Seuchen. 100 Seiten - Kai Kupferschmidt - E-Book
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Seuchen. 100 Seiten E-Book

Kai Kupferschmidt

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Beschreibung

Seuchen sind die Geißeln der Menschheit. Die Pest entvölkerte ganze Landstriche, Choleraepidemien forderten bis ins 20. Jahrhundert hinein Millionen Tote, mit HIV trat in den achtziger Jahren eine völlig neue, zunächst unbeherrschbare Krankheit auf, heute versetzen uns Ebola, Sars oder Vogelgrippe in Angst.Woher kommen die Erreger dieser Seuchen, warum führen manche von ihnen zu Epidemien? Aber vor allem: Was können Medizin und Forschung dagegen tun? Fachlich fundiert erzählt Kai Kupferschmidt die lange, teils krimiartige Geschichte eines vielgestaltigen Phänomens, deren Ende – man ahnt es – nicht absehbar ist.

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Seitenzahl: 129

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Kai Kupferschmidt

Seuchen. 100 Seiten

Reclam

Für mehr Informationen zur 100-Seiten-Reihe:

www.reclam.de/100Seiten

 

2018 Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen

Covergestaltung: zero-media.net

Coverabbildung: FinePic®

Infografiken: Infographics Group GmbH

 

Einige Passagen wurden vom Autor in ähnlicher Form bereits in der Süddeutschen Zeitung veröffentlicht.

 

Gesamtherstellung: Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen

Made in Germany 2018

RECLAM ist eine eingetragene Marke der Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart

ISBN 978-3-15-961322-2

ISBN der Buchausgabe 978-3-15-020447-4

www.reclam.de

Inhalt

UrsprungAusbreitungBekämpfungAusrottungVorhersageLektüretippsBildnachweisZum AutorÜber dieses BuchLeseprobe aus Homöopathie. 100 Seiten

Ursprung

»Und doch treffen Pest und Krieg die Menschen immer unvorbereitet.«

 Albert Camus, Die Pest

Jean Dolo lehnt auf seiner Schaufel. Die obere Hälfte seines Overalls hat der junge Mann heruntergekrempelt, die Ärmel vor seiner Hüfte verknotet. Es ist schwül und der Schweiß läuft die muskulösen Arme herunter.

Dolo war Taxifahrer, bevor das Virus kam. Aber Taxis braucht in Liberia gerade kaum jemand. Darum arbeitet Dolo jetzt auf dem Friedhof. Er gräbt tiefe Löcher in die rote Erde, darin verschwinden Junge, Alte, Kinder, Mütter, Väter. Die Männer hier arbeiten in zwei Schichten. Morgens hebt ein Team zwei Gräber aus, abends hebt ein Team zwei Gräber aus. »Das war das erste Grab«, sagt Dolo und deutet auf eine Ecke des Friedhofs. »Dann kam das zweite, das dritte, das vierte.«

Inzwischen sind es über hundert.

Es ist November 2014. Ich schreite die Gräber entlang und das erste Mal, seit ich in Liberia bin, trifft mich das volle Ausmaß dessen, was hier passiert. An jedem Grab ist ein kleines Holzschild aufgestellt. Unter dem Namen steht »Sonnenaufgang« und dann das Geburtsjahr: 1949, 1987, 2014, 1970. Daneben steht »Sonnenuntergang«: November 2014, November 2014, November 2014, November 2014.

Das ist es, was das Wort »Seuche« bedeutet, denke ich. All diese Menschen, mit ihren Erinnerungen, ihren Träumen, all diese Geschichten, jede mit ihrem eigenen Anfang – und dann kommt eine Krankheit und schreibt für jeden das gleiche Ende, wieder und wieder, wie ein gelangweilter Drehbuchautor.

Und das hier ist nur ein Friedhof von vielen. Seit Ebola ausgebrochen ist, sind in Westafrika zahlreiche Stätten wie diese entstanden. In der Hauptstadt Monrovia musste die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen gar ein Krematorium bauen.

Wie konnte das passieren? Wo ist die Seuche hergekommen?

Sobald der Ebola-Ausbruch erkannt wurde, haben Forscher begonnen, den Ursprung zu erforschen. Sie haben sich eine traurige Geschichte nach der anderen angehört, die Krankheitsfälle zeitlich geordnet und so den Weg des Virus zurückverfolgt, von einer Ansteckung zur vorigen, bis sie dort angekommen sind, wo vermutlich alles begann: In Meliandou, einem Dorf in Guinea, wenige Kilometer entfernt von der Grenze nach Liberia und der nach Sierra Leone. Im Dezember 2013 erkrankt dort ein zwei Jahre alter Junge und stirbt. Er ist wohl der erste, der Patient Null. Dann stirbt seine Schwester, drei Jahre alt, dann die Mutter, dann die Großmutter. Der Ausbruch hat begonnen.

Alles, was folgt, Quarantäne und Krematorium, Ärzte in Raumanzügen, geschlossene Grenzen, Sondersendungen im Fernsehen und eine Sondersitzung der Vereinten Nationen, das Leid, die Angst, die Trauer, der Zorn, das alles beginnt dort. Aber warum? Wie hat sich der Junge infiziert? Wo kam der Erreger her? Was steht am Anfang dieser Seuchen, die so unvermittelt über uns hereinbrechen, die Angst und Schrecken verbreiten und Taxifahrer zu Totengräbern machen?

Eine neue Krankheit

Der Moment, in dem sich für Anthony Fauci alles ändert, ist unscheinbar: Der Arzt und Forscher sitzt in seinem Büro in Bethesda, einer kleinen Stadt nahe der US-Hauptstadt Washington DC und liest einen Bericht der Seuchenschutzbehörde CDC. Es ist der 3. Juli 1981.

Ein paar Wochen zuvor hatte das CDC schon einmal eine Mitteilung geschickt: Fünf Männer in Los Angeles waren an einer seltenen Form der Lungenentzündung erkrankt, verursacht durch einen Pilz namens Pneumocystis jirovecii. Fauci war das komisch vorgekommen. Infektionen mit dem Erreger sind selten, denn ein gesundes Immunsystem kann ihn normalerweise abwehren. Fünf Menschen, die alle an dieser seltenen Krankheit leiden? »Ich dachte: das ist seltsam, aber habe nicht weiter darüber nachgedacht«, erinnert sich Fauci 35 Jahre später.

Am 3. Juli hält er einen zweiten Bericht in den Händen: Inzwischen sind 15 Männer an dem Pilz erkrankt. Insgesamt 26 Männer zeigen Symptome, die auf ein geschwächtes Immunsystem hindeuten. Und noch ein Detail steht in dem Bericht: Alle Männer sind schwul. »Da habe ich Gänsehaut bekommen«, sagt Fauci. »Ich habe gedacht: Das ist eine neue Krankheit.«

Es beginnt fast immer so: Mit einer ungewöhnlichen Beobachtung, einer Häufung von Kranken mit seltsamen Symptomen. Das ist das Warnzeichen, ein Signal im Grundrauschen der Millionen Menschen, die jeden Tag überall auf der Welt krank werden.

Manchmal ist es nichts weiter. Nur ein Zufall oder ein kleiner Ausbruch. Manchmal ist es der Beginn einer Seuche, die hunderte oder tausende Menschen tötet.

Im Sommer 1981 war es mehr. Es waren die ersten beschriebenen Fälle der Immunschwäche Aids. In den vergangenen hundert Jahren sind zahlreiche tödliche Krankheiten entdeckt worden: Ebola, Sars, Legionellen. Aber keiner dieser Erreger hat so viel Leid verursacht und die Welt so stark verändert, wie HIV, das Virus, das Aids auslöst. Bis heute hat die Krankheit 35 Millionen Menschen getötet. Noch einmal so viele tragen den Erreger in sich.

Ich besuche Fauci im November 2016. Sein Büro in Bethesda liegt am Ende eines langen Flurs im sechsten Stock des National Institute of Allergy and Infectious Diseases. Das Forschungsinstitut hat ein Budget von mehr als fünf Milliarden Euro, es ist der größte staatliche Geldgeber in der Aids-Forschung. Im Vorraum von Faucis Büro hängen zahlreiche Fotos: Fauci mit Präsident Barack Obama, Fauci mit Präsident George W. Bush, Fauci mit Präsident Bill Clinton. Fauci leitet das Institut seit mehr als 30 Jahren. Als ich ihn treffe, ist er 75 Jahre alt und noch immer einer der wichtigsten und mächtigsten HIV-Forscher der Welt.

Doch wenn Fauci über die frühen Jahre der Aids-Epidemie spricht, dann redet er vor allem über seine eigene Ohnmacht. Der Forscher entschied sich noch im Sommer 1981, seine Arbeit ganz der neuen Krankheit zu widmen. Um daran forschen zu können, holte er die schwerkranken Patienten ins Institut. Doch er konnte ihnen kaum helfen. Fauci hatte vorher an seltenen Autoimmunerkrankungen geforscht, neue Therapien entwickelt, die ehemals tödliche Krankheiten beherrschbar machten. »Ich war es gewohnt, dass meine Patienten überleben«, sagt Fauci. Doch in den frühen Jahren der Aids-Epidemie lebten Patienten im Schnitt nur noch etwa eineinhalb Jahre nach der Diagnose. »Das waren die dunkelsten Jahre meiner Karriere, meines Lebens.« Eine Krankheit war scheinbar aus dem Nichts aufgetaucht und jetzt tötete sie junge Männer auf grausame Weise.

Doch die Krankheit kam nicht aus dem Nichts.

Als Fauci 1981 den ersten Bericht über die Krankheit liest, ist sie keineswegs neu. Sie hat sich damals bereits mehr als 80 Jahre lang ausgebreitet, ohne dass Ärzte oder Forscher davon etwas mitbekommen haben. Die Vorgeschichte im Verborgenen zu entschlüsseln, ist eine wichtige Aufgabe der Forschung, denn nur so lässt sich verstehen, warum manche Erreger schreckliche Seuchen auslösen. Im Fall von HIV haben Forscher die Vorgeschichte in mühsamer Detektivarbeit im Detail rekonstruiert. Aber schon Jahre vor den ersten Berichten über Patienten mit einer Immunschwäche hatte eine andere Krankheit Forschern erste Hinweise gegeben, wo sie suchen müssen: Im Tierreich. Die Geschichte spielt in Deutschland.

»Affenseuche«

Im August 1967 herrscht in Hessen Ausnahmezustand. Kurz hintereinander werden mehrere Menschen in Marburg und in Frankfurt mit dramatischen Symptomen ins Krankenhaus eingeliefert. Sie leiden unter Kopfschmerzen, Fieber, Übelkeit und Durchfall, manche bluten bald aus allen Körperöffnungen. Die Ärzte können die Ursache nicht finden. Die üblichen Verdächtigen, Bakterien wie Salmonellen oder Shigellen: Fehlanzeige. Und vielen Patienten geht es immer schlechter. Einige sterben schon am Tag nachdem sie eingeliefert werden. Eine Ärztin und eine Krankenpflegerin stecken sich bei den Patienten an, es wird eine strenge Quarantäne für die Infizierten angeordnet. Die Zeitungen berichten über die mysteriöse Seuche, und es herrscht Angst. »Das war hochdramatisch«, erinnert sich Werner Slencka, der damals an der Universität Marburg forschte. »Wenn wir morgens die Sirene eines Krankenwagens hörten, sagten wir: Vielleicht gibt es schon wieder einen Fall.«

Selbst den Wissenschaftlern, die begonnen haben, nach dem Erreger zu suchen, wird die Situation zu heikel. Die Arbeiten werden eingestellt. (Für weitere Untersuchungen werden Proben nach England und in die USA geschickt. Eine Probe landet auch in Moskau, wo Forscher später versuchen werden, daraus eine Biowaffe zu entwickeln.)

Und dann ist Ende September plötzlich alles vorbei. 32 Menschen sind erkrankt, sieben von ihnen gestorben. Aber es gibt keine neuen Fälle mehr. Einige Forscher nehmen ihre Arbeit an der Ergründung der mysteriösen Krankheit wieder auf, darunter auch Werner Slenczka. Bevor die Arbeiten unterbrochen wurden, hatten Wissenschaftler festgestellt, dass sich Meerschweinchen mit dem Blut von erkrankten Menschen infizieren ließen. Solche Experimente sind wichtig, um im Labor eine Krankheit untersuchen zu können. Slenczka kann nun das Gewebe von infizierten Meerschweinchen mit dem gesunder Meerschweinchen vergleichen. Er hofft, dabei die Ursache der neuen Seuche zu finden.

Die Auslöser einer Infektionskrankheit können ganz unterschiedlich aussehen. Forscher teilen sie in fünf Klassen ein:

Eine besonders vielfältige Klasse sind Parasiten. Zu ihnen zählen winzige Lebewesen, Einzeller wie der Erreger der Malaria oder der Schlafkrankheit, ebenso wie Würmer, die mehrere Meter lang werden können. So erreicht ein ausgewachsener Schweinebandwurm bis zu sieben Meter. Auch wenn Wurmerkrankungen in Europa selten sind, spielen sie weltweit eine große Rolle. Hunderte Millionen Menschen tragen Spulwürmer, Fadenwürmer oder Pärchenegel in sich.

Auch Pilze können Krankheiten verursachen. Am bekanntesten ist der Fußpilz, bei dem Fadenpilze die Zehenzwischenräume besiedeln. Doch es gibt auch weit gefährlichere Krankheiten, bei denen die Pilze nicht außen auf der Hautoberfläche bleiben, sondern in den Körper gelangen und dort die Organe befallen. Diese Infektionen treten meist bei Menschen auf, deren Abwehrkräfte bereits geschwächt sind und können zum Tod führen, etwa die Lungenentzündungen durch den Pilz Pneumocystis jirovecii, die Anthony Fauci 1981 stutzig gemacht hatten. Noch gefährlicher ist ein Pilz namens Cryptococcus neoformans. Er tötet jedes Jahr mehr als eine halbe Million Aids-Patienten.

Eine weitere Klasse von Krankheitserregern wurde erst in den 80er-Jahren nachgewiesen: Prionen. Dabei handelt es sich nicht um Lebewesen, sondern um infektiöse Eiweißpartikel (das Wort Prion ist aus den englischen Wörtern für Eiweiß – protein – und infektiös – infectious – zusammengesetzt). Es gibt nur eine Handvoll menschliche Krankheiten, die auf diese Erreger zurückgeführt werden. Dazu gehören Kuru, eine seltene Krankheit, die auf Papua-Neuguinea im Zusammenhang mit Kannibalismus auftrat, und die Creutzfeldt-Jakob-Krankheit, die unter anderem durch BSE-verseuchtes Rindfleisch übertragen werden kann.

Die meisten Krankheiten werden beim Menschen aber von zwei anderen Klassen von Erregern ausgelöst: Bakterien und Viren.

Bakterien sind einfach aufgebaute Einzeller, die keinen Zellkern haben. Es gibt sie in allen möglichen Formen: kugelrund, stäbchenförmig oder korkenzieherförmig. Manche benötigen zum Überleben Sauerstoff, für andere ist er ein tödliches Gift. Die meisten von ihnen leben frei in der Natur. Nur ein kleiner Teil von ihnen siedelt etwa auf der Haut oder im Darm des Menschen. Von diesen sind die meisten nicht schädlich, häufig erfüllen sie sogar wichtige Funktionen. Nur einige wenige Bakterien sind Krankheitserreger. Sie verursachen unter anderem Tuberkulose, Cholera und die Pest.

Viren sind Meisterwerke des Minimalismus, winzige Pakete, die aus kaum mehr bestehen als ein wenig Erbsubstanz und einer Hülle. Selbstständig können sie sich nicht vermehren. Wenn sie einen Menschen infizieren, schleusen sie ihr Erbgut in die Zelle ein und kapern diese. Die Zelle vermehrt das Virus und setzt zahllose Kopien frei, die weitere Zellen infizieren. Zu den Krankheiten, die von Viren ausgelöst werden, gehören zum Beispiel Pocken, Polio, Herpes, Aids, Mumps, Masern und die Grippe.

Bei dem mysteriösen Erreger in Marburg kommen die Forscher schnell einem Virus auf die Spur. Slenczka entdeckt in den Zellen infizierter Meerschweinchen kleine Körperchen, die auf ein Virus hindeuten. Er schickt die Proben nach Hamburg an das Bernhard-Nocht-Institut und den Forschern dort gelingt es, den Erreger unter dem Elektronenmikroskop zu sehen: ein kleines fadenförmiges Virus. Es erhält den Namen Marburgvirus. Die Welt hat einen Schrecken mehr.

Doch woher kommt der Erreger? Eine Gemeinsamkeit war den Ärzten früh aufgefallen: Die Patienten in Marburg hatten alle bei den Behringwerken gearbeitet, einem Pharmaunternehmen. Die Patienten in Frankfurt hatten beim Paul-Ehrlich-Institut gearbeitet, der Behörde, die in Deutschland Impfstoffe kontrolliert. Sie alle hatten Kontakt gehabt mit dem Blut und den Zellen von Grünen Meerkatzen, Affen, die aus Uganda importiert worden waren. In der Boulevardpresse ist deshalb schnell von der »Affenseuche« die Rede. Eigentlich sollten die Tiere helfen, Krankheiten zu bekämpfen. In Zellen aus ihren Nieren wurde das Poliovirus vermehrt, ein wichtiger Schritt in der Herstellung des Impfstoffes. Doch nun hatten die Tiere eine bislang unbekannte Krankheit aus den Wäldern Afrikas nach Deutschland geschleppt.

Das Reservoir

Die Forscher in Marburg und Frankfurt gingen nach heutigen Maßstäben schockierend leichtfertig mit den Tieren um. Sie trugen weder Handschuhe noch einen Gesichtsschutz. Heute wäre das undenkbar, denn Forscher wissen, dass das Marburgvirus keine Ausnahme ist. Im Gegenteil. Die meisten Krankheiten werden von Tieren auf den Menschen übertragen.

Im Süden Chinas übertragen Wasservögel immer wieder gefährliche Grippeerreger auf den Menschen. Das Sars-Virus, das Anfang des Jahrtausends auf der ganzen Welt Schlagzeilen machte und mehr als 700 Menschen tötete, war vermutlich von Schleichkatzen auf den Menschen übertragen worden. In den USA erkranken jedes Jahr einige Menschen an Lepra, nachdem sie Kontakt mit Gürteltieren hatten. Hunde, aber auch Füchse, Frettchen oder Katzen können das Tollwutvirus tragen. Menschen können an Affenpocken, Rindertuberkulose, der Papageienkrankheit oder Pferdeenzephalomyelitis erkranken. Forscher nennen diese Krankheiten Zoonosen. Die Tiere, die die Keime beherbergen, nennen sie das Reservoir. Häufig werden die Tiere selbst gar nicht krank, die Erreger schlummern in ihnen, bis sie eines Tages auf den Menschen überspringen und ihr tödliches Potenzial entfalten.

Doch waren die Affen wirklich das Reservoir für das Marburgvirus? Oder waren sie nur eine Brücke vom eigentlichen Reservoir zum Menschen? Die Geschichte der Infektionskrankheiten ist wie ein guter Krimi voller Verdächtiger und falscher Fährten. Um den Fall zu lösen, müssen Forscher vielen Spuren folgen. Und manchmal einfach warten. Acht Jahre lang passierte nach dem Ausbruch in Marburg nichts. Dann starb 1975 ein 20 Jahre alter Rucksacktourist aus Australien im Krankenhaus in Johannesburg am Marburgfieber. Seine Freundin und eine Krankenschwester erkrankten ebenfalls, überlebten aber. Forscher rekonstruierten die Route des jungen Mannes, der durch das heutige Zimbabwe gereist war, und fanden keinen Hinweis darauf, dass er mit Affen in Berührung gekommen war. In einigen seiner Unterkünfte habe es möglicherweise Fledermäuse gegeben, schrieben sie. Und während der gesamten Reise sei er von Mücken und anderen Insekten geplagt worden. Ihre Schlussfolgerung: Vermutlich hatten Insekten das Virus übertragen.

In den folgenden Jahren kam es hin und wieder zu Ausbrüchen von Marburg in Afrika. Und es verdichteten sich die Anzeichen dafür, dass die Krankheit doch nicht aus Insekten, sondern aus Fledermäusen stammen könnte. Dann erkrankten 2007 zwei Bergarbeiter, die in einer Mine in Uganda gearbeitet hatten. In der Mine lebte auch eine Kolonie von bis zu 100 000 Nilflughunden. (Flughunde sind eng verwandt mit Fledermäusen, und Biologen bezeichnen die beiden Gruppen zusammen als Fledertiere.) Forscher stiegen in die Mine herab und nahmen Proben von zahlreichen Tieren. Tatsächlich konnten sie das Virus aus mehreren von ihnen isolieren – und die Tiere schienen gesund zu sein. Der Fall war gelöst, das Reservoir gefunden. Die Affen, an denen sich Menschen in Marburg und Frankfurt angesteckt hatten, waren vermutlich von Fledertieren infiziert worden.