Schwertprinz - Jennifer Roberson - E-Book

Schwertprinz E-Book

Jennifer Roberson

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Beschreibung

Dem Tode nahe, geraten die beiden Schwertkämpfer Tiger und Del in die Gewalt beutegieriger Seeräuber. Tiger soll einer steinreichen Familie als verlorener Sohn untergeschoben werden und dem Piratenkapitän ein üppiges Lösegeld einbringen. Doch nach der Begegnung mit der Matriarchin des Clans wendet sich das Blatt, und die Zeichen stehen plötzlich auf Sturm…

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Seitenzahl: 283

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Jennifer Robersons "Schwertänzer-Zyklus" – sieben einzigartige Romane voller Magie, Geheimnisse und funkelnder Dialoge. Ein Meisterwerk der modernen Fantasy!

Jetzt erstmals als eBook lieferbar.

Dem Tode nahe, geraten die beiden Schwertkämpfer Tiger und Del in die Gewalt beutegieriger Seeräuber. Tiger soll einer steinreichen Familie als verlorener Sohn untergeschoben werden und dem Piratenkapitän ein üppiges Lösegeld einbringen. Doch nach der Begegnung mit der Matriarchin des Clans wendet sich das Blatt. Plötzlich stehen alle Zeichen auf Sturm…  

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel "Sword-Born - A Novel of Tiger and Del, Part I" Edel eBooks Ein Verlag der Edel Germany GmbH

© 2015 Edel Germany GmbH Neumühlen 17, 22763 Hamburg

www.edel.com

Copyright © der Originalausgabe 1998 by Jennifer Roberson O´Green

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2001 

Ins Deutsche übertragen von Karin König

Covergestaltung: Eden & Höflich, Berlin.

Konvertierung: Datagrafix

Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des jeweiligen Rechteinhabers wiedergegeben werden.

ISBN: 978-3-95530-708-0

facebook.com/edel.ebooks

Inhalt

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

»Selbst heute sind die Felsen ... nicht weniger als ein spiritueller Übungsplatz und Schauplätze, auf denen Vertrauen gebildet, Sünde ausgetrieben und die Persönlichkeit geformt wird.«

THEOCHARIS M. PROVATIKISMeteora: History of the Monasteries and Monasticism

PROLOG

Schwert durchbohrte Haut, brach Knochen. Ich spürte es eindringen, spürte die Biegsamkeit, die Spannung in meinen Handgelenken, während der Stahl in den Körper schnitt. Ich hörte meinen eigenen heiseren Schrei, während ich erneut leugnete, dass ich das wollte, es beabsichtigt hatte ...

... und erwachte mit einem merkwürdigen Aufwärtsruck, wodurch ich mit dem Hinterkopf gegen Holz stieß.

Das ist vermutlich auch eine Möglichkeit, einen Traum abzubrechen: sich ihn einfach aus dem Kopf zu schlagen.

Durch die Wucht des Aufpralls niedergestreckt, lag ich mit dem Bauch nach unten auf der fadenscheinigen Decke, verzog vor Schmerz und Schreck das Gesicht und biss die Zähne zusammen. Ich konnte kein Wort hervorbringen, sondern fluchte in meinem erschütterten Schädel zwar stumm, aber kräftig.

Über mir erklang ein vorsichtiges: »Tiger?«

Ich antwortete nicht. Ich war zu sehr damit beschäftigt, meinen misshandelten Hinterkopf zu umfassen und zu versuchen, ihn zusammenzuhalten.

»Geht es dir gut?«

Nein, es ging mir nicht gut, vielen Dank. Ich hatte gerade beinahe mein Gehirn in der kleinen Kabine verspritzt, die wir uns an Bord eines Schiffes teilten, das ich vom ersten Tag unserer Reise an zu hassen gelernt hatte. Aber zu sagen, dass es mir nicht gut ging?

Ich wandte den Kopf vorsichtig in einen Streifen messingfarbenen Sonnenlichts, der unregelmäßig durch knarrende, Tropfen klebrigen Pechs ausschwitzende Bordwände schlich. »... gut.« Zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

Über mir regte sich etwas. Kurz darauf ergoss sich üppiges helles Haar, das im von Nebelranken durchzogenen Morgenlicht kaum sichtbar war über die Seite der schmalen Schlafkoje über mir, an der genau ich mir den Kopf gestoßen hatte. Dann erschien das Gesicht. Umgekehrt.

Del ist aus jeder Richtung betrachtet, in jeglicher Lage und mit jedem Gesichtsausdruck schön. Aber gerade jetzt war ich nicht in der Verfassung, diese Schönheit würdigen zu können. »War das dein Kopf?«

Ich lockerte meinen Kiefer ein wenig und hob die Wange von dem Bündel modrigen Stoffs, das nur unzureichend als Kopfkissen diente. Es stank nach Salz und Fisch und ... nun, nach mir. »Ich könnte vermutlich darauf hinweisen, dass monatelanges getrenntes Schlafen in Kojen, die kaum für einen Hund groß genug sind, es einem Mann schwer macht, na ja, seine Bewunderung und Zuneigung zu zeigen ...«

»Wollust«, unterbrach sie mich völlig ungeschönt. »Und es sind erst zwei Wochen. Außerdem hatten wir den Boden.« Sie hielt inne, um sich zu korrigieren. »Das Deck. Welches wir benutzt haben. Mehrere Male. Oder hast du das bereits vergessen?«

Um durch diese ärgerliche und komplizierte Unterbrechung, die nur dazu gedacht war, mich in die Abwehr zu locken, nicht mundtot gemacht zu werden, fuhr ich mit mühsamer Würde fort: »... und daher könnte ich behaupten, etwas völlig anderes sei mit solcher Wucht gegen die Unterseite deines Bettes geprallt, dass die Erde wackelt ...«

»Schmücken wir gerade die Geschichte des Jhihadi aus?«

»... aber wenn man bedenkt, dass ich stets ein ehrlicher Messias, also, Mann bin ...«

»Wenn es dir passt.«

»... gebe ich zu, dass es tatsächlich mein Kopf war.« Ich tastete vorsichtig in drahtigem Haar. »Ich glaube, er ist noch heil.«

»Nun, wenn nicht, passt er zu deiner übrigen Erscheinung. Das bewirkt das Alter bei einem Mann nun einmal.« Und sie zog ihren Kopf – und ihr Haar – zurück, sodass ich nichts mehr anzuschauen hatte.

»Deine Schuld«, murmelte ich.

Sie schwang sich von ihrer Schlafkoje herab. Kurze, schmale Kojen, zu klein für uns beide zusammen oder getrennt. Del ist eine große Frau. Sie landete leichtfüßig und stützte sich gegen das beängstigende Rollen des Schiffes mit einer Hand gegen einen salzverkrusteten, zerbrochenen Kojenrahmen. »Meine Schuld? Dass du dein Alter spürst? Also wirklich, Tiger – man könnte glauben, es sei immer meine Idee gewesen, wie du es ausdrückst, ›Bewunderung und Zuneigung auszudrücken‹.«

»Hoolies«, murrte ich, »ich bin froh, wenn wir wieder an Land sind. Wenn wir an Land Platz haben, uns zu bewegen.«

Del saß auf der Kante meiner Schlafkoje. Es war keine bequeme Lage, weil sie sich vorbeugen und zusammenkauern musste, damit sie sich nicht den Kopf an der Unterseite ihrer Koje stieß. Ich verlagerte meine angezogenen Beine, um ihr so viel Platz zu machen wie möglich. Ich würde mich nicht aufsetzen und es riskieren, mir erneut den Kopf zu stoßen. »Blutet es?«, fragte sie nüchtern und klang dabei eher wie ein Mann als wie eine Frau, bereit, eine Verletzung vergnügt als höchst belanglos abzutun, wenn kein Körperglied abgehackt war.

Ich wurde einmal gefragt, was es bedeutete, wenn Del jemals nett wäre. Ich antwortete – ernsthaft –, dass sie dann wahrscheinlich krank wäre. Oder sich um mich sorgte, aber das war unwahrscheinlich. Einerseits hasste ich Getue. Andererseits war Dels Art, sich zu sorgen, auch wenig trostreich. Ein Schlag auf den Hintern entspricht eher ihrer Art zu ermutigen, ganz ähnlich, wie man einem Pferd einen Klaps gibt, wenn man es auf die Weide entlässt.

Ich untersuchte meinen Schädel erneut, tastete vorsichtig durch salzverkrustetes Haar. Kein Blut. Nur eine Beule. Und es juckte. Aber es war zu weit von meinem Herzen entfernt, um mich zu töten.

Dann ließ ich Kopf und Spott gleichermaßen los. Ich streckte die Hand aus und umfasste ihren Arm, umschloss ihr Handgelenk mit meiner Hand. Del war weder im Wesen noch von Körpergröße, Können und Verstand her eine kleine Frau, aber ich bin auch kein kleiner Mann. Ihr Handgelenk passte ausgezeichnet in meine Hand. »Ich habe von dir geträumt«, sagte ich. »Und von dem Tanz. Auf Staal-Ysta.«

Del wurde sehr still. Dann nahm sie beredt meine Hand und führte sie an ihre Rippen, wo sie sie öffnete und flach an das dünne Leder ihrer Tunika drückte. »Ich bin heil«, sagte sie. »Ich lebe.«

Ich zitterte. Fühlte mich älter als achtunddreißig. Oder möglicherweise neununddreißig. »Du weißt nicht, wie das ist. Du warst tot, Bascha ...«

»Nein. Fast. Aber nicht wirklich tot, Tiger. Du hast den Stoß rechtzeitig abgefangen. Erinnerst du dich?«

Ich hatte den Stoß nicht rechtzeitig abgefangen. Ich konnte ihn nur verlangsamen, mich – gerade so – daran hindern, sie in zwei Teile zu zerschneiden.

»Ich erinnere mich daran, dass ich hilflos war. Ich erinnere mich, dass ich zuerst nicht mit dir tanzen wollte und dass mich dieses verfluchte magiebeladene Schwert dennoch dazu zwang. Und ich erinnere mich daran, dass ich dich verletzt habe.« Ich spürte die Wärme ihrer Haut unter meiner Handfläche, ihren beständigen Herzschlag. Und die harte Kruste des Narbengewebes ragte deutlich aus der Haut unter ihrer linken Brust hervor. »Ich erinnere mich daran, dass ich gegangen – nein, davongerannt – bin, weil ich dachte, dass du sterben würdest. Ich war mir dessen sicher ... und ich konnte es nicht ertragen, dem zuzusehen ...« Ich richtete mich auf einen Ellenbogen auf, legte meine freie Hand um ihren Hinterkopf und zog sie mit mir herab. »O Bascha, du weißt nicht, was das an jenem Morgen auf der Klippe für ein Gefühl war, als ich von der Insel fortritt. Von dir fortritt.« Aber nicht aufgrund der Schuld und der Selbstvorwürfe. Ich war sicher, dass sie nur noch Stunden zu leben hätte. Während mir Jahre blieben, mich zu erinnern und mir den Tod zu wünschen.

Ich veränderte meine Lage erneut, als sie sich niederließ. Die Koje war zu klein, zu beengt für etwas anderes als zwei sich umschlingende Körper. »Und als du mich dann später fandest, mich mit diesem dreimal verfluchten Schwert ...«

»Es ist vorbei«, sagte sie. Und das war es, seit fast zwei Jahren. »Das alles ist vorbei. Ich lebe – und du auch. Und keiner von uns besitzt ein Schwert, das mehr wäre als ein Schwert.« Sie hielt inne. »Jetzt.«

Jetzt. Del hatte Boreal, ihr Jivatma, zerbrochen, um mich von der Magie zu befreien. Und mein eigenes Schwert, dasjenige, das ich selbst geschmiedet, geformt, in Blut getränkt und auf der eisigen Insel namens Staal-Ysta benannt hatte, lag unter Tonnen herabgestürzten Gesteins begraben. Wir waren einfach wieder Menschen: die Schwertsängerin aus dem Norden und der Schwerttänzer aus dem Süden.

Ich zuckte zusammen, als sie ihre Hand an die Narbe in meiner Haut legte, die genauso verwachsen und entzündet war wie ihre – über ihren inzwischen verheilten Rippen. Sie hätte mich in demselben Kreis niemals getötet. Aber es war nicht ihre Berührung, die die innere Reaktion hervorrief. In Wahrheit war ich nicht einmal mehr ein Schwerttänzer, kein wahrer Schwerttänzer. Der Sandtiger war jetzt ein Borjuni, ein ›Schwert ohne Namen‹. Und es gab keinen stolzen – und stolz verteidigten –, Titel mehr, der während der Lehrzeit und Meisterschaft innerhalb des Systems erworben worden war, das den ritualisierten Zweikampf des Südens und die Eide und Ehrenkodexe von Menschen beherrschte, die mit Schwertern in Kreisen tanzten und die Kriege der Tanzeers, der Prinzen der Punja, der gnadenlosen Wüste des Südens, bestritten.

Nach der Geburt verlassen und dann als Sklave aufgenommen; daraus durch Eide dem Mann, dem Shodo, gegenüber befreit, der mich das Kämpfen – das Tanzen gemäß den Kodexen – gelehrt hatten und jetzt von anderen verlassen, die die gleichen Eide geschworen hatten und mich daher töten mussten, weil ich die Kodexe gebrochen hatte.

Und doch war es, trotz des Preises, leicht gewesen, sie zu brechen, weil es für Delilah geschehen war. Für ihre Eide und Ehre.

Und so war ich im Süden, in meiner Heimat, eine von jedem lebenden Schwerttänzer zu jagende Beute, die außerhalb des Kreises ehrlos getötet werden musste, weil ich nicht mehr Teil davon war. Im Norden, in Dels Heimat, war ich ein Mann, der dem Glanz Staal-Ystas, des Ortes der Schwerter, und den Schwertsängern, die mit magischen Klingen im Kreis tanzten, den Rücken gekehrt hatte.

Aber hier, jetzt, mit ihr, war ich nur ich selbst. Manchmal genügt das.

1

Wir verließen den Norden, da Del zustimmte zu gehen, wenn auch nur, weil ich sie unter Druck gesetzt hatte, indem ich einen Tanz im Kreis gemäß den nördlichen Riten gewonnen hatte. Aber ich hatte auch sie unter Druck gesetzt, jene blonden und verbitterten Menschen, die Delilah lieber tot gesehen hätten, selbst durch Täuschung aufgrund gebrochener Eide. Einmal geheilt, einmal wieder vereint, einmal frei von Staal-Ysta und dem Drachengebirge mit seinen von Dämonen gestalteten Hunden der Hoolies, waren wir schließlich gen Süden gezogen – wo ich innerhalb eines Jahres die Eide gebrochen hatte, die ich meinem Volk geschworen hatte.

Jetzt waren wir beide namenlos, heimatlos, ohne Gesänge und Ehre, hatten unsere Vergangenheit auf der Suche nach einer neuen Gegenwart aufgegeben, die aber wiederum zutiefst mit einer Vergangenheit verbunden war, die älter schien, als wir beide wussten: die Zeugung eines Kindes, die Geburt eines Jungen. Die Frau, die mich dort auf dem kristallenen Sand der Punja zur Welt brachte, und der Mann, der mich gezeugt hatte, in fremden Ländern, weit entfernt.

Skandi. Zumindest dachten wir das. Zumindest dachte Del das und erklärte es auch. Ich war mir dessen weniger sicher. Sie sagte, das sei nur, weil ich aus eigener Kraft lebte und die Wahrheit über mein Dasein auf der Welt nicht erfahren wollte, aus Angst, ich würde mich als weniger oder mehr als das herausstellen, was ich geworden war.

Ich sagte nicht allzu viel dazu. Die gelinde Neugier und die Gebote des Augenblicks – die Notwendigkeit des Rückzugs, des Nachdenkens, der Flucht – waren unter der Unsicherheit des Segelns, unter seltsamem, unangebrachtem Bedauern und so etwas wie Verwirrung abgeschwächt worden. Selbst das Heimweh. Aber das alles war sehr verworren. Weil der Süden vielleicht gar nicht meine Heimat war. Es war mein Geburtsort, ja. Das wusste ich. Im Süden geboren, im Süden aufgezogen. Aber nicht im Süden gezeugt, wie wir jetzt glaubten. Was einer der Gründe dafür ist, dass wir uns auf diesem dreimal verfluchten Schiff befanden und zu einem Ort segelten, an dem ich vielleicht gezeugt worden war.

Oder auch nicht.

Jemand hätte es mir einst vielleicht sagen können. Sula. Eine Frau der Stämme, der Salset, die mehr als jeder andere dazu beigetragen hatte, dass ich in jeder Beziehung zum Mann wurde. Während die übrigen Salset mich als Chula, als Sklave, auslachten, als ein zu großer, langgliedriger, grobknochiger Junge, der körperlich und geistig schwerfällig und ohne Anmut war, hatte Sula mich geschätzt. Zu Beginn in ihrem Bett. Später in ihrem Herzen.

Mutter. Schwester. Geliebte. Ehefrau. Aber keine davon durch das Blut, Riten oder Rituale an mich gebunden – außer jenem, das wir in der Nacht, wenn ich irgendwo anders als auf einer schmutzigen, stinkenden Ziegenhaut auf dem Punjasand schlafen durfte, vollzogen. Aber Sula war an einem Dämon in ihrer Brust gestorben, und jetzt konnte es mir niemand mehr sagen.

Wir gingen auch, weil ich ein, nun, ein Messias war. Zumindest glaubten das einige Leute. Andere wiederum glaubten es gar nicht. Die Menschen sind darin seltsam. Einige glauben wirklich aus Glaubensgründen und brauchen keinen Beweis. Andere glauben nur an Beweise – und ich hatte anscheinend keinen nennenswerten Beweis geliefert.

Zumindest keinen Beweis der Art, an die sie glaubten. Immerhin war das Verwandeln von Gras in Sand – wie es zumindest die legendäre Prophezeiung besagte – nicht die Art Vorstellung, die einen Menschen, besonders einen Südbewohner, wirklich packt. Sie war für sie, die den Sand mit der Muttermilch einsaugten, ein wenig zu ... vielleicht seelsorgerisch.

Es durfte darüber gestritten werden, ob ich der Messias, genannt Jhihadi, war und ob ich den Sand in Gras verwandelt hatte (oder diesen Prozess zumindest begonnen hatte). Beides war möglich, hatte ich in einem Anfall von Selbsterhöhung beschlossen, gefördert von zuviel Aqivi und zu wenig von, nun, Dels Bewunderung und Zuneigung in einer Nacht unter dem Mond, wenn man die Magie außer Acht ließ und Glauben wörtlich nahm.

Der Umgang mit dem Glauben war stets ein Problem. Die Menschen nehmen Einbildungen wörtlich. Oder es will niemand zuhören, wenn die Wahrheit als etwas unaussprechlich Umständliches präsentiert wird – so wie man Kanäle und Gräben aushebt, um Wasser von Orten mit welchem zu Orten ohne es zu leiten. Es ist nicht geheimnisvoll genug. Nicht magisch genug.

Hoolies, ich hasse Magie. Sogar wenn ich sie selbst anwende.

Nachdem ich erneut festgestellt hatte, dass meine Koje kein besonders viel versprechender Ort für Zuweisungen von Bewunderung und Zuneigung war – ich stieß mir erneut fast den Kopf, während Del sich ausreichend fest den Ellbogen stieß, dass es einen zischend hervorgestoßenen Strom spannender Schmähungen auslöste (in der Hochlandsprache, was meine zarten Ohren rettete) –, nach all dem also gingen wir schließlich an Deck, um die Morgensonne mit gedämpfter Freude zu begrüßen und um unsere unzufriedenen Mägen mit der Seemannsgabe zu beschwichtigen, die die Crew Schiffszwieback nannte. Dieser war so hart, dass jedermann, der keine Zähne besaß, Hungers sterben würde. Glücklicherweise galt das für Del und mich nicht, sodass wir ihn mit einigen Schlucken lauwarmen Wassers (Del) oder einem im Magen brennenden alkoholischen Getränk namens Rhuum (ich) hinunterwürgen konnten. Dann standen wir an der Reling, starrten in mürrisch nachdenklichem Schweigen auf das vom Wind aufgewühlte Wasser und fragten uns, wann (oder ob) wir jemals wieder Land sehen würden. Vor zwei Tagen hatten wir eine kleine Inselkette hinter uns gelassen, wo wir ausreichend lange Halt gemacht hatten, um frisches Wasser und Obst aufzunehmen.

»Vielleicht ist es kein wirklicher Ort«, bemerkte ich nur halbwegs ernsthaft, was, wie bei Del üblich, eine nüchterne Erwiderung bewirkte.

»Was ... Skandi? Natürlich ist es ein realer Ort. Sonst hätten sie uns nicht als Passagiere an Bord genommen.«

Ich warf ihr einen Blick zu. Das konnte wahrscheinlich nicht ihr Ernst sein. »Ist das dein Ernst?«

»Ich habe nicht speziell nach Skandi gefragt.« Sie lehnte meine unausgesprochene Andeutung ohne Groll ab, dass jemand das Unmögliche getan und Delilah übervorteilt hätte. »Ich habe gefragt, wo die Schiffe hinfahren. Mehr nicht. Also lautet die Antwort nein – ich spielte uns nicht in jemandes gierige Hände, indem ich andeutete, wir führen irgendwohin, solange wir dachten, es sei Skandi. Sie sagten mir, dieses führe dorthin, ohne dass ich drängen musste.«

Ich erinnerte mich lebhaft an den Tag, an dem sie mich heftig angegriffen hatte, als ich auch nur angedeutet hatte, dass jemand sie übervorteilt hätte. Aber Bascha hatte sich irgendwann in den letzten drei Jahren, dank meinem günstigen Einfluss beruhigt. Jetzt erklärte sie.

Ich lehnte mich erneut grinsend gegen die Reling. Sie knirschte und gab leicht nach. Ich wich sofort wieder zurück und betrachtete das feuchte, schmutzige, salzverkrustete Holz stirnrunzelnd. Die Wellentäler vertieften sich, peitschten wilde Wogen gegen den Bug. So viel Wasser dort draußen ... und so wenig anderes. Wie ... Land. »Du weißt, dass ich einfach nicht verstehe, wie eine schwangere Frau von so weit her den ganzen Weg nach Süden segeln könnte, nur um ein Kind zu bekommen.«

»Vielleicht hat sie es nicht getan.«

»Nicht getan?«

»Nun, vielleicht hat sie Skandi nicht verlassen, um ihr Kind im Süden zu bekommen. Vielleicht ist sie während der Reise schwanger geworden. Oder vielleicht ist sie schwanger geworden, nachdem sie in den Süden gelangt war.« Del betrachtete mich abschätzend. »Du könntest immerhin zur Hälfte Südbewohner sein. Du siehst wie ein Grenzbewohner aus.«

Das hatte ich schon früher von anderen gehört. Ich schien kein typischer Südbewohner zu sein, denn die Wüstenbewohner waren klein, nett und adrett, dunkeläugig und dunkelhäutiger als ich. Nach denselben Merkmalen war ich zu dunkel für einen Nordbewohner, die gewöhnlich viel helleres Haar und hellere Haut als meine bronzefarbene besaßen. Ich lag irgendwo in der Mitte: groß und grobknochig wie Dels Volk, aber von Haut und Haar her viel dunkler. Zu groß, aber nicht dunkel genug für einen Südbewohner und noch dazu grünäugig. Grenzbewohner waren jedoch Mischlinge, hauptsächlich einem Volk geboren, das auf beiden Seiten der Grenze zwischen dem Norden und dem Süden lebte. Es machte durchaus Sinn, dass ich ein Grenzbewohner wäre. Was bedeutete, dass ich gar kein Skandier und diese ganze Forschungsreise die reine Torheit war.

Aber ein Mann in Julah, wo Del und ich Halt gemacht hatten, bevor wir über das Gebirge nach Haziz-am-Meer gezogen waren, hatte gedacht, ich gehörte seinem Volk an. Hatte in seiner Sprache zu mir gesprochen. Und er war Skandier. Oder zumindest schien es so, und Del glaubte es. Sie hatte geschworen, er sähe mir ähnlich genug, um mein Bruder zu sein. Was möglich war – wenn ich Skandier war, und er wirklich Skandier war –, wenn es auch nicht wahrscheinlich schien, wenn man die Chancen bedachte. Dennoch waren es bessere, als mir vorher jenseits eines Tanzes im Kreis zur Verfügung standen – was ich durch mein Brechen der Eide und Kodexe von Alimat nicht mehr tun konnte. Und weil ich den Süden ganz verlassen hatte. Das war eine ebenso gute Entschuldigung wie jede andere, um einen Ort verlassen zu können, an dem Männer, die wie ich ausgebildet wurden, Männer, die ebenso gut waren wie ich, meinen Kopf wollten.

Nun befanden wir uns also auf einem Schiff auf dem Weg nach Skandi. Wo ich vielleicht herstammte. Oder auch nicht.

»Hast du Angst?«, fragte Del, meine Gedanken verfolgend.

Ja. »Nein.«

Sie lächelte. Sie folgte meinen Gedanken noch immer. »Du hast Angst.«

»Angst wovor, Bascha? Ich habe, ich weiß nicht wie viele, Männer im Kreis bekämpft und ein Dutzend oder mehr außerhalb des Kreises getötet; einen Zuchthengst gezähmt, der andere Narren getötet hatte; die Hunde der Hoolies und einen bösartigen Magier, der mir meinen Körper und meine Seele – oder vielleicht nur meinen Körper; wir haben genug darüber gestritten, ob ich eine Seele besitze – stehlen wollte, abgewehrt; unzählige tödliche Samume überlebt, die schlimm genug waren, dass sie mir das Fleisch von den Knochen hätten reißen können; Afreets und Loki, Sandtigern und Cumfa widerstanden, ganz zu schweigen von verschiedenen Stämmen, die mich irgendeinem Gott oder sonst jemandem opfern wollten; ich bin blutdürstigen Frauen und zornigen Ehemännern entkommen ... und ich teile dein Bett. Regelmäßig.« Ich hielt inne. »Wovor soll ich nach alledem noch Angst haben?«

»Es zu wissen«, sagte sie. »Oder ... es nicht zu wissen.«

Oh. Das.

Sie wartete, während der Wind das offene Haar aus ihrem makellosen Gesicht wehte. Delilah hatte solch blaue Augen.

Ich spreizte die Beine, beugte die Knie, passte mich den Bewegungen des wild rollenden Schiffes an und kreuzte die Arme vor der Brust. Fest Dies war irgendwie wichtig. »Du wärst es wahrscheinlich nicht. Ängstlich. Es zu wissen. Oder ... es nicht zu wissen.«

»Ich habe vor vielem Angst«, sagte sie einfach, »und nicht am wenigsten davor, dich zu verlieren.«

Das brachte mich jäh zum Schweigen. Kurz darauf gelang es mir sogar, den Mund zu schließen.

Del, die seltsam zufrieden wirkte, sah mich nur von der Seite an, lächelte und blickte dann wieder über den Bug aufs Meer hinaus. »Ein Schiff«, sagte sie beiläufig.

Tatsächlich. Mit blauen Segeln. Die Crew hinter uns und über uns bemerkte es ebenfalls. Nun, es war kein Land, aber es war besser als der leere Ozean. Zumindest bis die Crew hektisch über alle Segel und Seile und Planken ausschwärmte. Als Nächstes erkannte ich, dass wir wendeten. Hart.

»He ...« Ich umfasste die Reling und hielt mich daran fest, während ich sie wenig erfreut erneut unheilvoll knarren hörte. Doch ich war noch weniger erfreut, das gleichzeitige Stöhnen der Planken unter meinen Füßen zu bemerken. Die Sandalen rutschten und schabten auf der Feuchtigkeit und dem Salz. Der drehende Wind wehte mir die Haare in den Mund. Ich schob sie hinter die Ohren, was überhaupt nichts nützte. Innerlich fluchend, beschloss ich, sie mir so bald wie möglich von ihr schneiden zu lassen. Oder sie mir selbst abzuhacken.

Del ergriff ebenfalls die Reling, als wir schwer durch die kabbeligen Wogen rollten, und umfasste fest das Holz. Gerade als sie den Mund öffnete, um eine Bemerkung zu machen oder eine Frage zu stellen, kam ihr ein Schrei hinter uns zuvor. Ich spürte die Angst, wenn ich sie hörte. Die ganze Crew schien sie plötzlich zu empfinden.

»Ärger«, stellte ich fest, während ich mir einen Film schaumiger Gischt vom Gesicht wischte. Das Salz stach in meinen Augen.

Der uns nächste Mann der Crew ließ die blauen Segel ausreichend lange aus den Augen, um eine dringliche Geste zu machen. »Runter«, sagte er. »Runter. Runter.«

»Ärger«, stimmte Del mir zu.

Natürlich war der letzte Ort, an dem ich mich aufhalten wollte, die Beschränktheit einer winzigen Kabine nahe der Wasserlinie, während das Schiff rollte und schlingerte. Ich hing an der knarrenden Reling, behielt gegen das heftige Wogen eine jetzt gefährdete Balance bei und sah den Seemann stirnrunzelnd an.

»Ich gehe«, sagte sie.

Ich sah sie bestürzt an. »Würdest du nicht lieber auf Deck bleiben und dem entgegensehen, was uns bevorsteht?«

»Und ich hätte lieber Schwerter, mit denen wir ihn erwarten könnten«, erklärte sie. »Und sie sind dort. Unten.«

Ah. Dort waren sie. »Bring mir meines mit, Bascha.« »Das hatte ich vor.«

Der Seemann sah sie gehen, wirkte erleichtert, erkannte aber dann, dass ich an der Reling blieb. Seine Augen traten hervor, während sich das Schiff weiter schaukelnd drehte. »Runter!«

Nein, nicht runter, danke ..., aber als wir wendeten, geriet das Schiff mit den blauen Segeln von meinem Platz am Bug aus außer Sicht. Ich ließ den Seemann in dem Glauben, ich würde seiner Aufforderung folgen. Stattdessen bahnte ich mir meinen Weg nach achtern, bewegte mich so, dass ich das andere Schiff im Auge behalten konnte, obwohl ich weiterhin die Reling urnklammerte und angewidert fluchte, als ich mir den Zeh an einem zusammengerollten, stachligen Seil stieß und fast hinfiel. Dieses dreimal verfluchte Schiff in der rauen See war schwerer zu zähmen als der Hengst, wenn er einen Anfall bekam.

Es kam mir noch immer eigenartig vor, dass unser Kapitän lieber wendete als weiterzusegeln, besonders da wir bereits zwei Tage von der letzten Insel entfernt waren, was bedeutete, dass kein sicherer Hafen erreichbar war. Aber wir waren dem Wind entgegen gesegelt, wodurch wir langsamer vorankamen. Jetzt segelten wir mit dem Wind. Die Segel bauschten sich, knatterten vor dem Himmel, während die Crew rasch arbeitete. Der Wind trieb uns den Weg entlang, auf dem wir gekommen waren, aber schneller als zuvor. Die Frage war jetzt, ob uns das Schiff mit den blauen Segeln dringend genug erwischen wollte, um uns zu jagen – und ob es, wenn dem so war, schneller war.

Nun ja. Letzteres schien offensichtlich, als Del am Heck wieder neben mich trat. Sie hatte ihr Haar zu einem hellen, ihr Rückgrat hinab hängenden Seil geflochten. Vollkommen gespannt, wirkte ihre Miene rein und todbringend wie eine frisch geschliffene Klinge. Ich nahm mein Schwert von ihr entgegen und fühlte mich besser, als ich es in der Hand hielt. »Unser Kapitän vertraut den kämpferischen Fähigkeiten seiner Crew anscheinend nicht.«

»Du segelst schon zwei Wochen mit ihnen«, sagte sie, während sie gegen den gischtbeladenen Wind anblinzelte. »Würdest du es tun?«

Sie verbrachten mehr Zeit mit Trinken, Würfeln und dem Austausch von Lügen als mit allem anderen. Sie hatte Recht. »Nun, er könnte uns vertrauen.« Ich hielt inne. »Du hast ihm doch erzählt, dass wir uns für solche Gelegenheiten verdingen lassen?«

»Er hat gesehen, wie du dir den Kopf gestoßen hast oder ungefähr neunmal am Tag über Seile und Netze gestolpert bist, Tiger. Warum sollte er dir vertrauen?«

Das klang verdächtig danach, als beurteilte mich unser Kapitän ziemlich genau so, wie ich seine Crew einschätzte. Es reizte mich, etwas zu erwidern – besonders da ich etliche Kratzer und blaue Flecke abbekommen hatte, seit ich an Bord gekommen war. »Ich bin größer als er!«

»Und schwerfälliger, wie er anscheinend glaubt. Obwohl ich es nicht glaube.« Sie tätschelte kurz und wie abwesend meinen Arm, so als tröste sie ein Kind – was natürlich genau das Gefühl war, was sie mir vermitteln wollte. »Es holt auf.«

Sie meinte das uns verfolgende Schiff. »Ich bin nicht fürs Wasser geschaffen«, sagte ich gequält, »oder für Boote. Schiffe«, verbesserte ich mich, bevor sie mich verbessern konnte. Die Crew hatte es sehr klar gemacht. »Ich bin zu groß, oder sie sind zu klein ...«

»Die Welt«, sagte sie sanft, »ist zu klein für dich.«

Das brachte mich erneut zum Schweigen. Ich sah sie an, betrachtete ihren Gesichtsausdruck genau und versuchte herauszufinden, worüber – zu den Hoolies – sie sprach.

Del brach in Lachen aus. »Schau nicht so besorgt, Tiger! Ich meinte nur, dass du auf alle die Arten groß bist, auf die viele Männer klein sind ...«

»Vielen Dank. Viele Männer?«

»Auf alle Arten«, wiederholte sie, lächelte eigentümlich – und antwortete nicht. »Was hattest du gesagt?«

Was hatte ich gesagt ...? »Nun, schau, Bascha ... ich meine nur, ich brauche Land, etwas Festes, etwas, das beständig bleibt, wenn ich meinen Fuß darauf ...«

»Wie dein Hengst?«

Der unten und an dieser Unterhaltung nicht mitschuldig war. »Jetzt, da du es erwähnst, würde ich gerne sehen, wie sich unser geschätzter Kapitän, der mich für so schwerfällig hält, auf dem Hengst machen würde ...«

»Ein armseliger Vergleich. Kein Vergleich.«

Ich kratzte kurz über die salzbedeckten Narben in meinem Gesicht, vier lange Krallenspuren, die sich unter einem Ein-Wochen-Bart vom Wangenknochen bis zum Kinn zogen. »Und außerdem ist die Frage jetzt nicht, ob ich an Bord eines knarrenden Brocken abgeflachter Bäume schwerfällig bin, sondern ob diese tollen Burschen uns gejagt hätten, wenn wir unseren Kurs beibehalten hätten ...«

»Der Kapitän glaubt das offenbar.«

»... oder ob wir uns interessanter gemacht haben, weil wir wendeten und davongelaufen sind.«

»Der Kapitän muss geglaubt haben, wir hätten eine Chance, ihnen davonzulaufen.«

»Oder er versucht einfach aus Angst zu entkommen.«

»Was vielleicht auch berechtigt ist«, bemerkte Del, als sich die blauen Segel vor dem Horizont bauschten. »Wir verlieren das Rennen.«

Ich schaute blinzelnd über den schmaler werdenden Golf. »Vielleicht sollte ich mit dem Kapitän über den Vorteil reden, standzuhalten ...«

»Leider gibt es, wie du bereits ausgeführt hast, keinen Boden, auf dem man standhalten könnte.«

Ich spie erneut Haare aus. »Nun, ich würde lieber selbst entscheiden, wann ein Schwerttanz stattfindet, als andere entscheiden zu lassen«, erinnerte ich sie. »Ein guter Angriff hat etwas für sich.«

»Lass mich gehen«, schlug sie vor. »Er ist von dir nicht sehr beeindruckt. Von mir ist er das. Er kommt jeden Morgen an Deck und beobachtet mich bei meinen Lockerungsübungen.«

»Das tue ich ebenfalls, Bascha –, aber dich zu beobachten hat nichts mit Kämpfen zu tun!« Nun, vermutlich tat ich es, aber bisher hatte mich niemand herausgefordert. Selbst wenn ich mir den Kopf an Balken stieß und über Netze und Seile stolperte. »Und vielleicht ist es an der Zeit, dass auch ich Lockerungsübungen an Deck mache, wo mich jeder sehen kann.«

»Warum?« Ihre Stimme klang täuschend arglos. »Möchtest du, dass die Männer dich beobachten?«

Ich warf ihr einen verärgerten Blick zu. »Ich meinte nur, es wäre vielleicht besser, wenn sie mich nicht für einen Schwächling hielten.«

»Für ein Stehaufmännchen vielleicht.« Del lächelte strahlend. »Nun?«

Ich wedelte mit der Hand. »Geh. Vielleicht kannst du herausfinden, wer unsere Freunde sind und was sie wollen.«

Del ging, war kurz fort, kehrte zurück. Sie machte ein seltsames Gesicht. »Es sind keine Freunde.«

»Nun, nein.«

»Er sagt, es sind Renegadas.«

»Was, zu den Hoolies, ist das?«

»Ich glaube, er meint Borjuni. Des Meeres.«

Das verstand ich. »Was besitzen wir, was sie wollen könnten?«

»Der Kapitän hat sich nicht die Mühe gemacht, es mir zu sagen.«

»Hast du ihn angelächelt?« Das brachte mir einen schneidenden Blick ein. »Nun, nein, vermutlich nicht, nicht du – warum sollte man einen Mann anlächeln, wenn ein Messer in seinen Eingeweiden genügt? Aber hat er sich wenigstens die Mühe gemacht, dir zu sagen, was zu erwarten steht, wenn sie uns einholen?«

Sie erklärte es mir nüchtern. »Sie fangen das Schiff ab, entern es und stehlen alles an Bord. Oder stehlen das Schiff selbst.«

»Und was ist mit der Crew und den Passagieren?« Letztere waren nur zwei. Dieses Schiff transportierte gewöhnlich Waren, keine Menschen. Wir hatten Glück gehabt, Platz darauf zu finden. Obwohl Glück gerade in diesem Augenblick nicht das passende Wort zu sein schien.

Del zuckte die Achseln. »Sie werden tun, was Borjuni üblicherweise tun.«

Ich brummte. »Ich kann es mir denken.« Obwohl nicht alle Borjuni und Räuber der Grenzlande ihre Opfer töteten. Einige von ihnen waren nur hinter dem her, was sie als Reichtum ansahen, sei es nun Geld, Handelsgüter oder Vieh. (Oder, unter gelegentlichen Umständen, Menschen wie Del und ihr Bruder). Dennoch genügte es, dass man solche Dinge nicht dem Zufall überließ.

Del runzelte nachdenklich die Stirn, als sie bemerkte, wie schnell das andere Schiff segelte. Es rollte nicht so wie unseres, sondern glitt geschmeidig über das Wasser, wie eine Katze durch Schatten. »Er war nicht sehr beeindruckt, als ich sagte, wir könnten ihm im Kampf beistehen. Tatsächlich sagte er, sie würden überhaupt nicht kämpfen.«

»Hast du angeboten, für ihn zu kämpfen?«, fragte ich. »Gegen Bezahlung natürlich. Oder zumindest für die Überfahrt.«

»Er sagt, wenn sie uns einholen, werden wir ohnehin alle sterben. Warum sollten sie sich also die Mühe machen zu kämpfen?«

»Hast du ihm erklärt, dass wir noch nicht gestorben sind?«

»Zu diesem Punkt sagte er mir, er hätte, außer im Bett, keine Verwendung für eine Frau«, erklärte Del. »Ich beschloss, dass ich besser hierher zurückkommen sollte, bevor ich ihn in einen Kreis forderte.«

»Nun, wir wissen, dass es keinen Zweck hat, jemandes Meinung darüber zu berichtigen«, stimmte ich ihr zu. »Wir sind gegensätzliche Kreaturen.«

»Unter anderem.« Del war gefährlich zufrieden, wenn sie mit einem Schwert in der Hand offen handeln konnte. »Aber ich habe deine Meinung geändert. Letztlich.«

Ich bat sie zu unterscheiden. »Ich bitte dich zu unterscheiden«, sagte ich. »Ich habe einfach nur gelernt, darüber den Mund zu halten. Ich denke noch immer, dass der beste Platz für eine Frau im Bett ist.« Ich hielt inne. »Besonders nach einem guten, gefährlichen Kampf, bei dem die Nase zerschlagen wurde, die Lippen aufgeplatzt sind und die Zähne herausgebrochen wurden – und bei dem sie allen törichten Männern gezeigt hat, dass sie mit einem Schwert in jeder Beziehung ebenso gut umgehen kann wie sie. Oder auch mit jeder anderen Waffe – einschließlich ihres Knies.«

»Nett von dir«, bemerkte sie. »Sogar hochherzig.«

»Nur ehrlich, Bascha.«

Sie lächelte in den Wind. »Unter anderem.«

»Und jetzt, da wir den Lauf der Welt, wie wir ihn verstehen, wieder zurechtgerückt haben – was schlägst du vor, was wir tun sollen, wenn diese ... diese ...«

»Renegadas.«

»... uns erreichen?«, endete ich.

Del zuckte die Achseln. »Es ist nicht genug Platz, an Deck einen Kreis zu ziehen. Ein Tanz wäre nicht besonders wirkungsvoll.«

»Nein«, stimmte ich ihr zu. »Wir sollten sie einfach töten.«

2

Leider bekamen wir niemals die Gelegenheit, jemanden zu töten. Weil sehr früh klar wurde, dass die Renegadas auf ihrem Schiff mit den blauen Segeln kein Interesse daran hatten, sich mit uns einzulassen. Uns bedrängen, ja. Sie trieben uns voran, wie man einen Hund hinter Schafen hertreibt. Aber sie kamen uns nicht nahe genug, um uns zu entern, was gewiss auch bedeutete, dass wir niemanden mit einem Schwert töten konnten.

Zumindest nicht sofort.