Seegrund - Volker Klüpfel - E-Book

Seegrund E-Book

Volker Klüpfel

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Beschreibung

Kommissar Kluftinger taucht ab: dritter Fall für den Allgäuer Regionalkrimi-Star  Kommissar Kluftinger hätte nichts gegen das Abtauchen, wenn es nicht wörtlich gemeint wäre. In seinem dritten Auftritt grummelt sich der Allgäuer Ermittler durch einen besonders außergewöhnlichen Fall.   Als Kommissar Kluftinger am Ufer des Alatsees einen Taucher in einer roten Lache findet, muss er schnell erkennen, dass es kein Blut ist, sondern etwas völlig anderes, das aus dem See stammt. Ob er will oder nicht, Klufti muss der Sache auf den Grund gehen. Und kriegt zu allem Überdruss auch noch eine Frau an die Seite gestellt.   Kluftinger ist alles andere als ein Menschenfreund, Sympath oder Vorwärtsdenker. Genau dafür lieben ihn seine Fans. Mit »Seegrund« schickt das Autorenduo Volker Klüpfel und Michael Kobr seinen Grummelkönig aus dem Allgäu erneut in eine Ermittlung, die mit großer Spannung, reichlich Tempo und einer Wagenladung Humor gewürzt ist.    »Kluftinger ist ein Volltreffer!« – Süddeutsche Zeitung     Zwischen Bergen und Tälern, Märchenschlössern, Waldseen und Postkartenidylle bietet das Allgäu reichlich Abgründe, die Klüpfel und Kobr mit Augenzwinkern und immer neuen Einfällen ausloten. Zwischen Cosy Crime und klassischer Detektivgeschichte – die Heimatkrimis um Kluftinger  laden zum Schmökern ein.  »Klüpfel & Kobr erzählen mit komödiantischem Überschwang, Intelligenz und Vitalität.« – SPIEGEL Online   Bereits zwölf Fälle um Kommissar Kluftinger  haben die SPIEGEL-Bestsellerliste und ihren festen Platz in den Bücherregalen erobert. Kein Wunder, schließlich ist ein lustiger Polizeikrimi mit Tiefgang genauso lecker wie eine große Portion Kässpatzen.  

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ISBN 978-3-492-95064-0 Mai 2017 © Piper Verlag GmbH, München 2006 Umschlagkonzeption: semper smile, München Umschlaggestaltung: Cornelia Niere, München Umschlagabbildung: Eberhard Grames/Bilderberg (Hintergrund) und mauritius images / age fotostock (Verbotsschild) Datenkonvertierung: CPI books GmbH, Leck   Sämtliche Inhalte dieses E-Books sind urheberrechtlich geschützt. Der Käufer erwirbt lediglich eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf eigenen Endgeräten. Urheberrechtsverstöße schaden den Autoren und ihren Werken. Die Weiterverbreitung, Vervielfältigung oder öffentliche Wiedergabe ist ausdrücklich untersagt und kann zivil- und/oder strafrechtliche Folgen haben

»Oh dear, how marvellous, just like in Disneyland!«

Kluftingers Englisch war nicht besonders gut, aber den von der kamerabehängten älteren Frau mit Baseballkappe und riesiger Sonnenbrille ausgerufenen Satz hatte er verstanden. »Hast du das gehört? Wie in Disneyland. Priml! Erst Busladungen voller grinsender und knipsender Japaner und jetzt das. Komm, Erika, wir gehen!«

Es war elf Uhr dreißig. Kluftinger stand mit seiner Frau am Ticketcenter der Königsschlösser Hohenschwangau und Neuschwanstein bei Füssen und war alles andere als gut gelaunt. Nicht nur, weil er fürs bayerische Zuckerbäckerschloss nicht viel übrig hatte. Auch seine Sympathie für die Besucherhorden aus aller Welt, die sich als nicht enden wollender, wuselnder, schnatternder Strom über das Allgäu ergossen, hielt sich in Grenzen. Aber schließlich hatte er doch eingewilligt, ihren Sohn Markus und dessen neue Freundin hier in Füssen abzuholen. Die beiden hatten auf ihrem Weg in die Weihnachtsferien bei Freunden Station gemacht und angekündigt, Heiligabend mit Kluftingers verbringen zu wollen, was Erika in helle Aufregung versetzt hatte. Anscheinend war es Markus ernst mit seiner neuen Liebe, sonst hätte er sie seinen Eltern niemals bereits nach drei Monaten vorgestellt. Die meisten der zahlreichen Vorgängerinnen hatten sie gar nicht erst kennen gelernt.

»Jetzt mecker halt nicht dauernd rum! Heut ist so ein strahlender Wintertag. Wo doch dein Sohn endlich mal wieder heimkommt. Und auf die Miki bin ich schon so gespannt …«

»Auf wen?«

»Auf die Miki, die neue Freundin vom Markus!«

»Wie heißt die? Micky? Micky Maus? Passt ja wunderbar nach Disneyland! Und wie heißt sie richtig?«

»Der Markus erzählt immer nur von der Miki. Vielleicht Michaela … Alles, was ich weiß, ist, dass sie auch in Erlangen studiert und zweiundzwanzig Jahre alt ist. Und eine Überraschung gibt es noch, die er mir am Telefon nicht verraten wollte.«

»Ach so? Bringt sie ihren Hund Pluto mit, oder was?«

»Jetzt hör bloß auf! Sonst fährt sie gleich mit dem nächsten Zug zurück.«

»Wieso? Gibt's denn einen Direktzug Füssen – Entenhausen?«

Erika ignorierte die weiteren Sticheleien ihres Mannes. Sie wusste, dass dies das beste Rezept war, um zu verhindern, dass er einen einmal für gut befundenen Witz den ganzen Tag über in Varianten wiederholte. Da seine Spitzen nun ungehört verhallten, beschloss er, still vor sich hin zu schmollen.

»So, hammer's dann?« Kluftinger drehte sich um. Ein Mann schaute missmutig von einem Kutschbock auf ihn herab und gab ihm mit einer Geste zu verstehen, dass er ihm und seiner von zwei glockenbehängten Ponys gezogenen Kutsche im Weg stand. Kluftinger trat einen Schritt zur Seite und winkte die Kutsche mit einer übertrieben freundlichen Geste vorbei. Dieses spöttische Winken hielt die japanische Reisegruppe auf den Sitzen offenbar für einen Ausdruck Allgäuer Gastfreundschaft und winkte ekstatisch zurück.

Kluftinger fragte sich, wie viel eine solche Fahrt wohl kostete. Zehn oder gar zwanzig Euro? Der Kommissar der Kemptener Kriminalpolizei überlegte, ob dies schon den Tatbestand des Wuchers erfüllte, wurde aber vom Anblick eines Pferdes abgelenkt, das seine Äpfel genau vor einem Souvenirladen fallen ließ. Auch wenn er sonst nichts mit Pferden anfangen konnte, fühlte er sich dem Vierbeiner in diesem Moment eigentümlich seelenverwandt.

Fassungslos wurde er schließlich Zeuge, wie sich Dutzende Japaner gegenseitig vor einem ordinären Schild fotografierten, auf dem lediglich ein Symbol für Neuschwanstein und ein Hinweis auf den halbstündigen Fußmarsch zum Schloss zu sehen waren. Ihm würde dieses Volk ein ewiges Rätsel bleiben.

Ein paar Meter neben dem Schild nahm Kluftinger eine junge Japanerin wahr, die keinen Fotoapparat in der Hand hatte und auch keiner Gruppe anzugehören schien. Die Frau teilte den um sie herumfließenden Touristenstrom wie ein Stein das Wasser eines Baches. Sie ließ sich mit geschlossenen Augen von der Vormittagssonne bescheinen und wirkte auf den Kommissar recht attraktiv – für eine Asiatin jedenfalls. Als sie anfing, in ihrem kleinen Lederrucksack zu kramen, fiel ihr die Sonnenbrille aus dem pechschwarzen Haar. Sie schien den Verlust nicht bemerkt zu haben. Er zögerte. Was ging es ihn an? Andererseits: Dafür, dass die junge Frau sich so touristenuntypisch verhielt, konnte man schon einmal Kavalier spielen. Er gab sich also einen Ruck und ging auf sie zu, bückte sich und hielt ihr schließlich verlegen lächelnd die Brille hin.

»Hier, bitte. Verloren. Your sunbrill, Miss. Please!«

Noch bevor die Frau antworten konnte, ertönte hinter Kluftinger eine vertraute Stimme.

»Ja Vatter, habt ihr euch schon bekannt gemacht!«

Er drehte sich um. Fragend blickte er in das Gesicht seines Sohnes. Er war so perplex, dass er vergaß, ihn zu begrüßen.

»Wo ist denn Mama?«, fragte Markus mit breitem Grinsen.

Verwirrt deutete Kluftinger auf Erika.

»Wie jetzt ›bekannt gemacht‹?«, fragte er verdutzt, doch sein Sohn wurde schon heftig von seiner Mutter geherzt. Während Kluftinger noch über Markus' Worte sinnierte, hörte er hinter sich eine glockenhelle Stimme.

»Ja, das ist ja ein Zufall, nicht wahr? Dann darf ich mich mal vorstellen: Ich bin also die Yumiko. Und vielen Dank für die Sonnenbrille, Herr Kluftinger. Ich hatte gar nicht bemerkt, dass sie mir aus dem Haar gerutscht ist.« Mit einem strahlenden Lächeln blickte die hübsche Asiatin von eben den Kommissar an und wartete auf eine Antwort.

Erst nach und nach sickerte die Erkenntnis durch, dass vor ihm Markus' neue Freundin stand. Ihr Deutsch ist absolut akzentfrei, schoss es Kluftinger durch den Kopf. Yumiko … Miki: Dafür stand also die Abkürzung. Warum hatte Markus ihnen aber auch nichts verraten? Dann wäre er jetzt nicht dagestanden wie ein begossener Pudel.

Die junge Frau wurde etwas unsicher und Kluftinger war klar, dass er nun etwas sagen musste. »Ich, … schön, ja, gut … bin also der Vater … Fräulein«, krächzte er verlegen. Seine Wangen glühten. Ihm war bewusst, dass die Aktion von vorhin für ewig in den Bestand jener Geschichten aufgenommen werden würde, die bei Familienfeiern immer dann erzählt wurden, wenn die Gespräche ins Stocken gerieten und man zur Auflockerung einen Idioten brauchte, über den man lachen konnte.

»Sagen Sie doch bitte Miki zu mir, das tun alle.« Ihr tadelloses Deutsch klang nach seiner tölpelhaften Ansprache in seinen Ohren wie Hohn. Weil er immer noch wie erstarrt dastand, schob sich Erika an ihm vorbei und umarmte die junge Frau, als wäre sie ihre beste Freundin. Seine Frau war viel offener und aufgeschlossener als er, und die meisten Leute hätten wohl gesagt, auch herzlicher. Sie schien nicht im Geringsten verunsichert, weil Miki eine Asiatin war, und wenn, ließ sie es sich nicht anmerken. Oder hatte sie davon gewusst und es ihrem Mann verschwiegen? Er hatte ja nichts gegen Ausländer. Um Gottes willen, nein. Auch wenn er fremden Kulturen gegenüber immer etwas zurückhaltend war, fand er andere Lebensweisen durchaus interessant und respektierte sie auch. Er schaute sogar ab und zu das Auslandsjournal im Fernsehen an.

Aber dieses Interesse beschränkte sich auf die Rolle des Beobachters. Sobald er – meist von seiner Frau – genötigt wurde, an diesen fremden Kulturen aktiv teilzuhaben, wuchs im Kommissar der Argwohn. Immer wenn Erika versuchte, fremdländische Ideen in Form von ausländischem Essen, exotischen Früchten oder Sprachlern-Kassetten zu Hause einzuschleusen, streikte er.

»Komm jetzt, wir gehen!«, riss ihn Erika aus seinen Gedanken und zupfte ihn am Ärmel. Er stand noch immer wie angewurzelt da, was ihm schlagartig bewusst wurde und noch einmal einen Hitzeschub verursachte.

»Wohin?«, wollte er wissen. Seine Stimme klang belegt. Er nahm sich vor, sich von nun an so normal wie nur irgend möglich zu verhalten und sich nichts mehr anmerken zu lassen.

»Na, aufs Schloss!«, lachte Erika.

»Also«, Kluftinger blickte in Richtung der Menschenmassen, die sich mittlerweile durch die langen Absperrungsreihen vor den Kassen schlängelten, »ich glaub, wir lassen das heut. Schaut mal, wie's da zugeht. Da sind wieder die ganzen Japaner umeinander!«

Wie ein kleines Kind, das nach einem Sturz einige Augenblicke braucht, um den Schmerz zu realisieren, benötigte auch Kluftingers Gehirn ein paar Sekunden, um die Worte zu verarbeiten. Dann brach die Scham über das eben Gesagte wie eine heiße Woge über ihn herein. Erika starrte ihn entsetzt an, Markus musterte ihn mit zusammengekniffen Augen – nur Yumiko begann plötzlich schallend zu lachen.

»Ich weiß«, gluckste sie. »Manchmal hab ich das Gefühl, meine Landsleute haben Angst, dass man ihnen die Sehenswürdigkeiten wegnimmt, wenn sie nicht schnell genug hinrennen. Und diese vielen Fotos, die sie machen! Ich frage mich immer, wer wohl all die schrecklichen Bilder zu Hause ansehen muss.«

Kluftingers Pulsschlag verlangsamte sich wieder. Das schien ja ein ganz patentes Mädle zu sein. Und was sie da über ihre Landsleute gesagt hatte, das war von einer bewundernswerten Selbsterkenntnis. Genauso dachte er doch auch! Er wollte ihr eifrig beipflichten, als ihm sein Sohn zuvorkam: »Na ja, im Ausland sind die Deutschen auch nicht viel besser. Besetzen morgens um sechs schon ihre Liegestühle, von wo aus sie dann ihre bleichen Bäuche in die Sonne strecken. Ob sie in Italien, Spanien oder der Türkei sind, ist ihnen dabei egal, vielleicht wissen sie es manchmal gar nicht. In den Anlagen sieht es ja auch immer gleich aus. Und unter landestypischer Küche verstehen sie die landestypisch deutsche. Also Bratwurst, Jägermeister,Warsteiner und paniertes Schnitzel!«

Erika, deren Harmonie-Radar einen aufkeimenden Vater-Sohn-Konflikt ortete, die sich ihren vorweihnachtlichen Familienfrieden aber nicht von einem Generationenstreit zunichte machen lassen wollte, mischte sich mit den Worten »Schwarze Schafe gibt's halt überall!« ein. Während sie dies sagte, fixierte sie ihren Mann mit stechendem Blick. Jeder Versuch, das Thema weiter zu vertiefen, hätte die wohlbekannte Mutter-Sohn-Allianz wieder hergestellt, das wusste Kluftinger. Yumiko schien die Einzige zu sein, die ihm seinen Ausspruch von eben nicht übel nahm.

Deswegen lenkte er ein und sagte: »Ich mein nur, da müssen wir ja so lang anstehen und vergeuden unseren ganzen Tag. Aber wenn ihr, also wenn die Miki …«

»Schon recht,Vatter. Die Miki hat eh schon gesagt, dass sie nicht unbedingt aufs Schloss will. Sie steht nämlich nicht auf plakative Alpenromantik. Stell dir vor: Obwohl sie Japanerin ist!«

»Vielleicht fahren wir zum Forggensee«, schlug Kluftinger vor, nun ehrlich bemüht, die Situation zu retten und sich als vollendeter Fremdenführer zu präsentieren.

Zu seiner großen Überraschung wurde seine Idee sofort positiv aufgenommen.

Zehn Minuten später saßen alle in Kluftingers altem Passat und fuhren in Richtung Füssen. Dass Kluftinger auf dem Weg zum Auto unaufgefordert Yumikos Gepäck getragen hatte, hatte er für einen großen Akt weltmännischer Höflichkeit gehalten, der ihm bestimmt auch Pluspunkte bei seiner Frau einbringen würde. Die hatte es aber einfach nur als selbstverständlich angesehen.

»Hast du das gewusst?«

»Hm?«

»Hast du das gewusst, mit der Japanerin?« Kluftinger drehte das Radio lauter und beugte sich zu seiner Frau.

»Ich versteh dich nicht. Ob ich was gewusst habe?«, erwiderte Erika laut.

Markus und Yumiko blickten auf.

»Ob … äh … ihr gewusst habt, dass es auf dem Forggensee ein Schiff gibt, wollt ich wissen.«

Markus und Erika runzelten die Stirn. Natürlich wussten sie das.

»Ja,Yumiko, einer der tollsten Seen überhaupt ist das, der Forggensee«, tönte der Kommissar stolz. »Und seit einigen Jahren gibt es da ein Musical-Theater. Da spielt man nur ein einziges Stück, das Ludwig-Musical. Das Haus hat man extra dafür gebaut. Toll, gell?«

Yumiko hörte aufmerksam zu.

»Bayern hat früher nämlich einen König gehabt. Der hat viele Schlösser gebaut. Übrigens auch Neuschwanstein. Und von diesem König handelt das Stück. Man nennt ihn auch den Märchenkönig.«

Yumiko erwiderte begeistert: »Dann wird Sie bestimmt auch die Diplomarbeit von Frank, Markus' Freund, interessieren. Worum geht's da noch? Ach ja, die ›Analyse historischer Fakten über König Ludwig II. von Bayern und deren historisierend-dramatische Adaption auf der Bühne‹. Stimmt's?«

Markus nickte.

Kluftinger sah sie entgeistert im Rückspiegel an und sagte dann nach einer Pause: »Ja, Markus, die Arbeit musst du mir unbedingt mal geben. Das Thema … beschäftigt mich auch schon eine ganze Weile.«

Einige Minuten fuhren sie, ohne dass jemand etwas sagte, dann platzte Kluftinger heraus: »Märchenkönig heißt der übrigens, weil er so verschnörkelte Sachen gebaut hat. Wie im Märchen eben. Und der König war auch ganz oft hier am Forggensee. Da ist er dann auch gestorben. Unter ganz mysteriösen Umständen ertrunken und nur sein Leibarzt Doktor Gulden war dabei. Man weiß es nicht, aber der hatte vielleicht auch was damit zu tun.« Kluftinger ging immer mehr in seiner Rolle als Reiseführer auf.

»Gudden und Starnberger See, den Forggensee gab es damals noch gar nicht. Aber der Rest stimmt ungefähr, gell Vatter?«

»Für was lässt man dich schließlich studieren?«, brummte Kluftinger zurück.

»Hat Frank gestern nicht gesagt, dass auch der Arzt ertrunken ist?«, fragte Yumiko mit ehrlichem Interesse.

Kluftinger geriet ins Schwitzen: »Ja, das ist ja allgemein bekannt. Jedenfalls ein ganz romantischer See. Wie aus dem Bilderbuch. Im Sommer hätten wir auch mit dem Schiff fahren können, dann hätten wir einen ganz tollen Blick auf die Königsschlösser gehabt. Aber jetzt ist er vielleicht sogar zugefroren.« Er war nicht zu bremsen.

Schließlich bog der Wagen auf den Parkplatz an der Bootsanlegestelle ein.

»… wirklich ein Schmuck … oha!«

»Oh, das ist aber mal nicht so schön, Herr Kluftinger«, sagte Yumiko leise. »Was ist da bloß passiert?« Sie schien ehrlich besorgt, möglicherweise gerade Zeugin einer mittleren Umweltkatastrophe geworden zu sein. Markus konnte sein Lachen kaum noch unterdrücken, sagte aber nichts, denn er wollte zu gerne sehen, wie sich sein Vater aus der Affäre ziehen würde.

Vor ihnen erstreckte sich eine riesige, unansehnliche, grau-braune Fläche mit einigen kleinen, von dünnem Eis überzogenen Tümpeln.

»Kruzinesn! Da hab ich jetzt gar nicht dran gedacht.«

»Ist es schlimm?«, fragte Yumiko und jetzt platzte es aus Markus heraus: »Der Forggensee ist ein Stausee, der jeden Winter abgelassen wird!« Alle stimmten in das Gelächter mit ein, nur Kluftinger saß mit hochrotem Kopf am Steuer und starrte auf das, was im Sommer noch ein wunderschöner See gewesen war.

»Dann fahr mer jetzt halt heim. Da ist es auch schön«, sagte er gereizt und wendete den Wagen. Mit jedem gefahrenen Kilometer verschlechterte sich seine Laune. Er verabscheute sinnlose Fahrten. Wenn er nur an die Spritkosten dachte – von der Abnutzung ganz zu schweigen …

Dabei fuhr er in letzter Zeit günstiger, weil er billigeren Biodiesel tankte. Eigentlich war der alte Passat nicht dafür zugelassen. Aber die Aussicht, dass möglicherweise auf lange Sicht Schäden am Motor entstehen würden, konnten ihm bei einem zwanzig Jahre alten Wagen kaum schrecken. Überhaupt schenkte er solchen Prognosen einer verschwörerischen Koalition aus Werkstätten, Autoherstellern, Politik, Industrie und Ölscheichs wenig Glauben. Letztlich zählte nur ein Argument: Rapsöl war zehn Cent billiger.

»Ach komm, wenn wir schon mal hier sind«, insistierte Erika. »Gehen wir halt ein bissle spazieren. Oder wir kehren irgendwo gemütlich ein. Wir könnten auch auf den Tegelberg fahren, mit der Gondel.«

»Nein, die Yumiko hat ein bisschen Höhenangst, da ist die Gondel nicht so gut«, wandte Markus ein.

Kluftinger war erleichtert. Vier Berg- und Talfahrten auf den Tegelberg – Yumiko musste ihn ja nicht schon am ersten Tag ihres Besuches ein Wochengehalt kosten.

»Du hast doch einen Kuchen gebacken, da wär's doch ein Schmarrn, unterwegs noch einzukehren. Fahren wir halt zum … zum Alatsee!« Kluftinger nahm erleichtert zur Kenntnis, dass er damit einen mehrheitsfähigen Vorschlag gemacht hatte.

Die Fahrt zu dem malerisch gelegenen See verlief ohne weitere Zwischenfälle – wenn man davon absah, dass Kluftinger den in einem Suzuki vor ihm fahrenden Mann, der seiner Meinung nach viel zu langsam unterwegs war, mit den Worten »Jetzt fahr halt endlich zu mit deiner blöden Reisschüssel!« zur Eile angetrieben hatte. Die darauf einsetzende Stille machte dem Kommissar so zu schaffen, dass er freimütig erzählte, er sei froh darüber, dass er heute bei der Kälte die dicke, lange Frotteeunterhose angezogen habe. Dann stellte er das Radio lauter und bekam deshalb nicht mit, wie Markus seine Freundin in den Arm nahm und ihr zuflüsterte: »Wenn du mir nach dem Besuch bei meinen Eltern nicht davonläufst, dann muss es wahre Liebe sein.«

Der »ganz schön anstrengende Fußmarsch«, der von Kluftinger im Auto angekündigt worden war, hatte sich im Nachhinein als gemächlicher Spaziergang von einer knappen halben Stunde auf einer Teerstraße durch den Wald entpuppt. Auf dem Weg hatte Kluftinger Yumiko noch über die möglichen alpinen Gefahren im Winter aufgeklärt und eindringlich gewarnt, dass man auch flache Teerstücke um diese Jahreszeit nicht unterschätzen dürfe. Yumiko ließ sich ihre Freude darüber nicht anmerken, dass Kluftinger bei dem leichten Anstieg so ins Schnaufen geriet, dass ihm eine Unterhaltung unmöglich wurde.

»Also, wisst ihr was? Nach der kleinen Bergtour würde ich euch glatt zu einer Brotzeit einladen!«, verkündete der Kommissar dann generös, wobei seine Großzügigkeit von der Tatsache befördert wurde, dass sich sein Appetit inzwischen zu einem quälenden Hungergefühl ausgewachsen hatte. Er deutete auf ein altes Gasthaus, dessen Umrisse man durch die kahlen Äste der Laubbäume hinter dem Parkplatz vor dem See sehen konnte. Dort mussten die vier jedoch feststellen, dass aus der Brotzeit zunächst nichts werden würde: Das Restaurant öffnete erst um vierzehn Uhr. Wohl oder übel entschlossen sie sich, noch eine Runde um den See zu drehen.

Der Alatsee lag idyllisch in einem kleinen Kessel, von allen Seiten mit dichtem Wald umgeben. An der Südostseite ragte majestätisch der Gipfel des Säulings über den Bäumen auf. Es war ein Tag, wie gemacht für Fotografen, um diese kitschigen, aber doch irgendwie beeindruckenden Bilder zu schießen, die man in den Kalendern fand, die von Banken, Apotheken und Tankstellen verschenkt wurden, dachte sich Kluftinger: Der kleine Bergsee glänzte in der Sonne, die von einem wolkenlosen Himmel schien.

Immer wieder rieselten glitzernde Flocken von den Ästen der Bäume auf sie herab. Unter ihren Füßen knirschte der Schnee, die Luft war klar und rein.

»Herrlich, oder? Kein einziger Tourist da heroben!«, jubilierte Kluftinger. Er war stolz. Stolz auf »sein« Allgäu, das so schön sein konnte, dass er sich manchmal selbst wie ein staunender Tourist vorkam. Und stolz darauf, dass er es heute einem ausländischen Gast präsentieren konnte.

»Ob es wohl weiße Weihnachten gibt?«, wollte Yumiko wissen, die von dem Anblick der pittoresken Landschaft sichtlich verzaubert war. Ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr sie voller Überschwang fort: »Hoffentlich taut der Schnee nicht weg. Dort, wo wir in Japan wohnen, gibt es nie Schnee an Weihnachten.«

Kluftinger holte gerade Luft, um Yumiko davon zu unterrichten, dass weiße Weihnachten hier zum guten Ton gehörten, da merkte er, dass ihr Blick starr wurde und sie mit geweiteten Augen an ihm vorbei sah.

Scheint sie ja nicht sonderlich zu interessieren, wie's bei uns hier so zugeht, dachte er ärgerlich und wollte sich schon abwenden, als er sah, wie sie ihre ohnehin schon schmalen Lippen so stark aufeinander presste, dass nur noch ein dünner Strich sichtbar war. Ihr Gesicht wurde aschfahl. Dann begann ihr Unterkiefer zu zittern. Kluftinger bekam eine Gänsehaut: Irgendetwas schien der Freundin seines Sohnes schreckliche Angst einzujagen.

Langsam drehte er sich in die Richtung, in die Yumiko starrte. Während dieser langsamen Bewegung fragte er sich, was die Japanerin so erschreckt haben könnte, hier, in der idyllischen Kulisse eines Allgäuer Bergsees. Er versuchte, sich vorzubereiten auf das, was er gleich sehen würde:Vielleicht ein totes Eichhörnchen? Ein verendetes Reh? Doch irgendwie ahnte er, dass der Schrecken in den dunkelbraunen Augen der jungen Frau von etwas Schlimmerem herrühren musste. Und dann sah es auch er.

Mit einem Schlag schien es kälter als zuvor. Sein Blick wurde ebenso starr wie der von Yumiko. Er schluckte, schloss für einen Moment die Augen, öffnete sie wieder – was er sah, war real: Etwa zehn Meter entfernt, nur wenige Schritte vom Seeufer, lag ein Mann im Schnee. Er steckte in einem eng anliegenden schwarzen Anzug und lag auf dem Bauch, die Arme weit vom Körper weggestreckt. Er war nicht besonders groß, wirkte aber muskulös. Der Kopf lag so, dass der Kommissar das Gesicht nicht sehen konnte. Dunkelblondes Haar klebte nass am Schädel des jungen Mannes. Doch Kluftingers und Yumikos Aufmerksamkeit wurde von einem anderen Detail gefangen genommen: In einem Radius von beinahe zwei Metern um den Körper hatte sich der Schnee dunkelrot verfärbt. Offensichtlich lag der Mann in einer unvorstellbar großen Blutlache.

»Scheiße«, flüsterte Yumiko und riss Kluftinger damit aus seiner Erstarrung. Er drehte sich zu ihr um und versperrte ihr die Sicht.

»Schau nicht hin«, sagte er, doch sie neigte den Kopf und blickte an ihm vorbei. Unbeholfen nahm er sie bei den Schultern und drehte sie von dem grauenvollen Anblick weg.

»Na, ihr scheint euch ja schon gut zu versteh…« Markus und Erika hatten zu ihnen aufgeschlossen. Abrupt brach Markus seinen Satz ab, öffnete den Mund und drehte sich dann blitzschnell zu seiner Mutter um.

»Nicht, Mama! Schau nicht hin!«

Sie erkannte an der Stimme ihres Sohnes, dass er es ernst meinte, wagte aber trotzdem einen Blick an ihm vorbei. Ihr Unterkiefer klappte herunter und ihre Augen weiteten sich. Zu Tode erschrocken barg sie ihren Kopf an Markus' Schulter und begann zu zittern.

Einen kurzen Moment standen die vier einfach nur da. Von weitem sahen sie vermutlich aus wie zwei verliebte Pärchen, die den wunderschönen Tag zu einem romantischen Spaziergang nutzten. Erst nach einigen Sekunden, in denen nur ihr aufgeregtes Keuchen zu hören war, fragte Markus in die Stille: »Um Gottes willen, Vatter, was ist da los?«

»Ihr geht wieder auf den Weg zurück. Das ist kein Spaß!« Der Kommissar hatte sich endlich gefangen, schob Yumiko zu seinem Sohn und näherte sich langsam dem leblosen Körper. Erst jetzt erkannte er, dass die schwarze Kleidung des Mannes ein Taucheranzug war.

Seine Nackenhaare stellten sich auf, als er die Ausmaße der roten Lache aus der Nähe sah. Der Mann musste praktisch völlig ausgeblutet sein. Er drehte sich zu Markus um, der ihn fragend ansah.

»Er ist …«, er musste sich räuspern, bevor er fortfahren konnte. »Er ist tot. Bei dem Blutverlust und der Kälte …«

Als er dies sagte, begann Erika zu schluchzen. Erst jetzt wurde Kluftinger bewusst, wie schrecklich dies alles für die beiden Frauen sein musste.

Sein Sohn, der Psychologie studierte und sich auf forensische Psychiatrie und Kriminologie spezialisiert hatte, hatte schon ein paar Tote zu Gesicht bekommen. Aber Erika und Yumiko? Er lief zu ihnen zurück und sagte keuchend: »Bitte, Markus, bring die beiden doch endlich weg. Erika, sei ganz ruhig, es …« Er überlegte kurz, was er sagen konnte, um die Situation für seine Frau erträglicher zu machen, doch es fiel ihm nichts ein.

»Es wird schon wieder gut«, brachte er schließlich heraus, und noch während er die Worte sprach, merkte er, wie absurd sie klangen. Nichts würde gut. Hatte man einmal eine Leiche gesehen, zumal eine, die so schrecklich zugerichtet war, veränderte sich etwas. Auch er hatte das erfahren. Es waren vor allem die Bilder, die blieben. Die einen zu den unmöglichsten Momenten heimsuchten. Vor denen es kein Entrinnen gab. Es war noch mehr. Er hatte nicht gewollt, dass Erika so etwas widerfuhr. Aber nun war es zu spät.

Er zog sein Handy aus der Tasche, tippte eine Nummer ein und hielt es ans Ohr. Als er nichts hörte, schaute er aufs Display und fluchte: »Zefix, kein Netz! Wofür hat man die Dinger denn überhaupt?« Mit diesen Worten steckte er das Telefon wieder weg, überlegte kurz und sagte dann ruhig und mit einer Schärfe, die Markus selten bei ihm gehört hatte: »Du schaust jetzt sofort, dass du mit den Frauen zu dem Gasthof da hinten kommst, und klingelst den Besitzer raus. Ruf dann auf der Stelle in Kempten bei der Einsatzleitung an und sag, die sollen den Erkennungsdienst schicken. Den Willi Renn, falls er im Lande ist, hörst du?«

Als Markus keine Anstalten machte, zu gehen, schob er nach: »Sofort, klar? Und bestell für die beiden was Warmes zu trinken, das kann eine Weile dauern hier.«

Langsam setzte sich Markus mit den beiden Frauen in Bewegung. Erst, als die drei nicht mehr zu sehen waren, ging Kluftinger wieder zur Leiche. Er war nun ganz allein mit dem leblosen Körper. Eine Gänsehaut breitete sich auf seinen Armen aus. Für einen Moment spielte er mit dem Gedanken, ihnen zu folgen und einfach auf das Eintreffen der Kollegen zu warten. Doch er verwarf ihn gleich wieder. Er musste hier bleiben und zumindest sicherstellen, dass niemand sich dem Leichnam näherte. Außerdem hatte er dafür Sorge zu tragen, dass ab jetzt keine Spuren mehr verwischt wurden. Willi würde sonst zu Recht außer sich sein.

Willi! Kluftinger wünschte sich, der Chef des Erkennungsdienstes wäre hier. Denn dies war für den Kommissar eine völlig ungewohnte Situation. Normalerweise war er so ziemlich der Letzte, der an einen Tatort kam. Dann herrschte bereits geschäftiges Treiben: Blaulichter, umhereilende Menschen, Stimmengewirr – das war die Atmosphäre, die er von Tatorten kannte. Nicht diese gespenstische Stille.

Natürlich beklagte er sich regelmäßig darüber, schimpfte, dass er sich bei so einem Tumult nicht richtig konzentrieren könne, dass das kein Arbeiten sei bei diesem Lärm und dass sie sich nicht im Wirtshaus befänden. Aber erst jetzt wurde ihm klar, dass gerade diese Rituale ihm eine gewisse Sicherheit gaben. Dass sie ihm halfen, seine chronische Leichenunverträglichkeit besser in den Griff zu bekommen. Doch nun war er allein. Und der leblose Körper neben ihm ließ ihn dies besonders deutlich spüren.

Vorsichtig drehte er den Kopf in Richtung des Leichnams. Obwohl es so kalt war, dass sein Atem wie eine weiße Wolke vor seinem Gesicht schwebte, wurde ihm mit einem Mal unangenehm heiß. Das Blut, das den Schnee so rot gefärbt hatte, musste aus einer riesigen Wunde sein. Übelkeit kroch seine Kehle hinauf. Er drehte sich wieder weg und pfiff unzusammenhängende Töne in die Winterlandschaft. Nach wenigen Sekunden wurde ihm bewusst, wie erbärmlich das war, und er presste die Lippen wieder zusammen.

Himmelherrgottsakrament, du bist Kriminalbeamter, jetzt reiß dich mal ein bisschen zusammen, schimpfte er in Gedanken mit sich selbst. Es wäre ziemlich peinlich, wenn er die Fragen seiner Kollegen alle mit einem »Weiß nicht. Hab nicht hingeschaut« würde beantworten müssen.

Er ging ein paar Schritte auf den Körper zu und betrachtete alles genau. Sein Verstand übernahm nun wieder die Regie und verdrängte das Unbehagen, das ihn eben noch gelähmt hatte.

»Was ist mit dir passiert?«, fragte er halblaut. Es war eine alte Angewohnheit des Kommissars, am Tatort imaginäre Gespräche zu führen. »Das hilft mir, meine Gedanken zu ordnen«, sagte er immer, wenn ihn jemand darauf ansprach. Sein Blick wanderte an dem Körper entlang zum Wasser. Der Taucheranzug glänzte in der Sonne. Jetzt erst fiel ihm auf, dass der Mann weder die dazugehörige Brille trug noch irgendwo eine Sauerstoffflasche zu sehen war. Er verbiss sich einen Fluch – so wichtige Details hätte er sofort entdecken müssen.

»Na gut, du wolltest also tauchen gehen. Mitten im Winter? Da musst du ja schon einen ganz besonderen Grund gehabt haben. Und ohne Luft und Brille wolltest du sicher nicht ins Wasser, denk ich mir.«

Die alles beherrschende Frage in Kluftingers Kopf war nun:Warum hatte der Mann so viel Blut verloren? Im Wasser konnte er sich diese Verletzung wohl kaum zugezogen haben, sonst hätte er es sicher nicht mehr bis ans Ufer geschafft. Aber wenn er an Land verletzt worden wäre, hätten irgendwo Blutspuren zu seiner jetzigen Position führen müssen. Das heißt: Es hätten überhaupt irgendwelche Spuren hierher und vor allem von hier weg führen müssen. Er musste also direkt aus dem See gekommen sein, denn da war nur dieser unbeschreiblich große, rote Kreis inmitten unberührten, makellos weißen Schnees.

Er schloss die Augen. Und dann sah er es. Es war paradox, aber bei ihm funktionierte das fast immer. Wenn er die Augen schloss, blieb ein Bild zurück, das ihm in der Regel mehr sagte als das, das er mit offenen Augen sah. In seinem Kopfbild konnte er Gegenstände beliebig aus- oder einblenden, umstellen und neu arrangieren. Er öffnete die Augen wieder. Tatsächlich, er hatte sich nicht getäuscht, da war etwas. Beide Arme des Mannes waren weit vom Körper weggestreckt, die linke Hand ragte mit den Fingerspitzen aus dem Blutkreis heraus. Und dort, direkt neben der Hand und teilweise von ihr verdeckt, war ein Zeichen. Kluftinger sah es jetzt ganz deutlich. Dunkelrot und tellergroß prangte es auf dem Schnee. War das ein Buchstabe? Ein Bild? Ein Symbol? Es war mit zittriger Hand gezogen und sah irgendwie altertümlich und unheimlich aus, auch wenn Kluftinger nicht hätte erklären können, warum.

Die rechte Hand des Mannes war verdreht, schien gebrochen oder verrenkt. Wenn er Rechtshänder war, würde das zumindest die ungelenke Linienführung erklären. Außerdem musste er es im Todeskampf hier in den Schnee gezeichnet haben: einen Kreis mit drei davon ausgehenden, am Ende geknickten Linien.

Kluftinger schauderte bei dem Gedanken, dass dies die letzte Botschaft war, die der Sterbende der Nachwelt hatte zukommen lassen – möglicherweise der Schlüssel zu diesem … diesem Vorfall, dachte der Kommissar. Einen Fall wollte er es zu diesem frühen Zeitpunkt noch nicht nennen. Doch was sollte dieses kryptische Zeichen bedeuten?

Wenn dieser Hinweis sie zum Mörder führen sollte, dann musste er alles tun, um ihn zu konservieren. Doch wie sollte er das anstellen? Schließlich wollte er andererseits ja auch nichts an der Lage des Mannes verändern. Da fiel ihm sein Handy ein. Erst zu seinem letzten Geburtstag hatte er von seiner Frau eines dieser neuen Geräte bekommen. Nicht, dass er sich ein Handy gewünscht hätte – er hatte damals eher auf einen neuen Akkuschrauber spekuliert – sie hatte nur argumentiert, dass er erstens mit seinem Diensthandy, das der Größe nach zu schließen noch aus einer der ersten Baureihen stammen musste, immer seine Hosen und Jacketts ausbeulte. Zweitens hielt der Akku nie lange durch und es wäre laut Erika gar nicht auszudenken, wenn er einmal in eine gefährliche Situation kommen würde und nicht telefonieren könnte. So hatte er sich schweren Herzens von seinem alten trennen müssen, um nun auf dieses winzige Klapphandy umzusteigen, dessen Tasten für seine Finger so geeignet waren wie seine Großtrommel für ein Streichquartett.

Nun schien sich der Eigensinn seiner Frau geradezu als Glücksfall zu erweisen, denn in das Telefon war – so hatte er damals auf der Packung gelesen – auch eine Kamera integriert. Zwar hatte er sich bisher noch nicht mit der über hundert Seiten starken Gebrauchsanweisung befasst, was unter anderem auch daran lag, dass – es handelte sich um ein japanisches Produkt – diese mit den Worten »Erse stellung ›ON‹, gelange in die bereite Sperechenmussel« begann. Doch so schwer konnte das nicht sein, immerhin beherrschten ja schon Schulkinder die Bedienung dieser Dinger.

Er klappte es auf und schaute sich die Tastatur genau an. Neben Zahlen und Buchstaben waren darauf auch jede Menge klitzekleiner Symbole angebracht. Er drückte auf eines, das in seinen Augen wie ein kleiner Fotoapparat aussah. Das Handy piepste zwei Mal, Kluftinger hielt es sich ans Ohr, dann sagte eine Stimme: »You have fortyseven new messages. Please check your mailbox.«

Kluftinger fluchte, denn er verstand nicht, warum ein japanisches Handy im Allgäu mit ihm englisch reden musste. Aber immerhin hatte er so mitbekommen, dass er eine Mailbox hatte und diese von Anrufern in den letzten drei Monaten bereits rege angenommen worden war. Egal. Die Nachrichten waren jetzt nicht wichtig. Er versuchte einen anderen Knopf und tatsächlich leuchteten auf dem kleinen Bildschirm nun die Worte »Take a photo« auf, was selbst für ihn nicht schwer zu übersetzen war.

»Na also, geht doch«, brummte er, beugte sich vor, hielt das Gerät mit ausgestrecktem Arm über die linke Hand des Toten, neben der sich das Zeichen befand, und drückte auf den Auslöser. Es folgte ein Geräusch, das wie das Klicken eines Verschlussvorhangs klang, dann erschien eine kleine Sanduhr und schließlich das Bild. Zunächst erkannte er nichts, da die Sonne blendete. Erst als er die Hand schützend vor das Gerät hielt, sah er das Foto. Es zeigte einen Mann mit hochrotem Kopf, der in einer wilden Verrenkung seine Hand weit vom Körper wegstreckte. Er unterdrückte einen Fluch, bekämpfte erfolgreich seinen Drang, das Handy sofort im See zu versenken, und versuchte es erneut. Diesmal stimmte zwar die Richtung, er erkannte auf dem Bildschirm aber nur eine weiße Fläche und einen völlig unscharfen, schwachen, rötlichen Schatten. Er gab auf, steckte das Handy weg und dachte kurz nach. Dann kramte er in seinen Taschen und fand einen der Bedienungsblöcke, die ihm Markus nach einem Ferienjob in einer Brauerei einmal kistenweise mitgebracht hatte und die er seither immer als Schmierzettel bei sich hatte. Er würde das Zeichen eben einfach abmalen, das würde sicher reichen.

Er hockte sich so nah an den Kreis aus Blut, wie es möglich war, ohne ihn zu berühren. Dann senkte er seinen Kopf, bis er fast den Schnee berührte, um unter die bläulich verfärbte Hand des Mannes sehen zu können, die einen Teil des Zeichens verdeckte. In dieser Haltung, mehr liegend als stehend, begann er mit pfeifendem Atem das Zeichen auf seinen Block zu übertragen. Es dauerte nicht einmal eine Minute, dann hatte er eine passable Kopie erstellt. Nur eine Ecke fehlte noch, doch dazu musste er seine Lage ein wenig verändern und seinen Kopf noch näher an die Hand bringen. Ihm war klar, dass ihm diese Situation noch einige Albträume bescheren würde, denn so nahe war er noch keiner Leiche gekommen. Doch im Moment verdrängte er diesen Gedanken einfach und konzentrierte sich auf seine Aufgabe.

Gerade, als er den Stift erneut ansetzte, um das letzte Stück fertig zu zeichnen, geschah etwas, was sein Herz einen Schlag aussetzen ließ: Die Hand bewegte sich!

Zuckend fuhr sie nach oben und wischte über das Gesicht des Kommissars. Der schrie auf, stieß sich reflexartig nach hinten ab, landete unsanft auf dem Rücken und krabbelte mit hektischen Bewegungen noch ein paar Meter weiter weg. Das Blut rauschte in seinen Ohren, als er keuchend dalag und entsetzt auf den Toten vor sich starrte. Sein Gehirn versuchte zu verstehen, was gerade geschehen war: Der Körper vor ihm hatte gezuckt. Der Mann lebte! Aber das war unmöglich. Kein Mensch konnte einen derartigen Blutverlust überstehen. Und doch hatte er sich gerade bewegt. Sollte er gerade erst gestorben sein und noch Muskelzuckungen haben? Kluftinger hatte davon gehört, dass es so etwas gab. Er erinnerte sich auch an die Zeiten, als er mit seinem Vater manchmal zum Angeln gegangen war. Wenn sie dann Aale mit nach Hause gebracht hatten, bot sich ihnen ein besonderes Schauspiel: Die Tiere zuckten noch, als sie gehäutet, ausgenommen und gewaschen waren. Ob es so etwas bei Menschen auch gab?

Oder sollte er es sich nur eingebildet haben? Die Hand zuckte ein zweites Mal. Wesentlich schwächer als vorher, aber doch sichtbar. Nein, jetzt gab es keinen Zweifel mehr: Die Leiche war gar keine Leiche!

Fieberhaft überlegte der Kommissar, was er nun tun sollte. Er musste helfen, denn auch wenn der Mann noch am Leben war, war er zumindest sehr, sehr schwer verletzt. Er wusste nicht, wie lange er hier schon in der Kälte gelegen hatte. Kälte! Natürlich, er musste ihn vor der Kälte schützen. Sofort zog sich Kluftinger mit zitternden Fingern seinen Lodenmantel aus, drehte den Mann um und wunderte sich, dass das Bild, das er sah, nicht annähernd so grauenvoll war, wie er es sich vorgestellt hatte: Der Neoprenanzug schien unversehrt, kein Schnitt oder Riss, aus dem Blut sickerte. Der Kommissar breitete den Mantel über ihm aus. Dann warf er zum ersten Mal einen Blick in das Gesicht. Es war das Gesicht eines jungen Mannes, höchstens dreißig, schätzte er: Er war leichenblass, die Lippen blau angelaufen, die Haare klebten an seinem kantigen Schädel. Kluftinger dachte nach. Sollte er hier warten oder seinem Sohn und den beiden Frauen hinterherlaufen, um im Gasthaus einen Krankenwagen zu alarmieren?

»Mein Gott Vatter, was ist denn hier los?« Markus war plötzlich in der Biegung des Weges aufgetaucht. Er klang schockiert, was Kluftinger nicht wunderte. Er musste ihn für verrückt halten, schließlich ging er noch davon aus, dass es sich bei dem Mann am Ufer um einen Toten handelte.

»Er lebt!«, rief Kluftinger ihm zu.

»Was?«

»Er lebt. Der Mann ist nicht tot, er lebt noch.«

Markus sah seinen Vater prüfend an.

»Nein, ich spinn nicht. Er lebt.«

»Aber wie … ich meine, das Blut …«

»Ich hab keine Ahnung. Lauf so schnell du kannst zurück und hol den Notarzt. Am besten per Hubschrauber. Lange hält der bestimmt nicht mehr durch.«

Markus machte auf dem Absatz kehrt und rannte zurück.

Zum zweiten Mal wurde Kluftinger am Ufer zurückgelassen, doch diesmal war es anders. Der Mann lebte, und Kluftinger hatte dafür zu sorgen, dass es auch so blieb. Aber es war schon lange her, dass er einen Erste-Hilfe-Kurs besucht hatte. Zwar war es eigentlich Pflicht, in regelmäßigen Abständen daran teilzunehmen. Aber Kluftinger kannte den Leiter der Personalabteilung und seitdem er einmal den Ladendiebstahl von dessen Tochter sehr diskret behandelt hatte, machte der die Einträge in die Personalakte auch ohne, dass Kluftinger die Kurse besuchen musste.

Das rächte sich nun. Der Kommissar zermarterte sich das Hirn, wie er am besten helfen könnte, den Zustand des Mannes zu stabilisieren … Stabilisieren, das war es! Er erinnerte sich an eine Maßnahme, die bei Bewusstlosen durchgeführt wurde. Stabile Seitenlage nannte sich das und Kluftinger war sich ziemlich sicher, dass er die notwendigen Handgriffe noch zusammenbringen würde. Er kniete sich hin und schob vorsichtig seine Hand unter den Rücken des Mannes. Gerade als er dessen rechten Arm nach hinten schieben wollte, hörte er hinter sich einen Schrei. Er fuhr zusammen und drehte sich um. Sein Sohn stürmte auf ihn zu: »Hey,Vatter! Spinnst du? Lass den Mann los.«

Kluftinger wich augenblicklich einen Schritt zurück.

»Was hast du denn vor?«, fragte Markus keuchend.

»Ich wollte nur … man muss doch … stabile Seitenlage!«

»Stabile Seitenlage?«, wiederholte Markus ungläubig. »Willst du ihm jetzt endgültig den Rest geben?«

»Nein, nein. Ich meine, dann …«, er dachte kurz nach, um dann im Brustton der Überzeugung fortzufahren, »… dann beatmen wir ihn eben. «

»Herrgott,Vatter, er atmet doch! Sag mal, müsst ihr nicht regelmäßig diese Erste-Hilfe-Kurse machen?«

Kluftinger wurde rot. »Jetzt schwätz hier nicht g'scheit rum, schlag lieber was vor.«

»Na, wir müssen vor allem die Blutung stillen. Falls es da noch was zu stillen gibt …«

»Hab ja schon geschaut, ob er blutet. Kontrollier's halt selber noch mal, wenn du so schlau bist. Du wirst da auch nix finden!«

Markus zog den Lodenmantel seines Vaters von dem Verletzten und begann, ihn abzutasten. Kluftinger sah halb erschreckt und halb bewundernd, dass sein Sohn offenbar überhaupt keine Skrupel hatte, den Toten … den Verletzten anzufassen.

Doch bis auf eine kleine Schnittwunde an der Hand fand er nichts, was auch nur annähernd für einen derartigen Blutverlust verantwortlich hätte sein können. Ratlos blickten sie sich an.

»Ob er vielleicht innere Blutungen …«, begann Kluftinger, brach den Satz aber ab, weil er selbst einsah, dass dabei keine wirklich intelligente Frage herauskommen würde.

Markus wollte gerade etwas erwidern, da hörten sie über sich die Rotorblätter eines Hubschraubers rattern. Sie winkten dem Piloten und wenige Minuten später rannten zwei Rettungshelfer in orangefarbenen Jacken und einer gefalteten Trage auf sie zu. Mit etwas Abstand folgte ein Mann mit einem Koffer, offenbar der Notarzt.

Kluftinger deutete auf die Gestalt am Boden, gab sich als Polizeibeamter zu erkennen und klärte die Retter über seine bisherigen »Befunde« auf. Kurz darauf kam ein Wagen den engen Fußweg entlanggefahren. Kluftinger versuchte, durch das Gebüsch den Fahrer zu erkennen: Es war Willi Renn, der Leiter des Erkennungsdienstes. Der Kommissar war erleichtert, ihn zu sehen. Jetzt nahm der Tatort langsam wieder »normale« Züge an. Er erhob sich und ging auf das Auto zu, dem eine kleine, dürre Gestalt mit einer dicken Pudelmütze auf dem Kopf entstieg. Willi wirkte auf den Kommissar kleiner als sonst, weil seine Füße in monströsen Winterstiefeln steckten, wie sie in den achtziger Jahren modern gewesen waren – Moonboots hatte man sie genannt, und sie verliehen dem Träger tatsächlich ein bisschen das Aussehen eines Astronauten. Jedenfalls Willi Renn, der zu beinahe einem Drittel in den Stiefeln verschwand.

»Willi, endlich! Gut, dass du da bist.«

»Heu, was gibt's? Muss ich mir Sorgen machen?«

»Wieso Sorgen?«

»Na, weil du dich noch nie so gefreut hast, mich zu sehen.«

Kluftinger winkte ab. Natürlich waren sie sich nicht immer grün, aber er hatte nie die Kompetenz des Erkennungsdienstlers angezweifelt, den seine Kollegen nur »den Wühler« nannten, weil er oft in den unmöglichsten Verrenkungen nach Tatortspuren suchte.

»Das ist eine komische G'schicht.«

»Keine Zeit für Geschichten. Wo ist die Leiche?«

»Genau darum geht's ja: Es gibt keine.«

»Bitte? Du willst mir doch nicht etwa sagen, dass du eine komplette Leiche verloren hast? Das trau ich ja nicht einmal dir zu, Klufti.«

»Nein, nein, natürlich nicht. Es ist so – die Leiche ist gar nicht tot.«

»Die Leiche ist nicht tot?« Renn blickte ihn verblüfft an.

»Na, ich mein: Es ist halt keine Leiche, der Mann. Weil er noch lebt.«

Kluftinger zeigte auf die beiden Sanitäter hinter sich, die den Verletzten inzwischen auf die Trage gelegt und in eine golden glänzende Folie gewickelt hatten. Einer von ihnen hielt eine Infusion hoch, deren Schlauch unter der Rettungsdecke verschwand.

»Er sah nur so tot aus – wegen des vielen Bluts.«

Willi Renn ging mit Kluftinger zu den Sanitätern. Er blickte nur kurz auf den roten Fleck, zuckte mit den Schultern und fragte: »Welches Blut?«

»Bist du blind? Da ist doch alles rot!«

Renn schüttelte den Kopf: »Das ist kein Blut.«

Geschockt starrte ihn der Kommissar an. »Was sagst du da?«

»Dass das kein Blut ist. Glaub mir, damit kenn ich mich aus.«

Kluftinger verstand überhaupt nichts mehr. Doch ehe er weiter darüber nachdenken konnte, bekam Willi Renn große Augen, stapfte an ihm vorbei und begann zu schreien: »Sagen Sie mal, zertrampeln Sie hier eigentlich absichtlich alle Spuren? Glauben Sie, dass wir in diesem Schlachtfeld noch irgendwas finden werden?«

Der Notarzt, ein etwa dreißigjähriger Mann mit Nickelbrille, sah ihn entgeistert an. »Ich mache hier nur meinen Job«, raunzte er zurück. Kluftinger hätte schwören können, dass er noch ein gemurmeltes »Gartenzwerg« gehört hatte.

Renn hob sofort zu einer Schimpftirade an, deren Heftigkeit die Sanitäter überraschte. Was Tatortspuren betraf, verstand er keinen Spaß. Und obwohl er gut einen Kopf kleiner war als die beiden jungen Männer, wirkten sie eingeschüchtert.

»Wir packen nur noch zusammen«, sagte der Mann mit der Nickelbrille kleinlaut und stopfte die Utensilien in seinen Koffer. Als er ihn noch einmal kurz abstellen wollte, stieß Kluftinger einen Schrei aus.

»Nicht! Das Zeichen!«

Der Arzt blieb wie vom Donner gerührt stehen und bewegte sich nicht mehr. Kluftinger eilte zu ihm und schob ihn sanft aus dem rot gefärbten Schnee. Dann zeigte er mit ausgestreckter Hand auf das Schriftzeichen, das er vorher entdeckt hatte.

Willi Renn nickte anerkennend: »Respekt. Aus dir wird noch mal ein richtiger Erkennungsdienstler.«

Obwohl in dem Lob ein ironischer Unterton mitschwang, fühlte sich Kluftinger geschmeichelt.

»Also, wir fliegen, meine Herren«, sagte der Arzt hastig im Gehen. »Der Verletzte kommt ins Kemptener Krankenhaus. Er ist völlig unterkühlt, die Überlebenschancen sind nicht die besten, zumal er nur schlecht erstversorgt war. Ich nehme an, der alte Mantel gehört Ihnen. Wir haben ihn mit eingepackt.«

»Ja natürlich, das ist mein Wintermantel! Ich hol mir den im Krankenhaus ab.«

Erst jetzt konnte Renn einen unverstellten Blick auf den Platz werfen, auf dem der Mann bisher gelegen hatte. Er sah ihn sich eine Weile an, dann verengten sich die Augen hinter den dicken Gläsern der viel zu großen Hornbrille zu Schlitzen und seine Mundwinkel senkten sich. Für einen Augenblick hatte Kluftinger den Eindruck, sein Kollege würde gleich anfangen zu weinen, dann öffnete der den Mund und fluchte lautstark, bevor er zu jammern begann: »Schau dir das mal an! Schau's dir an. Alles zerstört. Alles hin. Wie soll ich da noch was Vernünftiges finden?«

Kluftinger folgte seinem Blick und er musste zugeben, dass es wüst aussah: Der Kreis aus rotem … was auch immer … war kein Kreis mehr. Alles war übersät mit Fußabdrücken.

Ein Geräusch hinter ihnen ließ Kluftinger herumfahren. Es waren Erika und Yumiko, die sich ihnen langsam näherten. Erika war bleich und auch Yumiko stand der Schrecken noch ins Gesicht geschrieben. Kluftinger hatte die beiden fast vergessen. Auch Renn drehte sich um. Erst jetzt schien er auch Markus zu bemerken, der still hinter ihnen gestanden hatte.

»Da habt ihr euch ja den richtigen Ort für einen Familienausflug ausgesucht!«, sagte der Erkennungsdienstler. Und als er sah, dass Erika noch immer leicht zitterte, fuhr er fort: »Erika, geh doch ins Café und trink was.«

»Da komm ich doch gerade her. Ich wollte nur …«

»Es wäre jetzt wirklich besser für dich, wieder reinzugehen. Dein Sohn bringt dich bestimmt hin«, unterbrach sie Renn und nickte Markus zu. Dass er eigentlich meinte, es wäre besser für ihn und seine Arbeit, behielt er für sich.

Dann wandte er sich an Yumiko: »Nicht bleiben hier«, sagte er betont langsam und laut. »Gehen Neuschwanstein, da mehr sehen.«

Er blickte Kluftinger an, verdrehte die Augen und seufzte: »Touristen!«

Im Kommissar regte sich plötzlich ein Beschützerinstinkt gegenüber Yumiko und er platzte heraus: »He, benimm dich mal. Das ist … meine … Schwiegertochter.«

Im selben Moment erstarrte er über den Satz. Auch Markus schien geschockt, blickte dann aber amüsiert drein. »Na, so schnell geht's jetzt auch wieder nicht«, sagte er zu seinem Vater.

»Ich mein, na ja … du weißt schon.«

Willi Renn lief rot an: »Ach so, das wusste ich ja nicht. Dann bitt ich vielmals um Entschuldigung. Und meinen Glückwunsch natürlich. Da bist du ja sozusagen ein echter Glückskeks, Markus, oder?«

»Schon gut«, winkte Kluftinger ab. Ausgerechnet vor Renn musste ihm dieser Fauxpas unterlaufen. Es würde in der Direktion innerhalb weniger Tage auch beim Hausmeister angekommen sein, dafür würde Willi schon sorgen.

»Können wir uns jetzt mal wieder um die Sache hier kümmern?«, lenkte Kluftinger die Aufmerksamkeit nun etwas gereizt wieder auf den Fall. »Was kannst du denn zu dem Zeichen sagen?«

Renns Stirn legte sich in Falten. »Also, sieht irgendwie germanisch aus, oder so«, vermutete er. »Vielleicht wissen ja die Kollegen was«, sagte er und deutete auf den Weg, auf dem nun in einiger Entfernung mehrere Polizeiwagen und auch einige Zivilfahrzeuge heranfuhren. »Friedel Marx natürlich wieder vorne weg«, fügte Renn kopfschüttelnd hinzu.

Kluftinger kannte Friedel Marx von einigen Telefonaten. Er war seit ein paar Jahren in der Dienststelle Füssen tätig, die wiederum der Kemptener Direktion unterstellt war. Vor allem seine heisere Stimme, die auf einen starken Raucher schließen ließ, war in seiner Erinnerung haften geblieben. Getroffen hatte er ihn allerdings noch nie.

Es war ihm plötzlich unangenehm, dass er hier mit seiner ganzen Familie stand, während die Kollegen aus Kempten und Füssen anrollten. Er nahm Markus zur Seite und bat ihn, mit den beiden Frauen nach Hause zu fahren, das sei nun wirklich nichts mehr für sie, sie bräuchten jetzt sicher etwas Ruhe. Markus nickte verständnisvoll, auch wenn Kluftinger ihm anmerkte, dass er gerne noch dageblieben wäre. Nachdenklich sah der Kommissar den dreien nach, wie sie Arm in Arm im Wald verschwanden.

Jetzt erst bemerkte Kluftinger, dass er unsäglich fror. »Du,Willi, hättest du noch einen Kittel für mich?«

»Schau mal im Auto. Meine Frau hat da gestern einen Sack für die Kleidersammlung reingelegt. Vielleicht ist da was drin.«

Das Auto seines Kollegen hatte mit seinem eins gemeinsam: das Alter. Wie Kluftingers grauer Passat war Renns 3er-BMW gut und gern zwanzig Jahre alt. Der Passat jedoch war eindeutig von der mangelnden Pflege seines Besitzers wie von dessen wenig achtsamer Fahrweise gezeichnet. Nicht so der weiße BMW. Wie aus dem Ei gepellt stand er im Schnee, als wäre er gerade einem Achtzigerjahre-Werbespot entsprungen: blütenweiß mit einem roten, hellblauen und dunkelblauen Streifen, der sich quer über die Motorhaube und das Dach bis zur hinteren Tür zog. Vorn und hinten prangte ein mächtiger Spoiler; der vordere hatte im Moment eher das Aussehen und die Funktion eines Schneepfluges. Alle Kollegen wussten um Renns Liebe zu diesem Automobil. Er hatte den Wagen einst sehr teuer gebraucht gekauft und wusch, wienerte und polierte ihn jedes Wochenende. Dass das Auto weder mit einem geregelten Katalysator noch mit modernen Fahrhilfen oder Sicherheitseinrichtungen ausgestattet war, störte Renn ebensowenig wie Kluftinger bei seinem Passat. Nur mit dem Verbrauch des BMW hätte Kluftinger sicher so seine Probleme gehabt: Der VW begnügte sich bei schonender Fahrweise mit sechs Litern, Renns Auto genehmigte sich etwa dreizehn vom feinen »Super Plus«. Für irgendetwas müsse man ja arbeiten, sagte der Kollege dann gern.

Kluftinger sperrte den Kofferraum auf, von dessen Boden man sorglos hätte essen können und in dem es roch wie in einem neuen Auto. Er öffnete einen weißen Plastiksack, in dem sich neben einigen T-Shirts, Unterhosen und Blusen ganz unten auch ein dunkelbrauner Wildledermantel mit dickem Pelzbesatz an Kragen und Ärmeln befand. Erika hatte lange einen ähnlichen gehabt.

Missmutig steckte er einen Arm in den Mantel und merkte, dass er viel zu eng war. Also hängte er ihn sich um, verknotete die Ärmel auf der Brust und setzte sich eine Pelzmütze auf, die er ebenfalls in dem Sack gefunden hatte.

»Nastrovje, Genosse Kluftowitsch«, rief Renn ihm grinsend zu, als der Kommissar zurückkam. Den »abgesägten Astronauten«, der Kluftinger auf der Zunge lag, verkniff er sich.

Noch einmal ging er in die Hocke und besah sich intensiv die Stelle, an der der Mann gelegen hatte. Mit dem Zeigefinger zeichnete er in der Luft das geheimnisvolle Zeichen nach.

»Na, das sieht ja ganz schön wüst aus hier.« Kluftinger erkannte die Stimme sofort. Sie gehörte Friedel Marx, der dicht hinter ihm stand. Er hatte den Eindruck, dass die Stimmlage des Füssener Beamten seit ihrem letzten Telefonat eine weitere Oktave nach unten gerutscht war.

Kluftinger stand ächzend auf und begann, noch während er sich umdrehte: »So, grüß Gott, Herr Mar…« Er verstummte. Sein Mund blieb offen stehen. Friedel Marx stand vor ihm und grinste.

»Irgendwann musste es ja mal so kommen«, sagte Marx.

Kluftinger hatte sich noch immer nicht gefangen. Der Mann, mit dem er schon Dutzende Male telefoniert hatte – war eine Frau. Sie war ein wenig kleiner als der Kommissar und auch wenn ihre Erscheinung nicht gerade sehr feminin war, war sie zweifelsohne weiblichen Geschlechts: Ihre aschblonden Haare waren schulterlang und fielen ihr strähnig in die Stirn, ihre Haut wirkte gelb und ledrig, die Nase war mit einem Höcker versehen und ragte spitz aus ihrem faltigen Gesicht. Eine Hand hatte sie in einem speckigen grauen Anorak vergraben, in der anderen hielt sie einen Zigarillo.

»Herr … Frau … ich meine«, Kluftinger wusste nicht, was er sagen sollte. Seine Nase leuchtete rot.

»Frau Marx, wenn's recht ist«, sagte die Beamtin kurz.

Kluftinger atmete tief durch. »Sie hätten doch mal was sagen können, am Telefon mein ich!«

Marx nahm einen tiefen Zug von ihrem Zigarillo. Kluftinger erkannte, dass sie den Rauch inhalierte. Er war selbst einer guten Zigarre dann und wann nicht abgeneigt, aber auf die Idee, sie auf Lunge zu rauchen, war er noch nie gekommen. Immerhin war seine Vermutung Marx' Zigarettenkonsum betreffend korrekt gewesen.

»Also, das ist mir jetzt natürlich schrecklich peinlich. Aber Sie hätten doch wirklich mal …«

»Trösten Sie sich, Herr Kluftinger. Sie sind nicht der Einzige, der mich am Telefon mit ›Herr‹ anspricht. Ich hab irgendwann einfach aufgehört, die Leute zu verbessern. Ist doch eigentlich eh wurscht.«

»Na ja, wenn Sie's so sehen. Aber die Stimme … und Ihr Name.«

»Ja, ich weiß. Aber wenn Sie Friedrun heißen würden, dann würden Sie sich auch einen Spitznamen zulegen.«

Kluftinger entspannte sich etwas. Friedel Marx schien seine Verwechslung gelassen zu nehmen. »Vornamen kann man sich eben nicht aussuchen, was?«, sagte er und lächelte.

»Stimmt. Haben Sie ähnliche Erblasten zu tragen?«

»Kann man so sagen.« Er dachte kurz nach, ob er ihr seine Vornamen verraten sollte. Eigentlich ging er damit relativ diskret um und seine Kollegen in Kempten wussten auch, dass er keinen besonderen Wert darauf legte, damit gerufen zu werden. Er entschied sich dennoch dafür. Vielleicht würde dieses vertrauliche Detail seinen Ausrutscher wieder wettmachen.

»Wenn ich mich also noch einmal vorstellen darf, mein Name ist …«

»Würd's euch was ausmachen, euer Schwätzchen woanders zu halten?« Willi Renn unterbrach sie in seiner gewohnt rüden Art. Er war jetzt wieder ganz in seinem Element; ein großer Teil seiner Abteilung war angerückt und Renn dirigierte sie wie ein Kapellmeister.

»Natürlich nicht«, sagte Kluftinger und zog seine Kollegin zur Seite. Die peinliche Begrüßung hatte ihn aus dem Konzept gebracht, doch nun war er wieder ganz bei der Sache.

Auch Frau Marx wurde nun wieder sachlich. »Sieht nach einem ganz schönen Blutbad aus«, sagte sie und saugte an ihrem Zigarillo.

»Ja, gell, das hab ich auch erst gedacht. Aber der Willi behauptet steif und fest, das sei gar kein Blut.«

»Behauptet nicht, weiß!«, schrie Renn zu ihnen herüber.

»Herrgottzack, der hört auch alles«, flüsterte Kluftinger.

»Würden Sie mich jetzt bitte mal informieren?«, fragte Friedel Marx ungeduldig.

»Natürlich, entschuldigen Sie.«

Kluftinger erzählte ihr von dem Mann in der vermeintlichen Blutlache, von dem geheimnisvollen Zeichen und seiner Überraschung, als er merkte, dass die »Leiche« noch am Leben war. Seine Kollegin hörte ihm aufmerksam zu, sah ihn aber nicht an, sondern schaute den Kollegen der Spurensicherung dabei zu, wie sie in dem zerwühlten Schnee nach Hinweisen suchten.

»Taucheranzug, sagen Sie?«, fragte sie schließlich.

»Ja, er hatte einen Taucheranzug an. Allerdings waren weder Flaschen noch eine Taucherbrille zu finden.«

Sie blies den Rauch in die kalte Winterluft, sah ihm versonnen nach und sagte dann: »Hm. Komisch. Tauchen ist hier seit vielen Jahren strengstens verboten. Es gibt auch häufig Kontrollen.«

»Ach …«

»Ja. Zu viele Unfälle. Ist wohl ziemlich gefährlich hier. Ich kenn mich damit nicht so aus. Hat scheinbar was mit der Zusammensetzung des Wassers zu tun. Vielleicht sollten wir da ansetzen.«

Kluftinger sah sie entgeistert an. Das war natürlich sein Fall, das war ihr doch hoffentlich klar. Und wenn hier jemand sagen würde, wo was anzusetzen war, war er das und sonst niemand. Als er gerade Atem holte, um ihr genau das mitzuteilen, drehte sie sich um und stapfte zu ihrem Auto. Als sie es erreicht hatte, wandte sie sich zum Kommissar und rief: »Wo bleiben Sie denn, Kollege? Hier können Sie nichts mehr tun. Wir sollten mit der Arbeit beginnen. Und Ihnen wird sicher auch kalt sein. Steht Ihnen übrigens nicht schlecht, der Pelz, Kollegin.« Dann stimmte sie ein so heiseres Gelächter an, dass es Kluftinger eiskalt den Rücken hinunterlief.

Auf der Fahrt in das Füssener Büro ließ sich Kluftinger die seltsamen Ereignisse des heutigen Tages noch einmal durch den Kopf gehen. Alles hatte sich heute als anders erwiesen, als es zunächst den Anschein gehabt hatte: Die Freundin seines Sohnes war keine Micky, sondern eine Yumiko, sein Füssener Kollege war eine Kollegin, das Blut war gar keins und die Leiche nicht tot.

Als sie die Tür zu Marx' Büro aufschlossen, brummte ihm ob so vieler unerwarteter Wendungen der Kopf. Immerhin: Das Büro von Friedel Marx präsentierte sich ihm genau so, wie er es sich vorgestellt hatte. Der Schreibtisch war unter Papierbergen vergraben, überall lagen angebrochene Zigarilloschachteln herum, der Aschenbecher quoll über vor ausgedrückten Kippen. Die ehemals cremeweiße Tastatur des Computers hatte inzwischen eine dunkelgraue Farbe angenommen. Die Marx rauchte offenbar alles, was ihr zwischen die Finger kam.

Kluftinger hatte sich kaum gesetzt, da hörte er hinter sich schon wieder das Geräusch eines Streichholzes und bläulicher Rauch erfüllte das Zimmer. Die Beamtin setzte sich hinter den Schreibtisch, zog eine Schublade auf und holte eine Flasche und zwei Gläser hervor.

»Den brauchen wir jetzt«, sagte sie und goss eine klare Flüssigkeit ein.

»Enzian. Selbstgebrannt, von einem Freund. Höllisch gut«, beantwortete sie den fragenden Blick des Kommissars.

Kluftinger, der eigentlich kein Schnapstrinker war, schon gar nicht im Dienst, dachte, dass ihn der Alkohol zumindest ein bisschen aufwärmen würde, und nahm sich das Glas. Sie prosteten sich zu und schütteten die Flüssigkeit ihre Kehlen hinunter.

Ein, zwei Sekunden passierte gar nichts, dann breitete sich im Rachen des Kommissars eine Hitze aus, als habe er sich Benzin in den Hals gegossen und angezündet. Mit aller Macht unterdrückte er seinen Hustenreiz, denn er sah, dass Friedel Marx mit dem scharfen Getränk überhaupt keine Probleme hatte. Fast kam es ihm vor, als warte sie nur darauf, dass er diesbezüglich Schwäche zeigen würde.

»Hm-hm, ganz ordentlich«, versuchte er deswegen gelassen zu sagen, doch es kam heiserer heraus, als er gewollt hatte.

Als ihm auch noch Tränen in die Augen schossen, wandte er sich schnell ab und hängte den Pelzmantel und die Mütze an die Garderobe in Marx' Büro.

»Noch einen?«, fragte Friedel Marx mit Blick auf die Flasche.

»Nein, nein, wir müssen ja noch was arbeiten.«

Sie legte die Flasche wieder in die Schublade und sah den Kommissar an. »Ich danke Ihnen, dass Sie bereits alles in die Wege geleitet haben. Ich kann mich ja jetzt um den Rest kümmern. Wissen Sie, ich dachte, ich fange gleich mal …«

»Liebe Frau Kollegin«, unterbrach sie der Kommissar. »Ich will Ihnen da jetzt nicht vorgreifen, aber da ich den Mann gefunden habe, werde ich mich auch der Sache annehmen.«

»Hören Sie, Herr Kluftinger«, brummte Friedel Marx, »es ist Usus bei uns, den Fall im Zuständigkeitsbereich der Kollegen zu belassen, bei denen er passiert ist.« Sie nahm einen tiefen Zug an ihrem Zigarillo, kniff die Augen zusammen und fuhr fort, wobei sie den Rauch beim Sprechen bedrohlich aus ihrem Mund quellen ließ. »Natürlich haben Sie als ranghöherer Beamter das Recht, alles an sich zu reißen, aber es ist eine Frage des Stils, ob man von diesem Recht auch tatsächlich Gebrauch macht.«

»So war das doch nicht gemeint«, versuchte Kluftinger etwas eingeschüchtert, sie zu besänftigen. »Ich wollte ja nur vorschlagen, dass wir die ganze Sache von Kempten aus koordinieren und Sie natürlich mit im Team sind.« Das hatte der Kommissar zwar überhaupt nicht vorschlagen wollen, aber es erschien ihm in diesem Moment, ganz allein mit der Kette rauchenden Beamtin im fremden Büro, das Klügste zu sein. Die endgültige Arbeitsaufteilung könnten sie ja dann immer noch zu seinen Gunsten festlegen – in Kempten natürlich.

Sie musterte ihn misstrauisch und lenkte schließlich ein. »Na gut. Dann können wir jetzt endlich mit der Ermittlung anfangen. Ich würde sagen, ich knöpfe mir so schnell wie möglich mal die Tauchclubs in der Umgebung vor. Vielleicht kennen die unseren Herrn. Das ist doch auch in Ihrem Sinne, dass wir schnellstmöglich seine Identität feststellen, oder?«

»Äh, ja, ja, natürlich, Identität. Ganz wichtig.«

Sie saßen noch eine Weile im Büro und sprachen über ein paar Details, als Kluftingers Handy klingelte. »Ja? Willi, servus. Hast du schon was für uns? Die rote Flüssigkeit, verstehe … Wollte ich dich auch noch fragen. Gut, dass du selber daran denkst. Und was … ach so, klar. Ja, gut, bis morgen dann.«

Friedel Marx blickte den Kommissar gespannt an.

»Er konnte das Zeug nicht identifizieren, das wir … das ich zunächst für Blut gehalten habe.«

»Hm.«

»Aber etwas hat er doch herausgefunden, noch vor Ort.«

»Und zwar?«

»Dass es organisch ist. Keine synthetische Verbindung. Keine Farbe oder so was. Willi hat etwas Derartiges auch noch nie gesehen. Sie machen gleich eine umfangreiche Testreihe. Mehr weiß er noch nicht.«

Seine Kollegin machte ein besorgtes Gesicht. »Klingt ja rätselhaft«, sagte sie mehr zu sich selbst.

Auch Kluftinger hatte kein gutes Gefühl. Er hatte nicht die leiseste Ahnung, wohin sie diese Sache führen würde.

»Ich glaub, hier können wir nix mehr machen. Ich würde vorschlagen, wir treffen uns morgen zur Morgenlage-Besprechung in Kempten? Da können wir dann alles Weitere klären. Auch mit den Kollegen.« Kluftinger stand auf und ging zur Tür. Friedel Marx war sitzen geblieben. Als er schon an der Tür stand und sich verabschieden wollte, zögerte er. Er drehte sich noch einmal um. Marx grinste ihn an.

»Brauchen Sie ein Taxi?«, fragte sie mit spöttischem Unterton.

»Ich … äh …«

»Kommen Sie, ich fahr Sie schnell heim.«

Das konnte ja eine heitere Zusammenarbeit werden, dachte er beim Hinausgehen.

Während der Fahrt nach Altusried, Kluftingers Wohnort, hatten sie beschlossen, noch kurz im Kemptener Krankenhaus vorbeizuschauen, in das der Verletzte gebracht worden war. Als sie vor dem Klinikum parkten, dachte Kluftinger, dass die Fahrt so oder so hier geendet hätte, denn Marx fuhr in seinen Augen wie eine Geisteskranke. Dass sie das »Ich fahr Sie schnell heim« so wörtlich nehmen würde, hätte er nicht gedacht. Dabei rauchte sie einen Zigarillo nach dem anderen, so dass der Kommissar das Gefühl hatte, draußen noch nachzuqualmen. Eine Bemerkung hatte er sich aufgrund der sowieso schon angespannten Stimmung verkniffen, auch wenn ihm jetzt speiübel war. Er war froh, etwas auslüften zu können.

Die Kälte fühlte sich angenehm an – während der Fahrt hatten im Wagen mindestens dreißig Grad geherrscht, weil Marx Heizung und Gebläse in ihrem Subaru auf höchster Stufe gehabt hatte. Außerdem freute er sich diebisch darüber, dass seine Kollegin nun den Mantel aus der Kleidersammlung in ihrem Büro hängen hatte. Sollte sie doch schauen, wie sie ihn wieder loswürde.

»Na, hat Sie wohl ganz schön mitgenommen, was? Sie sind etwas blass um die Nase«, sagte seine Kollegin auf dem Weg zum Klinikeingang. Wegen der aufkeimenden Zornesröte wirkten Kluftingers Wangen gleich wieder etwas rosiger.