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Der neue, große Roman des Strega-Preisträgers Sandro Veronesi: Über Italien in den 1970ern und einen Sommer, der alles verändert Fiumetto in der Toskana im Sommer 1972: Sind es anfangs der Kampf um die Schachweltmeisterschaft zwischen Bobby Fischer und Boris Spasski und die kommenden Olympischen Spiele von München, die den zwölfjährigen Gigio interessieren, so ändert sich das schlagartig, als die dreizehnjährige Astel mit ihrer aus Äthiopien stammenden Mutter die benachbarte Strandkabine bezieht. Das Übersetzen von Songtexten bringt die belesene Astel und den pubertierenden Gigio zusammen; die Musik von David Bowie und Cat Stevens, der Geruch von Strand und Vinyl durchziehen das ganze Buch. Doch dann wird Astels Vater ermordet. Gigios Vater, ein Rechtsanwalt, soll die Verteidigung der verdächtigten Ehefrau übernehmen. Und in München verübt die Terrorgruppe »Schwarzer September« einen Anschlag auf die israelische Olympiamannschaft.
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Seitenzahl: 369
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Fiumetto an der ligurischen Küste im Sommer 1972: Sind es anfangs der Kampf um die Schachweltmeisterschaft zwischen Bobby Fischer und Boris Spasski und die kommenden Olympischen Spiele von München, die den zwölfjährigen Gigio interessieren, so ändert sich das schlagartig, als die dreizehnjährige Astel mit ihrer aus Äthiopien stammenden Mutter die benachbarte Strandkabine bezieht. Das Übersetzen von Songtexten bringt die belesene Astel und den pubertierenden Gigio zusammen; die Musik von David Bowie und Cat Stevens, der Geruch von Strand und Vinyl durchziehen das ganze Buch.Doch dann wird Astels Vater ermordet. Gigios Vater, ein Rechtsanwalt, soll die Verteidigung der verdächtigten Ehefrau übernehmen. Und in München verübt die Terrorgruppe »Schwarzer September« einen Anschlag auf die israelische Olympiamannschaft.
Sandro Veronesi
Schwarzer September
Roman
Aus dem Italienischen von Karin Krieger
Paul Zsolnay Verlag
A Manuela
as forever is
»Ich kann nicht weitermachen. Ich werde weitermachen.«
Samuel Beckett
Um euch diese Geschichte zu erzählen, muss ich zuerst über meine Eltern sprechen. Sie waren damals die Hüter meiner Sorglosigkeit, und das bedeutet, sie waren gute Eltern. Ich war zwölf Jahre alt, und es gab nichts in meinem Leben, was auch nur annähernd so wichtig war wie sie. Wenn sich also sagen lässt, dass meine Kindheit ein sicherer Ort war und ich ein glückliches Kind, dann ist das ihr Verdienst. Darum haben mich die Ereignisse, von denen ich erzählen will, auch so erschüttert. Denn zum ersten Mal waren die beiden nicht imstande, mich zu beschützen, ja sie waren sogar eine Ursache für die Erschütterungen, die mich trafen. Zum ersten Mal erwischte die Welt mich direkt, ungefiltert — und die Welt versengt dich, sie ist ein loderndes Feuer, und das wusste ich nicht, denn bis dahin hatten sich meine Eltern immer dazwischen gestellt. Dann aber waren sie selbst die heftig wütende Welt, und so lässt sich sagen: Wenn ich von einem bestimmten Tag an nicht mehr glücklich gewesen bin — jedenfalls nicht mehr so wie vorher —, dann war es ihretwegen.
Mein Vater war Strafverteidiger. Sogar der einzige Strafverteidiger in unserem Städtchen, und wenn ich gleich dessen Namen nenne, werdet ihr alle dasselbe denken. Vinci. Aber mit Leonardo hat diese Geschichte nun wirklich nichts zu tun. Im Zusammenhang mit meinem Heimatort möchte ich lieber an etwas für mich viel Wichtigeres erinnern, auch wenn sich sonst niemand mehr daran erinnert: an den Einsturz der Brücke über den Arno am 17. November 1966, wenige Tage nach der Überschwemmung von Florenz und der ganzen Provinz. Dieser Einsturz, und nicht so sehr die eigentliche Überschwemmung, war der erste Schock meines Lebens. Die Brücke stürzte in den Fluss, und mein Städtchen samt den Nachbargemeinden war plötzlich von der Außenwelt abgeschnitten. Das dauerte mehrere Tage, keine Schule, kein Religionsunterricht, die Familien getrennt, und wer dienstlich unbedingt nach Florenz musste, so wie mein Vater, war gezwungen, einen weiten Umweg über nun gefährliche Bergstraßen zu nehmen. Wie ich hörte, war der Einsturz der Brücke so gravierend, weil sie erst zwölf Jahre alt war. Ich war halb so alt, und zwölf Jahre waren für mich wirklich keine Kleinigkeit, aber als sechs Jahre später dann ich in die Tiefe stürzte, merkte ich, dass zwölf Jahre durchaus nicht viel sind. Darum erinnere ich mich so gut an die Zeit der Überschwemmung und an den Einsturz der Brücke: Ich und die Brücke hatten das gleiche Alter, als uns der Schlag traf, sie durch die Natur, mich durch die Menschen, und in diesem Alter sollten manche Dinge einfach nicht passieren, weder den Brücken noch den Menschen. Es ist zu früh.
Mein Vater war, wie gesagt, Strafverteidiger, er hatte eine kleine Kanzlei in Vinci und eine größere in Florenz, gemeinsam mit einem gewissen Ciarnese. Soweit ich wusste, verteidigte er Unschuldige, und dass sie unschuldig waren, war durch die Tatsache gewährleistet, dass er sie verteidigte. Er war ein freundlicher Mann voller Lebensfreude, gutaussehend nach den damaligen Maßstäben, also hager, mit schmalen Wangen und starken Armen. Sein Haar schön und schwarz wie das Fell eines Friesenpferdes, seine Augen dunkel, doch voller Licht, und sein großer roter Mund wie geschaffen für ein Lächeln. Er war ein großer Sportfan. Körperlich machte er nicht viel her, behauptete aber, als Junge Rugby gespielt zu haben, beim Judo (was er als japanischen Kampfsport bezeichnete) und auch beim Karate gewesen zu sein. Unmöglich nachzuprüfen. Aber mit Sicherheit war er ganz verrückt nach dem Meer und dem Segeln, und seine ganze Freizeit widmete er dem Boot, auf dem er sich im Sommer vergnügte. Damals, als die Dinge geschahen, von denen ich erzählen will, hatte er ein Holzboot der A-Klasse mit dem Namen Tivatù, das unendlich viel Pflege brauchte, und in meiner Erinnerung waren die Wintersonntage eine ziemliche Qual, wenn er mich nach Fiumetto an die Versilia-Küste mitnahm, um den Rumpf abzuschleifen, Risse auszubessern, Kopallack aufzutragen und das Boot zu polieren, zu versorgen und zu schützen, als wäre es ein Kind — als wäre es ich. Er liebte eigentlich alle Boote, doch am meisten die kleinen, schnellen mit beweglichem Schwert, die man mit der Hand auf den Strand ziehen konnte. Manchmal nahm er auch an Regatten teil, zusammen mit Gianfranco, dem Betreiber des Bagno Stella, wo wir Ferien machten, und mit einem von dessen Brüdern, Giuseppe. Sie gewannen nie. Bei uns zu Hause, im Bücherschrank des Wohnzimmers, thronten drei Pokale, ein großer und zwei kleine. Sie stammten aus drei verschiedenen Rennen derselben Regatta namens »Happy Day«. Auf dem Schild des großen stand 2. PLATZ und die Jahreszahl 1967. Die beiden kleinen waren zwei dritte Plätze von 1966 und 1968. Aus diesen Fundstücken hatte ich gefolgert, dass er, Gianfranco und Giuseppe einmal richtig gut gewesen waren, sich aber mit der Zeit die Zähne ausgebissen hatten. Ich hörte klangvolle Namen — Capio, Straulino —, die ich in den Sammelalben fand, und hielt sie für die Rivalen, die meinen Vater bei den Regatten besiegten. Dabei waren sie seine Idole, und die Regatten, bei denen er nach 1968 nicht einmal mehr einen Trostpreis gewann, waren kleine Amateurwettkämpfe für Segelliebhaber wie ihn. Im Grunde war seine Aufstellung bei diesen Regatten für mich viel interessanter als für ihn, denn das Wort, das man für meinen Vater verwenden muss, ist Dilettant. Abgesehen von seiner Arbeit war mein Vater in allem ein Dilettant, im wahrsten, etymologischen Sinn des Wortes, das auch mit delicere zu tun hat, mit verführen, locken, an sich ziehen. Von einem Dilettanten hatte er die ansteckende Leidenschaft und die Daseinsfreude, die Sorglosigkeit und den Großmut, aber auch die Oberflächlichkeit, die Eitelkeit, das Improvisieren und manchmal die Unfähigkeit. Das im Kopf zu behalten, ist wichtig.
Meine Mutter hatte rote Haare — aber dieses unbeschreibliche Rot gab es nur bei ihr, das könnt ihr mir glauben. Sie war Irin. Als Kind war sie mit ihrer Familie nach Italien gekommen, warum, wurde mir nie ganz klar. Geschäfte, hieß es. Ihr Vater importierte Gummiderivate und zog mit der Familie gleich nach dem Krieg 1946 von Dublin nach Florenz, da war meine Mama elf Jahre alt. Dreizehn Jahre später nahm er den umgekehrten Weg, als sie schon mit Papa verlobt war und ihm deshalb nicht folgte. Es gab da in ihrer Familie damals wohl einige Spannungen, denn Mama heiratete Papa kaum einen Monat nach der Abreise ihrer Familie nach Irland, am 25. September 1959, geradezu klammheimlich, ohne Hochzeitsgäste, und keine sechs Monate später, am 12. März 1960, wurde ich geboren. Den Grund für die Unstimmigkeiten zu erraten, ist nicht schwer, war die Familie meiner Mutter doch katholisch bis an die Grenze zur Bigotterie.
Mama war schön, und ihrer spartanischen Lebensweise zum Trotz (wortkarg, unauffällige Kleider, nicht berufstätig, kein Führerschein, keine gesellschaftlichen Vergnügungen) war ihr Haar mit dieser wundervollen Farbe überall dort, wo sie ihre Zeit verbrachte, ein unwiderstehlicher Lockruf — während des Schuljahres also in Vinci, und in den Sommermonaten in Fiumetto. Dieses Haar war ein Schrei, den auch ich hörte: »He, schaut mich an! Und wenn ihr schon mal dabei seid, achtet nicht nur auf mein Haar, achtet auch auf meine smaragdgrünen Augen, achtet auf meine magnolienblütenweiße Haut, achtet auf die tausend Sommersprossen, die kommen, sobald mich ein Sonnenstrahl trifft! So was habt ihr noch nicht gesehen!« Was ja auch stimmte. Man musste schon auf Reisen gehen, um Frauen wie meine Mutter zu sehen, doch damals reisten die Leute kaum, jedenfalls die aus unserer Gegend, und eine Frau wie sie war eine Sensation. Daher war Mama in einer paradoxen Situation: Je mehr sie versuchte, sich unsichtbar zu machen, nur Hausfrau und Mutter und die treue Gattin von Rechtsanwalt Bellandi, umso mehr fiel sie den Leuten auf, was immer zu einer Menge Klatsch und Tratsch über sie führte — das heißt, nein, eigentlich waren es Phantasien, denn ihr untadeliges Verhalten bot keinen Raum für Klatsch und Tratsch. Übrigens hatte der besagte Lockruf auch Papas Leidenschaft entfacht, und er erzählte seinen Freunden gern, dass er in dem Augenblick den Kopf verloren hatte, als er dieses Haar sah, »von der Farbe des Sonnenaufgangs im Mai in Cornwall«, sagte er, »zwischen sechs und halb sieben am Morgen«. Da er nie in Cornwall gewesen war, hielt ich das immer für ein Zitat — auch weil er nicht gerade ein Dichter war. Aber so viel ich in all den Jahren auch nachforschte, ich konnte das Original nie finden, und so ist es möglich, dass er sich diesen Satz tatsächlich selbst ausgedacht hat. Dafür spricht, dass mein Vater lange geglaubt hatte, Cornwall liege in Irland. Fest steht jedenfalls, dass dieser Satz Eindruck auf Mama gemacht hat, das sah man an dem Lächeln, mit dem sie jedes Mal dahinschmolz, wenn Papa ihn wiederholte.
Mama war also eine oft angestarrte, mit vielen Phantasien bedachte Frau — und was das im Einzelnen für Phantasien waren, kann man sich unschwer vorstellen. Was sich aber niemand vorstellen konnte und auf der ganzen Welt nur ich wusste, war, dass Löwen in ihr brüllten.
In jenem Jahr, noch vor dem Sommer, hatten die Veränderungen begonnen. Nicht so sehr in meiner Lebensweise, die blieb immer gleich. Die Veränderungen betrafen meinen Körper. Meine Haare, zum Beispiel, die immer glatt gewesen waren, hatten angefangen, sich zu kräuseln. Es war nicht leicht, sich daran zu gewöhnen, denn bis dahin hatte ich sie immer mit einem Seitenscheitel gekämmt, und schon war Ordnung auf meinem Kopf gewesen. Aber irgendwann ging das nicht mehr, weil meine Haare machten, was sie wollten, und mein Kopf voller Wellen, Wirbel und Gewuschel war. Ich versuchte, sie beim Föhnen glattzukämmen, ohne Erfolg. Ich ließ sie kürzer schneiden und ging eine Zeit lang oft zum Friseur, in der Hoffnung, sie würden mir wieder gehorchen, wenn sie nachwuchsen, aber auch dieser Versuch scheiterte — mit zwei unerwarteten Nebeneffekten. Erstens erkältete ich mich mit meinem stets freien Hals und den freien Ohren im Winter zweimal, und zweitens entdeckte ich die Pornohefte des Friseurs unter dem Ladentisch. Er war der Friseur meines Vaters und hieß Renzo, ja er hieß sogar Friseur-Renzo, damit man ihn vom Chauffeur-Renzo unterscheiden konnte, der meinen Vater manchmal zu den Kassationsverhandlungen nach Rom fuhr (ich hatte keine Ahnung, was ein Kassationshof ist, hörte aber oft davon und stellte ihn mir als einen gefährlichen Ort vor, weil so viele Konsonanten darin zischten).
Renzos Friseurladen lag an der Piazza unseres Städtchens, und ich hatte bemerkt, dass er, wenn Mama mich dort ablieferte (sie blieb nie da, um auf mich zu warten), hastig gewisse Zeitschriften unter dem Tresen verstaute, auf dem seine Kasse stand. Doch manchmal blätterte ein Kunde gerade eine davon durch, und Friseur-Renzo konnte sie nicht verstecken, so dass ich durch die trigonometrische Anordnung der Spiegel ebenfalls etwas von diesen Bildern zu sehen bekam. Nackte Frauen. Mit ihrer Entdeckung kam — plötzlich, eindeutig und für mich vollkommen neu — das Verlangen. Aber nicht das Verlangen nach den fotografierten Frauen auf diesen Seiten, sondern das Verlangen nach diesen Fotos, danach, sie in Ruhe betrachten zu können, so wie es die Kunden taten, so wie ich es mit meinen Sammelalben tat. Und so bat ich Mama unter dem Vorwand der Lockenbekämpfung immer häufiger, mit mir zum Friseur zu gehen, und bei einem dieser Besuche geschah, worauf ich gehofft hatte: Friseur-Renzo bediente den Kunden vor mir zu Ende, mit dem er noch ein paar Worte wechselte, während der bezahlte und ging, und hatte mir noch nicht das Lätzchen umgehängt, als man ihm mitteilte, dass die Polizei ihm für seinen 600er Fiat im Parkverbot gerade einen Strafzettel ausstellte, weshalb er Hals über Kopf hinausmusste und mich allein im Laden zurückließ. Kaum war er weg, sprang ich von meinem Stuhl und lief zum Ladentisch, griff mir die Hefte und schaute sie mir an, gleich dort, hinter der Kasse. Men, Playmen, ABC — doch selbst während ich sie durchblätterte, hatte ich weiter das Verlangen, sie mir gründlicher anzusehen, denn ich musste ja auch die Glastür im Auge behalten, um zu meinem Platz zurückkehren zu können, bevor der Friseur wiederkam. Schwer zu erklären, aber mein erster Kontakt mit der Pornografie entfachte in mir ein weiteres Verlangen nach Pornografie, das die Pornografie nicht befriedigen konnte, und durch diesen Kurzschluss — sich Pornobilder anzusehen und sich zu wünschen, sich Pornobilder anzusehen — war es dumm für mich gelaufen, denn er führte zu der Geistesabwesenheit, die diesen Nachmittag in die erste Katastrophe meines Lebens verwandelte. Ohne es zu bemerken, hatte ich nämlich die Glastür aus den Augen verloren, die sich plötzlich öffnete, so dass die Ladenglocke läutete. Friseur-Renzo war zurück, war wieder im Geschäft, war vor mir, aber ich saß nicht auf dem Stuhl, wo er mich zuletzt gesehen hatte, sondern stand mit seinen Pornoheften in der Hand hinter dem Tresen. Zu viel für mich in diesem Moment, so dass die Glocke ein zweites Mal läutete, weil sich die Tür erneut öffnete, und ohne einen klaren Entschluss war ich schon aus seinem Laden und rannte fort. Ich lief, so schnell ich konnte, mit ausgeknipstem Gehirn, nur weg, weg, weg von diesem Desaster, ich lief, nichts weiter, als könnte ich dadurch, dass ich mich von diesem Ort entfernte, das auslöschen, wobei ich ertappt worden war. Ohne nachzudenken, bog ich im Zentrum in eine Gasse nach der anderen ein, nur um den Friseur-Renzo abzuschütteln, falls er hinter mir her sein sollte. So rannte ich eine ganze Weile, und als ich anhielt, um nach Luft zu schnappen, sah ich, dass der Friseur-Renzo mich gar nicht verfolgt hatte. Ich war gerettet, aber ich wusste nicht, wo ich war.
Das Zentrum von Vinci war nur ein Klecks, ich kannte es gut, weil ich dort mit meinen Freunden allein hingehen durfte, doch nun konnte ich mich nicht orientieren, als ich mich umschaute. Dann schaltete sich mein Gehirn langsam wieder ein, ich begann Geschäfte und Hauseingänge zu erkennen, sah, wo ich war, und überlegte vor allem, dass ich meine Mutter finden musste, bevor sie zum Friseur kam, um mich abzuholen. Ich habe später oft an die Suche nach meiner Mutter an jenem Nachmittag gedacht: Verzweifelt, blindlings, nie wieder habe ich einen Menschen so händeringend gesucht — und sie ist, glaube ich, auch nie wieder so gesucht worden.
Ich fand sie bei Loris, in der Konditorei. Sie aß gerade ein Marron glacé, und auf ihrem Teller lag ein Berg plissierter Papierbackförmchen, elf, um genau zu sein: Ich bin ein halber Autist, und in dem Moment, als ich sie sah, hatte mein Hirn sie auch schon gezählt. Ich war überrascht, denn wenn sie sich die zu Hause gönnte, also fast nie, aß sie immer nur eines, höchstens zwei. Sie war so verlegen, als sie mich hereinplatzen sah, während sie sich mit den Marrons glacés vollstopfte, dass es ein Kinderspiel für mich war, ihr meine Erklärung unterzujubeln: Friseur-Renzo habe ein Problem mit dem Auto gehabt und ganz plötzlich weggemusst, und so sei ich lieber gegangen, als allein im Laden zu bleiben. Sie sagte, das hätte ich gut gemacht, und brachte mich nach Hause, ohne noch einmal nachzufragen, stattdessen rechtfertigte sie unaufgefordert die zwölf Marrons glacés vor mir, die sie verputzt hatte — so nach dem Motto, sie seien von verschiedenen Herstellern gewesen, und Loris habe sie gebeten, sie zu kosten, um zu sehen, welche die besten seien. Zu Hause kündigte sie an, am nächsten Tag noch einmal mit mir zum Friseur gehen zu wollen, und da gelang meinem Gehirn angesichts der Aussicht, dass die Katastrophe, der ich gerade knapp entronnen war, nur um einen Tag aufgeschoben sein würde, ein Schritt, den zu erwägen es sich bis dahin immer geweigert hatte. Nein, erwiderte ich, da wir gesehen hätten, dass auch Abschneiden nichts bringe, wolle ich, ohne mich noch länger dagegen zu wehren, zulassen, dass meine Haare sich kräuselten, wie es offensichtlich irgendwo in meinen Genen festgelegt sei. Mama wirkte erleichtert, als hätte sie schon eine Weile auf diese Entscheidung gewartet, zum Friseur-Renzo ging sie mit mir nicht mehr, und so kam ich dazu, meine Locken zu akzeptieren, die mein Aussehen in den folgenden Monaten für immer veränderten. Ein Schatten blieb mit Blick auf die Zukunft allerdings zurück, würde ich mir doch früher oder später erneut die Haare schneiden lassen müssen, aber darüber machte ich mir erstmal keine Gedanken, und ich hielt es sogar für möglich, dass sich das Schicksal schon darum kümmern werde, mir die Blamage eines Wiedersehens mit dem Friseur-Renzo zu ersparen.
Inzwischen war es Anfang März, kurz vor meinem Geburtstag, und noch eine Veränderung überraschte mich, verursacht durch die Geschenke, die mein Vater mir machte. Bis zum Jahr zuvor war er mit mir in den einzigen Spielzeugladen im Ort gegangen, bekannt unter dem Namen seines Besitzers, Capecchi, wo ich mir ein Geschenk aussuchen durfte: Spielzeugautos, Lego, Autorennbahnen, Spielzeugeisenbahnen, dieses Geschäft war der absolute Wahnsinn für mich, und die Nachmittage dort waren die schönsten meines Lebens. Aber in jenem Jahr sagte Papa, ich sei nun schon groß, ging nicht mit mir zu Capecchi und schenkte mir zwei Dinge »für große Jungs«: einen tragbaren Plattenspieler und ein Abonnement für das Comicmagazin Linus. Als er mir das erzählte, musste ich mich sehr zusammenreißen, um meine Enttäuschung nicht zu zeigen, denn ich freute mich immer schon Monate im Voraus auf den Besuch bei Capecchi und hatte eine klare Vorstellung davon, was ich mit nach Hause nehmen würde. Es war zwar nicht das erste Mal, dass ich etwas geschenkt bekam, das kein Spielzeug war — ein paar Monate zuvor hatte ich zum Beispiel ein Kofferradio bekommen, ein Grundig Micro Boy 300, mit dem ich endlich in aller Ruhe die Fußballspiele hören konnte —, aber nie war das zu Weihnachten oder zum Geburtstag gewesen. Diesmal aber doch, und das schien mir nicht in Ordnung zu sein. Abgesehen davon, dass dann Mama, die über das Erwachsenwerden anderer Meinung war, mit mir zu Capecchi ging (ein Meccano-Baukasten, das schwebte mir vor), gefielen mir zu meiner Überraschung Papas zwei Geschenke trotzdem sehr und eröffneten mir eine ganz neue Art des Vergnügens.
Linus war im Vergleich zu Micky Maus, Tiramolla und den anderen Comics, die ich damals las, ein gewaltiger Sprung nach vorn: Ich lernte vor allem die Peanuts kennen und wurde sofort ihr treuer Fan, dann B. C., Beetle Bailey, The Wizard of Id, The Dropouts, aber, auf den letzten Seiten, auch die Comicstrips Valentina und Paulette, die ins Auge sprangen, weil sie wieder nackte Frauen zeigten. Nur dass sie diesmal gezeichnet waren und offensichtlich nichts dabei war, sie sich anzusehen, obwohl sie auf mich die gleiche Wirkung hatten wie die fotografierten.
Der Plattenspieler dagegen führte mich geradezu in eine andere Welt ein. Schon der Apparat an sich unterschied sich sehr von einem Spielzeug: Er war himmelblau, kompakt und schwer und machte erwachsene Geräusche, ganz anders als die Dinge, mit denen ich bis dahin hantiert hatte. Und doch, trotz dieser scheinbaren Robustheit, deutete die Sorgfalt, mit der ich ihn behandeln musste, darauf hin, dass er zerbrechlich war — er durfte nicht herunterfallen, durfte nicht nass werden, durfte nicht im Sand stehen und vertrug weder Kälte noch Hitze —, ganz wie die Kamera meines Vaters. Er war der erste empfindliche Gegenstand, der mir anvertraut wurde, aber vor allem sein Zweck machte einen jungen Mann aus mir: Musik hören, die von mir ausgewählt war und nicht vom Fernsehen oder vom Radio oder von irgendwem an einer Jukebox. Das war ein gewaltiger Unterschied. Nur dass man dafür Schallplatten brauchte, und zu Hause hatten wir keine 45er Platten, die einzigen, die man mit diesem Gerät abspielen konnte. Darum schenkte mir mein Vater zusammen mit dem Plattenspieler auch eine Single, und auf die möchte ich genauer eingehen, weil sie viel über ihn verrät. Viel über seine Ahnungslosigkeit, aber auch über seine Intuition; über seine Oberflächlichkeit und über seinen Pragmatismus; über seine Distanz zu Modetrends, aber auch über sein Vertrauen in gerade diese Trends; sie verrät etwas über das ihm günstige Glück, seinen Stolz, seine Naivität, über die Angst, sich zu blamieren, die er nie hatte; über seine Bedeutungslosigkeit und über sein Talent, sich stets aus der Affäre zu ziehen, ohne sein Gesicht zu verlieren — sie verrät alles über ihn, was ich im Sinn hatte, als ich ihn als Dilettanten bezeichnet habe. Die Platte war von einem Musiker, der auf dem Cover als »The Incredible Jimmy Smith« angekündigt wurde, und hieß The Cat: Später sollte ich entdecken, dass Jimmy Smith als Einstieg gar nicht so übel war, aber natürlich hatte ich damals keine Ahnung, wer das war. Nur dass — und darin lag das Geniale — mein Vater die auch nicht hatte. Er hatte die Platte aufs Geratewohl genommen, weil auf dem Cover über dem Bild einer schwarzen Katze groß der Schriftzug stand: Jingle der Sendung Per voi giovani. In seiner begnadeten Unwissenheit darüber, was sich in der Welt der Musik abspielte, war die Tatsache, dass ein Musikstück der Titelsong einer Radiosendung war, über die er zwar nichts wusste, in deren Namen aber das Wort »giovani«, junge Leute, vorkam, Empfehlung genug, um es seinem Sohn zu schenken. Ich meine, es war das Jahr 1972, er hätte nur den Verkäufer fragen müssen, und der hätte ihm erzählt, dass erst in den letzten Monaten 45er Singles mit wirklich tollen Titeln für jeden Geschmack auf den Markt gekommen waren. Außerdem hätte ihm, wenn er mir wirklich den Titelsong der Sendung hätte schenken wollen, der Verkäufer garantiert eröffnet, dass The Cat genau das seit einer Weile schon nicht mehr war, denn die Melodie war inzwischen mehrfach geändert worden. Aber mein Vater war nicht der Typ, der einen Verkäufer fragt, was er seinem Sohn schenken soll, und er duldete nicht, dass die kleinliche Komplexität der Welt die Unanfechtbarkeit seines Auswahlkriteriums ankratzte, weshalb er mir ohne jede Unsicherheit zusammen mit dem Plattenspieler auch diese Platte schenkte und sogar feierlich sowohl auf dieses Kriterium hinwies als auch auf den großen Vorzug, der sich unmittelbar daraus ergab, nämlich dass sich Vater und Sohn gemeinsam diese neue Platte anhörten, um herauszufinden, was für eine Musik das war. Er überließ mir die Ehre, die Platte in den Schlitz zu stecken und in den Bauch des Geräts zu schieben — schlonk —, und lauschte der Musik dann mit andächtiger Miene: Eine synkopierte Flut virtuoser Kunstfertigkeit auf der Hammondorgel, das war sie, und dafür ist Jimmy Smith bis heute bekannt. Er war über das, was er da hörte, bestimmt nicht weniger verblüfft als ich, legte aber während des ganzen Konzerts ein fachmännisches, nachdenkliches Gehabe an den Tag und nickte von Zeit zu Zeit wie ein Experte. In jenem Augenblick war er ein Vater, der die Lage vollkommen unter Kontrolle hatte, doch im Lichte dessen, was dann geschah, hat mich diese Erinnerung immer zu Tränen gerührt. Denn eigentlich hatte er rein gar nichts unter Kontrolle, nicht einmal damals, er war ein Blatt im Wind, wie er es immer gewesen ist, und er legte mir seinen Arm um die Schulter, ohne die geringste Ahnung zu haben, was ihn erwartete. Diesmal hatte er ins Schwarze getroffen: The Cat war der perfekte Einstieg in die Musik jener Jahre, aber es war klar, dass er auf diese Weise, mit dieser Leichtfertigkeit, früher oder später einen Fehler machen und ihn teuer bezahlen würde.
Haare spielen in dieser Geschichte eine große Rolle. Meine, die sich kräuselten, weil sie einem Befehl folgten, den mein Organismus — also ich — plötzlich ausgegeben hat, und unergründlichen, genetischen Anweisungen gehorchten, und die in wenigen Monaten mein Aussehen und meine Selbstwahrnehmung veränderten. Also mich. In diesen Monaten mied ich Spiegel, um mir die Überraschung zu ersparen, mich so verändert zu sehen. Es ging nicht darum, ob mir die Locken gefielen oder nicht, es ging um diese Veränderung, die von viel weiter her kam als von dort, wo zu sein ich immer geglaubt hatte. Es ging um die Anstrengung, die ich unternahm, um die Existenz dieser Ferne in mir zu akzeptieren.
Das Haar meiner Mutter habe ich schon erwähnt: dieses Wunder, das ebenfalls von weit her kam, aus dem Sonnenuntergang von Cornwall, den kein Mensch je gesehen hatte. Das Staunen, das es auslöste, die Phantasien, die es entfachte.
Und dann sind da noch die Haare meiner Schwester: rot wie die meiner Mutter, ohne Unterschied. Aber da gibt es ein kleines Rätsel, zwei sogar. Meine Schwester erhielt den Namen Gilda, in Anlehnung an den Film mit Rita Hayworth. Das erste Rätsel: Wie konnten mein Vater und meine Mutter zu dem Zeitpunkt, als sie sich für diesen Namen entschieden und meine Schwester gerade erst zur Welt gekommen war, wissen, dass auch sie rothaarig sein würde? Ich erinnere mich noch, wie man sie mir in den Arm legte — vollkommen eingepackt in eine von Großmutter gehäkelte Decke, und sie hatte eine Glatze; und garantiert wusste zumindest meine Mutter, was es über das Rutilismus-Gen zu wissen gibt, nämlich dass es rezessiv vererbt wird. Es war also durchaus nicht gesagt, dass es auf ihre Tochter überging, da es mit dem meines schwarzhaarigen Vaters kombiniert worden war, es war sogar unwahrscheinlich. Trotzdem haben sie sie Gilda genannt. Und das zweite Rätsel ist die Entscheidung selbst. Meine Schwester wurde 1965 geboren, und der Film Gilda ist von 1946, da war mein Vater vierzehn und meine Mutter elf, sie mussten weitere zwölf Jahre verstreichen lassen, bevor sie sich kennenlernten. Man kann also nicht sagen, dieser Film hätte mit ihnen zu tun, wie zum Beispiel Ariane — Liebe am Nachmittag, den sie, ihren Erzählungen zufolge, bei ihrem zweiten Rendezvous im Juli ’58 im Gambrinus-Kino in Florenz gesehen hatten, wo sie ihre ersten Küsse tauschten, weshalb sie — damals ging das noch — zweieinhalb Vorstellungen hintereinander im Kinosaal sitzen blieben. Doch Gilda war ein alter Film, was hatte der mit ihnen zu tun? Ich habe als Hommage an die Figur des Jimmy Rabbitte aus dem Film The Commitments meinen ersten Sohn zwar auch Jimmy genannt, aber erstens kam The Commitments ein Jahr vor der Geburt meines Sohnes in die Kinos, und zweitens war dieser Film sehr wichtig für mich, denn ich habe ihn nicht nur gesehen, ich habe ihn nicht nur geliebt, so wie ich auch den Roman geliebt habe, nach dem er gedreht worden ist, sondern ich habe auch an ihm mitgewirkt, besser gesagt, ich habe als Produktionsassistent gearbeitet, fuhr also einen Lieferwagen und brachte Dinge und Leute zum Set und verdiente so mein erstes Geld. Doch vor allem habe ich mich in ihm wiedererkannt. Ich weiß nicht, ob ihr euch noch an das Ende des Films erinnert: Jimmy Rabbitte zitiert diese Zeilen aus A Whiter Shade of Pale, deren Sinn immer im Dunkeln geblieben ist, und gerade weil man nicht begreift, worum es da geht, zitiert er sie in einem imaginären Interview, das er vor einem Spiegel gibt; und als er sich in der Rolle des Interviewers die Frage stellt, was sie denn bedeuten, antwortet er sich selbst: »Verdammt, woher soll ich das wissen?« Tja, genau so sieht mein Leben aus: Zwecklos, es verstehen zu wollen, man muss es akzeptieren, und basta. Ach, da ist was zusammengekracht? Und alle Einzelteile sind auf dem Boden verstreut? Okay, Ragazzo, dann bleibt dir wohl nichts weiter übrig, als alles auf gut Glück wieder zusammenzusetzen, und falls du nicht alle Teile zusammenkriegst, auch gut, dann tust du eben, was du kannst, und am Ende kommt es, wie es gerade kommt: Es könnte sogar besser werden als vorher, wer weiß.
Aber ich schweife ab und rede von mir — von mir, wie ich heute bin —, das ist nicht in Ordnung. Ich mache das nicht absichtlich, es ist einfach so passiert, und ich höre sofort wieder damit auf, denn das einzige »Ich«, das in der Geschichte, die ich hier erzählen will, eine Rolle spielt, ist ein zwölfjähriger Junge, der noch keinen blassen Schimmer von der Welt hat. Darum bitte ich um Entschuldigung und komme unverzüglich auf diesen Namen, Gilda, zurück, den meine Eltern meiner Schwester gegeben haben, ohne zu wissen, dass sie rote Haare haben würde, ohne dass der Film irgendetwas mit ihrer Verbindung zu tun hatte, und — so möchte ich fast glauben, aber das ist reine Spekulation — ohne dass sie ihn überhaupt gesehen haben. Wir befinden uns — das wollte ich eigentlich sagen — im Reich der strahlenden Oberflächlichkeit, dessen treuer Untertan mein Vater war, und was ich als kleine Rätsel bezeichnet habe, sind höchstwahrscheinlich gar keine. Viel wahrscheinlicher ist, dass er den Namen Gilda seiner Frau und nicht seiner Tochter zu Ehren ausgesucht hat und dass er es tat, weil dieser Name so oder so für rote Haare stand, ob man den Film nun gesehen hatte oder nicht, er war exemplarisch, so wie Assoziationen, die ein für alle Mal hergestellt werden, besonders im Kino. Marilyn — Sex; Frankenstein — Monster; Rudolph Valentino — Latin Lover; Gilda — rotes Haar. Was soll denn daran merkwürdig sein, mein Junge? Was rätselhaft?
Aber da ich mit meiner Abschweifung nun schon bei The Commitments gelandet bin, kann ich die Gelegenheit nutzen, um, immer noch im Zusammenhang mit den Haaren, zwei neue Hauptfiguren dieser Geschichte einzuführen. Dazu möchte ich eine bekannte Stelle zitieren (ich zitiere hier aus dem Roman, die italienische Übersetzung stammt von mir): »Die Iren sind die Schwarzen Europas. Die Dubliner sind die Schwarzen Irlands. Und die Dubliner aus der Vorstadt im Norden sind die Schwarzen Dublins. Darum sage und singe ich: Ich bin schwarz, und ich bin stolz darauf.« Nichts lag mir damals, 1972, ferner, als mich auf diese Weise zu sehen, doch meine Mutter und ihre ganze Familie stammten wirklich aus Kilbarrack, der nördlichen Vorstadt von Dublin, die als Vorlage für Barrytown diente, dem fiktiven Viertel, in dem der Roman und der Film spielen — und das allein ist schon ein guter Grund, um diese Stelle zu zitieren; aber der eigentliche Grund ist, dass es für mich, der in Vinci aufgewachsen ist, der manchmal Pizza essen in Florenz war, der jeden Sommerurlaub in Fiumetto verbrachte und der, abgesehen von den Besuchen bei meinen irischen Großeltern, bis dahin nur ein einziges Mal im Ausland gewesen war, im Jahr zuvor mit dem Auto in der Schweiz, dass es für mich also durchaus viele Dinge auf der Welt gab, die ich noch nie gesehen hatte, aber Schwarze zählten nicht dazu: Die hatte ich schon gesehen. Mesy und Astel Raimondi, unsere Strandnachbarn. Sie waren die Frau und die Tochter von Lucido Raimondi, dem Besitzer des Ferienhauses in Fiumetto, das wir von April bis Oktober mieteten, und Eigentümer eines großen Marmorverarbeitungswerkes in Pietrasanta. Ich schätze, die Witze über seinen »glänzenden« Vornamen waren seit seiner Kindheit reichlich abgedroschen, was uns in der Familie nicht davon abhielt, sie noch weiter abzudreschen, sooft das Gespräch auf ihn kam: »Er sah ja nicht gerade glänzend aus« und »Er war auf Hochglanz poliert« waren Wortspiele, die in unsere Familiensprache eingingen und beharrlich wiederholt wurden, weshalb dieser Mann in unseren Augen stets in eine Wolke aus Humor gehüllt war. Zumindest, wenn es um seinen Namen ging. Ganz anders verhielt es sich, wenn man mit ihm zu tun hatte. Großgewachsen, massig und unbeholfen wie ein Marsikanischer Braunbär, kam er nur sehr selten an den Strand und zeigte sich nie in Badehosen. Wenn er doch einmal kam, blieb er im Schatten, mit weißem Hemd, gelockerter Krawatte und über die Knöchel hochgerollten Hosen, als wäre er immer auf dem Sprung zur Arbeit. Er badete nicht, ging nicht spazieren, plauderte mit niemandem und zeigte nicht das geringste Interesse an den Freizeitbeschäftigungen rings um ihn her. Es sah so aus, als zeigte er einfach nur Präsenz, und von seinem Kreuzworträtsel schaute er nur auf, um aus reiner Höflichkeit den einen oder anderen Gruß zu erwidern. Steinreich, wie er war, entsprach er gewissenhaft allen Vorgaben, die sein Vermögen mit sich brachte, und so hatte er den ersten Sonnenschirm unten am Meer, die Kabine Nummer eins mit warmer Dusche und an der Strandbar den ganzen Sommer über Kredit, doch diese Annehmlichkeiten überließ er seiner Familie und seinen Gästen, ohne je selbst davon Gebrauch zu machen. Fazit: So lustig sein Name war, so respekteinflößend war er höchstpersönlich. Und nicht nur für mich, für alle, einschließlich meiner Eltern. Dass mein Vater ihn nie zu einer Bootstour einlud, obwohl er doch verrückt danach war, seine große Leidenschaft mit anderen zu teilen, lässt darauf schließen, dass er es früher einmal versucht und eine so strikte Abfuhr erhalten haben musste, dass die Sache ein für alle Mal erledigt war.
Lucido Raimondis Frau war Äthiopierin. Jünger als er, schön, und mit ihren feinen, nubischen Gesichtszügen und der kaffeebraunen Haut war sie die Hauptattraktion des Strandes. Damals gab es in Italien keine Schwarzen oder wenn, dann nur sehr wenige — vielleicht ein paar Priester in Rom —, und sicherlich saßen sie nicht in einem Strandbad unterm Sonnenschirm an der Versilia-Küste zusammen: Daher war die Neugier, die Signora Raimondi weckte, stärker als jede Selbstbeherrschung, und selbst wenn man nur unter dem Sonnenschirm neben ihrem saß, spürte man die Salve der Blicke, die alle, Männer wie Frauen, auf sie abfeuerten, sobald sie in ihr Gesichtsfeld kam. Es war ein brutales Gaffen, taktlos, entgeistert, unverschämt, in dem ich das Starren wiedererkannte, mit dem man meiner Mutter auf der Straße begegnete, nur war es weitaus respektloser. Das Gaffen von jemandem, der etwas sieht, von dem er dachte, er würde es niemals sehen; von jemandem, der sein Gesicht im Spiegel anstarrt und sich nicht erkennt; von jemandem, der zum ersten Mal nackte Frauen in einer Zeitschrift sieht. Ich versuche, Vergleiche zu finden, die sich mit meinen damaligen Erfahrungen decken, darum spare ich alles aus, was ich heute über diese Blicke sagen würde, denn natürlich verrieten sie auch, ich möchte sogar sagen vor allem, das sexuelle Verlangen der Männer, die Eifersucht der Frauen und, mehr oder weniger bei allen, bewusst oder unbewusst, Rassismus — was ein entscheidender Unterschied zu den Blicken war, die meiner Mutter galten. Heute weiß ich, dass die Haarfarbe meiner Mutter als Reiz wahrgenommen wurde, doch Signora Raimondis bloße Anwesenheit, so anders unter den Gleichartigen, so schwarz unter den Weißen, wurde als Unverschämtheit aufgefasst. Als attraktiv vielleicht, denn sie war, wie gesagt, eine schöne Frau, aber trotzdem als Unverschämtheit. Doch damals konnte ich sexuelle Triebe noch nicht als solche erkennen, und was Rassismus war, wusste ich nicht, also versuche ich angestrengt, mich, wenn schon nicht mit Hilfe meines Gedächtnisses, dem einiges entfallen ist, so wenigstens mit Hilfe einer, sagen wir, historischen Rekonstruktion an das zu erinnern, was ich angesichts der Art empfand, wie die Leute Signora Raimondi mit Blicken Gewalt antaten, und die mich sehr verstörte. Sie verstörte mich besonders, weil ich diese Art, sie anzusehen, überhaupt nicht nachvollziehen konnte, denn ich hatte diese Frau, seit ich denken konnte, unter dem Sonnenschirm, immer ganz aus der Nähe, gesehen und daher auch von dem Recht Gebrauch gemacht, sie anzuschauen, sooft ich wollte. Mich verstörte, dass ich im Gegensatz zu den anderen so an sie gewöhnt war, dass mir ihre Anwesenheit vertraut war, und dass ich sie ansehen konnte, ohne die geringste Neugier zu verspüren, was mir aus meiner damaligen Sicht wie ein großes Privileg erschien.
Ehrlich gesagt, gab es doch etwas an ihr, das mich verwirrte, und hatte es immer gegeben: ihr Haar. Sie trug es lang und in unzählige Zöpfe geflochten, die ihr über die Schultern fielen. Sie hatte es immer so getragen, mit diesen akkuraten Zöpfen, die ich immer hatte berühren wollen. Manchmal, wenn ich mir beim Spielen zwischen den zwei Sonnenschirmen seltsame Manöver ausdachte, so in der Art, eine Murmel unter die Liege rollen zu lassen, auf der sie lag, und mich dann zu strecken, um sie zurückzuholen, und so zu tun, als schaffte ich es nicht, war es mir gelungen, mich von diesen Zöpfen streifen zu lassen, am Rücken oder an der Schulter, wenn sie sich tatsächlich vorbeugte, um mir zu helfen: Aber das war nicht genug, um in mir den Wunsch zu wecken, ihr Haar auch mit den Händen zu berühren, es zu streicheln und jede einzelne Flechte dieser Zöpfe zu befühlen, die ebenfalls bei allen für Erstaunen sorgten.
Und schließlich Astel, ihre Tochter. Sie war ein Jahr älter als ich. Ihr werdet alles über sie erfahren, denn sie ist die Protagonistin dieser Geschichte. Vorläufig sei nur gesagt, dass in jenem Sommer, als ich mit Locken am Strand erschien, Astel mit Zöpfen erschien, die waren wie die ihrer Mutter, nur noch schöner. Und ihre Zöpfe berühren zu wollen, erwies sich sofort als etwas ganz anderes.
Es gibt zwei Zeilen von W. H. Auden, die ich mit mir herumtrage, seit ich sie zum ersten Mal gelesen habe, damals im Gymnasium, und die ich im Laufe der Zeit wie eine Visitenkarte verteilt habe, wo ich nur konnte, an meine Freunde, an die Mädchen, die ich geliebt habe, an meine Studenten, an meine Frau, an meine Kinder, in meinen Vorlesungen. Sie lauten: »Auch wenn du dich nicht immer genau erinnern kannst, warum du glücklich gewesen bist, kannst du doch nicht vergessen, dass du es warst.« Jetzt, da ich von den Sommern damals in Fiumetto erzählen will und ich mir vorgenommen habe, ihren Geruch zu beschreiben, helfen mir diese Zeilen. Denn in jenen Sommern gab es einen Geruch, den ich anderswo nie wiedergefunden habe. An ihn selbst erinnere ich mich nicht, natürlich nicht — bekanntlich ist das Gehirn nicht in der Lage, Gerüche zu reproduzieren, ganz anders, als das bei Bildern und Geräuschen möglich ist —, und doch begleitet er die Erinnerung an jedes einzelne Erlebnis in jenen Sommern. Gleichbleibend und recht stark, war er damals nichts Besonderes, gerade weil es keinen Ort gab, an dem man ihn nicht spürte. Aber da er mir seither nicht mehr begegnet ist, wurde er legendär. Darum will ich ihn beschreiben, und darum helfen mir die zwei Zeilen von Auden: Auch wenn ich mich nicht genau an ihn erinnern kann, kann ich doch nicht vergessen, dass es ihn gab.
Er war überall. Im Haus, im Wohnzimmer mit den stets geöffneten Fenstern, in dem wir aßen und fernsahen, aber auch im Schlafzimmer, in den frisch gewaschenen Laken, im Kopfkissen; am Meer, im Bagno Stella, unter dem Bambusgeflecht der Bar oder in den Badekabinen, doch auch unter den Sonnenschirmen am Strand und sogar direkt am Wasser, denn nicht einmal der Seewind, von dem mein Vater in jeder Minute des Tages schwärmte, konnte ihn vertreiben. Auf der Küstenstraße, wo er sich seinen Weg durch die Auspuffgase der vorbeirasenden Autos bahnte, und die Küstenstraße zu überqueren, war wirklich riskant, doch auch in den kühlen, stillen Straßen im Ort, wo man vollkommen gefahrlos Rad fahren konnte; am Lazzi-Busbahnhof, wo es eine Spielhalle und eine elektrische Autorennbahn für Kinder gab; in der Pizzeria Maruzella, wohin uns Papa und Mama jedes Jahr am 14. Juli mitnahmen, um den Tag zu feiern, an dem sie zusammengekommen waren; im Eden Park, »dem Rolls-Royce unter den Ferienanlagen«, der eine Rollschuhbahn und einen Tennisplatz hatte, aber auch in allen anderen Freizeitanlagen, sowohl in der Eisdiele Cervino als auch im Freiluftkino, in den Bars, in den Läden, auf den Märkten, überall. Das ist natürlich übertrieben, denn wollten wir auf mein Gedächtnis hören, läge dieser Geruch auch im Pinienwäldchen über den Fußballspielen gegen die Kinder aus dem Ferienlager, dabei konnte er im Pinienwäldchen nicht gewesen sein, weil in einem Pinienwald — und ich meine in jedem Pinienwald — heute wie damals die jahrhundertealte, unbezwingliche Überlegenheit der Naturgerüche herrscht. Aber der Geruch, den ich hier meine, war vollkommen künstlich, vollkommen chemisch und so allgegenwärtig, durchdringend und köstlich, dass er in meiner Erinnerung auch Orte überflutete, an denen es ihn nicht gab.
Genau genommen war es eine Geruchsmischung. Ihr zugrunde lag vor allem Plastik, waren doch die siebziger Jahre die Plastik-Jahre: mit dem Plastik von Hunderten kleinen, an Land gezogenen Motorbooten und Segelbooten aus Glasfaser — der Flying Dutchmen, der Katamarane, der 470er, der Flying Junior, der Sunfish, der Alpa Esse, Alpa Skip, Alpa Tris; mit dem Plastik Tausender Stühle und Tische vor den Bars, aus Hartplastik oder aus Metall mit Sitzen und Rückenlehnen aus geflochtenem Kunststoff; mit dem Plastik von Zehntausenden Waschschüsseln aus Polypropylen, von Eimern, Bürsten und Schrubbern für den Hausputz; mit dem Plastik von Hunderttausenden Bocciakugeln, Wurfscheiben und Murmeln mit Bildern der Radrennfahrer, von Taucherbrillen, Schwimmflossen, Schnorcheln (sie schmeckten auch nach Plastik), von Sandschaufeln, Kegeln und von jedem anderen Strandspielzeug; mit dem Plastik von Millionen Fläschchen und Döschen für Seifen, Shampoos, Make-up und Cremes.
Außerdem gab es Gummi. Tonnenweise Gummi über den ganzen Strand verteilt: den dünnen Gummi der Luftmatratzen und der aufblasbaren Kinderboote, der dazugehörigen Luftpumpen, der Wasserbälle mit ihren bunten Segmenten, der Schwimmringe, der Schwimmflügel und der Gartenschläuche; oder den festeren Gummi der großen Schlauchboote, der Fußbälle, der Tischtennisschläger; oder auch der Reifen für Fahrräder, Motorräder, Autos.
Dann noch Nylon, ein Kunstfasergewebe zur hektarweisen Herstellung von Segeln oder buntem Stoff für Zelte und Sonnenliegen, für Liegestühle und Regiestühle, oder von Silberplanen zum Schutz parkender Autos oder von Abdeckplanen für die Boote — und wenn diese Boote Katamarane waren und ein Kind sich im Schatten zwischen den zwei Rümpfen versteckte und dort blieb, bis es gefunden wurde, lernte es den Geruch von Nylon kennen.
Die Autoabgase habe ich schon erwähnt, aber außer auf der Küstenstraße waren sie kaum spürbar. Als Ausgleich, ebenso wenig spürbar, aber auch an ihn erinnere ich mich, der Duft nach Seife und Shampoo: also der Inhalt der Millionen schon erwähnten Fläschchen, ein Duft, der von den Haaren und der Haut Hunderttausender frisch geduschter Menschen ausging. Und schließlich war da natürlich der Duft der Sonnencreme. Den hatte ich selbst an mir, denn obwohl ich keine empfindliche Haut hatte wie meine Mutter und meine Schwester, wurde ich jeden Morgen gründlich eingecremt: Aber es war, wohlbemerkt, nicht nur unsere Sonnencreme, der Duft kam nicht nur von unserer Haut. Der Duft dieser Creme war überall, er lag in der Luft, er kam von allen.
Natürlich ist es müßig, auch nur zu versuchen, die Dosis jedes einzelnen Bestandteils auszumachen, als gäbe es ein Rezept zur Wiederherstellung dieses Duftes. Fest steht aber, dass er durch die Zenitstrahlen der Sonne entfacht und intensiviert wurde, die den Sand glühen und den Horizont flimmern ließen und dabei die Harze zum Kochen brachten, auf die Polymere einschlugen und die Farbstoffe in dieser grenzenlosen Flut synthetischer Gegenstände aufheizten. Die Sonne war das entscheidende Element, denn als mein Vater mich außerhalb der Saison zu diesem Ort mitnahm, um sein Boot zu warten, und der Strand leer und trostlos war und der Himmel grau und regenschwer und der Wind die Fahnen peitschte, fehlte dieser Geruch. Jahrelang, als wir noch an diesen Ort ans Meer fuhren, doch auch später, als wir nicht mehr dorthin fuhren, nannten meine Schwester und ich diesen Geruch den Sonnenduft.
