Schwertsänger - Jennifer Roberson - E-Book

Schwertsänger E-Book

Jennifer Roberson

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Beschreibung

Um ihre magische Klinge mit ritueller Kraft zu tränken, erschlug Del dereinst ihren Schwertmeister. nach ruheloser Wanderschaft kehrt sie nun zum sühnenden Zweikampf in ihre Heimat zurück. Doch ihr tödlichster Feind lauert unsichtbar an ihrer Seite und wartet auf die Gelegenheit, ihr die Gabe der Schwerttänzer-Magie zu entreißen..

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Seitenzahl: 652

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Jennifer Robersons "Schwertänzer-Zyklus" – sieben einzigartige Romane voller Magie, Geheimnisse und funkelnder Dialoge. Ein Meisterwerk der modernen Fantasy!

Jetzt erstmals als eBook lieferbar.

Die beiden Schwerttänzer Tiger und Del reisen in den Norden, in Dels Heimat, da sie sich für den Tod ihres Meisters verantworten muss. Um ihre magische Klinge mit ritueller Kraft zu tränken, erschlug Del einst ihren Schwertmeister. Und nach ruheloser Wanderschaft kehrt sie nun zum sühnenden Zweikampf in ihre Heimat zurück. Es ist eine gefährliche Reise, und vor allem Tiger muss sich in einem fremden Land zurechtfinden, in dem es eisig kalt und feucht ist. Doch Dels tödlichster Feind lauert bereits unsichtbar an ihrer Seite und wartet auf die Gelegenheit, ihr die Gabe der Schwerttänzer-Magie zu entreißen...

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel "Sword-Singer" Edel eBooks Ein Verlag der Edel Germany GmbH

© 2015 Edel Germany GmbH Neumühlen 17, 22763 Hamburg

www.edel.com

Copyright © der Originalausgabe 1988 by Jennifer Roberson O´Green

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 1993 

Ins Deutsche übertragen von Karin König

Covergestaltung: Eden & Höflich, Berlin.

Konvertierung: Datagrafix

Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved. Das Werk darf — auch teilweise — nur mit Genehmigung des jeweiligen Rechteinhabers wiedergegeben werden.

ISBN: 978-3-95530-706-6

facebook.com/edel.ebooks

ZEREMONIELL DER MACHT

Del sang, und das Schwert wurde in ihren Händen lebendig.

Zuerst traute ich meinen Augen nicht. Mondlicht ist oft trügerisch. Ich glaubte, es seien Wolken, die über die Mondsichel zogen und dadurch seine Leuchtkraft beeinträchtigten. Aber wenn es überhaupt etwas bedeutete, so zollte der Mond dem Schwert Tribut. Sein Licht wurde merklich vom Leuchten der Klinge überstrahlt.

Es begann an der Spitze. Zunächst war es nur ein undeutlicher Lichtfleck. Ein Funke, unbeweglich und beständig, hervorquellend wie ein Blutstropfen aus einer durch einen Dorn verletzten Fingerkuppe. Er pulsierte, als atme er. Und dann kroch er aufwärts, Finger für Finger, Tropfen für Tropfen, langsam, wie eine Kette aus Punjakristallen. Stirnrunzelnd beobachtete ich, wie aus einigen viele wurden, bis die doppelschneidige Klinge vor Licht glänzte, wobei sich die Funken zu einem Ganzen verbanden.

Pulsierend. Hell — heller — leuchtend ... dann fast vollständig verblassend, bis er sich wieder erneuerte.

Del sang weiter, und die Klinge entflammte...

Für Barry Malzberg, Der mich im Schundhaufen der Scott Meredith Agentur entdeckte und mir half, meinen Traum Wirklichkeit werden zu lassen (während er mich warnte, daß es so kommen könnte;) und Mark O'Green, der es mich wieder und wieder schreiben ließ (und wieder),

EINS

Von Flöhen gebissen ... querköpfig ... hängeohrig ...« — ich holte tief Luft — »... dreimal verfluchter Sohn einer Salsetziege!«

Oder ähnliche Empfindungen. Das Problem war, daß ich ziemlich inkonsequent war und irgendwo an dem zerbrechlichen Rand des Unbehagens und der Katastrophe stand.

Er antwortete nicht. Zumindest nicht verbal. Physisch, ja, und zwar inbrünstig. Er buckelte und sprang und schnaubte und vergrub dann die Nase im Sand. Da er gleichzeitig mit kraftvoller Präzision die aussagekräftigen Hinterbeine anhob, hatte ich keine große Chance.

Mein Sattel hat, dank Valhail, keinen großen Knauf, sondern kaum mehr als eine Erhebung aus starrem Leder, die so geformt ist, daß sie sich dem Rücken des Hengstes und meinem Körper anpaßt. Ich hatte den Sattel unter dem Aspekt der Bequemlichkeit während der langen, heißen Stunden gekauft, die wir bei dem einen oder anderen Auftrag für die Durchquerung der Punja brauchen würden. Und jetzt war ich heilfroh darüber, diesen gewählt zu haben. Ein Mann, der der drohenden Gefahr gegenübersteht, im Sturzflug vom Pferd zu fallen — mit dem Kopf voran und dem Bauch nach unten, sich Schultern und Nacken zerkratzend —, möchte nicht unbedingt seinen besten Körperteil vorne am Sattel aufgespießt sehen, während sich seine restlichen Knochen im Sand verteilen.

Tatsächlich hatte ich andere Sorgen. Wie zum Beispiel, wo mein Schwert landen würde. Selbst der lebhafteste Schwerttänzer unterhält seinen Gegner im Kreis normalerweise nicht auf dem Kopf stehend. Das eröffnete die Möglichkeit, daß mein geliehenes Schwert ohne Scheide aufrecht landen und sich vollständig in etwas hineinbohren würde, vielleicht sogar in mich.

Oder — (laßt mir nur ein wenig Hoffnung) – in den Hengst selbst. Mit dem Gesicht voran rutschte ich über das abschüssige Vorderteil meines Sattels (wobei ich den Bauch und alles andere, was dazu in der Lage war, einzog) und hing, wenn auch nur kurz, nahe am Kopf des Hengstes.

Was ihm zutiefst mißfiel, denn er war kein Tier, das es gern hat, wenn bei einem großen, fluchenden Mann der Kopf eingezogen ist wie bei einem halbrohen Ei das Dotter.

Die Hinterbeine senkten sich wieder. Jetzt mußte sich der Kopf wieder heben. Weil ich wußte, was wahrscheinlich geschehen würde, wenn ich nicht sofort etwas unternahm, schlang ich die Arme und Beine um alle Pferdeteile, die ich greifen konnte, und klammerte mich fest.

Schwierig.

Ich bin groß. Ich bin stark. Es hätte funktionieren können.

Unglücklicherweise nutzte der Hengst mein Erschrecken.

Der Kopf eines Pferdes ist härter als der Bauch eines Mannes. Ein Pferd ist stärker als ein Mensch. Aber ich entdeckte, wie hart und wie stark es wirklich war, als mich der Hengst zur Seite stieß wie einen Klumpen schmutziger Seide.

– luftgeboren–

O Hoolies.

Ich landete mit dem Schwerpunkt auf meiner eingezogenen rechten Schulter, aber auch auf einer Seite des Gesichts und dem unteren Ende meines Schwertes, das in seiner Scheide diagonal über meinem Rücken im Harnisch hing. Was bedeutete, daß es, während ich nicht allzu tief in den Sand eintauchte, gerade genug Hebelwirkung ausübte, um mich auf Gesicht und Bauch zurückzuschleudern, als ich mich zweckmäßigerweise über die Schulterblätter abgerollt hatte.

Ich schluckte genug Sand, um eine neue Wüste anzulegen, und begann dann, meine Lungen über die Grenze zwischen meinem Land, dem Süden, und Dels Land, dem Norden, auszuhusten.

Del. Sie bedeutete ein wenig Hilfe. Während ich trocken hustete und mich erbrechen wollte und würgte und entdeckte, daß ich eine zerbissene, blutige Lippe hatte, stieg sie ab (auf normale Art) und ging los, um den Hengst wieder einzufangen, der aus einem nicht erkennbaren Grund in nordwestlicher Richtung davonlief.

»... von Flöhen gebissen ...« Ich spie Sand aus. »... dickköpfig ...« Noch mehr Sand. »... hängeohrig ...« Dieses Mal Blut. Ich berührte meine Lippe mit einem zögernden Finger und spürte den von Salz und Sand verursachten Schmerz in der Wunde. »... dreimal verfluchter Sohn einer Salsetziege!«

Ich setzte mich auf. Sah Del fürchterlich stirnrunzelnd an, als sie den Hengst zurückbrachte. Ihr Gesichtsausdruck war höflich und zurückhaltend, die personifizierte Unschuld. (Sie ist sehr gut darin.) Sie schien ganz sicher nicht amüsiert oder besonders besorgt oder mitfühlend. Aber ein genauerer Blick in arglose blaue Augen sagte mir, daß sie lediglich abwartete, bis ihre Zeit gekommen war.

Ich leckte meine Lippen. »Ich sollte ihn den Cumfa zum Fraß vorwerfen.« Ich mußte wegen der geschwollenen Lippe vorsichtig sprechen, aber es war deutlich genug, was ich meinte.

»Ein langer Ritt auf einem einzigen Pferd.« So mild. So beiläufig, daß es Wut hervorrief.

Ich schaute. Del untersuchte den Hengst nach Verletzungen.

»Er ist in Ordnung.« Ich machte eine Pause. »Er ist in Ordnung.«

»Ich sehe nur nach.«

Ich schaute sie etwas eindringlicher an und beobachtete geistesabwesend die klaren Linien ihres Gesichts, während sie so ernsthaft mit dem Zustand des Hengstes beschäftigt war. Viel mehr konnte ich nicht von ihr sehen, denn sie war in einen weißen Seidenburnus gehüllt, der ihre Arme und Beine und weiblichen Kurven, so aufregend sie auch waren, ausgezeichnet verbarg. Im Süden ist das der Sinn eines Burnus bei einer Frau: sie vor männlichen Augen zu schützen, die anderenfalls beim Anblick eines wohlgestalteten Knöchels vor Verlangen entflammen würden.

Das Problem war, daß der Brauch eher Schwierigkeiten verursachte, als daß er sie vermied. Ein wohlgestalteter Knöchel, der weitere anatomische Annehmlichkeiten verspricht, ist kaum mehr als eine Einladung, Phantasien über den restlichen Körper der Frau zu entwickeln.

Natürlich genügte bei Del weit weniger als ein Knöchel. Ein Blick aus diesen blauen, blauen Augen, und ich war ... nun ...

O Hoolies. Ich und jeder andere Mann.

Geschickt und sanft glitten ihre Hände an den Vorderbeinen hinab, wobei sie kurz die Sehnen untersuchte, dann führte sie ihn ein paar Schritte vorwärts, um seinen Gang zu beobachten, und nahm schließlich den Sattel, die Satteltaschen und die Decken ab, um sich seinen Rücken anzusehen. Wo das Geschirr gewesen war, war er naß, aber das war zu erwarten gewesen.

»Das ist bei ihm so«, belehrte ich sie. »Das weißt du. Du hast gesehen, daß das auch vorher schon so war.«

Sie schürzte die Lippen und hob helle Brauen. »Dieses Mal ist es ein wenig schlimmer.«

»Wie bei mir.« Ich stand auf, zuckte zusammen und rollte den Kopf von einer Seite zur anderen. »Del ...«

»Dem Hengst geht es gut.« Sie wandte sich um. »Wie geht es dir, Tiger?«

Jetzt fragt sie. »Gut.« Ich bewegte die Handgelenke, die Finger, hob die Schultern an und ließ sie wieder fallen. Dann zog ich das Schwert aus der Scheide, um sicherzugehen, daß meine Waffe unbeschädigt war, wie es jeder Schwerttänzer tun würde, und zwar so oft wie nötig.

Hoolies. Diese dreimal verfluchte Klinge eines nordischen Metzgers!

Sie gehört nicht mir. Nicht wirklich, obwohl ich sie gebrauche, wenn ich muß. Sie ist geliehen, einem toten Mann abgenommen, der keine Verwendung mehr dafür hatte. Ich haßte ihn, tot wie er war. Ich haßte es, obwohl diese letztere Empfindung ziemlich dumm war. Aber das Schwert anzusehen, es zu berühren, es zu tragen, es für meinen Beruf zu gebrauchen, erinnerte mich hin und wieder daran, daß meine eigene vom Shodo geweihte, aus bläulichem Stahl gefertigte Klinge tot war wie der Mann, den ich im Kreis unter dem Mond getötet hatte.

Einzelhieb.

Nun, es hat keinen Sinn zu jammern, wenn der Aqivi bereits verschüttet ist.

Aber ich haßte dieses Ding. Es hatte auch keinen Sinn, das zu leugnen. Oder zu leugnen, daß es mich auf eine seltsame, unerklärliche Art ängstigte.

Das Schwert war nordisch. Nicht südlich, wie Einzelhieb gewesen war, wie ich war. Im Norden geschmiedet, im Norden getränkt. Ein Jivatma, von Del als Blutklinge bezeichnet, weil der Mann, der sie gemacht hatte, einen angesehenen Feind auserwählt hatte, um die Klinge zu tränken, sie mit Blut zu tränken, während eines mir unbekannten nordischen Rituals. Hier im Süden ist es anders.

Das Sonnenlicht lief die Klinge hinab. Fremdartige Runen, die in gleichermaßen fremdartiges Metall eingearbeitet waren, wurden in dem Licht lebendig und wanden sich, obwohl es nur eine Illusion war ... oder zumindest habe ich das immer angenommen. Meiner Meinung nach gibt es keine Magie. Ich bin nicht Theron, der die Klinge getränkt hat, und ich kenne nicht ihren Namen oder den Schlüssel, um das Schwert zum Leben zu erwecken.

Aber er hatte es getan, im Kreis, bevor ich ihn tötete. Er hatte es getan, und ich hatte all die strahlenden Lichter dessen gesehen, was Del die Palette der Götter nannte: Purpurfarben, Violettöne, Magentarot, alle von unheimlicher Leuchtkraft. Jedes Schwert hatte eine Seele (mangels eines treffenderen Ausdrucks), sowie auch einen Namen, und jene Seele zeigte sich in einem strahlenden Flechtwerk des Lichts, einem kaum wahrnehmbaren Gitterwerk sichtbarer Farben. Normalerweise war dies nur erkennbar, wenn es gut aufgelegt war, aber etwas davon zeigte sich in der Klinge auch, wenn sie ruhte: Dels war lachsfarben-silbern, Therons ein ganz helles Purpurrot.

Oder war so gewesen, bevor er starb.

Es war ein hervorragender Tanz gewesen, solange er angedauert hatte. Eine Erprobung des Könnens, der Kraft, der Übung und, auf einer Seite, der Hinterlist. Und wie wir tanzten, Theron und ich, im Namen einer nordischen Frau!

Ein Schwerttänzer namens Delilah.

Mit grimmig zusammengepreßten Lippen seufzte ich, wobei ich die Luft durch die Nase ausstieß. Das gewundene Heft war kühl in der Hitze des Tages. Zu kühl. Nicht einmal als wir endlose Stunden lang durch die brennende südliche Sonne geritten waren, wurde das ungeschützte Metall warm. Ein seltsames, unheimliches Silbern, eis-weiß/blau-weiß, wie die Schneestürme, die Del beschrieben hatte. Aber Schnee und Schneestürme sind mir fremd, wie auch das Schwert. Unter der südlichen Sonne geboren, mit der Hitze und dem Sand und den Simumen vertraut, konnte ich die Dinge nicht verstehen (oder mir vorstellen), von deren Existenz in ihrem kalten nordischen Land sie mir erzählt hatte.

Alles, was ich kenne, ist der Kreis.

»Eines Tages«, sagte sie, »wirst du deinen Frieden mit Therons Schwert machen müssen.«

Ich schüttelte den Kopf. »Wenn wir einmal die Zeit haben werden, den Shodo aufzusuchen, der mich ausgebildet hat — oder einen seiner Lehrlinge —, werde ich dieses Ding gegen ein richtiges Schwert eintauschen, ein südliches Schwert, etwas, dem ich vertrauen kann.«

»Vertraue diesem«, sagte sie ruhig. »Zweifle niemals an ihm oder an dir selbst. In deinen Händen kennt es keine Magie. Jetzt, wo Theron tot ist, ist es nur mehr ein Schwert. Das weißt du. Ich habe es dir gesagt.«

Sie hatte es mir gesagt, ja, weil sie wußte, wie ich diesbezüglich empfand. Wegen des Verlusts von Einzelhieb. Für einen Schwerttänzer, einen Mann, der seinen Lebensunterhalt mit dem Schwert verdient, ist eine gute Klinge mehr als nur ein Stück Stahl. Sie ist eine Verlängerung seiner selbst, genauso ein Teil von ihm wie die Hand oder der Fuß, wenn auch erheblich tödlicher. Deine Waffe lebt, atmet, hat Vorrang vor so vielem anderem, denn ohne sie bist du nichts.

Für mich war diese Klinge weniger als nichts. Einzelhieb dagegen hatte mir Freiheit gegeben.

Therons Schwert, so wußte ich, war nicht wirklich tot, aber es lebte auch nicht. Nicht wie Dels Klinge. Aber es hatte etwas, etwas Seltsames. Wenn ich meine Hände um das gewundene Heft legte, fühlte ich mich stets wie ein Fremder, ein Eindringling, kaum besser als ein Dieb. Und ich fühlte stets ein seltsames, leichtes Zucken in dem Heft, ein Zurückweichen, als sei das Schwert bei meiner Berührung erschrocken. Als erwarte es, daß die Haut eines anderen die seine in diesem eigenartigen Wechselspiel zwischen Mann und Schwert berührte. Mehr als einmal hatte ich den Wunsch verspürt, es Del gegenüber zu erwähnen, aber ich hatte es nicht getan. Irgend etwas hielt mich davon ab. Stolz vielleicht. Oder vielleicht einfach der Unwille zuzugeben, daß ich etwas empfand. Ich bin kein Mann, der viel von Magie hält, und der letzte, der zugeben würde, daß er solche Macht in einem Schwert empfand. Selbst wenn sie weitgehend aufgelöst war. Einerseits könnte sie mir einreden, daß ich mir Dinge einbildete.

Andererseits könnte sie mir einreden, daß ich das nicht tat.

Del versteht Schwerter. Wie ich, ist auch sie ein Schwerttänzer, so unwahrscheinlich das auch klingt. (Hoolies, es hatte bei mir lange genug gedauert, bis ich das eingesehen hatte. Auch jetzt noch schrecke ich ein wenig davor zurück, wenn sie den Kreis betritt, um mit mir einen Übungskampf auszuführen. Ich bin es einfach nicht gewohnt, einer Frau gegenüberzustehen — zumindest nicht im Kreis.)

Unsere Gebräuche sind so verschieden, zu verschieden für den Süden, wo die Sonne und der Sand alles bestimmen. Del hatte ihr möglichstes getan, um meine Einstellungen zu ändern (und ändert sie täglich etwas mehr), aber teilweise sehe ich in ihr noch immer die Frau, nicht den Schwerttänzer.

Natürlich ist ein Schwerttanz so ziemlich das letzte, was ein Mann von Del wollen könnte. Tanzen, ja, aber nicht im Kreis. Nicht mit einer Stahlklinge ... oder aus welcher anderer Art Metall auch immer das Jivatma gemacht war.

Im Süden hat eine Frau nichts mit Waffen irgendeiner Art zu tun. Sie kümmert sich um das Haus, den Hyort, den Wagen, um die Kinder, die Hühner, die Ziegen, um den Mann, der sie sein nennt.

Aber Del ist eine Nordbewohnerin, keine Südbewohnerin. Del hat kein Haus oder einen Hyort oder einen Wagen, keine Kinder, Hühner oder Ziegen. Und sie hat, mit allergrößter Entschiedenheit, keinen Mann, der sie sein eigen nennt, denn Del gehört einzig und allein Delilah.

Natürlich weiß ich es besser, als daß ich es versuchen würde.

Ich weiß es besser. Dennoch versuche ich es.

Ich sah Del an und wußte besser als die meisten, was unter dem Burnus, unter der ärmellosen, knöchellangen, mit Runen versehenen Ledertunika und der schimmernden Seide verborgen lag.

Sie ist groß. Schlank, aber kraftvoll. Mit schmaler Taille, aber breiten Schultern. Zäh. Durchtrainiert. Weitaus stärker als eine gewöhnliche Frau. Es ist absolut nichts Zerbrechliches an Del, obwohl sie durch und durch Frau ist und alle Teile ganz eindeutig am richtigen Platz sind.

Eine blauäugige, hellhaarige, hellhäutige Bascha, obwohl das Haar nach einigen Jahren unter südlicher Sonne fast weiß geworden war und die Haut einen lohfarbenen, cremigen Goldton angenommen hatte.

Wir sind so verschieden, Delilah und ich. Ich bin ein wahrer Sohn der Wüste: die Haut dunkel gebrannt wie eine Kupfermünze, das dunkelbraune Haar unregelmäßig annähernd bronzefarben getönt, die grünen Augen in einem Fächer sonnengebrannter Falten, die, wenn sie sich ausbreiteten, die Farbe zeigten, die ich bei meiner Geburt gehabt hatte, vor ungefähr dreißig Jahren. Damals heller, wenn auch noch immer dunkler als die cremige Farbe eines Nordbewohners.

Ich bin groß, breit, schwer, aber erheblich schneller, als ich aussehe. Das Schwerttanzen lehrt selbst den langsamsten Mann, wie er sich bewegen muß — oder es lehrt ihn, wie er sterben muß.

Ich sah Del an, weil es guttut, Del anzusehen. Aber ich sah auch auf das Schwertheft, das über ihre linke Schulter herausragte. Ich kannte es jetzt gut. Besser als ich wollte, denn ich war gezwungen gewesen, es kennenzulernen.

All die Monate, in denen ich Del beobachtet hatte, wie sie es mit gefährlichem Können und Anmut geführt hatte, wobei ich wußte, daß es mehr war als einfach nur ein Schwert, hatte ich Zeit gehabt zu lernen, es zu respektieren, es sogar zu fürchten, weil es mehr war als nur ein Schwert. In ihren Händen wurde es lebendig und zu einem Gegenstand furchteinflößender Macht.

Boreal: aus nordischen Bansheestürmen geboren, im Körper eines der besten Schwertmeister des Nordens getränkt. Ihres Schwertmeisters — ihres An-Kaidin —, eines Mannes, den sie ehrte und respektierte, der ein entschlossenes, fünfzehn Jahre altes Mädchen angenommen hatte, das erpicht war auf eine höchst persönliche Rache, und sie die Führung einer Waffe gelehrt hatte, die fast so tödlich war wie jene, die sie schließlich in ihn stieß.

Boreal. Die in meinen Händen (wenn ich sie mir auch nur kurz ausgeliehen hatte) beim Klang ihres Namens zum Leben erwacht war, mich rettete, Del rettete und den Mann vernichtete, der uns töten wollte.

Aber Boreal gehörte Del. Ich hatte keinen Anteil daran. Nicht mehr als an Therons Klinge, die jetzt Einzelhieb ersetzte, wenn auch nur vorübergehend.

Notwendigkeit ist oft unangenehm.

Ich steckte das Schwert in die Scheide und beachtete es dann nicht weiter, denn ich war an sein Gewicht auf meinen Schultern gewöhnt. Ich nahm Del die Zügel des Hengstes aus der Hand und führte ihn ein paar Schritte fort.

»Sieh mal, alter Junge«, begann ich, »du und ich, wir haben uns geeinigt. Ein solcher Gefühlsausbruch kann geduldet werden, wenn wir in einem Dorf oder einer Stadt oder einem Lager sind und es letztendlich um Geld geht, aber nicht, wenn nur du und ich und Del und dieses sandkranke Pferd, das ihr gehört, da sind.« Ich tätschelte seinen Hals. »Verstehst du? Du könntest einen von uns hier draußen in der Wüste verletzen, und das ist keine so gute Idee.«

Er blies schnaubend aus braunen Nüstern und zuckte mit einem büscheligen Ohr. Dann entblößte er die Zähne in dem beiläufigen Versuch zu beißen.

»Zärtlich wie immer.« Ich preßte den Daumen auf die zupackende Lippe, und er wandte den Kopf ab, wobei er beredt mit den Augen rollte.

Del nahm ebenfalls die Zügel ihres Pferdes auf — eines mageren, ausgewaschen scheckigen, grauweißen Wallachs mit ausgefranstem Schwanz und dem Temperament einer alten Frau, die noch immer versucht, sich geschickt zu zieren — und sah mich an.

»Wie lange noch bis Harquhal?«

»Ich denke, bis zum Einbruch der Nacht.« Ich hob die Hand schützend über die Augen und blinzelte in den südlichen Himmel, der in der Wärme zu schimmern schien. »Natürlich verlieren wir durch dieses schwachsinnige Pferd Zeit.«

»Dann sattele es, und los geht's.«

»Wir haben es eilig, nicht wahr?« Ich zog den Hengst zurück zu der Stelle, wo sein Geschirr lag, und beugte mich hinab, um es aufzuheben. »Der Norden wird noch immer da sein, Del ... er ist es seit Jahren.«

Sie stieg auf und schwang ein langes Bein und einen schlanken Fuß mit seiner südlichen, bis zum Knie kreuzweise gebundenen Sandale aus ihrem wogenden, weißen Seidenburnus heraus. »Und es ist sechs Jahre her, daß ich dort war.«

»Nicht ganz sechs«, korrigierte ich sie. »Du warst mindestens neun Monate bei mir, ungeachtet mehrerer Gefangenschaften.« Ich grinste, als sie mich unter sonnengebleichten, blonden Brauen stirnrunzelnd ansah. »Selbst wenn wir weitere fünfeinhalb Jahre brauchen würden, Bascha, wäre er noch immer da.«

»Du vergißt dich selbst, Sandtiger.« Ihr Ton war plötzlich kühl. Ich hörte auf, den Hengst zu satteln, und wandte mich um, um sie direkt anzusehen. »Es bleiben uns nur zwei Monate, bevor das Jahr, das mit Theron vereinbart war, verstrichen ist ... und dann werden sie einen anderen Schwerttänzer schicken, um die fällige Blutschuld einzutreiben.«

Keine spaßige Angelegenheit, weder in bezug auf Del noch auf jemand anderen. Was ihr bevorstand, war ernst. Wenn Del sich in der angegebenen Zeit weigern würde, in den Norden zu gehen, um die Verhandlung aufgrund ihrer Blutschuld über sich ergehen zu lassen, würde die Aufgabe, sie zu töten, jedem Mann zukommen oder mehreren. Nordbewohner, Südbewohner, Schwerttänzer, Krieger, Räuber, es war ganz einfach egal. Ihr Mörder würde für die Ablösung der Blutschuld, die für die Ermordung ihres An-Kaidin fällig war, belohnt werden.

Del war schuldig. Sie hatte den An-Kaidin getötet. Sie bekannte die Blutschuld offen und leugnete die Verantwortlichkeit nicht. Das war in den Augen der nordischen An-Kaidin und aller ihrer Schüler, der Ishtoya und An-Ishtoya,ihr Schuldspruch.

Hoolies, auf eine verdrehte Art verstand sogar ich den Grund dafür.

Aber jeder, der sie wollte, würde an mir vorbeikommen müssen.

ZWEI

Die Sonnenuntergänge in der Wüste sind großartig. Ich bin nie der Mann gewesen, der Bilder mit Worten malen kann, aber oft, wenn ich dies am Ende des Tages beobachtete, wünschte ich es zu können. Es macht seltsam ruhig und zufrieden, wenn man die Sonne unter die strahlende Schneide des Horizonts gleiten und die ocker- und umbrafarbene Wüste sich mit dem Leuchten reicherer Farben überziehen sieht: Kupfer, Kanariengelb, Safran und Zinnoberrot. Die Wüste wird in ein Paradies der Farbstoffe verwandelt, in eine Ansammlung von Farben auf der Palette der Götter, die sich von jenen unterschied, die Del kannte oder mit Boreal schuf.

Sonnenuntergang. Da ist etwas, das an ruhigen inneren Orten über die Weltordnung spricht, heute und morgen, damals und jetzt und in alle Ewigkeit.

Ich zügelte meinen kastanienbraunen Hengst, schaute gen Westen, beobachtete, wie die Sonne unterging, und erkannte die Zufriedenheit, die mir durch meine Begleiterin zuteil wurde. Del schwieg, beobachtete genau wie ich und empfand, wie ich wußte, vielfach die gleichen Gefühle und teilte die Stille. Es waren viele Dinge unbekannt zwischen uns, vieles unausgesprochen, denn wir waren beide durch Umstände geformt worden, die weit über Wissen oder Macht hinausgingen. Wir waren eine seltsame Mischung, diese Frau und ich: beide Schwerttänzer, gefährlich, tödlich, geweiht, den Ritualen des Kreises genauso treu ergeben wie einander. Und leugneten doch, auf unsere eigene, unabhängige, sture Art, jegliche gegenseitige Ergebenheit, sondern zogen es vor, aus unzähligen, lächerlichen Gründen, uns selbst als unverwundbar gegenüber dem normalen Verlauf menschlicher Notwendigkeiten, Bedürfnisse und Wünsche zu bezeichnen.

Und wußten ganz genau, daß wir uns gegenseitig genauso sehr brauchten wie den Tanz.

Der Sonnenuntergang vergoldete Dels Gesicht. Sie hatte die Kapuze abgestreift, so daß die Seide um ihre Schultern lag und das Haar und das Profil freigab. Sie glühte über und über: altes Gold, elfenbeinfarben, eisweiß. Ihr Profil war makellos, die Vorderansicht sogar mehr als das. Innerlich lächelte ich und dachte an das Bett, das wir in Harquhal teilen würden. Ein Bettbett, keine auf dem Boden ausgebreitete Decke oder den nackten Sand. Wir hatten bis jetzt kein richtiges Bett geteilt, da wir so lange auf die Punja beschränkt waren.

Aber jetzt ließen wir die tödliche Punja weit hinter uns, wechselten aus den Dünen und der Ebene in die gestrüppreiche, hügelige Hochwüste, die die Grenzgebiete ankündigte. Es war bereits kühler als in den sehr heißen Tagen, die wir auf dem blendenden Sand verbracht hatten, wobei wir die empfindlichen Augen im Schatten der Burnuskapuzen verborgen hatten.

Hier gab es karge, faserige Gräser mit roten Flecken, die gegen andere Bodendecker ankämpften, gegen das Gestrüpp und die Dornen von jadefarbenen Kreosoten, deren Wachstum sich wie zufällig vollzog, und gegen große Gruppen dorniger Bäume mit fedrigen, silbergrauen Blättern. Sogar gegen die Blüten zerbrechlicher Blumen, die, unerwartet zäh, aus dem Gitterwerk gewebeartiger Bodendecker herauskletterten und gegen die Quasten größerer, unempfindlicherer Gräser, die ihre geriffelten, glänzenden und wie Fähnchen aussehenden Blätter in der leisesten Brise schwingen ließen.

Hier gab es Wasser. Hier gab es Wild. Hier gab es das Versprechen eines einfacheren Überlebens als in den unfruchtbaren Sandwogen, genannt Punja.

Harquhal. Es erhebt sich aus der Wüste wie ein klotziger Haufen Schmutz, von sanftabfallenden Hügeln und gelblich-grauen, festen Mauern umgeben, die seine vielen Gesichter vor der Bedrohung kapriziöser, von Norden aus der Punja herauswehender Samume verbargen. Es ist charakteristisch für den Süden, daß Städte, Dörfer, nur halbwegs befestigte Wohngebiete sowie auch die zahllosen Oasen durch von Menschen erbaute Mauern oder Hügel oder natürliche Felsformationen geschützt werden, so daß die tödlichen Sandstürme, genannt Samume, nicht fortblasen können, was Männer, Frauen und Kinder durch harte Arbeit erbaut haben. In der Punja ist dies eine Notwendigkeit. Der Sand, der niemals gesättigt ist, schluckt Städte und Ansiedlungen ganz, wenn sie nicht angemessen geschützt werden, wobei er die Flüche mächtiger Tanzeers und elender, armer Menschen gleichermaßen verachtet.

Ich habe Mauern gesehen, die von gleichgültigen Bewohnern dem Verfall preisgegeben und innerhalb von Stunden fortgeweht wurden, wobei die darin befindlichen Wohnungen von einem zehrenden, unersättlichen Wind zerstört wurden. Ich habe Zisternen und natürliche Quellen gesehen, die ständig mit erstickendem Sand gefüllt waren, obwohl wir im Süden, in der Punja, keine Quelle zuviel haben. Ich habe blankgescheuerte Skelette gesehen, die bis auf den letzten Rest sauber abgenagt waren, allein durch den Wind, den Sand und die Hitze. Pferd, Hund, Ziege. Mann, Frau. Kind.

Es gibt keine Gnade im Süden, nicht von Menschen, nicht von Tieren, nicht von den Elementen. Es gibt nur die Dinge, wie sie sind und für immer sein werden, unaufhörlich, unveränderlich, von keinen Bitten um Nachsicht oder Vergebung bewegt.

Wenn es Götter gibt, die diese Bitten hören, so verbringen sie ihre Zeit damit, die Finger fest in nutzlose Ohren zu drücken.

Del seufzte. »Ich dachte, wenn ich wieder nach Hause zöge, würde mein Bruder bei mir sein.«

So viel ausgedrückt mit so wenigen Worten! Del hortete Gedanken und Gefühle wie Handelsware und dosierte beides mit ernsthafter, reiflicher Überlegung und in unvorhersehbaren Augenblicken. Sie hatte wochenlang nichts über Jamail gesagt, hatte all die Qual, die aus einer fruchtlosen Suche entstanden war, in sich eingeschlossen.

Fünf Jahre lang hatte sie sich peinlich genau darauf vorbereitet, den jüngeren Bruder aufzuspüren und zu befreien, der für den profitablen Handel mit südlichen Sklavenhändlern, die den wahren Wert blauäugiger, blonder nordischer Jungen in einem Land dunkelgesichtiger Menschen kannten, von Räubern entführt worden war. Fünf Jahre lang war sie bei einem Shodo in die Lehre gegangen — in der nordischen Sprache bei einem An-Kaidin – ,um die Bedingungen des Schwerttanzes zu erlernen und sich zu einer menschlichen Waffe herauszubilden, mit dem einzigen Ziel, Jamail zu retten. Obwohl sie wußte, daß das nicht die Aufgabe einer Frau war, aber auch weil sie wußte, daß niemand anderer es tun würde, daß nicht einmal mehr jemand da war, den es kümmerte. Die Räuber hatten ihr sowohl die Verwandten als auch die Unschuld genommen. '

Umsonst. Nein, nicht ganz. Sie hatte Jamail gefunden, aber es war wenig übriggeblieben, was zu retten gewesen wäre.

Ohne Zunge, kastriert, mit durch Jahre südlicher Sklaverei verändertem Bewußtsein und verändertem Körper, war Jamail nicht mehr der zehnjährige Bruder, den sie angebetet hatte. Nur ein Kind-Mann, der nun niemals ein Mann sein konnte, ganz egal wie sehr er sich dies auch wünschen mochte, ganz egal wie sehr sie sich dies auch wünschen mochte. Jamail, Delilahs geliebter Bruder, der bei dem wilden Stamm im Süden bleiben wollte, den er lieben gelernt hatte.

Ich wollte sie berühren, aber unsere Pferde standen zu weit voneinander entfernt. Statt dessen nickte ich. Und kurz darauf lächelte ich, in dem Bemühen, die Stimmung zu verbessern, und zuckte die Achseln. »Nun, du hast mich.«

Schließlich warf sie mir einen schiefen und sehr beredten Blick aus den Augenwinkeln zu, ohne auch nur den Kopf zu drehen. »Das ist immerhin etwas, denke ich.«

»Etwas«, stimmte ich milde zu, und beschloß, Dels Ton ganz einfach zu übergehen. »Ich bin immerhin der Sandtiger.«

»Immerhin.« Sie wandte den Kopf, um gen Norden zu schauen. »In Harquhal gibt es Essen. Richtiges Essen, etwas anderes als getrocknetes Cumfafleisch und Datteln.«

Ich nickte strahlend. »Und auch Aqivi.«

»Wir haben kein Geld für Alkohol.«

»Erwartest du, daß ich Ziegenmilch trinke?«

Sie sah mich einen Moment nachdenklich an. »Beides riecht ungefähr gleich. Worin läge der Unterschied?«

»Der Unterschied wäre ungefähr genauso groß, als würdest du Boreal für Therons Schwert eintauschen.« Ich blieb unvermittelt stehen, als ich sie vor Entsetzen versteinern sah. Und dann erkannte ich, was ich getan hatte. »Del– Del, es tut mir leid ...« Und ich fragte mich: O Hoolies, wie konnte ich so dumm sein? »Del– es tut mir leid ...«

Sie war weiß vor Wut, als sie ihren gesprenkelten Wallach neben den Hengst führte. Sie schien nicht zu bemerken, daß der Hengst die Ohren zurücklegte und die von südlichen Gräsern und vom Korn gelbgefärbten Zähne zeigte.

Aber ich bemerkte es. Ich bemerkte auch die starre Hand, die sich ausstreckte, um mein Handgelenk zu ergreifen. Und sich darum schloß. Fester, als es mir genehm war.

»Niemals«, sagte sie bestimmt, »darfst du ihren Namen wieder laut aussprechen.«

Nein. Nein, natürlich nicht. Ich wußte es besser. Ich wußte es besser. »Del ...«

»Niemals«, sagte sie erneut und nahm ihre Hand von meinem Handgelenk.

Es waren Spuren darauf zu sehen. Sie verblaßten, während ich sie betrachtete, aber das Gefühl verblaßte nicht. Sicherlich würde auch die Erinnerung daran nicht verblassen. Niemals.

Ich bewegte meine Hand, um zu sehen, ob sich alle Finger bewegen ließen. Sie ließen sich bewegen. Del ist nicht so stark. Aber stark genug. Ich fühlte mich sowohl schuldig als auch ärgerlich, daß sie mir so leicht gebieten konnte.

»Es tut mir leid«, wiederholte ich und wünschte, ich könnte mehr sagen.

Dels Mund war ein dünner Strich. Seine Verkrampftheit zerstörte die Symmetrie ihres Profils, zeigte mir aber auch die Intensität ihres Mißbehagens. »Ihr Name ist geweiht.« Dies wurde in angespanntem, undefinierbarem Tonfall gesagt, und doch hörte ich den Unterton des Schreckens, der Angst und der Verzweiflung heraus.

»Del ...«

»Geweiht, Tiger.« Del atmete hastig aus, und ich sah einen Teil der Anspannung ihren Körper verlassen, um von offenkundiger Qual ersetzt zu werden. »Es ist alles ein Teil der Macht, der Magie ... wenn du ihren Namen anderen gegenüber enthüllst, sind alle Rituale umsonst ...« Sie brach jäh ab und suchte Verständnis in meinem Gesicht. »Die ganze Zeit, all die Jahre, die Hingabe ... das Opfer ist umsonst ...«

»Del, ich weiß ... ich weiß. Du hast es mir gesagt. Es war ein Versehen, nicht mehr.« Ich zuckte die Achseln, fühlte mich sehr unbehaglich und wußte, daß ich ihre Gefühle sogar in diesem Moment entwertete, da ich versuchte, meine Schuld zu mildern. »Ich verspreche, ich werde ihren Namen niemals wieder aussprechen.«

»Wenn jemand anderes es gehört hätte — ein anderer Nordbewohner, der so ausgebildet wurde wie ich und weiß, wie man die Magie hervorlockt, wie man das Jivatma zerstört ...« Erneut brach sie ab, rieb dann eine Hand an ihrem Gesicht und strich herabfallendes helles Haar aus blauen Augen. »Ich habe genug Schwierigkeiten durch die Blutschuld. Ein Mann wurde ausgesandt, um mich zurückzuholen, um mich zu töten. Er könnte mir mein Können, meine Kraft, meine Klinge nehmen — alles mit einem einzigen Wort.«

»Aber ich kenne ihren Namen. Du hast ihn mir genannt.«

»Ich habe ihn dir genannt.« Ihr Ton war jetzt leblos. »Ich hatte keine andere Wahl. Aber du bist ein Südbewohner, dem die Magie, die Macht, das Wissen fehlen. Du weißt nichts vom Jivatma und was es bedeutet. Und doch konntest du erkennen, wie sie dir von Nutzen war und deinen Bedürfnissen entgegenkam.«

»Aber nicht, wie sie dir von Nutzen ist.«

»Nein. Nein, natürlich nicht.« Verwirrt und stirnrunzelnd schüttelte sie den Kopf, und der Vorhang ihres Haares schlug Wellen. Sie hatte es in letzter Zeit nicht zu einem Zopf geflochten, sondern es lose über die Schultern und den Rücken hinabfallen lassen. »Es gibt Rituale — persönliche, private Rituale ... die vielleicht niemand sonst kennt. Nur ich, wenn ich das Schwert zu meinem eigenen mache.« Ihre Augen ruhten auf dem über meine linke Schulter hinausragenden Heft, das durch den so großzügig in die Naht meines rostbraunen Burnus geschnittenen Schlitz freilag, so daß nichts mich behindern würde, wenn ich es benötigte. Therons Jivatma, das durch seinen Tod machtlos geworden war. »Wenn Theron ihren Namen gewußt hätte, so hätte er dich getötet. Und hätte mich getötet ...«

»... und hätte das Schwert getötet.« Ich nickte. »Ich verstehe, Del.«

»Nein«, sagte sie, »das tust du nicht. Aber das kann ich auch nicht von dir erwarten. Nicht jetzt. Noch nicht. Nicht bis ...« Und plötzlich zuckte sie die Achseln und beschloß ganz offensichtlich, nicht zu beenden, was sie zu sagen begonnen hatte, als sei ich nicht vorbereitet genug, es zu hören. »Es ist nicht wichtig. Nicht das Verständnis, noch nicht. Wichtig ist nur, daß du niemals wieder ihren Namen aussprichst, nicht laut, zu niemandem.«

»Nein.«

»Nein, Tiger.«

Ich nickte. »Nein.«

Ihr Blick war so direkt, daß ich versucht war wegzusehen, aber ich tat es nicht. Ich sah sie eine Antwort in meinem Gesicht suchen, einen Ausdruck, dem sie vertrauen konnte, unausgesprochene Versicherungen, aber genauso bindend wie Worte, wenn nicht sogar bindender. Es hatte viele Dinge zwischen uns gegeben — Tod, Leben, Überleben, mehr als bloße Zuneigung, mehr als bloße Lust—, das sehr viel zählte, aber ich wußte, als ich sie jetzt ansah, daß für sie nichts so viel zählte wie ein Mann, der sein Wort hielt.

Kurz darauf wandte sie ihren Wallach gen Norden, Richtung Harquhal. Sie sagte nichts mehr über das Schwert oder mein Versprechen ewigen Schweigens, aber ich wußte, daß dieser Ausrutscher nicht vergessen war. Oder jemals vergessen sein würde.

Hoolies, ich hatte es nicht so gemeint. Aber eine Entschuldigung war nicht genug, egal wie ernst sie gemeint war. Im Kreis bedeutet es einem toten Mann nichts, die Entschuldigung seines Mörders zu hören.

Harquhal ist typisch für die meisten Städte im Süden. Lehmmauern schützen sie vor dem Wind und weisen Handabdrücke und geometrische Muster auf, die bei der Errichtung aufgedrückt worden waren. Risse werden mit frischen Klumpen lehmigen Morasts verschmiert, deren richtiger Platz peinlich genau ertastet wird, womit dem Wind und dem Sand auch die kleinste Chance zum Eindringen verweigert wird. Aber Mauern, wie auch Absichten, sind vergänglich. Zelte und Stände und Wagen kauerten sich wie zufällig rund um den Umkreis der Mauern wie Küken um eine Henne und ignorierten solche Dinge wie Simume und kleinere Schwesterstürme.

Harquhal ist auch typisch für die meisten Grenzstädte. Da sie sowohl Nordbewohnern als auch Südbewohnern dienlich sind, haben sie keine Nationalität und weniger Rechtschaffenheit. Obwohl es angeblich im Süden liegt, ist Harquhal dem Land, das ich meine Heimat nenne, nur zufällig treu. Hier hält der Reichtum das Zepter in der Hand.

Del und ich hatten davon wenig. In den Wochen, seit wir Jamail in den Bergen in der Nähe von Julah bei den Vashni zurückgelassen hatten, hatten wir durch erfolgreiche Wetten und durch hin und wieder ein paar seltsame Arbeiten überlebt, zum Beispiel das Eintreiben von Punjamünzen für einen habsüchtigen Kaufmann, der dann versuchte, uns auf betrügerische Art aus unserem Auftrag zu drängen, durch die Errettung des entführten Sohnes eines mächtigen Tanzeers, der sich die Hamidaareligion zu eigen gemacht hatte, die der Unreinheit der Frauen anhing, während die ganze Zeit über der geraubte Sohn in Wahrheit eine Tochter war, als Begleitschutz für eine Karawane, die von einem Gebiet in ein anderes zog, und anderen verschiedenartigen Anstellungen.

Wobei natürlich nichts davon außerordentliche Fähigkeiten mit dem Schwert oder den Einsatz von List erforderte. Nichts, das dem Ruf des Sandtigers, des legendären südlichen Schwerttänzers, dessen Können im Kreis kein Mann gleichstand, etwas hätte hinzufügen können.

Unglücklicherweise war da jetzt eine Frau. Und sie hatte bemerkenswerte Fähigkeiten mit dem Schwert gezeigt und einen abtrünnigen Schwerttänzer seines Lebens beraubt. Was die List betraf, so hatte Del damit wenig im Sinn. Sie redete, wie ihr der Schnabel gewachsen war, sprach geradeheraus, war unduldsam gegenüber südlichen Schmeicheleien, die oft nicht viel mehr als Zeitverschwendung waren. Und die Zeit war ihr Feind.

Der schlimmste Teil unserer Reise lag hinter uns. Die Punja lag weit hinter uns. Was jetzt vor uns lag, wenn wir erst einmal aus Harquhal heraus waren, war der Norden.

Hoolies. Ich war ein Südbewohner – was wollte ich im Norden?

Nichts. Außer Del, die auf mehr als nur auf zufällige Art mit dem Land des Schnees und der Bansheestürme verbunden war.

Die durch mehr als nur zufällige Umstände mit der mächtigen nordischen Magie verbunden war.

Vor einem windschiefen, aus Lehmziegeln erbauten Wirtshaus, das mit einem Gitterwerk aus geflochtenen Ästen gedeckt war, schwang ich mich mürrisch aus dem Sattel und band die mit Quasten versehenen Zügel an einen knorrigen Pfosten, der krumm in den Boden geschlagen worden war. Ich hörte den Klang von Gelächter und Fröhlichkeit aus dem Inneren, männlicher und weiblicher, roch den stechenden Geruch des Huvakrauts, das Aroma gebratenen Hammelfleischs und den scharfen Geruch von Wein und Aqivi.

Auch den süß-sauren Geruch von Urin, denn der Hengst erleichterte sich.

Fluchend sprang ich zurück und stolperte fast über meine eigenen beschuhten Füße, denn ich wollte vermeiden, daß mein Burnus bespritzt würde. Der Hengst rollte ein Auge in meine Richtung und verzog hellbraune Nüstern, die dicht mit Barthaaren bewachsen waren. Ich startete erneut meine endlose Litanei wenig schmeichelhafter Pferdebezeichnungen.

Del umging die dampfende Pfütze, als sie abstieg und ihren Wallach an einen anderen Pfosten band. Geistesabwesend hakte sie ihre linke Hand um das herausragende Heft ihres Schwertes, ließ es zweimal gegen den Rand der verborgenen Scheide schlagen, um die Leichtigkeit der Bewegung zu prüfen, und nickte dann. Ich hatte sie dies schon zuvor tun sehen, viele Male. Es ist eine Gewohnheit, obwohl unterschiedlich in der Ausführung, die jeder Schwerttänzer entwickelt.

Wir alle haben charakteristische Eigenarten. Einige davon erhalten uns am Leben.

»Ich nehme an, du willst beim ersten Tageslicht weiterreiten.« Ich wartete darauf, daß sie zu mir aufschloß.

Sie zuckte die Achseln. »Wir müssen zunächst einiges kaufen. Nahrung, Kleidung ...«

»Kleidung!« Ich runzelte die Stirn. »Ich gebe zu, daß wir sauberere Kleidung gebrauchen könnten, aber warum sollten wir gutes Geld für Dinge ausgeben, die wir bereits haben?«

Sie schob den fadenscheinigen, zinnoberroten Vorhang an der Tür zur Seite. »Wenn du mit nichts anderem als einem Dhoti und einem Burnus bekleidet nach Norden ziehen und dir deine wertvollsten Körperteile abfrieren willst, dann bitte. Aber ich habe nicht die Absicht, mich totzufrieren.« Und sie trat gebückt ein und vergaß, wie üblich, daß ich bei Eingängen, die für kleinere Menschen gebaut sind, mehr Platz brauche als sie.

Ich schob den Vorhang aus meinem Gesicht und sah stirnrunzelnd hinter ihr her, während ich ihr folgte. Dann hustete ich. Der Rauch des Huvakrautes zog durch die offenen Dachsparren, schwebte langsam durch den Raum und wirbelte in übelriechenden, ockergrünen Rauchringen umher. Ich verabscheue dieses Laster, denn ein Schwerttänzer braucht im Kreis all seine Geschicklichkeit. Natürlich hatte Del meine Meinung wegen der Tatsache, daß ich mit großer Hingabe Aqivi trank, nicht ernst genommen und erklärte, daß ein Mann mit einem Bauch voller Aqivi nicht weniger wahrscheinlich sterben wird, als ein Mann mit einem Kopf voller Huvaträume.

(Nun, Del und ich stimmen nicht immer in allem überein. Manchmal stimmen wir in nichts überein.)

Sie blinzelte und wedelte mit der Hand vor ihrem Gesicht herum, wobei sie gereizt durch den Rauch spähte, um einen freien Tisch zu suchen. Und, wie gewöhnlich, wenn Del ein Wirtshaus (oder jeden anderen Ort, was das betrifft) betritt, brandete in einem Durcheinander von gezischelten Kommentaren eine unruhige Unterhaltung auf, gemurmelte Fragen, deftige Mutmaßungen.

Ich seufzte. Wünschte, ich hätte Einzelhieb. Entblößte in einem trägen, freundlichen, an die ungefähr zwei Dutzend Männer gerichteten Grinsen die Zähne. Die Männer sahen von Del zu mir, um abzuschätzen, ob ich in der Lage wäre, die nordische Bascha zu beschützen.

Ich halte mich nicht für eingebildet. Es ist jedoch eine Tatsache: ich bin groß, stark, schnell. Es gibt eine gewisse gefährliche Kantigkeit in meinem Gesicht, meiner Haltung, meinen Augen, die von den Anforderungen meines Berufes geprägt wird. Und es gibt Zeiten, in denen ich mehr als bereit bin, mit jeglichen Abenteuern zu prahlen, die erforderlich sind. Ich kämpfe, wenn ich muß, und das mit Genuß, aber nur, wenn es keine andere Möglichkeit gibt.

Müßig ließ ich den Blick durch den Raum schweifen und ließ sie sehen, was ich tat. Genauso müßig kratzte ich an den Narben in meinem Gesicht. Tiefe Narben, alte Narben, vier deutlich sichtbare Krallenspuren, die sich von der rechten Wange zum Kinn hin zogen, unmißverständlich von einer Bestie, die einige Menschen als mythisch bezeichnet hätten: dem tödlichen Punja-Sandtiger, von dem ich meinen Namen hatte.

Meine Ehrenauszeichnung, sozusagen. Männer, die Schwerttänzer kannten, identifizierten mich dadurch sofort.

(Nicht jeder trägt die Kennzeichnung seines Berufes und Sachkenntnis im Gesicht. Ich mag es eher. Es spart Zeit.)

»Keinen Ärger«, murmelte Del leise. Halb Vorschlag, halb Befehl.

Ich schlug eine ausgebreitete Hand über mein Herz. »Mußt du das überhaupt sagen?«

Sie brummte. Wedelte weiteren Rauch fort. Schritt durch engbesetzte Tische hindurch zu einem kleinen Tisch in einer Ecke am hintersten Ende des Wirtshauses.

Noch immer lächelnd folgte ich ihr und beobachtete, wie jedermann sie betrachtete, sogar die Wirtshausmädchen, die die Stirn runzelten, auf der Unterlippe kauten und gedankenvoll an den Fingernägeln knabberten. Und die, wenn sie schnell genug waren, erkannten, daß sie ihre erwählten Partner lieber sofort verführen sollten, wenn sie die offensichtlich geteilte Aufmerksamkeit zurückerlangen wollten.

Eines der Mädchen, das auf dem Oberschenkel eines hageren, jungen, sich wie zufällig an einem Tisch räkelnden Mannes saß, stand sofort auf und kam auf mich zu, wobei sie meine Sicht auf Del verdeckte. Schwarze Haare, dunkle Haut, braune Augen. Ein typisch südliches Mädchen: mit üppiger Figur, unverschämtem Gesichtsausdruck, sechzehn oder siebzehn Jahre alt, in voller Blüte. Aber das würde schnell vergehen. Ich wußte es, die Wüste saugt die Frauen aus, bevor sie dreißig sind.

»Beylo.« Sie lächelte, wobei schiefe Zähne und ein seltsam reizvoller Überbiß sichtbar wurden. »Beylo, willst du deinen Wein mit Jemina teilen?« Ihre Hände lagen auf meinem Arm und liebkosten mich durch den dünnen Stoff meines Burnus. »Ich kann dir Huva bringen und viele, viele Träume.«

»Das bezweifle ich nicht.« Ich schaute an ihr vorbei auf den jungen Mann, den sie verlassen hatte; er hatte auffällig schwarzes Haar, blaue Augen, die Andeutung eines frischen Schnurrbartes und einen trübseligen Gesichtsausdruck. Er war nicht ärgerlich und schien nicht die Absicht zu haben, gegen ihren Treuebruch etwas zu unternehmen. Das Schauspiel belustigte ihn eher, was zumindest eine willkommene Abwechslung zum normalerweise gekränkten männlichen Stolz war, der stets nach Wiederherstellung verlangt. (Meistens blutiger.) »Aber du hast schon einen Partner, Bascha, und ich auch.«

Jemina zuckte eine dunkle, nackte Schulter und mißachtete den offenen Ausschnitt, der noch tiefer rutschte und den größten Teil einer drallen Brust freigab. »Er ist ein Junge, Beylo ... du bist ein Mann.«

Nun, ja, ich schenkte ihr einen eingehenden Blick. »Bascha, ein anderes Mal.« Ich schob sie aus dem Weg und sah Del, offensichtlich amüsiert, an dem kleinen Tisch sitzen.

Nun gut, es wäre zuviel zu hoffen, daß sie eifersüchtig wäre.

Ich zog mir einen Stuhl heran, setzte mich und runzelte die Stirn, als mich die ungleichen Beine des Stuhles schwanken ließen und mich gänzlich umzukippen drohten. Ich verkeilte den Stuhl an der Wand, balancierte erhebliches Gewicht vorsichtig aus und schaute erneut auf, um Dels verzogenen Mund zu sehen. Und dann sah sie an mir vorbei und hoch, um das Barmädchen zu beobachten, die sie abschätzig ansah.

Auf ein neues. Ich seufzte. »Bascha ...«

»Wein?« fragte sie. »Aqivi?« Sie schob schwarze Locken hinter eine Schulter. »Ich arbeite für meinen Unterhalt, Beylo. Ich bin keine ordinäre Hure.«

Es sei denn natürlich, daß der Preis stimmte. Ich seufzte erneut und tastete nach meiner dünn gewordenen Münztasche. Ein paar Kupfermünzen klimperten, kaum genug für eine vollständige Mahlzeit und all den Aqivi, nach dem es mich verlangte.

Meine Augen schweiften hoffnungsvoll zu Del ab. Sie tippte mit schlanken Fingern auf die beschädigte, klebrige Tischplatte, seufzte und winkte dem Mädchen mit einer Hand. »Stew«, sagte sie, »und den billigsten Wein, den Ihr habt.«

»Wein!« Betrübt sah ich sie an. »Ein paar Kupfermünzen mehr würden uns einen Krug Aqivi bescheren.«

»Wein«, sagte Del kühl, und das Mädchen wandte sich mit einem Wippen mehrschichtiger Röcke ab, das mir deutlich zeigte, wie sehr ich in ihrer Gunst gesunken war.

Ich lehnte mich vor und verlagerte mein Gewicht auf einen aufgestützten Unterarm. »Wie kannst du vorschlagen, Kleidung zu kaufen, wenn wir noch nicht einmal genug Geld für eine richtige Mahlzeit haben?«

»Ich kann dies tun, weil ich auf unnötige Ausgaben für unnötige Dinge verzichte.« Sie machte eine Pause und strich eine Haarsträhne zurück. »Wie Aqivi.«

Ein Faden des Huvarauchs zog von dem Balkenwerk herab. Ich wedelte ihn fort. »Aqivi ist kaum unnötig, wo ich doch die letzten drei oder vier Wochen damit verbracht habe, auf unserem Weg durch die Punja Wasser zu trinken.«

Jemina kehrte zurück und knallte zwei hölzerne Schalen mit Lammstew, einen halb aufgegangenen Laib braunen Brotes, eine schmutzige Steingutflasche und ein Paar abgenutzter Holzbecher, die von grünlichem Kupfer zusammengehalten wurden, vor uns hin.

Del lächelte süß. »Trink Wein!«

Ich hätte antworten können, aber ich war zu sehr damit beschäftigt, an dem Stew in meiner Schale zu schnuppern. Hammel ist keines meiner bevorzugten Gerichte, obwohl ich daran gewöhnt bin. Es ist besser als Hund. Und bestimmt besser als gebratener Sandtiger, den Del mir einmal gemeinerweise serviert hatte.

Kurz darauf zog ich mein Messer und schnitt ein Stück von dem harten Brot ab, hob die Schale hoch und bereitete mich darauf vor, wässeriges Stew in meinen Mund zu schöpfen.

Ich bereitete mich darauf vor. Aber es kam nicht dazu. Nicht, als ich den Ausdruck auf Dels Gesicht sah, während sie durch den vollen Schankraum sah, ihn durchbohrte.

Entsetzen. Ärger. Mißtrauen. Und eine kalte, anwachsende Wut, die wie Eis in ihren Augen glitzerte.

Bei allen namenlosen Göttern des Valhail, ich schwöre, ich habe noch nie einen Blick wie diesen gesehen. Weder bei einem Mann, noch bei einer Frau.

Noch nicht einmal bei einem Schwerttänzer.

DREI

Sie stand langsam auf, ganz langsam, bis die Tischplattes auf gleicher Höhe mit ihrem Oberschenkel war. Eingehüllt in den Burnus, war das meiste von ihr verborgen. Aber ich kannte sie. Ich wußte, wie sie sich bewegte, wie sie sich straffte, wie sie abwartete. Ich wußte, wie ich ihre Absichten einschätzen mußte, indem ich nur in ihren Augen las.

»Del ...«

Sie sah mich nicht einmal an.

Ich wandte ruckartig den Kopf und suchte den Raum ab, in dem Versuch zu sehen, was sie sah. In dem Versuch zu sehen, was sie erregt hatte, was die Frau, die ich kannte, so sehr verändert hatte, indem es sie zu einem lauernden Tier machte.

Ich sah nichts. Nun, nicht nichts. Ich sah Männer. Einfach Männer. Über Tische gebeugt, sich auf Stühlen räkelnd, Geschichten erzählend, Witze, Gerüchte. Und Bardamen, die ihren Geschäften nachgingen. Und Rauch und Lampenlicht und Schatten.

»Del ...« Ich wandte mich um, runzelte die Stirn und sah die Farbe langsam aus ihrem Gesicht weichen. Ihre nordische Gesichtsfarbe war nie sehr intensiv, aber jetzt gab es einen ganz entschiedenen Unterschied. Jetzt sah sie aus wie eine Frau, die seit drei Tagen tot war.

Langsam sank sie auf ihren Stuhl zurück. Ihre auf den Tisch gestützten Hände versuchten noch immer, ihr Gleichgewicht zu halten, die Finger ausgebreitet, starr und zitternd. Zitternd, ich hatte Del niemals zittern sehen.

»Könnte es sein, daß ich mich irre?« fragte sie sich selbst mit seltsamer, tonloser Stimme. Dann wieder, kraftvoller, und doch noch immer merkwürdig tonlos: »Könnte es sein, daß ich mich irre?«

Ich wandte noch einmal ruckartig den Kopf, um herauszufinden, was sie auf so dramatische Weise berührt hatte. Und wieder sah ich Männer. Ich sah, wie sich einer von ihnen von seinem Stuhl erhob, sich umwandte und sich zielbewußt der Tür näherte. Er duckte sich unter dem Vorhang hindurch und war fort. Ich hörte Del langsam und geräuschvoll ausatmen.

»Was zu den Hoolies ...« Eine erhobene Hand schnitt mir das Wort ab. Ich wartete, noch immer besorgt wegen des kurzzeitigen Zitterns ihrer Hände, und allmählich wich der undurchdringliche, blinde Ausdruck aus ihren Augen, und Del sah mich an. Dieses Mal, denke ich, sah sie mich.

»Es ist etwas Persönliches«, sagte sie nur und schüttete einen Becher Wein in sich hinein.

Del trinkt nicht viel. Es sieht ihr nicht ähnlich, den Wein hinunterzuschütten, aber jetzt sah ich, wie sie den Becher an den Mund hielt, als könne die Flüssigkeit ihre Kräfte wiederherstellen. Ich beobachtete, wie sich ihre Kehle bewegte, als sie wiederholt schluckte und den Wein trank wie ein Mann, der Dämonen zu vertreiben versucht.

Oder eine Frau, die mit ihren eigenen kämpft.

»Persönliche Angelegenheiten sind eine Sache.« Ich fing den Becher mit einer Hand ab, nahm ihn ihr fort und stellte ihn entschieden auf den Tisch. »Dies ist eine andere. Vielleicht sollest du darüber reden.«

»Vielleicht sollte ich einen Krug Aqivi bestellen, um dich zum Schweigen zu bringen«, sagte sie scharf. Und dann entschuldigte sie sich mit angespanntem Mund für ihren Ton.

Aber nicht für die Worte. Ich lächelte. »Eine wirkungsvolle Bestechung. Soll ich Jemina zurückrufen?«

»Nein.« Del starrte auf das kalt werdende Hammelstew. »Nein, wir müssen das Geld zusammenhalten.«

»Dann laß uns den Wein behandeln, wie er behandelt werden sollte.« Ich füllte ihren Becher wieder auf. »Mit langsamer und wohlerwogener Wertschätzung.«

»Er ist sauer.«

Ihre Farbe kehrte gleichzeitig mit ihrer feurigen Stimmung zurück. »Ja, er ist sauer«, sagte ich milde. »Und im Moment bist du das auch.«

»Aber du weißt nicht ...« Sie unterbrach sich.

»Nein«, stimmte ich zu, »ich weiß es nicht. Es sei denn, du erzählst mir davon.«

»Es ist etwas Persönliches«, wiederholte Del.

Ich rührte mit einem Stück Brot in erstarrtem Stew, formte Inseln aus dem Fleisch und baute Kanäle in die Sauce. Sanft sagte ich:

»Du weißt mehr über mich als irgendein anderes lebendes Wesen.«

Ihr Blick war scharf, verdutzt, sie dachte darüber nach, beherrschte sich schnell wieder und schüttelte den Kopf. »Ich kann nicht. Nicht jetzt.«

»Dieser Mann ...«

»Nicht jetzt.«

Es gibt in bezug auf Del Zeiten, in denen Schweigen die beste Strategie ist. Demgemäß wandte ich meine Aufmerksamkeit dem sauren Wein und dem Hammelstew zu, während Jemina mir von der anderen Seite des verrauchten Wirtshauses schöne Augen machte.

Am Morgen jagte Del mich mit einer nicht allzu sanft gegen meine Rippen geschmiegten Faust aus dem Bett. Als ich gekränkt gegen solch schlechte Manieren protestierte, warf sie mir lediglich Dhoti, Harnisch und Burnus zu und schlug vor, ich solle alles so bald wie möglich anziehen, da sie für heute morgen Pläne für uns gemacht habe.

»Pläne?« Ich zog mich an, schlüpfte in den Harnisch und prüfte das Gewicht der geborgten Klinge. »Welche Art Pläne?«

»Beschaffung«, sagte sie knapp und zog den Vorhang mit einem Ruck auf.

Diese Bewegung war zuviel für den zerschlissenen Stoff, der unser kleines Gastzimmer vom Flur trennte. Der Vorhang teilte sich, und Del stand mit einer Handvoll fadenscheinigen grünen Stoffes da. Mit einem verwirrten Zungenschnalzen warf sie ihn zur Seite.

»Du fühlst dich heute morgen nicht wohl, nicht wahr?« Ich hob die Satteltaschen auf und verließ ihr voran den muffeligen, niedrigen Raum. »Wenn du vielleicht einen größeren Teil der letzten Nacht aufs Schlafen anstatt aufs Denken verwandt hättest ...«

»Du hast geschnarcht.«

Aha. Mein Fehler also, ich hätte es wissen sollen. Demgemäß hüllte ich mich in Schweigen und ging hinunter in den Schankraum, um das Frühstück zu bestellen.

Del hatte ebenfalls keinen Appetit, doch sie war zu diszipliniert, um Nahrung nicht anzunehmen, wenn sie angeboten wurde, da sie nicht wußte, wann wir wieder eine Mahlzeit bekämen, aber ganz offensichtlich genoß sie sie nicht. Ungeduldig kaute sie auf hartem Brot herum, löffelte gewürztes Kheshi in sich hinein und trank scharfe Ziegenmilch. Und sagte mir dann, ich solle mich beeilen, als ich daran dachte, eine zweite Schale Kheshi zu bestellen.

Ich sah sie gereizt und stirnrunzelnd an. »Hoolies, Del, wir brauchen nicht über die Grenze zu rennen.«

»Wir brauchen auch nicht hier herumzubummeln. Tiger, du weißt, daß es ein Zeitlimit gibt.«

»Zeitlimit hin oder her«, sagte ich mürrisch. »Ein Mann muß essen, Del. Oder er wird absolut nicht von Nutzen sein, wenn du ihn brauchen solltest.«

Das brachte sie zum Schweigen, wie ich es mir gedacht hatte. Sie erinnerte sich daran, daß ich sie freiwillig begleitete. Ich konnte gehen, wann immer ich wollte. Und indem ich Del daran erinnerte, daß ich ihr die bestmögliche Hilfe gewähren wollte, ließ ich all ihre rechtschaffene Entrüstung schrumpfen.

Es ist schwer, mit jemandem böse zu sein, der einem die Hand hinhält. Außerdem zeugt dies von einem schlechten Charakter.

Ich betrachtete Dels Gesichtsausdruck. Und dann schickte ich die Bedienung ruhig mit der zweiten Schale Kheshi fort, stand auf und hob meine Satteltaschen erneut auf. Schweigend wies ich auf die Tür.

Del machte auf dem Absatz kehrt und marschierte hinaus.

Es wurde deutlich, daß sich Del besser an Harquhal erinnerte als ich, obwohl es fast ein Jahr her war, seit sie hier gewesen war. Sie führte mich auf direktem Weg zu einem kleinen Laden, der sich in die Schatten einer Mauer duckte, und untersuchte dort unsagbar lange, was wie Stapel pelzartiger Felle, geschmeidigen Leders und schwerer, gefärbter Stoffe aussah. Da ich es satt hatte, ihr wie ein Träger zu folgen, der zu Diensten einer südlichen Dame wartet, setzte ich die Taschen an der Tür ab und begann meine eigenen Untersuchungen.

Der Laden roch nach gegerbtem Leder und stinkendem Fell sowie nach anderen Gerüchen, die ich nicht zu benennen vermochte. Gewöhnt an Wüstenseiden und Gazestoffe, konnte ich nicht verstehen, was ein Mensch mit so viel Gewicht und Volumen anfangen wollte. Aber Del verstand es anscheinend. Sie wählte schließlich die Dinge aus, die sie haben wollte, und gab dem Ladenbesitzer fast all unser Geld.

»Sulhaya«, sagte sie, als er die Felle in langen biegsamen Bündeln um weiches Leder rollte und zuband.

Er antwortete in Dels unverständlicher, nordischer Sprache. Ich betrachtete ihn genauer. Er war alt und daher weißhaarig, und der Süden hatte seine Haut geröstet, aber seine Augen waren so blau wie Dels. Kein Südbewohner. Er war eindeutig ein Nordbewohner, was bedeutete, daß Del anscheinend wußte, was sie tat. Ein gewisser Trost, denke ich, wenn man berücksichtigte, daß ich es nicht wußte.

Die Augen des alten Mannes ruhten auf Dels Schwertheft, das über ihre linke Schulter ragte. Boreals Heft ist auf eine Art gestaltet, daß das Auge irregeführt wird, daß der Betrachter in eine Art Trance versetzt wird, wenn er das Heft zu lange anstarrt. Das Silber ändert sich ständig, eine Form verschmilzt zu einer anderen, dann zu einer weiteren, bis man die Zeit vollständig vergißt und nur noch an die sich bewegenden Formen in dem Metall denkt. Und ihnen zu folgen versucht, um zumindest eine zu erkennen, bevor die Klinge das Aussehen des Hefts annimmt und einen vollständig verwirrt.

»An-Ishtoya?«fragte der alte Mann, und Del blieb jäh stehen.

Ihr Gesicht war frostig, zu einem makellosen Schauspiel unbeweglicher Schönheit erstarrt. Aber hart wie Stein und ähnlich leblos.

An-Ishtoya. Der höchste Rang, den ein Nordbewohner kennenlernen kann, als Schüler, als Lehrling, im Kreis. Der Rang wird vom An-Kaidin, dem Schwertmeister, verliehen, der höher steht als die Lehrer selbst, dem Kaidin, dem Höchsten der Hohen. Sie war Ishtoya — Schülerin — gewesen und dann An-Ishtoya – die Höherstehende —, vom An-Kaidin selbst dazu ernannt.

Aber Del hatte dem allem den Rücken gekehrt, sich statt dessen Schwerttänzer genannt, wie es ihr freistand, und war somit durch keine anderen Rituale als die gebunden, die der Kreis bestimmte.

Der alte Mann war eindeutig in ihre streng behütete Privatsphäre eingedrungen. Aber sie reagierte nicht wie so oft bei mir. Vielleicht aufgrund seines Alters. Vielleicht, weil er ein Nordbewohner war. Vielleicht auch, weil er besser wußte, was das Wort und alles damit Zusammenhängende bedeutete.

»Nein«, sagte sie kurz darauf. »Schwerttänzer.«

Etwas bewegte sich kurz in seinen Augen. Aber sein Gesicht — ein Gewebe aus Linien und Falten, die tief in eine Haut eingraviert waren, die heller war als meine eigene– änderte sich nicht. Er schaute erneut auf Boreal und nickte dann. Einmal. »Singt gut«, sagte er in südlicher Sprache und wandte sich ab, um einen anderen Kunden zu bedienen.

Ich schulterte die Satteltaschen, nahm eines der gerollten Bündel auf und verließ den Laden unmittelbar vor Del. Als sie heraustrat, blieb ich stehen, um sie neben mich treten zu lassen.

»Singt gut«, sagte ich verwirrt. »Hat er nicht ›tanzt‹ gemeint?«

Del hatte ihre Rolle aus Fellen unter einen Arm geklemmt. Ihr Gesicht war ausdruckslos. »Nein«, sagte sie. »Das hat er nicht.«

Soviel zu der Erwartung einer Antwort oder weiterer Erklärungen. Da ich es jedoch besser wußte, als daß ich sie gedrängt hätte, ließ ich es dabei bewenden.

Wir beluden unsere Pferde sorgfältig, denn wir wußten, daß Harquhal unsere letzte Ansiedlung vor der Grenze war. Und wenn wir erst einmal die grauen Mauern verlassen hätten und gen Norden zögen, würde ich in meiner Umgebung ein Fremder sein. Del würde uns führen, während ich ihr nur folgen konnte, da ich den Norden nicht kannte. Unsere Rollen würden vertauscht sein, und ich war mir nicht sicher, ob ich das mochte.

Obwohl Del dies ohne Zweifel tun würde.

Sie schwieg noch immer, als wir ihren zögerlichen Wallach und meinen ungestümen Hengst aus dem aus Latten gebauten Stall hinter dem Wirtshaus hinausführten. Über breiten Hinterteilen trugen unsere Pferde jetzt die Rollen aus Fellen und Leder, die oben und seitwärts herausragten. Der Hengst war sich noch nicht sicher, ob er solche Maßnahmen gutheißen sollte. Er ging mit seinen massiven Hinterbeinen seltsam erhöht, wie auf Zehenspitzen. Das häufige geräuschvolle Schlagen seines Schwanzes sagte mir deutlich, daß er erwog, einen Kommentar dazu abzugeben, wie das nur ein Pferd kann.

Er schnaubte, stieß mit seiner Nase — absichtlich — gegen meine rechte Schulter und knabberte daran.

»Hör auf damit«, schlug ich vor und war mir vollkommen der Vorderhufe bewußt, die so nahe an meinen eigenen Fersen stampften.

Er tat es nicht, und so stieß ich eine riesige Faust in Richtung seiner Nase, als er wieder auf meine Schulter abzielte. Die Faust und die Nase verbanden sich. Er fuhr sofort zurück, nickte und ruckte am Ende geflochtener, blau gefärbter Zügel mit dem Kopf, während ein Auge in unschuldigem und verwirrtem Erstaunen umherrollte. Aber das Auge urteilte auch gerissen. Ich lächelte, winkte mit einem warnenden Finger und sah die schräggestellten Ohren sich aufrichten. Sofort legte er sie wieder an, aber er hatte aufgegeben. Er war nicht so sehr böse, als vielmehr verstimmt, weil ich ihn bei seinen Tricks erwischt hatte, und mit Verstimmungen konnte ich umgehen.

Del schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht, warum du ihn behältst. Er macht mehr Ärger, als er wert ist.«

»Das kommt darauf an«, sagte ich, denn ich erinnerte mich daran, daß der Hengst, trotz aller Berechnung, einen meiner Feinde getötet hatte. Unglücklicherweise war ich nicht dabei gewesen, um es zu bezeugen. »Was den Grund betrifft, denke ich, daß es zum größten Teil Gewohnheit ist. Wie ein Mann, der seine nörgelnde Frau Jahr für Jahr für Jahr behält.«

Sie warf mir einen vielsagenden Blick zu und weigerte sich, darauf einzugehen. »Eines Tages wird er dich vermutlich töten.«

»Oh, das glaube ich nicht. Er schlägt mich vielleicht immer wieder einmal auf den Kopf, aber letztendlich denke ich, daß er mich eher mag.« Ich tätschelte den festen, flachen Kiefer. »Wir sind uns sehr ähnlich.«

»Voller Tricks«, stimmte Del zu und sah dann an mir vorbei zu dem Wirtshaus, wo wir den größten Teil des vorigen Abends verbracht hatten.

Ich schaute ebenfalls hin und sah nichts. Aber als ich wieder zu ihr zurückblickte, bemerkte ich, daß sie etwas sah.