Schwertmagier - Jennifer Roberson - E-Book

Schwertmagier E-Book

Jennifer Roberson

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Beschreibung

Von religiösen Fanatikern als Mörder ihres Messias gejagt, fliehen Tiger und Del in die tödlichen Weiten der Punjawüste. Dort ereilt sie der Geist des Schwarzmagiers Chosa Dai und ergreift Besitz von Tigers Seele und seinem magischen Schwert. Nur Chosa Deis mächtiger Gegenspieler Shaka Obre könnte die Verzweifelten retten. Doch den hat seit Jahrhunderten kein menschliches Auge mehr erblickt. Reichen die magischen Kräfte der beiden Schwerttänzer aus, um den Verschollenen zu beschwören?

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Seitenzahl: 600

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Jennifer Robersons "Schwertänzer-Zyklus" – sieben einzigartige Romane voller Magie, Geheimnisse und funkelnder Dialoge. Ein Meisterwerk der modernen Fantasy!

Jetzt erstmals als eBook lieferbar.

Von religiösen Fanatikern als Mörder ihres Messias gejagt, fliehen Tiger und Del in die tödlichen Weiten der Punjawüste. Dort ereilt sie der Geist des Schwarzmagiers Chosa Dai und ergreift Besitz von Tigers Seele und seinem magischen Schwert. Nur Chosa Deis mächtiger Gegenspieler Shaka Obre könnte die Verzweifelten retten. Doch den hat seit Jahrhunderten kein menschliches Auge mehr erblickt. Werden die magischen Kräfte der beiden Schwerttänzer ausreichen, um den Verschollenen zu beschwören?

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel "Sword-Breaker" Edel eBooks Ein Verlag der Edel Germany GmbH

© 2015 Edel Germany GmbH Neumühlen 17, 22763 Hamburg

www.edel.com

Copyright © der Originalausgabe 1991 by Jennifer Roberson O´Green

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 1995  

Ins Deutsche übertragen von Karin König Covergestaltung: Eden & Höflich, Berlin.

Konvertierung: Datagrafix

Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des jeweiligen Rechteinhabers wiedergegeben werden.

ISBN: 978-3-95530-711-0

facebook.com/edel.ebooks

Als das Schwertauf den magischen Sturmantwortete

Ich spürte es, bevor ich es hörte: ein vibrierendes, betäubendes, bis ins tiefste Innere dringendes Kribbeln, das meine Ellbogenknochen klappern ließ und die Handgelenke zu zerbrechen drohte. Die Macht, die ich spürte, war süß, verlockend – oh, so verführerisch! Sie kannte mich. Sie kannte meinen Gesang. Ich hatte dieses Schwert getränkt, dann erneut getränkt, und wir waren jetzt doppelt miteinander verbunden.

Und dann veränderte sich die Macht. Die mich umgebende Wesenheit verging, und ich spürte etwas anderes an ihrer Stelle aufflammen. Etwas sehr Starkes. Etwas sehr Zorniges.

Es dehnte sich über das Schwert aus und funkelte wie ein Hitzeblitz über den Horizont der Punja.

Schwarzes Licht. Schwarzes Licht. Und dennoch glühte es. Es floß die Klinge hinab, berührte zögernd meine Hände um das Heft, floß dann weiter abwärts, verschlang Finger, Hände, Handgelenke. Ich fluchte. Mir entfuhr ein derber Fluch, weil ich plötzlich mehr Angst hatte als jemals zuvor. Das Licht berührte mich...

Inhalt

Prolog

Eins

Zwei

Drei

Vier

Fünf

Sechs

Sieben

Acht

Neun

Zehn

Elf

Zwölf

Dreizehn

Vierzehn

Fünfzehn

Sechzehn

Siebzehn

Achtzehn

Neunzehn

Zwanzig

Einundzwanzig

Zweiundzwanzig

Dreiundzwanzig

Vierundzwanzig

Fünfundzwanzig

Sechsundzwanzig

Siebenundzwanzig

Achtundzwanzig

Neunundzwanzig

Dreissig

Einunddreissig

Zweiunddreissig

Dreiunddreissig

Vierunddreissig

Fünfunddreissig

Sechsunddreissig

Siebenunddreissig

Achtunddreissig

Neununddreissig

Vierzig

Einundvierzig

Zweiundvierzig

Dreiundvierzig

Vierundvierzig

Fünfundvierzig

Sechsundvierzig

Siebenundvierzig

Epilog

PROLOG

Es gibt Dinge im Leben, die man einfach weiß, ohne daß man viel darüber nachdenken muß.

Wie es zum Beispiel jetzt der Fall war.

Ich richtete mich in der Dunkelheit taumelnd auf, stolperte zwei Schritte durch Felsen, landete schmerzhaft auf den Knien.

»O Hoolies«, murmelte ich.

Prompt entledigte ich mich meines Abendessens.

Wenn überhaupt von Abendessen die Rede sein konnte. Del und ich hatten am Abend zuvor kaum Gelegenheit gehabt, eine angemessene Mahlzeit zu uns zu nehmen, da wir zu müde, zu unruhig, zu angespannt waren. Und auch zu benommen, was mich betrifft.

Um mich herum stiegen lautlos Insekten herab. Die einzigen Geräusche, die ich hörte, waren das Scharren von beschlagenen Pferdehufen – mein kastanienbrauner Hengst und Dels Schecke waren nur wenige Schritte entfernt angepflockt – und meine eigenen, eher unwürdigen Laute, die halb Schluckauf, halb Aufstoßen und ganz und gar kein Ausdruck guter Laune waren.

Hinter mir erklangen eine verschlafene Stimme und das Knirschen von Kieselsteinen und körnigem Sand, ausgelöst von einem sich bewegenden Körper. »Tiger?«

Ich kauerte auf den Knien, schwitzend und frierend und elend. Mein Kopf schmerzte zu sehr, um in Worten zu antworten, und so vollführte ich eine kraftlose, abwehrende Handbewegung, durchschnitt die Luft zwischen uns und hoffte, daß es genügte. Natürlich genügte es nicht. Bei ihr genügt niemals etwas.

Die Schläfrigkeit schwand. Sie verschwendet wenig Zeit aufs Aufwachen. »Bist du in Ordnung?«

Meine Haltung war unmißverständlich. »Ich bete«, murmelte ich säuerlich und wischte mir den Mund an einem Burnusärmel ab. Er war bereits scheußlich verschmutzt. »Kannst du das nicht sehen?« Erneut knirschte Sand. Sie warf von hinten eine Bota in meine Richtung, die neben mir landete. Das schwappende Aufschlagen von Leder auf Fels klang laut in der Fahlheit des ersten Lichts. Der Hengst schnaubte protestierend. »Hier«, sagte Del. »Wasser. Ich werde das Kheshi aufwärmen.«

Mein Magen rebellierte bei dem Gedanken. Jetzt war ich mit einem Protest an der Reihe. »Hoolies, Bascha – Kheshi ist das letzte, was ich brauche!«

»Du mußt etwas in den Bauch bekommen, sonst spuckst du dir den ganzen Tag die Seele aus dem Leib.«

Eine feine Art, den Morgen zu beginnen. Verdrießlich, vorsichtig, griff ich hinab und nahm den Riemen der Bota auf, wobei ich mein Gewicht verlagerte, um die schmerzenden Knie zu entlasten. Ich war innerlich und äußerlich steif und wund von den Anstrengungen des Schwerttanzes.

Nun, nein, es war kein richtiger Schwerttanz gewesen. Eher ein Schwertkampf, was eine völlig andere Sache mit völlig anderen Regeln ist. Noch besser, ein Schwertkrieg. Del und ich hatten den Kampf gewonnen, unterstützt durch Glück, Freunde und Magie – nicht zu vergessen die allgemeine Verwirrung –, aber die Feindseligkeiten waren noch nicht beendet.

Ich erwog kurz, mich zu erheben, überdachte dann den Zustand meines Kopfes und Bauches und beschloß, nah am Boden zu bleiben, in Bethaltung, ungeachtet meiner wahren Absichten, da dies eine durchaus nützliche Haltung war.

Gegen meine erneut aufkommenden Kopfschmerzen anblinzelnd, entkorkte ich die Bota, trank ein wenig und entdeckte, daß Hammer und Amboß überhaupt nicht leiser wurden, wenn ich den Kopf nach hinten neigte. Mit großer Sorgfalt richtete ich den Kopf wieder auf und spähte in den fahlen Morgen, konzentrierte mich starr auf verblassende Sterne, um mich von dem Unbehagen in meinem angegriffenen Schädel und Bauch abzulenken.

Während ich dies tat, erkannte ich, daß noch etwas anderes entleert zu werden wünschte.

Was bedeutete, daß ich ohnehin aufstehen mußte, wenn auch nur, um einen Busch zu finden.

Hoolies, das Leben war viel einfacher gewesen, bevor ich mich mit einer Frau zusammengetan hatte.

»Tiger?«

Ich zuckte zusammen und wünschte dann, ich hätte es nicht getan. Sogar das Blinzeln verursachte meinem Kopf Schmerzen. »Was ist?« »Wir können nicht hierbleiben. Wir werden weiterreiten müssen.« Ich brummte, dachte statt dessen über Möglichkeiten nach, meine Kopfschmerzen loszuwerden. Vielleicht würde es helfen, Aqivi zu trinken, aber leider hatten wir keinen. »Kann schon sein«, stimmte ich halbherzig zu. »Aber eins nach dem anderen. Bascha. So sollten wir zum Beispiel erst einmal herausfinden, ob ich laufen kann.«

»Du brauchst nicht zu laufen. Du mußt reiten.« Sie hielt inne: kunstvolle, sarkastische Besorgtheit. »Glaubst du, daß du reiten kannst, Tiger?«

Ich wandte ihr weiterhin den Rücken zu, so daß sie meinen in die Dämmerung hinein ausgestoßenen Fluch nicht bemerkte. »Ich werde es schaffen.«

Sie beschloß, meine Ironie zu übergehen. »Du wirst es bald schaffen müssen. Bestimmt sind die hinter uns her.«

Ja, das stimmte. Es würden zehn und zwanzig sein, vielleicht sogar hundert.

Die Sonne kroch allmählich über die Schwertklinge des Horizonts. Ich blinzelte gegen das Licht an. »Vielleicht sollte ich beten«, murmelte ich. »Bin ich nicht der Jhihadi?«

Del grunzte skeptisch. »Du bist kein Messias, egal wie du die Tatsache deutest, daß Jamail auf dich gezeigt hat.«

Verletzte Unschuld: »Aber ich habe bei meinem Schwert geschworen.«

Sie formulierte etwas Knappes, sehr Kurzes in nordischer Sprache, die ihre Muttersprache ist und in der man genauso leicht fluchen kann wie in meiner südlichen Sprache.

»Ha«, sagte sie dann höflicher. »Du vergißt, Tiger – ich weiß es besser. Ich kenne dich. Du bist ein Mann, dem man einen Tritt an den Kopf verpaßt hat –und der sich noch obendrein betrunken hat.«

Nun, der erste Teil stimmte: Man hatte mir einen Tritt an den Kopf verpaßt, und zwar, was die größte Schmach bedeutete, hatte mein eigenes Pferd das getan. Aber der zweite Teil stimmte nicht. »Ich bin nicht betrunken.«

»Du warst es gestern. Und letzte Nacht.«

»Das war gestern – und letzte Nacht. Und das meiste davon kam durch den Tritt an den Kopf ... außerdem kann ich nicht erkennen, daß es mich davon abgehalten hätte, dich zu retten.«

»Du hast mich nicht gerettet.«

»O nein?« Mit ungeheurer Anstrengung erhob ich mich von einer knienden in eine stehende Haltung und wandte mich langsam zu ihr um. Die Bewegung schmerzte wie die Hoolies. Süßlich fragte ich: »Und wer war es, der eine ärgerliche Menschenmenge zurückgehalten hat, die dich in Stücke reißen wollte, weil du den Jhihadi getötet hast?«

Dels Tonfall klang überraschenderweise völlig nüchtern. »Es war nicht der Jhihadi. Es war Ajani. Ein Bandit. Ein Mörder. Ein Schänder.« Sie schaute durch dünnen Rauch, der von der Handvoll Kohlen, die sich als Feuer aufspielten, aufwärts zog. Klumpiges, knochengraues Kheshi tropfte aus einer beschädigten Schale, als Del diese großzügig füllte und mir hinhielt. »Frühstück ist fertig.«

Der Hengst wählte genau diesen Moment, um den Boden zu überfluten. Was mich an etwas erinnerte.

»Warte ... «, platzte ich eifrig heraus und stolperte zum nächstgelegenen Busch davon, um den Göttern meinen Tribut zu zollen.

EINS

Ich stellte den Fuß in den Steigbügel, während ich die Zügel und den Sattelknauf ergriff – und rührte mich dann nicht mehr. Irgendwie hing ich, das Gewicht ungleichmäßig auf wunde Beine verteilt, die schmerzhaft zwischen dem Steigbügel und dem Boden ausgestreckt waren. Da der Steigbügel am Sattel befestigt war – der wiederum auf einem Pferd festgezurrt war, wie kurzzeitig auch immer –, erkannte ich, daß es nicht die vorteilhafteste Position war, wenn das Pferd sich bewegen sollte. Aber im Moment war ich zu Besserem nicht fähig.

»Uff«, bemerkte ich. »Wessen Idee war das?«

Der Hengst schwang den Kopf herum und betrachtete mich nachdenklich mit einem dunklen Auge, durch nichts Wahrnehmbares vieles versprechend. Aber ich konnte ihn verstehen.

Ich zeigte ihm eine Faust. »Lieber nicht, Cumfaköder.«

Del sagte von ihrem Schecken aus ziemlich schroff: »Tiger!«

»Oh, beruhige dich.« Mit einer Aufwärtsbewegung, die weder meinen Kopfschmerzen noch der Auflehnung meines Magens gerecht wurde, schwang ich mich auf den Pferderücken. »Natürlich hätte ich von dir nicht erwartet, daß du dich nicht beruhigst.« Ich warf ihr einen wütenden, gehässigen Seitenblick zu, der, wie ich tief im Innern wußte, nur ein Schatten dessen war, was hervorzubringen ich sonst imstande bin. Aber ein zerschlagener Körper und zuviel Alkohol – und ein Tritt an den Kopf – hemmten meine Ausdruckskraft.

Eine helle Augenbraue wurde hochgezogen. »Letzte Nacht hast du etwas anderes gesagt.«

»Letzte Nacht hatte ich Kopfschmerzen.« Ich nahm die losen Zügel auf, während ich meinen Körper auf dem Lederhügel einrichtete, den manche Leute einen Sattel nennen. »Ich habe noch immer Kopfschmerzen.«

Del nickte. »Das passiert einem Mann häufig, der sich für eine angesehene Persönlichkeit hält. Der Kopf schwillt an ...« Sie vollführte eine müßige, aber vielsagende Geste.

»Das ist ein Panjandrum. Ich habe niemals behauptet, ein Panjandrum zu sein – obwohl ich vermutlich eines bin, da ich der Sandtiger bin.« Ich rieb meine sandigen, von der Sonne angegriffenen Augen. »Nein, ich bin ein Jhihadi. Sogar das Orakel sagt das.« Ich zeigte erneut die Zähne. »Willst du deinen Bruder als Lügner bezeichnen?«

Sie sah mich fest an. »Vor dem gestrigen Tag hätte ich meinen Bruder als tot bezeichnet. Du hattest mir gesagt, er sei es.«

Ich öffnete den Mund, um erneut ausführlich zu erklären, daß der Vashni mir gesagt hatte, Jamail wäre tot. Ich hatte keinen Grund, dem Krieger nicht zu glauben, da der Stamm es mit der Ehre sehr genau nimmt. Es ist nicht die Art der Vashni, Lügen zu verbreiten, so daß kein vernünftiger Mensch so etwas auch nur in Erwägung zöge. Ich hatte es gewiß nicht getan. Und ich hatte es auch nicht geglaubt.

Nein, Dels Bruder war nicht tot, egal, was der Vashni mir erzählt hatte. Denn Jamail – der totgeglaubte, stumme Jamail – hatte über eine wirre Menschenmenge inmitten eines wilden Schwertkampfes zwischen seiner älteren Schwester und dem Mann, der seine Familie ermordet hatte, hinweggedeutet – und mich zum Messias erklärt.

Mich, nicht Ajani, der große Mühen auf sich genommen hatte, um jedermann davon zu überzeugen, daß er der Jhihadi sei. Obwohl niemand, einschließlich Del (noch immer), glaubte, daß Jamail auf mich gedeutet hatte.

Was ein wenig mit unserer gegenwärtigen mißlichen Lage zu tun hatte.

Ich schaute leicht verschwommen ostwärts an Del vorbei und hob eine Hand, um mich gegen den Glanz der Sonne abzuschirmen. »Ist das Staub?«

Sie schaute hin. Sie blinzelte, genau wie ich, hob eine abgeflachte Handfläche. Sie bildete eine dunklere Silhouette vor dem neuen Tag: ein Viertelprofil, überwiegend helles Haar. Eine Schulter, ein Ellbogen, die Rundung einer Hüfte und die Linie des Oberschenkels unter der Seide des Südens.

Und das in der Scheide steckende Schwert, diagonal über ihren Rücken gebunden, wobei ein gebieterisches Heft über eine muskulöse Schulter hinausragte.

»Aus Iskandar«, sagte sie ruhig aus dem gazeartigen Dunst heraus. »Ich würde keine Kupfermünze für die Wette verschwenden, daß es etwas anderes sein könnte.«

Was eine Entscheidung unumgänglich machte.

»Nördlich über die Grenze in dein Gebiet«, schlug ich vor, »aber wenn man deine Verbannung bedenkt, ist das keine gute Lösung ...«

»... oder südlich«, warf sie ein, »wieder in die Punja, in dein Gebiet, was sicherlich für uns beide den Tod bedeutet, wenn wir ihm die Gelegenheit dazu geben.«

»Andererseits«, fuhr ich fort, »ist da noch Harquhal. Einen halben Tag vielleicht ...«

»... wo sie sicherlich hinkommen werden, sie alle, da sie wissen, daß es der einzige Ort ist, wo man Vorräte kaufen kann, und auch wissen, daß wir nicht mehr viel übrighaben.«

Das war die Wahrheit. Unser plötzlicher und unerwarteter Aufbruch – oder noch besser, unsere Flucht – aus Iskandar hatte uns wenig Zeit gelassen, unsere Pferde zu beladen. Dank einem Freund besaßen wir jeder zwei Satteltaschen, aber die Nahrung war begrenzt, desgleichen der Wasservorrat, und Wasser war unverzichtbar, wenn wir die Punja durchqueren wollten. Obwohl ich viele Oasen, Zisternen und Ansiedlungen kannte – ich war in der Punja aufgewachsen –, ist die Wüste eine launische und unversöhnliche Bestie. Das einzig Sichere ist der Tod, wenn man das Spiel nicht richtig spielt.

Zusammen mit beißendem Sand stieß ich einen kurzen Fluch aus, während ich vielsagend die Zügel anhob und die Aufmerksamkeit des Hengstes auf mich zog. »Anscheinend haben wir keine große Wahl. Es sei denn, du kannst uns mit deinem Schwert hier herauszaubern.«

»Nicht mehr als du mit deinem«, antwortete sie ernst. Aber das Glitzern in den blauen Augen war deutlich sichtbar.

Die Waffe in meinem Harnisch wog plötzlich zehnmal soviel, einfach durch ihre Erwähnung. Und durch das, was ihre Erwähnung beinhaltete.

»Du weißt zufällig, wie man einen wunderschönen Morgen verdirbt«, murmelte ich und wandte den Hengst um.

»Und du weißt, wie man eine wunderschöne Nacht verdirbt.« Del wandte ihren Schecken auf Harquhal zu, das einen halben Tagesritt von der Grenze entfernt lag. »Wenn du den Mund schließen würdest, wäre dein Schnarchen vielleicht nicht mehr so schlimm.«

Ich machte mir nicht die Mühe zu antworten. Das Donnern der Hufe des Hengstes übertönte alles, was ich vielleicht hätte sagen können.

Das Donnern in meinem Schädel übertönte den Wunsch, es auch nur zu versuchen.

Wir hatten nicht viel getan, Del und ich. Nicht wenn man wirklich darüber nachdenkt. Wir waren nur durch die Punja gen Süden gezogen und hatten einen vermißten Bruder gesucht, der von südlichen Sklavenhändlern entführt worden war. Nach Julah, der Stadt am Meer, wo wir, ohne eine Wahl zu haben, einen Tanzeer getötet hatten. Diese Art Vergehen wird mit dem Tode bestraft, wie es auch zu erwarten ist, wenn man einen mächtigen Wüstenprinzen tötet. Aber Del und ich waren sicher aus Julah und von dem gerade erst ermordeten Tanzeer entkommen. Und waren am Meer entlang in die Berge gezogen, wo wir den Vashni begegnet waren. Jenem Stamm also, der ihren Bruder festhielt.

Nur daß er nicht wirklich festgehalten wurde. Nicht mehr. Stumm und entmannt, hatte er es dennoch geschafft, sich sein Leben einzurichten. Dels Rettungspläne wurden von Jamail selbst durchkreuzt, der eindeutig nicht den Wunsch hatte, den Stamm zu verlassen, nachdem dieser ihn aus seinem Leben als Sklave befreit hatte. Obwohl er nicht eigentlich ein Vashni war – sie empfinden keine freundschaftlichen Gefühle gegenüber einem Mischling, noch dazu wenn er ein Fremder ist –, eignete er sich nicht als Opfer. Er hatte sich seinen Platz erobert.

Also hatten wir ihn zurückgelassen und waren nach Norden geritten, über die Grenze in Dels Heimat. Dort brachte sie mich nach Staal-Ysta, der Insel im schwarzen Wasser, und trat mich als Pfand für ihre Tochter ab.

Nun, es war nicht ganz so, kam aber der Wahrheit nahe. Nahe genug, um mich erkennen zu lassen, wie zielstrebig sie sein konnte, so zielstrebig, daß nichts sonst auf der Welt mehr wichtig war, nur die Aufgabe, die sie sich selbst gestellt hatte: Ajani zu finden und zu töten, den Mann, der ihre Familie ermordet, ein fünfzehnjähriges Mädchen geschändet und einen zehnjährigen Jungen in die südliche Sklaverei verkauft hatte.

Um Rjani finden zu können, mußte sie von der Blutschuld frei werden, die sie dem Ort der Schwerter schuldete, hoch in den nordischen Bergen, wo sie ihre kleine Tochter zurückgelassen hatte, um den Vater dieser Tochter zu finden und zu töten. Und wo sie letztendlich, ohne daß ich etwas davon wußte, meine Dienste angeboten hatte, um einen Teil ihrer Blutschuld zu bezahlen.

Meine Dienste ... ohne mich auch nur zu fragen.

Ich habe immer gewußt, daß Frauen zu fast allem fähig sind, was sie sich in den Kopf gesetzt haben, wenn sie sich erst einmal dazu entschlossen haben. Zu dieser Entscheidung zu gelangen, ist nicht immer einfach oder auch nur logisch, aber letztendlich gelangen sie dorthin. Und wenn sie gedrängt werden, machen sie notwendige Versprechungen, egal um welchen Preis.

In Dels Fall war ich der Preis. Und beinahe unser beider Tod. Oh, wir haben überlebt. Aber erst als ich mir ein nordisches Schwert besorgt hatte, ein magisches Jivatma, das genauso gefährlich war wie Dels Waffe – nur daß ich nicht wußte, wie man es stimmte, und beinahe hätte es mich gestimmt.

Und dann war da natürlich noch dieser dreimal verfluchte Drache gewesen, der überhaupt kein Drache war, und der Magier namens Chosa Dei.

Ein Mann, der kein Mann mehr ist. Vermutlich würde man ihn als einen Geist bezeichnen, der jetzt in meinem Schwert lebte. Vor mir wandte sich Del in vollem Galopp im Sattel um. Ein pferdegeborener Wind schnappte nach weißblonden Locken, zog sie aus dem Burnus frei: Helle, prächtige Seide, als Haar verkleidet ... und das makellose Gesicht, das davon umgeben war, wandte sich jetzt mir zu.

Es ist mir niemals gelungen, nicht über ihre Schönheit zu staunen, nicht ein einziges Mal.

»Beeil dich«, sagte sie.

Natürlich, da ist noch ihr Mund.

»Eines Tages«, murmelte ich, »werde ich dich festnageln – mich auf dich setzen, wenn es sein muß – und soviel Wein diese sanfte, selbstgerechte Kehle hinabgießen, wie ich kaufen kann, damit du wissen wirst, wie sich mein Kopf anfühlt.«

Ich sagte es nicht laut genug, daß sie es hören konnte. Aber natürlich hatte sie es doch gehört.

»Selbst ein Narr würde sich nicht betrinken, nachdem er einen Tritt an den Kopf bekommen hat«, bemerkte sie über den Lärm unserer Pferde hinweg. »Was bringt dir das also?«

Ich bewegte mich im Sattel, fand eine bequemere Stellung auf dem buckelnden Rückgrat meines galoppierenden Pferdes. »Du hast mich im Stich gelassen«, erinnerte ich sie mit erhobener Stimme. »Du hast mich dort am Boden mit meinem angeschlagenen, blutigen Kopf einfach liegenlassen. Wenn du geblieben wärst, hätte ich wahrscheinlich nichts getrunken.«

»Oh, also war es mein Fehler.«

»Statt dessen bist du davongestürzt, um Abbu Bensir zu bekämpfen – mein Tanz, wie ich bemerken möchte ....«

»Du warst nicht in der Verfassung, zu tanzen.«

»Das ist ein anderes Thema ...«

»Das ist das Thema.« Del zügelte ihren Schecken, führte ihn um eine kleine Ansammlung von Felsen herum, strich sich dann das Haar aus dem Gesicht und wandte sich erneut zu mir um. »Ich habe deinen Platz im Kreis eingenommen, weil jemand es tun mußte. Du warst verdingt worden, gegen Abbu zu tanzen ... hätte ich deinen Platz nicht eingenommen, wäre der Tanz verwirkt gewesen. Willst du über die Konsequenzen nachdenken?«

Wohl kaum. Ich kannte sie. Der Tanz war mehr als nur ein Schwerttanz: Er war eine verbindliche Entscheidung zwischen zwei Tanzeerparteien, mächtige, unbarmherzige Alleinherrscher, die den Süden, wann immer es möglich war, in kleine Stücke unter sich aufteilten und die Überreste als Belohnungen verteilten.

Eine Belohnung war mir versprochen worden, wenn ich siegen würde. Aber ich hatte nicht gesiegt, weil mir der Hengst an den Kopf getreten und Alric mich betrunken gemacht hatte.

Mein Magen schwebte, wie ich unglücklich feststellte, irgendwo in der Nähe meines Brustbeins, schüttelte sich und rüttelte sich und preßte sich in meinem Brustkorb zusammen. Die Knie, die durch verkürzte Steigbügel gebeugt waren, erinnerten mich, wann immer es möglich war, daß ich älter wurde und an Beweglichkeit verlor. Und dann war da mein Kopf, der unerwähnt bleiben soll, damit er nicht auf dumme Gedanken kommt.

Hoolies, diese Art Probleme genügen, um einen Mann außer Gefecht zu setzen. Sie können ihn ziemlich kraß daran erinnern, daß es bessere Möglichkeiten als diese gibt, sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen.

Aber ich kenne keine.

Der Fehltritt des Hengstes drohte einen Teil meines Körpers, den ich ziemlich mochte, umzuordnen. Ich stieß einen Fluch aus, hob mein Gewicht vom Sattel an und dachte eher sehnsüchtig an andere, fleischliche Sättel.

»Du fällst zurück«, sagte sie.

»Warte nur«, murmelte ich. »Einst wird der Tag kommen ...«

»Das glaube ich nicht«, sagte Del und beugte sich tiefer über ihren Schecken.

Harquhal ist ... nun, Harquhal. Eine Grenzsiedlung. Die Art Stadt, die niemand wirklich bauen will, sondern die ohne jegliche Planung zufällig entstehen.

Oh, sie genügte, aber sie war nicht die Art Stadt, in der ich eine Familie gründen wollte.

Andererseits hatte ich weder eine Familie noch die Absicht, eine zu gründen, was bedeutete, daß die Art Stadt, zu der Harquhal gehörte, gut genug für mich war.

Del und ich ritten im verhaltenen Trab auf die Stadt zu, hatten den Galoppschritt schon vor einiger Zeit aufgegeben, und verfielen schließlich in Schritt, als wir uns der von einer Mauer umgebenen Stadt näherten. Der Hengst, der über einen angemessenen Galoppschritt und einen weichen, gleichmäßigen Schrittschritt verfügt, kann ganz entschieden nicht besonders gut traben. Er ist einfach nicht dafür gebaut, genauso wie ich nicht für niedrige Eingänge und kurze Betten gebaut bin.

Ein verhaltener Trab, von einem Pferd ausgeführt; das diese Gangart nicht annähernd weich zustande bringt, grenzt an Marter. Besonders, wenn man ein Mann ist. Besonders, wenn man ein Mann ist, dessen Kopf von Aqivi und dem Tritt des Pferdes, das er reitet, beeinträchtigt wurde.

Warum also überhaupt traben? Weil ich Del einen Vorteil überlassen hätte, wenn ich in Schritt verfallen wäre, aber ich vermute, es war nicht wirklich ein Vorteil, da wir eigentlich kein Wettrennen veranstalteten. Aber sie kann manchmal so verflucht gönnerhaft sein ... besonders wenn sie glaubt, daß ich mich irre oder etwas Dummes getan habe. Ich denke, es hat tatsächlich Situationen gegeben, in denen ich mich geirrt oder in denen ich mich so verhalten habe, daß man an meiner Intelligenz Zweifel hegen konnte, aber diese gehörte nicht dazu. Es war nicht mein Fehler gewesen, daß mich der Hengst getreten hatte. Und auch nicht meine Entscheidung, soviel Aqivi zu trinken. Und überhaupt, ich hatte es doch geschafft, sie zu retten.

Egal, was sie sagte.

Wir erreichten den ersten Abschnitt der Mauer aus Adobeziegeln, die Harquhal umgab. Ich parierte den Hengst zum Schritt durch und murmelte Verwünschungen, als er den Hauptteil des Gangartwechsels auf die Vorderbeine verlagerte, anstatt ihn auf seinen ganzen Körper zu verteilen. Das zwang mich dazu, mich aufzusetzen und gut auf mich aufzupassen.

Del warf mir einen Blick über die Schulter zu. »Wir sollten nicht lange bleiben. Nur um Vorräte einzukaufen ...«

»... und etwas zu trinken«, fügte ich an. »Hoolies, ich brauche einen guten Schluck.«

Gewissenhaft eröffnete sie den Tanz mit Worten, auf diese eiskalte Art, die sie um drei Jahrzehnte älter wirken läßt. »Wir werden keine Zeit mit solchen Dingen wie Wein oder Aqivi verschwenden ...«

Ich parierte den Hengst neben ihrem Schecken durch, verhakte ein Knie genau unter der inneren Beuge des ihren. Dies ist eine Technik, die, wenn man sie völlig beherrscht, einen Feind vom Pferd werfen kann. Und obwohl Del und ich nicht wirklich Feinde waren, waren wir zeitweise doch nah daran. »Wenn ich nichts zu trinken bekomme, werde ich den Tag nicht überstehen. In diesem Fall ist die medizinische ... Hoolies, Bascha, hast du niemals etwas davon gehört, daß man einen Hund zurückbeißen soll?«

Del befreite ihr Bein, indem sie den Schecken seitwärts führte. Sie schaute erstaunlich verwirrt drein. »Einen Hund zurückbeißen? Welchen Hund? Du wurdest nicht gebissen. Du wurdest getreten.«

»Nein, nein, so ist das nicht gemeint.« Ich rieb über mein stoppeliges, schmutziges Gesicht. »Es ist ein im Süden gebräuchliches Sprichwort. Es hat damit zu tun, daß man zuviel zu trinken hat. Wenn man eine Ahnung hat, was einen krank gemacht hat, dann fühlt man sich schon besser.«

Blonde Brauen wurden zusammengezogen. »Das ergibt überhaupt keinen Sinn. Wenn dich etwas krank macht, wie kann es dann bewirken, daß du dich besser fühlst?«

Ein Gedanke kam mir in den Sinn. Ich betrachtete sie nachdenklich. »Die ganze Zeit, seit ich dich kenne, habe ich dich niemals betrunken erlebt.«

»Natürlich nicht.«

»Aber du trinkst. Ich habe dich trinken sehen, Bascha.«

Ihre Stimme war sehr ausdrucksvoll. »Man kann trinken, ohne betrunken zu werden. Wenn man Zurückhaltung übt ...«

»Zurückhaltung ist nicht immer erstrebenswert«, erklärte ich. »Warum soll man Zurückhaltung üben, wenn man betrunken werden will?«

»Aber warum betrinkt man sich überhaupt?«

»Weil man sich dann gut fühlt.«

Sie furchte die Stirn. »Aber du hast gerade eben gesagt, daß geistige Getränke einen krank machen können. So krank, wie du heute morgen warst.«

»Ja, nun ... das war etwas anderes.« Ich runzelte die Stirn. »Geistige Getränke, wie du sie nennst, sind nicht geeignet, wenn man gerade einen Tritt an den Kopf bekommen hat.«

»Es ist niemals gut, so viel zu trinken, Tiger. Besonders für einen Schwerttänzer.« Sie strich sich eine Haarsträhne zurück. »Das habe ich in Staal-Ysta gelernt: Überantworte deinen Willen oder dein Können niemals starken geistigen Getränken, oder du verlierst vielleicht gegen dich selbst.«

Ich kratzte müßig an meinen Sandtigernarben. »Ich verliere nicht oft, weder mit starken geistigen Getränken noch ohne. Tatsächlich habe ich niemals verloren, wenn es darauf ankam ...«

Dels Tonfall klang gleichmütig, als sie mich unterbrach. »Weil wir beide niemals ernsthaft gegeneinander getanzt haben.«

Dieser Gegenschlag war zu einfach. »Oh, aber gewiß haben wir das getan, Bascha. Wir wurden fast dabei getötet.«

Das brachte sie vollkommen zum Verstummen, was ich auch beabsichtigt hatte. So gewinnt man einen Tanz: indem man den Schwachpunkt findet und ihn dann nutzt. Das ist eine Strategie, die man sogar auf das Leben außerhalb des Kreises übertragen kann, in jeder Hinsicht. Del wußte das sehr gut. Del wußte, wie man das machte. Del wußte, wie man siegt.

Aber dieses Mal siegte sie nicht.

Und dieses Mal wußte sie, daß sie nicht siegen könnte.

ZWEI

In der Morgensonne stiegen Del und ich an der scharfen Biegung einer schmalen, stauberstickten Straße ab. Sie eilte in eine Richtung, führte ihren gescheckten Wallach hinter sich her, ich eilte mit dem Hengst in die andere Richtung, bis wir erkannten, was geschehen war, uns beide wieder umwandten und gleichzeitig sprachen. Der eine warf dem anderen vor, die falsche Richtung gewählt zu haben.

Ich deutete in meine Richtung. Sie deutete in ihre.

Ich deutete ein wenig bestimmter. »Das Wirtshaus ist da vorn.«

»Vorräte gibt es in dieser Richtung.«

»Bascha, wir haben keine Zeit zu streiten ...«

»Wir haben keine Zeit, überhaupt etwas anderes zu tun, als unsere Vorräte aufzustocken und wieder fortzureiten.«

»Etwas zu trinken zu besorgen, bedeutet, die Vorräte aufzustocken.«

»Für einige Leute vielleicht.« Schluß. Sie dachte offensichtlich, daß das reichte. Del ist sehr gut darin, viel mit wenigen Worten zu sagen. Das ist eine weibliche Kunst, denke ich: Frauen können mit dem Tonfall ihrer Stimme mehr erreichen als ein Mann mit dem Messer.

Natürlich könnten einige Menschen ins Feld führen, daß die Zunge einer Frau schärfer ist.

»Oder«, fuhr ich fort und überging damit das, was sie unzweifelhaft als vernünftig ansehen würde, »wir könnten uns in einem der Wirtshäuser verkriechen. Uns ein Zimmer nehmen.« Was ich für vernünftig hielt. Wir hätten viele Vorräte und ein Dach überm Kopf.

Eine Hand ruhte auf einer vom Burnus verhüllten Hüfte. Ein hervorstehender Ellbogen durchschnitt die Luft, sogar in der Stille beredt. »Und was tun, Tiger? Darauf warten, daß sie uns finden?«

Ich knirschte mit den Zähnen. »Vielleicht glauben sie, daß wir weitergeritten sind.«

»Oder sie erkennen, daß wir Vorräte und Ruhe brauchen, und durchsuchen alle Zimmer. Jedes einzelne.« Sie hielt inne. »Andererseits denke ich, daß solcher Aufwand gar nicht notwendig wäre. Glaubst du, daß es auch nur eine lebende Seele in Harquhal gibt, die uns nicht an sie verkaufen würde?«

Vielleicht eine oder zwei. Vielleicht drei oder vier.

Aber es war nur eine nötig.

Wir sahen einander an, und keiner gab auch nur einen Zentimeter nach. Der Schecke sabberte an Dels linker Schulter. Mit angewidert verzogenem Gesicht schüttelte sie den grünlichen Grasschleim ab. In der Zwischenzeit grub der Hengst ein Loch und wirbelte dadurch körnigen südlichen Staub auf, der sich zwischen meine in Sandalen steckenden Zehen schlich.

Was mich an ein Bad denken ließ. Ich bin meist so sauber wie möglich, obwohl das in der Wüste schwer zu bewerkstelligen ist. Die Sonne bringt einen zum Schwitzen. Staub bleibt am Schweiß kleben. Sehr bald ist man schmutzüberzogen.

Ich hatte seit Tagen kein Bad mehr gehabt. In diesen letzten Tagen hatte ich wirklich geschwitzt, mich betrunken und geblutet, ganz zu schweigen von der Staubkruste. Ich brauchte dringend ein Bad. Und wenn wir ein Zimmer hätten, könnte ich tatsächlich ein Bad nehmen.

Aber ...

»Wie viele, glaubst du?« fragte ich schließlich und ließ den Streit gänzlich unbeachtet.

Sie zuckte die Achseln, umging ihn ebenfalls, stellte, genau wie ich, andere Überlegungen an. »Wir haben den Jhihadi getötet – zumindest den Mann, den sie für den Jhihadi gehalten haben. Es ist jetzt alles zunichte gemacht – die Prophezeiung, das Orakel, die Versprechen, daß sich etwas ändern wird. Viele werden nicht kommen, aber die Eiferer werden nicht aufgeben.«

»Es sei denn, dein Bruder konnte ihnen ein wenig Vernunft beibringen. Sie überzeugen, daß Ajani absolut nicht ihr Mann war.« Und daß statt dessen ich es war. Würden sie es glauben? Ich bezweifelte es. Für jedermann im Süden – nun, zumindest für die Menschen, die mich kannten, und das waren wirklich nicht alle Südbewohner (wenn ich das mal so sagen darf) – war ich der Sandtiger. Ein Schwerttänzer. Kein Messias. Niemand, der irgendwie Sand in Gras verwandeln konnte.

Del hob veranschaulichend einen Finger, in der Absicht, wie ich wußte, mich in meine Schranken zu verweisen, indem sie mir logische Fehler nachwies. Sie wiegte sich gern in dem Glauben, daß sie das könne. Sie wiegte sich gern in dem Glauben, daß sie sie benennen könne. »Wenn mein Bruder sprechen kann. Du sagst, er kann. Du sagst, er hätte es getan ...«

»Das hat er auch. Ich habe ihn gehört. Und ich war nicht der einzige. Wenn du nicht damit beschäftigt gewesen wärst, gegen Ajani zu tanzen, hättest du es auch nicht verpaßt.«

»Es war kein Tanz«, konterte sie sofort. (Verlaß dich darauf, daß eine Frau mitten in der Diskussion das Thema wechselt.) »Beim Tanz geht es um Ehre Dies war eine Hinrichtung.«

»Nun ja ...« Das war es gewesen, aber darüber wollte ich im Moment, unter den gegebenen Umständen, nicht streiten. »Sieh mal, ich weiß nicht, war diese religiösen Narren tun werden, und du auch nicht. Sie könnten noch immer in Iskandar sein ...«

»Und woher kam dann der ganze Staub, den wir zuvor gesehen haben?«

Manchmal trifft sie den Nagel auf den Kopf.

Ich seufzte. »Kauf du die Vorräte, Bascha. Ich werde uns ein wenig Wein besorgen.«

»Und Wasser.«

»Ja. Wasser.«

Und auch Aqivi. Aber das sagte ich ihr nicht.

Schließlich kam sie nachsehen. Ich hatte gewußt, daß sie das tun würde, weil Frauen das immer tun. Sie lassen dich ewig warten, wenn du irgendwo hingehen möchtest, aber wenn sie gehen möchten, lassen sie dir nicht einmal einen Moment Zeit. Ich hatte kaum meinen Aqivi getrunken.

Meinen zweiten Becher immerhin, aber das würde ich Del nicht sagen.

Das Wirtshaus war düster, denn Wirtshäusern in Grenzstädten – in jeder Wüstenstadt, was das betrifft – fehlt es immer an Licht, außer dem, was die Sonne liefert. Hier im Süden reicht ein wenig Sonne lange Zeit aus, so daß es fast keine Fenster gibt, und wenn, dann üblicherweise nur in die östlichen Wände eingelassen, weil die Morgenstrahlen der Sonne am kältesten sind. Was bedeutet, daß der veränderte Einfallswinkel der Sonne am Mittag einen großen Teil des Lichts wegnimmt, das sonst durch ein Fenster fallen und den Raum beleuchten würde. Am späten Nachmittag wird es dann allmählich regelrecht düster. Aber zumindest ist es nicht so heiß.

Del schob den Türvorhang beiseite, der den Staub abhalten sollte, und betrat das Wirtshaus. Ein schneller, abschätzender Blick durch den Raum: klein, schmutzig, verwahrlost. Ein kaum noch atmender Körper lag auf dem schmutzigen Boden, in einer Ecke nahe der Tür ausgebreitet, in Huvaträumen verloren. Ein zweiter, etwas lebendiger wirkender Körper kauerte auf einem Stuhl bei einem der Fenster an der Ostseite. Als Del eintrat, murmelte er etwas und setzte sich auf. Ich hatte mich daran gewöhnt. Ich fragte mich, ob Del sich auch daran gewöhnt hatte.

Nur diesen vergänglichen Augenblick lang sah ich sie so wie die anderen. Wie ich es zu Anfang, als ich mich für sie interessiert hatte, so häufig getan hatte. Sie war – und ist – aufregend: groß, langbeinig, anmutig, ungewöhnlich schön. Nicht nur weiblich, sondern eine Vollblutfrau, in der ganzen vielschichtigen Bedeutung dieses Wortes. Sogar nur in einen weißen Burnus gehüllt, wirkte ihr Körper großartig. Das makellose Gesicht war jedoch noch besser.

Etwas flackerte tief in meinen Eingeweiden auf. Etwas, das mehr war als Verlangen: das Wissen und das Erstaunen darüber, daß sie mit mir aus freiem Willen teilte, wovon andere Männer vielleicht träumten.

Einen kurzen, heftigen Moment lang. Ich hob zum Tribut meinen Becher. »Möge dir die Sonne auf den Kopf scheinen.«

Del sah mich mißtrauisch an. »Bist du schon betrunken?«

Ich grinste einfältig, noch immer seltsam berührt von dem Moment. »Ein Schluck, nur ein Schluck ...« Ich leerte meinen Becher.

Blaue Augen verengten sich unter nach unten gebogenen, zweifelnden Brauen. »Wie viele hast du gehabt?«

Der Augenblick war vorbei. Die Wirklichkeit drängte sich herein. Ich seufzte. »Nur so viele, wie der sehr kurze Moment der Freiheit zeitlich zugelassen hat, während du Vorräte eingekauft hast.« Ich begutachtete das Innere des Bechers, aber der Aqivi war alle.

»So wie du Wein schluckst, hättest du in der Zeit eine ganze Flasche haben können.« Sie betrachtete stirnrunzelnd die zahlreichen, verdächtigen Botas über meinen beiden Schultern. »Kannst du reiten?«

Ich rückte die Botabänder zurecht. »Ich wurde auf dem Pferderücken geboren.«

»Dann tut mir deine Mutter leid.« Del zuckte mit einer Schulter und streckte die Hand nach dem Türvorhang aus. »Kommst du?«

»Bin schon unterwegs.« Ich schritt schnell an ihr vorbei und hielt nur gerade lang genug inne, um ihren ausgestreckten Arm mit fünf schwappenden Botas zu beehren.

Del, die vor sich hinmurmelte, während sie versuchte, die Riemen zu entwirren, folgte mir hinaus. »Ich trage deinen widerlich schmeckenden Aqivi nicht.«

»Ich habe den Aqivi. Du hast das Wasser.«

Sie schaute zu mir, während ich auf den Hengst kletterte. »Gerechte Aufteilung. Ich habe mehr Botas als du.«

»Zusätzliches Wasser«, bestätigte ich. »Ich dachte, daß du dir vielleicht irgendwann einmal das Gesicht waschen möchtest.«

Ich wandte den Hengst um, während sie aufstieg, und grinste vor mich hin, als sie verstohlen über ihr Gesicht rieb. Sie ist keine eitle Frau, obwohl die Götter sie dreifach gesegnet haben, aber ich habe noch niemals eine Frau gekannt, die nicht auf das, was meine Worte beinhalteten, hereingefallen wäre.

Wir alle lieben unsere kleinliche Rache.

Reiten. Wieder das gleiche. Aber dieses Mal ging es meinem Kopf besser. Dieses Mal konnte ich geradeaus sehen. Den Hund zurückzubeißen bewirkt für die Seele Wunder.

Del parierte ihr Pferd neben mir durch, als wir Harquhal hinter uns ließen und den direktesten Weg nahmen. »Also«, sagte sie, »wohin?«

Ich stieß eine Ferse in die Schulter des Hengstes, als er versuchte, den Schecken zu verbeißen. »Laß es gut sein, Flohsack ... Nun, da wir bereits in südlicher Richtung reiten, dachte ich, es sei sozusagen entschieden.«

»Wir haben letzte Nacht darüber gesprochen. Es war noch nichts entschieden.«

Ich erinnerte mich vage an unsere Unterhaltung: An Bruchstücke davon. An etwas, was damit zu tun gehabt hatte, jemanden zu finden.

Die Erkenntnis versetzte mir einen Stich in den Magen. »Shaka Obre«, platzte ich heraus.

Del löste eine Haarsträhne von ihrer Unterlippe. »Und ich sage noch einmal, es wird schwierig. Wenn nicht unmöglich.«

Ich regte mich im Sattel. Mein Nacken kribbelte: Die Haare standen aufrecht. Sogar meine Unterarme kribbelten. »Hoolies, Bascha, jetzt hast du alles wieder aufgewühlt.«

Sie schlug die neugierige Nase des Hengstes beiseite, die ihrem linken Knie zu nah gekommen war. »Einer von uns mußte es tun.«

Ich bewegte meine Schultern, versuchte, das kribbelnde Gefühl abzuschütteln. Ich hatte mich den ganzen Morgen damit abgemüht, meine Kopfschmerzen und das Unbehagen in meinem Magen loszuwerden. Obwohl beides noch nicht vollständig beseitigt war, war es doch erheblich besser geworden – wodurch ich Gelegenheit hatte, über etwas anderes nachzudenken. Etwas regelrecht Verwirrendes und Beunruhigendes.

»Das gefällt mir nicht«, murmelte ich.

»Es war deine Idee, Shaka Obre zu suchen.«

»Genau das war es: eine Idee. Nicht jeder führt Ideen auch aus.«

Del nickte weise. »Also ziehen wir nur weiter? Wir suchen nicht?«

»Das würde die Dinge vielleicht vereinfachen. Ich kenne eine Menge Orte im Süden. Wir könnten einen Platz finden und uns dort verkriechen, bis alle Aufregung vorbei ist.«

»Del nickte erneut. »Das ist eine Möglichkeit. Wenn man ihm genug Zeit läßt, vergeht sogar ein heiliger Krieg.«

Ich hielt nicht viel von dem Tonfall ihrer Stimme, die mir zu arglos klang. »Warte.« Ich tauchte die Hand in meinen Burnus und holte meine Geldbörse hervor. Jahre der Erfahrung hatten mich gelehrt, ihren Inhalt nach dem Gewicht zu beurteilen. »Wieviel Geld hast du?«

Del machte sich nicht einmal die Mühe nachzusehen. »Ein paar Kupfermünzen, nicht mehr. Ich habe das meiste für die Vorräte ausgegeben.«

Ich zog den Burnus wieder zurecht und aus den Harnischriemen heraus. »Nun, wir müssen einfach hier und da einige Tänze organisieren. Das füllt die Geldbeutel ein wenig. Und dann suchen wir uns ein Versteck.« Ich seufzte. »Ein Versteck kostet immer etwas.«

Helle Brauen wurden angehoben. »Du meinst, wir sollten Schwerttänze annehmen, um Geld zu verdienen?«

Ich runzelte die Stirn. »So verdienen wir nun mal unser Geld.«

»Aber nur, wenn die Leute bereit sind zu bezahlen, um den Kampf zu sehen, oder uns aus einem anderen Grund zum Tanzen verdingen wollen. Warum sollten sie uns jetzt fürs Tanzen bezahlen, in der Hoffnung, eine geringfügige Wette zu gewinnen, wenn sie uns doch nur gefangennehmen müssen? Sicherlich übersteigt der auf unsere Köpfe ausgesetzte Preis jeglichen Gewinn bei einem Tanz.«

»Ich bin nicht so sicher, daß ein Preis auf unsere Köpfe ausgesetzt worden ist ...« Der Hengst stolperte über einen Stein. »Heb die Füße hoch, Schlappohr, bevor du auf die Nase fällst.«

»Wir – ich – habe den Jhihadi getötet. Was glaubst du?«

Ich beugte mich im Sattel vor und spie Sand aus. »Was ich glaube? Ich glaube, sie werden sich wie die Hunde der Hoolies aufführen und uns erbarmungslos verfolgen. Ich glaube nicht unbedingt, daß ein Preis auf unsere Köpfe ausgesetzt worden ist ... ich glaube, daß sie uns töten wollen, um der Sache willen und weil wir ihre Träume gestohlen haben.«

»Und solche Leute werden dafür bezahlen, uns zu finden. Selbst ein Gerücht darüber, welche Richtung wir eingeschlagen haben, wird ihnen eine oder zwei Kupfermünzen einbringen.«

»Vielleicht. Vielleicht auch nicht.« Ich seufzte und kratzte an stoppeligen Narben. »In Ordnung. Ich stimme zu, daß es vielleicht das beste ist, wenn wir uns nicht um Tänze bemühen. Aber es gibt andere Beschäftigungen ... Wir könnten uns einer Karawane verdingen. Heiliger Krieg oder nicht, es wird bestimmt Karawanen geben, die versuchen, die Punja durch borjunigeplagte Gebiete zu durchqueren. Sie werden uns brauchen.«

»Auch das ist eine Möglichkeit«, stimmte sie mir zu. »Aber ein heiliger Krieg bringt den Handel zum Erliegen, und daher gibt es eine Zeitlang vielleicht nicht mehr so viele Karawanen wie vorher. Und wenn du ein Karawanenführer wärst, würdest du dann die beiden Menschen anheuern, die den Messias getötet haben?«

»Er brauchte ja nicht zu erfahren, wer wir sind.«

Del betrachtete mich eindringlich. Ihr Gesichtsausdruck war ausgesprochen sanft, was bedeutete, daß ich in Schwierigkeiten war. »Wie viele andere südliche Schwerttänzer gibt es, die einen Kopf größer sind als andere Männer, mindestens um zwei Schattierungen heller, ohne so blaß wie ein Nordbewohner zu sein, die Sandtigernarben im Gesicht haben – ganz zu schweigen von den grünen Augen – und die ein nordisches Jivatma tragen?«

Ich runzelte die Stirn. »Wahrscheinlich genauso viele wie sechs Fuß große, blonde, blauäugige, großmäulige nordische Baschas, die ebenfalls ein Schwert tragen. Und noch dazu ein magisches.«

Dels Stimme klang heiter. »Der Preis, den ein Panjandrum bezahlen muß.«

»Ja, nun ...« Ich dirigierte den Hengst stur nach Süden, wollte, daß er seine weiche, langschrittige Gangart wiederentdeckte. »Wir müssen etwas tun. Wir haben fast kein Geld mehr. Unterwegs zu sein, kostet Geld.«

»Es gibt noch eine Möglichkeit.«

»So?«

»Wir könnten stehlen.«

Ich starrte sie entsetzt an. »Stehlen?«

Dels nordischer Akzent und ihre Wortwahl färben ihre ganze Sprache, aber es gelang ihr eine recht ordentliche Nachahmung meiner gedehnten südlichen Sprechweise. »Dein ganzes ungeheuer ehrenhaftes Leben lang hast du niemals dieses Wort gehört?«

Ich hielt es für unter meiner Würde zu antworten. »Aber du. Du schlägst Diebstahl vor? Ich meine, widerspricht das nicht dem Ehrenkodex von Staal-Ysta oder so? Du redest immer davon, wie nachdrücklich ihr Nordbewohner euch um Ehre bemüht.« Ich betrachtete sie forschend. »Hast du jemals in deinem ganzen nordischen Leben etwas gestohlen?«

»Hast du es getan?«

»Ich habe dich zuerst gefragt. Und überhaupt, ich bin kein Nordbewohner. Das zählt nicht.«

»Es zählt. Von dir würde ich es erwarten ... du hast selbst immer wieder gesagt, daß du alles tun würdest, um überleben zu können.«

»Ein gewisses Maß an Rücksichtslosigkeit hilft bei meiner Art Arbeit.«

»Da meine Art Arbeit und deine dieselbe ist, unabhängig vom Geschlecht, scheint es nur logisch anzunehmen, daß ich den Begriff ›Stehlen‹ verstehe.«

»Verstehen und tun sind zwei verschiedene Dinge«, erinnerte ich sie. »Hast du jemals etwas gestohlen? Du persönlich? Du, die nordische Schwerttänzerin, Gebieterin eines Jivatma? Gewöhnt an all die traditionellen und bindenden Ehrenkodexe von Staal-Ysta?«

Jetzt runzelte Del die Stirn. Aber ihre ist hübscher. »Warum kannst du dir nicht vorstellen, daß ich vielleicht schon einmal etwas gestohlen habe? Habe ich nicht Menschen getötet? Hast du nicht gesehen, daß ich Menschen getötet habe?«

»Nur jene, die dich töten wollten. Es besteht ein kleiner Unterschied zwischen Selbstverteidigung und Stehlen, Bascha.« Ich grinste. »Und dieses ›Vielleichtschon-einmal-gestohlen-Gerede ist wohl kaum ernst zu nehmen.«

Del seufzte. »Nein, ich persönlich habe niemals etwas gestohlen. Aber das bedeutet nicht, daß ich es nicht kann. Bevor Ajani meine Familie umgebracht hat, habe ich auch niemals getötet. Und jetzt ist es mein Geschäft.«

Ein beunruhigendes Frösteln schlich sich mein Rückgrat entlang. »Es ist nicht dein Geschäft, Bascha. Du hast getötet, ja ... aber es ist nicht dein Geschäft. Du bist eine Schwerttänzerin. Wir töten nicht alle. Wenn einige von uns es tun, dann weil sie es müssen. Wenn unser Leben in Gefahr ist.«

Ihre Kinnlinie war fest angespannt. »Während der letzten sieben Jahre meines Lebens habe ich kaum etwas anderes getan als zu töten.«

»Ajani ist tot«, belehrte ich sie. »Dieser Teil deines Lebens ist vorüber.«

»Tatsächlich?« Ihre Stimme klang grimmig.

»Natürlich. Die Blutschuld ist bezahlt. Was mußt du noch tun?«

»Leben«, stieß sie hervor. »Ich bin fast dreiundzwanzig Jahre alt. Wie viele Jahre bleiben mir noch? Weitere zwanzig? Dreißig? Vielleicht sogar vierzig ...«

»Eventuell«, stimmte ich in dem Versuch zu, die Stimmung aufzuheitern.

»Und was soll ich mit vierzig weiteren Jahren anfangen?«

Ein Mann meines Alters – sechsunddreißig? siebenunddreißig? – hätte liebend gern noch vierzig Jahre vor sich. Del schaffte es, diese Zeitspanne anrüchig klingen zu lassen. Das konnte ich nicht akzeptieren.

»Hoolies, Bascha – lebe sie! Was willst du sonst tun?«

»Ich bin ein Schwerttänzer«, sagte sie fest. »Ich habe mich für einen bestimmten Zweck dazu herangebildet. Aber jetzt sagst du, dieser Zweck sei nicht mehr gegeben, weil Ajani tot ist.«

»Del, im Namen Valhails ...«

Natürlich ließ sie mich nicht ausreden. »Denk nach, Tiger. Du sagst, dieser Teil meines Lebens sei vorüber. Der Teil des Tötens, der Teil, in dem ich meine Menschlichkeit der Besessenheit untergeordnet habe.« In ihren Augen glitzerte etwas auf: Verärgerung und Enttäuschung. »Wenn das stimmt, was bleibt mir dann noch? Was bleibt einer Frau dann noch?«

»Nicht das schon wieder ...«

»Soll ich mich in den Harem eines Tanzeers zurückziehen? Sicherlich würde ich einen hübschen Preis erzielen. Ich bin aus dem Norden verbannt worden ... Sollte ich deshalb einen südlichen Farmer oder einen südlichen Karawanenführer oder einen südlichen Wirtshausbesitzer heiraten?« Sie hob belehrend einen Finger. »Erinnere dich, ich bin jetzt unfruchtbar. Ich kann niemals wieder Kinder bekommen, die den Namen weiterführen können.« Die Hand sank ruckartig herab. »Welchen Nutzen habe ich dann noch?«

Ich grinste verzerrt; ein wenig belustigt und sehr selbstbewußt, weil die Antwort so leicht war. Die Antwort war zu leicht. Del hatte mich gelehrt, die Antwort zu erkennen. Nichtsdestoweniger war sie richtig. »In deinem Fall würden vielleicht einige Männer – viele Männer! – sagen, daß Kinder nicht notwendig sind, um das Interesse aufrechtzuerhalten.«

Del errötete. Dann knirschte sie mit den Zähnen. »Ich bin jetzt schön, schön genug, um ›das Interesse aufrechtzuerhalten‹, aber welchen Nutzen werde ich haben, wenn die Schönheit ganz vergangen ist? Was mache ich dann, Tiger? Was bleibt mir dann noch?«

»Nun, ich hatte eigentlich nicht daran gedacht, daß du fortgehen und einen südlichen Farmer heiraten würdest ...«

»Soll ich ein Wirtshausmädchen werden? Du scheinst sie zu mögen.«

»Also, Del ...«

»Oder soll ich versuchen, die Aufmerksamkeit des Tanzeers von Julah auf mich zu ziehen?«

»Der Tanzeer von Julah ist eine Frau.«

Sie warf mir einen Blick zu. »Du weißt, was ich meine.«

»Der Tanzeer von Julah würde uns auch gern töten, erinnerst du dich? Besonders dich. Du hast ihren Vater getötet.«

»Töten«, sagte Del heftig. »Das ist es, was ich am besten kann.«

»Aber du magst es nicht? Dann ändere es«, erklärte ich. »Du hältst mir seit mindestens – wie lange, seit fast zwei Jahren? – Vorträge darüber, wie eine Frau kämpfen muß, um ihren Weg in einer Männerwelt zu machen. Du hast gekämpft, und du hast gesiegt. Aber wenn du von mir erwartest, dir deine Antworten zu geben, dann wertest du damit das ab, was du erreicht hast. Du bist zu dem geworden, was du für einen bestimmten Zweck sein mußtest. Dieser Zweck ist nicht mehr gegeben. Also finde einen anderen.«

Del beobachtete mich. Ich konnte nicht sagen, was sie dachte. Sie ist, sogar für mich, schwer zu ergründen. Aber sie hatte die brennende Inbrunst ihrer Verärgerung schon vor einer Weile verloren. Ihr Tonfall war jetzt weitaus weniger schneidend. »So wie du einen Lebenszweck gefunden hast?«

Ich zuckte die Achseln. »Ich habe keinen Lebenszweck. Ich bin einfach.«

Schließlich lächelte Del. Die letzten Spuren der Anspannung wichen aus ihrem Gesicht. »Der Sandtiger«, murmelte sie. »O ja, das ist mehr als genug. Ein echtes Panjandrum.«

»Da wir gerade davon sprechen«, sagte ich, »wir haben noch immer keine Entscheidung getroffen.«

»Worüber?«

»Wohin wir reiten.«

»Nach Süden.«

»Das habe ich verstanden. Aber wohin im Süden?«

Sie runzelte ratlos die Stirn. »Woher, zu den Hoolies, soll ich das wissen?«

Was ziemlich genau das zusammenfaßte, was auch ich empfand.

DREI

Die Oase war kaum mehr als ein Gewirr fast quadratischer, gelblich-rötlicher Steine, die wie zufällig gegen den südlichen Übergriff von Wind und Sand aufgeschichtet worden waren, und einiger weniger spärlicher Palmen mit vereinzelten graugrünen Wedeln. Es war kaum Schatten zu entdecken, außer einem welligen Fleck, der sich im Norden am Fuß der ›Mauer‹ aus Stein erstreckte, aber nicht viel ist besser als gar nichts. Und außerdem waren wir noch nicht allzu weit in den Süden hineingelangt. An der Grenze zwischen den beiden Ländern ist es erheblich kühler, und es gibt keine Punjakristalle.

Das Wasser, aufgefangen in einem natürlichen, von handgemauerten Steinen gesäumten Felsbecken, war kaum mehr als handtief und daher kaum als ausreichende Versorgungsquelle geeignet – aber tief im Boden, unter Sand, Erde, Kieselsteinen und spinnwebartigem, rotkehligem Gras gab es eine natürliche Quelle. Während es sehr leicht war, das Becken innerhalb von Minuten zu leeren – ein Pferd konnte es noch schneller schaffen –, füllte es sich doch schnell wieder selbst auf. Die Quelle schien unerschöpflich; aber niemand im Süden ließ es darauf ankommen. Der handgemauerte Steinrand verhinderte, daß das Becken durch den vom Wind herangewehten Sand verunreinigt wurde. Die grobe, in jeden Stein gemeißelte Schrift sollte die Oase vermutlich vor jedem Feind, ob Mensch oder Ding, schützen, der danach trachtete, ihre Freigebigkeit zu mißbrauchen.

Ich schwang mich vom Hengst herab und ließ die Zügel locker, ließ ihn das Becken austrinken. Der sandfarbene Stein glitzerte kurzzeitig naß und war dann wieder unter Wasser verborgen, als die Quelle das Becken erneut auffüllte. Ich ließ den Hengst erneut die Hälfte trinken und zog ihn dann fort.

Del runzelte auf ihrem Schecken die Stirn, als ich begann, die Knoten der Satteltaschen und Packgurte zu lösen. »Du willst doch wohl nicht, daß wir hierbleiben ...?«

»Die Sonne wird bald untergehen.«

»Aber die Oase liegt so frei ... Sollten wir nicht besser woanders hinreiten? Irgendwohin, wo wir nicht so leicht entdeckt werden können?«

»Wahrscheinlich«, stimmte ich ihr zu. »Aber hier gibt es Wasser. Du weißt genausogut wie ich, daß man sich im Süden keine Gelegenheit entgehen läßt, Wasser zu bekommen.«

»Nein, aber wir könnten die Botas wieder auffüllen, die Pferde sich abkühlen lassen und weiterreiten.«

»Wohin weiterreiten?« Ich ließ die Satteltaschen auf den Boden fallen. »Die nächste Wasserstelle ist einen guten Tagesritt von hier entfernt. Es wäre dumm, jetzt, da die Nacht bald hereinbricht, weiterzureiten. Heute nacht scheint kein Mond ... willst du es wirklich riskieren, dich in der Dunkelheit zu verirren?«

Del seufzte und kämpfte wie abwesend über kurzgehaltene Zügel mit ihrem Schecken. Der Wallach schnaubte feucht. »Ich dachte, du hättest mir mal erzählt, daß du den Süden wie deinen Handrücken kennst.«

»Das stimmt auch. Ich kenne ihn besser als die meisten. Aber das bedeutet nicht, daß ich dumm bin.« Ich löste den Sattel, nahm ihn mitsamt der Satteldecke ab und ließ alles auf die Satteltaschen fallen. Der Rücken des Hengstes war naß und runzlig. »Wir sind einige Zeit nicht mehr hier entlang gekommen, Bascha. Meines Wissens hat es seitdem zwanzig Sandstürme gegeben. Ich werde die Veränderungen der Landschaft sofort erkennen, wenn ich sie sehen kann.«

»Ich verstehe«, sagte sie geduldig. »Aber wenn wir hierbleiben, können andere uns leicht finden.«

Ich deutete auf das Becken. »Siehst du diese Schrift? Zusätzlich dazu, daß sie das Wasser schützt, gewährt sie auch Wüstenreisenden Schutz.«

Sie hob das Kinn ein wenig an. »Sogar Reisenden, die beschuldigt werden, einen Messias getötet zu haben?«

Ich knirschte mit den Zähnen. »Ja.« Normalerweise kannte ich dieses Wort nicht, aber ich war nicht in der Stimmung zu streiten.

Sie drückte deutlich ihre Skepsis aus. »Werden sie das respektieren?«

»Das hängt ganz davon ab, wer kommt.« Ich stemmte die Füße auf den Boden und hielt stand, während der Hengst seinen Kopf gegen meinen Arm drückte und sich heftig zu reiben begann, um das durch Hitze und Staub verursachte Jucken zu lindern. »Die Stämme haben die Ruhepause der Reisenden immer respektiert. Sie sind Nomaden, Bascha ... Orte wie dieser sind bedeutungsvoll. Die Schrift im Stein ist ein Stammeszeichen, das dem Wasser und den Reisenden Schutz zusagt. Ich glaube nicht, daß sie mit diesem Brauch brächen, selbst wenn sie uns einholen würden. Und letzteres ist noch nicht sicher.«

»Was ist, wenn jemand anderer hierher kommt? Jemand, der diesen Brauch nicht respektiert?«

Der Hengst rieb sich noch stärker, brachte mich fast aus dem Gleichgewicht. Ich schob den aufdringlichen Kopf beiseite. »Dann müssen wir uns einfach darum kümmern. Früher oder später. Heute oder morgen.« Ich blinzelte zu ihr hoch. »Meinst du nicht, es wird Zeit, daß du dein Pferd trinken läßt? Er reißt an den Zügeln, seit wir hier angekommen sind.«

Das stimmte. Der Schecke, der das Wasser roch, stampfte mit den Hufen, schlug mit dem Schweif und versuchte, auf das Becken zuzugehen. Del hatte ihn mit festem Zügeldruck daran gehindert, hatte gegen seinen Willen angekämpft.

Sie verzog das Gesicht und nahm die Füße aus den Steigbügeln, schwang ein langes, vom Burnus verhülltes Bein über den Sattel, während sie von dem Schecken herabglitt. Sie ließ ihn trinken, wie ich es mein Pferd hatte tun lassen, indem sie beiläufig auf die Menge achtete – man läßt ein erhitztes Pferd nicht sofort viel trinken –, hatte die hellen Brauen aber noch immer zu einem schwachen, beunruhigten Stirnrunzeln zusammengezogen. Dieser Gesichtsausdruck schwand jedoch, während sie den Schecken vom Wasser fortzog und ihn absattelte. Das Arbeiten ließ ihr Gesicht weicher wirken, verbannte die Angespanntheit des Kiefers und die Falten zwischen ihren Brauen. Es ließ sie wieder jung aussehen. Und unendlich schön, auf eine eindringliche, schneidende Art, wie eine frisch geschliffene Schwertklinge.

Normalerweise hätte ich dem Hengst das Zaumzeug abgenommen, ihn angepflockt und angebunden. Aber die gegenwärtigen Umstände verlangten ein wenig mehr Sorge und Vorbereitung. Wir mußten sofort aufsteigen und davonreiten können. Ein angepflocktes, abgezäumtes Pferd bedeutet zuviel Verzögerung. Also ließ ich den Hengst zurück, die Zügel unter einem flachen Stein befestigt, obwohl er nicht viel vom Umherwandern hielt, wenn Wasser in der Nähe war. Wüstengeboren und -aufgezogen würde er eine bekannte Versorgungsquelle nicht verlassen.

Ich stapelte den Sattel und die Satteldecke an der Steinmauer auf, die rauhe Seite zum Trocknen nach oben gerichtet, und richtete mich dann selbst mit den Decken, Botas und Satteltaschen ein. Insgesamt war ich recht guter Dinge. Mein Kopf hatte aufgehört zu schmerzen, obwohl ein leichtes Unbehagen geblieben war, und mein Magen rebellierte nicht mehr. Ich war wieder Mensch. Ich grinste Del an.

Sie sah mich fragend an und kümmerte sich um den Schecken, machte ihn auf die gleiche Art fest, wie ich es mit dem Hengst getan hatte, und befreite ihn vom Sattel und den Satteltaschen. Er war ein recht gutes Pferd, wenn auch sehr groß – aber ich bin an meinen kurzbeinigen, wuchtigen, felsenharten Hengst gewöhnt, nicht an einen langgliedrigen, dickfelligen, nordischen Wallach, der zuviel Fett unter dem Fell hat. Andererseits war es im Norden kalt, und die zusätzliche Fettschicht hielt ihn unzweifelhaft wärmer, zusätzlich zu dem dichten Fell. In diesem Moment schüttelte sich der Schecke: Del strich sich mit verzogenem Gesicht einige Händevoll feuchter, bläulich gefärbter Haare von der Kleidung und ließ sie durch die reglose Luft abwärts schweben. Nachdem der Schecke versorgt war, wandte sich Del mir zu. »Also bleiben wir heute nacht hier.«

Ich betrachtete sie einen Moment nachdenklich. »Ich dachte, das hätten wir geklärt.«

Sie nickte einmal entschieden, wandte mir dann den Rücken zu und stolzierte durch Gras, Erde und Kieselsteine zu einem gen Norden gerichteten Platz davon. Dort nahm sie ihr Schwert aus der Scheide.

»Nicht schon wieder«, murmelte ich.

Del hob die nackte Waffe über ihren Kopf, balancierte die Klinge und den Knauf über der Fläche ihrer bloßen Handflächen aus und sang. Ein kleiner, ruhiger Gesang. Aber sein Friede hatte nichts mit Macht zu tun oder mit deren Beschaffenheit. Sie klang gelöst und ließ geschehen, was kam: ein lachsfarben-silbernes Schimmern, ein blendendweißer Funke, das Blau eines Sturms im tiefsten Winter. All das lief die Länge der Klinge hinab, wirbelte herab wie der Atem eines todverkündenden Geists und umhüllte ihre erhobenen Arme.

Sie behielt die Haltung bei. Ich konnte ihr Gesicht nicht sehen, nur den Bogen ihres Rückgrats unter dem Burnus, das sich über ihren Rücken ergießende Haar. Dennoch genügte es. Tief in mir rührte Del schmerzliche Empfindungen auf, die ich nicht vollständig annehmen konnte. Mehr als einfache Begierde, obwohl sie immer da ist. Weniger als Anbetung, weil sie nicht Vollkommenheit ist. Aber alles dazwischen. Gut und böse, schwarz und weiß, männlich und weiblich. Zwei Hälften ergeben ein Ganzes. Del war meine andere Hälfte.

Sie sang. Dann nahm sie das Schwert herunter, schnitt durch den Atem des Frosts und steckte die Klinge in die Erde.

Ich seufzte. »Ja, schon gut.«

Ein weiterer kleiner Gesang. Zweifellos wollte sie nicht, daß ich ihn hörte. Andererseits war es ihr vielleicht auch gleichgültig. Sie hatte ihre Empfindungen offenbart. Dieses kleine Ritual, so unendlich nordisch, war unzweifelhaft genauso für mich bestimmt wie für die Götter, die sie um Hilfe bat.

Plötzlich mußte ich kichern. Wenn ich tatsächlich dieser Jhihadi war, könnte sie genausogut zu mir beten. Zumindest war ich ein Südbewohner.

Dann kroch unerwartet ein Zweifel aus der Dunkelheit heran, um mich im Tageslicht zu bestürmen. Ein leiser, beunruhigender Zweifel, uralt in seinem Geist, aber in neuerer, jüngerer Verkleidung.

War ich ein Südbewohner? Oder etwas völlig anderes?

Ich zuckte mit einer Schulter, runzelte die Stirn, versuchte, den beunruhigenden Zweifel abzuwehren. Hier war kein Platz dafür, kein Platz in meinem Geist für solche Dinge. Ich war nach zu vielen Monaten der Abwesenheit wieder zu Hause: warm, heil und zufrieden mit dem Leben, fühlte mich wieder wohl. Vertraut.

Zu Hause.

Del sang ihren nordischen Gesang, geschützt in ihrem Erbe, ihrer Verwandtschaft, ihren Bräuchen. Mir fehlten diese Dinge.

Ich runzelte verärgert die Stirn. Hoolies, welchen Sinn hatte das? Ich war ›zu Hause‹, egal wie merkwürdig es sich anfühlte. Wenn ich einmal darüber nachdachte. Ich meine, selbst wenn ich nicht vollständig Südbewohner war, so war ich doch zumindest hier geboren. Hier aufgewachsen.

Hier versklavt worden.

Del riß die Klinge aus dem Boden und wandte sich wieder mir zu. Ihr Gesicht war weich und ernst, verbarg Gedanken und Gefühle.

Mit großer Anstrengung verbarg ich auch meine. »Hat es dir geholfen?« fragte ich.

Sie zuckte mit einer seidenverhüllten Schulter. »Sie müssen es entscheiden. Wenn sie uns Schutz gewähren wollen, werden wir doppelt gesegnet sein.«

»Doppelt gesegnet?«

Del deutete mit einer Hand kurz auf das von Felsen umgebene Becken. »Südliche Götter. Nordische Götter. Nichts ist falsch daran, beider Gunst zu erbitten.«

Ich grinste mühsam. »Vermutlich nicht. Doppelt gesegnet, hm?« Ich nahm meine Scheide auf und zog meinerseits das Schwert, ließ es herausgleiten. »Ich bin nicht so sehr für die kleinen Gesänge, wie du weißt, aber dies sollte genü... Hoolies!«

Del runzelte die Stirn. »Was ist?«

Ernsthaft angewidert betrachtete ich den Schnitt an meiner rechten Hand. »Oh, nicht viel ... nur ein Ausrutscher ...« Ich runzelte ebenfalls die Stirn, saugte den flachen, aber schmerzhaften Schnitt in dem Gewebe zwischen Daumen und Zeigefinger aus. »Aber es sticht wie die Hoolies.« Ich spuckte das Blut aus und betrachtete den Schnitt erneut. »Ah, nun, zu weit von meinem Herz entfernt, um mich umzubringen.«

Del, die ich auf diese Weise beruhigt hatte, setzte sich auf ihre Decke, die neben meiner ausgebreitet lag. »Du wirst auf deine alten Tage unvorsichtig.«

Ich runzelte die Stirn, als sie ihre Aufmerksamkeit, ganz Unschuld, dem Reinigen ihrer Klinge widmete, die mit körnigem Staub und klebrigen Grassäften beschmutzt war.

Ich hatte eigentlich dasselbe vorgehabt. Ich hatte Öl, Schleifstein und Lappen ausgepackt. Das benötigt man, wenn der Stahl makellos und hart bleiben soll, und das ist nichts, was ich als unangenehme Aufgabe ansehe. Es ist genauso ein Teil von mir wie das Atmen. Man tut es, man denkt nicht darüber nach.

Ich legte mir das Schwert im Schneidersitz über beide Oberschenkel. Es schimmerte im ersterbenden Licht, bis auf die geschwärzte Spitze. Ungefähr eine Handbreit Schwärze, die wunderschönen Stahl befleckte, während sie immer weiter auf das Heft zukroch. Wie immer fluchte ich leise. Einst war die Klinge reines, makelloses Silber gewesen, rein und schön und neu. Aber die Umstände – und ein Magier – hatten sich verschworen, das zu ändern. Hatten sich verschworen, mich zu ändern.

»Dreimal verfluchter Sohn eines Ziegenbocks«, murmelte ich. »Warum hast du dir mein Schwert ausgesucht?«

Es war eine alte Frage. Niemand machte sich die Mühe zu antworten.

Ich legte eine Hand um das Heft, legte schwielige Haut an Lederriemen, die fest um den Stahl gewickelt waren. Ich spürte Wärme, Willkommen, etwas Wunderbares: Das Schwert war ein Jivatma