Sergej - Andreas Patz - E-Book

Sergej E-Book

Andreas Patz

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Beschreibung

Der Armeedienst war und ist für einen jungen Mann eine ernsthafte Herausforderung. Besonders in Russland. Eine wahre Begebenheit, spannend von der ersten bis zur letzten Zeile, und natürlich romantisch, inklusive Liebesgeschichte. 2.Auflage der deutschen Übersetzung aus dem Russischen Original zur Verbreitung der christlichen Gesinnung basierend auf den Biblischen Gesetzen "Du sollst nicht töten" und "Du sollst nicht schwören" (Matthäus 5:34). Die Übersetzung hält sich dabei so nahe als möglich an die besondere Mischung der einfachen Sprache russischer Soldaten und Lagerjargon.

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Seitenzahl: 620

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Andreas Patz

SERGEJ

EINE WAHRE BEGEBENHEIT EINES RUSSISCHEN SOLDATEN

Meine Stärke und mein Lied ist der Herr, er ist für mich zum Retter geworden.

Buch Exodus 15,2

PROLOG

»Eine Tasse Kaffee, bitte!«

Der junge Mann warf seinen langen Mantel mit einer leichten Bewegung ab, legte ihn zusammen mit seinem Schal über die Lehne eines Ledersessels und ließ sich genüsslich in das schwarze Sofa sinken, das direkt neben dem Tisch im Café des Wiener Flughafens stand. Das gedämpfte Licht, die geschmackvoll designte Beleuchtung und der riesige, mit Girlanden geschmückte Weihnachtsbaum fügten sich recht harmonisch in die Lobby des internationalen Terminals ein und schufen eine besondere Gemütlichkeit.

Von Kaffee verstehen die Österreicher eine Menge. Eine freundliche Kellnerin in Nationaltracht brachte zusammen mit der winzigen Tasse auch ein Glas Mineralwasser. »Wasser habe ich aber nicht bestellt«, dachte Sergej, protestierte aber nicht. Bereut hat er es nicht, denn der Kaffee war ungewohnt stark, und das Mineralwasser kam ihm gerade recht.

Die Fahrt zum Flughafen war ermüdend. Einige hundert Kilometer auf der Autobahn, wo der Schneefall gelegentlich lange Staus verursachte, machten sich bemerkbar. Und während er nun an seinem belebenden Getränk nippte, genoss Sergej das bunte Treiben und die mit Koffern beladene Aussicht.

Draußen vor dem Panoramafenster wüteten die Elemente in voller Kraft: Autos, riesige Busse und Taxis, deren Scheibenwischer kaum mit dem Schnee fertig wurden, der an den Windschutzscheiben klebte, zogen in einem endlosen Strom zum Eingang. In dicke Mäntel gehüllte Passagiere, die ihre Köpfe reflexartig in den Kragen zogen, stiegen aus ihnen heraus. Riesige Koffer durch den Schnee schleppend, eilten sie zum begehrten Schutz der automatischen Glastüren.

Die Türen öffneten sich weit, gaben großzügig Wärme ab, umgaben die Reisenden beim Eintreten mit heißer Luft, und schlossen sich dann sanft und geräuschlos hinter ihnen, um sie im unendlichen Schlund des gemütlichen Raumes zu verschlingen. Eine Zeit lang spiegelte sich das helle Licht der Lobby auf den Schultern der Besucher, als wollte es sich für solch ein unangenehmes Wetter entschuldigen, und spielte mit den glänzenden, noch nicht geschmolzenen Schneeflocken.

Vor dem anderen riesigen Fenster demonstrierte der Wind unverhohlen seine Macht. Auf der Startbahn, wie auch weit darüber hinaus fühlte er sich zweifellos als Herr der Lage – gelassen und nicht zimperlich schaukelte er die aus den tiefhängenden Wolken sich vorsichtig vortastend auftauchenden Flugzeuge, die seinen kühnen Böen trotzten, um mit aller Kraft ihre Räder, wenn irgendwie möglich sanft auf das Rollfeld zu bringen.

Der Flug aus Moskau verspätete sich laut Ankunftsanzeigetafel. »Was soll‘s, man kann auch warten«, dachte Sergej. »Besonders in einer so noblen Umgebung.« Mit einem sicheren Griff lockerte der junge Mann seine Krawatte, setzte sich auf dem Sofa bequemer hin, drehte sich so, dass er das Ankunftsdisplay sehen konnte und ließ seine Gedanken schweifen.

Wien! Die Hauptstadt Österreichs, das Herz von Europa! Hätte er sich noch vor zehn Jahren vorstellen können, einmal hier zu landen? Das erschien unglaublich. Sergejs Überlegungen wurden von den Grenzbeamten unterbrochen, die durch die Halle gingen. Mit ihrem Aussehen, ihrer Ausrüstung, den kurzen Maschinengewehren auf den Schultern lenkten sie die Gedanken des ehemaligen Soldaten in eine andere Richtung.

Kapitel 1

Die Strahlen der hellen Wintersonne, die durch das Glitzern des frisch gefallenen Schnees noch verstärkt wurden, brachen sich in den mit Raureif überzogenen Fenstern, trafen auf das Glas der Vitrine und hüpften dann als Lichtpunkte durch den gesamten Raum. Im Haus ist es noch frisch, aber Mutter hat schon den Ofen angeheizt. Ihre Stimme, normalerweise gelassen und leise, klang heute aufgeregt:

»Serjoscha, mein Kleiner, steh auf, du musst los!«

Der Schlaf war bereits ganz verflogen, aber er wollte nicht aufstehen: keine Lust. Die Gedanken folgten den Lichtpunkten. Durch das Zimmer. Auf das Kissen. Drängten sich in seinen Kopf. Wühlten ihn auf. Heute war ein besonderer Tag, Serjoscha musste nicht in die Schule. Alle Jungs aus seiner Klasse sind verpflichtet, sich beim Wehrkommando zu melden, um ein Wehrdienstbuch zu erhalten.

Die Prozedur, die die pickeligen Burschen erwartete, war im Grunde nicht kompliziert: Sie mussten sich einer medizinischen Untersuchung unterziehen und einen Fragebogen beantworten. Das aber war es, was den heutigen Tag für Sergej so besonders machte. Es war nicht so sehr der Fragebogen selbst, sondern eine einzige Frage, die jedem angehenden Soldaten gestellt wurde.

Eine einfache Frage, zumindest für Dutzende Millionen von Menschen. Die meisten würden antworten ohne nachzudenken, und einige werden sie als Spott auffassen, so nach dem Motto: »Was für ein Gott denn, sind Sie verrückt, wir leben im 20. Jahrhundert im modernsten Land überhaupt.« Aber es war diese Frage, die Sergej heute am meisten beschäftigte: »Glaubst du an Gott?« Erschwerend kam hinzu, dass Serjoscha selbst nicht ganz sicher war, ob er glaubte oder nicht.

Von klein auf ging der Junge in die Kirche, las das Evangelium und tat dies, wie es schien, aufrichtig und bereitwillig. Aber glaubt er denn an Gott? Serjoscha hatte nie darüber nachgedacht, im Vorschulalter war der Glaube ohne zu zögern akzeptiert worden, aber seither hatte sich so viel verändert, hatte er so viel erfahren.

Seit einigen Wochen nun wartete der Jugendliche auf seinen Besuch beim Wehrkommando und verlor sich in Überlegungen, wühlte qualvoll im Bewusstsein, während er versuchte, eine endgültige Entscheidung zu dieser für ihn wichtigen Frage zu treffen. Er ging endlos die Möglichkeiten durch, suchte nach Argumenten, fand Beweise, die er selbst nach kurzer Zeit wieder verwarf, plädierte für dieses und jenes, appellierte und wurde wieder enttäuscht, erinnerte sich immer wieder an neue Nuancen, beginnend mit der Tatsache, dass niemand jemals Gott gesehen hatte, und endend damit, dass er, Serjoscha, noch zu jung war, um Antworten auf solche Fragen geben zu können.

Die Schulvorträge wurden regelmäßig und überall vor den kirchlichen Feiertagen gehalten. Vor Ostern wurden sie unweigerlich von einer Woche des Atheismus begleitet. Der junge Mann erinnerte sich an die eifrige Vorbereitung darauf: Die Lehrer versuchten, die Schüler so viel wie möglich einzubeziehen, ihre Initiative anzuregen, und wenn jemand nicht aktiv genug war, sich sträfliche Nachlässigkeit erlaubte, indem er die Bedeutung des Themas nicht vollständig begriff, gab es sofort Fragen für ihn: »Warum ist das so? Ist er womöglich ein Baptist?«

Trotz des beklemmenden Zwangs, trotz der unverhältnismäßigen Beziehung zwischen der Prävention und ihrer Bedeutsamkeit, trotz des zur Schau getragenen Widerwillens, ihr nachzugeben, trotz des offensichtlichen Desinteresses an den verpflichtenden Veranstaltungen hinterließen diese ihre Spuren in den Köpfen, ließen Zweifel aufkommen und ätzten sogar den Hauch eines Glaubens weg.

All dies stieg nun wie Staub in einer verlassenen Kammer aus den verborgensten Winkeln von Sergejs Gedächtnis auf. Der Junge suchte verzweifelt nach der Antwort: Wo, wo ist dieser Gott? Warum ist er für die Menschen nicht sichtbar? Auf welcher Grundlage und warum sollte jemand nicht nur die Tatsache seiner Existenz, sondern sogar seine Macht über sich selbst anerkennen?

Aber sobald Sergej sich endgültig entschlossen hatte, dass es das war, was er dachte und glaubte, oder besser gesagt, eben nicht glaubte, drehten sich seine Gedanken wie um eine Spirale herum in die entgegengesetzte Richtung: Was, wenn es ihn doch gibt? Schließlich gibt es zahlreiche indirekte Indizien, die dies belegen. Wie erklärt man zum Beispiel die Erhabenheit, die Synchronität, die Harmonie und die unbestrittene Weisheit der Natur? Die Vollkommenheit des Universums! Das konnte doch nicht alles, wie man in der Schule sagt, durch irgendeinen Knall irgendwann und irgendwo entstanden sein? Außerdem der Geist des Menschen. Das ist doch ein Mysterium für sich.

Serjoscha lief im Wehrkommando von Raum zu Raum, von einem Spezialisten zum anderen und versuchte, sich selbst zu verstehen. Die Einzuberufenden, die bis auf die Unterhose entkleidet waren, – alle Makel, Verstümmelungen und Narben mussten für die Behörde sichtbar sein – versammelten sich in kleinen Gruppen vor den Zimmern und teilten ihre Eindrücke, ohne Zeit zu verschwenden. Sie berichteten aber von nichts Beängstigendem, nur eine Routineuntersuchung. Serjoscha könne sie einfach und ohne Bemerkungen absolvieren.

Nachdem er sich angezogen hatte, machte er sich auf den Weg in die Aula. Vorne war eine Reihe von Tischen zusammengeschoben, an denen Studierende mit gesenktem Haupt saßen und die Angaben der zukünftigen Einberufenen mit ihren zentimeterlangen Haarschnitten kaum warnahmen. Vor jedem Tisch befand sich ein Einzuberufender. Fragen und Antworten, Fragen und Antworten, Widerhall hier und da, Lärm im Saal und Bitten, leiser zu sein. Der Altersunterschied zwischen der Person die fragte, und der Person die antwortete, war minimal – sie waren fast gleich alt.

Sergej setzte sich näher an einen der Tische und lauschte, ob jeder danach gefragt wurde, vielleicht hatte er ja Glück, und die Frage würde ausgelassen. Die anderen Burschen warteten in den Kinosesseln aus gepresstem Sperrholz, die beim Aufstehen klangvoll klapperten, abgenutzt und zerkratzt waren und die obligatorische Aufschrift »Wasja war hier« trugen. Die jungen Männer lärmten, zogen sich gegenseitig auf, erzählten kuriose Geschichten darüber, dass einer Angst vor dem Zahnarzt hatte, ein anderer sich vor dem Urologen schämte, der dritte nicht zugeben wollte im Schlaf zu wandeln, und sie lachten pferdegleich, so nannte dies der sie beaufsichtigende Major.

Sergej war nicht nach Lachen zumute. »Warum macht ihr denn so einen Lärm?«, dachte er, während er die Antworten seiner Kameraden hörte, und zu der Überzeugung kam, dass die unglückselige Frage ausnahmslos allen gestellt wurde – sie stand einfach im Fragebogen. »Ich sollte versuchen zu antworten, ohne dass es jemand hört. Vielleicht ist es gar nicht so schlecht, dass es im Saal so laut ist. Gott, warum ist es hier so stickig?« Der Jugendliche wurde mal rot, mal blass wie eine Kalkleiste.

»Der Nächste bitte!«, wurde Sergej vom Burschen am Nachbartisch aus seinen Gedanken gerissen. Der Achtklässler blickte auf und sah, dass der Kerl, der einen leeren Fragebogen vorbereitet hatte, ihn direkt anschaute. »Also gut, jetzt geht es nur noch nach vorn«, sagte Sergej zu sich selbst und erhob sich eilig von seinem Platz. Der kippbare Sitz klapperte entrüstet, schlug gegen die Sessellehne, quietschte und schwankte auf einer losen Feder.

Nachname, Vorname, Geburtsdatum – trockene, gewöhnliche Fragen. Gibt es Verwandte im Ausland? – Nein – irgendwelche Vorbestraften? – Auch nicht, in welcher Truppe möchtest du dienen? Warum ausgerechnet dort? Haben ältere Brüder gedient? Gut. Sergej antwortete klar und ohne zu zögern, obwohl seine Stimme angespannt war.

»Glaubst du an Gott?« Da kam es endlich.

Was in aller Welt ist denn mit der Stimme geschehen? Er wollte genauso klar und sicher »Ja!« antworten, aber stattdessen brach seine Stimme – eine Fehlzündung.

»Ich habe es nicht verstanden«, sagte der Befragende und hob immer noch nicht den Kopf. »Ich fragte: Glaubst du an Gott?«

»J-j-ja«, und da brach die Stimme schließlich durch. »J-ja, ja, ich glaube!«

Der Student hob den Kopf so heftig, dass es schien, als sei er mit kochendem Wasser übergossen worden.

»Ist das dein Ernst?«

»Durchaus. Ich bin gläubig!«, sagte Sergej nun vollkommen ruhig und spürte, wie seine Ohren vor Aufregung brannten.

»Das soll wohl ein Scherz sein! Dabei siehst du absolut normal aus!«

»Ich bin auch normal!«

»In der Armee prüfen sie dann schon noch, ob du normal bist oder nicht.«

Als Sergej nach Hause zurückkehrte, überkamen ihn gemischte Gefühle. Auf der einen Seite war eine Art Sieg errungen worden. Der junge Mann fühlte sich, wenn auch nicht in vollem Umfang, so doch frei. Andererseits war Serjoscha mit sich selbst unzufrieden – es war eben doch nur »eine Art« Sieg. Er mochte die Art und Weise, wie er das getan hatte, nicht, klagte, dass er einem Moment der Schwäche erlegen war, ärgerte sich darüber, dass er für eine Weile seine Stimme verloren hatte und am Ende doch feige war.

Bedeutet das, dass man nur dann wirklich frei sein kann, wenn man frei von einem Gefühl der Angst ist, wenn man ein unzerstörbares Fundament in sich selbst trägt, womöglich gar in der Seele? Bin ich denn sicher, dass es eine Seele gibt? Ein unzerstörbares Fundament also?

Unsinn! Wie kann man denn von Gefühlen der Angst frei sein? Schließlich ist es ein ganz natürliches selbstverständliches, angeborenes, wie auch immer geartetes, von Gott selbst gegebenes Gefühl. Serjoscha war immer der Überzeugung, dass nur Dummköpfe vor nichts Angst haben, während jeder normale Mensch vorsichtig ist und Angst eine durchaus normale Reaktion auf Gefahr ist. Die Frage ist eine andere: Wie überwindet man die Angst, wenn es darauf ankommt? Zum Beispiel für etwas Höheres, für etwas Größeres, für eine Art Ideal oder so etwas. Hängt die Überwindung des Gefühls der Angst vom Alter, der Erfahrung, dem Charakter, der Willensanstrengung eines Menschen ab? Wovon hängt sie denn überhaupt ab?

Ich habe versagt, dachte Serjoscha, und dabei wurde ich doch nur gefragt, ob ich an Gott glaube. Ich konnte nicht ruhig antworten – das heißt, ich bin nicht frei, sondern in der Angst gefangen. Was brauche ich denn? IHN zu berühren, an IHN zu glauben, sich völlig frei zu fühlen und keine Angst mehr zu haben, allem und jedem zu erklären: »Ich glaube an Gott!«

Freiheit ist kompliziert!

Kapitel 1.1

Es macht auf jeden Fall auf sich aufmerksam, zieht die Blicke auf sich. Nicht notwendigerweise wegen seines Ausmaßes, überhaupt nicht, und auch nicht wegen seiner Schwülstigkeit – nur wegen des inneren Gehalts. Jeden Sonntag, zur gleichen Zeit, immer an den gleichen Orten, in den gleichen Straßen der Städte und Dörfer des Landes, das auf der Karte dem Rücken eines riesigen Walls gleicht, erscheinen kleine dünne Menschenströme, die sich jedes Mal aus den gleichen Fußgängern bilden.

Und je weiter, desto zahlreicher werden sie – zwei oder drei gehen dann schon gemeinsam. Je näher sie ihrem Ziel kommen, desto mehr werden sie zu Sturzbächen, die trotz ihrer Offensichtlichkeit so unnatürlich, andersartig, in jeder Hinsicht unerklärlich und unlogisch für dieses Land bleiben, dass man sich fragt, ob sie echt sind.

Sonntag ist der einzige Tag, an dem sich ein Sowjetmensch etwas Schlaf und Ruhe gönnen kann. Aber diese Menschen sind die Ausnahme, zweimal im Jahr, an den Weihnachts- und Osterfeiertagen, gibt es deutlich mehr Fußgänger. Warum brechen sie so früh auf?

Die Behörden betrachten all dies als einen bösartigen Tumor, als ein Phänomen, das den unvermeidlichen Vorstoß des Kommunismus – das Endziel ihrer Bestrebungen – behindert. Diese Krankheit muss so schnell wie möglich ausgerottet werden, und dafür werden keine Mühen gescheut: Broschüren werden gedruckt, Bücher werden gepresst, Aufsatzsammlungen werden vervielfacht, Bibliotheken werden mit Bänden gefüllt, Stahl- und Steinfetische blitzen im gesamten Land auf; Gehirne werden mit Slogans, Vorträgen, Filmen, Kundgebungen, Demonstrationen feingeschliffen; eine totale, unvermeidliche Kontrolle bemüht sich mit aller Kraft, den Menschen neu zu machen.

Der Kampf gegen die religiöse Geisel kostet den Staat ziemlich viel Geld, Mühe und Zeit. Aber damit wird nicht gegeizt. Von klein auf wird die gesamte Millionenbevölkerung des Landes mit dem richtigen Glauben indoktriniert, einer einzigen und unveränderlichen Sichtweise auf die Welt. Jeder Kindergarten, jede Schule, jedes Technikum, jede Hochschule – alle streng überwacht, alles auf ein einziges, großes Ziel ausgerichtet.

Es ist verboten, Kinder mit in die Kirche zu nehmen – die älteren Menschen werden bald aussterben und durch eine neue Generation mit intaktem Geist ersetzt werden, es ist verboten zu beten, Eier an Ostern zu bemalen ist ein Archaismus, all das wird bald der Vergessenheit angehören. Und da ist es, das Ziel scheint zum Greifen nah – es gibt im Land kaum noch diese verdammten Baptisten, Sektenmitglieder oder andere Quäker. Es gibt keine, überhaupt gar keine mehr! Alle ausgestorben, in Gefängnissen verrottet, verstreut, verteilt an den Rändern der hoch entwickelten Hegemonie. Und sie berichten, die Erfolgreichen, eilig von ihren Erfolgen, machen große Versprechungen, verheißen eine glänzende Zukunft.

Aber woher? Woher kommt dieser nichtexistierende, naturwidrige Menschenstrom? Jeden Sonntag! Sie treffen sich und gehen ohne jeglichen Befehl los, ohne Zuckerbrot und Peitsche, scheinbar ohne auch nur den kleinsten, lohnenden Grund. Sie tauchen immer zur gleichen Zeit auf: bei Schneesturm und Frost, bei Hitze und Regen, und nichts kann sie aufhalten. Spott, Demütigungen oder gar Gefängnisstrafen scheinen sie nicht zu stören. Sie gehen manchmal Dutzende von Kilometern zu Fuß und nehmen Umwege und Umstiege in Kauf, um zu ihrem Gott zu beten, von dem die Wissenschaft bewiesen hat, dass es ihn nicht gibt.

Der Strom zerfurcht, zerschneidet und verbrennt den mächtigen Rücken des Leviathans. Alles ist in diesem Strom: die Ohnmacht der stählernen Klauen, die Kraft höherer Ideale, die sich nichts und niemandem unterordnen und auch die unnachgiebige Bescheidenheit scheinbar willensschwacher Menschen, deren Reinheit und Treue jeden blendet, der es wagt, sich auf einen Kampf mit ihnen einzulassen.

Sergej war klar, dass er, wenn er sich diesem Strom anschließt, zu den Einsiedlern gehören würde. Der Großteil der Menschen lebt – teils zum Schein, teils aufrichtig – nach anderen Prinzipien, jede noch so unbedeutende Karriere, Bildung, ein anständiger Arbeitsplatz ist undenkbar, ausgeschlossen, wenn man nicht in einer Reihe mitmarschiert und nicht im Chor der Stimmen mitsingt. Sich für den Glauben zu entscheiden, bedeutet, sich gegen alle zu stellen und infolgedessen bedingungslos, ohne Aussicht auf eine Rückkehr, als Mensch dritter Klasse abgeschrieben zu werden.

Und doch liebte er dieses Spektakel, genoss es, staunte über die in seinen Augen geheimnisvolle Prozession. Viele dieser Menschen kannte Serjoscha persönlich, sie begrüßten ihn mit einem Lächeln, er war hier kein Fremder. Es zog ihn hierher. Die Anziehungskraft war so stark, dass er den Sonntag kaum abwarten konnte. Am Sonntagmorgen musste man sehr früh aufstehen, denn die Fahrt war lang, führte durch die ganze Stadt, hatte meist einen Umstieg. Er mochte sogar den beißenden Auspuffgeruch des Ikarus-Busses, der sich in den Fahrgastraum drängte, und wenn er das Glück hatte, ein LiAZ-Fahrzeug zu erwischen, war es dort immer warm und gemütlich, selbst an frostigen Tagen konnte man alle vierzehn auswendig gelernten Haltestellen sorglos abfahren und an der richtigen aussteigen, dort, wo man mit dem Strom der Bekannten eins wurde, energisch über den glatten Bürgersteig schritt, die trotz allem festliche Atmosphäre genoss, die nach Kaminofenrauch und Reif roch, der lustig die Nasenflügel zuklebte, und zum gedrungenen Haus am äußersten Rand der Stadt eilte.

Das alte Gebäude war recht einfach, ohne Kuppeln und Verzierungen – ein niedriges, umgebautes Privathaus, das durch das Entfernen von Zwischenwänden für Versammlungen genutzt werden konnte. Die Herzlichkeit der Menschen, die hierherkamen, war aufrichtig, sie zog Sergej an. Diese Menschen schienen ihm ganz anders zu sein, nicht wie die anderen, ganz ohne Gehabe – ruhig, leicht und frei konnten sie helfen, unterstützen, sich gegenseitig aufbauen und manchmal auch auf Fehler hinweisen, wenn es nötig war. Der Wunsch, einander zu sehen, miteinander zu reden, die echte, unverfälschte Freude – es war unmöglich, all das wie ein Schauspieler vorzutäuschen. Aufrichtigkeit ist entweder vorhanden oder eben nicht. Sie war da, und ihre Anwesenheit machte es ganz natürlich, sich gegenseitig als »Brüder und Schwestern« zu bezeichnen.

Sergej war auch erstaunt über ihre unerklärliche Gelassenheit – ein einfach unergründlicher innerer Frieden. Nicht gekünstelt, demonstrativ geziert, sondern sorgfältig geheim gehalten und verborgen. Sie schienen überhaupt keine Probleme zu kennen.

Serjoscha mochte vor allem Iwan Andrejewitsch ganz besonders. Der alte Diakon, der zehn Jahre im Gulag-Lager verbracht hatte, sprach nie über das, was er erlebt hatte, aber in dem grauhaarigen, am Hinterkopf ziemlich kahlen, fragilen, klein gewachsenen älteren Mann spürte man eine riesige innere Stärke. Seine gemächlich vorgetragenen Worte, wenn er mit sehr schwacher Stimme von der Kanzel sprach, hatten eine solche Kraft, trugen eine solche Zuversicht in sich, dass sie einen schweren Schleier zu lüften schienen und dem Zuhörer eine unendliche geistige Welt mit ihrem ewigen Horizont offenbarten, in der Gott wohnte, über das ganze Universum herrschte und alles und jeden mit sich selbst erfüllte.

Er war es, dem Serjoscha sein kleines Geheimnis anvertrauen wollte.

»Iwan Andrejewitsch«, wandte er sich an den Greis. »Ich brauche Ihren Rat. Christus sagt, dass der Mensch wiedergeboren werden müsse, um seine Sünden zu bereuen und um Vergebung zu erhalten. Wie kann man das tun? Muss man auf irgendeinen Anstoß warten, oder kann man seine Entscheidung einfach kundtun?«

Iwan Andrejewitsch legte seinen Arm um die Schultern des Jungen und beruhigte ihn auf eine gutmütige, väterliche Art: »Wenn der Herr an dein Herz klopft, mein Sohn, wirst du es sofort spüren. Sein Ruf ist unverwechselbar.«

Sergej wartete weiter, aber die Zeit verging, und sein Herz war still. Er begann sich zu fürchten, ob er den richtigen Moment verpasst hatte, als dieser Tag kam – es war wie ein Windstoß, als wäre ein Damm gebrochen, sein Wesen buchstäblich neu geboren, alles in ihm hatte sich verändert. Nein, die Welt um ihn herum blieb dieselbe, aber die Einstellung zu ihr war nun eine andere. Was gestern noch anziehend war, war heute uninteressant, was wertvoll war, wurde heute zu Müll. Der Entschluss, sich taufen zu lassen, bevor er zur Armee einberufen wurde, reifte endgültig in ihm heran. Und dieser hat seine Mutter wirklich beunruhigt.

»Serjoschenka, Kind«, sie nannte ihn oft Kind. »Im Leben kann alles passieren, es wurden schon ganz andere Menschen gebrochen. Die Taufe ist ein großer Schritt, ein Versprechen der Treue zu Gott. Wer weiß, wie der Dienst laufen wird, vielleicht ist es besser zuerst die Prüfungen zu bestehen und dann erst?«

»Nein, Mama, ich habe das so beschlossen«, unterbrach sie der Sohn. »Ich habe mich auch entschieden, den Eid nicht abzulegen. Wenn ich Gott dieses Versprechen gebe, dann schwöre ich auch niemandem sonst die Treue.«

Anfang August wurde Sergej getauft, und zwei Monate später musste er beim Wehrkommando erscheinen.

Kapitel 2

»Diensttauglich« hieß es in den Papieren. »Baptist« stand mit rotem fettem Bleistift quer auf dem Umschlag der Akte. Die Einzuberufenden trugen den Hefter durch alle Büros, und im letzten saßen 15 Personen an Tischen, die in U-Form angeordnet waren – das war auch die eigentliche Regionalkommission.

Ärzte, Psychologen, Parteiarbeiter, Spezialeinheiten der sowjetischen Armee und natürlich auch die Militärangehörigen. Der Einzuberufende, der den Raum betrat, musste sich in der Mitte des von den Tischen gebildeten Bogens aufstellen, genau in den auf den Boden gezeichneten Fußabdrücken.

»Also, Soldat, ist Gott immer noch nicht aus deinem dummen Kopf verschwunden?«, begann der Mann in der Mitte das Gespräch, nachdem er das Wort gelesen hatte, das auf der Mappe stand. »Siehst eigentlich ganz gesund aus, die Ärzte schreiben auch »Tauglich«. Willst du dienen?«

»Natürlich will ich das!«

»Und was ist mit dem Eid?«

»Mit dem Eid ist es komplizierter. Ich werde den Eid nicht ablegen.«

»Das Mutterland hat Sie also großgezogen, ausgebildet, und Sie wollen ihm nicht dienen?«, ergriff der Oberstleutnant, der etwas abseits saß, das Wort.

»Ich weigere mich nicht zu dienen, das sagte ich doch bereits.«

»Er weigert sich nicht. Hast du denn keine Angst, junger Mann, dass wir dich hinschicken, wo der Pfeffer wächst? Nicht einmal dein Gott wird dich dort finden«, der Offizier lief leicht rot an.

»Gott wird mich überall finden. Und was den Pfeffer angeht, so habe ich bei meiner Entscheidung auch an die möglichen Folgen gedacht.«

»Gedacht hat er also«, sagte der Militärangehörige gedehnt.

Der Oberstleutnant ging langsam die Papiere durch, warf irgendeins davon beiseite und wandte sich dann zusammenfassend an den Ausschuss:

»Genossen, ich schlage vor, wir schicken ihn in das Baubataillon, lassen ihn eine Hacke schwingen, vielleicht wird er dann klüger. Was meinen Sie dazu?«

Die Genossen nickten. Nachdem er ihr Einverständnis eingeholt hatte, warf der Offizier dem Einzuberufenden angewidert zu:

»Wegtreten, Herr Sektenmitglied! Sie werden sich mehr als einmal an unser Gespräch erinnern, Sie werden Ihre Entscheidung bereuen!«

Auf dem Heimweg versuchte Sergej, sich zu beruhigen, und drehte eine Extrarunde um den Block, damit Mutter seine Besorgnis nicht bemerkte. Aber man kann das Herz einer Mutter nicht täuschen, die Frau begegnete ihrem Sohn mit einem aufmerksamen Blick:

»Wie war es? Was hat das Wehrkommando gesagt?«

»Sie sagten, dass ich zum Baubataillon geschickt werde. Das ist so ziemlich das, was ich auch erwartet habe.« Mutter versuchte, sich ihre Unruhe nicht anmerken zu lassen, aber die Tränen glitzerten verräterisch in ihren Augen. Sie drehte sich weg.

»Also, Brüderchen, pass‘ mal gut auf«, ermahnte der ältere Bruder den Einberufenen. »Es wird dir nichts geschehen was darüber hinausgeht, was die anderen erleben. Kapiert? Jeder hat das schon einmal durchgemacht und ... «

» ... und hat größtenteils überlebt«, beendete Sergej für seinen Bruder den Satz.

»Goldrichtig! Stell‘ dich also entsprechend darauf ein, und alles wird gut. Bei diesem Wetter ist es wichtig, sich warm anzuziehen und etwas zu essen dabei zu haben. Kapiert?«

Es war ein harter Winter. Der Frost hatte die Stadt fest im Griff, der Rauch aus den Schornsteinen stieg kerzengerade in den Himmel auf. Die kahlen Äste der Bäume waren mit flauschigem, schönem Raureif bedeckt. Das kalte Wetter war kein Hindernis für die Freunde, die zur Zeit der Abreise zum Wehrkommando kommen wollten. Diejenigen die kamen, versuchten die Stimmung zu heben, scherzten viel, taten so, als sei alles in Ordnung, und bemühten sich, den Einberufenen auf jede erdenkliche Weise aufzubauen.

Die Mutter wurde in dieser Runde zur Seite gedrängt. Sie versuchte zu lächeln, sich nichts anmerken zu lassen, bemühte sich, munter zu wirken. Lediglich ab und zu erhaschte Serjoscha ihren traurigen Blick und verstand, wie schwer es für sie war: der vierte Soldat in Folge in der Familie. Nur kurz waren sie alle beisammen gewesen und schon wieder mussten sie sich verabschieden.

Eine nicht allzu lange Weile später dachte Sergej bitter darüber nach, dass er unverzeihlich wenig Zeit mit ihr verbrachte hatte. Er wollte nicht wie ein Muttersöhnchen wirken. Sie wartete, er sah es, sie war die Einzige mit dem treuesten Herzen von allen. Und jetzt?

Und jetzt muss man sich verabschieden. Sie rufen schon. Die Minuten des Abschieds sind immer kurz, sie sind nie genug. Ein freundschaftliches Schulterklopfen mit den Jungs. Ein unverständliches »Mach‘s gut!« Worauf bezieht sich das immer? Was soll man gut machen, wozu? Mit den Mädchen etwas bescheidener, nur ein Händedruck. Und dann: die Augen der Mutter. In denen gleichzeitig viel Unruhe und so viel Wärme ist. Eine kleine, schmächtige Frau, bedeckt mit einem Tuch, nahm seine Handflächen in ihre Hände und sagte:

»Sei brav, mein Sohn! Gott segne dich!«

»Mama, es wird doch alles gut. Mach‘ dir keine Sorgen.«

Sie wollte seine Hand noch ein bisschen länger halten, doch er zog sie abrupt weg. Unbeholfen und zögernd hielt sie ihn ein wenig zurück. Er tat es ab. Es ist Zeit! Und so blieb ihm dieser vorsichtige Versuch, der mütterliche Wunsch, ihn wenigstens kurz an sich zu drücken, im Gedächtnis. Die Hand, die sich noch an die Wärme der Mutter erinnerte, griff nach der Tasche und dann: »Vorwärts!«. Am Tor drehte er sich um und lächelte den Menschen zu, die ihn verabschiedeten, dann schritt er auf die andere Seite des Tors. Das war‘s, ab jetzt eine andere Welt.

Der Keller des Wehrkommandos, in dem man sie einpferchte, bot einen trostlosen Anblick: ein kleiner Raum, hölzerne Doppelpritschen aus sägerauen Brettern, graue Wände, eine einsame, verstaubte Glühbirne, Enge. Wenigstens war es warm. Die jungen Leute kamen mit ihren Rucksäcken, Taschen und Koffern aus der Kälte herein und reservierten sich hastig ihre Schlafplätze. Der Geruch von Alkoholfahne, Zwiebeln und all den anderen Dingen, die von den lebhaften Abschieden mitgebracht wurden, erfüllte den engen Raum.

Sergej fand einen freien Platz, legte sich auf die untere Liege und sah sich um. »Die Entlassung ist unvermeidlich!«, las er die krakelig mit etwas Scharfem an die Wand gekritzelte Schrift. Danke, guter, unbekannter Bote, das ist ein Trost. Es ist spannend zu beobachten, was um einen herum vor sich geht. Das Volk hier ist interessant, ungeniert, jung, und die meisten sind auch noch angeheitert.

Einige redeten absichtlich laut, provozierten mit ihrem Benehmen, einige versuchten vor den Augen der »Käufer« Wodka zu trinken, andere waren bescheidener und bemühten sich, den Bettnachbarn kennenzulernen und ein leises Gespräch anzustoßen. Einige versuchten einzuschlafen und sich zu den bereits Schnarchenden zu gesellen. Die meisten verhielten sich aber wie Sergej – sie lagen schweigend da und beobachteten das Geschehen.

»Käufer« sind diejenigen, die von der Einheit kommen, um die Rekruten in Empfang zu nehmen oder, wie es im Soldatenjargon heißt, zu kaufen und sie zu ihrem Dienstort zu begleiten. Dabei handelte es sich in der Regel um jüngere Offiziere oder Praporschtschiks, die manchmal von einem Feldwebel begleitet wurden.

»A-a-also, Soldaten!«, die harte, etwas nasale Stimme des Praporschtschiks unterbrach die Gespräche der Einberufenen und weckte die Schlafenden. »Vorwärts, Aufstellung im Korridor. Was soll das, seid ihr taub, oder was! Aufstellen, habe ich gesagt!«

Die Jungen erhoben sich langsam und widerwillig von ihren Plätzen und stellten sich unbeholfen und nicht gerade auf dem Gang auf.

»Zack-zack, Bewegung. Taschen mitnehmen, zu den Füßen hinstellen und aufmachen!«

»Warum zum Teufel sollte ich Ihnen meine persönlichen Gegenstände zeigen?«, maulte eine freche, offensichtlich betrunkene Stimme.

»Name, Soldat?«, brüllte der Praporschtschik.

»Petrow.«

»Also, Petrow, alle deine Rechte sind draußen vor dem Tor geblieben, hier hast du nur Pflichten. Kapiert?«

»Du k-kannst mich mal! ... «, murmelte Petrow vor sich hin.

»Ich habe nicht verstanden, kapiert?«

»Ja, kapi-i-iert, kapiert«, presste Petrow etwas lauter aus sich heraus.

Einige Flaschen Wodka wanderten in die Tasche des Feldwebels. Eine viel größere Anzahl der Halbliterflaschen wurden unbemerkt in den Tiefen der weiten Pelzmäntel der Einberufenen versteckt. »Wir werden uns trotzdem besaufen!«

»Wegtreten! Und wehe, ihr betrinkt euch, dann seid ihr selbst schuld!«

»Wohin fahren wir denn zum Dienst, Kommandeur?« Das war wieder Petrow.

»Dich bringe ich persönlich dorthin, wo der Pfeffer wächst, du Bastard.«

»Wer hätte das bezweifelt. Und wo ist dieses Loch? Wie heißt es überhaupt?«

»Nischni Tagil, Petrow, das Zentrum des Universums!«

»Ha-ha ... Nun, zumindest weiß ich jetzt, wo das Universum sein Zentrum hat.«

Homerisches Gelächter schallte durch den Korridor.

»Wenn du noch einmal einen auf Besserwisser machst, du verdammter Clown, lasse ich dich sofort Schnee schippen. Dann wirst du auch gleich nüchtern.«

»Ich schweige ja schon, Chef.«

Die Jungen kehrten zu ihren Plätzen zurück und plapperten los, aufgedreht von der Nachricht über ihren finalen Bestimmungsort. Sergej nahm wieder seinen Platz ein und versuchte wegzunicken. Er konnte nicht schlafen, er erinnerte sich an die Abschiedsminuten mit den Freunden, an Mutters Augen. Mein Gott, und das ist erst der Anfang!

Ein vertrautes Gesicht tauchte plötzlich auf. Hat er sich das etwa eingebildet? Nein, er ist es wirklich: Wowtschik!

Der Junge, der sich zögerlich zu Sergej setzte, gehörte zu einer so genannten illegalen, da nicht registrierten, Kirche. Er hatte das Gemüt eines Menschen, von dem man sagen konnte, dass er keiner Fliege etwas zuleide tun würde, und war so schüchtern, dass ihn jeder ungestraft quälen zu können schien. Wieso eigentlich schien? Es war tatsächlich so. Der sehr ruhige, bescheidene Bursche fand sich in dieser Gesellschaft nicht zurecht und sagte zaghaft:

»Also, dann werden wir wohl gemeinsam dienen.«

»Das werden wir, wenn sie uns nicht in unterschiedliche Einheiten schicken«

»Hör‘ mal, Serjoga, wirst du denn den Eid ablegen?«

»Nein, das werde ich nicht.«

»Lass‘ es uns vielleicht gemeinsam erklären.«

»Natürlich. Hauptsache, sie trennen uns nicht. Man sagt, alles sei möglich, man könne an unterschiedliche Orte geschickt werden.«

»Das würde ich nicht wollen.«

»Schauen wir mal.«

»A-a-also!«, der Fähnrich stürzte im Uniformmantel in den Raum, als hätte man ihn verbrüht. »Aufstellung auf dem Hof!«

Die jungen Soldaten strebten langsam dem Eingang zu. Jeder versuchte den warmen Raum als Letzter zu verlassen.

Draußen war es merklich kälter geworden, und es begann zu dämmern. Sie stellten sich auf so gut es ging. Das erste »Richt‘t euch, Achtung! Im Gleichschritt ma-a-arsch!« Der Schnee knirschte gleichmäßig unter den Füßen, der Frost wurde stärker. »Eins ... eins-s-s ... eins, zwo, drei! Beine anziehen! Beine, habe ich gesagt!«

Der Fußweg zum Bahnhof dauerte eine halbe Stunde. Die Wartezeit auf den Zug war ebenso lang. Sobald er anhielt, stürmten die bereits durchgefrorenen Einberufenen durch die offenen Türen, ohne auf ein Kommando zu warten, denn jeder wollte sich einen anständigen Sitzplatz sichern. Im Inneren wurden die zivilen Passagiere etwas unruhig: Wehrpflichtige, und dazu noch angeheitert. Sie nahmen lärmend ihre Plätze ein und störten damit die ruhige Atmosphäre im Waggon. Als erstes wurde der übriggebliebene Wodka herausgekramt, ein Glas ging herum, die Unterhaltung wurde emotionaler, lauter, die Gesellschaft freundschaftlicher. Eine Schlange zog sich zum Rauchen bis in den Vorraum.

Der Genosse mit dem Namen Petrow stach in dieser Schar nicht nur durch seine Größe, sondern auch durch sein Alter hervor, denn er sah viel älter aus als die anderen. Als wäre er eine unausgesprochene Autorität, gesellten sich noch weitere Jungen zu ihm. Eine Clique. Im Waggon befanden sich auch bereits entlassene Soldaten, die alle herausgeputzt, in Paradeuniform mit Abzeichen und Achselschnüren geschmückt waren. Wodka, Zigaretten, ein unbedachtes: »Haltet ihr euch für so cool, oder was? Schau mal einer an.« Eine Prügelei. Der Konflikt wurde durch gegenseitige Bemühungen beigelegt. Die Störenfriede kehrten zu ihren Plätzen zurück. Der schaukelnde Zug ließ sie schnell einschlafen. Der Waggon verstummte schließlich. Vor dem Fenster blitzten Pfähle und Schneefänger. Der Frost knisterte in der herannahenden Nacht.

Ein starker Ruck weckte Sergej aus dem Schlaf. Der Praporschtschik ging den Gang entlang und stieß seine Schützlinge grob in die Seite, oder besser gesagt, dorthin, wo er sie traf, damit sie es auch merkten. Als sie aufwachten, sprangen sie hoch, sahen dem sich entfernenden Uniformmantel des Käufers nach und versuchten, den Befehl zu verstehen:

»Also, Soldaten, aufstehen! Aufstehen, habe ich gesagt. Wir sind da! Hört auf zu pennen, fertigmachen zum Ausstieg, wir kommen gleich an.«

Sergej hatte keine Lust aufzustehen. Es war, als wäre er gerade erst eingeschlafen, entspannt in süßer Glückseligkeit, denn er hatte ganz vergessen, dass er nicht in seinem Bett zu Hause schlief, sondern auf einer Liege in einem Waggon.

Die Achsen quietschten stärker, und der Zug schwankte bei der Gabelung. Die Weichen, eine nach der anderen, schlängelten sich dem Bahnhof entgegen wie geflochtene Schienenstränge. Es stellte sich heraus, dass die Fahrt gar nicht so lang war wie erwartet. Umsteigen.

Die schläfrigen, erschöpften Einberufenen traten auf den eiskalten nächtlichen Bahnsteig und versuchten, sich aufzustellen. Die Helden des Abends hatten ein desolates Aussehen angenommen, nachdem sie etwas geschlafen hatten. Auf Petrows Gesicht prangte ein ziemlich offensichtlicher blauer Fleck, seine Kumpels richteten ihre zerrissenen Krägen und hüllten sich in ausgedünnte Schals. So wie sie aussahen, fühlten sie sich auch: recht kläglich. Die Frische des Körpers hatte die zukünftigen Soldaten verräterisch im Stich gelassen, die Frische des Geistes bot keine Abhilfe.

Nachdem der Praporschtschik alle durchgezählt hatte, ließ er sie schließlich in das Bahnhofsgebäude eintreten. Die Rekruten, die hofften, dass es dort warm sein würde, eilten hinein. Sie lagen falsch. Durch die hohen Decken entstand ein typisches Bahnhofsecho. Es stellte sich heraus, dass der Warteraum kaum beheizt wurde, und es gelang ihnen nicht, sich aufzuwärmen, nicht einmal Filzstiefel und Pelzmäntel halfen. Der Praporschtschik achtete wie ein scharfsichtiger Falke darauf, dass niemand eine Flasche holte. Wo hätte man sie auch kaufen können in der Nacht?

Gegen Morgen wurde schließlich der Befehl zur Aufstellung gegeben. Die mitgenommen aussehenden Jungs stellten sich enthusiastisch in eine Reihe auf und traten in die Kälte hinaus. Um warm zu bleiben, muss man sich bewegen, rennen und die Füße aneinanderschlagend auf und ab springen. Auf diese Weise sollte es wärmer sein. So eine Eiseskälte aber auch!

Der lang erwartete Zug tauchte schwankend wie ein Gespenst aus der Dunkelheit auf. Die mit Raureif zugewachsene Front der Lokomotive rumpelte vorbei, brummte mit ihren leistungsstarken Motoren und zog die abgenutzten Waggons hinter sich her. Die mit Frost bedeckten Fenster weckten unangenehme Vermutungen. Das Gespenst quietschte mit den Bremsen und kam schließlich zum Stehen. Die gefrorenen, schneebedeckten Türen ließen sich nicht öffnen. Es gab keine Hilfe von innen –Schaffner gab es nicht. Der Zug war nur für den Transport von Rekruten vorgesehen.

Nach mehreren Versuchen gelang es, den Waggon zu öffnen. Willkommen! Die Metalltreppe quietschte, gab nach und kam heraus, das zahnlose Maul des Vorraums wurde aufgesperrt, es stank nach einer Mischung aus alten Zigarettenkippen und gemischtem Müll in einem Eimer, der auf dem schmutzigen Boden festgefroren war.

Die schwache Hoffnung, sich im Waggon aufwärmen zu können, schwand nach und nach dahin, je weiter die Rekruten in den völlig dunklen Zugwagen vorstießen, der von keiner noch so schwachen Glühbirne beleuchtet wurde. Es war stockdunkel. Die schlimmsten Ahnungen bestätigten sich: die Heizung im Waggon funktionierte nicht. Gefrorenes Wasser hatte von innen die Heizkörper aufgerissen, war auf dem Boden zerflossen und wieder zu Eis geworden, sodass sich im Gang eine wahre Eisbahn gebildet hatte. Es war gefährlich, in Filzstiefeln darüber zu gehen.

»Tja-a-a, das ist hier kein Rio de Janeiro!«, versuchte jemand Ostap Bender nachzumachen, den Helden des Romans »Das goldene Kalb«.

»Komsomolsk am Amur«, ertönte eine Stimme aus der Dunkelheit. »Das Ausland wird uns helfen!«

Streichhölzer wurden in der Finsternis gezündet, jemand versuchte, sich im Raum zurecht zu finden, doch es gab keine freien Plätze. Der Waggon war rappelvoll. Usbekische Rekruten drängten sich auf allen 54 Liegen dicht an dicht und schafften es sogar, sich zu dritt auf die unteren Plätze zu legen.

Dieser Umstand schien keinen der Organisatoren zu kümmern. Irgendwo im Schaffnerabteil schlief ein betrunkener Käufer, der sich keine Sorgen um seine Usbeken machte: wohin sollten sie aus diesem U-Boot entkommen? Die neuen Fahrgäste rutschten auf dem Eis und hielten sich an den gefrorenen Metallgeländern fest, um in das Innere des Waggons vorzudringen. Die Augen gewöhnten sich langsam an die Dunkelheit, und die Umrisse von sitzenden und liegenden Silhouetten tauchten auf.

Sergej kletterte aufs Geratewohl auf die erste oberste Liege, die zum Glück frei war. Unglaublich, aber es lag sogar eine Matratze darauf. Kein Wunder bei dieser Dunkelheit. Ohne seine Filzstiefel und den Pelzmantel auszuziehen, hüllte sich der junge Mann so eng wie möglich in alles, was er gerade zur Hand hatte, und versuchte, sich aufzuwärmen. Das erwies sich als eine echte Herausforderung. Die Nacht in dem eiskalten Bahnhof und eine gute halbe Stunde auf dem frostigen Bahnsteig machten sich bemerkbar. Auch die Matratze war vor Kälte erstarrt, die Temperatur im Waggon unterschied sich maximal nur um ein paar Grad von derjenigen draußen. In dieser eisigen Behaglichkeit würden sie gut 24 Stunden verbringen, wenn nicht sogar länger – das wusste niemand so genau.

Allmählich gelang es ihm, die Matratze mit seinem Körper aufzuwärmen. Langsam erwachten die gefrorenen Hände zum Leben. Sergej lag mit geschlossenen Augen da und versuchte zu schlafen. Im Waggon hörte man gelegentlich Lärm: Einige schimpften wegen der Plätze, andere versuchten, jemanden von einer Liege zu verscheuchen, und einige wurden bereits vom Praporschtschik getrennt voneinander. In der Dunkelheit war es für ihn nicht einfach die betrunkene Menge zu beruhigen und für Ordnung zu sorgen. Nach und nach beruhigte sich jedoch alles, und auch Serjoscha überkam der Schlaf. Im Traum war es Sommer.

Kapitel 2.2

Steppe. Die endlose kasachische Steppe mit dem hitzigen Atem einer Fata Morgana, die über dem vergilbenden Gras spielt. Hier gibt es kein Leben. Wahrscheinlich gibt es das Leben doch, es kann nicht komplett leblos sein, aber es gibt keine sichtbaren Anzeichen dafür. Auf der ebenen Oberfläche der grenzenlos öden Weite tauchen gelegentlich gebückte Kamele als seltene Wanderer auf, die so gelb und ausgebrannt waren, wie alles andere um sie herum. Sie gingen und schaukelten mit ihren dürren, zur Seite hängenden Höckern oder lagen mit ihren gebogenen kahlen Hälsen direkt im staubigen Gras. Ein aufmerksames Auge konnte mit etwas Glück die schmächtigen Körper von Erdhörnchen vor dem Hintergrund des verbrannten Grases ausmachen, die sich wie Soldaten streckten, ihre Pfoten anzogen und interessiert in die Ferne schauten. Wenigstens ein bisschen Leben. Dann tauchte vielleicht noch plötzlich, wie aus dem Nichts, ein Lastwagen auf, der vor langer Zeit in einem früheren Leben blau lackiert gewesen war, jetzt nur noch eine verblasste Fahrerkabine und abgenutzte Seitenwände hatte, eine Staubwolke auf der Straße aufwirbelte und über Unebenheiten hüpfte. Irgendein GAZ-53-LKW, der zu einem unbekannten Ziel unterwegs war und in einer Minute ebenso geheimnisvoll wieder verschwunden war.

Es gab spärliche Bahnhöfe in 100 bis 150, oder vielleicht sogar 200 Kilometer voneinander entfernt. Oft halb ausgestorben, nicht selten ganz verlassen. Der immerwährende Wind, wenn man sich darauf einigte, dass er ein Zeichen des Lebens wäre, machte sich mit einer sanften Brise auf den raren Büschen bemerkbar. Dieser Steppenvagabund scheute auch nicht den salzhaltigen Staub – er nahm ihn mit Leichtigkeit auf und trieb ihn durch die Wüste, während er durch die Straßen von nichtexistierenden Städten fegte. Manchmal packte er einen trockenen Wermutstrauch – einen Steppenläufer – an seinen stacheligen Tentakeln und vergnügte sich mit ihm wie mit einem riesigen Ball, den er rollte, auf irgendeiner beliebigen Erhöhung anhielt und dann wieder mit voller Kraft beschleunigte, um ihn später, nachdem er jegliches Interesse an ihm verloren hatte, gleichgültig irgendwo mitten im Feld liegen zu lassen. Und dann war da noch die Sonne, sie gab es auch noch, und zwar so viel, dass man sich nirgendwo vor ihr verstecken konnte. Selbst im Schatten nicht. Den es hier so gut wie gar nicht gab.

Der Zug aus Irkutsk nach Adler, der den unangenehmsten Teil seiner Strecke gerade durchquerte, schleppte sich wie absichtlich in aller Ruhe durch die Steppe und setzte das ohnehin bereits glühende Metall der verblichenen Waggons der unbarmherzig brennenden Sonne aus.

Am Abend verließ der Personenzug das kühle Orsk, wo er lange gestanden war, weil die Lokomotive gewechselt wurde, der Bahnarbeiter an ihm entlangging, während er auf die Räder hämmerte, und wo Wasser in die Toiletten gepumpt werden musste. Am Morgen fand er sich kurz vor der Wüste wieder. In der Morgendämmerung passierte diese grüne Schlange aus siebzehn Waggons, die von der Lokomotive in eine feste gerade Linie aufgespannt wurde, Qandyaghasch und glitt, nachdem sie sich ihr nächstes Ziel vorgenommen hatte, über die ausgebrannte Steppe darauf zu.

Nachdem er Shubar-Kuduk, das manchmal in einem Wort geschrieben wird – Shubarkuduk – verlassen hatte, bewegte sich der Zug resigniert in Richtung der gnadenlosen, schon am Frühmorgen aggressiven Hitze, in die feuerspeiende Unterwelt, die ihren Höhepunkt zu Mittag erreichte.

Die Passagiere sollten viel Geduld haben – Mineralwasser und Limonade, wenn sie Glück hatten und diese Getränke verfügbar waren, sollten in Orsk gekauft worden sein – sie würden sie wirklich dringend brauchen. Denn bis nach Maqat oder sogar ganz Gurjew wird der Zug ein Gefangener der Wüste sein, in ihrer absoluten, ungeteilten Macht.

Steppenstaub, vermischt mit Lokomotivabgasen, drang durch die wenigen geöffneten Fenster. Wenige, weil die Schaffner aus unbekannten Gründen und unter Androhung der härtesten Strafen nicht erlaubten, sie zu öffnen. Fast alle Fenster waren zugesperrt und zur Sicherheit mit einem dreistiftigen Schlüssel verschlossen. Und doch drang der Staub auf den Armen des heißen Windes in den Waggon und verstopfte jeden verfügbaren Spalt und natürlich auch die Augen der Fahrgäste. Dabei vermag auch der aufdringlichste und trotzigste Wind den luftleeren Geist nicht oder nur wenig zu vertreiben, der sich bis zum Äußersten mit der Quintessenz von Gerüchen nach Schweiß, Rückenspeck und auf jeden Fall Zwiebel, lange nicht gewaschenen Socken und auf dem schmutzigen Boden verschüttetem Bier, einem immer vollen Mülleimer an der Toilette und dem frischen, im Bistro für zwei Rubel gekauften Mittagsmenü sowie vielen anderen, nicht unbedingt angenehmen Gerüchen, verdichtet hatte. Der böse Geist, der seine Überlegenheit erkannt hatte, bezeugte auf vielfältige eloquente Weise, dass Menschen – viele Menschen – seit langem in einem geschlossenen, engen und stickigen Raum unterwegs waren.

Steppe weit und breit, wie es im Volkslied heißt, und nur einsame, schiefe Pfähle mit durchhängenden oder an manchen Stellen gerissenen Drähten ragten wie spärliche Zähne aus dem Boden. Das verzweifelte Auge, das sich von einem langweiligen Buch oder einem an schwierigen Stellen unausgefüllten Kreuzworträtsel losreißt, suchte unermüdlich nach der kleinsten Abwechslung und war bestrebt, jede Bewegung, jedes noch so unbedeutende Zeichen von Leben zu entdecken. Doch in der kahlen Steppe erregte nichts seine Aufmerksamkeit. Die einzige Freude – falls sie denn plötzlich, wenn auch äußerst selten, vorkäme – war eine Kurve im Gleisbett. Es war ein Labsal, den hinteren Teil des Zuges im Fenster zu sehen oder die schwarz rauchende Lokomotive vor sich. Das war zur Abwechslung mal ein anderes Bild. Nichts konnte eintöniger, monotoner und trostloser sein als die kasachische Steppe, die sich bis zum Horizont erstreckte.

Unerwartet im Fenster auftauchende Haltepunkte, zwei bis drei Häuser, waren Ereignisse. Abgesenkte armselige Hütten mit abgeblättertem Putz und zersprungenen, teilweise zerbrochenen Fenstern, mit Sand zugeschütteten Fensterbänken und geteerten Erdwällen, gedrungene Schuppen aus Kuhmist, trist und widerstandslos, tauchten am Horizont auf, fanden sich inmitten eines kahlen Feldes wieder und schienen die Sinnlosigkeit des Lebens lautstark zu beklagen. Aber konnte man das wirklich Leben nennen? Diese Absurdität einer Existenz in einem von allen vergessenen, sonnenverbrannten, riesigen, fast 500 Kilometer langen Landstrich? Wofür und wozu sind diese Menschen hier, wie und wovon leben sie, hier draußen inmitten der Wüste, hunderte von Meilen von der nächsten Zivilisation entfernt, dachte sich der Wüstengefangene, während er aus dem schmutzigen, trüben Waggonfenster schaute, das, wie es sich gehörte, voller Spuren von Toilettenwasser war.

Und Kinder. Erwachsene waren hier kaum zu sehen, abgesehen von dem gelegentlichen Anblick einer Frau, die immer klein und rundlich war, dieselbe leuchtend gelbe Weste und ein Fähnchen in der Hand hielt und gleichgültig vor ihrer Diensthütte an einer Kreuzung stand. Kinder. Schmutzig und fast nackt, nur mit Unterhosen bekleidet und barfuß. Ja, barfuß inmitten dieser Schwüle! Die Kosakenkinder, ohnehin schon mit einem dunkleren Teint und noch dazu braun gebrannt, rollten selbstgebaute Spielzeuge vor sich her. Alte, verbogene rostige Fahrradräder, halb speichenlos und zumeist ohne Gummireifen, mit daran befestigten Lenkrädern aus dickem Draht. Sie liefen entlang der Gleise, begleiteten den Zug, wenn er nicht anhielt und langsam durch die Kreuzungsstation fuhr, und riefen immer irgendetwas. Wenn der Zug mit höherer Geschwindigkeit vorbeifuhr, hielten die Kinder die Räder kurz an, ohne aber den Draht aus den Händen zu lassen, und starrten sehnsüchtig auf die Waggons, die im Sonnenschein glänzten. Sie ahnten nicht, dass die vor Langeweile verrückt gewordenen Fahrgäste die Kleinen mit demselben Interesse anstarrten.

Manchmal hielt der Zug jedoch plötzlich an einem Haltepunkt an. Dann erlebten die Passagiere der Waggons echte Unterhaltung. Alle vorhandenen Kinder der Gegend stürzten sich auf den Speisewagen und stürmten ihn, indem sie direkt aus dem niedrigen Straßengraben, der höchstens nur mit Kies bestreut war, ohne jeglichen Bahnsteig, angriffen. Die Kellner des Bordbistros öffneten die Türen und heißen diese Kunden, die Süßigkeiten, Limonade, Kekse und alles verfügbare kauften, willkommen.

Die Reisenden klebten zu dieser Zeit mit den Nasen an ihren Fenstern und beobachten diesen kostenlosen Zirkus mit Interesse. Der Zirkus dauerte jedoch nicht lange. Der Zugführer streckte den Kopf aus seinem kleinen Fenster und zog den Signalheber zu sich heran oder drückte ihn von sich weg. Ganz nach eigenem Ermessen. Je nach Wahl ertönt ein langes Hupen oder ein dünner Pfiff, die Lokomotive setzte sich sanft in Bewegung und zog den dunkelgrünen Zug hinter sich her.

Die Waggonverbindungen klapperten und die einheimischen Landetruppen hüpften eilig aus dem Bordrestaurant und sprangen mit ihren bloßen Füßen geschickt und vorsichtig auf die dieselgetränkten Kieselsteine, wobei sie versuchten, ihre kostbaren Einkäufe, die hastig in dickes graues Papier oder eine Zeitung eingewickelt worden waren, nicht fallen zu lassen und nicht zu verschütten. Die Zuschauer an den Fenstern wurden lebhaft. Es wurde plötzlich wichtig für sie und sie spekulieren lautstark darüber, ob die Kinder es wohl rechtzeitig aus dem Bordrestaurant schaffen würden.

Dann sprang ein Jugendlicher die Treppe hinunter. Er war genau wie alle anderen, unterschied sich nicht von ihnen, aber die Aufregung in den Publikumsreihen war leicht zu erklären: »Schau‘«, riefen sie. »Der Junge hält ein Stück Butter in der Hand!« Das wäre ja noch in Ordnung gewesen, es hätte wahrscheinlich niemanden überrascht, aber die Butter, war Rahmbutter ohne Verpackung! Nicht einmal ein Fetzen Papier, nicht einmal ein Stück Zeitung bedeckte sie. Der Junge rannte mit voller Kraft, wegen der Butter in den Händen, wegen der Hitze – er flog förmlich in Richtung zu seiner Siedlung. Die Butter schmolz und rutschte, wollte aus den heißen Händen springen. Doch er rannte weiter, ohne nach unten zu schauen, stolperte, stieß mit den nackten Füßen gegen ein aus dem Boden ragendes Metallteil. Wie durch ein Wunder hielt er das Gleichgewicht, rannte humpelnd weiter, rannte, eilte, lief und lief.

Der Zug nahm Fahrt auf, die Räder rollten über die Stahlschienen, und aus dem Schornstein der Lokomotive stieg pulsierend dichter Rauch auf. Aber die Fahrgäste wollten, dass der Zug nicht so schnell beschleunige – sie wollten unbedingt erfahren, ob der schmutzige Käufer es nach Hause schaffte, bevor ihm die Butter in den Händen wegschmolz. Sie haben es niemals erfahren.

Der Rauchstrom aus dem Schornstein wurde jäh stärker, der Zugführer gab Vollgas, der Auspuff wurde schwärzer, dichter, dynamischer, das Klatschen der Räder auf den Gleisverbindungen wurde durch ein schneller werdendes Stepptanzklopfen ersetzt. Die starke Maschine, die mit ihrem Schneeräumer den Raum zerschnitt und heiße Luft in das System saugte, nahm die metallene Ziehharmonika mit und lenkte sie in Richtung zum Meer. So Gott will, ist es nur noch 200 Kilometer entfernt, wohin die Dieselmotoren ihren 17 Waggons umfassenden Schwanz in die befreiende Kühle bringen würden.

Der Junge mit der Butter verschwand hinter dem Horizont.

Kapitel 2.3

Ein lebhaftes Gespräch weckte Serjoscha auf. Der Junge brauchte einige Augenblicke, um zu sich zu kommen und in die Realität zurückzukehren. Vor dem Fenster lag dieselbe Steppe, die er gerade in seinem Traum gesehen hatte, nur war sie mit Schnee bedeckt. Die einberufenen Kameraden hatten irgendwo Wodka besorgt, der Praporschtschik hatte es doch übersehen, und wärmten sich begeistert damit auf. Der Sonne, die hell durch die Fenster des Waggons schien, war es offensichtlich doch gelungen, die Stimmung in der Metallkiste, die auf der einsamen Spurweite entlangkroch, etwas positiver zu gestalten. An Waschen und Toilettengang war jedoch nicht zu denken. Der standhafte Geruch im Waggon warnte eindringlich vor einem unüberlegten Ausflug in das Etablissement.

»Hey, Landsmann, kipp‘ etwas Wodka mit uns hinunter«, lud ein fröhlicher Junge Sergej ein, als er sah, dass dieser wach war.

»Nein, danke, ich trinke nicht«, antwortete Serjoscha.

»Ach. Quatsch! So etwas gibt es nicht. Leute, habt ihr gehört, er trinkt nicht!«

Entweder sah der Junge Sergejs ernstes Gesicht, oder er spürte seine Entschlossenheit, jedenfalls hörte er auf, darauf zu bestehen, und unterhielt sich weiter mit seinen neugewonnenen Kameraden: »Also, was sagte ich nochmal, Männer, die Entlassung ist kein Weib, sie wartet auf alle. Das ist doch ein Anlass! Zum Wohl!«

Der kurze Wintertag verging schnell. Der rote Sonnenball rollte sanft über den Rand der schneebedeckten Steppe. Im Waggon wurde es wieder dunkel. Sergejs Magen regte sich und erinnerte ihn daran, dass er den ganzen Tag ja noch gar nichts gegessen hatte. Der junge Mann lag auf seiner Liege und konnte den aufdringlichen Gedanken nicht abschütteln, dass zwei Jahre Sinnlosigkeit vor ihm lagen – eine Zeit, die er für immer verlieren würde und die niemals durch irgendjemanden oder irgendetwas wieder gutgemacht werden könnte.

Der frühe Abend, der Mangel an Licht und die Spirituosen, sowie das Fehlen von Nahrung taten ihr Übriges. Der Zug, der gerade wieder zum Leben erwacht war, glitt in die Stille zurück. Die letzte Nacht des zivilen Lebens. Keiner der Fahrgäste des ungewöhnlichen Geisterzuges würde sie vermutlich lange im Gedächtnis behalten. Nur dass man sich höchstens am Morgen mit einem schweren und gar nicht fröhlichen Kater daran erinnern würde.

Gegen fünf Uhr morgens blinkten Laternen in den Fenstern auf, und es wurde klar, dass sich eine große Station, ein Bahnhof näherte. Swerdlowsk – das ehemalige und künftige Jekaterinburg – der letzte Umsteigepunkt. Man stieg auf den Bahnsteig hinaus. Die Usbeken wirkten in ihrer Nationaltracht und den typischen Kopfbedeckungen wie ein Fremdkörper in der Menge der Einberufenen. Die Soldaten hatten Mitleid mit ihnen, sie drängten sich aneinander – die Südländer waren ein solches Wetter nicht gewohnt, vielleicht hatten sie nicht erwartet, hierher geschickt zu werden, in den unbekannten, unendlich fernen, kalten Ural.

Dennoch mussten sie alle frieren. Manche wissentlich, andere unwissentlich. Während die Raucher mit ihren Zigaretten dampften, warteten die Nichtraucher geduldig und klopften mit den Absätzen aneinander. Das Gesetz »Einer für alle und alle für einen« trat in Kraft. Endlich war die Rauchpause vorbei, und die Jungen durften das Bahnhofsgebäude betreten. »Der Pawlowsker Bahnhof, der auch als Konzertgebäude diente«, lächelte Sergej in sich hinein, während er sich an Dostojewskis Roman »Der Idiot« erinnerte. Wieso, wozu hatte er auf einmal daran denken müssen? Ohne jeglichen Bezug zum Geschehen fiel ihm plötzlich einfach so das seltene, nun im Russischen ungebräuchliche Wort »Vauxhall« ein, das auf die Vauxhall Gardens Londons zurückging und ähnliche Vergnügungseinrichtungen auch in Russland bezeichnet hatte. Wärme, Zuhause, ein Buch – er hatte also doch den roten Faden gefunden.

Sergejs Liebe zum Lesen wurde ihm von seinem Vater eingeflößt. Sein Vater, der selbst nur sieben Jahre Schulbildung genossen hatte und in schwierigen Zeiten geboren worden war, war sein ganzes Leben lang Fahrer gewesen, aber er hat seine Kinder immer zum Lernen ermutigt und in ihrer Ausbildung unterstützt. Eines Sommers, als Sergej Ferien hatte, fragte sein Vater bei seinen Vorbereitungen auf eine weitere Dienstreise seinen Sohn, was er in seiner Freizeit gerne mache, womit er sich tagsüber so beschäftige. Spielst du mit den Jungs? Gut! Radfahren – auch nicht schlecht, baden – toll, und was noch? Was noch? Sonst nichts.» Weißt du was, Kumpel, du gehst in die Bibliothek, suchst dir das interessanteste Buch aus und liest es, während ich unterwegs bin. Wenn ich zurückkomme, erzählst du mir, worüber du gelesen hast. Abgemacht?« »Mm-mm«, er zögerte. » wirklich Lust hab‘ ich nicht, habe schon die Bücher aus der Schule satt.« »Dafür werde ich dir etwas Interessantes von der Reise mitbringen.« Oh, das ist etwas anderes. Wir haben einen Deal. Er hat gar nicht bemerkt, wie er hineingezogen wurde. Ein Buch, ein anderes, dann gleich vier aus der Bibliothek mitgenommen. Das ist doch eine riesige, vielfältige Welt! Und jetzt kam ihm Dostojewski in den Sinn. Eine Kleinigkeit, aber ihm wurde warm ums Herz.

»Hier bleiben«, befahl der Praporschtschik. »In 20 Minuten kommt die Bahn nach Tagil.«

»Was ist denn Tagil?« Einer von den Jungs war noch nicht ganz nüchtern.

»Was sind das schon wieder für blöde Fragen? Ich habe es doch bereits erklärt, oder hört ihr mir etwa nicht zu, ihr Dummköpfe?«, stauchte der Praporschtschik den Fragesteller zusammen und fuhr dann eindrucksvoll und feierlich fort: »Ich wiederhole es für die Dümmsten unter euch: Nischni Tagil ist eine feine Stadt, und wer von euch nicht weiß, was Tagil ist, der ist ein Vollidiot. Denn Tagil ist eine Perle unseres Landes, eine weltwunderbare Stadt, kurzum, ihr solltet stolz darauf sein, dass ihr die Ehre habt, ausgerechnet dort zu dienen.«

Weltwunderbare gibt es nicht, grinste Serjoscha in sich hinein, aber er widersprach dem Käufer nicht. Er weiß es besser, sonst bekommt man noch den Stempel des Vollidioten aufgedrückt, den man nie wieder loswird.

Im Regionalzug war es Gott sei Dank warm. Nachdem sie ihre Plätze eingenommen hatten – ein Glück, dass die Waggons zu dieser frühen Stunde noch leer waren – schlief die neu gebildete Gruppe sofort ein. Der Praporschtschik fand keinen Grund, die Jungs zu stören, ließ sie schlafen, sollen sie ruhig von Zuhause träumen, ihre Kräfte sammeln, es war wohl die letzte Etappe der Reise, danach würde nur noch die Armee folgen.

Kapitel 3

Der Himmel hellte sich hier ungewöhnlich, auf eigentümliche Weise auf, er wechselte plötzlich von schwarz zu grau. Wieder ein Bahnhof, diesmal die Endstation. Die automatischen Türen des Waggons öffneten sich mit einem lauten Zischen: Hallo, Tagil! Der unbekannte, schwere Smog mit seinem merkwürdigen Nachgeschmack verdeckte die Wolken, die durch den Dunst kaum zu sehen waren. Alles hier ist anders, ungewohnt, fremd. Ein grimmiger Hausmeister mit faltigem und unrasiertem Gesicht, gekleidet in eine ehemals gelbe, jetzt eine durch und durch schmierige Weste über einer abgenutzten Unterjacke, klopfte mit geübten monotonen Bewegungen den auf den Bahnsteig festgetrampelten Schnee ab. Er unterbrach für eine Minute seine Arbeit, um die sich hinschleppenden Einberufenen vorbeizulassen, schaute ihnen gleichgültig hinterher und wandte sich dann wieder seinem Schaffen zu, wobei er mit der Spitze seiner Schaufel ein fischgrätenartiges Muster zeichnete.

Als sie sich durchgezählt hatten und den Bahnhofsvorplatz erreichten, war es bereits hell. Ein Bus, der mit seinen großen Rädern über die Straßenbahnschienen sprang, wendete und fuhr auf den Vorplatz zu. Am Steuer saß ein Soldat. Die Anzeichen des zivilen Lebens wurden weniger. Los geht’s!

Ob es an der Stimmung wegen des Dienstbeginns oder an der Müdigkeit lag? Die Stadt sah für Sergej und seine zukünftigen Kameraden bis zur Verzweiflung düster aus. Der Bus holperte ständig auf den Hügeln des plattgefahrenen Schnees. Es war unmöglich zu schlafen, und er wollte auch gar nicht. Der Fahrer ließ sich Zeit, fuhr nicht schnell. Die Jungen hatten genug Zeit, nicht nur die holprigen und schmutzigen Straßen genauer zu betrachten, sondern auch die mürrischen Stadtbewohner, die sehnsüchtig an den Haltestellen standen oder vorsichtig über die rutschigen Gehsteige trippelten.

In den Fenstern des PAZ-Busses, die durch die eingeschaltete Heizung aufgetaut waren, konnten die Soldaten die Pforte zu einer großen Fabrik sehen, aus der roter, matter Rauch quoll. Der Praporschtschik sagte, es sei ein riesiges, sogar das größte Stahlwerk des Landes. Die nach Lenin - nach wem denn sonst - benannten NTMK, also Nischni Tagil Eisen- und Stahlwerke. Der Anführer stand in seinem üblichen Mantel direkt vor der Pforte – natürlich in Form eines Denkmals mit ausgestreckter Hand. Das Werk qualmte heftig. Und wie die Rekruten später herausfanden, war es nicht das einzige.

Sergej versuchte, sich an alles zu erinnern, was er über die Gegend wusste. Er musste jedoch bald zugeben, dass er nicht viel wusste. Fast gar nichts. Nur, dass der Ural eine Industrieregion war. Das, so dachte der junge Mann, war auch der Grund für diese Luftverschmutzung, das eigentümliche Markenzeichen der Stadt.

Später konnte er sich davon überzeugen, dass die »weltwunderbare« Stadt tatsächlich etwas zu bieten hatte. Der Praporschtschik klärte sie darüber auf, dass in Nischni Tagil einige wichtige wissenschaftliche Entdeckungen gemacht worden sind und viele technische Wunderwerke entstanden sind. Hier, fernab von Hauptstädten und Universitäten, bauten autodidaktische Mechaniker, Vater und Sohn Tscherepanow, die erste Dampflokomotive Russlands. Und die Eisenbahn dazu. Hier erfand der Schlosser Artamon Kuznetsov das Fahrrad, und der Handwerker Ivan Makarov fand einen Weg, Stahl zu schmelzen, lange vor Martin und Bessemer. Hier wurde selbstverständlich mit Rekordgeschwindigkeit während der ersten Fünfjahrespläne der Sowjetmacht mit dem Bau des Werks Uralwagonsawod begonnen, zudem im gleichen Tempo im September 1941 auch die Charkower Panzerfabrik »Komintern« evakuiert wurde.

Ein weiteres Highlight gab es auch noch in Tagil. Strafkolonien:

Nr. 12 als Hochsicherheitsgefängnis, Nr. 13 nach der allgemeinen Anstaltsordnung,

Nr. 5 wieder ein Hochsicherheitsgefängnis und Nr. 6 wieder nach der allgemeinen Anstaltsordnung, Ansiedlungs-Strafkolonie Nr. 48, Untersuchungsgefängnis Nr. 3 und die medizinische Strafvollzugsanstalt Nr. 51. Wenn jede dieser Institutionen als Perle dargestellt und auf eine Schnur aufgereiht würde, ergäbe dies eine ganz schöne Halskette. In Tagil gab es schon immer viele Strafkolonien und Gefängnisse. Die aus ihnen entlassenen Menschen bildeten die Bevölkerung, das Kontingent der Stadt. Die freien Siedler nahmen Arbeit in Fabriken an - einige kehrten zu ihrem früheren Lebensstil zurück – sie raubten und vergewaltigten, andere lebten auf Kosten der Frauen. All dies konnte nicht ohne Auswirkungen auf das Bild der Stadt bleiben, auf die Lebensweise der Menschen, auf ihren Charakter, ihre Überzeugungen und ihre Einstellungen zu allem, was ihnen begegnete.

Das zweitwichtigste Markenzeichen von Tagil waren die Rohre. Dutzende, wenn nicht Hunderte von Kilometern an Heizungsrohren zogen sich wie Spinnennetze durch die ganze Stadt entlang der Straßen: Sie schlängelten sich, wie es sich gehört, um Kurven, verliefen durch Brachland und Parks, entlang von Fußwegen, wo es nötig war, an Stellen wie beispielsweise Einfahrten zu Innenhöfen und bildeten dort eine Art Bogen. Die Girlanden aus Rohren harmonierten so gut mit den schiefen und abgeblätterten grünen, manchmal gelben und sogar roten zweigeschossigen Gebäuden, dass die Stadt ohne sie wahrscheinlich architektonisch sehr viel verloren hätte.

Irgendwo auf halbem Weg nach Tagilstroy, so bezeichnete der Praporschtschik den Bezirk, sahen die Einberufenen einen riesigen Park. Ein prächtiges, aber nicht mehr neues Gebäude, vermutlich der Kulturpalast, stand auf einem ansonsten unbebauten Platz. An der Fassade hingen rote Spruchbänder, die aufgrund zu großer Entfernung von der Straße aus nicht zu lesen waren. Hinter den kahlen Bäumen waren irgendwelche Konstruktionen zu sehen, wahrscheinlich Spielplätze. Sie waren mit so viel Schnee bedeckt, dass hier zweifellos seit dem Sommer niemand mehr gewesen war. Das Fehlen ausgetretener Pfade bestätigte die Vermutung, und die schäbige seit langem nicht mehr gepflegte Mauer – ein aufwändiges Bauwerk aus Stein und Metallspitzen, das zum Kulturpalast passte – verriet, wenn nicht gar entlarvte verräterisch die gleiche Trostlosigkeit, von der die Stadt bereits ohnehin durchtränkt war.

Die letzte Sehenswürdigkeit, an welcher der Soldatenbus vorbeifuhr, was das Kino »Stahl«. Das Stahldach mit seinem gefrorenen Schnee blitzte in den Fenstern auf und verschwand hinter einer Kurve, danach konnte nichts mehr die Aufmerksamkeit erregen, und es folgten immer wieder gleiche Straßen mit ihren fast baufälligen zweistöckigen Notunterkünften und den allgegenwärtigen Rohren.

Ein Quietschen der Bremsen unterbrach die spontane Besichtigungstour. Hier, auf der holprigen Straße von Tagil, hörte das zivile Leben auf, man könnte sogar sagen, es riss abrupt ab. Die wenigen Privathäuser endeten, und dahinter gab es nur noch ein ungepflegtes Feld und einen düsteren Wald. Der Bus wendete auf dem Brachgelände und hielt auf einer Bodenwelle vor einem Gebäude mit abgeblätterter Fassade, aus dem herausfordernd ein schwarzer Schornstein ragte.