Sensual Nude - Andreas Jorns - E-Book

Sensual Nude E-Book

Andreas Jorns

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Beschreibung

Kein anderes Genre der Fotografie ist so populär, aber auch so umstritten wie die Aktfotografie, nicht ohne Grund auch die "Königsdisziplin der Fotografie" genannt. Dem Autor ist es ein zentrales Anliegen, zu zeigen, dass sie viel mehr sein kann, als oft auf einschlägigen Fotoplattformen zu sehen ist. Er geht dabei detailliert auf einen Teilbereich ein, die sinnliche Aktfotografie, auch Sensual Nude genannt, zeigt die Abgrenzung zu anderen Spielarten der Aktfotografie und hebt insbesondere die Aspekte Natürlichkeit und Authentizität hervor. Andreas Jorns hat sich in den letzten Jahren einen Namen als Porträt- und Aktfotograf gemacht und fotografiert ausschließlich in Schwarzweiß. So ist es nur konsequent, dass er sich in diesem Buch auf das konzentriert, was er tagtäglich praktiziert. Dabei gewährt er dem Leser einen intensiven Einblick in seine Denk- und Arbeitsweise. Er stellt den menschlichen Faktor, vor allem den Umgang mit dem Model, in den Vordergrund und dokumentiert dies in Interviews mit verschiedenen Aktmodels. Weitere wichtige Themen sind der Umgang mit Licht (mit dem Schwerpunkt Available Light), die Bildgestaltung sowie die ästhetische und technische Seite der Schwarzweißfotografie bzw. Schwarzweißkonvertierung. Letztere zeigt der Autor in einer Schritt-für-Schritt-Anleitung mit Adobe Lightroom. Für das zentrale Kapitel, "How dunnit?", hat er 50 seiner besten Bilder ausgewählt, an deren Beispiel er dem Leser mithilfe von Aufnahmedaten und einer ausführlichen Entstehungsgeschichte die Praxis der Aktfotografie vermittelt. Ein Kapitel zu den rechtlichen Aspekten rundet das Buch ab. Aus dem Inhalt: - Grundlagen – Warum Schwarzweiß? - Faktor "Mensch" - Präsentation und Portfolio - Licht und Bildgestaltung - Technik und Bildbearbeitung - 50 Fotos und ihre Entstehung - Rechtliche Aspekte

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Andreas Jorns hat sich als Porträt- und Aktfotograf einen Namen gemacht. Er fotografiert ausschließlich in Schwarzweiß (digital und analog) und hat bereits zwei Bildbände veröffentlicht. Zudem erscheint zweimal pro Jahr sein Fine-Art-Magazin »aj«, in dem er einen Querschnitt seiner Arbeiten zeigt. Darüber hinaus ist er Herausgeber der Zeitung »BUNT«, in der eigene und fremde Bildstrecken (analog und schwarzweiß) publiziert werden. Er veranstaltet regelmäßig Workshops und Fotoreisen. Weiterführende Informationen findet man auf seiner Webseite www.ajorns.com. Beim dpunkt.verlag ist 2012 sein »Blitz-Kochbuch« erschienen.

Zu diesem Buch – sowie zu vielen weiteren dpunkt.büchern – können Sie auch das entsprechende E-Book im PDF-Format herunterladen. Werden Sie dazu einfach Mitglied bei dpunkt.plus+:

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Sensual Nude

Aktfotografie in Schwarzweiß

Andreas Jorns

Andreas [email protected]

Lektorat: Rudolf KrahmCopy-Editing: Alexander ReischertSatz + Layout: Birgit BäuerleinHerstellung: Susanne BröckelmannUmschlaggestaltung: Helmut Kraus, www.exclam.deDruck und Bindung: Grafisches Centrum Cuno GmbH & Co. KG, Calbe (Saale)

Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in derDeutschen National bibliografie; detaillierte bibliografische Daten sindim Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN:Print   978-3-86490-411-0PDF   978-3-96088-105-6ePub   978-3-96088-106-3mobi   978-3-96088-107-0

Copyright ©2017 dpunkt.verlag GmbHWieblinger Weg 1769123 Heidelberg

Die vorliegende Publikation ist urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte vor behalten. Die Verwendung der Texte und Abbildungen, auch auszugsweise, ist ohne die schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und daher strafbar.

Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen.

Alle Angaben und Programme in diesem Buch wurden von den Autoren mit größter Sorgfalt kontrolliert. Weder Autor noch Herausgeber noch Verlag können jedoch für Schäden haftbar gemacht werden, die in Zusammenhang mit der Verwendung dieses Buchs stehen.

In diesem Buch werden eingetragene Warenzeichen, Handelsnamen und Gebrauchsnamen verwendet. Auch wenn diese nicht als solche gekennzeichnet sind, gelten die entsprechenden Schutzbestimmungen.

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Screenshotmeiner Webseite www.ajorns.com (Stand: September 2016)

Vorwort

Diese Einleitung habe ich geschrieben, damit Sie – werte Leserin und werter Leser – sich noch in der Buchhandlung ganz schnell einen Überblick darüber verschaffen können, was Sie in diesem Buch erwartet. Eine Entscheidungshilfe sozusagen, basierend auf einer Definition dessen, worüber ich eigentlich in diesem Buch schreibe. »Sensual Nude – Aktfotografie in Schwarzweiß« ist der Titel, und glauben Sie mir: Alle Worte in diesem Titel sind wichtig (okay, über das »in« können wir gern noch diskutieren …)!

Es ist kein Buch über die Aktfotografie im Allgemeinen. Es ist kein Buch, das farbige Aufnahmen beinhaltet. Und es ist kein Buch über die erotische Fotografie, wie sie zum Beispiel im Playboy oder andernorts zu finden ist.

Ich schreibe hier auf etwa 320 Seiten über einen Teilbereich der Aktfotografie. Sinnliche Aktfotografie (= Sensual Nude) in der schönsten aller Farben: Schwarzweiß!

Die Nische in der Nische sozusagen. Aber glauben Sie mir, wenn ich sage, dass es die schönste aller Nischen ist (auch wenn ich bei dieser Feststellung durchaus etwas befangen bin). Es ist ein Buch über meine Art der Fotografie, was mich zu einer ganz wichtigen Feststellung bringt – mein dringender Rat lautet: Wenn Ihnen meine Bilder nicht gefallen, dann kaufen Sie dieses Buch nicht – Sie würden sich ansonsten nur ärgern.

Legen Sie das Buch jetzt am besten kurz aus der Hand und gehen mit Ihrem Smartphone auf meine Webseite www.ajorns.com …

Okay, wenn Sie das hier lesen, haben Sie das Buch offensichtlich nicht ins Regal zurückgestellt. Das freut mich sehr. Ich verspreche Ihnen: Sie werden es nicht bereuen. Ich wünsche Ihnen viel Spaß bei der Lektüre! Text und Bilder machen Ihnen hoffentlich Lust auf mehr – es selbst auszuprobieren und sich so dem schönsten (aber wahrscheinlich auch schwierigsten) Genre der Fotografie zu nähern.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1    Grundlagen

1.1    Faszination Aktfotografie – die Königsdisziplin

1.2    Definition von Akt – Teilakt – Bodyparts

1.3    Sinnliche Aktfotografie (»Sensual Nude«) – was ist das eigentlich?

1.4    Warum es so viele schlechte Aktfotos gibt

2    Warum Schwarzweiß?

2.1    Sechs Gründe für Schwarzweiß

2.2    Die Entscheidung für Schwarzweiß in der sinnlichen Aktfotografie

2.3    Schwarzweiß fotografieren – aber richtig!

3    Der Faktor »Mensch«

3.1    Tipps für den richtigen Umgang mit dem Model

3.2    Wie finde ich das Model?

3.3    Die richtige Modelansprache

3.4    Interviews mit Akt-Models

4    Präsentation und Portfolio

4.1    Ein zentrales Portfolio anlegen

4.2    Das Portfolio muss zu dem passen, was man als Fotograf machen will

4.3    Beschränkung des Portfolios auf das Wesentliche

4.4    Drucken ist Pflicht

5    Das Licht

5.1    Die Charakteristik des Lichts (weich vs. hart)

5.2    Die Lichtrichtung

5.3    Available Light vs. Kunstlicht

6    Die Gestaltung

6.1    Bildaufbau

6.2    Bildschnitt

6.3    Die Perspektive als Gestaltungsmittel

6.4    Das Spiel mit der (Un-)Schärfe

6.5    Gestalten mit Licht (und Schatten)

7    Die Technik

8    Die Bildbearbeitung

8.1    Bearbeitung vs. Beauty-Retusche

8.2    »Out of Cam« bis zum fertigen Bild – in drei Minuten

8.3    Farbfilter in der Schwarzweißfotografie

8.4    Tipps & Tricks in Lightroom

9    How dunnit?

10  Rechtliche Aspekte in der (Akt-)Fotografie

10.1  Das Urheberrecht

10.2  Das Recht am eigenen Bild

10.3  Das Nutzungsrecht

10.4  Der Modelvertrag (TfP)

Kapitel 1Grundlagen

1.1Faszination Aktfotografie – die Königsdisziplin

Aktfotografie ist eines der beliebtesten Genres der Fotografie überhaupt. Auf viele Menschen übt sie seit ihren Anfängen im 19. Jahrhundert eine große Faszination aus. Warum ist das so? Ich denke, dass sich die Motive dafür im Laufe der letzten 150 Jahre etwas verschoben haben. Während es in früheren Zeiten noch etwas Besonderes und oft auch Skandalträchtiges war, Fotos von nackten Menschen öffentlich zu präsentieren, ist der Reiz des Verbotenen heutzutage – im Zeitalter des Internets – längst verloren gegangen.

Schauen wir kurz zurück: Die Darstellung des nackten Körpers in der Malerei war weit verbreitet und gesellschaftlich akzeptiert. Durch die Fotografie wurde vielen Betrachtern jedoch erst klar, dass es sich bei den Abgebildeten um reale Menschen handelt. Während die Aktbilder der Malerei keine Aufregung verursachten, galten Aktfotos oft als Pornografie. Um sich dem moralischen Verbot zu entziehen, gingen viele Fotografen den Weg, Aktaufnahmen unter dem Deckmantel der wissenschaftlichen Forschung anzufertigen. Aber auch die Tatsache, dass viele Maler feststellten, dass die Beschaffung entsprechender Fotografien günstiger war, als die Sitzungen für das Modellstehen zu bezahlen, war hilfreich für die Verbreitung der Akt fotografie. Diese für Maler angefertigten Fotografien sind quasi Grundlage und Geburtsstunde der heutigen klassischen Aktfoto grafie. Für diese künstlerischen Aufnahmen wurde stets auf eher einfache und schlichte Kulissen zurückgegriffen – im Vordergrund stand der abgebildete (nackte) Körper.

Trotz gesellschaftlicher und auch staatlicher Interventionen entwickelte sich aus dieser Aktfotografie im Laufe der Zeit die Fotografie von eindeutig erotischer Natur. Im Gegensatz zur Aktfotografie wurden die Aufnahmen dabei stärker inszeniert – die Kulissen waren oft aufwändiger gestaltet. Als Models fungierten vor allem zu Beginn oft Prostituierte. Die Urheber dieser sogenannten »Cochonnerien« (lt. Duden: Schweinerei, Unflätigkeit, Zote) sind heute in der Regel unbekannt, da sie von den Fotografen nicht unter ihrem bürgerlichen Namen veröffentlicht wurden (ein Vorgehen, das auch heutzutage nicht ganz unbekannt ist).

Derart »verboten«, »moralisch verwerflich« oder »schamverletzend« wie noch vor 100 Jahren ist das Thema Nacktheit und die Aktfotografie natürlich längst nicht mehr (zumindest nicht in unseren westlichen Kulturkreisen, wobei ich die durchaus bigotte Sichtweise der amerikanischen Gesellschaft auf das Thema jetzt einmal bewusst davon ausnehme). Dennoch: Obwohl nackte Inhalte für jedermann mit wenigen Klicks im Internet jederzeit verfügbar sind, übt die Abbildung von unbekleideten Menschen als Kunstform in der Fotografie immer noch einen besonderen Reiz aus. Weil wir eben nicht alle ständig nackt durch das Leben gehen (Ausnahmen bestätigen die Regel) und weil es dann irgendwie doch etwas Intimes ist. Etwas, was der Durchschnittsmensch im Normalfall nicht jedem Menschen präsentiert.

Die inflationäre Verfügbarkeit »nackter Tatsachen« in den Medien kann durchaus zu einer Übersättigung führen. Und tatsächlich kenne ich auch in meinem Bekanntenkreis Menschen, die Bilder von nackten schönen Menschen langweilig finden (sie vermitteln mir dies zumindest relativ glaubwürdig). Es ist daher für jeden Aktfotografen unerlässlich, darauf zu achten, dass er/sie nicht einfach nur »nackte Körper« ablichtet – dass das Thema Nacktheit nicht zum Selbstzweck wird. Denn »yet another nude picture« ist etwas, das die Welt wirklich nicht braucht. Ich werde später noch ausführlich auf dieses Thema eingehen.

1-1 Aktaufnahme von Eugène Durieu, 1853

Die Faszination, die die Aktfotografie auf die meisten Betrachter ausübt, liegt damit weitgehend auf der Hand. Was aber fasziniert den Fotografen, sich mit dem Thema Aktfotografie auseinanderzusetzen? Es gibt da einen offenkundigen Grund, den ich in Abschnitt 1.2 behandeln werde. Hier möchte ich nachfolgend erläutern, was mich bei diesem Thema reizt, warum ich mich – neben meiner Porträtfotografie – sehr intensiv auch der Aktfotografie widme. Ich habe bereits in der Einleitung »angedroht«, dass dieses Buch sehr stark subjektiv eingefärbt sein wird – damit müssen Sie jetzt leben ;-)

1-2Urheber unbekannt, ca. 1900

Was Aktfotografie mit Porträtfotografie zu tun hat

Viele Menschen sind irritiert, wenn ich sage, dass ich in den Bereichen Porträt- und Aktfotografie arbeite. Die Kombination dieser beiden Genres stößt nicht selten auf Unverständnis. Viele halten diese beiden Aufnahmebereiche innerhalb People-Fotografie für viel zu gegensätzlich – quasi die beiden Extreme auf der Skala.

Nacktheit ist etwas Natürliches.

Für mich ist die Aktfotografie eine logische Fortsetzung bzw. sogar die Vollendung der Porträtfotografie. Kein anderer Aufnahmebereich ist so eng mit der Porträtfotografie verwandt wie die Aktfotografie. Ich betrachte sie als »Porträtfotografie ohne Kleidung«, denn der unbekleidete menschliche Körper ist per se natürlich und unverstellt, sehr schlicht und sehr reduziert (maximal reduziert, wenn man so will). Und diese Schlichtheit trägt nicht nur die Natürlichkeit des Menschen in sich, sondern auch sehr viel Schönheit. Einmal nackt gibt es keine Fassade mehr – kein Verstecken hinter Kleidung. Der Mensch ist dann, wie er ist. Als Betrachter hat man somit im Optimalfall den wahren Menschen als solchen vor sich.

Hier gilt einschränkend, dass dies nach meiner Einschätzung ausschließlich für die sinnliche Aktfotografie (»Sensual Nude«) gilt – die Art von Aktfotografie, um die es in diesem Buch gehen soll. Aktfotografie, wie man sie zum Beispiel im »Playboy« findet, hat nichts mit der Porträtfotografie gemein – und das sage ich hier völlig ohne Wertung. Über die Begrifflichkeit von »Sensual Nude« und deren Abgrenzung zu anderen Formen der Aktfotografie habe ich in den nachfolgenden Abschnitten Stellung bezogen. Diese Ausführungen sind sehr wichtig für das Verständnis meiner hier im Buch beschriebenen Aktfotografie. Daher wäre es schön, wenn Sie diesen vermeintlich theoretischen Abhandlungen Ihre Beachtung schenken.

1-3

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Hat die Aktfotografie im heutigen Zeitalter noch eine Relevanz?

Man darf ohne Zweifel feststellen, dass die Aktfotografie auch in der heutigen Zeit nichts von ihrer Faszination verloren hat. Ich gehe sogar so weit, zu behaupten, dass ihr – bei richtiger Auslegung – eine erhebliche Bedeutung in unserer reizüberfluteten Gesellschaft zukommt. Nacktheit ist seit vielen Jahren in hohem Maße kommerzialisiert. Zudem ist sie überall und ständig zugegen: in Werbespots und auf -plakaten, in Filmen, Videoclips und vielem mehr. »Sex Sells!« – im kommerziellen Sinne, aber auch im zwischenmenschlichen Bereich. Selfies, nackt vor dem Spiegel aufgenommen, füllen die Smartphones vieler Menschen … dass dies zum Teil unerwünschte Konsequenzen haben kann, ist dabei nur ein kleiner Teil dieser Entwicklung (fragen Sie mal bei dem ein oder anderen Hollywood-Star nach).

Braucht es bei dieser Entwicklung überhaupt noch künstlerische Aktfotografie?

Diese Frage muss mit einem eindeutigen »Ja« beantwortet werden. Gute Aktfotografie kann eine andere Erfahrung von Nacktheit vermitteln. Sie zeigt im besten Fall einen natürlichen Umgang mit ihr, sozusagen deren Normalität auf. Dieser Aspekt kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Hat insbesondere der Fotograf dies verinnerlicht, ist das schon die halbe Miete. Es hilft, ästhetische Bilder zu schaffen, und (darauf komme ich in Kapitel 3 noch etwas ausführlicher zurück) es ist der Wegbereiter für eine angemessene Stimmung am Set und den richtigen Umgang mit dem Model.

Natürlichkeit. Purismus. Intensität. Das ist es, was gute (sinnliche) Aktfotografie auszeichnet. Sie zeigt den unverstellten Blick auf den Menschen, ohne Inszenierung, ohne plakativ zu sein. Und damit grenzt sie sich von der »Erotik mit dem Holzhammer« ab, die uns in den Medien, in den sozialen Netzwerken und überall sonst entgegenspringt. Sie wird zu etwas Besonderem und hat damit auch im 21. Jahrhundert ihre Daseinsberechtigung.

Warum bezeichne (nicht nur) ich die Aktfotografie als »Königs disziplin« der Menschenfotografie?

Stellen Sie sich bitte folgendes Szenario vor: Sie sollen einen Menschen fotografieren, der sich selbst nicht zu 100 % perfekt findet. Nackt! Sie wissen, dass es ungefähr einen Blickwinkel gibt, der eine ästhetische Aufnahme zulässt. Alle anderen Winkel bringen bestenfalls langweilige, oft platte, mit ein wenig Pech sogar billige bis obszöne Ergebnisse. Gleiches gilt für das Licht. Viel Licht, am besten noch von vorn: langweilig, platt, billig, obszön (suchen Sie sich etwas aus). Falsche Lichtsetzung führt unweigerlich zu einem schlechten Bild! Und dann wäre da noch das Model: Das steht/sitzt/liegt vor der Kamera und fühlt sich vielleicht unwohl. Weiß nicht, was es machen soll. Ist befangen.

Und jetzt fragen Sie mich noch einmal, warum Aktfotografie die Königsdisziplin der Fotografie ist ;-)

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»Aktaufnahmen sind ohne Zweifel ein sehr heikles Gebiet, denn nirgends ist die Gefahr, dass aus dem guten Wollen ein entsetzlicher Missgriff wird, so groß wie beim Aktfoto. Vor einem falschen Hintergrund, in unechter Stellung und Gebärde kann ein unbekleideter Mensch allzu leicht nur ›ausgezogen‹ wirken …«

Werner Wurst

Aktfotografie als Probierfeld? Bitte nicht!

Kürzlich las ich auf einer Webseite die Aufforderung: »Machen Sie wenigstens einmal in Ihrem Leben als Fotograf oder Fotografin Aktfotos!« Der Autor versprach einen hohen Lerneffekt für die anderen Teilbereiche der People-Fotografie wie zum Beispiel die Porträtfotografie. Auch wenn ich mir denken kann, wie dies gemeint ist, möchte ich Sie, liebe Leserinnen und Leser, um eines bitten: Eignen Sie sich zunächst Grundkenntnisse davon an, wie Licht funktioniert und wie man mit Menschen vor der Kamera umgeht, bevor Sie sich in das Abenteuer Aktfotografie stürzen (die Lektüre dieses Buches kann dafür durchaus hilfreich sein).

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»Ich habe mir eine Kamera gekauft, weiß, wie sie angeschaltet wird, und fange jetzt direkt mal mit Aktfotografie an« … das kann nur schiefgehen! Grundsätzlich ist es ja so, dass jeder Mensch das (unverbriefte) Recht hat, schlechte Fotos zu machen. Er hat sogar das Recht, diese schlechten Fotos im Internet zu veröffentlichen. Und wie Sie sicher wissen, wird von diesem Recht täglich eifrig Gebrauch gemacht. Ich will hier auch keine Diskussion über »gut« vs. »schlecht« (Wer definiert dies überhaupt?) eröffnen, aber ich möchte es gern auf folgenden gemeinsamen Nenner bringen:

Bitte versetzen Sie sich ganz kurz in den Menschen, der auf diesen Bildern zu sehen ist (ab hier werde ich diese Menschen immer »Model(s)« nennen, auch wenn ich mir der Tatsache bewusst bin, dass die wenigsten von ihnen tatsächlich Models sind; aber es macht mir die Formulierung meiner Aussagen deutlich leichter). Meine These lautet: Mit einem schlechten Porträt, das im Internet veröffentlicht wird, kann man (zähneknirschend) leben. Ein schlechtes Aktfoto von sich möchte man aber nun wirklich nicht gern im Internet sehen, oder?

Aktfotografie ist wahrscheinlich die interessanteste, mit Sicherheit aber schwierigste Disziplin der (People-)Fotografie. Warum ist das so?

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Patzer in der Lichtführung werden sofort offenkundig. Mängel in der Modelführung münden nicht selten in einem absoluten Desaster. Die Models sind bei der Aktfotografie in der Regel nicht so unbefangen wie zum Beispiel bei der Porträtfotografie und dem Fotografen kommt somit eine noch höhere Verantwortung zu, alles dafür zu tun, damit sich das Model wohlfühlt und unbefangen agiert. Wie dies funktionieren kann, beschreibe ich in Kapitel 3.

Es gibt noch einen anderen Teilaspekt der Aktfotografie, der die Faszination erklärt. Und zwar dann, wenn man »Faszination« mit »Popularität« gleichsetzt. Dieser Aspekt ist in meinen Augen gleichzeitig eines der wesentlichen Motive dafür, dass es so viele schlechte Aktfotos gibt:

Wer seine Bilder im Internet zeigt, erhält mit Aktfotos ungleich mehr Aufmerksamkeit und Feedback als mit Landschaftsaufnahmen oder Tierbildern (obwohl: Fotos von Katzenbabys gehen eigentlich immer). Selbst die fragwürdigsten Fotos haben viele Klicks und Kommentare, sofern nur genügend nackte Haut präsentiert wird. Wer von diesen Klickzahlen Beliebtheit oder gar Erfolg ableitet, befindet sich schnell auf dem Irrweg und wird dazu verleitet, immer mehr Nacktes nachzulegen – ohne sich auch nur im Ansatz um Ästhetik und Qualität zu bemühen. Eine Spirale des Grauens und der Grund dafür, warum die Aktfotografie bei vielen Menschen in die »Schmuddelecke« sortiert wird. Dieses Buch will aufzeigen, dass Aktfotografie nicht im Mindesten »schmuddelig« sein muss, sondern zu Recht zu den faszinierendsten Aufnahmebereichen der Fotografie gehört.

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1.2Definition von Akt – Teilakt – Bodyparts

»Als Aktfotografie bezeichnet man ein Genre der künstlerischen Fotografie, dessen Thema die Darstellung des nackten (Vollakt) oder teilweise nackten (Halbakt) menschlichen Körpers ist. Es stellt somit die Umsetzung des künstlerischen Aktes mit den technischen Mitteln der Fotografie dar.«

Wikipedia

Anstelle des mittlerweile veralteten Begriffs »Halbakt« hat sich mittlerweile der gleichbedeutende »Teilakt« durchgesetzt. Doch was genau bedeutet »Akt« in der Praxis? Woran kann die Abgrenzung zu »Teilakt« erkennbar festgemacht werden? Und wieso nehmen »Bodyparts« eine besondere Stellung in der Segmentierung ein?

Akt

Bei der Aktfotografie ist das Model unbekleidet. Es handelt sich um die künstlerische Abbildung eines nackten Menschen.

Anmerkung: Die Auslegung des Begriffs »künstlerisch« ist (leider) sehr weit reichend, wie man auf den einschlägigen Webseiten unschwer erkennen kann … aber das ist ein anderes Thema und wird von mir an anderer Stelle besprochen.

Wichtig ist: Bei einem Akt kann der Schambereich sichtbar sein. Solange wir von einem ästhetischen Akt sprechen, ist dies aber immer untergeordnet der Fall, was bedeutet: Der Fokus (durchaus auch im wahrsten Sinne des Wortes) liegt nicht auf den primären Geschlechtsorganen. In Abgrenzung dazu gibt es den »freizügigen Akt« – darum soll es in diesem Buch jedoch nicht gehen. Wer sich für dieses Genre interessiert, wird sicher in der Bahnhofsbuchhaltung fündig (und natürlich, wer hätte es gedacht, im Internet).

1-9

1-10

1-11

Die Abbildung 1-9 zeigt ein Beispiel für ein Aktfoto.

Ich habe oben geschrieben, dass der Schambereich bei der Aktfotografie sichtbar sein kann, folgerichtig ist das selbstverständlich nicht verbindlich vorgeschrieben. Natürlich ist auch das Bild in Abbildung 1-10 eine Aktaufnahme.

Wie aber ist zum Beispiel das Foto in Abbildung 1-11 zu bewerten? Handelt es sich hier noch um einen Akt? Weder primäre noch sekundäre Geschlechtsmerkmale sind zu erkennen – alle »entscheidenden« Stellen sind verdeckt:

Natürlich ist auch das dritte Beispiel eine Aktaufnahme. Das Model ist unbekleidet – die Tatsache, dass weder Brüste noch Scham plakativ zu sehen sind, tut nichts zur Sache (und verstärkt für manche Betrachter sogar den Reiz).

Im letzten Satz war übrigens ein Fehler eingebaut – haben Sie ihn erkannt?

1-12 Nicht-Facebook-tauglich

1-13Facebook-tauglich

Auflösung: Selbstverständlich sind die Brüste (bzw. zumindest ein Brustansatz) zu sehen – was nicht zu sehen ist, sind die Brustwarzen. Dieser kleine, aber feine Unterschied, ist wichtig, wenn man beabsichtigt, Akt-Bilder auf Facebook oder Instagram hochzuladen. Die Amerikaner verstehen da keinen Spaß – ist eine Brustwarze zu sehen, droht ewige Verdammnis (oder zumindest eine mehrtägige Profilsperrung).

Das Bildpaar (Abbildung 1-12 und 1-13) verdeutlicht das Dilemma – links nicht Facebook-tauglich, rechts Facebook-tauglich –, beides sind Akt-Aufnahmen.

Kommen wir zu einem weiteren Aufnahmebereich ...

1-14

1-15

Teilak t

Jetzt wird’s wirklich skurril … zumindest was die unterschiedliche Auslegung dieses Aufnahmebereichs angeht. Das Bild in Abbildung 1-14 ist kein Teilakt.

Eine nackte Schulter ist nicht ausreichend, um ein Bild in die Kategorie Teilakt einzuordnen … wirklich nicht. Niemals!

Und weil ich gerade mal dabei bin, auch die Aufnahme in Abbildung 1-15 ist kein Teilakt.

Halb nackt, halb angezogen – und trotzdem kein Teilakt (es handelt sich vielmehr um eine Akt-Aufnahme). Bei einem Teilakt ist die unbekleidete Brust (sekundäres Geschlechtsmerkmal) zu sehen – die Scham (primäres Geschlechtsmerkmal) ist bedeckt (sei es mit einem Kleidungsstück oder einem anderen Behelfsmittel, nicht aber mit der Hand oder durch Schattenverlauf etc.1).

1-16

1-17

1-18

Beispiele für Teilakt-Aufnahmen zeigen die Abbildungen 1-16, 1-17 und 1-18.

Der Unsinn vom »verdeckten (Teil)Akt«

Abschließend möchte ich noch mit einer anderen Legende aufräumen:

Es gibt keinen verdeckten (Teil)Akt!

Jetzt werden mir einige entgegnen: »Ja, aber es gibt doch Bilder, bei denen das Model obenrum zwar nichts anhat, aber trotzdem ›nichts‹ zu sehen ist …« Ja, die gibt es, und in Abbildung 1-19 auch gleich ein Beispiel.

Wir unterscheiden in der Fotografie zwischen Akt und Teilakt. Fertig. Definition siehe oben. Man kann in beiden Aufnahmebereichen Aufnahmen machen, ohne dass die primären und/oder sekundären Geschlechtsmerkmale (Scham/Brüste) zu erkennen sind, es bleiben aber weiterhin Akt- bzw. Teilakt-Aufnahmen.

1-19

Bodyparts

Im Bereich der künstlerischen Aktfotografie hat sich der Begriff »Bodyparts« für die Abbildung von (unbekleideten) Körperteilen (zumeist die Intimregionen) etabliert. Im Prinzip steht dieser spezielle Aufnahmebereich im krassen Widerspruch zur eingangs formulierten Definition der (künstlerischen) Aktfotografie, nämlich dass diese nicht auf die Geschlechtsmerkmale des Models fokussiert ist. Das Fotografieren von Bodyparts ist genau das Gegenteil, darf – bei richtiger Auslegung (und dazu zähle ich nicht die Abbildung des weiblichen Venushügels mit Playmobil-Figuren, die mit einem Miniatur-Rasenmäher die Schambehaarung wegrasieren) – aber aufgrund der abstrahierten Darstellung des menschlichen Körpers der klassischen Aktfotografie zugeordnet werden. Wenn Bodypart-Bilder eine entsprechende Stimmung transportieren, kann man sie im Einzelfall auch der sinnlichen Aktfotografie zuordnen.

1-20

1.3Sinnliche Aktfotografie (»Sensual Nude«) – was ist das eigentlich?

Es ist nicht ganz so einfach zu beschreiben, was sinnliche Aktfotografie eigentlich ist, wie sie sich definiert. Daher bediene ich mich in diesem Kapitel eines kleinen Kunstgriffs und erläutere zunächst, was ich nicht unter sinnlicher Aktfotografie verstehe. Sinnliche Aktfotografie hat nichts mit Nacktfotografie zu tun. Sie ist auch etwas anderes als erotische Fotografie (auch »Glamour Nude« genannt). Und sie sollte keinesfalls mit der klassischen Aktfotografie verwechselt werden. Am Ende des Kapitels finden Sie dann meine Definition von sinnlicher Aktfotografie – und damit wird spätestens dann klar, worum es in diesem Buch geht.

Aktfotografie hat nichts mit Nacktfotografie zu tun!

Lassen Sie mich zu Beginn auf den generellen Unterschied zwischen Aktfotografie und Nacktfotografie eingehen. Und das wirklich sehr kurz abhandeln. Ich bin da empfindlich. Ich möchte nicht Nacktfotograf genannt werden. Ich empfinde das als eine Beleidigung. Warum?

Ich sehe mich selbst als Künstler. Aktfotografie ist Kunst. Jeder Aktfotograf sollte einen künstlerischen Anspruch an das haben, was er tut. Nacktfotografie dagegen taugt häufig eher für das Biologiebuch – wenn Sie verstehen, was ich meine. Oder anders ausgedrückt: Nacktfotografie beschreibt den gescheiterten Versuch der Aktfotografie (und sehr häufig fehlt sogar von Beginn an der Versuch). Hin und wieder gibt es Dokumentationen über Fotografie – auch Aktfotografie – auf dem TV-Sender Arte zu sehen. Dokumentationen über Nacktfotografie finden Sie dagegen eher auf RTL2.

1-21

Gute Aktfotografie lässt immer noch Raum für Interpretationen – für das viel zitierte Kopfkino. Nacktfotografie dagegen lässt keine Fragen offen, alles wird fast schon offensiv präsentiert. Mit der interessanten Konsequenz, dass sie auf die meisten Betrachter oft weniger Erotik ausstrahlt, als das bei guten Aktfotos der Fall ist, die auf perfekte Weise mit der Kunst der Andeutung spielen. Ich persönlich liebe es, wenn Nacktheit so subtil daherkommt, dass sie erst auf den zweiten oder dritten Blick erkennbar ist.

Das Foto aus Abbildung 1-22 hängt seit geraumer Zeit in meinem Fotoatelier – neben einigen Porträts, von denen es sich hinsichtlich Licht, Ausdruck und Wirkung kaum unterscheidet. Die meisten Besucher erkennen die nackte Brust des Models auf dem Bild erst nach mehrmaligem Hinschauen. Ich finde das ganz wunderbar, weil es mir zeigt, dass das Bild genau die Wirkung hat, die ich gern erzielen möchte. Der Betrachter fokussiert unwillkürlich auf ganz andere Dinge, nämlich Gesicht und Ausdruck des Models.

1-22

1-23

»Weibliche Nacktheit muss man den Männern mit dem Teelöffel geben, nicht mit der Schöpfkelle.«

Coco Chanel

Ähnlich verhält es sich bei der Aufnahme in Abbildung 1-23. Das abgebildete Model ist nackt, nur durch einen Schal (teilweise) verhüllt. Teile des Körpers liegen im Schatten und erst auf den zweiten Blick wird erkennbar, dass es sich hier um eine Aktaufnahme handelt.

Ein letztes Beispiel für das Thema »angedeutete Erotik«. Auch hier gibt es die Nacktheit nicht mit dem Holzhammer, sondern wohldosiert.

Erotische Fotografie (»Glamour Nude«)

Glamour Nude ist ein Teilbereich der Aktfotografie, wahrscheinlich sogar der populärste. Das bekannteste Beispiel für diese Art der Aktfotografie (auch »erotische Fotografie« genannt) sind die »Playboy«-Aufnahmen. Überhaupt fast alles, was es in den diversen Magazinen (Print und online) zu sehen gibt, ist der erotischen Fotografie zuzuordnen. Während sinnliche Aktfotografie nicht zwingend erotisch sein muss, setzt »Glamour Nude« bewusst auf die Erotisierung des Betrachters.

Es wird mit den sexuellen Gefühlen des Betrachters gespielt, die Bilder sollen »Lust« machen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Dagegen ist per se erst einmal nichts einzuwenden: Auch im Bereich des »Glamour Nude« gibt es eine große Anzahl hochwertiger und ästhetischer Werke. Und dennoch soll in diesem Buch nicht weiter darauf eingegangen werden. Hauptgrund hierfür ist weniger die oben formulierte Definition, sondern vielmehr die Tatsache, dass das Model bei der Glamour-Nude-Fotografie mehr »Model« als »Mensch« ist. Während bei der Sensual-Nude-Fotografie der Mensch vor der Kamera im Fokus steht (weshalb auch die Verwandtschaft zur Porträtfotografie nicht zu leugnen ist), ist es bei der Glamour-Nude-Fotografie sehr oft die Inszenierung an sich. Der Mensch vor der Kamera agiert hier eher als »Model« denn als natürliche Person. Übrigens der wesentliche Grund, warum ich mich der sinnlichen Aktfotografie verschrieben und die »Playboy«-Aktfotografie immer links liegen gelassen habe (wobei ich überhaupt nichts gegen den »Playboy« habe, allerdings gestehen muss, dass ich ihn vor ca. 20 Jahren deutlich interessanter fand).

Erotische Fotografie ist stets inszeniert, wodurch sie sich erneut von der sinnlichen Aktfotografie unterscheidet. In der erotischen Fotografie werden Elemente der Beauty- und Pin-up-Fotografie verwendet, die Inszenierung steht häufig über der abgebildeten Person (ähnlich wie in der Beauty- und Fashion-Fotografie). Die erotische Fotografie ist oft explizierter als die sinnliche Fotografie, Inszenierung, Pose, Location und Accessoires sind in der Regel bewusst auf sexuelle Reizauslösung ausgerichtet. Der Übergang von der sinnlichen Aktfotografie zur erotischen Fotografie ist oft fließend. Ich habe aus diesem Grund ein Beispiel gewählt, das mit einer gewissen Berechtigung sowohl dem einen, als auch dem anderen Genre zugeordnet werden kann (siehe Abbildung 1-24).

1-24

Der klassische Akt

Der klassische Akt stellt im Prinzip eine eigene Kunstform dar und ist noch am stärksten angelehnt an die Anfänge der Aktfotografie Ende des 19. Jahrhunderts. Damals war das Thema Aktfotografie gesellschaftlich-moralisch verpönt, weshalb die meisten Fotografen der Aktfotografie einen technisch-wissenschaftlichen Anstrich verpasst haben. Die Verwandtschaft zur Malerei und insbesondere zur Bildhauerei war damals unübersehbar: Die klassische Aktfotografie erinnert oft an skulpturale Abbildungen. Ästhetik geht dabei eindeutig über Erotik – tatsächlich versucht die klassische Aktfotografie meist die erotische Komponente möglichst zu reduzieren, indem sie den menschlichen Körper nahezu abstrakt darstellt.

Die Lichtsetzung (und insbesondere die Arbeit mit Schatten) ist elementar für die klassische Aktfotografie. Wer nicht mit Licht (meist Kunstlicht) umgehen kann, wird an der klassischen Aktfotografie grandios scheitern.

1-25

Signifikant für die klassische Aktfotografie ist die fehlende Kommunikation zwischen Model und Betrachter sowie eine fehlende »Stimmung« in dem Bild (im Sinne von Freude, Trauer etc.). Der »Mensch« vor der Kamera ist von untergeordneter Bedeutung, er fungiert vielmehr als Objekt. Alles ist sehr technisch … und damit das komplette Gegenteil von sinnlich, weshalb die klassische Aktfotografie in diesem Buch auch keine Rolle spielt.

Sinnliche Aktfotografie

Auf den letzten Seiten habe ich beschrieben, was sinnliche Aktfotografie nicht ist. Womit ich jetzt zum schwierigen Teil komme, nämlich zu beschreiben, was ich unter sinnlicher Aktfotografie verstehe, was ich an »Sensual Nude« mag und warum ich es für die perfekte Ergänzung oder gar Fortführung meiner Porträtfotografie halte.

Porträts ohne Kleidung

Wenn man mich fragt, was ich fotografiere, sage ich gern, dass ich ausschließlich Porträts mache. Und das in Schwarzweiß. Dann ernte ich zuweilen hochgezogene Augenbrauen, denn oft weiß man Gegenüber sehr wohl, dass ich mich auch der Aktfotografie verschrieben habe. Ich persönlich sehe darin aber keinen Widerspruch, da ich ausschließlich »Sensual Nude« fotografiere. Und das ordne ich persönlich der Porträtfotografie zu. »Porträts ohne Kleidung«, wie ich zu sagen pflege. Und mit dieser Aussage wird klar, wie ich sinnliche Aktfotografie interpretiere. Im Fokus steht der Mensch, sein Ausdruck, das Gefühl, das er transportiert. Nichts lenkt ab. Keine Gimmicks, kein Schnickschnack, keine rosa Elefanten. Pur, reduziert und natürlich. Genau so, wie ich gute Porträtfotografie verstehe.

Schauen Sie sich bitte das Bild 1-26 an. Die Frage dazu lautet: Sehen Sie dort einen nackten Menschen? Oder sehen Sie nicht zuallererst einen Menschen – verletzlich, sensibel, ausdrucksstark? Ist die Nacktheit nicht untergeordnet? Genauso sollte sinnliche Aktfotografie sein: keine Erotik mit dem Vorschlaghammer, sondern subtil. Wenn überhaupt! Denn Erotik ist, wie weiter oben schon beschrieben, nicht das Ziel sinnlicher Aktfotografie.

1-26

Worin aber liegt dann der Sinn der Nacktheit, wenn sie nicht erotisch motiviert ist? Für mich gibt es nur eine Motivation, und die lautet, dass durch die absolute Reduzierung (nämlich das Weglassen der Kleidung) der Fokus noch mehr auf der abgebildeten Person liegt. Erst dadurch wird wirklich der unverstellten Blick auf diese Person ermöglicht, denn sie kann sich nicht mehr hinter der Kleidung verstecken, die ja sehr häufig eine Verkleidung ist.

Sinnliche Aktfotografie lebt zudem in hohem Maße von Natürlichkeit. Keine Inszenierung, kein Posing, sondern die ungestellte Darstellung des Menschen. Mit dem Anspruch, auch die Nacktheit als etwas Natürliches darzustellen, als etwas Ungezwungenes. Jedes aufgesetzte Posing würde stören und ist daher unbedingt zu vermeiden. Unbedingt zu vermeiden ist auch übermäßige Bildbearbeitung, die das Ergebnis wieder in Richtung Magazin-Look bringen würde – darauf werde ich in Kapitel 8 etwas ausführlicher eingehen.

Authentizität geht über Perfektion!

Das Bild lebt von seiner Authentizität, von der Gelöstheit des Models. Es fängt einen Augenblick ein, der völlig ungestellt ist, der den Menschen so zeigt, wie er ist. Die Bearbeitung des Bildes ist auf das Mindeste reduziert (Schwarzweißkonvertierung in Lightroom).

Nun ist das mit dem Thema »Inszenierung« und »Posing« ja so eine Sache. Wie bringt man ein Model dazu, nicht zu posen, insbesondere wenn es bereits viel Erfahrung hat? Und überhaupt: Selbstverständlich sind alle Bilder ja irgendwie auch inszeniert und keine Schnappschüsse. Und sei es, dass die Inszenierung vorsah, nichts zu inszenieren – wenn Sie verstehen, was ich meine ...

Und hier sind wir jetzt an der entscheidenden Stelle dieses Buchs, denn es stellt sich erstmals die die Frage aller Fragen: »Wie macht man das eigentlich? Worin liegt das Geheimnis, dass sich die Menschen vor der Kamera so natürlich verhalten?« Diese Frage beantworte ich in Kapitel 3. Sehr ausführlich. Versprochen!

Abschließend zeige ich noch ein Bildbeispiel zur sinnlichen Aktfotografie, das scheinbar aus dem Rahmen fällt (siehe Abbildung 1-27). Ich hatte eingangs darauf hingewiesen, dass es in diesem Genre nicht um die schonungslose Darstellung von Nacktheit geht, sondern oft mit eher angedeuteter Nacktheit gearbeitet wird und dass sinnliche Aktfotografie deshalb durchaus als Porträtfotografie ohne Kleidung zu sehen ist. Und doch zeigt dieses Bild einen Vollakt – stehend und frontal.

Ich hoffe, dass Sie mir Recht geben, wenn ich sage, dass wir es hier mit einer gelungenen und ästhetischen Aktaufnahme zu tun haben. Die Frage lautet: Warum wirkt das Bild trotz Frontalansicht, bei der Geschlechtsmerkmale der Frau mehr oder weniger offen zur Schau gestellt werden, nicht billig?

Die Antwort lautet, dass es sehr viel mit der Bildstimmung, mit dem Licht und vor allem mit dem Ausdruck des Models zu tun hat.

1-27

Der Ausdruck des Models, das Gefühl, das es dem Betrachter vermittelt, ist essenziell für die Wirkung eines Bildes. Es entscheidet über Wohl und Wehe in der Porträtfotografie, aber auch in der sinnlichen Aktfotografie (ist aber von völlig untergeordneter Bedeutung in anderen Genres der People-Fotografie). Dies ist übrigens auch der Grund, warum ein Bild einer angekleideten Person obszöner wirken kann als das einer komplett nackten Person. Die Aufgabe eines Fotografen ist daher, durch seinen Umgang mit dem Model und durch die Stimmung am Set dafür zu sorgen, dass die gewünschte Bildwirkung erreicht wird. Der Grat zwischen sinnlicher Aktfotografie und platter Erotik ist nämlich sehr schmal. Ein allzu lasziver Ausdruck bei dem Bild oben (1-27), und schon haben wir ein Bild für den »Playboy«. So wie es jetzt ist, rückt es einfach nur die Ästhetik des menschlichen Körpers in den Mittelpunkt.

1-28

1.4Warum es so viele schlechte Aktfotos gibt

Die Kapitelüberschrift klingt merkwürdig, vielleicht sogar überheblich. Denn wer maßt sich schon an, »gut« und »schlecht« zu definieren? Was dem einen lieb ist, kann dem anderen ein Grauen sein. Und überhaupt: Jeder fängt mal klein an und es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen. Nein, ist es nicht. Aber darum geht es mir auch gar nicht. Ich will auf etwas anderes hinaus, dazu gleich mehr.

Zunächst einmal lautet der naheliegende Grund für meine Eingangsbehauptung: Aktfotografie ist schwer! Die mantraartig wiederholt formulierte Behauptung, Aktfotografie sei die Königsdisziplin (auch in diesem Buch hier und da erwähnt), kommt nicht von ungefähr. Und je schwerer etwas ist, desto mehr Fehler kann man machen.

Fotografie war jahrzehntelang ein Handwerk, das langer Einarbeitung bedurfte. Die richtige Belichtung zu finden, die richtigen Kameraeinstellungen vorzunehmen, das alles war keine Selbstverständlichkeit. Heutzutage nehmen einem die modernen Kamera-Computer diese Arbeit weitestgehend ab, was zweifelsohne dazu führt, dass die breite Mehrheit eigentlich gar nicht so recht weiß, was sie da tut. Ich halte das häufig anzutreffende fehlende technische Verständnis in der modernen Fotografie aber für gar nicht tragisch, sondern oft sogar für hilfreich. Denn so bleibt der Blick unverstellt auf das Wesentliche – ich komme darauf zurück.

Wenn doch aber die Fotografie (vermeintlich) so leicht beherrschbar geworden ist, wie kann man dann überhaupt noch so viele Fehler als Fotograf machen? Nun, das liegt daran, dass diese Fehler nichts mit Kameratechnik zu tun haben. Die Fehler entstehen, weil Fotografen nicht mit Licht (siehe Kapitel 4) und/oder Menschen (siehe Kapitel 3) umgehen können. Dies führt zu meiner These, dass man bei genauerer Betrachtung feststellen würde, dass es nicht mehr schlechte Aktfotos als schlechte Porträtfotos gibt. Es kommt einem nur so vor! Und das wiederum liegt daran, dass Licht- und Menschenführung in der Aktfotografie noch wichtiger sind als in allen anderen Bereichen der People-Fotografie. Denn nichts kaschiert eventuelle Fehler. Keine Kleidung verdeckt Fehler im Posing oder bei der Lichtführung (zumindest ist das mit der fehlenden Kleidung der Regelfall). Ein unmotivierter Gesichtsausdruck wirkt in der Aktfotografie grotesker als in der Porträtfotografie (mit unmotivierten Ausdrücken kann man allenfalls in der Editorial-Fotografie bestehen ;-).

So weit, so gut. Das Hauptproblem bei dem Thema Aktfotografie ist aber ein anderes: Sie wird häufig aus falschen Motiven betrieben! Es lässt sich nun einmal nicht wegdiskutieren: Die Tatsache, dass man als Aktfotograf (vermeintlich) die tollsten Frauen »auf Fingerschnipp« dazu bringt, sich auszuziehen und möglicherweise noch lasziv vor der Kamera zu räkeln, klingt schon sehr verlockend. Der Kauf einer Kamera ist somit quasi die Eintrittskarte ins »Paradies«.

1-29

So weit die romantischen Vorstellen vieler Menschen. (Hören Sie sich mal in Ihrem Bekanntenkreis um – ich bin sicher, dass sich viele in die Richtung äußern, die ich gerade skizziert habe.) Dass das nichts, aber wirklich gar nichts mit der Realität zu tun hat, dass es bei aller Freude an der Fotografie oft Schwerstarbeit sein kann, ist den meisten nicht bewusst. Aber da stehen sie nun – mit frisch erworbener Kamera und Sehnsucht nach dem »schwachen« Geschlecht. Und bestenfalls Basiswissen hinsichtlich Fotografie und Licht, sehr oft nicht einmal das. Was soll dabei schon herauskommen? Eben!

Und jetzt folgt das nächste Problem: All das wäre noch hinnehmbar, wenn jetzt der normale menschliche Instinkt des Menschen einsetzen würde, dass, wenn man etwas nicht beherrscht, dies a) erkennt und b) versucht, sich zu verbessern.

Das Fatale bei dem beschriebenen Szenario: Es kümmert den von mir beschriebenen Protagonisten in keinster Weise, dass die Ergebnisse nur »mittelmäßig« ausfallen – denn eigentlich ist er ja gar nicht so sehr an den Bildergebnissen interessiert, sondern, nun ja, wie soll ich es sagen?

Lassen Sie es mich so formulieren: Entgegen vielen anderen Lebensbereichen gilt der Spruch »Der Weg ist das Ziel« auf keinen Fall für die Fotografie. Ziel ist hier das Ziel (um bei der Redewendung zu bleiben). Es geht am Ende des Tages immer um das Bild, das Ergebnis. Wer fotografiert, um eine gute Zeit mit (leicht bekleideten) Menschen zu verbringen, tut dies aus falschen Motiven. Und genau das erkennt man dann auch an den Bildern.

Das nächste Problem hat damit zu tun, wie Bilder heute präsentiert und konsumiert werden. Die Zeiten, in denen die Menschen in Ausstellungen gegangen sind oder sich Bildbände gekauft haben, um Bilder von Fotografen zu bestaunen, sich mit ihnen auseinanderzusetzen und das Gesehene zu verinnerlichen, sind vielleicht nicht gänzlich vorbei. Die große Mehrheit der Fotografen und Konsumenten nutzt aber heute das Internet und dort insbesondere die Social Communities wie Facebook und Instagram sowie Plattformen wie 500px oder fotocommunity, um ihre Werke zu präsentieren bzw. zu konsumieren. Das Problem: Allein auf Facebook werden jeden Tag 350 Millionen Fotos hochgeladen (Stand 2014). Diese inflationäre Bilderflut führt dazu, dass die durchschnittliche Wahrnehmungszeit in den Social Communities mittlerweile bei errechneten 0,3 Sekunden liegt. In Worten: Null Komma drei Sekunden!

Wie kann man bei diesen Zahlen als Fotograf dafür sorgen, dass die eigenen Bilder mehr Beachtung finden? Mehr Klicks, mehr Likes, mehr Kommentare?