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Tiger, Magier und Schwerttänzer des siebten Grades, kehrt gemeinsam mit Del in den Süden zurück, obwohl dort ein Todesurteil auf ihn wartet. Aus seinen Träumen weiß er, dass er nur in seiner Heimat das Jivatma, das Schwert der Wahrheit, finden kann. Doch bevor die Suche beginnen kann, muss er sich in Jula einer tödlichen Herausforderung stellen: dem Duell mit einem anderen Schwertmeister.
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Seitenzahl: 645
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Jennifer Robersons "Schwertänzer-Zyklus" – sieben einzigartige Romane voller Magie, Geheimnisse und funkelnder Dialoge. Ein Meisterwerk der modernen Fantasy!
Jetzt erstmals als eBook lieferbar.
Tiger, der Magier und Schwerttänzer des siebten Grades, kehrt gemeinsam mit seiner schönen Schwertkämpferin Del in den Süden zurück, obwohl dort ein Todesurteil auf ihn wartet. Aus seinen Träumen weiß er, dass er nur in seiner Heimat das Jivatma, das Schwert der Wahrheit, finden wird. Doch bevor die Suche beginnen kann, muss er sich in Jula einer tödlichen Herausforderung stellen: dem Duell mit einem anderen Schwertmeister …
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel "Sword-Sworn" Edel eBooks Ein Verlag der Edel Germany GmbH
© 2015 Edel Germany GmbH Neumühlen 17, 22763 Hamburg
www.edel.com
Copyright © der Originalausgabe 2002 by Jennifer Roberson O´Green
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2003
Ins Deutsche übertragen von Karin König
Covergestaltung: Eden & Höflich, Berlin.
Konvertierung: Datagrafix
Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des jeweiligen Rechteinhabers wiedergegeben werden.
ISBN: 978-3-95530-710-3
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Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Epilog
Anmerkungen Der Autorin
1998 schloss ich genau zum Jahresende einen historischen Roman ab. Meine nächste Aufgabe sollte darin liegen, das vorliegende Buch zu beginnen. Ich nahm mir einige Monate frei, um mich zu regenerieren. Aber im März 1999 wurde bei meiner Mutter Krebs diagnostiziert. Als einziges Kind einer schon vor langer Zeit geschiedenen Frau wurde ich zur Hauptsorgetragenden. Innerhalb von zehn Tagen nach der Diagnose wurde ich zur Testamentsvollstreckerin.
Einige Autoren arbeiten während einer Trauerzeit. Aber ich fühlte mich in einer außerordentlichen Wandlung gefangen – meine Mutter: tot. Dazu kam die Verantwortung für ihren Nachlass und das Haus, in dem ich aufgewachsen war und das ich nun zum Verkauf anbieten musste; zur selben Zeit bereitete ich mich ebenfalls auf einen Umzug mit zehn Hunden und drei Katzen an einen anderen Ort vor. Offen gestanden wurde das Schreiben des Buches zur Nebensache.
Inzwischen ist alles geregelt. Ich schreibe wieder Vollzeit. Aber ich möchte an dieser Stelle meiner Mutter Hochachtung bezeigen, da sie die klassische Leitfigur für meine Liebe zu Büchern war, die mir jeden Abend vor dem Einschlafen etwas vorlas, die meine frühesten literarischen Versuche beurteilte, die nie darin fehlte, meine Bemühungen zu unterstützen, und die solche Freude an meinen Veröffentlichungen hatte. Von meinem vierzehnten Lebensjahr an und seit ich meinen ersten Roman schrieb, bis wenige Tage vor ihrem Tod hat sie mich stets dazu ermutigt, meinen Träumen nachzugehen.
Mom, du wirst meine letzten Arbeiten niemals lesen. Aber ich weiß, dass du ein Teil dieser Bücher bist, wie du stets ein Teil all dessen sein wirst, was ich schreibe. Gott sei mit dir.
Der Sand war sehr fein und sehr hell, wie Dels Haar. Wie ihre Haut einst gewesen war. Aber die südliche Sonne, dann die Sonneneinwirkung und die salzhaltige Luft während der Seereise und nicht zuletzt unser Besuch der Insel Skandi hatten ihrer Haut allmählich einen samtigen Pfirsichton verliehen. Sie war noch immer zu hell, zu nordisch, um dem grellen Schein der Sonne längere Zeit standzuhalten, ohne zu verbrennen, aber sie war gewiss nicht mehr so hell, wie sie es bei unserer ersten Begegnung gewesen war.
Oh, richtig. Ich sprach über den Sand.
Er war also sehr fein und sehr hell, und ich hatte sorgfältig daran gearbeitet, ihn mit einem ausreichend großen Stück Rinde der dünnen, hohen, mit Wedeln und Grannen versehenen Palme zu ebnen, die den Strand, das dahinter liegende Meer und das Schiff überragte, das ich in Skandi gechartert hatte. Dann aber hatte ich die akribische Glätte verdorben, indem ich etwas hineingezeichnet hatte.
Einen Kreis.
Einen Kreis.
Ich hatte niemals wieder in einen Kreis eintreten wollen.
Aber ich ebnete den Sand, und ich zog den Kreis, und dann trat ich über die Linie in dessen Mitte. Genau in dessen Mitte.
Es donnerte nicht. Es fiel kein Regen. Kein Blitz riss den Himmel auf. Entweder kümmerte es die Götter nicht – wenn sie denn wirklich existierten –, dass ich erneut in einen Kreis eingetreten war, oder aber sie trieben sich gerade auf einem Flecken der Welt eines anderen herum.
»Ha«, murmelte ich und gönnte mir ein einfältiges Grinsen.
»Ha, was?«, fragte sie, von irgendwo hinter mir.
Ich wandte mich nicht um. »Ich habe das Unmachbare gemacht.«
»Ah.«
»Und nichts hat mich gepackt.«
»Gepackt.«
»Nichts packte mich.«
»Noch nichts.«
Nun wandte ich mich doch um. Sie stand ruhig im Sand. Die Beine reichten ihr bis zum Hals. Sie waren überwiegend entblößt, diese Beine. Wenn die Umstände es nicht verbaten, trug sie gewöhnlich eine ärmellose, hochgeschlossene Ledertunika, die ungefähr bis zur Mitte ihrer Oberschenkel reichte. Im Süden trug sie zudem einen lockeren Burnus über der Ledertunika, um ihre Haut vor der brennenden Sonne zu schützen, aber wir waren nicht im Süden. Wir befanden uns auf einer von mildem Seewind gekühlten Insel, und sie hatte die meisten jener prosaischen Kleidungsstücke zum Bedecken ihres Körpers abgelegt.
Ich sagte, dass ihre Beine bis zum Hals reichten. Was nicht heißen soll, dass kein Körper dazwischen war. O doch, da war einer.
»Siehe da, es hat mich gepackt«, verkündete ich im Tonfall unermesslicher männlicher Wertschätzung.
Früher hätte sie mich vielleicht geschlagen – oder vernichtend gerügt. Aber sie wusste, dass ich scherzte. Nun, nicht gänzlich – ich schätze wirklich jeden geschmeidigen, wendigen Zentimeter an ihr, aber diese Wertschätzung war in ihren Augen weniger ein Zeichen der vollendeten Begierde denn simple männliche Bewunderung.
Überwiegend.
Del wölbte eine helle Augenbraue. »Übst du die Sprachen und ihre Zeitformen?«
»Was?«
»Packen, packte, gepackt.«
Ich grinste sie an. »Ich brauche nicht zu üben. Ich spreche sie alle – inzwischen.«
Die Augenbraue sank wieder herab. Del war sich noch immer nicht sicher, wie sie mit den Scherzen über meinen neuen Status umgehen sollte. Hoolies, ich konnte nur darüber scherzen, da ich selbst nicht viel von diesem neuen Status verstand.
Del beschloss, es zu ignorieren. »Also. Ein Kreis.«
Ich fand, dass dieser Umstand vollkommen für sich sprach, und betrachtete sie daher übertrieben geduldig schweigend.
Ihre Miene war ausdruckslos. »Und du befindest dich darin.«
Ich nickte ernst. »Wie auch mein Schwert.«
Nun war sie verblüfft. »Schwert?«
Zur Erklärung hob ich es hoch.
»Das ist ein Stock, Tiger.«
Ich schnalzte mit der Zunge. »Und du erzählst mir seit Jahren, ich hätte keine Fantasie.« Ich deutete mit besagtem Stock auf sie. »Hol dir auch einen. Ich habe dort drüben einige hingelegt, bei dem Haufen Steine.«
Nun wölbten sich beide Augenbrauen bis zum Haaransatz. »Du willst üben.«
»Das tue ich.«
»Ich dachte ...« Aber sie brach jäh ab. Und besaß den Liebreiz zu erröten.
Delilah errötete nicht leicht. Ich war erfreut, auch wenn der Grund dafür nicht wirklich schmeichelhaft war. »Hast du etwa geglaubt, ich würde dich belügen oder mich Wunschdenken hingeben? Mich vielleicht vollkommen zum Narren machen, während ich neue Fertigkeiten und Züge entwickle?«
Sie wandte den Blick nicht ab – Del mied keine Wahrheiten, nicht mal die harten –, aber die Röte wich auch nicht.
Ich schüttelte den Kopf. »Ich dachte, du hättest verstanden, worum es in all den Wochen des Körpertrainings ging.«
»Um Genesung«, sagte sie. »Darum, wieder in Form zu kommen.«
»Ich bin genesen, und ich bin in Form.«
Sie erhob keine Einwände. Es entsprach der Wahrheit. »Aber du hast all das ohne einen Kreis geschafft.«
Das hatte ich. Und zwar einiges. Obwohl ich noch herausfinden musste, wie ich es geschafft hatte. Ein Mann, der in sein viertes Lebensjahrzehnt eintritt, kann nicht annähernd mit diesem Mann im zweiten Lebensjahrzehnt mithalten. Aber selbst meine Knie hatten in letzter Zeit aufgehört, sich zu beklagen.
Vielleicht war es die Seeluft.
Oder auch nicht.
Dieses »oder auch nicht« machte mich nervös.
Ich räusperte mich und erklärte: »Ich werde meine eigenen Tänze bestreiten, Del.«
»Aber ...« Sie verstummte erneut.
Aber. Ein sehr schwer wiegendes Wort, dieses »Aber«, mit allen möglichen versteckten Anspielungen und Andeutungen befrachtet.
Aber.
Aber, wollte sie fragen, wie kann ein Mann ein Schwert richtig ergreifen, wenn ihm an beiden Händen die kleinen Finger fehlen? Aber wie kann er es festhalten, wenn eine andere Klinge darauf trifft? Aber wie kann er darauf hoffen, einen Gegner im Kreis zu besiegen? Wie kann er den Tanz gewinnen? Wie kann er, auf dessen Kopf ein Preis ausgesetzt ist, sein Leben im ritualisierten Kampf des Südens zurückgewinnen, wenn er in Folge seiner eigenen Entscheidung daraus ausgeschlossen wurde? Wenn der Verlust der Finger alles frühere Können zunichte macht?
Aber.
Ich sah die Vermutung in ihren Augen, das leichte Aufflackern von Besorgnis.
»Ich habe absolut die Absicht zu tanzen«, sagte ich ruhig, »und absolut keine Absicht zu sterben.« So lange wie möglich.
»Kannst du es?«, fragte sie schließlich geradeheraus.
»Tanzen? Ja. Siegen? Nun, diese Frage haben wir nie richtig geklärt, oder? An manchen Tagen wirst du siegen, an anderen werde ich siegen.« Ich zuckte die Achseln. Es war eine Sache der Auslegung, wie viele solcher Tage mir noch blieben. »Und was die anderen betrifft, gegen die ich tanzen werde ... Nun, wir werden einfach abwarten müssen.«
»Tiger ...«
In der Ferne wieherte laut der Hengst. Ich segnete ihn für sein Zeitgefühl, obwohl er nicht viel Glück dabei haben würde, die Stute zu finden, die er haben wollte. »Hol das ›Schwert‹, Del.«
Sie blieb stehen. »Wenn ich diesen Tanz gewinne – wirst du dann aufhören?«
»Wenn du diesen Tanz gewinnst, werde ich einfach härter üben müssen.«
»Dann willst du immer noch in den Süden zurückkehren.«
»Das sagte ich dir bereits. Ja.« Ich betrachtete sie. »Hast du etwa geglaubt, ich wolle bis zum Ende meiner Tage hier auf dieser unbedarften Insel leben?« Was uns nichtsdestotrotz auf mehr als eine Art das Leben gerettet hatte.
»Ich weiß es nicht.« Ihr Tonfall war eine Mischung aus Enttäuschung, Ärger und Hilflosigkeit. »Ich habe keine Ahnung, was du tun wirst oder nicht, Tiger. Du bist nicht mehr berechenbar.«
Nicht mehr. Was bedeutete, dass ich es einst gewesen war.
Ich strahlte sie an. »Nun gut. Dann bin ich auch nicht langweilig.« Ich wedelte erneut mit dem Stock. »Je eher wir anfangen, desto eher werden wir es wissen.«
Ihre Miene ließ vermuten, dass sie es bereits wusste. Oder es zu wissen glaubte.
»Nicht berechenbar«, erinnerte ich sie. »Auch deine eigenen Worte.«
Del wandte sich auf dem Absatz um und stakte zu den Ästen hinüber, die ich zu glatten Stöcken bearbeitet hatte. Es gab keine Spitze, keine Schneide, kein Kreuzstück, kein Heft, keinen richtigen Knauf. Es waren keine Schwerter. Es waren Stöcke. Aber welchen sie auch immer wählte, er würde genügen.
»Beeil dich«, sagte ich. »Wir verschwenden Tageslicht, Bascha.«
Durch eine Lupe betrachtet, wird die Welt vergrößert. Kleines wird groß. Unsichtbares wird sichtbar gemacht. Träume, an unbeherrschbare Temperamente und Unvorhersehbarkeiten gebunden, mögen vielleicht dasselbe bewirken, die Sichtweise des Menschen ändern. Das Verständnis. Das Bekannte wird unbekannt.
Sandkörner, leicht verschoben. Sanft aneinander gedrängt. Versammelt. Durcheinander gerollt. Vereint.
Ich blinzele. Die Welt zieht sich zurück. Großes wird klein, Gewichtiges wird unbedeutend. Und ich erkenne, was den Sand bewegt.
Nicht Wasser. Nicht Wind.
Blut.
Zuerst vergewaltigen sie sie. Dann schlitzen sie ihr die Kehle auf. Zweimal, vielleicht dreimal. Die Knochen ihres Rückgrats, im zerschundenen Fleisch blank liegend, schimmern weiß in der Sonne.
Blut fließt. Schiebt Sand zusammen. Macht aus schlecht genährtem Staub Schlamm. Ist von der Sonne in Nichts verwandelt worden.
Selbst Blut, in der Wüste, kann der unaufhörlichen Hitze nicht standhalten.
Beim Körper wird es länger dauern, denn Fleisch und Knochen werden nicht so leicht vereinnahmt. Aber die Wüste wird gewinnen. Ihre Siege sind grenzenlos.
Sie hätten sie womöglich am Leben lassen können, auf dass sie verdurste. Es war gnädig von ihnen, sie schnell zu töten. Ihr Gelächter war ihre Totenklage. Ihr Spaß bestand darin, ein Schwert in Reichweite liegen zu lassen; aber sie hatte nicht die Kraft, es gegen sich selbst zu richten.
Während die Sonne sie austrocknet, das Fleisch auf den Knochen ausdörrt, wendet sie den Kopf auf dem Sand und sieht mich aus Augen an, die ich wiedererkenne.
»Nimm das Schwert auf«, sagt sie.
Ich schrecke keuchend aus dem Schlaf in zitternde Wachheit, schmecke Sand im Mund. Salz. Und Blut.
»Es ist an der Zeit«, sagt sie.
Ihr Atem, ihr Tod, waren die meinen.
»Finde mich«, sagt sie, »und nimm das Schwert auf.«
Del spürte, wie ich krampfartig wach wurde. Sie wandte sich schläfrig zu mir um und fragte: »Was ist los?«
Ich antwortete nicht. Ich konnte nicht.
»Tiger?« Sie stützte sich auf einen Ellenbogen. »Was ist los?«
Ich schaute in den dunklen Himmel hinauf. Etwas war in mir, das forderte, dass ich antworten sollte. Ich fühlte mich sehr distanziert. Ich fühlte mich sehr klein. »Es ist an der Zeit.« Ein Widerhall des Traums.
»An der Zeit?«
Die Worte drangen wie von selbst aus meinem Mund. »Nach Hause zu ziehen.« Nach Hause zu ziehen. Das Schwert aufzunehmen.
Kurz darauf fragte sie: »Bist du in Ordnung? Du klingst nicht wie du selbst.«
Ich fühlte mich auch nicht wie ich selbst.
Sie legte eine Hand auf meine Brust und spürte den Herzschlag. »Tiger?«
»Ich ... ich weiß es einfach. Es ist an der Zeit.« Nur das. Es schien zu genügen.
Finde mich.
»Bist du sicher?«
Nimm das Schwert auf.
»Ich bin sicher.«
»In Ordnung.« Sie legte sich wieder hin. »Dann werden wir gehen.«
Ich konnte ihre Anspannung spüren. Sie hielt es für keine gute Idee. Aber das war unwichtig. Wichtig war, dass es an der Zeit war.
Nachdem wir von der Insel fortgesegelt waren, befanden wir uns auf dem Weg nach Haziz, der Hafenstadt des Südens, die wir vor Monaten auf dem Weg nach Skandi verlassen hatten. Aber diese Reise war Vergangenheit. Nun schifften wir uns zu einer noch gefährlicheren Reise ein: in den Süden zurück, wo mir das Todesurteil drohte.
In der Zwischenzeit verbrachten Del und ich die Zeit mit Üben. Sie gewann die Kämpfe nicht. Ich auch nicht. Es ging nicht um einen Sieg, sondern darum, meinen Körper und Geist umzuschulen. Ich spürte einen Druck in mir, den Druck, es besser zu machen, mehr zu tun, besser zu sein.
»Du hältst dich zurück«, beschuldigte ich sie, nun – wieder – an das Knarren von Holz und Takelage und das Knattern von Segeltuch gewöhnt.
Del öffnete den Mund, um meine Behauptung zu widerlegen. Sie hielt sich im Kreis niemals zurück. Aber sie schloss den Mund wieder und betrachtete mich nachdenklich, obwohl ihr Gesichtsausdruck vermuten ließ, dass sie sich ebenso unerbittlich prüfte.
»Nun?«, forderte ich sie heraus, während ich meine bloßen Füße noch fester auf die Holzplanken setzte.
»Vielleicht«, sagte sie schließlich.
»Wenn du mich wirklich für unfähig hältst ...«
»Das habe ich nicht gesagt!«
»... dann solltest du mich einfach aus dem Kreis hinausbefördern.« Wir hatten in Wahrheit keinen richtigen Kreis, denn der Kapitän hatte lautstark Einspruch dagegen erhoben, dass ich einen in sein Deck ritzte, aber unser Verstand wusste dessen ungeachtet, wo die Grenzen lagen.
Del, die ein Ende des Stocks aufs Deck gerichtet hatte, benutzte ihn nun als Spazierstock, indem sie sich müßig darauf stützte, die freie Hand auf der Hüfte, den Ellenbogen auswärts gewandt. »Ich glaube nicht, dass dich jemand aus dem Kreis hinausbefördern könnte, selbst wenn dir beide Hände fehlten.«
Kein schönes Bild. »Danke.« Ich verzog das Gesicht. »Glaube ich.«
Blaue Augen wurden groß. »Das ist ein Kompliment!« Das hatte ich vermutet.
Nun verengten sich diese Augen. »Du wendest tatsächlich einen anderen Griff an.«
»Ich sagte, dass ich das tun würde.« Ich hatte auch gesagt, dass ich es tun musste. Die Umstände erforderten es.
Sie entspannte sich und streckte den Arm aus. Im Befehlston sagte sie: »Umschließ mein Handgelenk«
Ich verschränkte eine große Hand um ihr Handgelenk und spürte den Knochenhöcker auf der linken Seite und die ausgeprägten Sehnen an der Unterseite. Delilah war eine starke Frau.
Sie zog die hellen Augenbrauen zusammen. »Der Druck ist anders.«
»Natürlich.« Ich war nicht allzu unglücklich, ihr Handgelenk zu halten. »Ich habe drei Finger und einen Daumen, nicht vier.«
»Dein Griff wird hier schwächer sein.« Sie berührte die Außenkante meiner Handfläche. Mit diesem Teil meiner Hand war alles in Ordnung. Nur ragte kein kleiner Finger mehr hervor. »Wenn sich das Schwertheft in deiner Hand dreht oder im Winkel zu deiner Handkante gedrängt wird ...«
»Ich werde die Hebelkraft verlieren. Die Kontrolle. Ja, das weiß ich.«
Nun runzelte sie die Stirn. Sie ließ ihren Stock aufs Deck fallen. Sie betrachtete meine Hand genau, nahm sie in ihre Hände. Sie hatte sie natürlich zuvor schon gesehen, hatte beide Hände gesehen, wie auch das knotige, rötliche Narbengewebe, das den Auswuchs des abgetrennten Knochens bedeckte.
Del war nicht zimperlich. Sie hatte mich mehrere Male zusammengeflickt, ebenso wie sich selbst. Sie bedauerte den Verlust der Finger – Hoolies, ich ebenfalls! –, aber sie verzagte deshalb nicht. Jetzt studierte sie bei ihrer methodischen und nüchternen Betrachtung, die sich nicht für Anspielungen und Andeutungen eignete, jeden Zentimeter meiner Hand. Sie betastete die Haut, die Sehnen, die schmalen Knochen unter beiden. Ich habe große Hände, breite Hände, und die Ballen weisen dicke Hornhautschwielen auf.
»Was ist?«, fragte ich schließlich, als sie weiterhin die Stirn runzelte.
»Die Narben«, sagte sie. »Sie sind fort.«
Ich habe vier tiefe Furchen in die Wange eingegraben sowie eine Vertiefung in der Haut links oberhalb der Rippen. Zweifelnd hob ich die Augenbrauen.
»An deinen Händen«, erklärte sie. »Alle Narben sind fort. Und dieser Knöchel hier ...«, sie tippte darauf, »... war wulstiger als die anderen. Er ist es nicht mehr.«
Ich hätte vermutlich eine unanständige Bemerkung über Dels intimes Wissen über meinen Körper anbringen können, aber ich tat es nicht. Im Augenblick ging es um mehr als um ein verbales Vorspiel.
Ich hatte alle möglichen Narben und Scharten am Körper. Wir beide. Meine resultierten aus einer Kindheit in Sklaverei, einem erzwungenen Besuch in den Minen eines südlichen Tanzeers namens Aladar und aus übermäßig langem – und gefährlichem – Schwerttänzertraining und gleichermaßen gefährlichen, realen Tänzen. Letztere hatten auch Del auf gewisse charakteristische Arten beeinträchtigt. Sie hatte als Erinnerung an einen vor Jahren im Norden stattgefundenen Tanz, bei dem wir beide fast gestorben wären, ihre eigene bedeutsame Narbe am Bauch sowie verschiedene weitere durch Schwerter zugefügte Makel.
Ich hatte wochenlang gebraucht, um mich an die Stümpfe der beiden fehlenden Finger zu gewöhnen, obwohl ich manchmal hätte schwören können, dass ich noch die volle Anzahl an Fingern besaß. Außerdem hatte ich nicht weiter auf meine Hände geachtet, außer dass ich sehr hart daran gearbeitet hatte, sie zu stärken, wie auch meine Handgelenke und Unterarme. Das Innere war wichtig, nicht das Äußere. Die Muskeln, die Kraft, die die Hände und somit auch ihren Griff kontrollierte. Nicht die äußerlichen Narben.
Aber Del hatte Recht. Der Knöchel, der sonst ständig vergrößert war, sah wieder genauso aus wie die übrigen. Und die Narben und Makel, die ich mir in vierzig Jahren verdient hatte, waren fort. Selbst die entstellten Narben von der Arbeit in Aladars Mine waren verschwunden.
Vollkommen darauf konzentriert, mich umzuschulen, hatte ich es nicht einmal bemerkt. Ich entzog ihr meine Hand, während ich finster die Stirn runzelte.
»Es ist keine große Sache«, stellte Del, wenn auch recht zögerlich, fest.
»Skandi«, murmelte ich. »Meteiera.« Ich betrachtete meine Hände noch genauer.
»Haben sie bei dir irgendwelche Magie angewandt?«
Ich richtete den finsteren Blick von der Hand auf die Frau. »Nein, sie haben bei mir keine Magie angewandt. Sie haben mir die Finger abgeschnitten!« Ganz zu schweigen davon, dass sie auch meinen Schädel rasiert und tätowiert sowie meine Ohren und Augenbrauen durchstochen und mit Silberringen versehen hatten. Die meisten der Ringe waren inzwischen fort, dank Dels vorsichtiger Hilfe, obwohl ich auf ihr Geheiß zwei in jedem Ohrläppchen behalten hatte. Man frage mich nicht, warum. Del sagte, sie möge sie.
»Du siehst jünger aus.« Sie sprach mit sorgfältig bemessenem Tonfall.
Es war schon Ironie des Schicksals, jünger auszusehen, wenn sich die Lebensspanne verkürzt hatte.
»Natürlich, vielleicht sind es die Haare«, sann Del. »Du siehst sehr verändert aus, seit du sie so kurz trägst.«
»Länger als sie waren.« Ich rieb mit einer Hand über meinen Kopf. Mein Haar, insgesamt jetzt vielleicht zwei Zentimeter lang, lag dicht am Schädel an, obwohl ich jeden Tag erwartete, dass sich die lästige Welle wieder zeigen würde. Del hatte gesagt, die blauen Tätowierungen wären nicht mehr zu sehen, bis auf einen kleinen Rand am Haaransatz. Aber auch der würde verborgen sein, sobald mein Haar ein Stück gewachsen wäre.
»Ich meine nicht, dass du wie ein Junge aussiehst«, erklärte sie. »Du siehst wie du aus. Nur ... weniger verbraucht.«
Hoolies, das klang gut. »Definiere ›weniger verbraucht‹ für mich.«
»Von der Sonne.« Sie zuckte die Achseln. »Vom Leben.«
»Das war doch kein Wunschdenken, oder?«
Del blinzelte. »Was?«
»Zwischen uns liegen immerhin gute fünfzehn Jahre. Wenn ich vielleicht nicht um so vieles älter aussähe ...«
»O Tiger, mach dich nicht lächerlich! Ich sagte dir bereits, dass mich das nicht kümmert.«
Ich hockte mich hin. Die Knie knackten nicht. Ich sprang wieder auf. Noch immer keine Klagen.
Del runzelte die Stirn. »Was sollte das eben bedeuten?«
»Ich fühle mich jünger.« Ich grinste verzerrt. »Oder vielleicht ist das nur mein Wunschdenken.«
Del beugte sich herab und hob ihren Stock auf. »Dann sollten wir wieder anfangen.«
»Was, du willst den alten Mann versuchen und verschleißen? Ihn auf der Grundlage reiner Erschöpfung dazu bringen, sich zu ergeben?«
»Du ergibst dich niemals aus Erschöpfung«, erklärte sie, »bei nichts, was du tust.«
»Ich habe mich deinem Standpunkt ergeben, dass Frauen auch in anderen Bereichen als dem Bett Wert besitzen.«
»Weil ich Recht hatte.«
Wie es bei uns üblich ist, überdeckte die Neckerei stärkere Gefühle. Ich konnte es Del wirklich nicht vorwerfen, dass sie sich Sorgen machte. Hier waren wir auf dem Weg zurück in den Süden, wo ich geboren und vernichtet wurde, wo ich als Sklave aufgezogen wurde und schließlich meine Berufung als Schwerttänzer gefunden hatte, dafür angeheuert, zur Beilegung von Streitigkeiten Kämpfe für andere Menschen auszufechten – wo ich mich aber schließlich allen Riten, Ritualen und der Ehre des streng vorgeschriebenen Systems des in Alimat ausgebildeten Schwerttänzers entzogen hatte.
Ich hatte es auf eine Art getan, die einige vielleicht als feige beschreiben würden, aber zu der Zeit war es die richtige Wahl gewesen. Die einzige Wahl. Ich hatte sie getroffen, ohne sie noch einmal zu überdenken, weil es nicht notwendig gewesen war. Ich wusste sehr gut, was der Preis dafür sein würde. Ich war nun ein Ausgestoßener, eine Klinge ohne Namen. Ich hatte Elaii-ali-ma erklärt, meinen Status als Schwerttänzer des siebten Grades aufgegeben, was bedeutete, dass ich für jeden an den Ehrenkodex gebundenen Schwerttänzer, der mich herauszufordern gedachte, Freiwild war.
Natürlich würde diese Herausforderung nicht unbedingt in einem Kreis erfolgen, wo der Sieg nicht errungen wird, indem man seinen Gegner tötet – zumindest gewöhnlich; es gibt immer Ausnahmen –, sondern indem man einfach siegt. Indem man besser ist.
Ich war jahrelang besser als jeder andere im Süden gewesen, obwohl einige das von Abbu Bensir behauptet hatten (einschließlich Abbu Bensir), aber nun konnte ich diesen Status für mich nicht länger beanspruchen. Ich war kein Schwerttänzer mehr. Ich war nur ein Mann, den viele andere Männer töten wollten.
Und Del hatte die Vorstellung, dass es jetzt weitaus leichter wäre, mich zu töten, als vorher.
Und sie hatte wahrscheinlich Recht.
Also befand ich mich hier auf einem Schiff, das gen Süden – nach Hause – fuhr, begleitet von einem eigensinnigen Hengst und einer gleichermaßen eigensinnigen Frau, dem entgegen segelnd, was romantischere Typen, wären sie in meinen Traum eingeweiht, vielleicht als mein Schicksal beschrieben. Ich wusste indes nur, dass es an der Zeit war, Traum hin oder her. Wir hatten vage erwogen, mich als Skandier auszugeben, als Kind einer Insel, die zwei Segeltage vom Süden entfernt lag, aber das hatte sich nun erledigt. Ich war allem Anschein nach Skandier – sowohl im wörtlichen als auch im übertragenen Sinne –, ein Kind jener Insel, aber es hatte nicht funktioniert. Gewiss war es eine fantastische Vorstellung zu entdecken, dass ich der lange vermisste Enkel der reichsten, mächtigsten Matriarchin der Insel war, aber diese Fantasie hatte kein glückliches Ende heraufbeschworen. Sie hatte mich zwei Finger gekostet, für den Anfang. Und den Mann, der als der Sandtiger bekannt war, fast vollständig ausgelöscht, und das, ohne ihn getötet zu haben.
Meteiera. Der Steinwald. Wo sich skandische Menschen mit einem Übermaß an Magie, so unermesslich, dass vieles davon weitgehend unentdeckt blieb, auf hohe Steinkegel zurückzogen, vorgeblich, um den Göttern zu dienen, aber auch, wie sie behaupteten, um geliebte Menschen zu schützen, indem sie sich von ihnen abwandten. Weil die Magie, die ihnen Macht verlieh, sie zugleich wahnsinnig werden ließ.
Nun, jeder, der mich kennt, wird sagen, dass ich nicht viel von Magie halte – oder hielt. Tatsächlich glaube – glaubte – ich nicht daran. Aber ich muss zugeben, dass in Meteiera etwas Seltsames vor sich ging. Ich kann nicht beschwören, dass die Priestermagier bei mir Magie angewandt hatten, wie Del vermutete, aber als ich dort war, war ich im Grunde nicht mehr ich selbst. Und ich wurde Zeuge zu vieler seltsamer Dinge.
Hoolies, ich tat seltsame Dinge.
Ich scheute davor zurück wie ein schreckhaftes Pferd. Aber das Wissen, die Bewusstheit, schlichen sich wieder ein. Ungeachtet aller äußeren körperlichen Veränderungen gab es auch viele innere.
Ein Begreifen der Macht, ähnlich dem ersten, schwachen Anzeichen von nagendem Hunger – oder anfängliches Verlangen. Tatsächlich war es Verlangen sehr ähnlich, weil diese Macht verzweifelt gehandhabt werden wollte.
Ich erschauderte. Hätte Del mich gefragt, was los sei, hätte ich ihr gegenüber behauptet, dass es heute Morgen ein wenig kalt sei und ich wegen der Bewegungsfreiheit immerhin nur einen Lederdhoti trüge, während ich die sich wiederholenden Rituale durchging, die Körper und Geist schärften. Aber es war nicht die Morgenkühle, welche die Reaktion hervorrief. Es war wiederum das Bewusstsein des mir bevorstehenden Kampfes. Oder, genauer gesagt, der Kämpfe.
Und keiner davon hatte etwas mit Schwerttanzen zu tun, oder auch nur mit einem Schwertkampf. Nur mit der Weigerung, das zu werden, wovon man mir auf Meteiera gesagt hatte, dass ich es werden müsste: ein Magier.
Tatsächlich hatten sie gesagt, ich müsste ein Priestermagier werden, aber darein setzte ich noch weniger Vertrauen als in die Existenz von Magie.
Und es wurde natürlich schwieriger, die Existenz von Magie zu leugnen, seit es mir gelungen war, welche anzuwenden. Und noch schwieriger wurde es, meine Bereitschaft zu leugnen, sie anzuwenden. Ich hatte immerhin versucht, sie anzuwenden.
Absichtlich. Ich hatte eine vage Erinnerung daran, dass jene ersten Tage, nachdem ich dem Steinwald entronnen war, von Verzweiflung erfüllt gewesen waren, und ein verzweifelter Mensch unternimmt viele merkwürdige Dinge, um gewisse Ziele zu erreichen. Mein Ziel war lebenswichtig gewesen: nach Skandi zurückzukehren und Del zu finden, und eine dauerhafte Regelung mit der Metri, meiner Großmutter, zu finden.
Ich war mit dem Boot zurück nach Skandi gelangt, was gewiss nicht bemerkenswert ist, wenn man eine Insel zu erreichen versucht. Nur dass dieses Boot nicht existiert hatte, bis ich es hatte entstehen lassen, aus Tang und weiterem heraufbeschworen, was ich auf Meteiera gelernt hatte.
Disziplin.
Magie ist nur ein Werkzeug. Disziplin ist die Macht.
Nun stand ich an der Reling und blickte übers Meer, wohl wissend, dass alles, was ich in meinem Leben je gewesen war, umgekehrt wurde. Auf den Kopf gestellt wurde. Auf jede nur erdenkliche Weise.
Nimm das Schwert auf.
Ich lebte mit dem und für das Schwert. Ich verstand nicht, warum ich belehrt werden musste; nein, kommandiert.
»Du bist noch immer du«, sagte Del bestimmt; wahrscheinlich sorgte sie sich darüber, dass ich besorgt sei, wobei sie nicht wusste, dass meine Gedanken in eine andere Richtung gingen.
Ich lächelte in die Gischt hinaus.
»Das bist du.« Sie trat neben mich. Mit dem wenigen frischen Wasser, das der Kapitän für solche Gelegenheiten gestattete, hatte sie sich die Haare gewaschen, und jetzt trocknete der Wind sie. Die Mischung aus Salz, Gischt und Sonne hatte ihren Blondton noch aufgehellt. Haarsträhnen wurden ihr aus dem Gesicht und über die Schultern nach hinten geweht.
Ich war in meinem Leben schon weniger gewesen, abhängig von den Umständen. Aber nun war ich unbestreitbar mehr.
Ich war, wie man mir gesagt hatte, ein Messias. Und nun ein Magier. Ich hatte beides nicht geglaubt, da ich behauptete – und wusste –, dass ich nur ein Mensch war. Das genügte. Ich war alles das gewesen, was ich hatte sein wollen, in der Zeit der Sklaverei, als ich ein Chula gewesen war, kein Junge. Ein Sklave, kein Mensch.
Ich schaute immer noch lächelnd zu Del. »Sag das noch häufiger, Bascha.«
»Das bist du.«
»Nein«, sagte ich. »Das bin ich nicht. Und das weißt du ebenso gut wie ich.«
Ihr Gesicht wurde ausdruckslos.
»Ein netter Versuch«, bemerkte ich, »aber ich durchschaue dich inzwischen zu genau.«
Del sah mich direkt an, sie wich nicht aus. »Und ich kann dich jetzt überhaupt nicht mehr durchschauen.«
Da. Nun war es ausgesprochen. Laut eingestanden, einer dem anderen.
»Ich bin noch immer ich«, sagte ich, »aber anders.«
Del war niemals kokett oder zimperlich. Auch jetzt nicht. Sie legte eine Hand auf meinen Arm. »Dann komm mit nach unten«, sagte sie, »und zeige mir, wie anders.«
Ah, ja. Das war noch immer dasselbe. Ich folgte ihr grinsend.
Als wir schließlich in Haziz von Bord gingen, küsste ich den Boden nicht. Das hätte bedeutet, dass ich mich mitten an einem der typischen geschäftigen Tage auf den übervölkerten Docks hätte hinknien und riskieren müssen, von einem Rollwagen, Karren oder sonst jemandem eingeebnet zu werden, der Ballen schleppte und nicht allzu glücklich darüber wäre, einen großen, knienden Mann auf dem Weg vorzufinden; auch wäre ich in recht innigen Kontakt mit den feuchten, klumpigen, matschigen und würzigen Ausdünstungen einer Artenvielfalt von Tieren gekommen, die so groß war, dass ich mir nicht die Mühe machte zu zählen.
Es muss genügen, wenn ich sage, dass ich erleichtert war, meine in Sandalen steckenden Füße wieder einmal auf südlichen Boden stellen zu können, wenngleich mich dieser Boden noch immer an das Gefühl auf hoher See erinnerte. Es dauerte stets einen oder zwei Tage, bis ich mich vom tändelnden Deck an die Zuverlässigkeit des Erdbodens angepasst hatte.
Genauso wie ich Zeit brauchte, um die vermischten Gerüche zu unterscheiden, die ich nach Monaten der Abwesenheit als so verwirrend klar empfand. Puh!
»Man braucht dich nicht herauszufordern«, bemerkte Del neben mir leicht angewidert. »Man könnte dich einfach hier von dem Gestank umbringen lassen.«
Ich erwiderte mit hochmütiger Strenge: »Du redest von meinem Heimatland.«
»Und jetzt, wo wir wieder unter Leuten sind, die dich ebenso bereitwillig töten wie begrüßen würden«, fuhr sie fort, »was tun wir da als Nächstes?«
Es war hier erheblich wärmer als auf Skandi, obwohl nicht mal die sengende Hitze des Hochsommers herrschte. Ich schaute kurz zur Sonne, die sich bereits vorn höchsten Punkt abwärts bewegte. »Das Wesentliche«, erwiderte ich. »Ein Drink. Essen. Ein Platz zum Übernachten. Ein Pferd für dich.« Der Hengst würde vom Schiff in einen Mietstall meines Vertrauens gebracht werden, wo er seine Beine wieder an festen Boden gewöhnen konnte. Ich hatte für die Überfahrt gut bezahlt, obwohl der Schiffsjunge die Summe wahrscheinlich als unzureichend angesehen hätte, wenn der Hengst versucht hätte, ihn mit seinen Hufen zu erwischen. Ein weiterer Grund dafür, die erste Übellaunigkeit an jemand anderem auszulassen als an mir. »Schwerter ...«
»Gut«, sagte Del fest.
»Und morgen brechen wir nach Julah auf.«
»Nach Julah? Warum? Dort hätte Sabra beinahe unser beider Tod bewirkt.« Unausgesprochen blieb das Wissen, dass Sabra mich unweit von Julah – nämlich in dem von ihrem Vater bewohnten Palast – gezwungen hatte, mich als Ausgestoßenen aus meinem Gewerbe zu erklären. Den Ehrenkodexen eines in Alimat ausgebildeten Schwerttänzers des siebten Grades zu entsagen.
»Darum«, erklärte ich. »Ich möchte eine kurze Unterredung mit unserem alten Freund Fouad führen.«
»Eine Unterredung«‹, echote sie, und ich wusste, dass es als Frage gemeint war.
»Mit Worten, nicht mit Klingen.«
»Fouad hat dich an Sabra verraten und damit fast deinen Tod verursacht.«
»Was zumindest nach einigen freundschaftlichen Worten schreit, meinst du nicht?«
Del hatte neben mir gehen wollen, während ich durch die engen, staubbedeckten Straßen lief, welche mit Händlern bevölkert waren, die den Neuankömmlingen billige Waren feilboten, und wo vor den oberen Stockwerken eng stehender Häuser Wäsche zum Trocknen hing; Wohnungen aus Lehmziegeln, die unordentlich aufeinander getürmt waren und sich sonnenverblasster, einst bunter Sonnensegel rühmten; aber da Del Haziz überhaupt nicht kannte, war es schwer für sie, sich neben mir zu halten, wenn ich einen ihr unvertrauten Weg nahm. Sie richtete es so ein, dass sie einen Schritt hinter meiner linken Schulter ging, während sie meine Richtung zu erahnen versuchte. »Worte? Das ist alles?«
»Es ist ein Anfang.« Ich nahm eine Melone von einem Händlerkarren. Der Beschwerderuf des Melonenverkäufers folgte uns. Ich grinste, als ich zum ersten Mal seit Monaten vertraute südliche Flüche hörte – aus einem anderen Mund als meinem eigenen.
Del stieg über einen gewaltigen Haufen Danjac-Kot, der leicht mit Urin gewürzt war. »Wirst du sie bezahlen?«
Um den ersten saftigen, köstlichen Mund voll Melone herum brachte ich hervor: »Ein Willkommensgeschenk.« Und versuchte, nicht auf die Vorderseite meiner skandischen Seide zu kleckern. Die leider noch immer auffällig karmesinrot war. »Und ich dachte gerade ...«
Hoolies, ich hatte geträumt.
Und ich bedauerte, den Satz begonnen zu haben.
»Ja?«, fragte sie prompt.
»Vielleicht ...«
»Ja?«
Die aus meinem Mund dringenden Worte überraschten mich ebenso wie sie. »Vielleicht werden wir mein wahres Schwert holen.«
»Dein wahres Schwert?«
Ich wand mich geschickt, als eine Horde schreiender Kinder vorüberlief und eine graubraune, beißende Staubwolke nach sich zog. »Du weißt schon. Dort draußen. In der Wüste. Unter einem Haufen Felsen.«
Del blieb jäh stehen. »Das Schwert? Du meinst, du willst das Schwert holen?«
Ich wandte mich um, ebenfalls innehaltend, und bot ihr den Rest der Melone an, die in der schwindenden Sonne cremig grün aussah. Ich wusste nicht, wie ich den Traum erklären sollte. »Es scheint ... angemessen.«
Sie war an der Melone nicht interessiert. »›Angemessen?,« Del schüttelte den Kopf. »Es ist nur so, dass du ein unter Tonnen von Felsen begrabenes Schwert ausgraben willst, obwohl es hier in dieser Stadt zweifellos viele Schwerter gibt. Nicht begrabene.«
Die Antwort kam erneut unwillkürlich. »Aber diese Schwerter habe ich nicht gestaltet.«
Was Erinnerungen an den Norden zwischen uns heraufbeschwor und an Staal-Ysta und den Tanz, der uns beinahe getötet hätte. Ganz zu schweigen von einer unwichtigeren Angelegenheit, bei der Del in meinem Namen, für mein Leben, das Schwert zerbrochen hatte, das sie selbst gestaltet hatte, während sie Rachegesänge gesungen hatte. Boreal war tot, so wie zerbrochene Jivatmas und ihre beendeten Gesänge tot sind. Samiel war es nicht.
Und etwas in mir wollte ihn. Brauchte ihn.
Del schwieg. Schwieg vollkommen. Aber sie brauchte auch nichts zu sagen. Ihr Schweigen beinhaltete eine Unmenge Worte.
Ich warf die Melone gegen eine Mauer. Die gesprenkelte Schale platzte auf, und das Fruchtfleisch glitt herab und krönte einen übel riechenden Müllhaufen, der sich bereits auf die halbe Straße ausbreitete. »Wir werden heute Nacht hier bleiben, brauchbare Schwerter und Harnische kaufen und dann nach Julah ziehen, zu Fouad.« Ich sagte es ruhig. »Die unbedeutende Angelegenheit einer Verpflichtung unter Freunden.«
Und die weitaus bedeutendere Angelegenheit des Überlebens.
Del war ein wenig übervorsichtig, weil wir uns in Haziz aufhielten und von sämtlichen Schwerttänzern, die uns schon früher einmal gesehen hatten, jederzeit erkannt werden konnten. Ich versuchte ihr zu erklären, dass Haziz für Schwerttänzer, die sich gewöhnlich im Binnenland aufhielten, nicht allzu interessant war und ich, dank meines Aufenthalts auf Meteiera, eigentlich nicht mehr so aussah, wie ich früher ausgesehen hatte, aber Del bemerkte, dass ich trotz dem kurzen Haar, Ohrringen, dem Flechtwerk von Tätowierungen am Haaransatz und ohne das Band mit den Sandtigerkrallen immer noch einen guten Kopf größer als die meisten südlichen Männer und entschieden breiter und schwerer war und noch immer die Krallenspuren im Gesicht trug.
Und wer sonst reiste mit einer nördlichen Schwertsängerin?
Woraufhin ich erklärte, dass wir uns trennen könnten, solange wir in Haziz weilten.
Del, die gerade ihre hochgeschnürten Sandalen schloss, während sie auf der Bettkante hockte – wir hatten die Nacht in einem recht verkommenen Gasthaus an den Docks verbracht –, zog zweifelnd die Augenbrauen hoch. »Und wer würde dich dann beschützen?«
»Mich wovor beschützen?«
»Vor Schwerttänzern.«
»Ich sagte dir bereits, dass hier wahrscheinlich keine sind.«
»Wir sind hier.«
»Nun, ja, aber ...«
»Und du hast bereits zugegeben, dass du meinen Schutz brauchst.«
Ich war erstaunt. »Wann war das denn gewesen?«
»Auf der Insel.« Nun zog sie die andere Sandale an. »Erinnerst du dich nicht? Du sprachst darüber, in Alimat eine neue Schule zu eröffnen. Ich sprach über Abbu.«
Als ich darüber nachdachte, erinnerte ich mich vage einer beiläufigen Bemerkung. »Oh. Das.«
»Ja. Das.« Sie schnürte die Sandale zu und stand auf. »Und?«
»Das war Bettgeflüster, Bascha.«
»Wir hatten kein Bett. Wir hatten Sand.«
»Ich bin besser in Form als seit Monaten. Leichter. Schneller. Du hast mit mir geübt. Du weißt es.«
Del neigte abschätzend den Kopf und wies bewusst nicht darauf hin, dass mir zwei Finger fehlten. »Ja.«
»Also brauchst du mich nicht zu beschützen.«
»Bist du bereit, Abbu Bensir zu treffen?«
»Hier? Jetzt?«
»Was wäre, wenn er tatsächlich hier wäre? Jetzt?«
Ich bedachte sie mit meinem schärfsten, grimmigsten Sandtigerblick. »Also willst du, dass ich mich hier in dieser Pissbude verstecke, während du in einer Stadt, die du nicht kennst, auf die Suche nach einem Schwertschmied gehst?«
Der Blick beeindruckte sie nicht. »Du kennst sie nicht viel besser. Und ich kann nach dem Weg fragen.«
»Eine Frau allein? Im Süden? Die einen Schwertschmied sucht?«
Del öffnete den Mund und schloss ihn wieder.
»Ja«, sagte ich. »Wir sind wieder im Süden.« Der sich sehr vom Norden unterschied, wo Frauen mehr Freiheit hatten, und noch mehr von Skandi, wo Frauen für alles zuständig waren.
»Ich könnte es«, sagte sie, aber es klang nicht unbedingt herausfordernd. Del war eigensinnig, aber sie begriff die Realität. Selbst wenn sie nicht gerecht war. (Sie hatte die Realität einmal ignoriert, aber die Zeit und – wenn ich ehrlich sein soll – mein Einfluss hatten sie verändert.)
»Ich sag dir was, Bascha. Ich werde einen Kompromiss eingehen.«
Übertrieben dramatisch: »Du?«
Ich ignorierte es. »Wir werden einen Jungen zum besten Schwertschmied in Haziz schicken und ihn hierher bestellen.«
Del dachte darüber nach. »Das ist nur fair.«
»Und danach«, sagte ich innerlich zusammenzuckend, »werde ich dem Hengst einen Besuch abstatten müssen.«
»Ah, ja«, stimmte sie mir nickend zu. »Vielleicht wird er den Schwerttänzern einigen Ärger ersparen und dich selbst töten.«
»Nun, da du so verteufelt bereit bist, mich zu beschützen – warum reitest du dann nicht zuerst auf ihm?«
Del runzelte die Stirn. Ich verließ grinsend den Raum und scheuchte einen viel versprechenden Jungen auf, der einem Schwertschmied meine Nachricht überbringen sollte.
Die beiden Diener des Schwertschmieds brachten mehrere dick umhüllte Bündel in unser Zimmer sowie eine Auswahl von Harnischen, Schwertgürteln und Scheiden. Dann verließen sie unter Verbeugungen den Raum und überließen ihrem Arbeitgeber die Verhandlungen. Dieser Arbeitgeber war ein älterer Mann in schwarzen Gewändern und Turban, mit grauem Haar und Bart, aber deswegen keineswegs schwach. Jedermann, der Jahre seines Lebens damit verbringt, Metall so dünn zu hämmern, dass er es unzählige Male falten kann, hält seinen Körper gut in Form – aufgrund unterschiedlicher Bedürfnisse vielleicht auf andere Art, als ich meinen Körper trainierte ... Aber das Alter hatte ihn nicht geschwächt. Und auch seine Einschätzung der Kunden nicht.
Nach formellen Höflichkeiten einschließlich kleiner Tassen herben Tees ließ er mich vor sich treten, betrachtete mich dann und sah alles, was Del zuvor beschrieben hatte, Einzelheiten registrierend, die bei der Auswahl einer Waffe wichtig waren. Die meisten großen Männer hatten lange Beine, aber kurze bis durchschnittliche Rümpfe. Meine Proportionen waren allerdings ausgewogen. Meine Größe erklärte sich nicht aus einem dieser Punkte, sondern aus beiden zusammen. Ich hatte in Skandi entdeckt, dass meine Gestalt normal war. Hier im Süden galt das nicht. Südbewohner waren kleiner, schmaler, aber drahtig, sehr schnell und bemerkenswert wendig.
Glücklicherweise war ich trotz meiner Größe schnell und äußerst kräftig. Beides hatte mir schon gut genützt.
Nun betrachtete mich der alte Mann also prüfend, um erkennen zu können, welche Art Schwert gut zu mir passen würde.
Kurz darauf lächelte er. Ihm fehlten zwei Zähne. Er wandte sich wortlos um, kniete sich hin und legte vier der Bündel beiseite. Zog dann ein fünftes Bündel hervor, das ich nicht bemerkt hatte, das weitaus schmaler und fester umhüllt war als die übrigen, und knüpfte Knoten auf.
Del, die auf dem Bett saß, wechselte einen Blick mit mir, die Augenbrauen hochgezogen. Ich zuckte wie verwirrt die Achseln.
Der Schwertschmied blickte auf und sah es, während er das Bündel auspackte. Ein Funke der Belustigung glomm in seinen dunklen Augen auf. In einem südlichen Dialekt, den ich seit über einem Jahr nicht mehr gehört hatte, sagte er: »Es ist Zeitverschwendung, urteilslosen Kunden meine beste Ware zu zeigen. Dann beginne ich mit den unbedeutenderen Waffen.«
»Und ich bin ein urteilsfähiger Kunde?«
Buschige Augenbrauen schnellten bis zum Schatten des Turbans in die Höhe. »Bei einem derart von Klingen gestalteten und gezeichneten Körper? Und doch atmet Ihr noch?« Er grinste erneut. »O ja.« Voller Ehrfurcht entfernte er Hüllen, schlug den Stoff mit großer Sorgfalt zurück. Stahl schimmerte im fahlen Sonnenlicht, das wie elfenbeinernes Eis schräg durch schmale, in die Lehmziegelwände gehauene Fenster fiel. Er erhob sich und vollführte eine Geste. »Bitte zeigt mir Eure Hände.«
Ich streckte sie wortlos aus. Sah, wie sich seine Augen jäh weiteten und er mir bestürzt ins Gesicht blickte. Es war offensichtlich, dass er über Themen wie fehlende Finger reden wollte. Ebenso offensichtlich war, dass es einen urteilsfähigen Kunden kränken würde, wenn er es täte, was seiner Ausbildung sowohl als Händler als auch als Handwerker widerspräche. Kurz darauf nahm er meine Hände in seine und begann, sie genauer zu betrachten, die Breite der Handfläche und die Länge der Finger zu messen, die Schwielen zu ertasten. Er achtete sehr sorgfältig darauf, die Stümpfe nicht einmal zu streifen.
Dann beugte er sich still herab, nahm ein Schwert auf, gab es mir in die Hände und verbeugte sich. Er trat zurück, während Del sich auf das schmale Bett zurückzog, gab mir Raum, mich zu bewegen, dem Schwert Leben zu verleihen, während ich seine Eigenschaften prüfte.
Ich brauchte nicht länger, um die Klinge zu beurteilen, als der Schwertschmied gebraucht hatte, um mich zu beurteilen. Er hatte die Klinge erwählt, die ihm am angemessensten erschien. Und das war sie in der Tat, in jeder wichtigen Hinsicht. Sie war mehr als angemessen – als zeitweilige Waffe.
Und mehr brauchte ich auch nicht, bis ich Samiel fand.
Die Miene des Schwertschmieds zeigte eine seltsame Mischung aus Verwunderung und nochmaliger Überlegung. Obwohl er richtig vermutet hatte, dass ich wusste, wie man mit einer Klinge umging – oder es früher gewusst hatte –, wurde deutlich, dass er wegen der fehlenden Finger Zweifel gehegt hatte. Die Stümpfe waren noch immer gerötet. Jedermann, der sich mit Wunden auskannte, besonders mit Amputationen, würde erkennen, dass ich die Finger erst kürzlich verloren hatte. Er hatte mir seine Anerkennung gezollt, indem er mir seine beste Klinge gezeigt hatte, aber er hatte hinsichtlich der Handhabung der Waffe eindeutig weniger von mir erwartet.
Leider waren die Prüfung einer Klinge und der Kampf gegen einen anderen Schwerttänzer zwei sehr verschiedene Dinge.
»Sie wird genügen«, sagte ich, nachdem ich ihm für seine Kunstfertigkeit ein Kompliment gemacht hatte. »Was ist Euer Preis? Ich werde auch eine Scheide und einen Harnisch brauchen.«
Er nannte eine ungeheuerliche Summe. Ich lobte sein Können, sein Produkt, lehnte aber höflich ab und bot weniger. Er lobte meine offensichtliche Sachkenntnis, meine Erfahrung, wies aber mein Gegenangebot höflich ab. So handelten wir, bis wir beide zufrieden waren.
Seine Augen glitzerten kurzzeitig. Er kniete sich erneut hin und begann, seine beste Klinge wieder zu umhüllen.
»Wartet.« Als er aufschaute, deutete ich auf Del.
Er verstand zunächst nicht.
»Ein Schwert«, erklärte ich, »für die Lady.«
Glücklicherweise konnte Del seinen Dialekt nicht verstehen, sonst hätte sie sehr wahrscheinlich eine der Klingen an ihm ausprobiert. Sie erkannte dennoch an seinem Tonfall, seiner Miene, seiner Körperanspannung, was er sagte. Sie war eine Frau. Frauen brauchten keine Schwerter.
»Diese wohl«, sagte ich. Und dann, dankbar dafür, dass Del es nicht verstand: »Tut es mir zuliebe.«
Das würde er akzeptieren – dass ein Mann töricht genug oder ausreichend der Wollust erlegen sein mochte, eine Frau zu umwerben, indem er vorgeblich auf ihre Hirngespinste einging, wie absurd auch immer sie sein mochten. Zwar setzte mich das in seinen Augen herab, aber solange es mit dem erwünschten Resultat endete, kümmerte es mich nicht. Er würde für diese Beleidigung seiner Person, seines Könnens, seiner südlichen Empfindlichkeiten einen Wucherpreis verlangen, und ich würde einen Wucherpreis bezahlen, aber Del würde ihre Klinge bekommen.
Sie erhob sich vom Bett und stand dann in ihrer cremehellen Ledertunika vor ihm, Beine und Arme bloß, ein geflochtener Zopf hellen Haars über einer Brust. Er schloss einen Moment die Augen, murmelte ein Gebet und forderte sie auf, ihre Hände zu zeigen. Als er sie berührte, zitterten die seinen.
Del warf mir über seinen gebeugten Kopf hinweg einen Blick zu. »Da du der Jhihadi bist«, betonte sie, »warum fängst du dann nicht damit an, die Wahrnehmung der südlichen Männer zu verändern, die südliche Frauen als minderwertige Wesen betrachten?«
Ich grinste. »Einige Dinge sind vermutlich sogar dem Jhihadi unmöglich.«
»Sand in Gras zu verwandeln ist äußerst spannend«, bemerkte Del, »besonders bei Wüstenklima, aber Frauen in südlichen Augen – männlichen südlichen Augen – in Menschen zu verwandeln wäre ein weitaus stärkerer Beweis für die Allmacht dieses Jhihadi.«
Der Jhihadi wusste es besser, als dass er diesen Pfad beschritten hätte. Er lächelte sanft und schwieg.
»Feigling«, murrte sie.
Nachdem der Schwertschmied seine Einschätzung beendet hatte, ließ er Dels Hände beflissen sinken und wandte sich von ihr ab. Er erwählte mit fachmännischem Blick schnell ein Schwert, erhob sich damit und sah es dann offensichtlich mit Bedauern an. Seine wunderschöne Handarbeit, für einen Mann gedacht, würde einer wertlosen Frau gehören, die bloß Männerspiele spielte.
Wir brauchten das Schwert. Dels Blick sorgfältig meidend, beschied ich dem Schwertschmied in seinem Dialekt: »Wenn sie in ungefähr einer Woche genug damit gespielt hat, verkaufe ich es Euch zurück. Zu einem reduzierten Preis natürlich, wegen des verderblichen Einflusses.«
Das schien ihn zufrieden zu stellen. Er legte das Schwert in Dels Hände, trat dann in die hinterste Ecke des Raumes zurück und drückte sich hinein. Wohl wissend, was sie tun würde, um Gewicht, Ausgewogenheit und Reaktion zu prüfen, trat ich nur so weit beiseite, wie es nötig war. Der Schwertschmied sah mich aus erstaunten Augen an.
Ich grinste. »Seid nachsichtig mit mir.«
Del tanzte. Es war ein kurzes, aber wunderschönes Ritual, der Tanz gegen einen unsichtbaren Gegner, nur dazu gedacht, eine Beziehung zur Klinge aufbauen zu können, die Hände die Passform des Hefts ertasten und begreifen lassen zu können, wie der Knauf die Ausgewogenheit beeinflusste, wie die Klinge durch die Luft schnitt. Es dauerte nur Momente, aber es genügte, den Schwertschmied erkennen zu lassen, wessen Zeuge er wurde.
Unmöglichkeit.
Del hielt inne. Warf den Zopf über eine Schulter. Nickte.
Der Schwertschmied atmete rau ein. Er nannte einen Preis. Wohl wissend, dass unter den gegebenen Umständen kein Spielraum zum Handeln bestand, willigte ich ein. Bezahlte. Brachte ihn zur Tür.
Dels Stimme erklang hinter uns. In deutlicher südlicher Sprache, wenn auch nicht in seinem Dialekt, sagte sie: »Ich werde Euer Kunsthandwerk nicht entehren.«
Sein Blick schwankte. Dann wurde seine Miene unbewegt. Mit uns zugewandtem Rücken sagte er grimmig: »Erzählt niemandem, dass dies mein Schwert ist.«
Ich schloss die Tür hinter ihm und wandte mich dann zu Del um. Sie hatte das Schwert in die Scheide gesteckt, am Harnisch befestigt und prüfte nun seinen Sitz. Er würde angepasst werden müssen, war aber nicht schlecht. »Bist du jetzt glücklich?«
Sie lächelte träge. »Mit einem Schwert in der Hand kann ich sogar mit Schweinen wie ihm Nachsicht üben.«
»Dann sei auch nachsichtig mit mir, ja? Lass uns den Hengst gemeinsam besuchen.« Ich nahm meinen eigenen Harnisch auf und ließ das Schwert in die Scheide gleiten. »Vielleicht brauche ich dich zum Aufsammeln der Einzelteile.«
Der Hengst war, wie es vorauszusehen gewesen war, ziemlich übellaunig. Ich seufzte, als der Stallbursche ihn aus dem Mietstall führte, und erkannte den Blick in dem einen verdrehten Auge, das ich sehen konnte. Die Haltung der Ohren, der schlagende Schwanz und die eigenartig starre Bereitschaft seines Körpers deuteten darauf hin, dass der Hengst eine Meinung hatte und sie auch ausdrücken würde.
Ich konnte es ihm nicht wirklich vorwerfen. Er war auf einem Schiff eingepfercht gewesen, wäre bei einem Schiffbruch fast ertrunken, wurde auf einer Insel verlassen, wiedergefunden und dann wieder auf ein Schiff gepfercht. Jemand musste bezahlen.
Ich seufzte. »Nicht hier auf der Straße«, belehrte ich den Jungen. »Irgendwo, wo keine unschuldigen Zuschauer verletzt werden können.«
Der Stallbursche nickte mit seinem schwarzhaarigen Kopf und ging dann durch eine schmale Gasse zwischen dem Mietstall und einem weiteren Gebäude zu einem bescheidenen Stallhof voraus. Der Boden war zu feinem Staub zertreten, und der Hof war bereits freigeschaufelt und gefegt worden. Zumindest würde ich nicht in Dung landen, wenn ich abgeworfen würde.
Del, die mir folgte, erhob ihre Stimme über das Hufgeklapper des Hengstes. »Soll ich ein paar Jungen losschicken, um Wetter herzubitten?«
Der Tonfall war unschuldig. Die Absicht war es nicht. Del und mir war es tatsächlich gelungen, hier und da mit Wetten auf den Sieger ein wenig Geld zu verdienen, aber das war zu der Zeit gewesen, als der Hengst gut eingeritten und es wahrscheinlicher gewesen war, dass ich nicht abgeworfen würde. Del wusste ebenso gut wie ich, dass dieser Kampf schlimmer als gewöhnlich werden würde.
»Die einzig mögliche Wette hier wäre, wie schnell ich abgeworfen werde«, sagte ich verdrossen, während der junge dem Hengst die Zügel über den dunkelbraunen Hals legte. Gewöhnlich war seine Mähne kurz geschnitten, aber in der Zeit auf der Insel war sie gewachsen. Nun standen die Haare so lang wie meine Handfläche als schwarze Hecke aufrecht. Ich fuhr mir mit einer Hand durch meine Hecke. »Ich habe den schleichenden Verdacht, dass dies schmerzhaft enden wird.«
Aus Achtung vor der südlichen Sonne, wenn nicht vor südlicher Schicklichkeit, hatte Del einen gestreiften Gazeburnus übergezogen, bevor wir das Gasthaus verließen. Nun machte sie es sich an einer weiß getünchten Adobeziegelwand bequem, die Arme gekreuzt, ein Bein so angewinkelt, dass die Sandalenspitze an einer Unebenheit ruhte. Der dünne, mit der Hand verstrichene Verputz bröckelte ab und gab die groben, ebenfalls per Hand geformten Blöcke aus Gras-und-Sand-Ziegeln darunter frei.
Sie lächelte heiter. »Es wird nicht schmerzhaft sein, wenn du oben bleibst.«
Trotz meines Wunsches, die Angelegenheit mit dem Hengst allein auszufechten, fand sich allmählich ein Publikum ein. Stallburschen, Helfer, sogar zwei gertenschlanke Männer mit O-Beinen, die vermutlich Zureiter waren – sie alle sahen mit gespannter Aufmerksamkeit zu und tuschelten erwartungsvoll miteinander. Es fühlte sich eher wie ein Schwerttanz an, nur dass kein Kreis zu sehen war. Lediglich eine quadratische Fläche im Freien, auf drei Seiten von Ställen und auf der vierten von der massiven Wand eines angrenzenden Gebäudes umgeben. Mit einem Pferd als Gegner.
»Bring mich nicht in Verlegenheit«, sagte Del. »Ich muss mir immerhin noch ein Pferd kaufen, erinnerst du dich?«
»Ich verkaufe dir dieses günstig.«
Sie lächelte milde. »Du verschwendest Tageslicht, Tiger.«
Unter Flüchen legte ich Harnisch und Schwert ab, ließ sie auf einer Bank neben Del liegen und ging zum Hengst hinüber.
Grundlagenarbeit war gefragt, eine Gelegenheit, ihn bis zu einem gewissen Grad zu beruhigen, bevor ich überhaupt aufstieg, indem ich ihn am Ende einer langen Longe im Kreis um mich herumlaufen ließ, indem ich Kopf und Stimme einsetzte, indem ich ihn mit beruhigender Stimme lobte. Was tatsächlich zählt, ist der Tonfall der Stimme. Ich bedachte ihn oft mit den ungehobeltsten Bezeichnungen, die mir einfielen, aber er war niemals beleidigt, weil ich es mit milder Stimme tat.
Andererseits hatte ich den Hengst schon lange genug, um zu wissen, dass Grundlagenarbeit wirkungslos war. Damit hatte ich ihn niemals umstimmen können, wenn er in aufrührerischer Stimmung gewesen war. Gewiss nicht auf der Insel, als ich nach Monaten der Abwesenheit aufgestiegen war. Das war ein Kampf gewesen.
Und nun drohte ein weiterer.
Mit einem südlichen Sattel ist nicht viel anzufangen, und diesen hier hatte ich mir im Mietstall geborgt, da meine ganze Ausrüstung verloren gegangen war, als das Schiff auf dem Weg nach Skandi unter mir versunken war. Höchst einfach gehalten, war er bloß eine kleine lederne Fläche mit erhabenem Knauf und Pausche auf mehreren Decken, einem Sattelgurt um den Rumpf des Pferdes, damit der Sattel oben blieb, Steigbügelriemen, die nicht breiter als der Gürtel eines Mannes waren, und rundlichen, hölzernen Steigbügeln.
Fast gleichzeitig nahm ich die geflochtenen Baumwollzügel von dem Jungen entgegen, ergriff Hände voll der zu langen Mähne und schwang mich mit einem Ausbruch nervöser Behendigkeit in den Sattel, der mich genau dorthin brachte, wo ich sein sollte, auch ohne den Vorteil von Steigbügeln. Ich hatte das absichtlich gemacht. Es war eine Abkürzung in den Sattel und verschaffte mir einen zusätzlichen Augenblick Zeit, um Halt zu finden, bevor der Hengst bemerkte, dass ich ihn überlistet hatte.
Ich trug weiche, skandische Stiefel anstelle von Sandalen, da Letztere auf einem widerspenstigen Pferd nicht besonders hilfreich sind, sowie die karmesinrote Seide, die wir Wochen zuvor auf der Insel bekommen hatten. In unserem Zimmer wartete angemessenere, südliche Kleidung, aber ich hatte entschieden, den Hengst in Kleidung herauszufordern, die ruiniert zu sehen ich mir leisten konnte. In dem weiß getünchten Stallhof, unter der südlichen Sonne, muss ich wie eine blutbeschmierte Lampe geleuchtet haben, während ich die Stiefel in die Steigbügel schob.
Dann brach der Hengst aus, und ich hatte keine Zeit mehr für Vorstellungen.
Ein sich aufbäumendes Pferd zu reiten ist, wenn es nicht – absichtlich oder unabsichtlich – hintenüber fällt, nicht besonders schwer. Es ist eine Sache der Reflexe und des Gleichgewichts. Was nicht bedeuten soll, dass ein sich aufbäumendes Pferd keinen Schaden anrichten könnte, selbst wenn man sein dramatisches Benehmen überlebt. Erwischt es dich unerwartet, besteht die sehr reale Möglichkeit, dass der Kopf oder Hals des Pferdes mit deinem Gesicht kollidiert. Glaube mir, Nase und Zähne brechen, wenn das geschieht. Und ich spreche nicht von denen des Pferdes.
Ein buckelndes Pferd ist schwerer zu reiten, weil dich das rüttelnde, stoßende, drehende und wiederholte Steigen der Hinterhand, wenn das Pferd in einen unvorhersagbaren Rhythmus verfällt, nicht nur über den Kopf des Pferdes und schließlich zu Boden schleudern, sondern dein Rückgrat auch um gute drei Zentimeter verkürzen kann. Und deinen Hals verdrehen.
Dann gibt es natürlich Pferde, die sich zu einer Körperhaltung verbiegen können, die als »Entzweibrechen« bekannt ist, wobei sie die Mitte des Rückgrats plötzlich durchsacken lassen, den Kopf senken und dann zustoßen, sodass der Körper ein umgekehrtes V bildet, und in der Folge in jähen, steifbeinigen und beeindruckend senkrechten Sprüngen vom Boden abheben.
Mein Pferd war selbstredend äußerst talentiert. Es konnte praktisch gleichzeitig steigen, buckeln und entzwei brechen.
Der Hengst war kein besonders großes Pferd. Das sind südliche Pferde meistens nicht. Aber er war kräftig, kompakt, mit steinharten Muskeln, wodurch er gewöhnlich schwerer zu reiten war als ein großes, grobknochiges Tier, und besaß, da er ein Hengst war, zusätzliche Kraft. Er war hinten breit, hatte einen runden Rumpf und eine breite Brust und den für Hengste typischen, kräftigen Hals und Kiefer. Das machte es für mich schwieriger, einen gewissen Einfluss auf sein Maul und seinen Kopf auszuüben.
Was er nur allzu gern demonstrierte.
Nachdem ich mich zum vierten Mal mühsam aus dem Dreck erhoben hatte, nahm ich eine kaum merkliche Veränderung in der Haltung des Hengstes wahr. Der Schwanz schlug nicht mehr so stark, dass er einem die Augäpfel aus dem Schädel peitschen konnte, und die nun nicht mehr angelegten Ohren schwenkten frei in alle Richtungen. Er schwang den Kopf herum, um mich durch sein herabhängendes Stirnhaar spöttisch anzusehen, betrachtete mich genau (suchte vielleicht nach Blut?), schüttelte sich dann von Kopf bis Fuß heftig, als wollte er sagen, er habe seinen Morgensport beendet, und schnupperte wieder müßig und unbekümmert im Dreck.
Ich klopfte mir den Staub von der Seide. Richtete die Tunika so weit, wie es möglich ist, wenn die Nähte gerissen sind. Versicherte mich, dass das Zugband meiner weiten skandischen Hose noch verknotet war. Schaffte es, mich gerade aufzurichten und zum Hengst hinüber zu gehen. Er stand recht ruhig da. Ich stieg auf, ließ mich im Sattel nieder und ließ ihn ausreichend lange gehen, um sicher zu sein, dass er den Kampf beendet hatte.
Applaus, Pfiffe und Jubel erklangen. Münzen wechselten den Besitzer, als Wetten beglichen wurden. Aber ich wusste es besser, als dass ich es als Sieg bezeichnet hätte. Gleichgültig, was die Menge glaubte: Der Hengst langweilte sich nur.
Ich stieg ab und ging zu Del zurück, den besagten Hengst im Schlepptau, ein Hinken unterdrückend. Ihre Miene war vollkommen nichtssagend.
Mit gequälter Stimme fragte ich: »Erinnerst du dich, wie ich erst neulich sagte, ich fühlte mich jünger?«
Del zog die Augenbrauen hoch.
»Zähl insgesamt ungefähr zweihundert Jahre hinzu.«
Einer der Stallburschen kam heran und bot an, den Hengst abzusatteln und zu bewegen. Es war ein warmer Tag, und die ganze Aufregung und Anstrengung hatte in Schweiß und Schaum geendet. Er brauchte Abkühlung. Ich brauchte Abkühlung. Ich wollte Wasser, Ale und ein Bad. In dieser speziellen Reihenfolge.
Oh, und ein neues Rückgrat.
Aber natürlich stand ich im Angesicht der Zuschauer, von denen viele von der Straße herangekommen waren, als sie den Tumult gehört hatten, hoch aufgerichtet da, grüßte und schlenderte dann beiläufig auf den zur Straße führenden Gang zu, wobei ich nur innehielt, um Del zu fragen, ob sie mitkäme, da sie keinerlei Anstalten dazu machte.
»Und hör auf zu lachen«, ermahnte ich sie.
»Ich lache nicht. Ich lächele.«
»Du lachst innerlich.«
»Ich kann mit meinem Innern tun, was ich will«, stellte sie fest.
»Kommst du?«
»Ich glaube, ich werde hier bleiben und mir ein Pferd kaufen. Und Ausrüstung für beide Pferde. Wir sehen uns im Gasthaus.«
Ich öffnete den Mund, um Einwände gegen Dels plötzlichen Einfall eines Kaufs in meiner Abwesenheit zu erheben, überlegte es mir dann aber anders. Sie war eine Frau, und es war der Süden, aber Del hatte immer wieder bewiesen, dass sie nur selten von jemand übervorteilt wurde.
Dieser Jemand war natürlich ich.
Ich nahm meinen Harnisch und das Schwert und machte mich auf zum Gasthaus. Und zu Ale und einem heißen Bad.
Haut hat sich unter der gnadenlosen Sonne in Leder verwandelt. Augenhöhlen werden sauber gescheuert. Zähne schimmern im elfenbeinernen Schlund. Wind, Sand und Zeit haben die Kleidung abgestreift. Sie trägt jetzt Knochen, kaum mehr, blank geschrubbt und zu der kristallenen Blässe passend. Einfachheit liegt in Sandrillen, die über ihren Rumpf geweht wurden ...
Ich erwachte jäh, als die Tür quietschte und Del den Raum betrat. Von dem Traum völlig desorientiert, sah ich sie ausdruckslos an, während mich langsam die Erkenntnis beschlich, dass ich noch immer in der Halbwanne lag, die ich mir hatte bringen und mit heißem Wasser füllen lassen. Dass das Wasser abgekühlt war. Dass eine reelle Möglichkeit bestand, dass ich mich vielleicht niemals wieder würde bewegen können.
Dels Miene war spöttisch, als sie die Tür schloss. Sie hatte die Arme voller Bündel. »Ich kann mir bequemere Schlafplätze vorstellen – und bequemere Schlafpositionen.«
Ich richtete mich vorsichtig auf, wobei das Rückgrat am rauen Holz scheuerte. In einer Stunde oder so könnte ich vielleicht stehen. Stirnrunzelnd fragte ich, ob sie unser letztes Geld ausgegeben hatte.
Del stapelte die Bündel auf dem Bett. »Vorräte«, entgegnete sie mit fester Stimme. »Ich nehme an, wir brechen morgen auf, oder?«
Ich sortierte mühsam meine steifen Beine und hievte mich tropfend aus der Wanne, während ich leise fluchte. »Ja.«
Del warf mir ein als Handtuch dienendes Stück Stoff zu, prüfte meine Miene und Bewegungen und runzelte dann die Stirn. »Deine Hände schmerzen.«
»Ja.« Ich wickelte mir das Tuch um die Taille.
»Tiger ...«
»Lass es gut sein, Del. Ich habe gerade den Hengst damit herumgestoßen, das ist alles.« Ich beugte mich herab, ergriff vorsichtig das Glas Ale, das ich auf dem Boden neben der Wanne abgestellt hatte, und trank es aus.
Sie wollte eindeutig noch mehr sagen, schwieg aber. Wandte sich stattdessen wieder dem Bett zu und sah die Bündel durch.
