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Primärreich: ein wohlhabendes Land, in dem es an nichts fehlt. Wo Männer stark und edel sind, und Frauen sanft und fügsam und ihre Magie niemals zum Kämpfen nutzen müssen. Amira von Herzensgold besitzt die seltene Gabe der Windmagie. Doch ohne eine Lehrmeisterin bleibt ihr Wissen begrenzt, sie lebt wie eine niedere Magd unter der Fuchtel ihrer Stiefmutter. Amiras Bruder Marwan schwärmt seit Kindheitstagen vom Dunklen Wald, der das Reich vom Rest des Kontinents trennt. Ein Ort der Freiheit, wohin sie eines Tages fliehen werden. Marwan stellt für seine Stiefmutter Nida nichts als ein Hindernis in der Erbfolge des Herzogtums dar. Als die Zwillinge im Wald ankommen, verwandelt sie ihn in ein Reh. Beraubt ihres Titels und ihrer Heimat, finden er und Amira Zuflucht im Dorf der Hexen. Abtrünnige, die tief im Dunklen Wald eine Welt jenseits der Herrschaft der Männer und ihrer Handlangerinnen erschufen. Hier sind die Geschwister sicher – solange sie sich ihren Regeln fügen. Dann begegnet Amira Isan und es genügt ihr nicht mehr, sich zu verstecken. In der Gemeinschaft der Hexen hat sie kämpfen gelernt. Ist sie stark genug, um sich ihrer Stiefmutter entgegenzustellen – der mächtigsten Magierin des Reiches?
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Seitenzahl: 536
Veröffentlichungsjahr: 2025
Impressum neobooks
Schwesterchen & Brüderchen
Eine Märchenadaption
&
Noblebright Fantasy
Von
Claudi Feldhaus
©2025 Claudi Feldhaus
kakaobuttermandel.de, [email protected]
c/o Claudi Feldhaus
Der Kleinste Buchladen
Reinsberger Dorf
Am Weinberg 1
99938 Plaue
1. Auflage 2025
Das Manuskript wurde einem professionellen Teillektorat unterzogen. Zudem hat eine trans Frau ein Sensitivity Reading durchgeführt, und mehrere queere Personen testgelesen.
Korrektorat: Kristina Schreiber
Buchsatz: Claudi Feldhaus
Coverdesign: Krüger Buchdesign
Landkarte: Eleonore Laubenstein
Grafikgestaltung: Claudi Feldhaus mit Canva Pro
Nun weinte das Schwesterchen, über das arme verwunschene Brüderchen, und das Rehchen weinte auch und saß traurig neben ihm. Da sprach das Mädchen endlich:
»Sei still, liebes Rehchen,
ich will dich ja nimmermehr verlassen …«
Primärreich: ein wohlhabendes Land, in dem es an nichts fehlt. Wo Männer stark und edel sind, und Frauen sanft und fügsam und ihre Magie niemals zum Kämpfen nutzen müssen.
Amira von Herzensgold besitzt die seltene Gabe der Windmagie. Doch ohne eine Lehrmeisterin bleibt ihr Wissen begrenzt, sie lebt wie eine niedere Magd unter der Fuchtel ihrer Stiefmutter. Amiras Bruder Marwan schwärmt seit Kindheitstagen vom Dunklen Wald, der das Reich vom Rest des Kontinents trennt. Ein Ort der Freiheit, wohin sie eines Tages fliehen werden.
Marwan stellt für seine Stiefmutter Nida nichts als ein Hindernis in der Erbfolge des Herzogtums dar. Als die Zwillinge im Wald ankommen, verwandelt sie ihn in ein Reh. Beraubt ihres Titels und ihrer Heimat, finden er und Amira Zuflucht im Dorf der Hexen. Abtrünnige, die tief im Dunklen Wald eine Welt jenseits der Herrschaft der Männer und ihrer Handlangerinnen erschufen. Hier sind die Geschwister sicher – solange sie sich ihren Regeln fügen.
Dann begegnet Amira Isan und es genügt ihr nicht mehr, sich zu verstecken. In der Gemeinschaft der Hexen hat sie kämpfen gelernt. Ist sie stark genug, um sich ihrer Stiefmutter entgegenzustellen – der mächtigsten Magierin des Reiches?
Claudi Feldhaus wurde anno 1987 in einem Dorf in den weiten Wäldern Brandenburgs geboren. Noch vor ihrem 7. Geburtstag wusste sie, dass sie zur Schriftstellerin berufen ist, und sie beschloss – ihrem eigenen Seelenheil zuliebe – das nicht zu ignorieren. Es folgten Kurzgeschichten und Novellen, meistens ging es darin um Prinzessinnen, die die Drachen selbst erschlagen. Mit 17 schrieb sie ihren ersten Roman zu Ende. Nach einer Berufsausbildung und einem Auslandsaufenthalt zog das Fräulein 2007 nach Berlin, ihrer großen Liebe und Muse. 2012 beendete sie ein Fernstudium in Belletristik.
Sie lebt, liebt und trinkt Kaffee in Ostberlin.
Es erschienen von ihr als Claudi Feldhaus und als Amalia Frey mehrere Werke in den Genres Herstory, Berlinroman, Noblebright Fantasy und Krimi. Weitere Werke sind in Arbeit.
Schwesterchen & Brüderchen ist eine Hommage an ihre liebsten Märchen und die Heimat ihrer Kindheit.
Meinem großen Bruder Jan,
der mich für schlechtere Männer verdorben hat.
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Die sieben Magien
Luft ▪ Formwandel ▪ Mond ▪ Feuer ▪ Wasser ▪ Erde ▪ Heilung
Es war einmal ein Kontinent namens Judith.
Land längst vergessen, ein abseitig’ Monolith.
Auf Kontinent Judith, so weit, so groß,
Erhebt sich im Norden ein unerklimmbar’ Stoß.
Das Gebirg’ ragt hoch zum Himmel empor,
Trennt’s Land seit tausenden Jahren davor.
Umringt vom tosenden Ozean,
Scheidet Judith von der Welt, einsam.
Zwei Reiche entstanden hier in diesem Land,
Vestland im Norden, klein und unbekannt.
Doch mittig in seiner majestätischen Pracht,
Primärreich liegt, machtvoll, taktisch bedacht.
Hundert Jahr’ vergingen ohne Krieg oder Kunde,
die Länder gehörten nie zu einem Bunde.
Denn was trennt sie? Der Dunkle Wald!
Verboten Gebiet wie die Geschichte so alt.
Bewohnt von Bestien und keinem Gesetz.
Von Hexen, unheil’ger Magie und Gehetz. Dank des Waldes, so schwarz, kein Weg, sogleich.
Ruht die Grenz’ zwischen Vestland und Primärreich,
Und jedermann, der wagte, hineinzugehen,
Verlor sein Leben, wurd’ nie mehr gesehen.
(Kinderlied aus Primärreich)
Amira konzentrierte sich und ließ ihre Magie wirken. Ein Lufthauch wehte über die letzten feuchten Stellen, trocknete die frisch gewischten Fliesen aber nur mäßig. Mit Mühe gelang es ihr, eine weitere Brise heraufzubeschwören, doch wie sie diese erwärmte, hatte ihr keine weibliche Verwandte beigebracht.
So sehr sie ihre Magie auch beanspruchte, sie konnte den gesamten Boden des Flurs nicht trocknen. Erschöpfung ergriff ihren Körper, vor allem ihre Lunge, jenem Organ, in dem die Magie konzentriert wurde. Weiterzumachen würde sie entkräften, wenn aber hier jemand ausrutschte, würde sie furchtbaren Ärger bekommen.
Enttäuscht ließ sie die Schultern hängen. Da war Windmagie schon der niedere Haus- und Gartenarbeitszauber, doch für sie immer noch nicht simpel genug! Amira verschloss ihr Mana[Fußnote 1] wieder, seufzte und griff nach einem Tuch, ehe sie sich auf alle Viere begab und in mühevoller Handarbeit den gesamten Flur trocken rieb.
Was würde ihr Bruder sagen? »Gute alte Muskelkraft! Der männliche Weg!«
Ja, ganz ohne Mana kontrollieren und organisieren sie das Land, dachte Amira. Über Primärreich regierte ein König, der Thron würde an seinen Sohn übergehen, obgleich sein erstgeborenes Kind ein Mädchen war. Frauen erbten nur in den seltensten Ausnahmefällen. Auch hier stand dem Personal ein Mann vor.
Der Provisor[Fußnote 2] hatte am Morgen wie immer die Aufgaben verteilt und ihr allein aufgelastet, alle Böden der hinteren Wirtschaftsräume im unteren Geschoss zu reinigen. Die Villa verfügte über einen Haupttrakt und zwei Seitenflügel. Im Erdgeschoss befanden sich, dem Hinterhof zugewandt, die Küche, die Wäscherei und einige Zimmer der Diener*innen. Die anderen Mägde arbeiteten in Zweier- oder Dreiergruppen und putzten die Belle Etagen. Im vorderen Bereich des Haupttraktes lagen die Empfangshalle und die schöne Bibliothek. Über eine niedrige Treppe waren die Zimmer des Hausherren im Westteil und die Räume der Herzogin im Ostflügel erreichbar. Im ersten Stock gab es einen kleinen Ballsaal mit einem abtrennbaren Musikzimmer, Räume, die Amira seit Monaten nicht betreten hatte.
Sie sah von dem abgelaufenen Holzboden hoch und aus dem niedrigen Fenster zu ihrer Rechten. Aus diesem Winkel blickte sie direkt in das Arbeitszimmer der Hausherrin im gegenüberliegenden Flügel. Unwillkürlich duckte sie sich, als sie eine Bewegung hinter dem bodentiefen Fenster sah. War es Nida?
Der Stiefmutter gereichte es, Amira zu erblicken, um sie zu bestrafen. Wenngleich sie schon lange nicht mehr die Hand gegen sie erhoben hatte. Doch ihr Blick genügte, um Menschen das Fürchten zu lehren. Die Macht der Hausherrin, anderen in die Seele sehen zu können, um deren ureigenste Ängste gegen sie zu verwenden, schreckte nicht nur Amira.
Allein die Erinnerung an das Gefühl, als würden kalte Hände ihr Herz umschließen, reichte – die Jugendliche erschauderte, gen Fenster spähend. An der Livree aber erkannte sie, dass es einer der Pagen war, und sie atmete erleichtert auf. Dann fiel ihr ein, dass sie ihre Stiefmutter gar nicht hätte sehen können, da sie in die Stadt gefahren war.
Seufzend setzte sie sich auf den Boden und betrachtete ihre Hände. Von der Arbeit raue Haut, spröde, rissige Nägel, sogar ihre goldbraunen Unterarme wiesen Schrammen auf. Waren das noch die Hände einer Prinzessin, einer Herzogstochter? Ihr altes Leben lag eine Ewigkeit zurück, nur mehr eine bittersüße Erinnerung. Amira schluckte hart, kämpfte die Tränen nieder. Dazu war nun kein Platz, keine Zeit! Wie immer, wenn sie nicht wusste, wohin sie mit ihren Gefühlen sollte, biss sie die Zähne zusammen und machte sich ans Werk.
Als gerade die Glocke zum Mittagessen läutete, erhob sie sich. Der Flur war makellos sauber, sie musste nur noch das Wischwasser entsorgen. Doch ihre Glieder schmerzten von der Arbeit. Mit beiden Händen hievte sie ungelenk den Wassereimer am Henkel hoch und schleppte ihn vorsichtig an der Küche vorbei hin zur Tür, die zum Innenhof führte. Da entsagten ihr die Muskeln jeden Dienst und das Gewicht entglitt ihr. Der Eimer knallte auf den unebenen Boden, verspritzte Wasser an den Wänden. Machtlos musste Amira zusehen, wie sich die trübe Flüssigkeit verteilte.
»Oh weh mir, du ungeschicktes Ding!«, schimpfte die Köchin, die aus der Küche gepoltert kam.
Amira wusste, dass sie gegen jede andere Bedienstete die Hand erhoben hätte. Vor ihr hielt die Küchenmeisterin jedoch inne und wischte sich ihre rußigen Finger an der bestickten Schürze ab, während ihre Augen mitleidsvoll auf ihr ruhten.
Alte Wunden rissen auf, als Amira sich an eine Zeit vor wenigen Jahren erinnerte. Sie, die Prinzessin des Hauses, mit aufwendiger Steckfrisur und Schleppe am geblümten Damastkleid, und die Köchin, die ihr mit diesen rauen Händen und einem verschmitzten Grinsen auf dem milchweißen Gesicht, kandiertes Obst zusteckte. Heute trug Amira das Haar zum langen Zopf über dem grauen Kittel und es war ihnen verboten, jener Tage zu gedenken.
Einen Moment lang hielt die Ältere inne, als verfolgten ihre Gedanken denselben Pfad. Dann zog sie die Hemdsärmel über ihre behaarten Unterarme und rief sie die Treppe hinunter nach dier[Fußnote 3] neuen Diener*in, dier Wassermagie innehatte: »Yuval, komm herbei! Wir haben hier einen Schlamassel, den du bereinigen musst!«
Sier kam dazu, bot mit sieser schlanken, hohen Gestalt und der ebenholzfarbenen Haut dramatische Kontraste zu der kompakten, tizianischen Köchin und blickte zwischen Pfütze und Amira hin und her.
»Was mühst du dich auch ganz allein mit einem vollen Eimer?«, fragte sier.
»Wie soll ich denn sonst an Muskelkraft gewinnen?«, erwiderte Amira.
Sier warf der Köchin einen Blick zu und die sagte nur: »Ich kann nichts dagegen sagen. Es ist der Herzogin Befehl, dass sie ihr Tagewerk stets selbst bewältigt!« Sprach’s und feuerte mit der wenigen Magie, die sie barg, die Glut unterm Ofen noch einmal an, ehe ein Küchenmädchen Brot und Kuchen hineinschob. Schließlich stapelte sie Teller auf einen Servierwagen und schob ihn klappernd hinaus, um den Tisch im Essensraum des Gesindes zu decken.
Amira ließ den Kopf hängen, als sie den Eimer aufhob. Sie sah dabei zu, wie sich dank der geübten Magie dier Diener*in das Wischwasser erst kräuselte, ehe Tropfen aufstiegen, die sier hinaus in die Abwasserrinne leitete, eine vergitterte Furche, die am Haus entlang in eine Sickergrube führte. Die Bewegungen sieser Arme, ja des ganzen Körpers, glichen einem Tanz, jeder Muskel schien wie eine Welle selbst.
Amira spürte sies Wasser-Mana, Yuval verfügte über viel Kraft. Sie hatte davon gehört, dass nicht-binäre Personen manchmal Magievorkommen besaßen und dass sie anders als Frauen es nicht damenhaft unterdrücken mussten. In ihren sechzehn Lebensjahren war ihr allerdings nie so jemand begegnet. Ihre Stiefmutter hatte mit sieser Anstellung klug gehandelt.
»Na dann, gehen wir!«, rief dier Diener*in freundlich als sier fertig war und nahm ihr den leeren Eimer ab, »bevor wir nichts mehr vom Essen abbekommen.«
Amira hätte breit gelächelt und sieses schlanken Arm berührt; gern irgendetwas getan, was ihre Dankbarkeit ausdrückte. Sie zügelte sich jedoch, allzu vertraulich zu werden, denn sie kannte das schon. Neu angestellte Bedienstete waren immer nett zu ihr, betrachteten sie als eine der ihren. Doch bald würde auch Yuval erfahren, welchen Stand Amira in diesem Haus besaß und sich von ihr fernhalten.
»Ich heiße übrigens Amira«, sagte sie, während sie nebeneinanderher über den Innenhof gingen.
Federvieh wich ihnen gackernd und schnatternd aus, zur linken waren gerade die Schweine aus dem Stall ins Freigehege gelassen worden. Hohe Wände mit wenigen Fenstern umgaben den Hof zu drei Seiten, den Haupttrakt der Villa und die zwei Seitenflügel. Das Gebäude bestand aus hellem Stein, vor elf Jahren rundum neu verputzt. Es war prunkvoll und modern, auch wenn es den Reichtum des Herzogtums und seine Größe wohl nicht widerspiegelte.
Amira wandte sich zur offenen Hofseite, wo die Gemüsegärten und die Felder lagen und in der Ferne drohend der Dunkle Wald. Über den Innenhof ging es zum gegenüberliegenden Flügel, wo sich der Essensraum der Dienerschaft befand.
»Ich heiße Yuval«, sagte sier und ließ den Blick über das Gebäude schweifen. Sier musterte die Fassade der Hofseite, als könne sier durch die Wand die Räume dahinter bis hinauf zum Dachboden sehen und sogar hinab in den Keller. »Müssen wir all das jeden Tag putzen?«
Amira seufzte mitfühlend. »Das meiste schon, eine schier endlose Aufgabe. Aber manche Räume sind kaum genutzt, damit verschonen sie uns längere Zeit. Jene Zimmer für Besuch oder die Dachböden zum Beispiel.« Unwillkürlich schweifte Amiras Blick zum Haupttrakt, dessen Dach eine gläserne Kuppel zierte.
»Und all das gehört wirklich Nida Herzensgold?«
»Alles bis zum Rande des Waldes«, erklärte Amira, »besitzen Herzog Zayn und sie.«
»Nidas Gemahl! Ich hörte, sie sei gar nicht seine erste Ehefrau.«
Amira spürte, wie sich ihre Brust zusammenzog und antwortete nur: »Das ist wahr.«
»Wie geschah das denn? Die Meisterin der Transitionsmagie und die eine Frau, die es sich wohl als einzige im Land aussuchen konnte, nahm sich einen, der schon einmal verheiratet war?«, Yuval schien wahrlich erstaunt, »Sogar königliche Verehrer hatte sie damals. Gefiel ihr Zayn so gut? Ich hörte ja auch, er sei stattlich.«
»So einfach war es nicht gewesen«, erwiderte Amira zögerlich und versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, wie sehr Yuvals Fragen sie trafen. Da erreichten sie den Essensraum.
Mit ihnen traten zwei andere Mägde ein. Die übrigen Bediensteten, unter ihnen der Provisor und die anderen der höhergestellten Dienerschaft, waren bereits anwesend. Ebenso die niederen Pagen und Mägde, da sie alle gemeinsam aßen.
Im Gegensatz zu Amira trugen die übrigen Mägde dunkelblaue Kleider aus Baumwolle, die ihnen sittsam bis zum Knöchel reichten, darüber eine helle Kittelschürze und ein Häubchen über der Steckfrisur. Die nicht-binären Bediensteten trugen unter den Kitteln Pluderhosen und weite Hemden, die an den Hüften mit einem Gürtel gehalten wurden. Vor allem jetzt im Sommer erschien Amira dieses Ensemble von Vorteil. Die Burschen hingegen trugen enge Hosen und helle Hemden, darüber schlichte Westen. Die männlichen Pagen gingen ebenfalls in figurbetonten Hosen, dazu dunkelblaue Livreen mit silbernen Knöpfen und Säumen.
Einzig der Provisor und der Jäger kleideten sich in modische Dreiteiler in Schwarz und Grau, die Amira zu eng und für dieses Wetter auch zu warm vorkamen. Aber niemand käme wohl umhin, zuzugeben, wie schick sie darin aussahen. Die Gewandung des Provisors komplettierte überdies ein Hörgerät am linken Ohr. Früher hielt er sich ein Sprachrohr an seine Hörmuschel, wann immer ein wichtiges Wort an ihn ging. Letztes Jahr jedoch ließ ihm die Herrschaft eines dieser neuen Geräte aus Porzellan und Metall anpassen, das er sich auf die Ohren stülpte. Doch nun, zum Mittag, legte er es sichtbar ab – Pause hieß für ihn, auch nicht dem Getratsche der Dienerschaft lauschen zu müssen.
Als einzige Frau trug die Gärtnerin in diesem Haus Hosen, wenngleich eine weite Form, die von hinten wie ein Rock aussah. Fuhr sie aus, um Besorgungen zu erledigen, musste auch sie ein hochgeschlossenes Kleid oder Brusttücher über dem Ausschnitt tragen. Amira hätte gerne wie die Köchin ein dünnes, dunkles Arbeitskleid bekommen, dazu leichte Schuhe. Doch es ward ihr keine Wahl gelassen, wie sie ihren Körper verhüllte.
Die Gärtnerin half ihrer Frau, der Köchin, gerade den Topf auf den Tisch zu stellen und sofort stürzten sich die Knechte, Feldarbeiter und der Jäger auf den Inhalt.
Frauen und die wenigen nicht-binären Personen nahmen Abstand, bis die Schüsseln der Männer und Jungen gefüllt waren.
Nur Marwan stand geduldig zwischen beiden Seiten, und als er Amira sah, streckte er seine Hand aus, auf dass sie zu ihm kam.
»Schwesterchen«, er sah zärtlich zu ihr herab.
Seine Haut war vom gleichen Goldbraun wie die ihre, das Blauschwarz seiner Haare schillerte im Lichte der hereinfallenden Sonnenstrahlen. Marwan war nur wenige Minuten jünger als sie, doch sein Gesicht nicht mehr so kindlich wie das ihre. Erste Zeichen der baldigen Volljährigkeit zeigten sich, einzelne Bartstoppeln und ein markantes Kinn, wenngleich sein Körper pummelig wie der ihre war. Wie jeden Tag trug er seine schwere Jacke, die seine Schultern breiter erscheinen ließ, über dem ergrauten Hemd. Auch ihm war keine neue, vornehme Kleidung gestattet worden. Der einstige Erbe dieses Herzogtums lief herum wie ein Bettler.
Immer, wenn Amira ihren Zwillingsbruder begrüßte, erwärmte sich ihr Herz und unweigerlich lächelte sie. »Brüderchen! Wie war dein Morgen?«
»Mühevoll. Doch bin ich gewiss, das viele Holzhacken hat mir nur mehr Muskeln verschafft. Jetzt habe ich Hunger wie ein Wolf!«
Die ersten Männer schmatzten laut, manche steckten ihren Löffel direkt in den Kochtopf. Davon hielt der Provisor sie nicht ab, der hatte sich mit seinem vollen Teller an den Kopf des Tisches gesetzt und warf nur strenge Blicke in Richtung der tuschelnden Frauen. Nicht mehr lange und es wäre zu wenig Essen für alle übrig.
Wie oft hatte Amira vorgeschlagen, dass männliche Dienstboten getrennt von der restlichen Dienerschaft dieses Hauses aßen? Immerhin waren die Frauen diejenigen, die das Essen zubereiteten; es wäre ein Leichtes, das Gekochte aufzuteilen. Doch die Köchin und die Gärtnerin winkten jedes Mal ab. Der Vorrang der Männer gehöre zum Anstand. Es sei schließlich schon immer und in allen Häusern so zugegangen. Warum mussten ausgerechnet sie etwas ändern? Und wohin denn sollten die Männer zum Essen gehen, wenn nicht in den Aufenthaltsraum? Nein, sie hätten wahrlich wichtigere Sorgen!
Während Amira dabei zusah, wie sich die meisten der Kerle hemmungslos bedienten, verbot sie sich, wie so oft, Wut in sich aufsteigen zu lassen. Ein Umstand, den Mädchen zusammen mit dem Laufen und Sprechen lernten und den ihr, neben vielen anderen Fertigkeiten, einst ihre Gouvernante beigebracht hatte. Ihre Wut lag vergraben im hintersten Winkel ihres Bewusstseins, bedeckt von einem Berg damenhafter Höflichkeit. Statt des Ärgers empfand sie eine tiefe, dunkle Leere, die sich mit lähmender Traurigkeit füllte. Ihr Kummer und jenes Gefühl der Machtlosigkeit waren schon vor Jahren in Passivität umgeschlagen.
Wie bei den anderen Frauen, die dankbar für das Bisschen zu sein schienen, was sie bekamen; wie die Gärtnerin und die Köchin, die als Bürgerliche wenigstens zusammenleben durften. Nicht alle Hausherren erlaubten gleichgeschlechtliche Liebesbeziehungen. Würden sie gegen Ungerechtigkeiten wie den Nahrungsmangel aufbegehren, könnten sie dann ihr winziges bisschen Glück nicht verlieren? Lieber den Kopf unten halten und das Tagewerk hinter sich bringen, nur ein Tag nach dem anderen. Ein Überlebensmechanismus, den Amira sich seit ihrer Verbannung in die Dienerschaft abschaute.
Sie sah Marwan an, dass er an ihrer statt wütend wurde. Zu oft reichte das Essen für die Frauen und jene, die Rücksicht auf sie nahmen, nicht.
So verlangte er auch heute: »Wollt ihr uns wohl etwas übrig lassen!?«
Ein paar der Männer sahen auf und für eine Sekunde blickten einige der Jüngeren betroffen. Die Feldarbeiter starrten in ihre Schüsseln und aßen weiter, ohne sich einzumischen. Einer der Pagen zwang sich zu einem Lachen und stieß einen anderen an.
In einer demonstrativ langsamen Bewegung setzte der Provisor sich sein Hörgerät ein und fixierte Marwan mit Blicken.
Dann grinste auch der Jäger und schüttelte den Kopf: »Hört hört, der gefallene Prinz mahnt einmal mehr!«
Daraufhin stimmte der Pferdeknecht ein: »Lauf und beschwere dich bei deiner Stiefmutter über all die Ungerechtigkeit in ihrem Hause!«
»Oder besser noch beim Herzog selbst, der sich für diese Ehe verkaufte«, rief der Provisor, »Euer Gnaden versteht gewiss dein Problem!«
Amira sah, wie Marwan den Kiefer anspannte, und sie hörte hinter sich das Getuschel. Sie machte Yuvals Stimme aus. Sier ließ sich erklären, was die Worte der Männer bedeuteten. Amira fühlte erneut eine freundlich gereichte Hand durch die Finger schlüpfen, als ihr klar wurde, dass sier nun erfuhr, wer Marwan und sie waren und dass sie danach niemals befreundet sein konnten.
Doch ehe der Missmut hervortrat, atmete Amira durch und sah die Männer direkt an.
Zwei von ihnen spürten ihre Blicke und fixierten sie.
»Was hast du auf dem Herzelein? Willst auch du uns ermahnen?«, fragte der eine.
»Oder uns verpetzen?«, wollte der andere wissen, schob seine Brille zurecht und beäugte sie ganz genau.
Amira schüttelte den Kopf und sagte ruhig: »Ich appelliere allenfalls an euren Anstand.«
Der Provisor erhob sich langsam und kam auf sie zu. Sofort stellte sich Marwan vor sie.
Ihr Gegenüber schnaubte amüsiert, bevor er blaffte: »Ihr seht beide nicht so aus, als bekämet ihr zu wenig.«
Amira hielt Marwan am Ärmel seiner Jacke fest und auch sich selbst im Zaume, als sie einige der Frauen hinter sich lachen hörte. Sie war die Anfeindungen so leid.
Erinnerten sich die Anderen denn gar nicht mehr an die schöne Zeit, als sie hier aufgewachsen war? Dachten sie niemals an jene Tage zurück, als sie die erstgeborene Prinzessin dieses Hauses war? Hielt der Provisor es tatsächlich für klug, so mit ihr und ihrem Bruder zu sprechen, wo doch noch gar nicht feststand, ob sie wahrhaft enterbt werden würden?
Vor gar nicht so vielen Jahren hatte er sie mit Euer Gnaden angesprochen und ihr stets die Tür aufgehalten. Wie normal es ihr damals vorgekommen war, satt zu sein, ehrfurchtsvoll behandelt zu werden und in Kunst und Kultur unterrichtet zu werden.
Ihr Bruder rührte sich unter ihrem Griff, doch ehe er etwas sagen konnte, streichelte sie seinen Rücken und flüsterte ihm ins Ohr: »Lass gut sein, das bringt nichts.«
Nur widerwillig schwieg er und wandte sich ihr zu.
»Komm, es wird ohnehin nicht mehr für uns alle ausreichen, lass es den anderen!«
»Aber ich sterbe vor Hunger!«, erwiderte er, als sie Richtung Türe deutete.
Amira spürte Yuvals Blicke auf sich und ihre Wangen brannten vor Scham. »Lass uns einfach zu ... du weißt schon wem, gehen.« Damit zog sie ihn aus dem Raum.
Als sie an den Kräuter- und Blumenbeeten vorbei ums Haus liefen und die bodentiefen Fenster des Herrschaftsbereiches erreichten, rief Marwan schließlich: »Ich komme mit, weil ich zu hungrig bin, um mit dir zu streiten. Doch das Gebettel habe ich so satt!«
»Es ist kein Betteln, wenn es der eigene Vater ist!«, erwiderte Amira.
Ihre Silhouetten spiegelten sich im blank polierten Glas der Fenster, zwei rundliche Sechzehnjährige, hellbraune Haut, schwarzes glattes Haar, kindliche Gesichter. Marwan überragte Amira um einen Kopf, doch beide maßen in der Länge weit weniger als Gleichaltrige. Ihre Kleidung war abgetragen, die Stiefel alt, aber sauber und mühevoll geflickt. Sie besaßen weder Seide noch Pelz, keine bodenlangen Reifröcke, Korsetts oder steife Westen. Nichts an ihnen sah nach Prinz und Prinzessin eines Herzogtums aus.
An einem Fenster blieb Marwan stehen und auch Amira hielt inne, als sie seine Schritte nicht mehr hörte. Er besah sein Spiegelbild, zog den Bauch ein und fuhr sich über das Gesicht. »Wohl nicht gut genug, um einer Prinzessin den Hof zu machen, noch nicht.«
Amira seufzte. Bis vor wenigen Jahren hatte sie, wie alle Damen Primärreichs das Pflichtgefühl besessen, sich gut zu bilden und eine passable Braut zu werden. Sie wollte und sollte es als Ehre ansehen, ihrer Familie mit einer respektablen Heirat zu helfen.
Auch Marwan war jene achtbare Erziehung zuteilgeworden, die darauf abzielte, dieses Haus zu führen, an seiner Seite eine gut situierte Ehefrau, die in seinem Sinne waltete. Mit ihrem Familiennamen und ihrer Ausbildung hätten sie große Vorteile auf dem Heiratsmarkt genossen. Aber nun, entwöhnt von Kultur und Komfort, bezweifelte Amira, dass je wer auf sie aufmerksam werden könnte.
»Für mich bist du jedenfalls der netteste Junge der Welt!«, sagte sie und er lächelte gequält.
Anders als sonst ließ er nicht verlautbaren, dass er lieber ein großer, starker Mann wäre als ein netter Junge. Er nahm ihre dargereichte Hand und folgte ihr.
Sie gelangten zur Terrasse, die von den Gemächern seiner Durchlaucht abging. Ihnen bot sich die Aussicht auf die Weinberge ins Tal hinab, dahinter die Hauptstadt, auf direktem Wege etwa eine Stunde zu Pferde entfernt oder in gut fünfzehn Minuten mit einem Sonnengleiter[Fußnote 4] erreichbar.
Amira zögerte, ehe sie an die Glastür klopfte. Sie wusste, solange Nida nicht in der Nähe war, bestand die Möglichkeit, dass ihr Vater ihnen helfen würde.
In den ersten Jahren seiner zweiten Ehe hatte er sich gar zwischen sie und seine Frau gestellt, beschwichtigt und beruhigt. War die Herzogin auf Reisen, durften die Kinder auf seinem Schoß sitzen, jeweils auf einem Bein. Er knuddelte mit ihnen, küsste ihre Stirn und sagte, dass sie trotz allem doch gut geraten wären. Fast dreizehn Jahre später waren seine Umarmungen bloß eine bittersüße Erinnerung.
Als sich auf das Klopfen hin im Raum nichts rührte, schürzten die Geschwister ihre Hände über den Augen und spähten durch das Glas, so sahen sie Zayn aus dem Schlafzimmer kommen. Nur mit gutem Willen waren Ähnlichkeiten zu ihnen erkennbar: Ihr Vater erfreute sich an einer hochgewachsenen Gestalt, eines markanten Gesichtes und hohen Wangenknochen. Seine Haut war wie glatter, heller Sandstein, die Augen bernsteinfarben und er nannte eine dunkelbraune Lockenpracht sein Eigen, die sich einzig bei Marwan als eine leichte Naturwelle zeigte. Zayn erkannte seine Kinder, warf sich eilig ein Hemd über seine breiten Schultern, öffnete die Terrassentür und blickte auf sie herab.
»Ihr schon wieder!«
Andere in ihrem Alter waren erwachsen, dachte er sich, verheiratet, bekamen längst eigene Kinder. Aber diese hier ... tumb wie ihre Mutter!
Elfida, die einzige Tochter einer schwerreichen Familie aus Windmagierinnen und Winzer*innen. Die ihn, Zayn, nicht nur wegen seiner Statur, sondern aus für ihn unerfindlichen Gründen, um seiner selbst geliebt hatte. In Nostalgie schwelgend, kam er nicht umhin, einen liebevollen Unterton in seine Stimme zu legen, als er die Zwillinge nun fragte: »Habt ihr denn nichts vom Frühstück abbekommen?«
»Wir bekamen keines, Vater!«, erklärte Amira.
»Für uns blieb einmal mehr nichts übrig, wissen Sie? Es sind schwere Zeiten für das Haus, nachdem Nida die bekannteste Hexe in ganz Primärreich ist«, setzte Marwan ironisch nach, »und das Gut offenbar nur wenige Silbertaler erwirtschaftet!«
»Nenn deine Stiefmutter nicht Hexe!«, erwiderte Zayn. »Ein Haushalt ist nicht leicht zu führen und die Dienerschaft sollte mehr Dankbarkeit für all die Dinge aufbringen, die die Herzogin ihnen und unserem Gut durch ihre Berühmtheit bescheren kann.«
Kaum hatte er diese Worte ausgesprochen, traf ihn einmal mehr sein schlechtes Gewissen, seine Kinder so behandelt zu sehen. Jenes abscheuliches Gefühl, das er hasste und, so gut er konnte, wegschob. Er trat zurück ins Zimmer, um sie einzulassen.
Normalerweise hätte er ihnen einen Laib Brot und etwas Obst in die Hände gedrückt und sie fortgescheucht. Aber heute, am Todestag seiner ersten Frau, brachte er das nicht übers Herz.
Er spürte seines Sohnes Blick über die polierten Möbel, die herumliegenden Kleider, das ungemachte Bett und nicht zuletzt den reich gedeckten Frühstückstisch im vorderen Bereich seiner Wohnräume schweifen. »Wahrlich, das Haus Herzensgold hat allen Grund, sein Gesinde knapp zu halten!«, sagte Marwan bissig.
»Geht, esst!«, rief Zayn nur und schwenkte die Hand Richtung Tisch.
»Setzen Sie sich zu uns?«, fragte Amira hoffnungsvoll.
Warum bot sie ihm das stets wieder an? Nach allem, was vorgefallen war, schien seine Tochter noch immer an ihm zu hängen. Erinnerungen an Tage, als sie ihm bis ans Knie gegangen war, kamen ihm in den Sinn. Als sie Elfida noch nicht so ähnlich gesehen hatte. Der Gedanke traf ihn kalt und er schüttelte sich.
»Ich habe schon gegessen«, antwortete er schlicht.
Ehe ihnen einfiel, vorzuschlagen, dass er sich dennoch dazu setzen könnte, wandte er sich zu seinen Sachen auf dem Boden und merkte dann erst, dass darunter auch Nidas Kleider lagen. Heute Morgen war sie nur von einem Handtuch bedeckt aus seinen Zimmern entschwunden. Er wünschte, er sei wach genug gewesen, sie aufzuhalten, sie zurück in seine Arme zu ziehen. Ihr wohlgeformter Körper, schön wie in der Hochzeitsnacht. Als er nach dem seidenen Unterkleid griff, spürte er Marwans Blick auf sich.
»Was ist denn Junge, keinen Hunger?«
»Wie ein Bär, Vater!«
Jedes Wort wie ein Schuss auf Zayn, doch er entschied, es zu überhören.
»Selbst heute?«, fragte sein Sohn als Nächstes mit Blick auf den Hauch von nichts in Zayns Händen.
Warf Marwan ihm ernsthaft die Erfüllung der ehelichen Pflicht vor? Erwartete er, dass er Nida das Bett verwehrte, nur weil Elfida heute vor sechzehn Jahren verstorben war?
»Das ist nicht deine Sache. Lass mich in Frieden!«
Er würde sich vor seinen Kindern gewiss nicht rechtfertigen! Doch anstatt ihnen, die wie Gesinde gehalten wurden, im Ärger zu befehlen, die Sachen wegzuräumen, läutete er nach dem Kammerdiener.
Er ließ sich ankleiden und setzte sich in seinen Sessel am Fenster, von wo aus er die Zwillinge beobachtete, während der Bedienstete die Unordnung beseitigte. So verbrachten sie das Frühstück in einem unangenehmen Schweigen.
Amira hatte sich Pfannkuchen und Himbeersoße aufgetan. Sie aß langsam, mit gepflogenen Tischmanieren. Dafür, dass sie so hungrig sein musste, hielt sie tapfer ihre gute Erziehung hoch, die ihr, bis sie dreizehn wurde, zuteilgeworden war. Marwan nahm sich vom gerösteten Gemüse, vom Brot und dem Haferbrei.
Beide rührten den Speck und die Wurst nicht an, als wären sie pflanzenfressende Waldtiere, Rehe und Hirsche, spottete Zayn insgeheim. Da kommen sie ganz nach der Bagage ihrer leiblichen Mutter! Eine Bande naturliebende Zärtlinge.
Aber ihr Verständnis für die Gesetze der Natur hatte diese Familie immerhin erfolgreich Wein anbauen und veredeln lassen und sie über Generationen reich gemacht. Dank ihres Reichtums, der durch die Hochzeit auf Zayn übergegangen war, konnte er nach Elfidas Tod um seine Jugendliebe werben.
Er ließ die Kinder essen und trinken, aber als er die Glocke hörte, die die Rückkehr seiner Frau und seiner zweiten Tochter ankündigte, drängte er zur Eile. »Nehmt euch etwas mit, hier die Kekse, hier Kind, steck’ die Äpfel in deine Schürze. Nun geht, ehe die Herzogin euch sieht.« Er schob sie zum Bedienstetentrakt durch die unauffällige Tapetentür hinaus, denn von der Terrasse aus war der Empfangshof zu sehen und wenn Nida gerade in dem Moment aus dem Fenster der Kutsche sah ...!
Amira lief an Marwans Hand durch den Schleichgang der Bediensteten, bis sie an einer kleinen Tür ankamen, die sie zu den hinteren Treppen führte. Anders als die übrige Dienerschaft, deren Wohnräume im Untergeschoss auf der Seite des Arbeitshofs und im Keller des Westflügels lagen, wohnten die Zwillinge in einem Verschlag unterm Dach. Deswegen stiegen sie nach oben, liefen an Kisten mit Tand und eingemotteten Möbeln, den mobilen Kohleöfen für den Winter, und anderem Vergessenen vorbei, in den hintersten Teil des Speichers. Marwan wischte hier oben oft Staub, damit Amira nicht niesen musste, und sie übte mehrmals am Tag Luft aus den schmalen Fenstern der Dachschrägen hinauszuleiten, auf dass es nicht zu stickig wurde.
Über eine kurze Leiter gelangten sie in den Hängeboden, in dem sich ihr Bett, ein kleiner Bereich für ihre Schuhe, Kleider und Regale befanden. Sie verstauten das Essen, das sie vom Tisch ihres Vaters mitgenommen hatten, in einem Korb an der Wand, tranken einen Schluck Wasser und prüften vor einem angeschlagenen Spiegel, ob auch keine Essensreste im Gesicht und zwischen den Zähnen hingen.
Amira strich über ihre unreine Haut und seufzte. Marwan knuffte sie liebevoll: »Die Pickel gehen von alleine weg, wenn wir groß sind. Und dann gewinnen wir Preise als die schönsten Zwillinge im ganzen Reich! Der König wird uns einladen und seine Tochter, dieser bezaubernde Feuerkopf, wird sich in mich verlieben und dir wird der Prinz verfallen und wir leben bis zu unserem letzten Tag in Saus und Braus.«
»Ihren Bruder, diesen eitlen Tizian, will ich nicht. Bring mir einen blonden Netten!«
»Aber du musst den Prinzen heiraten!«, erwiderte er, seine Mundwinkel zuckten im gespielten Ernst, »sonst wohnen wir nicht mehr zusammen und was wäre ich ohne dich, Schwesterlein?«
Amira pikste in seine Seite und er stieß die Luft aus. Doch er schaffte es nicht, zurück zu piksen, weil sie ihm elegant auswich und eine seichte Bö in sein Gesicht schickte, um seinen Schwung zu bremsen.
»Meine Schwester, ich verneige mich vor Eurer Macht!«, rief er und verbeugte sich in einer spöttischen und gleichfalls höfischen Art, wie nur er es beherrschte und sie damit immer wieder amüsierte.
Amira knickste daraufhin anmutig und erwiderte: »Euer Gnaden!«
Da gaben sie sich einen Wangenkuss, kletterten die Leiter hinab und rannten hinunter in den Hof, denn wenn sie zu spät zu ihrem Nachmittagsdienst kamen und jemand das Nida berichtete ... Es war besser, die Stiefmutter hörte so wenig wie möglich von ihnen.
Wie immer, wenn die Sonne um das Haus gezogen war, holten sie die fluoreszierenden Pilze in ihren Töpfen aus dem Vorratsraum, wässerten sie und stellten sie neben den Gemüsebeeten in den Halbschatten.
»Sie dürfen im seichten Licht baden und faulenzen und haben ein besseres Leben als wir, denn sie werden nicht geschlagen und gestoßen, wenn sie nur in die Nähe der Herzogin kommen«, sagte Marwan.
Amira stupste ihn sanft an und erwiderte: »Dafür müssen sie aber auch des Nachts Dinge beleuchten, die wir niemals sehen wollen.«
Ihr Bruder lachte und legte den Arm um sie, sodass sie sich geborgen und sicher fühlte. Fast so warm wie damals, wenn ihr Vater sie umarmt hatte.
Eine Erinnerung glomm vor Amiras innerem Auge auf. Marwan der ihr, seit sie laufen konnten, wie ein schützender Schatten folgte. Der sich, jedes Mal, wenn Nida die Wut ergriff, vor sie stellte und die meisten Schläge abbekam. Schon damals kaum größer als sie, in ebenso seidenen Kleidern. Später brachte er ihr bei, sich wegzuducken und im richtigen Moment fortzurennen. In den ersten Jahren fanden sie im Zimmer ihres Vaters Zuflucht. Aber seitdem Kaya da war, versiegte Zayns Liebe zu ihnen und nur ihr Dasein im Verborgenen schützte vor Nidas Ausbrüchen.
»Allein wie sie uns aus der Ferne ansieht!«, Marwan schüttelte sich bei dem Gedanken an Nidas schneidende Blicke. »Sie hasst uns bis aufs Blut.«
»Es lebt sich leichter, seitdem wir ihr aus dem Weg gehen«, erinnerte Amira ihren Bruder, als sie sich an seine Schulter schmiegte, »seitdem wir gute Arbeit leisten und uns unser Brot verdienen.«
»Und die kleine Schwester sitzt in Taft und Seide unter der Glasglocke, macht den ganzen Tag keinen Finger krumm und bekommt die herrlichsten Speisen.«
»Gräme dich nicht, Brüderlein, dafür hat Kaya es in anderen Dingen schwer. Ich wollte auch nicht zaubern, hätte ich mir selbst so sehr wehgetan und wenn alle Welt von mir verlangte, die monumentale Macht meiner Mutter zu übertrumpfen.«
Marwan blickte über ihren Schopf in die Ferne und zuckte dann mit den Achseln. »Darüber habe ich nie nachgedacht. Magie, Bürde, Mädchenkram! Wenigstens hat Kaya eine Mutter.«
Amira löste sich von ihm und verwuschelte liebevoll sein kurzes Haar. Da wurden sie beim Namen gerufen und die Gärtnerin zeterte, der Garten würde sich nicht von alleine herrichten. So eilte Amira herbei, um ihr zur Hand zu gehen, und ihr Bruder wurde zu den Hühnerställen geschickt.
Während die Gärtnerin zusammen mit zwei anderen Dienerinnen mittels der behäbigen Erdmagie eines der Felder umgrub, stellte Amira Hasenfallen um die vorderen Beete auf und zupfte Unkraut.
Marwan brachte stinkenden Hühnermist herbei, düngte die Pflanzen und fluchte dabei fürchterlich. Wenn ihm etwas von der aristokratischen Erziehung geblieben war, so gelang es ihm in solchen Momenten sehr erfolgreich, sie zu verbergen.
Amira hingegen behielt tapfer ihr ungerührtes Gesicht bei und arbeitete still vor sich hin. Als die Köchin sie losschickte, um Brennnesseln zu pflücken, verzog sie keine Miene. Sie zückte das winzige Taschenmesser, das sie an ihrem goldenen Strumpfbändlein befestigt hatte, schützte ihre Hände mit dem Stoff ihrer Schürze, und machte sich an die Arbeit.
Auch später, als sie die Blätter eben jener Nesseln abzupfen und zerkleinern sollte, gewährte man ihr keine Handschuhe. So tat die verstoßene Prinzessin, was sie bereits bei der Ernte getan hatte, und ertrug durch die Schürze kommende Stiche der Blätter.
Als die Köchin hinausging, um Eier zu holen, spürte Amira jedoch, wie eine Frische ihre Haut streifte und sah, wie sich eine dünne Schicht aus Wasser über ihre Hände legte und die wunden Stellen angenehm kühlte.
Ungläubig blickte sie zu Yuval hinüber, dier Kartoffeln kochte und gleichzeitig Fisch dämpfte und so tat, als habe sier nichts damit zu tun.
Abends im Bett fragte Amira sich, ob sie sich die Hilfe der Wassermagier*in nur eingebildet hatte.
Doch wer sollte es denn sonst gewesen sein?
Die frischgewaschene Schürze hing neben den verschwitzten Kleidern am offenen Fenster. Amira atmete aus und ließ ihr Mana frei. Den ganzen Tag hielt sie es unter Verschluss, so wie sie auch ihren Bauch einzog.
Ihre spirituelle Energie waberte wie unsichtbarer Nebel um sie herum. Mondhexen und Formwandlerinnen konnten das Mana anderer Menschen sehen, alle anderen Personen nahmen es allerdings als Aura wahr. Vor allem Männer waren gut darin, sich an freiem Mana zu stören. Es wäre nicht damenhaft, so viel Raum einzunehmen, wenngleich dieser körperlos war. Einzig Marwan ermutigte sie, ihr Mana freizulassen und durchzuatmen.
Sie saß auf ihrem gemeinsamen Bett und salbte ihre Hände, während die kühlende Creme einzog, leitete sie mit geübten Fingerbewegungen die Luft durch die Wäsche und dann durch Spielzeuge, die Marwan ihr geschnitzt hatte. Kleine Kugeln, Kuben und andere Gebilde mit Flötenlöchern, die sie in der Luft über ihrem Bett tanzen ließ und ihnen so eine Melodie entlockte.
»Das klingt wirklich schön«, sagte ihr Bruder, der sich das Oberteil seines Nachtgewandes anzog.
Seine schwere Jacke lüftete neben seiner übrigen Oberbekleidung am Fenster. Er holte seinen Schatz, Waldmärchen, aus der Innentasche. Im Gegensatz zu jenen Legenden, von Königssöhnen, die Prinzessinnen vor Drachen retteten, handelten die Kindergeschichten in diesem Büchlein von Tierfreundschaften. Damit es Marwan nicht wie alles andere, was einst seiner Mutter gehörte, weggenommen werden konnte, trug er es Jahr ein, Jahr aus in der Jacke mit sich, nachts versteckte er es unter seinem Kopfkissen.
Er legte sich neben seine Schwester, blätterte ein wenig durch die Seiten, verweilte bei seinen liebsten Illustrationen und dem Einband, auf dem in geschwungenen Lettern der Name ihrer Mutter stand.
Amira spielte weiter mit der Luft und erzählte ihm, dass sie glaubte, Yuval habe ihr vorhin geholfen.
»Dier Wassermagier*in?«, fragte er, steckte das Buch weg und verschränkte die Arme hinter dem Kopf.
Sie nickte und während sie gedankenverloren Windmusik spielte, flüsterte sie, als wäre es unschicklich: »Eine magische, nicht-binäre Person, die erste, die ich je traf. Es gibt auch Männer mit Mana, nicht wahr?«
»Ja«, erwiderte er, »doch ich begegnete im Leben noch keinem.«
Sie betrachtete ihn aus dem Augenwinkel. »Wenn du nie einen trafst, wie bist du so sicher, dass es sie gibt?«
»Die anderen Kerle erzählten davon«, erwiderte er, »sie treiben sich gerne in der Residenzstadt herum, ich durfte ja nie mit. Dort gibt es illegale Wettbewerbe, auf denen magische Männer zur Belustigung normaler Mannspersonen auftreten. Die meisten verfügten aber nicht über so viel Mana, wie eine vollkommen durchschnittliche Frau, heißt es.«
Unter tausend Männern besaß nur einer Mana, aber immerhin eine Person unter hundert nicht-binären. So verfügte unter einhundert Frauen jedoch nur eine über gar kein Mana. Diese Formel hatte Amira als Kind gelernt. »Die Magie wählt sich den Menschen.«
Marwan kaute auf seiner Unterlippe, wie immer, wenn er nachdachte. »Ich stelle es mir als weibliches Merkmal vor. Dass es als solches gilt, aber sich eben verhält ... wie Brüste!«
Sie sah ihn an, ohne die Melodie der Luftinstrumente zu verlieren, wenngleich die Musik in ihrem Staunen ein bisschen schiefer klang.
Marwan holte Luft: »Brüste gelten als etwas Weibliches. Aber nicht alle Frauen haben sie. Manchmal haben Männer welche. Ebenso ist es mit der Magie.«
Amira hob, als sie sein bedeutsames Gesicht sah, eine Hand an den Mund, um ihre Belustigung zu verbergen, während die andere weiter mit der Luft spielte. Und als sie den Geruch der Salbe wahrnahm, die tröstend ihre Brennnesselstiche bedeckte, dachte sie an die Linderung ihrer Schmerzen und jene Person, die sie ihr verschafft hatte. Nicht-binäre Menschen waren die einzigen, die ihr Mana nicht unterdrücken mussten; für Frauen galt es als unschicklich, für Männer als gesellschaftlicher Ruin, dieses weibliche Merkmal zu zeigen.
»Yuval hat kleine Brüste. Doch dafür viel Mana in sich, wenn sier auch so gezielt meine Hände kühlen kann, ohne dass es sonst jemand merkt.«
»Warum sollte sier das tun?«
»Vielleicht ist sier ein aufrichtiger Mensch und gibt wenig auf das Gerede Anderer. Als nicht-binäre Person mit Magie weiß sier wohl leider, wie es ist, geschmäht zu werden.«
Ihr Bruder lächelte. »Es würde mich freuen, fändest du ein*e Freund*in, aber erwarte nicht zu viel.«
»Tue ich nicht!« Amira ließ die Spielzeuge auf die Bettdecke fallen, wo sie sie von Hand einsammelte, in einen Beutel legte und zurück unter ihr Kissen schob. »Aber wie sollte ich siese Handlungen sonst verstehen, wenn nicht als Akt der Freundlichkeit?«
»Spätestens sobald Nida es merkt, dass uns jemand wohlgesonnen ist ...«
»Nun lass doch, Brüderchen.«
»Ich will nur nicht, dass du verletzt wirst.« Er klopfte aufs Kissen, damit sie sich ankuschelte.
»Was hast du vorhin gemeint?«, fragte sie ihn unvermittelt, »als wir beim Vater waren. Warum sollte er letzte Nacht nicht die Stiefmutter empfangen?«
»Respekt. Wenigstens ein bisschen.«
»Wegen Mutter?«
»Ja, heute ist immerhin ihr Todestag.«
Marwans Stimme bebte, er schloss die Lider. Auch Amira spürte die Lücke, die ihre Mutter hinterlassen hatte, wenngleich sie das Gefühl des Verlustes nicht greifen konnte. Sie hatte sie nie kennengelernt.
»Heute ist nicht nur ihr Todestag«, erwiderte sie, »es ist auch, du weißt ...«
Er sah sie überrascht an, in seinen Augen glitzerten Tränen. »Du hast recht, es entfiel mir völlig!«
»Jedes Jahr aufs Neue«, sie lachte und gab ihm einen Kuss auf die Nase. »Alles Gute zum Geburtstag!«
»Dir auch, Schwesterchen.« Er küsste ihre Stirn und sah zur Decke. »Sind wir also sechzehn, bald erwachsen! Was meinst du, wann Nida uns verkauft? Oder anderweitig loswird? Damit der Weg zum Erbe für ihr eigenes Kind frei werde.«
Amira antwortete darauf nicht, lehnte sich an ihn und schloss die Augen. »Erzähl mir eine Geschichte.«
Marwan ließ sich kein zweites Mal darum bitten, dieses Thema nicht weiter zu vertiefen. Dank des Waldmärchenbuches hatte er schon früh im Leben Inspiration für allerlei farbenfrohe Fluchten in den Dunklen Wald gefunden. »Ich habe eine Gute. Fiel mir vorhin ein, als wir die Schweine gefüttert haben.« Er holte Luft. »Im Dunklen Wald, da leben nicht nur Bestien und Hexen, da leben auch gewöhnliche Tiere. Rehe, Wildschweine und natürlich Fische in den Bächen. Und so trug es sich zu, dass eines Tages ein Frischling mit einer Forelle Freundschaft schloss.«
Amira kicherte und kuschelte sich näher an ihren Bruder, der erzählte und erzählte und wie immer den Dunklen Wald wie ein Paradies erscheinen ließ. Frische Beeren, sättigende Pilze, Bienen, die sie mit Honigtropfen fütterten. Wenn sie nur gefährliche Stellen mieden, solche die Hexen und Ungeheuer bewohnten, lebten sie im Dunklen Wald gut. Jene, die reinen Herzens waren, mussten kein Unheil fürchten.
»Singst du mir ein Schlaflied?«, fragte sie am Ende.
»Da schau her«, entgegnete er gespielt brüskiert, »du hast heute viele Wünsche, Schwesterchen.«
»Ich habe ja auch Geburtstag.«
Ihr Bruder lachte geschlagen, ehe er ihr ohne weitere Widerrede das Lied ihrer Kindheit anstimmte.
Leuchtende Pilze tauchten den Raum in ein warmes Lila, das sich mit dem Orange des Feuers im Kamin mischte und auf Nidas nackter, beigefarbener Haut schimmerte. Zayn hatte sie nach ihrer Rückkehr in ihren Gemächern besucht, noch ehe die Dienerschaft zu Ende auspacken konnte. Reisekleider lagen neben jenen Stücken verstreut, die er ihr leidenschaftlich vom Leib gerissen hatte. Nidas Reisenecessaire lag auf dem Schminktisch.
Verträumt summend öffnete sie es, fand ihr Geld und ihre Juwelen sowie Marwans Siegelring und Amiras Tiara unberührt vor. Sowohl der Ring als auch das Krönchen trugen im roségoldenen Muster das Wappen der Familie Herzensgold, einen Schild mit Weinranken und einem Flügelpaar, das die Windmagie darstellte. Der Ring war eher schlicht, die Tiara mit Perlen und Opalen verziert. Von Neuem beschied Nida, dass beides zu schade für diese Blagen war.
Sie betrachtete sich selbst im Spiegel, straffte sich das dunkelblonde Haar um ihr Gesicht und zog so ihre Fältchen glatt. In letzter Zeit arbeitete sie zu viel und war abends zu müde gewesen, sodass sie nicht dazu kam, ihre Magie an sich selbst anzuwenden. Wenngleich niemand je wagen würde, ihr zu sagen, sie solle mehr auf sich achten, schloss sie die Lider, konzentrierte sich und ließ ihre Fähigkeiten wirken.
Als sie die Augen öffnete, waren Krähenfüße und Denkfalte verschwunden, ihre Haut war rosig und hell, wie die einer Zwanzigjährigen, die nie hinausging. Vermutlich war sie die einzige Frau im Primärreich, die aussehen durfte, wie sie wollte: zu alt, zu fett, zu dürr, müde, krank oder gar voller Altersflecken. Nicht einmal der König würde ihr befehlen, sich schmeichelnder zu kleiden oder gar zu lächeln.
Denn sie konnte ihn in einen Frosch und seine ganze Armee in Würmer und Ameisen verwandeln, wenn sie nur schnell und heimlich genug vorging. Das konnte sie jegliche Reputation und am Ende ihren Kopf kosten, aber sie besäße die Macht dazu und dieser Fakt war allen bewusst, selbst denen, die ihr bei der Arbeit auf die Finger schauten.
Sie war die Eine, die Einzige und Beste. Es konnte in der Welt der Männer nur eine Frau an der Spitze geben. Sie würde den Teufel tun, die Stellung an eine weniger begabte Dame abzugeben.
Hadubrand, den König hätte ich auch heiraten können! Sie sah zu Zayn, der im Bett lag, die Decke verhüllte seine Blöße. Aber was sollte ich mit einem König, wenn ich so ein Bild von einem Mann habe?
Sie erhob sich und ging zu ihm. Er schlief tief vor Erschöpfung. Im seichten Licht glitzerte der Schweiß auf seiner festen Haut.
Ein dummer, reicher, schöner Mann, der tut, was ich sage. Nidas Züge umspielte ein Lächeln. Zu Hause muss ich niemandem Rechenschaft ablegen, habe keinen Staatsdiener im Nacken, der meine Handlungen abnickt. Nur hier wird mir jener Respekt zuteil, der mir gebührt!
Sie hüllte ihre schlanke Gestalt in ein luftiges Unterkleid, darüber einen seidenen Morgenmantel, gab Zayn einen Kuss und ließ ihn wissen, dass sie nach ihrer Tochter sehen würde. Er zuckte, aber gehört hatte er sie nicht. Leise ging sie in den oberen Bereich des Hauses und von dort aus zur Kuppel hinauf. Hier war Kayas kreisrundes Kinderzimmer. Das gläserne Kuppeldach wurde tagsüber durch einen Mechanismus verschlossen, damit die Prinzessin vor Sonne und Hitze geschützt war. Jetzt aber bot das Glas freie Sicht auf den Sternenhimmel über ihnen.
Kaya saß in ihrem Hochbett, buchstäblich der höchste Punkt Bundtstadts, der Metropole Primärreichs. In der Ferne sah sie die Straßen der Stadt, noch immer waren Leute unterwegs.
Die Manas der Magischen leuchteten für sie sichtbar, ein buntes Gewirr, das die Nacht neben den Laternen erhellte, ferne Glühwürmchen in rot, blau, grün, lila, rosa und vereinzelt weiß für Luftmagie. Als ihre Mutter das vom Licht der Pilze beleuchtete Zimmer betrat, wandte Kaya den Blick ihres Auges auf sie.
Nida lächelte liebevoll. »Ich komme, um dir gute Nacht zu sagen.«
Das purpurne Mana, das Kaya umgab, war schwach. Nida ermutigte ihr Kind, es in ihren eigenen Räumen freizulassen. Als Formwandlerinnen waren sie dazu fähig, anderer Leute Aura zu sehen, auch wenn diese nicht zauberten. Es konnte nicht vervielfacht werden, es war die Basis zu großer Macht oder zu einem Leben in Durchschnittlichkeit. Dass Prinzessin Kaya, einziges Kind der berühmten Herzogin Nida, so wenig Mana besaß, war eine große Schande, eine unerklärliche Tatsache, die sie totschwiegen.
Kaya kletterte die Leiter runter, um Nida einen Kuss zu geben. Dabei lichtete sich die Strähne, die sie über ihre linke Gesichtshälfte kämmte, wenn sie ihre Augenklappe nicht trug, aber Kaya merkte nicht, wie ihr Makel sichtbar wurde. Nida erschreckte sich nicht vor der leeren Augenhöhle, küsste Kayas linke Wange und richtete sich auf, als sie ihr durch die dunklen Locken fuhr.
»Du weißt, mein Schatz, wann immer du ...«
»Ich behalte es!«, erwiderte Kaya trotzig, strich sich die Strähne über ihr fehlendes Auge und kletterte zurück in ihr Bett.
Der Schmerz in Nidas Brust war der gleiche wie vor ein paar Jahren, als ihre Tochter jener Unfall ereilte, der sie um ihr linkes Auge gebracht hatte. Viel zu jung musste Kaya ihren Formwandel wirken, ihrer Mutter nacheifern und weil sie ein Herz für Tiere hatte, übte sie nicht wie angewiesen mit Echsen oder Käfern, sondern an sich selbst. Die Folgen waren fatal, doch Kaya bestand seither darauf, dass alle ihr Missgeschick, wie sie es nannte, sahen, als wäre es ein Mahnmal, dass sie nie eine gute Magierin werden würde.
Doch Nida liebte ihr Kind; ganz gleich, an was es ihm mangeln mochte. Überdies war sie überzeugt, dass es nur ein wenig Geduld und Übung brauchte, um in Kaya wieder das Interesse für ihre Magie zu wecken und ihr Potenzial voll auszuschöpfen. Neben einer vorteilhaften Heirat war die Ausbildung ihrer Macht für adelige Mädchen der einzige Weg, um sicher zu leben. Nida war überzeugt, Kaya mit ihrem eigenen Lebensstil inspirieren zu können.
In den letzten Tagen hatte sie ihre Tochter mit zu einem reichen Grafen genommen, dessen schwangere Frau eine Erdmagierin war. Von denen gab es viele, Erdmagie setzte sich oft durch. Ihr Baby zeigte Anzeichen von Zauberkraft und hatte den Verdacht erregt, weiblich zu werden. Doch sie wollten einen vollwertigen Erben und als solche galten männliche Kinder. Deshalb hatte das Adelspaar Nida ins ferne Magdeberg rufen lassen, um gegen eine stolze Summe einen Blick in die Seele des Ungeborenen zu werfen.
Das Kind entpuppte sich jedoch als Junge, sodass kein Eingriff nötig gewesen war. Wäre das Urteil anders ausgefallen, hätte Nida gegen einen weiteren nicht unerheblichen Obolus, mittels ihrer Kräfte Einfluss auf die geschlechtliche Entwicklung des Fötus genommen, um das gewünschte Ergebnis für die Eltern zu liefern. Selbstverständlich unter den prüfenden Blicken des stets anwesenden Staatsdieners, der zu solchen Anlässen ebenfalls anreiste, um jede Bewegung der Magierin zu beobachten, und zu Protokoll zu geben.
Nida wies unter den zwölf königlichen Transitionsmagierinnen die höchste Erfolgsquote auf, deswegen galt sie als Meisterin, und darum begleiteten Staatsdiener sie am liebsten. Wie immer hatten sowohl die Eltern als auch der Prüfer Nida gehuldigt und ihr den gebührenden Respekt entgegengebracht.
Welche andere Frau konnte das von sich behaupten? Kaya sollte sehen, welches Leben sie erwartete, wenn sie nur dem Weg der Mutter folgte.
Schon in ihren Jugendjahren war der Obrigkeit Nidas große Macht aufgefallen und so hatte sie sie unter staatlicher Aufsicht perfektionieren dürfen. Formwandel war zwar nicht selten, aber die Kunst, einen fremden Körper zu verwandeln, beherrschten nur die wenigsten von ihnen. Erst durch dieses Können würde aus Formwandel Transition. Es gab auch außerhalb des Hofs jene Transitionsmagierinnen, die Föten von schlechter situierten Familien oftmals unter der Hand behandelten.
Nida kannte und verdrängte die Dunkelziffern der Kindersterblichkeit in der Mittelschicht. Illegale Transitionsmagierinnen, die ihre Kunst gar heimlich ausbildeten, agierten im Zwielicht, um Erwachsene auf ihren Wunsch hin zu verwandeln. Darüber jedenfalls rümpfte die Meisterin nur die Nase. Sie entsprach lieber dem Geheiß reicher Eltern und folgte den Gesetzen Primärreichs. Alle wollten in diesem Land Buben, es blieb ein lukratives Geschäft.
Nida hingegen hatte immer eine Tochter gewollt; eine starke, schöne Tochter. Sie reichte Kaya die Hand und streichelte liebevoll ihren Arm. »Du wirst es eines Tages schaffen, meine Kaya, du wirst deine Magie wiederfinden, wirst berühmt und über dieses Haus und dein Schicksal herrschen.«
Kayas Atem ging bereits gleichmäßig, sie war in der Stille der Gedanken ihrer Mutter unter dem Sternenhimmel eingeschlafen. Nida setzte Körbe über die Pilze auf den Tischen und reduzierte so das Nachtlicht. Noch einmal blickte sie zum Himmel hinauf, ehe sie das Rondell von einem Kinderzimmer, nur vom Mond beleuchtet, betrachtete. An jeden anderen als Kaya wäre dieses Zimmer verschwendet!, dachte sie.
Bis zu seinem Umzug auf den Dachboden war die Kuppel Marwans Reich gewesen. Amira hatte sich des Nachts von ihren Räumen im zweiten Stock, oft in sein Bett geschlichen und die beiden waren gemeinsam eingeschlafen; kuschelnd wie Welpen. Sie durften überall in den Gärten herumtollen, selbst dann noch, als Kaya auf die Welt gekommen war. Sogar Nidas Klagen, sie brauche Ruhe und Raum für sich, sorgte zuerst nur dafür, dass die Zwillinge in ihrer Anwesenheit in abgelegene Bereiche des Hauses gebracht wurden.
Sobald sie jedoch ausgegangen war, konnten die drei Kinder ungehindert auf dem gesamten Gut spielen. Zarte, geschwisterliche Bande begannen zu wachsen. Über kurz oder lang wären die Geschicke der Stiefkinder und ihrer eigenen Tochter vermischt gewesen und kein Verbot hätte etwas an ihrer Zuneigung geändert.
Doch das hatte Nida zu verhindern gewusst. Dieses Zimmer und die Aussicht gehörten jetzt Kaya.
Nida trat ans Fenster und blickte auf Bundtstadt. In der Hauptstadt wohnten gut drei Millionen Menschen, in der angrenzenden Residenzstadt noch einmal eine halbe Million. Primärreich nahm die größte Fläche des Kontinents ein. Der Dunkle Wald und das fast vergessene Vestland im Nordwesten Judiths ergaben zusammen nur etwa ein Drittel der Landmasse.
Primärreich war fruchtbar, voller Felder, Obsthaine, Weiden und Seen, Waldgebiete dicht bevölkert von Wild. Fischfarmen an den Küsten, ehe die tosenden Wellen begannen, die jedes Schiff zermalmten. Das Volk musste seit Jahrhunderten keinen Hunger leiden, die Ernten waren stets reich, die Speisekammern in den Herzogtümern, Städten, Grafschaften und Marken voll. Bauern wie Adelige hatten ein gutes Leben.
Nida hörte Kaya im Schlaf seufzen. Nicht mehr lange und sie müsste sich um ihre Zukunft kümmern. Das hieß, erben oder gut verheiraten. Sie hatte sich für ihr Kind bereits in den Familien, die ihrem Stand entsprachen, umgesehen. Keine war ihr wirklich gut genug. Zayn war der letzte passable Mann gewesen und auch der reichste weit und breit.
Einzig einen Königssohn konnte sie sich für Kaya vorstellen, aber Primärreichs König zeugte nicht eben ansehnliche Prinzen. Außerdem war er unfreundlich und schwer zu lenken. Diese Attribute, jene Mängel, wegen denen Nida ihn damals nicht wollte, gab er nun ärgerlicherweise an seine männlichen Nachkommen weiter. So war natürlich auch keiner von ihnen gut genug.
Sie musste wohl Abstriche machen, wollte sie Kaya gewinnbringend und glücklich verheiraten. Ihre Tochter sollte es einmal besser haben, sich nicht mit Kontrolleuren herumschlagen oder so hart arbeiten müssen – ein wohlsituiertes Haus blieb da die beste Option für ein Mädchen, vor allem, wenn es über so wenig Talent verfügte. Es gab arme Herzogsfamilien, die schöne Gesichter hatten, kluge und arme oder reiche und hässliche. Aber der Einzige, der alle Attribute besaß, der nicht eben hässlich, dazu reich und dumm war ...
Unweigerlich wanderten ihre Gedanken zu Marwan, dem einzigen Sohn ihres Mannes, Prinz von Bundtstadt zur Weinküste. Ihm stünde die Erbschaft des Hauses und der Ländereien zu, zu denen auch die Residenzstadt gehörte und somit all die Einkünfte von der Pacht und der Miete. Sie hatte ihn und Amira vor Kayas Geburt aus reiner Herzensgüte, und weil es Zayn wichtig erschienen war, adoptiert. Heute beachtete ihr Gatte die Zwillinge kaum mehr, das Ergebnis einiger Jahre ihrer geschickten Überzeugungsarbeit. Doch es war noch nicht genug, denn enterbte Zayn seinen Sohn nicht aus hochoffiziellen Gründen, war es unerheblich, wie wenig der Herzog den Prinzen liebte. Titel und all der Besitz würden auf diesen nicht-magischen Klugscheißer übergehen.
Oder, wenn ihm etwas passierte, an die Erstgeborene Amira. Die kleine Magd, die zu nichts als niederer Haushaltsmagie gut war. Auch sie würde bedacht werden, ehe Kaya an der Reihe wäre. Aber diese Windbraut[Fußnote 5] könnte Nida aus dem Weg schaffen, indem sie sie mit irgendwem verheiratete, dem Aussehen nicht wichtig war. Das Problem blieb der Sohn. Wenn sie ihn nicht beseitigte, würde das Kind, das einzig von Zayn geliebt wurde, mittellos bleiben, sobald Nida nicht mehr wäre. Das naive kleine Ding, das sich weigerte, Magie zu üben. Was, wenn sie am Ende für ihre leibliche Tochter keinen dummen, schönen Ehemann fand, der sie vor der Gosse oder einer niederen Heirat bewahrte? Nicht auszudenken!
Nein, am sichersten war es, Kaya behielte die in dieser Familie eröffnete Option, nach dem Paragrafen der pragmatischen Sanktion[Fußnote 6], unverheiratet Titel und Land zu erben. Wäre sie Einzelkind, würde sie vor dem Staatsrecht eine der wenigen Ausnahmen bilden und konnte das auch als Mädchen. Für dieses Problem gab es also nur eine Lösung: Wollte Nida Kaya absichern, musste sie Marwan loswerden.
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Amira lauschte Marwans Atem und sah dabei zu, wie die aufgehende Sonne hinter den Vorhängen das blaue Dämmerlicht der Nacht vertrieb. Dann hörte sie durch das geöffnete Fenster, wie der Provisor das große Hoftor aufsperrte, was hieß, dass sie aufstehen musste, wenn sie sich ungestört im Haus bewegen wollte. Die Küche würde bereits angeheizt werden, bald wurde es Zeit, das Vieh zu versorgen. Die Fensterläden in den Wohnräumen würden geöffnet werden, um das Licht hereinzulassen und zu putzen. Das Frühstück der Herzogin war zu bereiten und die Morgenpost entgegenzunehmen, die um diese Zeit geliefert wurde. Reiche Häuser wie ihres wurden dreimal am Tag von einer Falknerei bedient. Erst nach getaner Arbeit würde es für die höhere Dienerschaft Frühstück geben.
Vorsichtig erhob Amira sich, wechselte die Wäsche, legte Strümpfe und Strumpfbänder an, warf sich ihren Kittel über, schlüpfte in ihre Stiefel und kletterte vom Dachboden herunter. Über die Schleichgänge, in denen zu dieser Zeit kein Betrieb herrschte, gelangte sie zur Bibliothek. Behutsam spähte sie ins Zimmer. Hier waren die Fensterläden noch geschlossen, Dunkelheit verhüllte den stillen Raum. Sie war allein und atmete durch. Dann trat sie über die Schwelle und öffnete die Läden, um den beginnenden Tag einzulassen.
Mit einem Lappen aus ihrer Schürze wischte sie Staub auf den Fensterbrettern und Regalen. Sollte jemand hereinkommen, würde sie das als Ausrede benutzen. Doch sie war aus einem anderen Grund hier: die Zeitung von gestern lag auf dem kleinen Tisch neben dem Sessel am Fenster. Nida stellte das Blatt zur Verfügung, sobald sie es ausgelesen hatte.
Gerade nahm die Herzogin ihr erstes Frühstück im Wintergarten ein, während sie ihre Post durchging und die aktuelle Zeitung las. Danach wäre sie mit ihrer sportlichen Ertüchtigung beschäftigt. Nida war immer so früh auf den Beinen, hielt ihren Körper wendig und erfüllte ihre organisatorischen Pflichten als Hausherrin mustergültig. Was Amira die Möglichkeit eröffnete, sich vor ihr sicher im anderen Teil des Hauses aufzuhalten und kleine Extras wie die Zeitung für sich zu ergattern.
Nachmittags war es sogar noch leichter, denn Nida fuhr oft in die Stadt oder weiter ins Land hinein, weil Familien sie zu sich riefen, um Transitionsmagie an ihrem Kind zu wirken. Damit verdiente sie fast so viel Geld, wie die Herzensgolds durch den Weinhandel und die Pacht durch ihr Herzogtum erhielten. Nida war ständig beschäftigt und arbeitete hart.
Ganz anders als Vater, dachte Amira einmal mehr. Der Hausherr überließ den Großteil seiner Aufgaben dem Provisor, nur an einem Tag in der Woche erledigte Zayn finanzielle Geschäfte und seinen Schriftverkehr. Die restliche Zeit schlief er bis mittags, trainierte seinen Körper, erfreute sich hin und wieder an der Jagd oder sportlichen Wettkämpfen in Bundtstadt, bei denen ihn wohl ohnehin alle gewinnen ließen, weil er der Herzog war.
Marwan sagte dazu. »Er mag groß und stark sein, aber du denkst doch nicht, er wäre der Einzige. Draußen gibt es so einige große, starke Männer, viele davon jünger als er. Bin ich erst groß, lasse ich ihn nicht gewinnen. Die durchlauchtesten Hosen werde ich ihm herunterziehen! Und wenn ich erbe, werde ich ein rechtschaffener Hausherr und allseits respektierter Herzog.«
Es würde wohl noch eine Weile dauern, bis Marwan Zayn Herzensgold kräftemäßig einholte: Sowohl ihr Zwilling als auch sie schlugen nach ihrer kleinen, rundlichen Mutter, das wurde ihnen immer wieder gesagt.
Amira kannte Elfidas Gesicht nicht, nirgendwo im Haus existierten Porträts von ihr. Nicht einmal in der Bibliothek gab es ein Album über Elfida oder die Linie der Herzensgolds an sich.
Auf dem Flur herrschte Stille, offenbar war Amira vollkommen ungestört. Sie ging zum Tisch mit der ausgebreiteten Zeitung. Zuerst blätterte sie darin herum, als wäre sie nur zufällig darauf gestoßen, bis sie sich unbeobachtet genug fühlte. Interessiert las sie die Seiten über die Königsfamilie des Primärreiches, die Königin erwartete ihr zehntes Kind und alle hofften, dass es ein achter Sohn wurde. Im königlichen Blut herrschte Feuermagie vor, eine der stärksten Kräfte im Land. Nida rümpfte stets die Nase, lobte jemand die Macht des Zaubers der Königin und erzählte gerne davon, dass auch sie damals den Thronfolger hätte heiraten können. Dann wäre Formwandel ins majestätische Schloss eingezogen, die gewaltigste und nützlichste überhaupt.
Hin und wieder ließ sich Amira dazu hinreißen, darüber nachzudenken, was für sie möglich wäre, könnten sie mehr als Haushalt und helfen. Die Kraft, sich zu wehren und gegen Ungerechtigkeit vorzugehen, könnte sie mit ihrer Magie kämpfen. Jedes Mal, wenn sie das dachte, glomm etwas in ihrem Herzen. Eine Wärme, eine Flamme, ungekannt, fremd und unheimlich. Sodass sie diese Überlegung rasch fortschob und sich erinnerte, wofür ihre Magie da war.
Reine Magie, so klar und hell,
glückvolle Macht, das ist die Quell.
Gutes Mana, beschützt und rein,
dient aller Wohl, brav und fein.
Königen zum Dienste, daheim und nett,
Wer sie missbraucht, ist nicht adrett.
Zum Kampfe nutzen, das ist nicht recht,
Unwürdig ist, wer dies befecht.
So sei bewahrt, die Macht der Magie,
Zum Wohle aller, stets in Harmonie.
Denn reine Kraft, so hell und klar,
Bringt dir Frieden und Glück, das ist wahr.
