SHEPHERD ONE (Die Ritter des Vatikan 2) - Rick Jones - E-Book
Beschreibung

Auf einem Flug in die Vereinigten Staaten von Amerika bringen Angehörige einer Terrorzelle, die sich selbst "Muslimische Revolutionäre Front" nennen, das Flugzeug von Papst Pius XIII – die Shepherd One – in ihre Gewalt. Mit an Bord ist eine nukleare Sprengladung, halb so groß wie jene, die Hiroshima zerstörte. Ihre Forderung an die US-Regierung lautet, dass die fünf führenden Köpfe des Mossad exekutiert werden sollen. Während sich die US-Regierung gezwungen sieht, den Forderungen nachzukommen und damit das Geheimdienstnetzwerk zwischen den Alliierten aufs Spiel zu setzen, ist Papst Pius XIII nicht ganz wehrlos. Denn an Bord der Shepherd One befindet sich sein persönlicher Schutzengel, ein Mann, der zudem Anführer eines geheimen päpstlichen Elitekommandos ist – den Rittern des Vatikan. Dessen Mission ist einfach: Das Flugzeug wieder in seine Gewalt bringen und alle Gegner ausschalten, bevor Tausende Menschen, darunter Papst Pius XIII selbst, ihr Leben verlieren.

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Seitenzahl:433

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Die Ritter des Vatikan

Band 2:Shepherd One

Rick Jones

This Translation is published by arrangement with Rick Jones Title: The Vatican Knights 2 - Shepherd One. All rights reserved. First published 2012.

Diese Geschichte ist frei erfunden. Sämtliche Namen, Charaktere, Firmen, Einrichtungen, Orte, Ereignisse und Begebenheiten sind entweder das Produkt der Fantasie des Autors oder wurden fiktiv verwendet. Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Personen, lebend oder tot, Ereignissen oder Schauplätzen ist rein zufällig.

Impressum

Deutsche Erstausgabe Originaltitel: SHEPHERD ONE Copyright Gesamtausgabe © 2017 LUZIFER-Verlag Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Cover: Michael Schubert Übersetzung: Andreas Schiffmann Lektorat: Diana Glöckner

Dieses Buch wurde nach Dudenempfehlung (Stand 2017) lektoriert.

ISBN E-Book: 978-3-95835-225-4

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Inhalt

Die Ritter des Vatikan
Impressum
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Epilog
Über den Autor

Kapitel 1

Wolgograd, Russland | 25. Oktober

Was den Verkauf von Kernwaffen auf dem Schwarzmarkt betraf, verfügte Yorgi Pertschenko über eine exklusive Handelslizenz. Als ehemaliger KGB-Angestellter, der am Ende des Kalten Kriegs in den russischen Auslandsgeheimdienst übergetreten war, war er schnell zum stellvertretenden Leiter des Direktorat S geworden, das dreizehn Abteilungen umfasste. Diese waren ebenso dafür verantwortlich, Agenten auf illegale Auslandseinsätze vorzubereiten und Terroranschläge zu organisieren, wie auch für weltweite Sabotageakte und Wissenschaftsspionage im Bereich Biologie.

Nun, im Alter von vierundsiebzig, nachdem er seine besten Jahre hinter sich hatte, fand Yorgi Pertschenko seinen zwangsläufigen Ruhestand alles andere als spannend. Das Einzige, was sein Leben erträglich machte, war eine kühle Flasche Wodka Cristall.

Auf einem Bauernhof außerhalb von Wolgograd in Russland, ungefähr sechshundert Meter östlich der eiskalten Wolga, saß er altersschwach geworden in einer Hütte. Deren Wände waren etwas schief, neigten sich aber nicht im bedenklichen Maße, und durch eine breite Öffnung fiel viel Licht auf einen mit Heu ausgelegten Boden. Draußen über dem Nadelwald kreiste ein Wanderfalke und schrie, während Pertschenko in einem alten Holzstuhl unter der Verbindung der Dachbalken der früheren Scheune hockte. Am Boden neben ihm stand eine noch mehr als halb volle Flasche Wodka, doch das Glas in seiner Hand war es nicht mehr ganz.

In seinen besten Jahren war er von seinen Anhängern gleichermaßen verehrt und gefürchtet worden – des einen Retter, des anderen Tod. Alles hatte davon abgehangen, wie gut sich ein Agent im Feld schlug. War er enttäuscht worden, hatte man seinen Zorn auf sich gezogen. Dann war man in einem Gulag gelandet, um ein Exempel dafür zu statuieren, dass Scheitern nicht infrage kam. Dieser Zug hatte sich als Motivationsschub zur Wahrung der kommunistischen Prinzipien in Mütterchen Russland erwiesen, bis es untergegangen war.

Als Vierundsiebzigjähriger galt der Mann unter seinen Altersgenossen einmal mehr als Größe, denn er agierte nun auf dem Schwarzmarkt, auch wenn er von den verblassenden Erinnerungen an ein Russland zehrte, das der kapitalistischen Welt einst mit stolz erhobenem Haupt getrotzt hatte. Jene Zeit erfüllte ihn mit unvorstellbarem Stolz, der sein Selbstwertgefühl rechtfertigte – nicht der gegenwärtige Eindruck, den er von sich hatte, denn er fühlte sich wie ein Lude, der gewinnbringend Waren veräußerte und somit zu genau dem geworden war, wogegen er ankämpfte: ein Kapitalist.

Während er nun sein Glas anhob, schickte sich Yorgi Pertschenko zu einem zynischen Trinkspruch an. »Auf Mütterchen Russland«, sagte er. »Damit es eines Tages als Großmacht zurückkehrt.« Dann führte er den Wodka an den Mund und trank ihn in einem Zug. Sofort langte er zur Seite, packte die Flasche am Hals und schenkte sich einen weiteren ein. Nachdem er zwei Fingerbreit ins Glas geschüttet hatte, reckte er den Arm einmal mehr für eine Widmung, die nun jedoch einem Araber und Muslim galt. Dieser saß ihm gegenüber am Tisch.

»Und auf meinen neuen Freund«, fügte er hinzu, woraufhin er der Einzige bleiben sollte, der trank. »Beten wir darum, dass dieses Abkommen genauso lukrativ für Sie wie für mich wird, ja?«

Der Mann antwortete nicht. Der Vertragsabschluss wurde von einem unnötigen Ritual begleitet, jedenfalls seinen Wertvorstellungen zufolge. Dennoch leerte Pertschenko sein Glas, indem er kurzerhand den Kopf nach hinten warf und sich den Alkohol in den Rachen kippte.

Der Araber blieb still, statt sich erkenntlich zu zeigen. Seine fortschreitende Teilnahmslosigkeit machte Pertschenko langsam nervös. Trotz der kalten Temperaturen hier in Russland sah er keinen Atemdampf aus dem Mund seines Gegenübers hervortreten, was darauf hindeutete, dass sich dieser bemerkenswert gut selbst beherrschen konnte. Der Araber verhielt sich gleichwohl vorsichtig, wie die fahrige Bewegung seiner Augen suggerierte, während er die Zahl von Pertschenkos bewaffneten Streitkräften las und sich ihre Stationierungen einprägte.

Zwanzig Minuten lang sprach keiner der beiden. Sie waren genauso entschlossen wie ihre Blicke furchtlos, während man die Luft im Zuge ihres gegenseitigen Misstrauens hätte schneiden können. Es war, als hänge ein schwerer Schleier über dem Raum. Sie blieben einander ein Rätsel, wussten jedoch, was sie voneinander zu wissen brauchten, um geschäftlich übereinzukommen.

So abgeklärt der alte Mann auch sein mochte, strahlte dieser eine Unterhändler etwas Beunruhigendes aus. Obwohl er klein und schmächtig war, ja mit seiner glatten Haut und den wulstigen Lippen verweiblicht wirkte, dieser Junge an der Schwelle zum Mannesalter, zeugten seine Augen – schwarz glänzend wie Onyx und scheinbar ohne Pupillen – von unberechenbarer Intelligenz. Das einzig Erwachsene an ihm war seine extrem krause Gesichtsbehaarung, ein struppiger Bart.

Als der Araber die Hütte betreten hatte, waren seinerseits keine Worte vonnöten gewesen und die Bedingungen ihrer Transaktion bereits infolge ihrer Kontaktaufnahme abgesprochen. Demgemäß sollte er einen Koffer mit drei Millionen US-Dollar als Vorschuss mitbringen, bevor der Russe warten musste, bis der übrige Betrag von siebenundzwanzig Millionen sowohl auf bestehende Bankkonten in Europa und den USA sowie auf den Cayman Islands als auch auf solche von Scheinfirmen in Russland überwiesen würde. Dann durfte er die bezahlte Ware liefern.

Während Pertschenko seinen Kunden betrachtete, strahlte der Mann von al-Qaida unerschütterliche Geduld aus, und zwar dergestalt, dass man sie für erzwungen halten mochte. Nachdem er ihm aber in die schwarzen Augen geschaut hatte, deutete der Russe diese Distanziertheit nicht als Abwehrhaltung gegenüber seinem eigenen Gebaren als abgefeimter Geschäftemacher, sondern als insgeheime Verwirrung. Diese war ihm schon viele Male untergekommen – in den Gesichtern derer, die er in die Gulags geschickt hatte. Ein Genugtuung verschaffender Ausdruck, bevor sie vor ihm abgeführt worden waren.

Es handelte sich um den Blick eines Mannes, der wusste, dass es keine Zukunft für ihn gab.

Zehn Minuten später betrat eine Gruppe Bewaffneter mit drei großen Aluminiumkisten die Scheune und stellte sie auf den Tisch, an dem die beiden saßen. Die Männer trugen jeweils ein AN-94-Sturmgewehr am Rücken.

Als die Behälter im gleichen Abstand voneinander dastanden, zogen sich Pertschenkos Handlanger mit ihren Waffen zurück, doch dieser Beleg für seine Befehlsgewalt beeindruckte den Araber kaum.

Als der alte Russe etwas in seiner Muttersprache bellte, beugte sich einer aus der Gruppe nach vorn und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Die Summe von drei Millionen in harter amerikanischer Währung war gezahlt worden – kein Dollar mehr oder weniger –, und nun stand der Transfer weiterer siebenundzwanzig Millionen auf mehrere Konten in Europa, den Vereinigten Staaten, auf den Cayman Islands sowie in Russland aus.

Pertschenko freute sich.

»Also dann«, hob der betagte Mann an, während er sich beschwerlich aufraffte. »Sollen wir uns ansehen, was man heutzutage für dreißig Millionen amerikanische Dollar auf dem Markt bekommt?« Er stellte sich dicht an den Tisch. Der Araber tat es ihm gleich, sodass sich Käufer und Verkäufer an den entgegengesetzten Enden gegenüberstanden, während ein Lichtstreif wie in biblischer Verheißung durch das klaffende Loch im Dach auf die Kisten fiel.

Pertschenko war fast zwei Meter groß und muskulös, sein Körper abgesehen von Knieverschleiß selbst nach einem knappen Dreivierteljahrhundert gut in Form. Der Araber maß höchstens einen Meter siebzig, auch wenn er sich hielt wie jemand, der größer und schwerer war. Pertschenko konnte sich nicht erklären, wie der Kerl das schaffte: Warum wirkt er so charismatisch, so herrschaftlich?

Schließlich streckte sich der Russe nach der Kiste auf seiner Seite aus, klappte die Verschlüsse und dann den Deckel auf. Sie enthielt ein Wirrwarr aus Platinen mit Chips und Schaltern unter einem Plexiglasgehäuse. Von Stahlstäben geschützt steckten in der Mitte drei Kugeln aus spiegelndem Metall. Falls der Araber hingerissen war, ließ er es sich nicht im Geringsten anmerken. Seine Miene blieb gefasst.

Pertschenko verwies mit einer eleganten Handbewegung auf den Kasten, während er erklärte: »In jeder dieser Kisten steckt eine Sprengkraft von drei Kilotonnen, das Dreifache der Modelle aus dem Kalten Krieg. Schon einzeln würden sie verheerenden Schaden anrichten, zusammengenommen entspricht ihr Zerstörungspotenzial fast drei Vierteln dessen, was die Atombombe auf Hiroshima bewirkt hat. Und hier nun das Besondere …« Aus einer Tasche in seiner Jacke nahm Pertschenko eine Digitalfernbedienung, das Beste vom Besten und brandneu. Er hielt sie für seinen Geschäftspartner hoch. »Die Kisten sind jeweils mit einem Navigationsempfänger ausgestattet, der sich hiermit einschalten lässt.« Er schüttelte das Gerät wie eine Schneekugel. »Sobald Sie Ihren Code eingeben und auf ›Enter‹ drücken, funktionieren alle drei wie eine geschlossene Einheit. Wird eine gezündet, explodieren auch die anderen beiden. Sie sind vollständig miteinander synchronisiert. Damit dies richtig funktioniert, dürfen die Kisten nicht weiter als fünfhundert Meter voneinander entfernt stehen. Über diesen Abstand hinaus lassen sie sich nur gesondert sprengen.«

Damit legte er die Fernbedienung auf den Tisch und schob sie zwischen den Bomben hinüber. Sie blieb wenige Zentimeter vor der Kante gegenüber liegen. »Außerdem habe ich die von Ihnen gewünschten Anpassungen vorgenommen«, fügte er hinzu.

Der Araber warf einen Blick auf die Bedienung, ließ sie aber liegen.

»Zudem enthalten die Kisten Höhenmesser zur Bestimmung des Luftdrucks. Sobald sie eine Höhe von fünfundzwanzigtausend Fuß erreichen, werden alle drei aktiviert, sodass sie auf einer gemeinsamen Frequenz als einzelne Bombe gezündet werden können. Wenn sie allerdings auf zehntausend Fuß sinken, nehmen die Messgeräte die Druckveränderung zur Kenntnis … und sie explodieren gemeinsam mit einem Wert von neun Kilotonnen. Getrennt voneinander, falls Sie sie transportieren, um sie an unterschiedlichen Orten einzusetzen, bleibt es bei je drei Kilotonnen. Sie können die Bomben in Kombination für einen einzigen groß angelegten Schlag oder beliebig eine, zwei oder alle verwenden, um Ihre Ziele voranzutreiben.«

Daraufhin griff der Araber zur Fernbedienung und steckte sie in eine Innentasche seiner Jacke. Dann fragte er in makellosem Russisch: »Wie sorge ich dafür, dass die Bomben an der Position bleiben, die ich für sie vorgesehen habe?«

»Nachdem Sie sie an den Orten platziert haben, wo Sie sie brauchen, schalten sie das Empfängersignal ein, mit dem die Bomben untereinander kommunizieren können. Sollte eine bewegt werden, ohne dass der richtige Code per Fernbedienung eingegeben wird, oder von jemandem, der generell nicht befugt ist, sie wegzunehmen, werden sie explodieren. Wie ich schon sagte, Sie können sie im Abstand von jeweils bis zu fünfhundert Metern voneinander aufstellen, aber auch nur einen Meter weit auseinander, ohne die Frequenzkopplung zu unterbrechen. Dies hält jeden Unberechtigten davon ab, eine Bombe von ihrem ausgewiesenen Standort zu verrücken.«

Da nickte der Terrorist wohlwollend.

»Darf ich Ihnen auch eine Frage stellen?«, fuhr Pertschenko fort.

Sein Gegenüber verzog keinen Gesichtsmuskel.

»Was haben Sie damit vor?«

Er fragte im Gegenzug: »Wurden die Vorrichtungen eingebaut, die jegliches Entschärfen verhindern?«

»Die neusten, die es auf dem Markt gibt«, beteuerte Pertschenko mit dezent prahlerischem Ton.

»Dann haben Sie alles getan, worum ich Sie bat.« Der Araber trat vom Tisch und aus dem einfallenden Licht zurück. »Wären Sie nun so freundlich, diese Bomben von Ihren Männern in den Kofferraum meines Wagens legen zu lassen?«

Der Russe nickte, wodurch sich seine Gehilfen aufgefordert sahen, der Bitte des Ausländers nachzukommen.

»Sie haben meine Frage noch nicht beantwortet«, erinnerte Pertschenko. »Was haben Sie damit vor?«

Der Araber trat zur Seite, während die Bewaffneten die Kisten vom Tisch hoben, und machte sich auf den Weg zu seinem SUV, der vor der Hütte parkte. Die Heckklappe war bereits offen.

»Ich finde, bei einem Preis von dreißig Million Dollar steht mir das Recht zu, dergleichen für mich zu behalten.«

Pertschenko hielt seine Hände hoch, wie um sich zu ergeben. »Ich wollte Ihnen mit der Frage nicht zu nahe treten, mein Freund, keineswegs.«

Der Mann verließ das Gebäude ohne weitere Bemerkung.

»Nur damit Sie es wissen«, rief ihm der Russe hinterher. »Geschäfte mache ich weder zweimal am selben Ort noch mit denselben Personen. Meines Erachtens ist das wesentlich sicherer.«

Der Araber drehte sich nicht um, sondern hob nur eine Hand, um zu zeigen, dass er es gehört hatte, und ging weiter. »Ich habe keinen Bedarf an weiteren Dienstleistungen. Das ist alles, was ich brauche.« Schließlich trat er hinaus.

Wenige Augenblicke später heulte der Motor der Geländelimousine auf, und gleich darauf entfernte sie sich die kurvige Auffahrt hinunter.

Pertschenko blieb im Lichtkegel stehen. Sein Gesicht war mit fest geschlossenem Mund verzogen, während er hinterfragte, ob er mit klug entschieden hatte. Der Missbrauch bestimmter Waffen mochte erhebliche Konsequenzen auf der ganzen Welt nach sich ziehen, sodass hinterher nichts als Schutt und Asche zurückblieb.

Er war allerdings bereit, dies in Kauf zu nehmen – auch noch mit vierundsiebzig.

Andererseits wusste er insgeheim, dass er seinen gesunden Menschenverstand der Habsucht wegen hintangestellt hatte. Schlimmer noch – ihm wurde klar, er hatte einem Kind eine geladene Pistole gegeben, das nichts von den möglichen Folgen ihrer Verwendung verstand.

Pertschenko schloss die Augen und dachte darüber nach, was er wohl in Bewegung gesetzt haben mochte.

Kapitel 2

Wohngebiet Cipro, Rom, Italien | Sechs Monate später

Es hörte sich an wie ein Kind, dessen Geschrei man vage nebenbei mitbekam – jene Art von Geräusch, die fern und dumpf klingt, wie ein Schrei vom anderen Ende eines langen Tunnels oder auch irgendetwas aus einem schwammigen Traum. So oder so, Vittoria Pastore fiel es auf.

Die Mutter von drei Kindern hob ihren Kopf ein klein wenig vom Kissen und horchte.

Im Zimmer war es dunkel. Die Schatten bewegten sich nicht. Draußen wehte leichter Wind durch die Äste der Bäume vorm Schlafzimmerfenster.

Aber kein Ton mehr.

Nachdem sie den Kopf wieder gesenkt hatte, brummelten abermals leise Stimmen vor der Tür.

Der Wecker auf dem Nachttisch zeigte 3:32 Uhr an.

Vittoria stützte sich auf einen Ellbogen und lauschte erneut, während sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnten. Zu ihrer Linken neben dem Fenster stand ein Kleiderschrank, ein edles antikes Stück mit üppigen Verzierungen – handgeschnitzten Putten über den Türen –, und direkt vor ihr die zugehörige Kommode mit einem Spiegel, in dem sie sich gerade sah. Wie zur Bestätigung ihrer Ungewissheit in diesem Moment rutschte ihr eine Haarsträhne in die Stirn, gelockt wie mehrere Fragezeichen untereinander, was ihren zutiefst argwöhnischen Blick noch intensiver wirken ließ. Ist da draußen jemand?

Die Antwort erhielt sie prompt: Es klang abermals wie ein ferner Schrei, nahezu unhörbar. Sie fuhr erschrocken hoch und drückte sich die Fäuste gegen die Brust. »Chi c'è?« Wer ist da?

Die Frage war kaum lauter als geflüstert.

Stille.

Sie wiederholte sie, diesmal lauter: »Chi c'è?«

»Mama? Mama, vieni qui.« Mama. Mama, komm her.

Obwohl der Rufer weit entfernt zu sein schien, gab es für sie kein Vertun: Es handelte sich um ihren fünfzehnjährigen Sohn, es war die Stimme eines Knaben, der zu einem erwachsenen Mann heranreifte. »Basilio, sono le tre e trenta del mattino. Che c'è?« Basilio, es ist halb vier in der Früh. Was ist los?

Basilios nächster Ruf klang dringlicher, als jammere er vor Entsetzen. »Per favore, mama. Per favore!« Bitte, Mama. Bitte!

Plötzlich knallte die Tür am anderen Ende des Flurs zu, dass das ganze Haus vibrierte.

»Basilio?«

Nichts.

»Basilio?«

Vittoria warf die Decken beiseite und stand nach kaum sechs Schritten an der Schlafzimmertür. Im Flur davor blieb es finster. »Basilio?« Sie tastete blind im Dunkeln, bis sie den Lichtschalter fand, und drückte darauf, immer wieder.

Die Lampen gingen nicht an.

Daraufhin schlich sie langsam zum Zimmer der Kinder, die Arme vorgestreckt wie eine Untote.

Bei Tag waren die Wände so hellblau, dass es Nichteuropäern weiß vorgekommen wäre, wohingegen es Vittoria an den strahlenden Putz der Reihenhäuser an den Kanälen Venedigs erinnerte, vor allem das ihrer Eltern, in dem sie aufgewachsen war. Nachts blieb die Wand allerdings ebenfalls dunkel.

Vittoria bewegte sich auf dem Flur vorwärts, indem sie sich mit den Händen an den vielen Gegenständen orientierte, die an den Wänden hingen, wobei sie die meisten verschob, sodass sie schief hängen blieben, was sie später wieder zu berichtigen gedachte.

Sanft und leise trat sie auf, die Bohlen fühlten sich unter ihren Füßen kalt an wie die Schatten überall ringsum.

»Während sie sich dem Kinderzimmer näherte, machte sie Helligkeit unter der Türschwelle aus.

»Basilio?«

Die Tür ging von selbst auf wie zur Einladung, aber nicht ganz, und gleichzeitig flutete Licht aus dem Raum in den Flur.

»Mama?«

»Basilio, che diavolo ci fai?« Basilio, was zur Hölle tust du da?

Sie öffnete die Tür ganz und sah den Jungen mit seinen beiden jüngeren Schwestern in den Armen auf der Couch sitzen. Alle weinten.

Neben ihnen stand ein dunkelhäutiger Mann, der ein Soldatengewehr auf sie richtete. Er trug eine Armeehose und einen schwarzen Kapuzenpullover. An der Waffe war ein Schalldämpfer, der so lang wie der Lauf selbst war, dessen Maß also verdoppelte.

In einem Sessel gegenüber der Couch saß ein Bursche mit übereinandergeschlagenen Beinen und auf die Armlehnen gestützten Ellbogen, der die Fingerspitzen seiner Hände gegeneinanderdrückte. Er sah unwesentlich älter als ihr Sohn aus, schaute die Mutter jedoch zwanglos wie eine alte Freundin an. Er war schmächtig und hatte einen zerrupften Bart. Sein Blick wirkte freudlos, so lange er auf ihr ruhte. Gleich darauf verwies er mit einer Hand auf einen zweiten Sessel, der vor ihm stand.

»Bitte«, begann er. »Ihren Kindern geschieht nichts, wenn Sie tun, was ich sage. Sie haben mein Wort.« Seine Stimme klang buchstäblich honigsüß, sein Italienisch war tadellos. »Bitte.«

Vittoria zog den Stoff ihres Nachthemds am Ausschnitt zusammen und nahm wie aufgefordert Platz. Ihr Kinn zitterte, während sie die Eindringlinge ansah. »Was soll das heißen?«, wollte sie wissen.

Der junge Kerl antwortete nicht. Er taxierte sie bloß weiter, wobei er seine Finger immerzu nachdenklich gegeneinander beugte und streckte.

»Wir haben Geld. Sie können alles haben. Nehmen Sie es einfach, und lassen Sie uns in Frieden.«

»Uns geht es nicht um Geld«, erwiderte er, »sondern um unsere Ideologie.«

Sie starrte ihn an wie ein Mensch gewordenes Rätsel und stellte ihren Kopf schräg. Langsam, neugierig.

»Ich brauche allerdings Ihre Hilfe«, fügte er hinzu. »Es gibt da etwas, das nur Sie mir geben können.«

Da raffte sie ihr Nachthemd noch fester zusammen.

Als der Fremde seinem Begleiter zunickte, nahm dieser sein Gewehr hinunter und zog kurzerhand ein Messer aus einem Futteral an einem seiner Oberschenkel. Er schwenkte es gezielt im Bogen unter Vittorias Kinn, nicht ohne die Haut zu zerkratzen. Die Kinder schrien auf, als sie das Blut sahen.

»Was ich von Ihnen möchte«, erklärte der Fremde immer noch sprachlich korrekt, »ist relativ schlichter Art.« Er zeigte auf einen Minicamcorder auf einem Stativ auf der anderen Seite im Zimmer. Ein rotes Lämpchen daran leuchtete, also nahm sie auf. »Ich will«, so der Bursche weiter, »dass Sie da hineinschauen und kreischen.« Dann neigte er sich ihr zu und ergänzte mit drohendem Unterton: »Ich sagte … kreischen!«

Und genau das tat Vittoria Pastore.

Kapitel 3

Zehn Meilen südlich der Grenze Arizonas, Mexiko | Tags darauf

Als Kojoten bezeichnete man im Volksmund jemanden, der andere unbemerkt illegal in die USA schleuste. Heute begleitete Juan Pallabos indes eine exklusive Klientel: drei Araber in unauffälliger Kleidung, die dafür fünfundzwanzigtausend Dollar zahlten, ein unglaublicher Geldsegen. Keiner von ihnen sprach mit dem Mexikaner oder würdigte seine Anwesenheit in irgendeiner Weise, weshalb er sich nahezu unsichtbar fühlte. Für fünfundzwanzig Riesen wäre er allerdings imstande gewesen, sich den Mund selbst zuzunähen, wenn sie es verlangt hätten.

Auf dem Weg durch die Wüste, wo der Van Staubwolken hinter sich aufwirbelte, schwieg das Trio, während die Innentemperatur auf über dreiundvierzig Grad anstieg.

Im Fußraum vor der Rückbank zwischen ihnen stand eine Kiste aus matt silberglänzendem Aluminium. Wäre dem Kojoten bewusst gewesen, was er beförderte, hätte er die fünfundzwanzigtausend Dollar womöglich in den Wind geschlagen, doch eine Bedingung dafür, sie zu erhalten, bestand darin, dass er keine Fragen stellte. Folglich kam ihm auch nichts dergleichen über die Lippen.

Pallabos fuhr umsichtig durch dieses Gelände, damit die Achsen nicht in Mitleidenschaft gezogen wurden. Als er abrupt bremste, rutschte er ein paar Fuß weit durch den weichen Wüstensand. Durch die dick verstaubte Windschutzscheibe sah er Hitzeflimmern über dem Boden und Salbei, der sich leicht im Zug des heißen Winds wiegte. Riesenkakteen und Josua-Palmlilien standen verstreut in der Landschaft, die abgesehen vom üblichen Gelbbraun des Wüstengrunds von den rötlichen Farbtönen des Sandsteins geprägt wurde. Der Horizont erschien uneben, gezahnt mit Bodenablagerungen und spitzen Anhöhen, alle unüberwindbar für Pallabos' Van.

»Weiter können wir nicht mehr fahren«, verdeutlichte er und stieg aus. Er ging ein Stück weit voraus und beurteilte, was auf dem Weg noch kommen mochte, bevor er seinen Hut auszog und sich mit einem Taschentuch die Stirn abwischte. »Das Terrain ist zu uneben. Mein Wagen schafft das nicht.«

Die Araber stiegen ebenfalls aus. Die Oberteile klebten ihnen vor Schweiß an der Haut. Behutsam packten zwei von ihnen den Aluminiumbehälter – einer an jeder Seite – und stellten ihn auf den Wüstenboden, während der dritte zu Pallabos aufschloss.

Dieser zeigte nach vorn und sagte: »Zwölf Kilometer genau geradeaus. Sobald ihr über die Hügel gekommen seid, habt ihr nichts mehr zu befürchten. Die amerikanische Grenze ist zu lang, als dass Patrouillen sie vollständig überwachen und dichthalten könnten. Ihr solltet keine Schwierigkeiten kriegen, auf die andere Seite zu gelangen, aber haltet euch von den Tunneln der Kartelle fern. Die Drogenbosse stehen nicht drauf, dass andere sie benutzen. Über Land ist es aber sowieso leicht, und ich würde euch raten, bis zum Sonnenuntergang zu warten, si?«

»Fahr uns so weit, wie du kannst.«

»Nein, nein. Ich kann von hier aus nicht weiter. Die Strecke ist zu – wie sagt man? – schwierig zu befahren. Muss mich auf den Rückweg machen, si?«

Der Mann an seiner Seite schaute ihn nicht an, sondern streng geradeaus. »Wir hätten jemand anderem viel weniger Geld geben können und wären weitergebracht worden.«

»Nein, Señor. Juan Pallabos ist der Beste. Das sagen alle. Unmöglich.«

Der Araber fuhr sich mit einem Handrücken über die Stirn. Hier herrschte ein viel trockeneres Klima als in der Wüste seiner Heimat, und diese bevorzugte er deutlich gegenüber der zermürbend heißen Sonne, die gerade auf ihn herabbrannte. »Willst du mehr Geld? Hast du deshalb angehalten?« Er fragte das in einem ruhigen, ausgeglichenen Ton mit sanfter Stimme.

»Nein, nein, Señor. Juan Pallabos ist eine ehrliche Haut. Der Van geht kaputt, wenn ich weiterfahre. Juan Pallabos sagt die Wahrheit. Ich kenne mich aus.«

»Und wie sollen wir deiner Meinung nach zwölf Kilometer in dieser Hitze laufen?«

Der Mexikaner lachte. Er hatte die Frage vorausgesehen. »Ha, Juan hat genug Wasser mitgenommen. Literweise.« Er kehrte zum Wagen zurück und öffnete die Beifahrertür. Vor dem Sitz standen sechs volle Kanister Wasser. »Literweise, si? Über Nacht dauert es nur drei Stunden, bis ihr die Grenze in die Vereinigten Staaten überquert habt. Ganz leicht. Drei. Juan Pallabos hat schon viele aus diesem Land geschafft. Juan Pallabos ist der Beste.«

Der Araber atmete tief durch die Nase ein und stieß die Luft langsam mit einem Seufzer aus. »Dann schätze ich, dass wir deine Hilfe nicht mehr brauchen.«

»Si. Juan hat alles getan. Juan ist der Beste.«

»Zu deinem Pech, Mr. Pallabos, dürfen wir keine Zeugen zurücklassen. Das verstehst du doch bestimmt.«

Daraufhin erschlafften die Züge des Mexikaners, sodass sein Gesicht wie eine labbrige Gummimaske aussah.

Der Araber fasste sich an den Rücken und zog eine Sig Sauer mit Schalldämpfer aus seinem Hosenbund. Er feuerte dreimal schnell aufeinanderfolgend. Pallabos brach im Wüstensand zusammen.

Während er die Waffe zurücksteckte, ging der Mann, der groß und schlank war sowie leicht humpelte, nachdem er sich bei Gefechten gegen amerikanische Soldaten im Irak verletzt hatte, zu der Aluminiumkiste und legte seine Hände an den Deckel. Sie fühlte sich selbst in der sengenden Hitze kühl an. Er ließ die Verschlüsse aufschnappen und öffnete die Kiste.

Unter dem Plexiglasgehäuse sah alles so aus, wie es aussehen sollte: Die Schaltungen waren gesichert, und die Kugeln heil geblieben, worüber sich der Araber im Laufe der ruckeligen Fahrt Sorgen gemacht hatte. Russische Wertarbeit.

Nachdem er den Deckel zugeklappt und wieder verriegelt hatte, richtete er sich auf und blickte in die Ferne gen US-Grenze. »Wir fahren so weit, wie es noch geht, und lassen den Wagen dann stehen.«

Auf einen Wink seinerseits hoben seine Gefährten die Kiste hoch und stellten sie zurück in den Van.

Sie kamen keine volle Meile voran, bis sie mit den Rädern im Sand stecken blieben. Mit diesem Fahrzeug ging es nicht mehr weiter.

Juan Pallabos hatte letztlich recht behalten.

Aus dem Bundesstaat Baja Richtung Westen nach Kalifornien drang eine andere Dreiergruppe Männer aus dem Mittleren Osten unbemerkt in die USA ein. Der Alubehälter, den sie trugen, war ebenfalls verriegelt und gesichert, die Kugeln darin unversehrt. Am Ende konnten sie selbst nicht fassen, wie einfach sich die Grenzüberquerung gestaltete. Kein einziger Zollbeamter, kein Hubschrauber oder Patrouillenfahrzeug ließ sich blicken. Es gab weder Hunde noch Zäune oder andere Hindernisse zur Abschreckung. Der Transport der Kiste oder ihres Inhalts in die Vereinigten Staaten gestaltete sich reibungsloser als ursprünglich vermutet; sie stießen auf keinerlei Widerstand von der Gegenseite, absolut niemand gedachte, sie aufzuhalten.

So einfach war es.

Auch Gruppe drei gelang es ungehindert, die Grenze an einem Zipfel von New Mexico zu übertreten, einem Abschnitt ihrer zweitausend Meilen, wo üblicherweise kaum jemand postiert war, um auf illegale Einwanderer zu achten. Nun da man die zweite Bombe mühelos ins Land geschleust hatte, erfuhren die Männer, dass Gruppe zwei aus Baja ohne Widrigkeiten durchgekommen war.

Jetzt mussten sie sich nur noch Gruppe eins anschließen. Deren Rückmeldung aus Arizona ließ auf sich warten.

Kapitel 4

Los Angeles, Kalifornien | Früher Abend

Eine päpstliche Konferenz stand für den Tag nach der Ankunft von Papst Pius XIII. in Dulles an. Seine Redereise sollte in Washington, D.C. beginnen und zwölf Tage später im kalifornischen Rose Bowl enden, ein bisweilen anstrengender Zeitplan mit teilweise nicht unumstrittenen Themen. Die Zahl der Zuschauer ging in die Millionen, und Gegenstand war die Notwendigkeit der Wahrung christlicher Werte gegenüber reformatorischen Bedürfnissen.

Seit Jahren schon schworen Geistliche traditionellen Sitten der römisch-katholischen Kirche ab, sofern diese tatsächlich überholt waren, und zeigten sich mit zunehmend liberaler Einstellung offen gegenüber Veränderungen. Pius hingegen diente, um den Funken religiöser Hoffnung wieder zu entfachen, und predigte, gewisse Freiheiten könnten nur den Anfang vom Ende bedeuten, falls man althergebrachte Bräuche nicht mit Disziplin wahre. Gegenwind wehte ihm natürlich seitens der Medien entgegen, die dies als Weigerung des Vatikans deuteten, sich den Wünschen der Anhänger zu fügen: Ohne Fortschritt keine Entwicklung. Die Kirche wiederum hielt bedachtsam mit einem Aphorismus dagegen und skandierte: Der Preis des Fortschritts ist Zerstörung. Der Papst glaubte, nichts weiter tun zu müssen, als jenen Funken wiederzufinden … und ihn von Neuem aufglimmen zu lassen.

Während seines Kampfs in diesem inoffiziellen Krieg zur Durchsetzung eines modernen Kreuzzugs für die Konsolidierung eines schwächelnden Glaubens wurde Pius bewusst, dass die Kirche in der Vergangenheit zahlreiche Aufbegehren überstanden hatte und dies auch in Zukunft tun würde. Einigkeit zu fördern war jedoch erwiesenermaßen ein sehr schwieriges Unterfangen, das den alten Mann nahezu ausgezehrt hatte. Es fiel ihm im Laufe des Tages zunehmend schwerer, sich auf seine innere Stärke zu berufen.

Schwer atmend schritt der Papst über den Berberteppich seiner Hotelsuite zu einem Sessel mit weichen Lederpolstern. In diesem Augenblick spürte er jedes seiner zweiundsiebzig Jahre. Trotzdem verzogen sich seine Mundwinkel zu einem Lächeln.

Im Rose Bowl hatten sich neunzigtausend Zuschauer eingefunden – neunzigtausend Seelen entweder auf der Suche nach Heil und Erlösung oder im Bestreben, einen Blick auf eine lebende Ikone zu erhaschen, also ohne klares Ziel über den Unterhaltungswert hinaus, den das Kirchenoberhaupt bot. Falls ihn einige von ihnen verstanden hatten – egal wie viele es sein mochten und wie zurückhaltend sie den Herrn in ihre Herzen ließen –, war es ein Erfolg gewesen.

Er ließ sich einen Moment lang Zeit, um durch die Schiebeglastür nach Westen zu blicken, und verinnerlichte den Anblick. Ein Spektrum leicht unterschiedlicher Farben vereinte sich am Himmel zu einem vagen Regenbogen. Nicht mehr lange, bis der Himmel sich zu einem schwarzen Zelt verdunkelt hatte und die Stadt der Engel sich in eine bezaubernde Lichtschau verwandeln würde, als habe man einen Diamantschatz auf schwarzem Samt ausgebreitet.

Als er seine Augen schloss, erkannte der Papst, dass er an diesem Abend früh zu Bett gehen musste. In der Regel blätterte und las er zuvor noch in der Bibel, doch heute setzte ihm die Müdigkeit zu stark zu, als dass er nur den Ledereinband hätte aufklappen können. Allerdings trug Pius seinem Herrn Rechnung, indem er ihm dafür dankte, als unbekannter Mann zu einer so wichtigen Person geworden zu sein.

Amerigo stammte aus einer Großfamilie mit elf Kindern. Er liebte Gott und alles, wofür dieser stand, bereits seit seiner Kindheit: etwa das Gute oder Fürsorge und die Fähigkeit, Menschen zu beherrschen, um sie in eine Welt des Lichts und der liebevollen Seelen zu geleiten.

Sein Vater hatte leider nichts davon wissen wollen und seinen Sohn gemeinsam mit dessen Brüdern zur Feldarbeit gezwungen, weil er davon überzeugt gewesen war, der Wert eines Mannes ergebe sich daraus, wie viel er ernte, nicht durch Aneignung unnützer Kenntnisse, denn damit bringe man es in seinem Dorf zu nichts.

Drum hatte Amerigo, der von seiner Mutter daheim im Lesen, Auswendiglernen von Bibelpassagen und mathematischen Grundlagen unterrichtet worden war, fast ein Jahrzehnt lang gemeinsam mit seinen Geschwistern Ackerbau betrieben und sich die Hände am Pflug schwielig gearbeitet, bis er zu der Einsicht gelangt war, Bodenbestellen sei keine Berufung für ihn.

Er hatte seine Mutter jeden Sonntag zum Gottesdienst begleitet, an den Werktagen beim Schuften unter praller Sonne hingegen davon geträumt, Priestergewänder zu tragen und Predigten zu halten. Amerigos Wunsch war gewesen, von der Kirche ermächtigt zu werden, seinen Mitmenschen den Weg zu weisen.

An seinem achtzehnten Geburtstag hatte er das Ochsengespann stehen lassen und gegen den Willen seines Vaters – allerdings mithilfe des Dorfpfarrers, gegen den sich der Mann nicht hatte auflehnen wollen – die theologische Schule in Florenz besucht, sein erstes Sprungbrett gen Rom.

Während der darauffolgenden Jahre war Amerigo zum Kardinal berufen und ein angesehenes Mitglied der Kurie geworden, was letztlich dazu geführt hatte, dass ihn das Kardinalskollegium zum Nachfolger von Johannes Paul II. erwählte. Nach seiner Annahme des Postens nannte er sich Papst Pius XIII.

Und wie sein Vorgänger zeigte er sich jeder Rasse und Religion entgegenkommend, ließ niemanden außer Acht und half jedermann. Er wollte der Welt ganz mit Liebe und Toleranz begegnen, zuerst in Europa, dann im Zuge weiterer Reisen nach Mexiko sowie Südamerika und abschließend nun wieder in den Norden.

Im Vorjahr, zu Beginn dieses Unterfangens, war der Papst von einer Terroristenbande entführt worden, weshalb er seine Glaubensbotschaft nie hatte verkünden können. Jetzt, nach seiner Wiedergenesung, galt es, dieses Vorhaben nachzuholen, was ihm auch gelang: Seine Stimme erreichte mehr als eine halbe Million Menschen auf dieser Seite der Welt, ausgehend von Kanada bis nach Feuerland.

Nachdem er seine Brille ausgezogen und auf die Armlehne gelegt hatte, fuhr sich Pius mit einer Hand durchs Gesicht, dessen Falten vor Müdigkeit noch tiefer geworden zu sein schienen. Dann rieb er sich die Augen, die brannten und früher leuchtend blau gewesen, während seiner Amtszeit aber trüber geworden waren. Die Intelligenz dahinter blieb indes erhalten, und die inzwischen stahlgraue Farbe deutete auf seine Willenskraft hin.

Im Laufe eines leisen Gebetes, bei dem er den Mund fast nicht bewegte, verloren sich seine Worte.

Papst Pius schlief ein.

Die Erinnerungen suchten ihn jede Nacht heim.

Hinter erstickendem Sand, dem Staubvorhang eines Sturms, waren ihm mehrere Gestalten auf den Fersen. In einer Welt, lohfarben wie die Wüste, wo wabernde Dunstwolken die Sonne verdunkelten, kam er sich vor wie in einem Sumpf, der alle Bewegungen erschwerte wie in einem schlechten Traum. Er drängte weiter vorwärts, trotz des kräftigen Windes, in dem sein verschlissenes Gewand hinter ihm flatterte wie eine Fahne bei böigem Wetter, und näherte sich einem unbekannten Horizont, das Gesicht teilweise bedeckt mit einem schmutzigen Tuch, das allzu deutlich von einer lebenslangen Pilgerschaft zeugte.

Und die Toten folgten ihm.

Durch den Wüstenschleier zogen zwei Schemen mit Gesichtern aus welligen Schatten statt greifbarer Form, und ihre Klagerufe vereinten sich mit dem Pfeifen des heißen Windes.

Dann schloss der Mann seine Augen und blieb auf einer hohen Düne stehen, während Sandkörner wie Wellen übers Wüstenterrain rollten und sein Gewand immerzu gepeitscht wurde. Hier war er Herrscher, Diktator eines Königreichs, das niemand regieren wollte.

Drum setzte er seinen Weg wie durch Morast fort, marschierte auf der Suche nach einem Retter durch ein fernes Land, das es vielleicht gar nicht gab.

Und die Schatten stellten ihm nach, die beiden jungen Schäfer, die er vor Ewigkeiten getötet hatte.

Ihre Stimmen glichen gottlosem Wehgeschrei, das die Luft nahezu gänzlich verwehte, doch ihre Ansage war klar: So weit du auch wegläufst, die Hölle wird dir immer folgen.

In diesem Moment wurde Kimball Hayden stets mit heftigen Kopfschmerzen wach. Als habe ihm ein Maultier gegen eine Schläfe getreten. Für Freudsche Psychologen mochte das, was sich vor seinem geistigen Auge abspielte, leicht zu erklären sein, aber loszulassen fiel schwer.

Mehrere Jahre zuvor hatte er die Force Elite geleitet, eine Spezialeinheit von Soldaten für Geheimoperationen, die nur dem Weißen Haus intern und den Stabschefs bekannt gewesen war.

Seit des 1976 während der Amtszeit von Präsident Ford erfolgten Verbots gezielter Ermordungen gehörten unter Verschluss gehaltene Besprechungen unter den Sicherheitsdiensten zur Norm, wobei das Gesetz oft missachtet wurde, weil das Töten von Feindelementen in gewissen Situationen zugunsten eines übergeordneten Wohles unerlässlich sei.

Deshalb hatte er kraft des Militärs als Geheimagent fungiert, der darauf spezialisiert war, im Ausland Morde zu begehen. 1990 hatte man ihn beauftragt, drei Schlüsselabgeordnete aus Saddam Husseins Kabinett zu beseitigen, die für Unterhandlungen mit russischen Abweichlern verantwortlich gewesen waren, bei denen es um waffenfähiges Plutonium ging. Man hatte die Männer jedoch tot in Tscheljabinsk gefunden, erschossen mit einem Rav-22 LR, der Vorzugswaffe des Mossad für Hinrichtungen. Wegen dieses Gewehrs war man auch auf eine falsche Fährte geführt und verleitet worden, Israel die Schuld zuzuweisen.

Seitdem hatte der Irak nie wieder ernsthaft versucht, sich zu einem Kernwaffenarsenal zu verhelfen.

1991 schließlich war Kimball Hayden gebeten worden, einen weiteren Mord zu begehen. Sein Ziel diesmal: Saddam Hussein persönlich.

Sofort als Iraker auf kuwaitischem Boden einfielen, um im Land zu plündern und zu brandschatzen, verlangten die USA und ihre Verbündeten im Mittleren Osten, Hussein möge unverzüglich abrücken. Darauf folgten mehrwöchige erfolglose Verhandlungen, weshalb die Koalition der Vereinigten Staaten schließlich mit einem Gegenschlag eingriff. Just zu dem Zeitpunkt wandten sich mehrere bedeutsame Stabschefs an Hayden, der Hussein vor dem geplanten Angriff der Alliierten ausschalten sollte, denn sie glaubten, man könne Krieg verhindern, wenn sich die Republikanische Garde in Wohlgefallen auflöse, weil der Diktator sie nicht mehr befehlige. Der zeitige Rückzug aus kuwaitischem Gebiet würde den Eingriff der Koalitionsmächte im Falle von Kimballs Erfolg verhindern, so er Hussein aus dem Verkehr zog.

Während die Zeit jedoch bei all den Verhandlungen knapper wurde, reiste Hayden heimlich in den Irak, ohne Fragen zu stellen, was sich von selbst verstand. Ebensolche Gesten eiskalter Stärke, die an eine herzlose Maschine denken ließen, stellten ihn dem Weißen Haus als schillernden Schatten dar, der weder ein Gewissen hatte noch Reue oder Sorge kannte. Mit diesem Image brüstete sich Kimball dann auch und betrachtete sich als überlebensgroße Persönlichkeit.

Am siebten Tag auf seinem gewagten Weg gen Bagdad stieß er auf zwei Knaben mit einer Ziegenherde. Der eine war höchstens vierzehn, der andere ungefähr zehn Jahre alt, und beide trugen Stöcke aus krumm gewachsenem Olivenholz.

Kimball blieb versteckt, indem er sich mit dem Rücken an die Sandböschung eines Ablaufkanals drückte. Dabei hörte er, wie die Tiere nur wenige Fuß über ihm blökten, und auf einmal fiel der Schatten des kleineren Jungen auf ihn. Dieser hatte Kimball von oben bemerkt. Seine schmächtigen Umrisse zeichneten sich vor der grellweißen Sonne ab, deren Licht hinter ihm streute wie ein Heiligenschein. Prompt stürzte der Knabe los und schlug lauthals Alarm.

Kimball fuhr hoch und entsicherte unversehens seine Waffe, legte an und feuerte. Die Kugel traf den Jungen mit voller Wucht und riss ihn im Sand nieder, sodass eine Wolke aufstob, als er landete. Der ältere verharrte bewegungslos wie eine Salzsäule mit offenem, zu einem großen O geformten Mund, wie zum stummen Einspruch, während sein Blick abwechselnd auf den Toten – seinen Bruder – und den Schützen fiel. Als auch er davonlaufen wollte, gab Kimball noch einen einzelnen Schuss ab. Der Knabe war tot, bevor sein Körper am Boden aufschlug.

An jenem Abend begrub er die beiden Jungen mit ihren Stöcken in dem Kanal. Kimball Hayden schüttete die Löcher mit Sand zu und verscheuchte die Ziegen. Als er fertig war, setzte er sich vor die beiden Erdhügel und erwog, die feinen Herren im Weißen Haus hätten möglicherweise doch recht. Vielleicht war er wirklich unmenschlich. Vielleicht vermochte er nicht, zwischen richtig und falsch zu unterscheiden, getrieben einzig und allein von empfindungslosem Pflichtbewusstsein.

Stundenlang überlegte er und hinterfragte sein Wesen in der Selbstbetrachtung.

Als es dann ganz dunkel war – er hatte von der Sonne Blasen an die Lippen bekommen –, weigerte er sich, einen Unterschlupf zu suchen, legte sich mit je einer verkrampften Hand auf einem Haufen zwischen die Gräber und betete um Vergebung … nicht durch Gott, sondern die Erschossenen.

Zur Antwort hörte er nur das leise Rauschen von Wüstensand, den der Wind verwehte.

Während er dalag und beobachtete, wie der Mond am mit unendlich vielen Sternen gespickten Himmel entlangwanderte, traf Kimball Hayden eine Entscheidung.

Am nächsten Morgen kehrte er zur syrischen Grenze zurück, woraufhin Präsident Bush und die Stabschefs nie wieder von ihm hören sollten. Im Weißen Haus glaubte man, er sei in Ausübung seiner Pflicht umgekommen. Weniger als zwei Monate nach Beginn des Feldzugs gegen den Irak wurde Hayden posthum von den Köpfen des Pentagons geehrt.

Der Angriff der Amerikaner und Koalitionsmächte begann jedoch schon vierzehn Tage nach seiner Fahnenflucht, als er in einer Bar in Venedig saß und einen Weinbrand trank. Ebendort nahm ihm gegenüber ein Mann mit dem Kollar eines römisch-katholischen Geistlichen Platz, ohne um Erlaubnis zu bitten.

»Ich möchte eigentlich allein sein, Vater«, machte Kimball deutlich. »Für mich ist es sowieso zu spät.«

Der Priester lächelte ihn an. »Wir haben dich beobachtet«, entgegnete er.

Kimball konnte sich nur vorstellen, wie sein Gesichtsausdruck auf sein Gegenüber wirken musste. »Verzeihung … Sie haben was?«, fragte er ihn.

»Kimball Hayden.« Der Mann hielt ihm eine Hand hin. »Mein Name ist Bonasero Vessucci – Kardinal Bonasero Vessucci.«

Dies markierte den Beginn einer neuen Seilschaft.

Der Mann also, dem man einst die Fähigkeit abgesprochen hatte, zerknirscht zu sein, arbeitete nun als Elitesoldat für die Kirche.

Er gehörte nicht der Schweizergarde an.

Ebenso wenig war er ein Mitglied des italienischen Militärs.

Er war ein Ritter des Vatikan.

Kimball Hayden setzte sich in seinem Bett auf. Sein halb zugedeckter Oberkörper ließ einen gut trainierten Bodybuilder vermuten, denn er hatte Oberarme dick wie die Oberschenkel eines durchschnittlichen Mannes, woran vor allem die Trizepsmuskeln beeindruckten.

Auf der Suche nach Heil im Glauben wähnte er sich von jeher in einer Komfortzone, auch wenn diese weder unverrückbar noch abgeschlossen war. Jener Traum suchte ihn immer wieder heim, wobei sich das Szenario nie veränderte, was den psychoanalytischen Schluss zuließ, die überwältigenden Schuldgefühle, die ihn aufgrund des Mordes an zwei Kindern plagten, hätten zu einer plötzlichen Epiphanie geführt, die anscheinend nicht genügte.

Schloss Kimball die Augen, stellte er sich Fragen wie: Wirst du mir je vergeben, Herr? Kannst du mir irgendwann verzeihen? Insgeheim glaubte er aber, wahre Vergebung bleibe ihm aufgrund der Tatsache, dass er einen Krieg aufgegeben hatte, um gegen seine persönlichen Dämonen zu kämpfen, für immer verleidet. Diese Dämonen wiederum würden ihn niemals vergessen lassen, sondern Nacht für Nacht zurückkehren, um das bisschen Hoffnung zu untergraben, das er hatte – die Vergangenheit, die von Tötungen durch seine Hand überschattet war, eines Tages hinter sich lassen zu können.

Er stand aus dem Bett auf und stellte sich nackt im Mondlicht vor ein Schiebeglasfenster, das Los Angeles überblickte. Die Stadtbeleuchtung, viele kleine Lichtpunkte, erinnerten ihn an jene Nacht im Irak, als er mit Blick zum Himmel auf dem Wüstengrund gelegen hatte, zwei Kinder unter der Erde neben ihm und je eine seiner Hände auf ihren Gräbern.

Dies blieb zweifelsohne seine finsterste Erinnerung.

Im Dunkel des Zimmers seufzte er, bevor er sich vor die Scheibe setzte und ihn das Bedürfnis überkam, Alkohol zu trinken.

Was hat sich denn wirklich verändert?, fragte er sich.

Seine Verbindlichkeiten, seine Kriterien hingegen nicht. Unter Kimballs Leitung war ein Soldatentrupp in philippinische und südamerikanische Dschungel eingedrungen, um die Leben als Geiseln entführter Missionare zu retten. Ein andermal hatten sie Ostblockstaaten bereist, um sich am Schutz von Priestern vor aufständischen Dissidenten zu beteiligen, und waren auch nicht selten in Drittweltländern zwischen die Fronten im Clinch befindlicher Religionsorganisationen geraten. Persönliche Differenzen standen stets hintan, wenn sie als Ritter des Vatikan auftraten.

Der springende Punkt war, egal wie überschaubar oder ausufernd – Krieg bleibt Krieg. Deswegen sterben weiterhin Menschen im Bestreben, ein leckes Schiff vorm Untergang zu bewahren. Sie schöpfen nur Wasser, statt die Löcher zu flicken.

Seine Komfortzone mochte zwar auch die Front auf dem Schlachtfeld umfassen, doch Kimball brauchte Abstand von allem, das einen wesentlichen Teil seiner Welt ausmachte. Vonnöten war eine Pause, weiter Abstand von der Menschen ewiger Sünde Lohn, und den konnte er nehmen, indem er während der Versammlung als persönlicher Diener des Papstes arbeitete.

Angesichts der schadhaften Träume, die ihn quälten, hätte Kimball Hayden nie gedacht, er müsse einmal auf seine sehr speziellen Fähigkeiten zurückgreifen, um sich selbst zu retten, den Papst und insbesondere die freie Welt.

Er schaute auf die roten Digitalziffern seines Weckers. Es war noch nicht einmal nach Mitternacht.

Trotzdem würde er warten, bis der Morgen anbrach.

Kapitel 5

Mexikanische Grenze, Arizona

Es war Nacht geworden.

Gruppe eins konnte die Markierung der Grenze sehen, die Mexiko von den USA trennte, einen schnöden Stacheldrahtzaun, dessen Bau zur Abschreckung augenscheinlich kaum der Mühe wert gewesen war, da sich an einigen Abschnitten zwischen den Pfosten große Löcher auftaten.

Weit weg in der Ferne blinkten zwischenzeitlich die Lichter der Stadt Naco in Arizona.

Die drei Araber kauerten neben der Aluminiumkiste nieder und achteten auf etwaige bedenkliche Geräusche. Ihre weitere Gesellschaft belief sich auf einen einzelnen Kojoten, dessen Umrisse sie im hellen Mondlicht oben an einem Felshang sahen. Im Dunkeln funkelten seine Augen wie Quecksilber, jenes eigentümliche wie kurze Aufblitzen glänzender Glaskörper vor schwarzem Hintergrund. Er kläffte mehrmals und verzog sich schließlich in ein dichtes Gestrüpp.

Die Ausländer warteten weiter unter dem Dreiviertelmond, indem sie hocken blieben und mit Geduld als erlernter Tugend horchten. Die Stille beunruhigte sie allerdings, weil ihnen alles viel zu einfach vorkam. Naco hatte sich im Lauf der Jahre zu einem beliebten Ort entwickelt, an dem man die Grenze überqueren konnte, wenn man illegal einwandern wollte. Fünfzehn Meter weiter, dann hätten die drei in Arizona gestanden, ohne von jemandem oder etwas aufgehalten zu werden.

Abdul-Ahad richtete sich zu voller Größe auf – eins zweiundneunzig – und rückte merklich humpelnd mehrere Schritte vorwärts. Sein angeschlagenes Bein machte sich nach dem langen Weg bemerkbar, den sie zurückgelegt hatten, seitdem der Van stecken geblieben war. Dann kniete er sich zwischen zwei Dünen und hielt eine geschlossene Faust hoch: das Signal für die anderen, sich vorerst nicht von der Stelle zu bewegen.

Die Beleuchtung der Stadt fernab, ihre blinkende Helligkeit spornte alle Grenzübergänger zu einem Neubeginn an, doch ihn als einst elitäres Mitglied des syrischen Muchabarat, der nach dem Ausbruch des Bürgerkriegs auf die Seite der Rebellenkämpfer gewechselt war, fiel etwas Merkwürdiges auf, wie es nur ein erfahrener Soldat spüren konnte.

Nachdem er die Hand heruntergenommen hatte, hielt er sich vor Augen, wie weit seine Gruppe gekommen war, um Allahs Wünsche zu erfüllen. In dieser Nacht, mit den Vereinigten Staaten im Fadenkreuz, würden sie ihre Pflicht ausführen und früher als vorgesehen ins Paradies aufsteigen.

Der Araber steckte eine Hand in die Tasche seiner Armeehose, nahm den Fernzünder der Atombombe heraus und klappte den Deckel des Tastenfelds auf. Ihm war allzu deutlich bewusst, was in der Dunkelheit vor ihnen auf sie wartete.

Während er einen Zeigefinger über die Bedienung hielt, um zu tippen und den Sprengsatz scharfzumachen, dachte Abdul-Ahad: Ich weiß, dass du da draußen bist … Ich kann dich spüren …

Wie auf ein Zeichen hin sprangen mehrere Flutscheinwerfer an, in einer Reihe montiert an einer Querstange eines Jeeps der Grenzpatrouille, und strahlten ihn wie seine Gefährten gnadenlos hell an.

»Zollbehörde! Auf den Boden! Sofort … runter … auf den Boden!« Und dann für Mexikaner: »¡Patrulla Fronteriza! Abajo al suelo ahora mismo!«

Tut mir leid, Freundchen, ich verstehe kein Spanisch.

Abdul-Ahad begann sofort mit der Eingabe, schnell und mit Fingerspitzengefühl, sodass er sich kein einziges Mal vertippte, während das Passwort in kyrillischer Schrift auf dem Display erschien. Als es auf den Auslösemechanismus in dem Alubehälter übertragen wurde, begann die Aktivierung der Bombe.

»¡Patrulla Fronteriza! Abajo al suelo ahora mismo!«

»Majid, Quasay! Haltet sie ab!« Abdul-Ahads Arabisch wirkte aufgrund seines äußerst dringlichen Tonfalls hektisch, während er sich hinter eine niedrige Anhöhe zurückzog, um in niemandes unmittelbare Schusslinie zu geraten. »Ich brauche Zeit!«

Die beiden anderen bewegten sich im weichen Sand vorwärts und feuerten in schneller Abfolge. Sie schossen die Hälfte der Scheinwerfer aus, und Funken flogen, wo ihre Kugeln das Blech der Stoßstange des Jeeps trafen.

Abdul-Ahads Männer waren zielsicher, sodass sie die Beamten aus dem Wagen treiben konnten. Den Salbei als Deckung zu nutzen war unsinnig, doch die vier legten sich bäuchlings hinein, um das Feuer zu erwidern. Projektile sausten an ihnen vorbei wie aufgescheuchte Wespen, und als sie schließlich selbst Salven abgaben, schallte es misstönend nach Norden in den Staat hinein.

Die beiden Araber rückten vor die Position ihres Anführers, um ihn zu schützen, während er sie dem Paradies näherbrachte. Noch sieben von zehn Ziffern, dann begann auf dem Display der Fernbedienung der Countdown für die Zündung der Kernwaffe.

… jetzt die vierte …

… bleiben sechs …

Er tippte erbittert weiter.

… fünftens …

… und Allah noch einen Schritt näher …

Einige Meter vor ihm bewährten sich seine beiden Mitstreiter, indem sie dafür sorgten, dass die Zollbeamten liegen blieben, doch dann spritzte auf einmal eine rote Fontäne aus Qusays Brust. Kugeln schlugen quer in seinen Oberkörper ein, und mit jedem Treffer platzte das Fleisch auf. Durch die Wucht des Aufpralls kippte er rückwärts in den Sand.

Majid erschrak kein bisschen, als sein Magazin leer war, sondern entfernte und ersetzte es schnell durch ein neues, bevor er weiter auf die Mündungsblitze der Amerikaner feuerte. Ringsum wirbelten die Einschläge Staub auf, wobei die Linie langsam auf ihn zuwanderte, doch er hielt seine Stellung auf einem Knie.

Abdul-Ahad tippte, so schnell er konnte, doch die Ziffern erschienen quälend langsam auf der LED-Anzeige. Mittlerweile waren es sechs von zehn. Auch als sich dicht neben ihm eine Kugel in den Boden bohrte, fuhr er ungerührt fort. Seine Finger verfehlten keine Taste.

Einer der Beamten passte sein Ziel durchs Visier seines Sturmgewehrs aus der Minimaldeckung heraus an und versuchte, Majids Schläfe zu treffen. Er atmete flach und gleichmäßig mit erzwungener Zurückhaltung, um den richtigen Moment zum Abdrücken zu erkennen.

Die Zeit schien viel zu langsam zu vergehen, weshalb es surreal wirkte, als Majids Gesicht wie vom Wind zerstäubt oberhalb der Kieferpartie weggerissen wurde, sodass man nichts mehr außer Fleischbrei und glattem Knochen sah, bis er rücklings mit ausstreckten Armen, als wolle er dem Gekreuzigten spotten, in den Sand fiel.

»Waffen ablegen!«, rief jemand. Es war dieselbe Stimme, die Abdul-Ahad bereits zuvor gehört hatte, und wieder übersetzte sie ins Spanische: »¡Entregue su arma!«

… acht Ziffern eingegeben …

… nur zwei weitere …

»¡Esta es su última oportunidad de entregar su arma! O … abriremos … fuego!«

»Dies ist Ihre letzte Gelegenheit, Ihre Waffen niederzulegen! Oder wir eröffnen das Feuer!«

Im Licht der Scheinwerfer, die Abdul-Ahads Männer nicht zerschossen hatten, sah man ihn zu der Pistole greifen, die in seinem Hosenbund steckte. Er brauchte nur noch ein paar kurze Sekunden, um die letzten beiden Ziffern einzutippen und diesen Landstrich für die nächsten zehntausend Jahre zu verseuchen. Dies würde Zeugnis von Allahs Macht ablegen, und seine Bereitschaft zum Sterben sollte seinen Glaubensbrüdern zum Vorbild gereichen.

In dem Moment, da er die Waffe nach vorn richtete, um die Grenzbeamten mit mehreren Schüssen fernzuhalten, kamen sie ihm mit einer Salve zuvor. Die Schüsse schlugen faustgroße Löcher in Abdul-Ahads Brust, wobei er rückwärts taumelte und den Fernzünder fallen ließ.

In der gespenstischen Stille, die folgte, war es ungewiss, ob die Gefahr endgültig gebannt sei oder nicht.

Mit Bedacht schlichen die Amerikaner mit ihren Waffen im Anschlag vorwärts und suchten die Umgebung nach weiteren Angreifern ab.

Erst als sie das Areal abgesichert, die Liegenden examiniert und deren Tod bestätigt hatten, nahmen sie ihre Gewehre herunter.

Der Alukiste hatte das Feuergefecht nichts anhaben können, obgleich sie jetzt mit einer feinen Staubschicht überzogen war und nicht mehr glänzte. Daneben lag die Fernbedienung.

»Drogen.« Die Bemerkung eines Beamten erübrigte sich eigentlich, weil sie sich in der Regel ständig mit Rauschgiftschmuggel herumschlugen.

Sergeant Cary Winslow, ein alter Veteran und eher stiller Typ, ließ sich beschwerlich auf einem Knie nieder, hob den Zünder auf und betrachtete ihn einmal von allen Seiten. Das Display zeigte acht russische Buchstaben an. Nachdem er den Deckel zugeklappt hatte, steckte er es in seine Hemdtasche und widmete sich der Metallkiste.

»Wie viele Kilo fasst die, was meinst du, Cary?«, fragte Officer Roscoe Winchell, ein großer, dünner Kerl mit schnoddrig gedehntem Sprachduktus. »Sieht wie 'ne Kartelllieferung aus.«

Winslow bemühte sich nicht um eine Antwort, sondern öffnete die Verschlüsse und hob den Deckel an. Darunter fand er nicht, was er erwartet hatte. Dort waren unter Plexiglas drei Kugeln eingefasst, umgeben von elektronischen Schaltkreisen, Platinen und einer Festplatte.

»Was, glaubst du, ist das, Cary?«, wollte Winchell wissen.

Er trat von dieser unerhörten Truhe zurück und starrte darauf. Als ausgebildeter Spürhund, der aufhalten sollte, was unerlaubterweise die Grenze überquerte, schloss er den Behälter sofort wieder und befahl seinen Kollegen, ebenfalls zurückzutreten. »Ich möchte, dass ihr alle Abstand haltet«, stellte er klar.

»Was ist das?«, beharrte Winchell.

»Das erfährst du noch früh genug, Roscoe. Fürs Erste siehst du lieber zu, dass du ans Funkgerät gehst und das Hauptquartier einschaltest. Bitte darum, sofort das FBI zu verständigen. Gib Bescheid, dass uns hier jemand ein Dante-Päckchen geschnürt hat.«

Winchell schien zu erblassen, was man selbst im schwachen Licht erkannte.

»Geh jetzt … sofort!«

Schon dampfte der Beamte ab und rannte zu ihrem Jeep.

Weniger als ein Jahr vor seiner Rente kam Sergeant Winslow nicht umhin, fassungslos kopfschüttelnd zum Himmel aufzuschauen. Die Sterne funkelten wie Feenstaub, die frische Wüstenluft roch sauber, unbelastet. Dann machte er seine Augen zu. Sie haben es getan, dachte er. Sie haben schließlich doch versucht, eine ins Land zu schleusen.

Nachdem er seinen Blick an der Grenze, dem Stacheldrahtzaun mit den schiefen Pfosten entlang schweifen lassen hatte, bestand für ihn kein Zweifel mehr daran, dass mindestens ein Nuklearsprengkörper in die USA gelangt war.

Absolut kein Zweifel.