet und sogar eine im Irish Examiner – so begeistert war das Filmteam von diesem Ende der Welt gewesen.
Als Irmi wieder draußen stand, war es immer noch sonnig, und sie machte einen Abstecher zu einer verfallenen Kirche, neben der sich der Eingang zu einer Höhle befand, wo einst ein heiliger Mann als Einsiedler gelebt haben sollte. Praktischerweise gab es gleich nebenan eine heilige Quelle. Der Himmel hatte beschlossen, nun wieder zu zürnen, und schickte erneut einen gewaltigen Regenschauer. Irmi beschlich das Gefühl, dass sie gerade bei gutem Wetter drinnen war und ausgerechnet dann draußen, wenn sich die himmlischen Schleusen öffneten. Sie rannte zu ihrem Autochen, stieg ein und schlängelte sich über kleine Straßen von einem kleinen Dorf zum nächsten.
Immer wieder wiesen Schilder auf Cottages und B & Bs hin. Tourismus gab es hier in jedem Fall, auch wenn ihr diese Gegend schon sehr wie das Ende der Welt vorkam. Irmi fuhr weiter, sehr langsam, sehr defensiv, denn das Linksfahren hatte sie noch nicht ganz verinnerlicht. Ihr Fahrstil war der einer Touristin und nervte sicher die Einheimischen. Verkehrte Welt, dachte sie. Bei ihr zu Hause krochen andere über die Straßen und juchzten gerade: Kiek mal, Erwin, die Berge. Zumindest stellte sie sich das so vor.
Schließlich entdeckte sie das Schild: Songbird Café. B & B. All year round.
