Schwerttänzer - Jennifer Roberson - E-Book

Schwerttänzer E-Book

Jennifer Roberson

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Beschreibung

Jennifer Robersons "Schwertänzer-Zyklus" – sieben einzigartige Romane voller Magie, Geheimnisse und funkelnder Dialoge. Ein Meisterwerk der modernen Fantasy! Tiger ist Schwerttänzer, ein Meister des rituellen Schwertkampfes. Er lebt im Süden, einem harten Land mit Wüsten und wilden Nomadenstämmen. Und er ist ein Mann mit festen Ansichten – vor allem, was Frauen betrifft. Da lernt er Del kennen, eine wunderschöne Schwerttänzerin aus dem kalten Norden mit seiner seltsamen Magie. Sie ist auf der Suche nach ihrem entführten Bruder, der in die Sklaverei verkauft wurde. Um den kleinen Bruder zu befreien, heuert Del ihren gefürchteten Kollegen Tiger an und nimmt mit ihm die Verfolgung der Räuber auf. Doch als die Klingengefährten den Todfeind endlich aufstöbern, kommt jede Rache zu spät ...

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Seitenzahl: 457

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Jennifer Robersons "Schwertänzer-Zyklus" – sieben einzigartige Romane voller Magie, Geheimnisse und funkelnder Dialoge. Ein Meisterwerk der modernen Fantasy!

Tiger ist Schwerttänzer, ein Meister des rituellen Schwertkampfes. Er lebt im Süden, einem harten Land mit Wüsten und wilden Nomadenstämmen. Und er ist ein Mann mit festen Ansichten – vor allem, was Frauen betrifft. Da lernt er Del kennen, eine wunderschöne Schwerttänzerin aus dem kalten Norden mit seiner seltsamen Magie. Sie ist auf der Suche nach ihrem entführten Bruder, der in die Sklaverei verkauft wurde.

Um den kleinen Bruder zu befreien, heuert Del ihren gefürchteten Kollegen Tiger an und nimmt mit ihm die Verfolgung der Räuber auf. Doch als die Klingengefährten den Todfeind endlich aufstöbern, kommt jede Rache zu spät ... 

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel "Sword-Dancer" Edel eBooks Ein Verlag der Edel Germany GmbH

© 2015 Edel Germany GmbH Neumühlen 17, 22763 Hamburg

www.edel.com

Copyright © der Originalausgabe 1986 by Jennifer Roberson O´Green

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 1993 

Ins Deutsche übertragen von Karin König

Covergestaltung: Eden & Höflich, Berlin

Konvertierung: Datagrafix

Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des jeweiligen Rechteinhabers wiedergegeben werden.

ISBN: 978-3-95530-712-7

facebook.com/edel.ebooks

EINS

Während meiner Arbeit habe ich alle Arten von Frauen kennengelernt. Einige wunderschön. Einige häßlich. Einige genau dazwischen. Und – ich bin weder senil noch ein Mann, der nach Heiligkeit strebt – wann immer sich die Gelegenheit bot (mit oder ohne Ermutigung von meiner Seite), habe ich mit den Wunderschönen geschlafen (obwohl sie manchmal mit mir geschlafen haben), die Häßlichen allesamt übergangen (denn ich bin kein unersättlicher Mann) und mir ziemlich regelmäßig die Unterhaltung mit den Frauen der dritten Kategorie erlaubt, denn ich gehöre nicht zu denen, die sich abwenden, wenn Unterhaltung und andere Belustigungen offen dargeboten werden. Daher schnitten auch die Frauen der dritten Kategorie gut ab.

Aber als sie in das heiße, staubige Wirtshaus kam und die Kapuze ihres weißen Burnus abstreifte, wußte ich, daß nichts, was ich jemals gesehen hatte, an sie heranreichen konnte. Ruth und Numa konnten es sicher nicht, obwohl sie das Beste waren, was das Wirtshaus zu bieten hatte. Ich war von dieser neu hinzugekommenen Frau so beeindruckt, daß ich meinen Aqivi in die falsche Kehle bekam und so heftig würgen mußte, daß Ruth von meinem rechten und Numa von meinem linken Knie rutschten. Ruth klopfte mir eine Zeitlang den Rücken, und Numa – die es wie immer gut meinte – goß mir noch mehr Aqivi ein und versuchte, ihn in eine Kehle zu gießen, die bereits von dem Zeug brannte.

Zu dem Zeitpunkt, als es mir, nicht gerade geschickt, gelang, mich den beiden zu entziehen, hatte die Vision in dem weißen Burnus den Blick von mir abgewandt und sucht den Rest des Wirtshauses mit Augen ab, die so blau waren wie Nordische Seen.

Nun habe ich niemals einen Nordischen See gesehen, da ich selbst ein Südbewohner bin, aber ich wußte ganz genau, daß jene zwei Teiche, die sie als Augen benutzte, zu den Erzählungen über die Naturwunder des Nordens paßten, die ich gehört hatte.

Das Abstreifen der Kapuze offenbarte einen Kopf voller dicker, langer Haare, so gelb wie die Sonne, und ein Gesicht, so weiß wie Schnee. Zwar habe ich bisher auch noch keinen Schnee gesehen, denn im Süden gibt es nur Sand, aber dies war die einzig mögliche Beschreibung des Aussehens einer Frau, die ganz offensichtlich keine geborene Südbewohnerin war. Ich bin ein geborener Südbewohner, und meine Haut ist so dunkel gebrannt wie eine Kupfermünze. Oh, ich vermute, daß ich wohl irgendwann einmal hellhäutiger war – tatsächlich muß das so gewesen sein, wenn man die Blässe der Partien meines Körpers bedenkt, die nicht dem Tageslicht ausgesetzt sind –, aber meine Arbeit bringt es mit sich, daß ich mich draußen in der Sonne, der Hitze und den Sandstürmen aufhalte, so daß meine Haut irgendwann dunkel und zäh wurde und – an allen notwendigen Stellen – Hornhaut bildete.

Seltsamerweise schwand die Schwüle in dem Wirtshaus. Es schien kühler, angenehmer zu werden. Aber vielleicht war dies eher auf einen Schock zurückzuführen als auf irgend etwas sonst. Götter des Valhail, Götter der Hoolies, aber welch ein frischer Luftzug war diese Frau!

Was sie in diesem kleinen, abgelegenen Wirtshaus wollte, konnte ich mir nicht vorstellen, aber ich stellte das gütige, großzügige Schicksal, das sie in meine Reichweite geführt hatte, nicht in Frage. Ich pries es einfach und beschloß zu diesem Zeitpunkt und an diesem Ort, daß ich, egal wen sie suchte, dessen Platz einnehmen würde.

Ich beobachtete bewundernd (und mit leisem Seufzen), wie sie sich umwandte, um sich in dem Raum umzusehen. Das gleiche tat auch jeder andere Mann in diesem Raum. Man sieht nicht oft solch frische und ursprüngliche Schönheit, nicht wenn man in einer so abgelegenen Stadt wie – Hoolies, ich konnte mich noch nicht einmal an ihren Namen erinnern – festsitzt.

Auch Ruth und Numa beobachteten sie, aber ihre Bewunderung wurde vollständig von einem ganz anderen Gefühl überlagert – einem Gefühl namens Eifersucht.

Numa schlug mich in dem Versuch, meine Aufmerksamkeit zu erringen, leicht auf die Wange. Zunächst schüttelte ich sie ab und beobachtete noch immer die Blondine, aber als Numa begann, ihre Nägel in meine Haut zu graben, sah ich sie mit meinem zweitbesten Sandtigerblick an. Normalerweise funktioniert dies und erspart mir die Mühe, meinen besten Sandtigerblick zu gebrauchen, den ich für besondere (im allgemeinen tödliche) Gelegenheiten aufbewahre. Ich habe sehr früh erkannt, daß meine grünen Augen – die dieselbe Farbe haben wie die des Sandtigers – Menschen mit schwächerer Konstitution oft einschüchtern. Niemand spottet über eine so greifbare Waffe. Ich tue es sicher nicht. Und so verfeinerte ich meine Technik, bis sie perfekt war und ich mich an den Reaktionen erfreuen konnte.

Numa jammerte ein wenig. Ruth lächelte. Grundsätzlich waren die beiden Mädchen die ärgsten Feinde. Da sie die einzigen Frauen in dem Wirtshaus waren, kämpften sie oft um neue Eroberungen – die sehr häufig staubig und schmutzig waren und nach der Punja stanken, aber immerhin neu waren. Dies war ziemlich einmalig in dem muffigen Wirtshaus aus Adobeziegeln, dessen Wände sich einst einer karmesinroten Farbe und Karneol und Kalk rühmen konnten. Die Farben waren – wie die Mädchen – nach Jahren des Mißbrauchs und der nächtlichen Besprühungen mit ausgespucktem oder verschüttetem Wein, Bier und Aqivi und tausend anderen Giften verblaßt.

Mein Blut war das frischeste in der Stadt (und ich war überdies frisch gebadet), aber bevor ich die Mädchen zu einem Ringkampf veranlaßte, hätte ich sie lieber beide genommen. Sie schienen durchaus zufrieden damit zu sein, mich zu teilen, und auf diese Art bewahrte ich den Frieden in einem sehr kleinen Wirtshaus. Ein Mann ist bemüht, sich keine Frau zum Feind zu machen, wenn er in einer langweiligen, stickigen Stadt festsitzt, die nichts außer zwei Wirtshausmädchen zu bieten hat, die jede Nacht (und jeden Tag) ihre Tugend verkaufen. Hoolies, es gab nichts anderes zu tun. Für sie nicht und für mich nicht.

Nachdem ich Numa auf ihren Platz verwiesen hatte (und mich fragte, ob ich noch immer den Frieden zwischen den beiden aufrechterhalten könnte), wurde ich mir der Erscheinung bewußt, die neu an meinen Tisch gekommen war. Ich schaute auf und bemerkte, daß diese beiden blauen Augen mich mit direktem und aufmerksamem Blick fixierten, der mich sofort davon überzeugte, daß ich die Irrtümer meines Lebensweges, welche auch immer diese sein mochten, korrigieren sollte. Ich würde sogar welche erfinden, um sie ändern zu können. (Hoolies, welcher Mann würde dies nicht tun, wenn sie ihn anschaute?)

Als sie an meinem Tisch innehielt, wurden von einigen der Männer in dem Wirtshaus gemurmelte, überaus eindeutige Vermutungen laut bezüglich des Grades ihrer Tugend. Es überraschte mich nicht sonderlich, denn ihr fehlte ein Hauch von Bescheidenheit und die mit süßem Gesicht ausgedrückte Zurückhaltung der meisten Frauen des Südens (außer natürlich bei Wirtshausmädchen wie Ruth und Numa oder bei freien Frauen, die Fremde geheiratet und die südlichen Bräuche abgelegt hatten).

Diese Frau erschien mir nicht wie ein Wirtshausmädchen. Sie erschien mir auch nicht wie eine freie Frau, denn sie wirkte selbst für diese Art Frauen ein bißchen zu unabhängig. Sie erschien mir wie gar nichts mir Bekanntes, außer wie eine wunderschöne Frau. Aber tatsächlich schien sie etwas zu beabsichtigen, und dieses Etwas war mehr als nur ein einfaches Stelldichein.

»Sandtiger?« Ihre Stimme war rauh und tief, und der Akzent war eindeutig nordisch. (Und ach so kühl in der stickigen Wärme des Wirtshauses.) »Seid Ihr Tiger?«

Hoolies, sie war auf der Suche nach mir!

Nach einem besinnlichen Augenblick inneren Erstaunens und innerer Verwunderung lächelte ich sie freundlich und lässig an. Es wäre nicht gut, ihr zu zeigen, wie sehr sie mich beeindruckt hatte, nicht wenn ich sie beeindrucken sollte. »Zu Euren Diensten, Bascha.«

Eine schwache Linie erschien zwischen geschwungenen blonden Brauen, und ich erkannte, daß sie das Kompliment nicht verstanden hatte. In südlichem Dialekt bedeutet das Wort Bascha Schöne.

Aber die Linie glättete sich wieder, als sie Ruth und Numa ansah, und ich sah einen leicht humorvollen Schimmer in diesen Gletscheraugen erscheinen. Ich bemerkte das kaum sichtbare Zucken ihres linken Mundwinkels. »Ich habe Arbeit für Euch, wenn Ihr wollt.«

Ich wollte. Ich entsprach ihrem Wunsch nach Geschäften sofort, indem ich beide Mädchen von meinen Knien schubste (und ihnen beiden gemäßigt erfreute Klapse auf feste, runde Hinterteile gab) und reichliches Trinkgeld versprach, wenn sie sich eine Weile entfernen würden. Sie schauten mich als Antwort haßerfüllt an, sahen dann sie haßerfüllt an. Aber sie gingen.

Ich zog einen Stuhl unter dem Tisch hervor und schob ihn der Blondine zu. Sie betrachtete ihn einen langen Moment ohne etwas zu sagen und setzte sich dann hin. Der Burnus stand am Hals offen, und ich starrte auf die Stelle in der Hoffnung, er würde sich vollständig öffnen. Wenn ihr übriger Körper zu ihrem Gesicht und ihrem Haar paßte, war er es durchaus wert, allen Ruths und Numas der Welt zu entsagen.

»Ein Geschäft.« Die Stimme klang ein wenig angespannt, als wollte sie jeglicher Vertraulichkeit in unserem Gespräch zuvorkommen.

»Einen Aqivi?« Ich goß mir ein Glas ein. Durch ein Schütteln ihres Kopfes wurde ihr Haar wie ein seidener Vorhang bewegt, und mein Mund wurde trocken. »Macht es Euch etwas aus, wenn ich etwas trinke?«

»Warum nicht?« Sie zuckte leicht die Achseln, und weiße Seide kräuselte sich. »Ihr habt bereits damit angefangen.«

Ihr Gesicht und ihre Stimme waren sanft, aber das Glitzern in ihren Augen blieb bestehen. Die Temperatur fiel entschieden. Ich überlegte, nicht zu trinken, beschloß aber dann, daß es dumm wäre, Spielchen zu spielen, und nahm einen großen Schluck Aqivi. Dieses Glas glitt bedeutend sanfter die Kehle hinab als das letzte.

Über den Rand meines Glases hinweg sah ich sie an. Nicht viel älter als zwanzig, dachte ich. Jünger, als ich auf den ersten Blick angenommen hatte. Zu jung für den Süden. Die Wüste würde die Flüssigkeit aus ihrem schönen, blassen Körper saugen und eine ausgetrocknete, staubige Hülle zurücklassen.

Aber mein Gott, sie war wunderbar. Es war nicht viel Sanftheit in ihr. Nur ein Hinweis auf einen stolzen, festen Körper unter dem weißen Burnus und ein stolzes, festes Kinn unter der nordischen Haut. Und Augen. Blaue Augen, die mich unentwegt fixierten, ruhig abwartend, ohne Lockung oder Anzüglichkeit.

Tatsächlich ein Geschäft, aber schließlich gibt es verschiedene Formen der Geschäftsabwicklung.

Unwillkürlich richtete ich mich auf meinem Stuhl auf. Frühere Geschäfte mit Frauen hatten mir gezeigt, wie leicht sie durch meine breiten Schultern und meine kräftige Brust zu beeindrucken waren. (Und durch mein Lächeln, aber am Anfang verwende ich es immer sparsam. Es hilft dabei, das Charisma aufzubauen).

Unglücklicherweise schien diese Frau in keiner Richtung sonderlich beeindruckt zu sein, ob mit Charisma oder ohne. Sie sah mich nur fest an, ohne Scheu oder Koketterie.

»Man hat mir gesagt, daß Ihr Osmoon den Händler kennt«, sagte sie mit ihrer rauhen nordischen Stimme.

»Old Moon?« Ich machte mir nicht die Mühe, meine Überraschung zu verbergen, und fragte mich, was diese Schönheit von einem alten Relikt wie ihm wollte. »Was wollt Ihr von einem alten Relikt wie ihm?«

Ihre kühlen Augen waren verhangen. »Geschäfte.«

Sie schien nicht sehr gesprächig zu sein. Ich bewegte mich auf dem Stuhl und ließ meinen eigenen Burnus am Hals aufklaffen. Ich wollte ihr meine Krallenkette zeigen, die ich um den Hals trage, um sie daran zu erinnern, daß ich ein Mann war, der Konsequenzen zog. (Ich weiß nicht, welche Art von Konsequenzen genau, aber zumindest zog ich welche).

»Moon spricht nicht mit Fremden«, gab ich zu bedenken. »Er spricht nur mit seinen Freunden.«

»Ich habe gehört, Ihr seid sein Freund.«

Einen Moment später nickte ich nachdenklich. »Wir kennen uns schon lange.«

Einen kleinen Augenblick lang lächelte sie. »Und seid Ihr auch ein Sklavenhändler?«

Ich war froh, daß ich den Aqivi schon getrunken hatte. Wenn diese Frau wußte, daß Moon mit dem Sklavenhandel zu tun hatte, wußte sie eine Menge mehr als die meisten Nordbewohner.

Ich betrachtete sie etwas genauer, gab aber meine Wachsamkeit nicht auf. Sie wartete. Ruhig, gefaßt, als hätte sie dies schon viele Male getan, und die ganze Zeit über stellten ihre Jugend und ihr Geschlecht es in Abrede.

Ich erschauderte. Plötzlich schienen alles rauchige Licht innen und alles Sonnenlicht draußen nicht mehr auszureichen, ein ungewohntes, eisiges Frösteln abzuwehren. Es war, als hätte die nordische Frau den Nordwind mit sich gebracht.

Aber natürlich war das nicht möglich. Vielleicht gibt es Magie auf der Welt, aber wenn es sie gibt, dann ist sie Einfaltspinseln und Narren vorbehalten, die eine Stütze brauchen.

Ich runzelte ein wenig die Stirn. »Ich bin ein Schwerttänzer. Ich beschäftige mich mit Kriegen, Rettungsaktionen, Eskortierungsaufträgen, Scharmützeln, hin und wieder ein wenig gutbezahlter Rache ... alles, was einen Lebensunterhalt mit dem Schwert ermöglicht.« Ich berührte das goldene Heft von Einzelhieb, indem ich hoch und kurz hinter meine linke Schulter faßte. »Ich bin ein Schwerttänzer. Kein Sklavenhändler.«

»Aber Ihr kennt Osmoon.« Sanfte, aufrichtige Augen, überzeugend unschuldig.

»Viele Leute kennen Osmoon«, wich ich aus. »Ihr kennt Osmoon.«

»Ich kenne seinen Ruf.« Eine feine Unterscheidung. »Aber ich würde ihn gern kennenlernen.«

Ich taxierte sie ganz offen, und sie konnte deutlich sehen, was ich tat. Es ließ sie erröten, und ihre Augen glitzerten ärgerlich. Aber bevor sie den Mund zum Protest öffnen konnte, lehnte ich mich über den Tisch. »Ihr werdet noch Schlimmeres als das erfahren, wenn Ihr Old Moon nahekommt. Er würde seine goldenen Zähne für eine ›Bascha‹ wie Euch hergeben, und Ihr würdet das Tageslicht nie wiedersehen. Ihr würdet so schnell an irgendeinen Tanzeerharem verkauft werden, daß Ihr ihn nicht einmal mehr in die Hoolies wünschen könntet.«

Sie starrte mich an. Ich dachte, ich hätte sie vielleicht mit meiner Offenheit schockiert. Das wollte ich. In ihren Augen war kein Verständnis zu entdecken. »Tanzeer?« fragte sie verwirrt. »Hoolies?«

Soviel darüber, wie ich sie mit Fakten über das südliche Leben abschreckte. Ich seufzte. »Ein Nordbewohner würde vielleicht Prinz anstelle von Tanzeer sagen. Und ich habe keine Ahnung, wie die Übersetzung für ›Hoolies‹ lautet. Es ist der Ort, von dem die Priester sagen, daß die meisten von uns dorthin unterwegs seien, wenn wir dieses Leben einmal verlassen. Mütter drohen ihren Kindern gern damit, wenn sie böse sind.« Das hatte meine nicht getan, denn soweit ich weiß, starb sie, unmittelbar nachdem sie mich in einem Loch in der Wüste zurückgelassen hatte.

Oder ging einfach fort.

»Oh.« Sie dachte darüber nach. »Gibt es keine Möglichkeit, den Händler auf neutralem Boden zu treffen?«

Der weiße Burnus öffnete sich ein wenig weiter. Ich war verloren. Es gab keine Ausflüchte mehr. »Nein.« Es machte mir nichts aus zu erklären, daß ich, wenn Moon Ansprüche auf sie erheben würde, mein Bestes geben würde, um sie für mich selbst zu kaufen.

»Ich habe Gold«, schlug sie vor.

Das alles und auch noch Geld. Ein wirklicher Glücksfall. Ich lächelte milde. »Und wenn Ihr losgeht und etwas davon hier draußen in der Wüste blinken laßt, meine naive, kleine, nordische ›Bascha‹, wird man Euch ausrauben und entführen.« Ich nahm noch einen Schluck Aqivi und achtete darauf, daß mein Ton unbeteiligt klang. »Warum wollt Ihr Moon treffen?«

Ihr Gesicht zeigte sofort einen verschlossenen Ausdruck. »Geschäfte. Das sagte ich bereits.«

Ich runzelte die Stirn, fluchte in mein Glas und merkte, daß sie auch das nicht verstand. Auch gut. Manchmal werde ich grob, und meine Ausdrucksweise ist nicht die vornehmste. In meinem Beruf gibt es nicht viele Gelegenheiten, Kultiviertheit zu lernen. »Seht, Bascha – ich bin bereit, Euch mit zu Moon zu nehmen und aufzupassen, daß er nicht mit der Ware schachert, aber Ihr werdet mir sagen müssen, warum Ihr ihn sehen wollt. Ich fische nicht gern im trüben.«

Ein Fingernagel tippte auf das narbige Holz des whiskybefleckten Tisches. Der Nagel war kurz gefeilt, als sei er – und die anderen – nicht dazu gedacht, weiblicher Eitelkeit zu dienen. Nein. Nicht bei dieser Frau. »Ich habe nicht die Absicht, einen Schwerttänzer anzuheuern«, sagte sie kalt. »Ich möchte nur, daß Ihr mir sagt, wo ich Osmoon den Händler finden kann.«

Ich starrte sie gereizt an. »Ich habe Euch gerade gesagt, was passieren wird, wenn Ihr ihn allein trefft.«

Der Nagel tippte wieder auf. Die kaum wahrnehmbare Spur eines Lächelns wurde sichtbar, als wüßte sie etwas, das ich nicht wußte. »Ich werde es darauf ankommen lassen.«

Zu den Hoolies mit ihr, wenn es das war, was sie wollte. Ich sagte ihr, wo sie ihn finden konnte und wie und was sie ihm sagen sollte, wenn sie ihn fand.

Sie sah mich an, und blonde Brauen trafen sich, als sie die Stirn runzelte. »Ich soll ihm sagen: ›Der Sandtiger spielt mit‹?«

»Genau.« Ich lächelte und erhob mein Glas.

Einen Augenblick später nickte sie langsam, aber ihre Augen verengten sich nachdenklich. »Warum?«

»Mißtrauisch?« Ich lächelte mein lässiges Lächeln. »Old Moon schuldet mir etwas. Das ist alles.«

Sie sah mich noch einen Moment länger an, schätzte mich ab. Dann erhob sie sich. Ihre Hände, die sie auf dem Tisch aufstützte, waren langfingrig und schlank, aber nicht zierlich. Sehnen bewegten sich unter der hellen Haut. Kräftige Hände. Kräftige Finger. Sehr kräftig für eine Frau.

»Ich werde es ihm sagen«, stimmte sie zu.

Sie wandte sich um und ging davon, auf die mit Vorhängen versehene Tür des Wirtshauses zu. Mir lief das Wasser im Mund zusammen, als ich das viele gelbe Haar ansah, das sich über die Falten des weißen Burnus ergoß.

Hoolies, was für eine Frau!

Aber sie war fort, zusammen mit der Illusion der Kühle, und abgesehen davon ist es nie gut, Phantasien um eine Frau zu entwickeln, denn es fordert Wünsche heraus, die nicht immer befriedigt werden können (oder zumindest nicht auf die richtige Art). Also bestellte ich einen weiteren Krug Aqivi, rief Ruth und Numa zurück und verbrachte den Abend im geselligen Gespräch mit zwei Wüstenmädchen, die vielleicht nicht in eine Männerphantasie paßten, aber nichtsdestoweniger warm, willig und freigebig waren.

Das genügt auch, danke.

ZWEI

Osmoon der Händler war nicht glücklich, mich zu sehen. Er starrte mich aus seinen kleinen schwarzen Schweinsaugen an und bot mir noch nicht einmal etwas zu trinken an, woran ich ganz klar erkennen konnte, wie ärgerlich er war. Ich fächelte den Rauch des Sandelholzräucherwerks, der zwischen uns hindurchschwebte, fort (und wünschte, er würde die Öffnung des Stangendaches seines safrangelben Hyorts erweitern) und wartete ab.

Der Atem zischte zwischen seinen goldenen Zähnen hervor. »Du schickst mir eine Bascha wie diese, Tiger, und sagst mir dann, ich soll sie für dich aufbewahren? Warum hast du dir die Mühe gemacht, sie zuerst zu mir zu schicken, wenn du sie für dich selbst wolltest?«

Ich lächelte ihn versöhnlich an. Es war selbst für den Sandtiger nicht ratsam, ehemalige und zukünftige Verbündete zu ärgern. »Diese Frau braucht besondere Behandlung.«

Er verfluchte den Gott der Sklavenhändler, eine unglaubliche Abfolge von Namen für eine Gottheit, die ich selbst noch niemals hatte anrufen müssen. Offengesagt denke ich, daß Old Moon sie erfunden hat. »Besondere Behandlung!« stieß er hervor. »Besondere Zähmung, meinst du. Weißt du, was sie getan hat?«

Da ich es nicht wissen konnte und er es mir bald erzählen würde, wartete ich erneut ab. Und er erzählte es mir.

»Sie schnitt fast ab, was von der Männlichkeit meines besten Eunuchen übrigblieb!« Moons beleidigter Blick forderte zu unterwürfigen Entschuldigungen auf. Ich wartete lediglich weiter ab und versprach nichts. »Das arme Ding rannte schreiend aus dem Hyort, und ich konnte ihn nicht vom Hals seines Geliebten wegbringen, bis ich schließlich versprach, das Mädchen zu schlagen.«

Das ersparte mir eine Erwiderung. Ich sah ihn an. »Du hast sie geschlagen?«

Moon sah mich etwas beunruhigt an und lächelte schwach, wobei der Reichtum an Gold zu sehen war, der in seinem Mund glänzte. Ich bemerkte, daß sich meine Hand zu dem Messer an meinem Gürtel bewegt hatte. Ich beschloß, sie dort zu lassen, und sei es nur, um Wirkung zu erzielen.

»Ich habe sie nicht geschlagen.« Moon sah auf mein Messer. Er wußte, wie tödlich genau und schnell ich damit umgehen kann, auch wenn es nicht meine beste Waffe ist. Diese Art Ruf kommt einem zugute.

»Ich konnte es nicht tun – ich meine, sie ist eine Nordbewohnerin. Du weißt, wie diese Frauen sind. Diese ... diese Nordbewohnerinnen.«

Ich überhörte den letzten Teil der Erklärung. »Was hast du mit ihr gemacht?« Ich sah ihn eindringlich an. »Du hast sie immer noch hier ...«

»Ja!« Seine Zähne schimmerten. »He, Tiger, denkst du, ich bin so vergeßlich, daß ich solche Dinge außer acht lasse?« Er war wieder beleidigt und runzelte die Stirn. »Ja, ich habe sie hier. Ich mußte sie festbinden wie ein Opferlamm, aber ich habe sie hier. Du kannst sie mir vom Hals schaffen, Tiger. Je eher, desto besser.«

Ich war etwas verdutzt über seine Bereitwilligkeit, einen so wertvollen Vorteil aufzugeben. »Ist sie verletzt? Willst du sie deshalb nicht mehr?« Ich starrte ihn an. »Ich kenne dich, Moon. Du würdest zweimal betrügen, wenn der Einsatz hoch genug wäre. Sogar bei mir.« Ich starrte ihn noch eindringlicher an. »Was hast du mit ihr gemacht?«

Er rang abwehrend die beringten Hände. »Nichts! Nichts! He, Tiger, die Frau ist unversehrt.« Das Händeringen hörte auf, und seine Stimme veränderte sich. »Nun ... fast unversehrt. Ich mußte sie auf den Kopf schlagen. Es war die einzige Möglichkeit, sie davon abzuhalten, meine Männlichkeit abzuschneiden ... oder mir einen Fluch aufzuerlegen.«

»Wer war so dumm, sie an ein Messer herankommen zu lassen?« Ich war wenig beeindruckt von Moons Erzählungen über ihre Hexenkraft oder dem Bild des Sklavenhändlers, der den Teil seines Körpers verlor, den er so bereitwillig von seinem Besitz fernhielt, um Temperament und Preis zu erhöhen. »Und außerdem sollte ein Messer in den Händen einer Frau keine große Bedrohung für Osmoon den Händler darstellen.«

»Messer!« schrie er erzürnt. »Messer? Die Frau hatte ein Schwert, das so lang war wie deines!«

Das machte mich stutzig. »Ein Schwert?«

»Ein Schwert.« Moon starrte mich jetzt auch an. »Es ist sehr scharf, Tiger, und es ist verhext ... und sie weiß, wie man damit umgeht.«

Ich seufzte. »Wo ist es?«

Moon murmelte etwas zu sich selbst, stand auf und schlurfte über die aufgeschichteten Teppiche zu einer messingbeschlagenen Holzkiste. Er lebte gut, aber nicht großspurig, denn er wollte keine übertriebene Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Die örtlichen Tanzeer wußten von seinen Geschäften, und weil sie einen guten Anteil von seinem Gewinn einheimsten, ließen sie ihn in Ruhe. Aber andererseits wußten sie auch wieder nicht genau, wie lukrativ die Geschäfte waren. Wüßten sie es, würden sie zweifellos einen größeren Anteil von ihm fordern. Vielleicht sogar seinen Kopf.

Moon hob den Deckel seiner Kiste und stand mit den Händen auf den Hüften darüber. Er starrte auf den Inhalt, beugte sich aber nicht hinab, um etwas herauszunehmen. Er starrte nur hinein, und dann sah ich, wie seine Hände über den Stoff seines Burnus rieben, braune Handflächen über schwere gelbe Seide, bis ich ungeduldig wurde und ihm sagte, er solle sich beeilen.

Er wandte sich um und sah mich an. »Es ... es ist da drinnen.«

Ich wartete.

Er machte eine ungeduldige Geste. »Hier. Willst du es haben?«

»Das sagte ich bereits.«

Eine fette Hand machte sich an der Kiste zu schaffen. »Nun ... hier ist es. Du kannst es dir holen.«

»Moon ... Hoolies, Mann, wirst du mir das Schwert der Frau jetzt bringen? Was ist denn so schwer daran?«

Er war ganz entschieden unglücklich. Aber einen Augenblick später sprach er ein Gebet für irgendeine andere unaussprechliche Gottheit und versenkte die Hände in der Kiste.

Er brachte ein in einer Scheide steckendes Schwert hervor. Schnell wandte er sich um und eilte durch den Hyort zurück, warf mir dann das Schwert zu, als sei er erleichtert, es loslassen zu können. Ich schaute ihn überrascht an. Und wieder rieben braune Handflächen über gelbe Seide.

»Hier«, sagte er atemlos, »hier.«

Ich runzelte die Stirn. Moon ist ein harter, gerissener Mann, ein Kind des Südens mit allen entsprechenden Eigenarten. Sein ›Handels‹-Unternehmen erstreckt sich in alle Teile der Punja, und mir war niemals zu Ohren gekommen, daß er so etwas Ähnliches wie Angst gezeigt hätte ... außer natürlich, wenn die Umstände eine Vorstellung rechtfertigten, die dieses Gefühl beinhaltete. Aber jetzt war es anders. Jetzt waren Unsicherheit und Begreifen und Nervosität im Spiel, alle zusammen eingebunden in einen großen Klumpen schreiender Angst.

»Wo ist das Problem?« fragte ich sanft.

Moon öffnete den Mund, schloß ihn wieder und öffnete ihn erneut. »Sie ist eine Nordbewohnerin«, murmelte er. »Das ist es.«

Er deutete auf das in der Scheide steckende Schwert, und schließlich verstand ich. »Ach so, du denkst, das Schwert sei verhext. Eine nordische Hexe, nordische Magie.« Ich nickte sanft. »Moon ... wie oft habe ich dir gesagt, daß Magie etwas ist, was Gauner gebrauchen, die andere Leute hereinlegen wollen? Vor allem glaube ich gar nicht, daß es Magie gibt ... aber das, was es gibt, ist kaum mehr als ein Spiel für leichtgläubige Narren.«

Sein fest zusammengepreßter Mund forderte mich heraus. Was das anging, konnte Moon niemals ein Verbündeter sein.

»Betrug«, erklärte ich ihm. »Unsinn. Überwiegend Illusion, Moon. Und das, was du über nordische Magie und Hexen gehört hast, ist nur eine Ansammlung von Geschichten, die von südlichen Müttern erfunden wurden, die sie ihren Kindern als Gute-Nacht-Geschichte erzählen. Glaubst du wirklich, diese Frau sei eine Hexe?«

Er war offensichtlich davon überzeugt, daß sie es war. »Nenn mich einen Dummkopf, Tiger. Aber ich sage dir, daß du einer bist, weil du die Wahrheit nicht sehen willst.« Eine Hand schoß vor, um auf das Schwert zu zeigen, das er in meinen Schoß hatte fallen lassen. »Sieh dir das an, Tiger. Berühre das, Tiger. Sieh dir diese Runen und die Umrisse an und sage mir, daß es nicht die Waffe einer Hexe ist.«

Ich sah ihn stirnrunzelnd an, aber plötzlich war er nicht mehr eingeschüchtert oder beeindruckt. Er ging einfach zurück zu seinem Teppich auf der anderen Seite des Weihrauchbehälters und plazierte sein Hinterteil darauf, wobei er seine Unterlippe schmollend vorschob. Moon war beleidigt: Ich hatte an ihm gezweifelt. Nur eine Entschuldigung würde seinen guten Willen wiederherstellen. (Einmal abgesehen davon, daß ich nicht viel Sinn darin sehe, eine Entschuldigung für etwas auszusprechen, das keinen Sinn ergibt.)

Ich berührte die Scheide und ließ die Finger prüfend über das harte Leder gleiten. Schlichtes, schmuckloses Leder, ähnlich dem meinen. Ein Harnisch, kein Schwertgürtel, was mich ein wenig erstaunte. Aber letztendlich erstaunte es mich noch mehr, daß Moon dieses Schwert als die Waffe der Frau bezeichnete.

Das Heft war silbern, von geschickten Händen in gewundenes Flechtwerk und bizarre Formen gebracht. Ich versuchte diese Formen zu erkennen, indem ich sie genau ansah. Ich versuchte, die Ausgestaltung zu verstehen. Aber alles verschmolz zu einer einzigen gewundenen Linie, welche die Augen verwirrte und nach innen auf sich selbst lenkte.

Ich blinzelte, kniff die Augen ein wenig zusammen und ergriff das Heft, um die Klinge aus der Scheide zu ziehen ...

... und fühlte das kalte, brennende Kribbeln auf meinen Handflächen, das sich in meinen Handgelenken festsetzte.

Ich ließ das Heft sofort los.

Moons Knurren, das durch seine Einfachheit überzeugte, drückte selbstgefällige Befriedigung aus.

Ich schaute erst ihn stirnrunzelnd an, dann das Schwert. Und als ich dieses Mal das Heft ergriff, tat ich es schnell und mit zusammengebissenen Zähnen. Ich riß die Klinge aus der Scheide.

Meine rechte Hand, die um das silberne Heft geklammert war, schloß sich. Sie schloß sich fast krampfartig fester um das Heft. Einen Moment lang dachte ich, daß meine Haut mit dem Metall verschmolzen, mit den gewundenen Formen eins geworden sei, aber fast augenblicklich zog sich meine Haut zurück. Als sich meine Finger lockerten und das Heft losließen, fühlte ich den alten, kalten Hauch des Todes meine Seele berühren.

Tipp, tipp. Ein Nagel gegen die Seele. Tiger, bist du da?

Hoolies, ja! Ich war da. Und hatte die Absicht dazubleiben, lebendig und gesund, dieser Berührung ungeachtet, dieses gebieterischen, fragenden Tones.

Aber fast unmittelbar nachdem ich das Heft losgelassen hatte, fiel das Schwert – das nun frei war – in meinen Schoß.

Kalte, kalte Klinge, die meine Oberschenkel verbrannte.

Ich stieß es sofort aus meinem Schoß auf den Teppich. Ich wollte ganz von ihm fortkommen und aufspringen, um noch mehr Distanz zwischen das Schwert und meine Haut zu bringen ...

Und dann dachte ich, wie dumm es wäre – bin ich nicht ein Schwerttänzer, der jedes Mal mit dem Tod handelt, wenn er den Kreis betritt? –, und ich tat es nicht. Ich saß nur da, trotzte der unerwarteten Reaktion meines Körpers und starrte auf das Schwert hinab. Ich fühlte die Kälte seiner Haut, als berühre sie noch immer die meine. Ich würde es mißachten, wenn ich könnte.

Ein nordisches Schwert. Und der Norden ist ein Ort des Schnees und des Eises.

Der erste Schock war vorbei. Meine Haut, die sich an die Nähe des fremdartigen Metalls gewöhnt hatte, zog sich nicht mehr über meinen Knochen zusammen. Ich atmete tief ein, um das Toben in meinen Eingeweiden zu beruhigen, und betrachtete das Schwert dann genauer. Aber ich berührte es nicht.

Die Klinge zeigte eine helle, perlmutterartige, lachsrosa Färbung mit einem leichten Hauch bläulichen Stahls – der eigentlich nicht wie Stahl aussah. Schillernde Runen zogen sich das gewundene Querstück hinab. Runen, die ich nicht entziffern konnte.

Ich nahm Zuflucht zu meinem Beruf, um mein Gleichgewicht wiederherzustellen. Ich riß ein dunkelbraunes Haar von meinem Kopf und zog es über die Schneide. Das Haar wurde problemlos geteilt. Die Schneide der eigenartig gefärbten Klinge war mindestens so scharf wie Einzelhiebs einfache Schneide aus bläulichem Stahl, was mir nicht sonderlich gefiel.

Ich nahm mir nicht die Zeit zum Nachdenken. Zähneknirschend hob ich das Schwert vom Teppich auf und ließ es mit starren, zitternden Händen in seine Scheide zurückgleiten – und fühlte die Kälte wegschmelzen.

Einen Moment lang starrte ich das Schwert nur an. Verborgen in seiner Scheide war es ein Schwert. Nur – ein Schwert.

Einen Augenblick später. Ich sah Moon an. »Wie gut ist sie?«

Die Frage überraschte ihn ein wenig. Und mich überraschte sie sehr. Ihr Können mochte Moon beeindruckt haben (der eher daran gewöhnt ist, daß sich Frauen lieber vor seine rundlichen Füße werfen und um Gnade bitten, als zu versuchen, in sein fettes Fleisch zu schneiden), aber ich kann mir etwas Besseres vorstellen als ein Schwert in den Händen einer Frau. Im Süden gebrauchen Frauen keine Schwerter und, soweit ich weiß, gebrauchen sie sie im Norden auch nicht. Das Schwert ist eine Waffe für Männer.

Moon sah mich ärgerlich an. »Gut genug, daß du noch einmal darüber nachdenken solltest. Sie zog das Ding hier drinnen heraus, und alles, was ich tun konnte war, sie festzubinden.«

»Wie hast du sie denn gebändigt?« fragte ich mißtrauisch. Er tippte mit einem rotlackierten Fingernagel kurz an seine goldenen Zähne und zuckte die Achseln. »Ich schlug sie auf den Kopf.« Er seufzte, als ich ihn stirnrunzelnd ansah. »Ich wartete, bis sie mit dem Versuch beschäftigt war, den Eunuchen zu verstümmeln. Aber selbst dann durchbohrte sie mir noch fast den Leib.« Eine ausgebreitete Hand liebkoste einen Teil des weichen, in Seide gehüllten Bauches. »Ich hatte Glück, daß sie mich nicht getötet hat.«

Ich grunzte geistesabwesend und erhob mich, wobei ich das nordische Schwert an seiner schlichten Lederscheide festhielt. »In welchem Hyort ist sie?«

»In dem roten«, sagte er sofort. Meine Güte, wie dringend er sie loswerden wollte, aber das kam mir gerade recht. »Und du solltest mir danken, daß ich sie hierbehalten habe, Tiger. Es wollte sie noch jemand anderer sehen.«

Ich blieb ruckartig an der Tür stehen. »Jemand anderer?«

Er tippte erneut gegen seine Zähne. »Ein Mann. Er hat keinen Namen genannt. Groß, dunkelhaarig – dir sehr ähnlich. Er klang wie ein Nordbewohner, aber er sprach gutes Wüstisch.« Moon zuckte die Achseln. »Er sagte, er sei hinter einer nordischen Frau her ... einer, die ein Schwert trägt.«

Ich runzelte die Stirn. »Du hast sie nicht herausgegeben ...?«

Erneut beleidigt, schraubte Moon sich hoch. »Du hast sie mit deiner Nachricht hierhergeschickt, und ich habe diese Nachricht respektiert.«

»Tut mir leid.« Ich sah den Sklavenhändler stirnrunzelnd an. »Er ging wieder?«

»Er hat hier übernachtet und zog weiter. Er hat das Mädchen gar nicht gesehen.« Ich grunzte. Dann verließ ich den Hyort.

Moon hatte recht: Er hatte sie wie ein Opferlamm verschnürt, die Handgelenke an die Knöchel gebunden, so daß sie halb gebeugt saß, aber zumindest hatte er dafür gesorgt, daß sich der Rücken richtig rundete. Das tut er nicht immer.

Sie war bei Bewußtsein. Ich war mit Moons Methoden eigentlich nicht besonders einverstanden (oder mit seinen Geschäften, wenn ich welche mit ihm machen mußte), aber zumindest war die Frau noch hier. Er hätte sie an jeden übergeben können, der hinter ihr her war.

»Der Sandtiger spielt mit«, sagte ich gelassen, und sie wandte den Kopf, um mich sehen zu können.

Ihr ganzes herrliches Haar war über ihre Schultern und über den blauen Teppich gebreitet, auf dem sie lag.

Osmoon hatte ihr den weißen Burnus abgestreift (denn er wollte sehen, was er bekommen würde, wie ich vermute), hatte aber nicht die knöchellange, gebundene Ledertunika entfernt, die sie darunter trug. Diese ließ ihre Arme und das meiste ihrer Beine unbedeckt, und ich sah, daß jeder Zentimeter ihres Körpers glatt und straff mit Muskeln durchsetzt war. Sehnen bewegten sich unter dieser hellen Haut, als sie sich auf dem Teppich regte, und ich erkannte, daß das Schwert wahrscheinlich trotz allem wirklich ihr gehörte, so unwahrscheinlich das auch schien. Sie hatte den Körper und die Hände dafür.

»Ist es Eure Schuld, daß ich so festgehalten werde?« fragte sie.

Das Sonnenlicht brannte sich seinen Weg durch den karmesinroten Stoff des Hyort. Es umhüllte sie mit einem unheimlichen karneolartigen Glanz und veränderte den blauen Teppich zu einer Farbe dunkelsten Weines, der Farbe von altem Blut.

»Es ist meine Schuld, daß Ihr so festgehalten werdet«, bestätigte ich, »denn sonst hätte Moon Euch schon längst verkauft.« Ich beugte mich hinab, zog mein Messer heraus und durchschnitt ihre Fesseln. Sie zuckte zusammen, als die steifen Muskeln protestierten. Daher legte ich ihr Schwert hin und massierte die langen, festen Waden und Schultern, die zart in abgehärtete Muskeln eingebunden waren.

»Ihr habt mein Schwert!« Vor Überraschung ließ sie meine Hände gewähren.

Ich dachte daran, meinen Händen zu erlauben, ein wenig tiefer zu gleiten, entschied mich aber dann dagegen. Sie mochte nach ein paar Tagen Gefangenschaft steif sein, aber wenn sie die Reflexe zeigte, die ich ihr zutraute, würde ich Schwierigkeiten bekommen. Es war unsinnig, mein Glück vorzeitig herauszufordern.

»Falls es Euer Schwert ist«, sagte ich.

»Es ist meines.« Sie stieß meine Hände weg und erhob sich, wobei sie ein Stöhnen unterdrückte. Die Ledertunika reichte bis zur Mitte der Oberschenkel, und ich sah die mit blauem, zu ihren Augen passendem Faden gearbeiteten seltsamen Runenglyphen einen Rand um den Saum und den Kragen bilden. »Habt Ihr es aus der Scheide genommen?« fragte sie, und da war etwas in ihrem Ton, das mich stutzig machte.

»Nein«, sagte ich nach einem Moment bedeutungsschwerer Stille.

Sie entspannte sich ganz offensichtlich. Ihre Hand liebkoste das seltsame Silberheft, und es gab kein Anzeichen dafür, daß sie dieselbe eisige Taubheit spürte, die ich erfahren hatte. Sie berührte es fast wie einen Liebhaber, als heiße sie einen Geliebten nach langer Zeit willkommen.

»Wer seid Ihr?« fragte ich plötzlich, denn ich war von einer eigenartigen Empfindung befallen. Runen auf der Klinge des Schwertes, Runen auf der Tunika. Diese gewundenen, verschwommenen Formen, die in das Heft eingearbeitet waren. Die Todesahnung, wenn ich es berührte. Was wäre, wenn sie eine Art Vertraute der Götter wäre, von diesen gesandt, um zu entscheiden, ob meine Zeit gekommen sei und ob ich es wert sei, einen Platz ewiger Ruhe – oder Qual – in Valhail oder Hoolies zu erlangen?

Und dann fühlte ich mich auf abscheuliche Art lächerlich, weil ich vorher nie viel über mein Ende nachgedacht hatte. Schwertkämpfer kämpfen einfach, bis jemand sie tötet. Wir verbringen keine Zeit damit, uns über nebensächliche Kleinigkeiten wie unsere letztendliche Bestimmung Gedanken zu machen. Ich tue dies bestimmt nicht.

Sie trug die gleichen Schuhe wie ich, über Kreuz gebunden bis zu den Knien. Die Schnürbänder waren golden und unterstrichen noch die Länge ihrer Beine, was sie fast auf eine Höhe mit mir brachte. Ich sah sie überrascht an, als sie sich erhob, denn ihr Kopf reichte bis an mein Kinn, und nur sehr wenige Männer erreichen diese Größe.

Sie runzelte ein wenig die Stirn. »Ich dachte, Südbewohner wären klein.«

»Die meisten sind es. Ich aber nicht. Aber immerhin – ich bin kein typischer Südbewohner.« Ich lächelte sanft. Helle Augenbrauen hoben sich. »Und schicken typische Südbewohner Frauen in eine Falle?«

»Ich habe Euch in eine wenig schlimme geschickt, um Euch vor einer schlimmeren zu bewahren.« Ich grinste. »Es stimmt, es war eine List und vielleicht eine etwas unangenehme, aber sie hat Euch vor den Klauen eines lüsternen Tanzeers gerettet, nicht wahr? Als Ihr Moon sagtet: ›Der Sandtiger spielt mit‹, wußte er genug, um Euch festzuhalten, bis ich hierherkam, anstatt Euch dem Meistbietenden zu verkaufen. Da Ihr so sehr darauf bestanden habt, ihn ohne meine persönliche Unterstützung zu sehen, mußte ich etwas unternehmen.«

Ein kurzes Glitzern in ihren Augen. Anerkennung. »Dann geschah es zu meinem – Schutz.«

»Auf umständliche Art.«

Sie warf mir einen scharfen, abschätzenden Seitenblick zu und lächelte dann leicht. Sie band sich eifrig das Schwert um und richtete es so, daß das Heft über ihre linke Schulter hinausragte, so wie Einzelhieb auch meine überragte. Ihre Bewegungen waren schnell und geschmeidig, und ich zweifelte keinen Moment daran, daß sie einen Eunuchen, der sowieso nur sehr wenig zu verlieren hatte, fast hatte verstümmeln können.

Meine Hände zitterten, als ich mir die innere Reaktion meines Körpers auf die Berührung des nordischen Schwertes in Erinnerung rief. »Warum erzählt Ihr mir nicht, welche Art Geschäfte Ihr mit Old Moon tätigen wollt, denn vielleicht kann ich Euch helfen«, sagte ich heftig in dem Wunsch, die Empfindung und das Wiedererleben zu bannen.

»Ihr könnt mir nicht helfen.« Eine Hand strich das Haar hinter ein Ohr, während sie die Lederriemen befestigte.

»Warum nicht?«

»Ihr könnt es eben nicht.« Sie verließ den Hyort mit schwungvollen Schritten und marschierte über den Sand zu Moons Zelt.

Ich holte sie ein. Aber bevor ich sie aufhalten konnte, hatte sie das Schwert mit dem silbernen Heft gezogen und den Türvorhang geradewegs vom Rahmen abgetrennt. Dann trat sie ein, und als ich hinter ihr hineinsprang, sah ich sie die tödliche Spitze der schimmernden Klinge in die Grube von Moons brauner Kehle legen.

»In meinem Land könnte ich Euch für das töten, was Ihr mir angetan habt.« Aber sie sagte dies lässig, ohne Gefühlsregung. Eine unvoreingenommene Beobachtung, fehlende Leidenschaft, und dennoch machte dies ihre Drohung um einiges realistischer. »In meinem Land würde ich Feigling genannt werden, wenn ich Euch nicht tötete. Nicht An-ishtoya oder auch nur einfach Ishtoya. Aber hier bin ich eine Fremde, die Eure Bräuche nicht kennt. Darum werde ich Euch leben lassen.« Ein Blutstropfen rann unter der in Moons Fleisch einschneidenden Schwertspitze hervor. »Ihr seid ein einfältiger, kleiner Mann. Es ist kaum zu glauben, daß Ihr bei der Beseitigung meines Bruders eine Rolle gespielt haben sollt.«

Armer, alter Moon. Seine Schweinsaugen waren aufgerissen, und er schwitzte dermaßen, daß ich überrascht war, das Schwert nicht von seinem Hals abrutschen zu sehen. »Euer Bruder?« quiekte er.

Das maisfasernfarbene Haar hing ihr über die Schultern. »Vor fünf Jahren wurde mein Bruder jenseits der Nordgrenze entführt. Er war zehn, Sklavenhändler ... zehn Jahre alt!« Ein Anflug von Gefühl schlich sich in ihren Ton ein. »Und wir wissen, wie sehr Ihr unser blondes Haar, die blauen Augen und die helle Haut schätzt, Sklavenhändler. Im Lande der dunkelhäutigen, dunkelhaarigen Menschen könnte es nicht anders sein.« Die Schwertspitze bohrte sich ein wenig tiefer hinein. »Ihr habt meinen Bruder entführt, Sklavenhändler, und ich will ihn zurückhaben.«

»Ich habe ihn nicht entführt!« Wütend schluckte Moon gegen den Druck des Schwertes an. »Ich handele nicht mit Jungen, Bascha, ich handele mit Frauen!«

»Lügner.« Sie war sehr ruhig. Für eine Frau, die einen Mann mit einem Schwert in Schach hielt, tatsächlich sehr ruhig. »Ich weiß von den Perversionen des Südens. Ich weiß, wie hoch der Preis ist, den ein Junge aus dem Norden auf dem Sklavenmarkt erzielt. Ich habe fünf Jahre lang Zeit gehabt, alles über dieses Geschäft zu lernen, Händler, also solltet Ihr mich nicht anlügen.« Sie streckte ihren sandalenbekleideten Fuß aus und stieß ihn in seinen fetten Bauch. »Ein blonder, blauäugiger, hellhäutiger Junge, Sklavenhändler. Mir sehr ähnlich.«

Moons Augen schnellten in stummem Flehen zu mir herüber. Einerseits wollte er, daß ich etwas unternahm. Andererseits wußte er aber auch, daß eine Bewegung von mir sie umstimmen könnte, die Klinge doch in seine Kehle zu stoßen. Also tat ich das Vernünftigere und wartete ab.

»Vor fünf Jahren?« Sein Burnus war bereits durchgeschwitzt und zeigte ockerfarbene Flecke auf gelber Seide. »Bascha, ich weiß nichts davon. Fünf Jahre sind eine, lange Zeit. Nordische Kinder sind tatsächlich beliebt, und ich sehe oft welche. Wie kann ich wissen, ob Euer Bruder dabei war?«

Sie sagte nichts Hörbares, aber ich sah, wie sich ihr Mund bewegte. Er formte ein Wort. Und dann färbte sich das helle Blut, obwohl das Schwert nicht tiefer in Moons Kehle eingedrungen war, zu einem dunklen Blaurot und glänzte an seiner Kehle.

Moon stieß erschrocken den Atem aus. Er entwich mit einem Zischen, und ich sah ihn eine eisige Rauchwolke bilden. Er antwortete sofort. »Es ... gab da einen Jungen. Vielleicht ist es fünf Jahre her, vielleicht auch länger. Es war bei einer Punjadurchquerung.« Er zuckte mit den Achseln. »Ich sah in Julah einen kleinen Jungen, aber ich kann nicht sagen, ob es Euer Bruder war. Es gibt viele nordische Jungen in Julah.«

»Julah«, echote sie. »Wo ist das?«

»Südlich von hier«, belehrte ich sie. »Eine gefährliche Gegend.«

»Gefahr ist nebensächlich.« Sie stieß Moon noch einmal in den Bauch. »Nennt mir einen Namen, Sklavenhändler.«

»Omar«, sagte er jämmerlich. »Mein Bruder.«

»Auch ein Sklavenhändler?«

Osmoon schloß die Augen. »Es ist ein Familienbetrieb.«

Sie nahm das Schwert fort und steckte es ohne nach der Scheide zu tasten wieder ein. Dazu gehörte Erfahrung. Dann fegte sie ohne ein Wort an mir vorbei und ließ mich mit dem zitternden, schwitzenden, jammernden Moon zurück.

Er legte seine zitternden Finger auf den Schwertschnitt an seinem Hals. »Kalt«, sagte er. »So ... kalt.«

»So sind viele Frauen.« Ich ging der Nordbewohnerin nach.

DREI

Ich holte sie bei den Pferden ein. Sie hatte bereits eines gesattelt und mit Wasserschläuchen bepackt, einen kleinen, graubraunen Wallach, der nicht weit von meinem kastanienbraunen Hengst entfernt angebunden war. Der weiße Burnus war irgendwo in einem von Moons Hyorts verschwunden, so daß sie bis auf ihre Veloursledertunika unbekleidet war. Auf diese Weise wurde eine Menge heller Haut der Sonne ausgesetzt, und ich wußte, sie würde sich röten und noch vor Einbruch der Nacht Unannehmlichkeiten bereiten.

Sie schenkte mir keine Beachtung, obwohl ich wußte, daß sie mich bemerkt hatte. Ich lehnte mich mit der Schulter gegen die rauhe Rinde einer Palme und beobachtete sie, als sie die mit Quasten geschmückten, bernsteinfarbenen Zügel über den Kopf des Graubraunen warf und ihn mit einem Arm umschlang, während sie den Sattel festzurrte. Das silberne Heft ihres Schwertes glänzte im Sonnenlicht, und ihr Haar brannte gelblichweiß über ihrem von der Tunika verhüllten Rücken.

Mein Mund wurde wieder trocken. »Ihr wollt nach Julah?«

Sie warf mir einen Seitenblick zu und befestigte die Schnallen des Sattelgurtes. »Ihr habt den Sklavenhändler gehört.«

Ich zuckte die Achseln. »Seid Ihr jemals dort gewesen?«

»Nein.« Der Sattelgurt saß perfekt, sie griff mit den Händen in die gestutzte borstige Mähne und schwang sich federleicht hinauf, wobei sie ein langes Bein über den flachen Sattel warf, der mit einer grobgewebten Decke bedeckt war. Scharlachrot, Ocker und Braun, die sich in der Sonne miteinander vermischten. Als sie ihre Füße in die lederumwickelten Messingsteigbügel stellte, schob sich die Tunika über ihren Oberschenkeln hoch.

Ich schluckte, aber es gelang mir, in normalem Ton zu sprechen. »Vielleicht braucht Ihr Hilfe, um nach Julah zu gelangen.«

Die blauen Augen zeigten keinen Argwohn. »Vielleicht.«

Ich wartete ab. Sie auch. Innerlich grinste ich, denn Konversation war nicht ihre Stärke. Aber andererseits ist Konversationskunst bei einer Frau nicht unbedingt eine Tugend.

Wir sahen uns an: Sie auf einem nervösen, graubraunen Wallach, der mit einer Schicht safrangelben Staubes bedeckt war, und ich (der ich mit dem gleichen Staub bedeckt war, da ich direkt von dem Wirtshaus hierher gekommen war) zu Fuß und lässig gegen eine Palme gelehnt. Trockene, ausgefranste Palmwedel boten wenig Schatten. Ich schielte hinauf zu der Frau auf dem Pferd. Noch immer abwartend.

Sie lächelte. Es war ein ausgesprochen persönliches Lächeln, aber nicht speziell für mich gedacht – als würde sie innerlich lachen. »Ist das ein Angebot, Sandtiger?«

Ich zuckte erneut die Achseln. »Ihr müßt die Punja durchqueren, um nach Julah zu gelangen. Seid Ihr dort jemals gewesen?«

Sie warf ihr Haar zurück. »Ich bin niemals vorher überhaupt im Süden gewesen ... aber ich bin ganz gut bis hierher gekommen.« Die darauffolgende Pause war bezeichnend. »Allein.«

Ich knurrte und kratzte träge an den Narben, die sich über meine rechte Wange ziehen. »Ihr seid gut bis zu dem abgelegenen Wirtshaus gekommen. Aber ich habe Euch hierher gebracht.«

Der kleine Graubraune tänzelte und wirbelte den Staub auf, der kurzzeitig in die warme Luft stieg und dann wieder heruntersank, um sich erneut mit dem Sand zu vermischen. Ihre Hände auf den aus Pferdehaar und Baumwolle geflochtenen Zügeln zeigten eindrucksvolle Sachkunde. Ihre Handgelenke wiesen Geschicklichkeit und Kraft auf, als sie das Pferd leicht unter Kontrolle brachte. Es war unruhig mit einem Reiter auf seinem Rücken. Aber sie schien sein schlechtes Benehmen kaum zu bemerken. »Ich habe es Euch schon einmal gesagt – es ist für mich nicht nötig, einen Schwerttänzer anzuheuern.«

»Die Punja ist meine Heimat«, erklärte ich ihr freundlich. »Ich habe den größten Teil meines Lebens hier verbracht. Und wenn Ihr die Brunnen oder die Oasen nicht kennt, werdet Ihr es niemals schaffen.« Ich streckte eine Hand aus, um gen Süden zu zeigen. Die Hitze flimmerte. »Seht Ihr das?«

Sie schaute hin. Die Meilen der Wüste erstreckten sich endlos. Und wir waren noch nicht einmal in der Punja.

Ich erwartete, daß sie mich erneut zurückweisen würde. Immerhin war sie eine Frau. Manchmal wird der Stolz der Frauen durch die Dummheit, beweisen zu wollen, daß sie allein zurechtkommen, völlig gebrochen.

Sie starrte in die Wüste hinaus. Selbst der Himmel war am Horizont ganz bleich und bot nur einen messingblauen Rand dar, der mit einem staubigen Graubeige verschmolz.

Sie zitterte. Sie zitterte, als ob sie frieren würde.

»Wer hat das so geschaffen?« fragte sie plötzlich. »Welch einfältiger Gott hat gutes Land in nutzlose Wüste verwandelt?«

Ich zuckte die Achseln. »Eine Legende besagt, daß der Süden einst kühl und grün und fruchtbar gewesen sei. Und dann bekämpften sich zwei Zauberer, um herauszufinden, wer Anspruch auf die ganze Welt hätte.« Sie wandte den Kopf, um auf mich herabzusehen, und ich spürte ihren klaren, direkten Blick auf mir. »Vermutlich töteten sie sich gegenseitig. Aber erst, nachdem sie die Welt genau geteilt hatten: in den Norden und den Süden, die beide so verschieden sind wie Mann und Frau.« Ich lächelte hinterhältig. »Findet Ihr nicht auch?«

Sie setzte sich bequemer im Sattel zurecht. »Ich brauche Euch nicht, Schwerttänzer. Ich brauche Euch nicht – ich brauche Euer Schwert nicht.«

Als ich sie ansah, wußte ich, daß sie sich damit nicht auf Einzelhieb bezog. Eine Frau allein in der Welt, wunderschön oder nicht, lernt schnell, was die meisten Männer wollen. Ich war da nicht anders. Aber ich hätte von ihr nicht solche Direktheit erwartet.

Ich zuckte erneut die Achseln. »Ich versuche nur zu helfen, Bascha.« Aber ich hätte ein Schwert – beide Schwerter – gegeben, wenn sie mir auch nur die kleinste Chance gewährt hätte.

Ich sah das Zucken in ihrem Mundwinkel. »Seid Ihr pleite? Ist das der Grund, warum ein Schwerttänzer Eures Rufes seine Dienste als Führer anbietet?«

Diese Vermutung traf meinen Stolz. Ich runzelte die Stirn. »Ich ziehe mindestens einmal im Jahr nach Julah. Jetzt ist es wieder soweit.«

»Wieviel verlangt Ihr?«

Meine Augen wanderten ein wohlgeformtes Bein entlang. So hell, zu hell. Ich öffnete den Mund, um zu antworten, aber sie kam mir zuvor, indem sie genau den Preis nannte, den ich gerade hatte nennen wollen. »In Gold.«

Ich lachte sie an, erheitert durch ihre Erkenntnis des Wertes, den sie für mich als Frau hatte. Das machte das Spiel etwas erfreulicher. »Warum entscheiden wir das nicht, wenn wir nach Julah kommen?« schlug ich vor. »Ich fordere immer einen fairen Preis, der sich nach dem Grad der Schwierigkeiten und der Gefahren richtet. Wenn ich Euer Leben mehr als einmal rette, erhöht sich der Preis entsprechend.«

Ich erwähnte nicht, daß ein Mann hinter ihr her war und ich davon wußte. Wenn sie ihn kannte und gefunden werden wollte, würde sie das sagen. Ihr Verhalten zeigte, daß sie es nicht wollte. Und wenn dies so war, konnte sich der Preis schneller erhöhen, als sie dachte.

Sie verzog den Mund, aber ich bemerkte das Glitzern in ihren Augen. »Verhandelt Ihr immer auf diese Art?«

»Das kommt darauf an.« Ich ging hinüber zu meinem eigenen Pferd und durchsuchte meinen Lederbeutel. Schließlich warf ich ihr einen Burnus in einem hellen Scharlachrot zu. »Hier. Zieht das an, sonst seid Ihr bis zum Mittag gebraten.«

Der Burnus war ein wenig protzig. Ich haßte es, ihn zu tragen, aber ab und zu war er ganz praktisch. So zum Beispiel, wenn einer der hiesigen Tanzeer meine Gesellschaft bei einem Essen wünschte, um Geschäfte zu besprechen. Ein paar goldene Quasten hingen hier und dort von den Ärmeln und der Kapuze herab. Ich hatte einen Schlitz in die linke Schulternaht geschnitten, so daß das Heft von Einzelhieb ungehindert hindurchstoßen konnte. Es ist wichtig, das Schwert leicht aus der Scheide ziehen zu können, wenn man in Geschäften wie den meinen unterwegs ist.

Sie hielt den Burnus hoch. »Ein wenig zu fein für Euch.«

Sie zog ihn über den Kopf, richtete die Falten so, daß ihr eigenes Schwert frei lag, und schob die Kapuze zurück. Er war ihr viel zu groß, fiel in undeutlichen Wellen und Falten herab, die ihre Umriße nur erahnen ließen, aber er stand ihr dennoch besser als mir. »Wie bald können wir Julah erreichen?«

Ich band den Hengst, tätschelte einmal warnend seine linke Schulter und sprang dann in meinen abgedeckten Sattel. »Das kommt darauf an. Wir könnten es in drei Wochen schaffen ... es kann auch drei Monate dauern.«

»Drei Monate!«

»Wir müssen die Punja durchqueren.« Ich schob die ausgebleichten Quasten meiner scharlachroten Zügel zurecht. Hier draußen behält nichts für lange Zeit seine Farbe. Letztendlich schluckt die Farbe Braun alles andere. In all ihren Schattierungen und Variationen.

Sie runzelte ein wenig die Stirn. »Dann sollten wir keine Zeit mehr verschwenden.«

Ich sah ihr zu, wie sie den kleinen graubraunen Wallach wendete und sich gen Süden richtete. Zumindest wußte sie, in welche Richtung sie reiten mußte.

Der Burnus schlug im Wind Wellen wie das karmesinrote Banner eines Wüstentanzeers. Das Heft ihres nordischen Schwertes leuchtete silbern und reflektierte in der Sonne. Und all dies Haar, so weich und seidig gelb ... nun, es würde leicht sein, ihr auf den Fersen zu bleiben. Ich schnalzte meinem Hengst zu und ritt hinter der Frau her.

Wir ritten eine Weile in vernünftiger Geschwindigkeit Seite an Seite. Mein kastanienbrauner Hengst war nicht allzu begeistert davon, sich dem kleinen graubraunen Wallach anpassen zu müssen, denn er bevorzugte eine schnellere, aufgeregtere Gangart (leidlich oft ist dies ein voller Galopp, durchsetzt von zwischenzeitlichen Versuchen, mich von seinem Rücken zu entfernen), aber nach einer kurzen ›Diskussion‹ entschlossen wir uns zu einem Kompromiß. Ich würde die Richtung bestimmen und er die Gangart.

Bis er eine andere Möglichkeit sah.

Die Frau beobachtete mich, wie ich der kurzzeitigen Auflehnung des Hengstes begegnete, aber ich konnte nicht erkennen, ob sie mein Können schätzte oder nicht. Der Hengst wird von niemandem sonst freiwillig geritten, denn er hat eine mürrische, überhebliche Art, und ich habe erfolgreich Wetten auf ihn abgeschlossen, wenn jemand dachte, er würde bei den üblichen morgendlichen Feindseligkeiten gewinnen. Aber wir beide haben einen Handel abgeschlossen, nach dem er das Feuerwerk liefert und ich dafür sorge, daß es gut aussieht. Wann immer ich dann mit ein paar in meiner Gürteltasche klimpernden Münzen davonkomme, bekommt er eine Extraration Hafer. Das funktioniert ziemlich gut.

Die Frau sagte kein Wort, als sich der Hengst schließlich beruhigt hatte und den Staub aus seinen Nüstern schnaubte, aber ich bemerkte, daß sie mich mit ihren blauen Augen unauffällig musterte.

»Das ist kein nordisches Pferd, das Ihr da reitet«, erklärte ich im Plauderton. »Er ist ein Südbewohner, wie ich. Welche Pferde gibt es bei Euch im Norden?«

»Größere.«

Ich wartete. Sie fügte nichts mehr hinzu. Ich versuchte es noch einmal. »Sind sie schnell?«

»Schnell genug.«

Ich runzelte die Stirn. »Seht, es wird eine lange Reise. Wir könnten sie genausogut mit einer gepflegten Unterhaltung verkürzen.« Ich machte eine Pause. »Auch mit einer schlechten Unterhaltung.«

Sie lächelte. Sie versuchte, es hinter dem Vorhang aus Haaren zu verbergen, aber ich sah es. »Ich dachte, Schwerttänzer wären im allgemeinen mürrisch«, sagte sie zögernd, »und lebten nur dafür, Blut zu verspritzen.«

Ich schlug eine ausgebreitete Hand gegen meine Brust. »Ich. Nein? Ich bin ein friedlicher Mann, im Herzen.«

»Aha.« Und alle Weisheit dieser Welt lag in dieser einen Silbe.

Ich seufzte. »Habt Ihr einen Namen? Oder reicht Blondie?«

Sie antwortete nicht. Ich wartete und entfernte Spitzkletten aus der gestutzten Mähne meines Hengstes.

»Delilah«, sagte sie schließlich mit leicht verzogenem Mund. »Nennt mich Del.«

»Del.« Irgendwie paßte das nicht zu ihr, es klang zu hart und kurz – und zu männlich – für eine junge Frau ihrer Anmut und Schönheit. »Seid Ihr wirklich hinter Eurem Bruder her?«

Sie warf mir einen Seitenblick zu. »Denkt Ihr, ich hätte diese Geschichte, die ich dem Sklavenhändler erzählt habe, erfunden?«

»Vielleicht.« Ich zuckte die Achseln. »Es ist nicht mein Job, ein moralisches Urteil über meine Arbeitgeberin zu fällen, sondern nur, sie nach Julah zu bringen.«

Sie lächelte andeutungsweise. »Ich suche meinen Bruder. Das hat nichts mit ›hinterher sein‹ zu tun.«

Das stimmte. »Habt Ihr denn tatsächlich eine Ahnung, wo er sein könnte oder was ihm passiert sein könnte?«