Siebte Sohle, Querschlag West - Jan Zweyer - E-Book

Siebte Sohle, Querschlag West E-Book

Jan Zweyer

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Beschreibung

Während der Nachtschicht nimmt das Leben des Bergmanns Heinz Schattler ein jähes Ende. Als Täter kommt nur ein Arbeitskollege in Frage, das steht für die ermittelnden Beamten schnell fest. Doch wer hatte ein Motiv? Gleichzeitig versucht Rainer Esch herauszufinden, wer die Jugendlichen sind, die die Witwe Schattlers, eine Kioskbesitzerin, erpressen. Doch dann wird ausgerechnet Eschs Freund Cengiz Kaya des Mordes verdächtigt ...

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Der Autor

Jan Zweyer wurde 1953 in Frankfurt am Main geboren. Mitte der Siebzigerjahre zog er ins Ruhrgebiet, studierte erst Architektur, dann Sozialwissenschaften und schrieb als ständiger freier Mitarbeiter für die Westdeutsche Allgemeine Zeitung. Er war viele Jahre für verschiedene Industrieunternehmen tätig. Heute arbeitet Zweyer als freier Schriftsteller in Herne.

Nach zahlreichen zeitgenössischen Kriminalromanen hat er sich mit der Goldstein-Trilogie Franzosenliebchen, Goldfasan und Persilschein das erste Mal historischen Themen zugewandt. Es folgte die von Linden-Saga, eine Familiengeschichte aus dem Ruhrgebiet (bisher fünf Bände, zuletzt: Schwarzes Gold und Alte Missgunst, Ein Königreich von kurzer Dauer, beide Grafit-Verlag).

In der Reihe Wiederaufgelegter Bücher werden verlagsseitig vergriffen Texte von Jan Zweyer als Buch und eBook neu veröffentlicht. Inhaltliche Veränderungen wurden nur in Ausnahmefällen vorgenommen.

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

1

Volker Krytcak blätterte ein weiteres Mal durch die ›Nicht-heraus-Liste‹ des Bergwerks Eiserner Kanzler in Recklinghausen. Doch auch jetzt las der Steiger den Namen Heinz Schattlers an der dritten Stelle. Möglicherweise hatte Schattler vergessen, seinen Ausweis durch das Lesegerät der Arbeitszeiterfassung am Schacht zu ziehen. Eine bewusste Unterlassung schloss Volker Krytcak aus, da Schattler sonst die Schicht nicht vollständig bezahlt bekommen würde. Vielleicht hatte das Gerät einen Defekt. Oder der Bergmann war noch unter Tage.

Der Steiger sah in der Lampenstube nach, ob die Kopflampe und der Filterselbstretter Schattlers in dessen Fach lagen. Fehlanzeige.

Krytcak ging zurück in die Steigerstube und rief den Personalleiter Karl Meiner an. »Glück auf. Krytcak. Karl, habt ihr ’nen Defekt anner Zeiterfassung an Schacht 1/2?«

»Auf. Nicht dass ich wüsste. Warum?«

»Ach, einer meiner Leute steht auffer Nicht-heraus-Liste. Lampe und Filter sind auch nich da.«

»Dann pennt der Kerl in irgendeiner Ecke unter Tage. Wo war der eingesetzt?«

»Revier 32. Ich ruf die Morgenschicht an. Auf.«

Das Klingeln des schlagwettergeschützten Telefons war auf der siebten Sohle in der Nähe des Kohlenstrebes kaum zu hören. Das laute Brummen der schweren Antriebsmotoren für das Kohlengewinnungsgerät, das Rasseln des Panzerförderers, das Knallen und Knirschen des Brechers, in dem die Kohlebrocken aus dem Streb zu handlicher Größe zerkleinert wurden, das Rauschen der Frischwetter aus den Lutten – elastische Kunststoffrohre, in denen Luft herangeführt wurde – und das rhythmische Tack-Tack der Rollen des Förderbandes schufen einen Geräuschpegel, in dem sich die Bergleute nur schreiend verständigen konnten.

In der Kohlenabfuhrstrecke waren mehrere Kumpel damit beschäftigt, die Container einer Einschienenhängebahn zu entladen, um die Hydraulikstempel zur Sicherung des Überganges vom Streb in die Strecke an ihren Einsatzort zu schaffen. Die Luft war heiß und voller Kohlenstaub, der sich auf den schweißnassen, nackten Oberkörpern der Bergleute niederschlug und im Schein der trüben Kopflampen glitzerte.

Endlich griff einer der Kumpel zum Telefonhörer, meldete sich und schrie dann gegen den Krach an in das Dunkel: »Steiger, für dich.«

»Komme«, brüllte eine Stimme zurück.

Steiger Walter Kusche tauchte nach einigen Momenten aus der Dunkelheit auf.

»Kusche«, rief er in den Hörer. Und einige Sekunden später: »Was soll ich machen? Aber ich muss doch hier erst ... – Ja, gut. Weil du’s bist. – Ja, ich melde mich dann. Glück auf.« Kusche wandte sich an den Bergmann neben ihm.

»Jochen, wir müssen einen suchen. War auf Nachtschicht an der Bandübergabe weiter hinten eingesetzt. Ist gestern angefahren, aber nicht wieder nach über Tage gekommen. Sag Charly Bescheid, dass wir beide gehen. Und nimm eine Leuchte mit.«

Der Lärm wurde geringer, je weiter sich die beiden Bergleute von ihrem Arbeitsplatz entfernten. Nur vereinzelt trafen sie noch auf andere Kumpel, die aus der Entfernung lediglich am Schein ihrer Kopflampen zu erkennen waren. Einige waren damit beschäftigt, Kohlenstaub, der vom Förderband gefallen war, auf das Band zurückzuschaufeln. Andere versuchten, die hochquellende Sohle mit Spezialmaschinen, den so genannten Senkladern, zu beseitigen.

Nach zwanzig Minuten erreichten Walter Kusche und Jochen Frühsee die Bandübergabe. Das Förderband, das die Kohle aus dem Streb transportierte, endete an dieser Stelle. Die Kohle stürzte in einen kleinen Bunker und fiel von da aus auf ein weiteres Förderband, das im rechten Winkel abgehend in einem Querschlag verschwand.

»Hier hat der Kollege gearbeitet«, sagte Walter Kusche und leuchtete mit der Lampe unter den Bunker und beide Förderbänder. »Du gehst links vom Band, ich rechts.«

Nach knapp hundert Metern rief Jochen Frühsee: »Walter, komm schnell, ich glaube, hier ist was!«

Walter Kusche kroch unter dem Band hindurch und lief zu seinem Kollegen, der vor zwei zurückgelassenen Transportkisten der Einschienenhängebahn stand. Zwischen den Kisten und der Streckenwand war etwa fünfzig Zentimeter Platz.

Der Steiger näherte sich dem Spalt. Angestrengt blickte er ins Dunkel. Im Schein der Lampe konnte er unter einem Stück Wetterfolie, wie sie zur Herstellung von Wettertüren benutzt wurde, einen Schuh entdecken. Er riss die Folie herunter und erstarrte. Im Lichtkegel blickte er auf eine leblose Gestalt, die mit dem Gesicht nach unten im Kohlenstaub lag. Da, wo sich normalerweise der Hinterkopf befand, war nur noch ein blutiger, zerschmetterter Brei aus Gehirnmasse und Knochensplittern.

Die beiden Bergleute hatten den vermissten Heinz Schattler gefunden.

Walter Kusche erholte sich als Erster von dem Schock. »Jochen, du bleibst hier. Ich ruf die Grubenwarte an. Die sollen den Inspektor verständigen. Und den Werksarzt.« Kusche spurtete los, um das nächste Telefon zu erreichen.

Nach einem Blick auf Schattler, der regungslos zwischen Transportkisten und dem Ausbau lag, murmelte sein Kumpel Frühsee leise: »Dass der Arzt noch was tun kann, wage ich zu bezweifeln.«

2

Ein unbarmherziges Schrillen riss Rainer Esch aus dem Schlaf. Es dauerte einen Moment, bis er sich darüber klar wurde, wo er war. Noch etwas länger benötigte Rainer, um das penetrante Schrillen als das gemeinsame Klingeln seiner drei Wecker zu identifizieren.

Vorsichtig und ohne jede überflüssige Bewegung öffnete er erst das eine, dann das andere Auge. Die Helligkeit im Zimmer ließ ihn die Lider sofort wieder schließen. Esch zog sich die Bettdecke über den Kopf und versuchte weiterzuschlafen.

Ein rhythmisches Pochen unter seiner Schädeldecke hinderte ihn daran. Mit einem Seufzer tiefster Resignation begann Rainer aufzustehen. Als er nach einigen Anstrengungen neben seinem Bett stand, wurde ihm übel. Der Zimmerboden schien von ihm weg nach oben zu kippen. Mit letzter Kraft erreichte er die Tür und hielt sich an der Klinke fest. Dann machte sich Esch an das Unterfangen, lebend das Badezimmer zu erreichen.

Auf dem Weg dorthin schlurfte er an einer geöffneten Zimmertür vorbei. Rainer warf einen Blick in das Wohnzimmer und erstarrte. Überquellende Aschenbecher, halb volle Gläser und Flaschen, Rotweinflecken auf dem hellen Teppich, Pizzareste auf Papptellern im Zimmer verstreut, ein BH, in Regalböden und auf Beistelltischen verteilte Schallplatten und CDs ohne Hüllen, die so aussahen, als seien sie als Bierdeckel missbraucht worden, Turnschuhe, die ihm irgendwie bekannt vorkamen, und fast vertrocknete Blumen in einem Sektkühler, der augenscheinlich als Vase vorgesehen war, nur hatte niemand daran gedacht, Wasser einzufüllen.

Und dieser Jemand war natürlich er selbst gewesen. So oder schlimmer sah seine Wohnung meistens aus, wenn Esch ein paar gute Freunde zu einem gepflegten Umtrunk gebeten hatte. Er schüttelte sich und beschloss, die Inspektion seiner Küche auf die Zeit nach dem Duschen zu verschieben. Das Hämmern in seinem Kopf wurde stärker.

Rainer setzte den Weg in sein Badezimmer fort und begann dort ergebnislos nach Kopfschmerztabletten zu fahnden. Das Putzen seiner Zähne beseitigte leider nicht den schalen Geschmack auf seiner Zunge. Nur durch den massiven und hochdosierten Einsatz von Mundwasser gelang es ihm, diesen Mangel zu beheben.

Er schleppte sich unter die Dusche und ließ minutenlang lauwarmes Wasser über seinen Kopf laufen. Erst langsam kehrte die Erinnerung an das vergangene Wochenende und den gestrigen Abend zurück.

Freitagabend hatte Rainer seinen besten Freund Cengiz Kaya zum Essen in Hernes bekanntestes griechische Szenelokal, das Neokyma, eingeladen. Anschließend waren sie in die Sonne gefahren, eine ursprünglich grün-alternative Kneipe. Dort hatte er noch ein paar alte Bekannte und Freunde aus den wilden Siebzigern getroffen, die immer noch hier verkehrten und mittlerweile zum Inventar gehörten. Gemeinsam begossen sie die alten und neuen Zeiten und Esch hatte, ausgelöst durch reichhaltigen Brandy- und Rieslingkonsum, leichtsinnigerweise eine Einladung ausgesprochen, die dann folgerichtig zu dem gestrigen Absturz geführt hatte.

Trotz intensiven Nachdenkens fiel ihm beim besten Willen allerdings nicht mehr ein, wer von den zwei gestern anwesenden Frauen das fragliche Dessous bei ihm vergessen hatte. Noch weniger konnte er sich daran erinnern, warum das gute Stück überhaupt bei ihm im Wohnzimmer lag. Falls es zu irgendwelchen sexuellen Aktivitäten gekommen war, hatte der Alkohol diese völlig aus seinem Gedächtnis getilgt.

Nach dem Duschen fühlte sich Rainer zwar noch nicht ganz wiederhergestellt, aber zumindest so weit stabilisiert, dass er es wagte, einen Blick in seine Küche zu werfen. Er war angenehm überrascht. Eine Totalrenovierung war nicht erforderlich.

Esch zog sich Jeans und T-Shirt an und machte sich daran, seine Wohnung noch vor dem Frühstück aufzuklaren.

Als er ins Wohnzimmer kam, fiel ihm ein ständig wiederkehrendes, leise schleifendes Geräusch auf, das er eben noch nicht wahrgenommen hatte. In ihm keimte ein schrecklicher Verdacht.

Ein Blick auf den Plattenteller ließ diesen Verdacht zu Gewissheit werden. Er hatte zu vorgerückter Stunde damit kokettiert, dass er selbstverständlich nicht nur alle Rolling-Stones-Langspielplatten auf CD besaß, sondern auch sehr rare Raubpressungen, so genannte Bootlegs. Eine von diesen Raritäten drehte sich auf dem Plattenteller. Und der nicht mehr ganz taufrische Tonabnehmer versuchte augenscheinlich seit gestern Nacht, eine neue Rille in das Ende der Platte zu fräsen.

Esch schaltete den Verstärker ein und hob den Tonarm auf den Anfang von Bright Lights, Big City. Die unveröffentlichten Studioaufnahmen aus den frühen Sechzigern schallten durch seine Wohnung. Am Anfang der Platte war kein Schaden hörbar. Esch ließ die Scheibe laufen und räumte die Reste des Gelages vom Vorabend weg.

Eine Plattenseite später war der gröbste Dreck beseitigt und glücklicherweise bewiesen, dass die LP unbeschädigt geblieben war, was man von einigen der CD-Hüllen nun nicht gerade behaupten konnte. Die klebenden Reste von Bier und Wein würde Rainer mit Reinigungsmittel vernichten müssen. Diese Arbeit, nahm er sich vor, war nach dem Frühstück fällig.

Rainer Esch setzte Kaffee auf, schmiss zwei Scheiben Weißbrot in den Toaster und bereitete sich ein Rührei mit viel Speck zu, ohne dabei an die Warnungen seines Arztes über die negativen Folgen eines zu hohen Cholesterinspiegels zu denken. Nach dem Frühstück zündete er sich eine Reval an und inhalierte genussvoll und mit tiefen Zügen, auch das gegen jede medizinische Vernunft.

Er war gerade in das spannende Studium eines Artikels in einer Modellbahnzeitschrift über die Vor- und Nachteile der manuellen Gleisreinigung vertieft, als das Telefon klingelte. Zögernd legte Esch die Zeitschrift zur Seite, blieb zunächst noch sitzen, entschied sich dann aber doch, den Hörer abzunehmen.

Es war Cengiz.

»Na, von den Toten wieder auferstanden?«, erkundigte sich sein Freund.

»Hm. Wie man’s nimmt. Wann seid ihr denn gegangen?«, wollte Rainer wissen.

»Ich gegen zwei. Da waren noch Karl und Heinz da. Ihr habt ja kein Ende gefunden.«

»Ich ahne Übles. Cengiz, ähm, haben wir uns Sigrid und Chris gegenüber«, Esch zögerte, »ordentlich benommen?«

»Wie meinst du das denn?«

»Ich habe hier bei mir in der Wohnung ... Scheiße, ich weiß nicht, wie ich dir das erklären soll ... einen BH gefunden.«

»Seit wann bist du so prüde?«

»Ich bin immer zurückhaltend, wenn ich nicht die geringste Ahnung habe, was eigentlich los war.«

Cengiz lachte schallend. »Sei froh, dass nicht auch noch Chris’ Bluse bei dir auf der Couch liegt.«

»Scheiße, Cengiz, lass mich nicht hängen. Was war los?«

Sein Freund lachte erneut auf. »Du hast Chris dazu veranlasst, ihre Bluse und ihren BH auszuziehen.«

»Oh Mann, ist mir das peinlich. Scheißalkohol. Was hab ich gemacht?«, fragte Rainer besorgt.

»Keine Panik. Du hast nichts gemacht. Jedenfalls nichts, wofür du dich schämen müsstest. Wenn man davon absieht«, schränkte Cengiz ein, »dass du Chris bei dem Versuch, im Suff eine Rotweinflasche zu entkorken, die halbe Pulle über die Bluse geschüttet hast. Sie hat sich dann ihre Bluse und den BH bei dir im Bad ausgezogen, ausgewaschen und einen Pulli von dir übergezogen. Als sie dann ging, war die Bluse halbwegs trocken, nur der BH nicht. Und Karl oder Heinz hat dann das Ding von der Heizung im Bad wie eine Trophäe ins Wohnzimmer geschleppt. Gib ihr das Teil wieder und alles ist in Ordnung.«

»Pfff.« Esch atmete erleichtert aus. »Und ich dachte schon ...«

»Du musst ja eine wirklich verkommene Fantasie haben. Hätte ich gar nicht von dir gedacht. Erzähl doch mal, was hast du dir denn so vorgestellt?«, nahm ihn Cengiz auf den Arm.

»Ach, halt die Klappe.«

»Auch gut. Rainer, bist du eigentlich immer noch Alleininhaber dieser wahnsinnig erfolgreichen Detektei Look und Listen?«

Esch entging die Ironie in der Frage nicht. »Weißt du Arsch doch selbst. Was soll das?«

»Würdest du zwischen den unsagbar wichtigen Fällen, die du zurzeit bearbeitest, noch Zeit für ein weiteres kleines Fällchen erübrigen können?«

»Machst du Witze? Her damit.«

Sein Freund wusste nur zu gut, dass die Detektei, die Rainer gehörte, wirtschaftlich gesehen ein völliger Flop war. Monatelang hatte er außer einem entflogenen Kanarienvogel, den er für das überwältigende Honorar von fünfzig Mark aus dem Geäst eines nahen Baumes geholt hatte, keinerlei Aufträge gehabt. Dann waren, nach einem ziemlich medienwirksamen Schusswechsel im Recklinghäuser Lörhofcenter, bei dem Esch verwundet worden war, zwar einige Anfragen eingegangen, ein echter Auftrag war jedoch leider nicht darunter gewesen.

Trotzdem brachte Rainer es nicht über sich, die brotlose Kunst eines Privatermittlers aufzugeben und stattdessen sein vor sich hin dümpelndes Jurastudium zu beenden. Beenden war nicht ganz der richtige Ausdruck. Richtig anfangen wäre korrekter. Immerhin hatte ihm sein Engagement im Lörhofcenter damals nicht nur eine Schusswunde, sondern auch noch eine staatliche Belohnung von über hunderttausend Mark eingebracht, da durch seine Mithilfe Verbrechern das Handwerk gelegt wurde, die illegale Gewinne in zweistelliger Millionenhöhe bei der Währungsunion von Bundesrepublik und DDR eingefahren hatten.

Nachdem seine zahlreichen Gläubiger, darunter auch Cengiz und Rainers Hausbank, befriedigt worden waren, blieb immer noch genug übrig für einen neuen Mazda MX 5 Cabrio, eine preiswerte Neueinrichtung seines Büros und einige, schon lange begehrte Lokomotivmodelle von Märklin. Dann war die Knete, von einem Notgroschen abgesehen, den Esch in Investmentfonds investiert hatte, aufgebraucht und Rainer musste wieder seinem Hauptberuf, dem Taxifahren, nachgehen.

»Gut. Wie du willst«, erwiderte Cengiz.

»Um was geht es denn eigentlich?«, wollte Esch wissen.

»Um Schutzgelderpressung.«

»Was? Hör mal, Cengiz, ich bin doch nicht Rambo.«

»Weiß ich doch.«

»Täusche ich mich oder höre ich da einen spöttischen Unterton heraus?«

»Da musst du dich täuschen. Aber keine Angst, es handelt sich nicht um die italienische, russische oder Was-weiß-ich-Mafia. Es sind Kids, die eine Kioskinhaberin erpressen.«

»Ein Kiosk?«

»Ein Kiosk. ’ne Bude anne Ecke, wenn dich dat besser gefällt. Genau genommen ein Kiosk in Herne. Bei mich anne Ecke. In der Mont-Cenis-Straße. Ich kenne die Inhaberin.«

»Näher? Ist die hübsch?«

»Sie ist hübsch, ja.«

»Ah ja. Daher weht der Wind. Willst ihr imponieren, oder?«

»Dummes Zeug. Ihr Mann arbeitet auch auf Eiserner Kanzler, ich sehe den häufiger. Und sie hat wirklich Angst. Obwohl ihr Schaden eher gering ist. So richtig um Knete geht es da nicht. Da eine Cola, dann ’ne Schachtel Zigaretten und so was. Nichts Großes. Deshalb meine ich auch, du könntest dich drum kümmern. Sie wohnt im Übrigen da, wo du als Kind gespielt hast, wenn du deine Großeltern besucht hast. In der Teutoburgia-Siedlung in der Schreberstraße.«

»Vielen Dank auch. Nichts Großes. Das schmeichelt mir echt, Mann. Ist ja toll. Ich ermittle in einem Fall, wo Kinder von einer Bude Bonbons erpressen. Cengiz, es gibt heute kein Kid mehr, das nicht schon wenigstens eine Bank überfallen hat.«

»Kann sein. Willst du nun den Auftrag, oder nicht? Mir ist das egal.«

Esch seufzte. Erst ein entflogener Kanarienvogel und nun das. Er, der schon in Fällen ermittelt hatte, in denen es um Millionen ging. Selbstkritisch musste er allerdings einräumen, dass es sich erstens nur um einen Fall gehandelt und er sich zweitens das Mandat damals selbst erteilt hatte. Ein Kiosk in der Mont-Cenis-Straße in Herne ... Da war kein Auftrag eigentlich besser als dieser Auftrag. Völlig unter seiner Würde.

Deshalb sagte er: »Na gut. Schick sie zu mir ins Büro. Wie heißt sie?«

»Schattler. Karin Schattler. Und wann soll sie kommen?«

»In zwei Stunden. Und vielen Dank.«

3

Um kurz nach acht hatte Hauptkommissar Rüdiger Brischinsky von der Mordkommission der Recklinghäuser Kripo die telefonische Nachricht erreicht, dass im Untertagebetrieb der Zeche Eiserner Kanzler eine männliche Leiche gefunden worden war. Wenig später war Brischinsky mit seinem fünfzehn Jahre jüngeren Assistenten, Kommissar Heiner Baumann, in dem Dienstpassat unterwegs zum Bergwerk.

»Warst du eigentlich schon mal unter Tage?«, wollte Brischinsky von seinem Mitarbeiter wissen.

»Nee, bis jetzt noch nicht. Nur im Bergbaumuseum in Bochum.«

»Zählt nicht. Da ist es nicht warm genug. Außerdem staubt’s da nicht so.«

Nachdem sie dem Pförtner am Haupteingang des Bergwerkes ihre Dienstausweise vor die Nase gehalten hatten, wurden die beiden Beamten in die Büros der Werksleitung im ersten Stock des Verwaltungsgebäudes geführt. Dort begrüßten sie der Betriebsdirektor für Personal- und Sozialfragen, Humper, als Vertreter des nicht anwesenden Werksleiters und der Personalchef Meiner.

Humper kam sofort zu Sache: »Bei dem Toten handelt es sich um Heinz Schattler, Hauer und seit mehr als achtzehn Jahren bei der Bergwerks AG, davon die letzten zehn auf Eiserner Kanzler. Wir konnten ihn anhand des Werksausweises eindeutig identifizieren. Unser Werksarzt hat gemeldet, dass Schattler schwere Kopfverletzungen aufweist, die nach seiner Meinung nicht von einem Unfall stammen können ...«

Brischinsky unterbrach den Direktor: »Der Arzt meint, es sei kein Unfall gewesen?«

»Nein, vermutlich kein Unfall. Außerdem war die Leiche mit einer Plane zugedeckt. Und Schattler war ein äußerst zuverlässiger und sicherheitsbewusster Mitarbeiter. Deshalb haben wir uns gewundert, als uns unser Arbeitszeiterfassungssystem meldete, dass er nach seiner Nachtschicht heute Morgen nicht wieder ausgefahren ist.«

»Was für ein Arbeitszeiterfassungssystem?«, wollte Brischinsky wissen.

»Jeder Mitarbeiter des Bergwerkes ist mit einem elektronisch lesbaren Ausweis ausgestattet«, erläuterte Meiner. »Den zieht er am Schacht unmittelbar vor der Seilfahrt durch ein Lesegerät. So erfassen wir zum einen für die Gedingeabrechnung die genaue Arbeitszeit ...«

»Gedinge?«, fiel ihm Baumann ins Wort. »Das habe ich ja noch nie gehört. Was ist das?«

»Der bergmännische Akkordlohn wird so genannt«, erklärte Humper.

»... zum anderen können wir damit feststellen, ob alle Mitarbeiter nach Schichtende auch wieder ausgefahren sind. Es können ja trotz aller Sicherheitsvorkehrungen Unfälle passieren, die uns weder durch automatische noch manuelle Meldungen bekannt werden.«

»Kommt so etwas häufiger vor?«, erkundigte sich Brischinsky.

»Unfälle? Nein, glücklicherweise nicht. Dass aber jemand unter Tage bleibt, schon. Ist eigentlich Routine. Deshalb erhält jeder Steiger nach Schichtende eine Liste, die die Namen aller Bergleute seines Verantwortungsbereiches enthält, die nicht ausgefahren sind. Die Liste überprüft der Vorgesetzte dann und kann so feststellen, wer noch in der Grube ist.«

»Verstehe.« Brischinsky nickte Meiner zu. »Und als Schattler nicht nach oben kam ...«

»... nach über Tage kam«, korrigierte ihn Humper, wofür er sich einen etwas ungehaltenen Blick des Hauptkommissars einhandelte.

»... als er nicht mehr nach über Tage kam, haben Sie vermutlich sofort reagiert und einen Suchtrupp losgeschickt?«

»Nicht ganz. Zunächst haben wir unsere Technik auf ihre Funktionsfähigkeit überprüft. Fehler sind zwar selten, können aber natürlich auftreten. Erst als der Steiger sicher war, dass kein technischer Defekt vorlag und auch Lampe und Filter nicht an ihrem Platz in der Lampenstube waren, hat er seinen Kollegen von der Frühschicht, der in der Nähe von Schattlers Arbeitsplatz beschäftigt war, gebeten, nachzusehen. Eine organisierte Suche war das nicht. Von Zeit zu Zeit kommt es durchaus vor, dass sich Beschäftigte, die von der Nachtschicht kommen, unter Tage mit Kollegen der Frühschicht beispielsweise über dienstliche Probleme unterhalten und dann verspätet ausfahren. Manchmal schläft auch einer ein, gerade während der Nachtschicht.«

»Wie lange war der Tote denn überfällig?«, fragte der Hauptkommissar.

»Unser Erfassungssystem hat uns um zehn Minuten nach sechs den ersten Hinweis darauf gegeben, dass sich noch Mitarbeiter der Nachtschicht in der Grube befanden, die eigentlich schon über Tage sein sollten. Bis auf Schattler haben sich die Fälle schnell geklärt«, berichtete der Personalleiter. »Um Viertel vor sieben ist dann der Steiger mit seinem Mitarbeiter auf die Suche gegangen. Die beiden haben den Toten gegen zehn nach sieben gefunden. Werksarzt und der Leiter Arbeitssicherheit waren etwa eine halbe Stunde später vor Ort. Unmittelbar darauf wurden das zuständige Bergamt, der Notarzt und Sie benachrichtigt.«

»Wir möchten mit den Personen sprechen, die die Leiche entdeckt haben. Und natürlich auch den Fundort in Augenschein nehmen. Das ist doch sicher möglich, oder?«

»Selbstverständlich«, antwortete der Personaldirektor.

»Wenn ich Sie eben richtig verstanden habe«, folgerte der Hauptkommissar, »dann haben Sie also eine Liste aller Mitarbeiter, die während der Nachtschicht unter Tage waren?«

»Natürlich. Wir lassen Sie Ihnen ausdrucken.«

Brischinsky zückte sein Handy. »Bitte seid so gut und setzt die Spurensicherung in Marsch. Zum Bergwerk Eiserner Kanzler ... – Ja, sofort. Der Staatsanwalt kommt auch? – Danke. Wiederhören.«

Dann wandte er sich wieder an die Männer vom Bergwerk: »Unsere Spurensicherung wird in einigen Minuten hier sein. Bitte veranlassen Sie, dass am Fundort der Leiche nichts verändert wird. Der zuständige Staatsanwalt ist ebenfalls unterwegs.«

»Aber der Werksarzt hat den Toten doch schon untersucht. Sie wollen ihn jetzt nach über Tage bringen. Der kann doch nicht da liegen bleiben.« Meiner sah bestürzt aus.

»Bleibt er auch nicht. Nur so lange, bis wir den Fundort gesehen haben«, antwortete Baumann.

»Wir müssen den Mann doch aus der Grube holen«, insistierte Meiner erneut. »Außerdem steht die Förderung in diesem Streb still. Wir können keine Kohlen schicken, so lange ...«

»Jetzt hören Sie mir mal zu, Herr Meiner«, unterbrach ihn der Hauptkommissar mit ungewohnter Schärfe. »Ich kenne den Spruch: ›Bundesrecht bricht Landesrecht und Bergrecht bricht alles.‹ Das mag auch für verwaltungsrechtliche Sachverhalte so sein. Aber hier geht es um einen ungeklärten Todesfall. Da ist die Kripo zuständig und kein Sicherheitsdienst oder wer auch immer. Ein Bergwerk, und das gilt auch für unter Tage, ist kein exterritoriales Gebiet. Es ist schon schlimm genug, dass Ihre Leute da unten rumlaufen und vermutlich die Spurensicherung erschweren, wenn nicht sogar unmöglich machen. Also, lassen Sie bitte umgehend den Fundort der Leiche absperren. Ich möchte nicht, dass sich innerhalb der Absperrung einer Ihrer Mitarbeiter aufhält. Ich habe mich doch klar ausgedrückt, oder?«

Meiner sah seinen Vorgesetzten Humper an, der wortlos seine Zustimmung ausdrückte. Daraufhin verließ der Personalmensch das Büro, um die entsprechenden Anweisungen zu geben.

»Können wir jetzt bitte den Fundort sehen?«, fragte Brischinsky den Betriebsdirektor. »Und wenn der Staatsanwalt und unsere Spurensicherung eintreffen, würden Sie die dann sofort ...«

»Selbstverständlich.« Humper wandte sich an seine Sekretärin im Vorzimmer: »Sagen Sie bitte in der Kaue und beim zuständigen Betriebsführer Bescheid, dass wir anfahren. Die sollen den Zug bereitstellen. Und veranlassen Sie, dass die anderen Herren der Kripo und der Staatsanwalt nach ihrem Eintreffen ebenfalls sofort nach unter Tage kommen.«

Die Sekretärin nickte und griff zum Telefonhörer.

Zu den beiden Beamten gewandt, sagte der Direktor: »Bitte kommen Sie mit.«

Schweigend folgten die Polizisten Humper über die Flure des Verwaltungstraktes. Vor einer Tür am Ende eines Ganges blieben sie stehen.

Humper klingelte und ein älterer Mann, bekleidet mit einer weißen Bergmannshose, einem blau-weiß gestreiften Hemd und grünen Gummilatschen, öffnete. Warme, nach Chlor und Reinigungsmitteln riechende Luft schlug ihnen entgegen.

»Die Direktions- und Besucherkaue«, bemerkte der Direktor.

»Glück auf«, grüßte der Bergmann. »Hosengröße? Schuhgröße?«

Baumann sah Brischinsky erstaunt an.

»Der Kauenwärter benötigt Ihre Konfektionsgrößen, damit er Ihnen die passende Arbeitskleidung und gut sitzende Schuhe bringen kann«, erläuterte Humper.

»Wieso denn das?«, wunderte sich Baumann. »Wir müssen doch so schnell wie möglich an den Fundort der Leiche. Können wir denn nicht so ...«

»Nein. Bergrecht, verstehen Sie«, sagte der Direktor leicht süffisant. »Sie müssen sich vollständig entkleiden und die Sachen anziehen, die wir Ihnen gleich geben werden. Bitte wirklich alles anziehen. Das ist in Ihrem Interesse. Kohlenstaub dringt überall durch. Sie würden Ihre Unterwäsche nicht wieder erkennen, glauben Sie mir. Sie dürfen keine Uhren, keine Feuerzeuge, keine Diktiergeräte oder Ähnliches mit nach unter Tage nehmen. Ich nehme an, Sie haben noch keine Grubenfahrt unternommen?«

»Doch. Ich schon. Vor einigen Jahren«, entgegnete der Hauptkommissar. »Aber er«, Brischinsky drehte seinen Kopf zu Baumann, »war noch nie da unten.«

Humper ignorierte die unfachmännische Ausdrucksweise des Kriminalbeamten. »Wären Sie nun so freundlich und würden Ihre Größen ...?«

»Selbstverständlich. 56. Und 46 bei den Schuhen«, antwortete Brischinsky.

»Meine ist 52. Schuhe auch 46«, verkündete Baumann.

Sie gingen weiter und erreichten einen langen gekachelten Flur, von dem zahlreiche Türen abgingen.

Der Kauenwärter öffnete zwei gegenüberliegende Türen und wies mit der Hand hinein. »Bitte.«

Die Beamten betraten je eine Umkleidekabine, die ebenfalls vollständig gefliest waren.

Baumann sah sich um. An einer Wand stand ein schmaler, grüner Metallspind mit drei Türen und ein Stuhl, daneben befand sich ein Waschbecken und darüber ein Spiegel. Auf dem Ablagebord unter dem Spiegel lagen mehrere Seifen und Salben, deren Zweck dem Kommissar verborgen blieb.

An der gegenüberliegenden Wand waren eine Sitzbadewanne und eine Dusche installiert. Auf dem Rand der Badewanne lagen Badeschaum, Schwämme und eine Bürste mit einem langen Stiel.

Jemand klopfte an die Tür. Bevor Baumann antworten konnte, öffnete der Kauenwärter und legte einen weißen Arbeitsanzug auf den Rand der Badewanne. Der Bergmann zeigte auf den Stuhl, auf dem weitere Kleidungsstücke lagen.

Der Kommissar fügte sich in sein Schicksal und begann, sich auszuziehen. Als er die Unterwäsche, die groben Socken und das Bergmannshemd übergestreift hatte, wurde ihm angesichts der saunaartigen Temperaturen in der Kaue warm. Richtig zu schwitzen begann Baumann aber erst, nachdem er den schweren Arbeitsanzug angezogen hatte.

Er öffnete die Tür, sah Brischinsky in gebückter Haltung mit Schuhen hantieren und stolperte fast über ein Paar schwere Arbeitsstiefel, die der Kauenwärter dort abgestellt hatte. Die Arbeitsschuhe waren so dick mit Reinigungsfett eingeschmiert, dass Reste davon an den Fingern kleben blieben. Baumann bemühte sich, die Stiefel beim Anziehen möglichst wenig zu berühren. Trotzdem waren seine Hände fast flächendeckend mit schwarzem Schmier bedeckt, als er fertig war. Mangels eines Taschentuches wischte er seine Hände verstohlen an einem Tuch sauber, das er unter der Unterwäsche gefunden hatte.

Humper erschien im Gang.

»Sind Sie fertig, meine Herren?«, fragte er und musterte seine Begleiter. »Sie«, er wandte sich an Baumann, »müssen noch das Halstuch anlegen. Darf ich Ihnen helfen?«

Ehe der Polizeibeamte protestieren konnte, hatte Humper ihm das fettige, verdreckte Tuch aus der Hand genommen und es ihm mit geübter Bewegung um den Hals gelegt. Baumann spürte, wie sich das klebrige Schmierfett mit seinem Schweiß vermischte. Er war vollständig bedient. Polizist war ja schon ein mieser Beruf, aber Bergmann ...

Die Beamten folgten Humper an das Ende des Flures zu einer Bank, wo der Kauenwärter ihnen beim Anlegen der Schienbeinschoner, beim Anpassen der Innengröße des Sicherheitshelmes und der Befestigung des Filterselbstretters half. Humper stand neben ihnen und erläuterte den Gebrauch des Gerätes.

»... und das Wichtigste ist, nicht in Panik zu geraten. Der Filter wird beim Atmen heiß, das ist normal. Wir bringen Sie im Falle eines Falles sicher nach über Tage. Allerdings musste noch kein Besucher der Bergwerks AG je Gebrauch von dem Gerät machen.«

Baumann beruhigte das keineswegs, im Gegenteil. Und als ihnen Humper erklärte, dass jedes unter Tage eingesetzte Gerät wegen der Gefahr von Methan- oder Kohlenstaubexplosionen schlagwettergeschützt, das heißt explosionssicher war, rutschte dem Kommissar das Herz weiter Richtung Kniekehle.

Schließlich steckte der Kauenwärter ihnen noch den Akku für die Helmbeleuchtung in die rechte Jackentasche, legte ihnen das Kabel mit der Lampe von rechts um den Hals und führte es dann wieder von links kommend in einer Schlaufe unter dem Kabel hindurch, so dass die Leuchte vor der Brust baumelte, ohne sich lösen zu können. Baumann fühlte sich wie ein Eishockeytorwart in der Sahara.

Fünf Minuten später erreichten die Beamten und der Personaldirektor den Schacht, wo bereits der Förderkorb auf sie wartete. Nachdem Humper, Baumann und Brischinsky den Korb betreten hatten, ließ der Anschläger das Gitternetz herunter und gab mit drei Glockenschlägen das Signal zur Seilfahrt. Momente später setzte sich das Gefährt rumpelnd in Bewegung.

»Wie tief fahren wir eigentlich?«, wollte Baumann wissen.

»Flöz Sonnenschein ist auf der siebten Sohle, in einer Teufe von rund 1.200 Metern«, erwiderte Humper. »Aber Sie sollten sich sicherheitshalber hier fest halten ...« Der Bergmann richtete den Lichtstrahl seiner Kopflampe auf Ketten, die links und rechts an den Seitenwänden des Korbes angebracht waren. »Der Korb wird in den Spurlatten nicht immer ganz ruhig geführt. Und wer das nicht kennt ...«

Wie zur Bestätigung gab es einen Schlag, begleitet von einem leichten Knall, der Baumann stolpern ließ. Hektisch griff der Kommissar zur Haltekette.

»Steigen wir eigentlich noch einmal um?«, fragte Baumann verunsichert.

»Wie meinen Sie das?«, fragte Humper zurück.

»Na ja, ich meine, der Schacht hier, der geht doch nicht bis ganz nach unten ...?«

»Doch, natürlich. Bis auf eine Teufe von tausendfünfhundert Metern.«

»Sie meinen, unter uns ist ein Loch von tausendfünfhundert Metern?«, erkundigte sich Baumann verängstigt.

»Nein, natürlich nicht.«

»Da bin ich aber beruhigt. Ich dachte schon ...«

»Jetzt sind es selbstverständlich nur noch etwa tausend Meter. Fünfhundert haben wir schon hinter uns«, grinste ihn der Personaldirektor an.

Baumann schluckte und versuchte, nicht daran zu denken, welche Folgen es für sie haben würde, wenn sie den Rest der Strecke im freien Fall zurücklegen würden. Zu seinem tiefsten Bedauern gelang ihm das nicht.

Als der Förderkorb dann endlich auf der siebten Sohle auspendelte, hatte sich der Beamte schon dreimal geschworen, solche Abenteuer wie Grubenfahrten künftig zu unterlassen.

Endlich stiegen sie aus und Baumann holte erstaunt Luft. Das hatte er nicht erwartet: Vor ihnen erkannte er eine Art Bahnhofshalle von etwa zwanzig Meter Breite und gut fünfzehn Meter Höhe. Das Ende der Halle lag im Dunkeln, so dass Baumann die Längsausdehnung nicht schätzen konnte. In der Firste, sozusagen der ›Decke‹ der Strecke, gaben Neonröhren ihr fahles Licht ab. Ein starker, recht frischer Wind blies ihnen, aus dem Förderschacht kommend, in die Rücken.

Als Humper bemerkte, wie sich Brischinsky das Halstuch fester zog, erklärte er: »Das ist die Frischluftversorgung unter Tage, von den Bergleuten Wetter genannt. Durch den Schacht hinter uns strömen frische Wetter in das Grubengebäude und werden durch Wettertüren, das sind, wenn Sie so wollen, Luftschleusen, an die gewünschten Stellen unter Tage gebracht. An anderer Stelle stehen so genannte Wetterschächte, auf denen riesige Ventilatoren die verbrauchte Luft aus dem Grubengebäude herausziehen. Der so entstehende Unterdruck lässt dann hier die frischen Wetter einziehen.«

Brischinsky nickte anerkennend, während Baumann sich mit der Frage beschäftigte, was passieren würde, wenn jetzt 1.200 Meter Gestein über ihm einbrächen. Das Ergebnis seiner Überlegungen gefiel ihm nicht, gefiel ihm überhaupt nicht.

Auf fünf schmalspurigen Gleisen standen unterschiedlich lange Züge nebeneinander, deren Wagons mit den verschiedensten Materialien und Geräten gefüllt waren. Einige Bergleute waren damit beschäftigt, Wagons ab- und andere zusammenzukuppeln.

Auf dem äußersten rechten Gleis wartete mit laufendem Motor eine Diesellokomotive mit zwei gelben, etwas verschmutzten Wagen.

»Das ist unser Zug«, informierte Humper. »Bitte steigen Sie ein.«

Baumann und Brischinsky zwängten sich in den Ersten der Wagons, der Personaldirektor folgte ihnen und schloss die Tür. Mit einem Ruck setzte sich die Lok in Bewegung.

Baumann, der nicht mit einer so abrupten Anfahrt gerechnet hatte, wurde zur Seite geschleudert und knallte mit seinem Helm gegen eine der Verstrebungen des Wagons.

»Scheiße«, rief er und ergänzte, nachdem er durch einen Schwenk seiner Kopflampe auf Humper dessen besorgtes Gesicht erkennen konnte: »Nichts passiert. War nur der Schreck.«

Humper bemerkte trocken: »Jetzt wissen Sie, warum wir unter Tage immer einen Helm tragen.«