Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Simone bemüht sich um einen Neuanfang mit Pia, doch ihre Vergangenheit holt sie wieder ein. Der Alkohol, den sie schon überwunden glaubte, gefährdet ihre Beziehung ebenso wie ihre neue Karriere in Amerika. Zum letzten Mal verbringen Simone und Pia eine schöne Zeit gemeinsam in Wien auf dem Opernball, doch am Tag danach kommt es zum Eklat - Pia ist tief enttäuscht und glaubt nicht daran, dass sie Simone je wiedersehen wird. Und im weit entfernten Amerika sitzt Simone einsam und trinkt ... da führt sie ein erneutes Filmangebot wieder nach Europa ...
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 497
Veröffentlichungsjahr: 2013
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Die Fortsetzung des RomansDie Schauspielerin
© 20023. Auflage 2022édition el!es
www.elles.de [email protected]
Alle Rechte vorbehalten.
ISBN 978-3-932499-24-1
Coverfoto:
Simone schlenderte selbstvergessen durch den Garten der Villa und blieb dann an der Balustrade stehen, die zu dem blau unter ihr schimmernden Meer wies. Gedankenverloren strich sie mit den Fingern über die porige Steinstruktur, streifte die eine oder andere Ritze der Brüstung und lächelte leise vor sich hin. Zum Schluss hob sie den Blick und betrachtete immer noch versonnen den Horizont, an dem sich Meer und Himmel trafen, kaum zu unterscheiden in ihrer Bläue, wenn nicht gerade eine Wolke beschlossen hätte, den Himmel als solchen zu kennzeichnen.
Das Lächeln auf ihrem Gesicht vertiefte sich, als sie dem langsamen, kaum wahrnehmbaren Zug der Wolke mit ihren Blicken folgte. Ein leichter Wind kam auf, nein, eine Brise, korrigierte sie sich in Gedanken. Hier am Meer hieß das ja Brise. Sie konnte immer noch nicht glauben, dass sie hier war. An diesem Ort, in Lilian Harveys ehemaligem Besitz am Cap d’Antibes in Südfrankreich, an der Côte d’Azur, in diesem Haus, das sie sich seit ihrer Kindheit erträumt hatte und das jetzt ihr gehörte. Sie hatte oft davon geträumt, hatte sich weggeträumt vom Alltag, von allem, was sie belastete, von schlimmen Dingen . . . Sie brach ab und sah sich um. Pia kam zärtlich lächelnd durch den Garten auf sie zu, zwei Gläser mit einer rötlichen Flüssigkeit, die aber sicher keinen Alkohol enthielt, in Händen. Pia – wenn sie nicht gewesen wäre . . .
Sie hatte Simone erreicht und hielt ihr immer noch lächelnd ein Glas entgegen. »Alkoholfreie Cocktails, eigentlich nur gemischter Fruchtsaft mit ein paar weiteren Zutaten, ganz profan ausgedrückt. Magst du?«
»Sicher.« Simone lächelte zurück und nahm Pia das Glas aus der Hand. »Danke.«
Pia suchte kurz ihre Augen und stellte sich dann neben sie, um das Meer zu betrachten. »Es ist immer wieder schön«, sagte sie leise.
»Ja.« Simone konnte nicht mit Worten ausdrücken, was sie empfand. Es war so viel, so unglaublich überwältigend. Nie hatte sie sich hilfloser gefühlt als in den letzten Tagen, seit sie hier angekommen waren, beim Anblick des Meeres, beim Erlauschen der Ruhe, die doch keine war, weil das Meer immer rauschte, Tag und Nacht – mal mehr, mal weniger. Aber man hörte es nicht mehr, wenn man erst einmal eine Weile hier war. Es schien, als seien alle Geräusche verschwunden, und nur die Stille einer Welt ohne Hektik und Stress, ohne Termine und Ansprüche umgab sie. Worte waren viel zu wenig, viel zu ungenau oder genau, um dem gerecht zu werden – um so viel Schönheit zu beschreiben.
In ihrem Beruf hatte sie zwar immer mit Worten zu tun, oder eher wohl mit Wörtern, aber es waren nicht ihre eigenen, sie lernte nur auswendig, was ein anderer ihr in den Mund legte, und da sie sich so sehr angewöhnt hatte, sich auf die Wortschöpfungen Fremder zu verlassen – zu etwas anderem hatte sie ja auch gar keine Gelegenheit – war es ihr selbst fremd geworden, ihre eigenen Worte zu finden. Normalerweise hatte sie das ja auch nicht nötig. Aber nun, in diesem Augenblick und in vielen Augenblicken vor und gleich diesem in den vergangenen Tagen, vermisste sie diese Fähigkeit, die sie einmal besessen hatte, sehr. Es fehlte ihr an Übung, eigene Gedanken und Empfindungen auszudrücken, jedoch fremde wollte sie nicht zitieren, die ihr so wenig bedeuteten, und so tat sie es lieber gar nicht – was Pia irritierte, das merkte sie wohl.
Aber Pia hielt sich mit Kommentaren zurück. Sie sagte nichts, wenn Simone schwieg, und wartete nur ab. Sie wollte ihr wohl Zeit lassen, sich an alles zu gewöhnen. Oh, Pia war so verständnisvoll, so rücksichtsvoll ihr gegenüber, es war fast schon nicht mehr zum Aushalten. Sie konnte sich nicht erinnern, jemals so vorsichtig behandelt worden zu sein; nicht einmal in der Klinik. Sie fühlte sich wie ein rohes Ei. Manchmal regte es sie geradezu auf. Aber auch das ließ sie nicht nach außen dringen.
Plötzlich kamen ihr Worte in den Sinn, Sätze, Schilderungen, viele Dinge, die sie hätte sagen können, um die Situation zu beschreiben, sie in den Griff zu bekommen. Aber es waren erneut nicht ihre Worte, es waren Teile von Texten, die sie einmal auswendig gelernt hatte, für ein Theaterstück oder einen Film, sogar für ein Vorsprechen, bei dem sich dann herausgestellt hatte, dass nicht Worte vonnöten gewesen waren, um die Rolle zu bekommen, sondern etwas anderes . . . Sie schüttelte sich innerlich. Was war das Gedächtnis doch für eine merkwürdige Einrichtung. An manches erinnerte man sich sofort, selbst wenn man gar nicht wollte, und anderes war verschwunden, nicht mehr aufzufinden, ausgelöscht für alle Ewigkeit. Vielleicht war es gut so.
Pia legte schützend ihren Arm um Simones Schultern. »Frierst du?«
Bei dieser Frage wanderte Simones Aufmerksamkeit gemeinsam mit ihren Augen unwillkürlich vom Meer, das sie ohnehin schon nicht mehr richtig wahrgenommen hatte, zu ihrem Arm, auf dem sie zu ihrem eigenen Erstaunen eine Gänsehaut entdeckte. Sie schüttelte dennoch den Kopf. »Nein, eigentlich nicht. Vielleicht nur der Wind.«
»Wahrscheinlich«, sagte Pia mit einem merkwürdigen Blick. Sie glaubte ihr wohl nicht. »Ich dachte nur . . . Es sah aus, als ob du zitterst.«
»Ach ja?« Simone tat, als habe sie es gar nicht bemerkt, obwohl sie sich sehr wohl dessen bewusst war, was die Gänsehaut hervorgerufen hatte. Sie hatte die Erinnerung verdrängen wollen, die Erinnerung an . . . Wieder schüttelte sie sich leicht innerlich. Nein, daran wollte sie jetzt wirklich nicht denken. Nicht hier, nicht jetzt, eigentlich niemals mehr. Aber sie wusste, dass dieser Wunsch eine Illusion war. Es würde wiederkommen. Nicht nur die Erinnerung, auch . . . Das andere.
»Wenn dir kalt ist, gehen wir ins Haus«, schlug Pia jetzt vor. »Du musst nicht hier draußen stehen und frieren.«
In ihrem Blick lag so viel Zärtlichkeit, so viel Liebe, dass Simone am liebsten weggelaufen wäre. Sie dachte an eine Rolle, die sie einmal gespielt hatte und an das Lächeln, das sie, die Hauptfigur, stets hatte zur Schau tragen müssen. Sie setzte es auf. »Nein, schon gut. Ein Windhauch hat mich berührt – mich berührt wie der Anflug des Todes.« Unwillkürlich hatte sie die Worte aus der Rolle wiederholt.
Pia sah sie erschrocken an. »Was sagst du da?«
Simone winkte ab und lachte fröhlich. Ein Lachen, das aus einer anderen Rolle stammte. »Es war ein Text. Er kam mir gerade in den Sinn. Ich habe einmal einen Film gedreht, in dem das vorkam. In dem ich das sagen musste. Es hat keine Bedeutung.« Sie lachte wieder. »Komm, stoß mit mir an. Mein erster alkoholfreier Cocktail seit Jahren!«
Pia lächelte unsicher. Sie war noch nicht so ganz von Simones Fröhlichkeit überzeugt. Dennoch stieß sie mit ihr an, und beide tranken einen Schluck. Außerdem wusste Simone nur zu gut, wie sie Pia überzeugen konnte, von ihrer Fröhlichkeit, von allem . . .
Sie beugte sich zu Pia hinüber und küsste sie leicht auf den Mund. Als Pia reagierte – mit Verzögerung, denn sie wirkte erst einmal irritiert – küsste Simone sie heftiger, bis sie merkte, dass Pias Aufmerksamkeit sich von dem so unpassend zitierten Text, der Simone gegen ihren Willen herausgerutscht war, auf etwas anderes verlagerte. Dann hörte sie auf. Sie nahm ihr Glas und stützte sich auf die breite Brüstung. Als sie sich von Pias Mund löste, hatte sie kurz das Begehren in ihren Augen gesehen. Sie wusste, dass sie es selbst ausgelöst hatte – das kleinere Übel verglichen mit einer Diskussion über den Tod – und dass sie das Versprechen, das in ihrem Verhalten lag, einmal würde einlösen müssen. Dass es unvermeidbar war. Aber nicht gleich, bitte, nicht sofort . . .
Sie wandte ihren Kopf zu Pia und blickte sie ernst an. »Lass mir noch ein wenig Zeit . . . Bitte. Ich weiß, du –«
Pia unterbrach sie. »Nimm dir so viel Zeit, wie du möchtest«, erwiderte sie sanft und mit einem zärtlichen Blick, der Simone zu streicheln schien. Dann lachte sie leicht auf. »Aber bitte, sei so gut und küss mich nicht immer derart leidenschaftlich, bevor du mir so etwas sagst! Dann fällt mir das Warten sicher leichter.« Sie lächelte verständnisvoll.
»Du bist so süß«, schluckte Simone mit erstickter Stimme. »Ich habe dich gar nicht verdient.«
»Oh doch, das hast du.« Pia kam zu ihr herüber und nahm sie in den Arm. »Du hast es verdient, dass man sich um dich kümmert, glaub mir.« Sie beugte sich vor und hauchte Simone einen kaum wahrnehmbaren Kuss auf die Lippen. »Ich liebe dich«, sagte sie dann leise und ließ sie wieder los. Sie suchte Simones Augen. »Ich werde dich immer lieben.« Für einen Augenblick standen sie sich stumm gegenüber, dann seufzte Pia auf. »Ich muss morgen nach Hause zurück. Lass uns unseren letzten gemeinsamen Tag hier noch genießen.«
»Morgen schon?« Simone zuckte fast ein wenig zusammen.
Pia hob leicht die Augenbrauen. »Ich habe es dir vorgestern schon gesagt. Mein Geschäft wartet. Ich kann nicht mehr hierbleiben.«
»Ja, vorgestern . . .«, wiederholte Simone nachdenklich. »Stimmt, ich hatte es vergessen.« Oder wohl eher verdrängt, ergänzte sie innerlich vor sich selbst. Darin war sie ja besonders gut.
Der Nachmittag neigte sich irgendwann seinem Ende zu, und sie gingen ins Haus, als es fast schon dunkel war. »Ich packe schnell meine Sachen«, kündigte Pia etwas hin- und hergerissen an. Auch sie wäre lieber hiergeblieben, bei Simone, aber es war wirklich nicht mehr möglich. Sie musste nach Freiburg zurück. Auch wenn Tatjana mittlerweile sehr gut mit der Administration zurechtkam, Pia war die Chefin. Ganz ohne sie lief es einfach nicht über längere Zeit. Und ein so kleines Unternehmen wie ihres konnte es sich nicht leisten, Aufträge zu verlieren, nur weil die Chefin glaubte, sich ihrem Liebesleben widmen zu müssen.
Wenn es das denn überhaupt gab . . . Pia seufzte in sich hinein. Seit sie dieses Haus betreten hatten, war Simone ausgesprochen zurückhaltend gewesen, und Pia wollte sie nicht drängen. Simone hatte so viel zu verarbeiten. Dennoch sehnte Pia sich auch körperlich nach ihr, wie immer, und suchte nach Anzeichen, dass Simone ihre Zurückhaltung vielleicht doch noch eines Tages aufgeben würde. Das Haus besaß ausreichend viele Zimmer, sie schliefen getrennt seit der ersten Nacht, die sie hier verbracht hatten, das schienen beide zu bevorzugen, aber aus unterschiedlichen Gründen, das war Pia sehr wohl klar. Zumindest glaubte sie, dass es ihr klar war. Simone hatte sich nicht dazu geäußert, wie stets.
Pia dachte an den Strand von Nizza und lächelte in sich hinein. Simone hatte damals vieles zugelassen, und das würde sie auch wieder tun. Pia musste einfach nur warten, auch wenn es ihr schwerfiel. Sie wollte Simone ja verstehen, sie wollte begreifen, was in ihr vorging, aber Simone ließ so wenig Informationen nach außen dringen, dass es außerordentlich schwierig erschien, das nachzuvollziehen – schier unmöglich.
Äußerlich wirkte sie meistens gut gelaunt, seit sie sich hier aufhielten, war überwältigt von dem Haus und der Umgebung, schien sich über vieles, auch über Pias Anwesenheit, zu freuen. Aber sobald sich der Abend näherte, wurde sie unruhig und zog sich stets früher als nötig in ihr Zimmer zurück. Pia nahm an, sie wollte romantische Situationen bei Kerzenschein und Sonnenuntergang vermeiden, die zu weiteren Aktivitäten hätten führen können. In Venedig hatte sie es noch gekonnt, hatte sogar selbst den Ausflug in der Gondel und das Candle-Light-Dinner auf der Terrasse des Hotels vorgeschlagen, aber so forsch war sie nun nicht mehr. Seit sie hier waren, schien sie in dieser Hinsicht verschlossen wie eine Auster, manchmal wirkte sie genauso gefühlskalt wie früher.
Pia wusste nicht, weshalb. Obwohl sie keine Erfahrungen mit Therapien aufweisen konnte, hatte sie nach deren Abschluss doch ein etwas anderes Verhalten erwartet. Hätte Simone nicht eigentlich offener sein müssen, weil sie nun ihre Probleme im Griff hatte, den Alkohol, die Tabletten, und was sonst noch? Aber das Gegenteil war der Fall: Sie schien noch zugeknöpfter als zuvor. Sie zeigte ihre Gefühle nicht und sie sprach nicht darüber. Pia wusste nicht, wie sie reagieren sollte. Erwartete Simone etwa, dass Pia die Führung übernahm?
Tagsüber erschien Simone charmant und aufgeräumt, ging mit Pia spazieren oder genoss mit ihr gemeinsam den Garten – ein paar Liegestühle hatten sie auch schon gefunden – und das Meer. Sie wirkte gelöst und locker, ganz, als ob alles in Ordnung wäre, aber abends verwandelte sie sich in eine völlig andere Frau. Auch wenn Pia vermutete, dass Simone Angst hatte, warum sprach sie dann nicht mit Pia darüber? Oder war es vielleicht doch etwas anderes?
Sollte Pia den ersten Schritt tun? Aber würde sie Simone damit nicht entschieden zu nahetreten? Schließlich hatten sie auch schon solche Situationen miteinander erlebt, und Pia wünschte sich nicht, das zu wiederholen. Es hatte ihr zu weh getan. Also vermied sie es lieber, Simone darauf anzusprechen, und Simone tat es auch nicht.
Die Tage verliefen dadurch sehr geruhsam, aber die Nächte . . .? Pia wälzte sich oft herum und dachte an Simone, die nebenan schlief und vielleicht auch nicht zur Ruhe kam. Wer konnte das wissen? Sie sehnte sich nach Simone, tagsüber kam sie nicht an sie heran, Simone verhielt sich freundlich, aber indifferent. Und nachts war sie unendlich weit weg. Hatte sie, Pia, sich das gewünscht? Eine solche Beziehung? Aber war es denn eine? Das hatte sie sich schon des Öfteren gefragt.
Simone war mit ihr nach Südfrankreich gekommen, das ja, aber mehr nicht. Es war mehr wie eine Art Urlaub unter Freundinnen, unter Heterofreundinnen, die nichts voneinander wollten. Pia hatte sich mehr erhofft.
Simone folgte Pia in ihr Zimmer und sah ihr beim Packen zu. »Wann willst du fahren?« Ihre Stimme klang ausdruckslos; Pia hätte nicht sagen können, was sie empfand. Aber das konnte sie ja so gut wie nie. Schauspielerinnen hatten diesen Vorteil gegenüber Normalsterblichen.
Pia seufzte. »So früh wie möglich. Es ist ja doch ein ganz schönes Ende nach Freiburg. Und wer weiß, was mich auf der Strecke erwartet? Schnee in Grenoble vielleicht?« Sie lachte ein wenig.
»Also direkt nach dem Frühstück?«, fragte Simone.
Pia wusste nicht, was sie damit bezweckte. Warum war der genaue Zeitpunkt so wichtig? Sie zuckte mit den Schultern. »Das wäre wohl am besten, ja.«
Simone stand überlegend im Türrahmen, an eine Seite gelehnt, und beobachtete Pia. Sie hatte es ihr nie sagen können, aber sie hatte sich wohlgefühlt mit ihr in den letzten Tagen. Sicher, in den Nächten . . . Sie wusste nicht, was Pia von ihr erwartete – oder vielleicht wusste sie es zu genau –, auf jeden Fall hatte sie vermieden auszuprobieren, ob ihre Vermutung stimmte. Und Pia hatte es akzeptiert, einfach so. Damit hatte Simone eigentlich nicht gerechnet. Sie hatte erwartet, dass Pia ihr als Erstes das Schlafzimmer zeigen würde, um es gleich einzuweihen. Das hatte sie nicht getan. Auch als Simone ziemlich deutlich gemacht hatte, dass sie nicht mit ihr im selben Zimmer schlafen würde, hatte Pia nicht protestiert. Sie hatte es hingenommen und nichts gesagt, ihr keine Vorwürfe gemacht und keinerlei Erklärung verlangt.
Besonders in der ersten Nacht hatte Simone erwartet, dass sie doch noch in ihr Schlafzimmer kommen würde, dass sie nur warten würde, bis das Licht ausging. Deshalb hatte sie es brennen lassen. Aber sie hatte sich nicht getraut, die Tür abzuschließen. Warum nicht? Hier war kein Mensch weit und breit. Selbst wenn Pia eine Mordsrandale veranstaltet hätte, um in ihr Schlafzimmer einzubrechen, hätte es niemand gehört. Aber vielleicht hatte sie auch einfach zeigen wollen, dass sie sich sicher fühlte, dass sie Pia vertraute. Und Pia hatte sie nicht enttäuscht. Sie war nicht in ihr Zimmer gekommen, und am nächsten Morgen hatte sie sie mit einem zärtlichen Lächeln und einem ebenso zärtlichen, aber keuschen Kuss begrüßt.
Deshalb, weil sich dieses Spiel jede Nacht und jeden Tag wiederholte, hatte Simone sich so wohlgefühlt mit ihr, nicht nur wohl, sondern sogar geborgen. Geborgen in dieser Liebe, die nichts verlangte, auch wenn es Pia offensichtlich schwerfiel. Simone kannte die Anzeichen schließlich nur zu gut. Aber Pia ließ sie in Ruhe. Sie respektierte ihre Zurückhaltung und sagte oder tat nichts, das etwas anderes forderte. Trotzdem war Simone jeden Abend eilig in ihr Zimmer gegangen, wenn sie merkte, dass Pia in romantische Stimmung kam. Sie fasste Simone nicht an, sie versuchte es nicht einmal, über flüchtige Berührungen hinaus, aber Simone spürte das Begehren, das in Pia wuchs – das vermutlich nie aufgehört hatte –, auch ohne dass Pia etwas sagte. Simone wollte das nicht noch steigern, bis sie sich wieder einmal verteidigen oder hingeben musste. Was hätte sie dann getan? Früher hatte sie den Alkohol gehabt, aber jetzt?
Doch nun, da Pia sie verlassen würde, wenn auch nur für begrenzte Zeit, fühlte Simone sich schuldig. Pia hatte so viel für sie getan, und sie, Simone, verweigerte ihr das Einzige, wonach sie sich so sehr sehnte: sich selbst. War es denn wirklich so schrecklich? Warum war es in Nizza damals gegangen, wenigstens zum Teil, und jetzt ging gar nichts mehr? Sie versuchte, sich die Empfindungen am Strand, damals in der Nacht, als sie von Cannes nach Nizza gefahren waren, wieder in Erinnerung zu rufen. Sie hatte es schön gefunden – bis zu einem bestimmten Zeitpunkt, gewiss –, aber sie wusste genau: Sie hatte es schön gefunden. Ihre eigene Reaktion hatte es bestätigt: Sie war nass gewesen und erregt, vielleicht nicht genug, vielleicht nicht so wie Pia, aber sicher mehr, als sie sich in ihrem ganzen Leben erinnern konnte, gewesen zu sein. Pia schien ein Mensch zu sein, dem sie vertraute. Sie hatte sich ihr hingeben wollen, wirklich hingeben. Aber zum Ende hin hatte es dann doch nicht funktioniert. Es war einfach nicht gegangen. Die Angst hatte sie überwältigt, und dann war Schluss gewesen.
Sie zwang ihre Gedanken in eine andere Richtung. Weiter wollte sie sich nicht erinnern. Was danach gekommen war, wollte sie vergessen, nur nicht mehr daran denken . . . Aber jetzt? Was war jetzt? Konnte sie Pia so gehenlassen? Würde sie dann wiederkommen? Lag ihr, Simone, überhaupt etwas daran, dass sie wiederkam? Sie musste eine ganze Weile darüber nachdenken. Ihr hatte so selten wirklich etwas an einem Menschen gelegen. Menschen benutzten sie, und seit sie es auch konnte, benutzte sie die Menschen, um sich ein wenig von dem zu verschaffen, was ihr wichtig erschien, so viel wie möglich. Aber war je ein Mensch aus einem anderen Grund wichtig für sie gewesen? Hatte sie sich je um einen Menschen gekümmert, von dem sie eigentlich nichts wollte? Selten, gab sie vor sich selbst zu, sehr selten. Sie konnte sich nicht erinnern.
Und wollte sie nicht auch etwas von Pia? Ja, sicher wollte sie das. Dieses Gefühl der Geborgenheit, das Pia ihr in den letzten Tagen und manchmal auch schon davor vermittelt hatte, das wollte sie nicht verlieren. Und wenn sie Pia nicht gab, wonach sie sich sehnte, dann würde sie es sich vielleicht anders überlegen, vielleicht wirklich nie mehr zurückkommen. Pia war eine nette Frau und nicht unattraktiv. Warum sollte sie keine andere finden, die sie liebte und die ihr das gab, was Simone ihr verweigerte? Und dann würde sie sicher nicht mehr zurückkehren. Es hatte in Nizza geklappt, warum nicht auch heute?
Pia wühlte in ihrer Tasche und verstaute noch ein paar Dinge, als Simone auf sie zutrat und sie von hinten umarmte. Pia erstarrte. Sie wusste nicht, wie ihr geschah. »Simone?«, fragte sie leise und ungläubig.
»Wer sonst?«, lachte Simone kokett. Sie wusste genau, welchen Klang sie ihrer Stimme geben musste, um so verführerisch zu wirken, wie sie es wollte. Pia drehte sich um. »Ich möchte mich von dir verabschieden«, fuhr Simone leise fort, während sie Pias Augen suchte, die etwas verwirrt blickten, und jetzt unterlegte sie ihre Stimme mit jener erotischen Färbung, die sich Pia garantiert wünschte. Und die sie davon überzeugen würde, dass Simone das Gleiche wollte wie sie. Es würde nicht schwer sein, sie zu überzeugen, das wusste Simone; Pia begehrte sie ja ohnehin. Simone brauchte nur auf den richtigen Knopf zu drücken, dann würde alles nach Wunsch verlaufen.
Nach Pias Wunsch zumindest. Ob nach ihrem eigenen, darüber machte Simone sich erst einmal keine Gedanken, sie wollte sich keine Gedanken darüber machen, dann hätte sie es nicht tun können. Sie zog Pias Gesicht zu sich heran und küsste sie, zuerst vorsichtig, dann immer leidenschaftlicher. Und Pia reagierte sofort, wie sie es erwartet hatte. Sie nahm Simone in die Arme, zog sie an sich und ließ ihre Zunge in Simones Mund sinken, um ihn zu erforschen. Simone verspürte ein gewisses Kribbeln, als Pias Zunge ihre berührte und liebkoste, wie auch schon bei den letzten Küssen, die sie mit Pia getauscht hatte. Es gefiel ihr immer mehr, das merkte sie, und sie war sehr froh darüber, dass sich daran nichts geändert hatte. Wenn es nur um einen Kuss gegangen wäre . . .
Als der Kuss endete, seufzte Pia und legte ihren Kopf auf Simones Schulter. »Ich habe mich so nach dir gesehnt.«
Natürlich hatte sie das. Wie hätte es Simone sonst immer wieder bemerken können? Aber es war zu früh, schon jetzt sarkastische Bemerkungen darüber zu machen, selbst im eigenen Kopf, rief sich Simone zur Ordnung. Zuerst einmal musste sie Pia einen Grund geben, wiederzukommen, sie nicht endgültig zu verlassen, wie es schon so viele getan hatten, die mit ihr unzufrieden gewesen waren. Sie musste ihr einen Grund geben . . . »Komm«, flüsterte sie und zog Pia zum Bett. Diesmal würde sie nicht so dumm sein, Pia zu sagen, warum sie es tat, wie schon einmal in Cannes. Diesmal würde sie das Motiv für sich behalten.
Pia folgte ihr zögernd, und Simone ließ sich langsam auf der Decke zurücksinken, als sie das Fußende des Bettes erreicht hatte, ohne Pia dabei aus den Augen zu lassen. Die konnte ihr Glück wahrscheinlich noch gar nicht fassen. Hoffentlich würde sie Simone nicht wieder durchschauen und merken, was los war, wie es schon einige Male der Fall gewesen war, das wäre ungünstig. Deshalb wiederholte Simone noch einmal flüsternd und mit der verlockendsten Stimme, die sie je in einem Film verwendet hatte: »Komm. Komm zu mir, bitte.«
Jetzt war Pia besiegt, das sah sie ihr an. Sie ließ sich neben Simone aufs Bett gleiten und suchte erneut ihren Mund – was Simone durchaus begrüßte, denn es verschaffte ihr wieder dieses leichte Kribbeln, das so angenehm war –, während sie gleichzeitig langsam mit einer Hand an Simones Körper hinunterfuhr, ihren Rücken entlang zu ihrem Po, was Simone mit innerlicher Beunruhigung zur Kenntnis nahm. Aber hatte sie denn angenommen, dass Pia sich mit einem Kuss zufriedengeben würde? Dass das ein Grund für sie sein konnte zurückzukommen? – Nicht wirklich. – Simone war sich darüber im Klaren, dass sie Pia mehr geben musste als das. Und das wollte sie ja auch. Aber sie wusste nicht, ob sie es konnte.
Bis jetzt war das alles ja noch sehr angenehm. Pia küsste sie, und Simone empfand das Kribbeln immer stärker, auch wenn es nicht bis zwischen ihre Beine gelangte, aber das hatte es ja noch nie getan – bis auf jene eine einzige Ausnahme am Strand von Nizza. Vielleicht, wenn sie es noch ein bisschen ausdehnte . . . wenn sie sich noch ein wenig mehr Zeit ließ . . .
Solange sie angezogen war, fühlte sie sich nicht so bedroht, und Pia zeigte im Moment noch kein Interesse, sie auszuziehen. Sie genoss Simones Küsse und streichelte sehr zärtlich ihren Körper, aber nur bis zu einer erträglichen Grenze, ihre Beine, ihren Po, ihren Rücken, ihre Brüste. Dennoch: Irgendwann würde sie diese Grenze überschreiten, sie überschreiten wollen, und wenn Simone das nicht zuließ . . . Was würde dann geschehen? Sie musste es zulassen. Sie musste einfach!
Pia fragte sich unterdessen, was diesen Stimmungsumschwung bei Simone bewirkt hatte. Sie hatte Pia völlig überrumpelt, und natürlich hatte Pia ihr nicht lange widerstehen können, das hatte sie ja noch nie gekonnt. Aber irgend-etwas musste da sein. Warum jetzt? Warum ausgerechnet heute, wo sie morgen abfuhr? Litt Simone unter einer Art Torschlusspanik? Sie nahm sich vor, Simones Reaktionen genau zu beobachten. Sie wollte Simone nicht ausnutzen, so sehr es ihr auch jetzt gefiel, sie küssen, streicheln und anfassen zu dürfen. Wenn sie nicht sicher war, musste sie sich eben beherrschen und aufhören. Und wenn es ihr noch so schwerfallen sollte. Sie suchte nach gewissen Anzeichen in Simones Augen, aber Simone lächelte. Zärtlich und . . . ja, scheinbar erregt. Konnte das sein? Immerhin war es Simone gewesen, die zu ihr gekommen war, nicht umgekehrt. War das ein gutes Zeichen? Sie wusste es nicht.
Simone schob ihre Hand an Pias Brust entlang, während sie sie weiter küsste, und hörte Pias Stöhnen in ihrem eigenen Mund. Gut, das war gut. Es machte sie sogar selbst ein bisschen an. Voller Überraschung stellte sie es fest. Vielleicht bestand ja doch eine Chance, dass es weiterging, dass Pia sie so sehr erregte, dass alles ganz normal ablief, wie bei jedem anderen Paar auch.
Sie hatte ihre Zweifel, sie kannte sich zu genau, aber ein kleiner Hoffnungsschimmer steigerte für einen Moment auch ihre eigene Erregung, vielleicht kaum messbar, aber immerhin. Sie war ja schon mit wenig zufrieden. So große Gefühlsausbrüche im Bett, wie sie für Pia selbstverständlich zu sein schienen, kannte sie ja ohnehin nicht. Jedenfalls nicht in Wirklichkeit, sondern nur im Film. Und wenn sie sie denn in Wirklichkeit produziert hatte, konnte sie sich nicht mehr daran erinnern, weil sie zu betrunken gewesen war. Das wäre sie jetzt auch gern gewesen. Es hätte so vieles leichter gemacht. Aber diesmal hatte sie diesen Schutzwall nicht. Sie musste so hindurch: ungeschützt und wehrlos.
Sie begann, Pia auszuziehen, öffnete ihre Knöpfe, ihren Gürtel, ihre Hose, und küsste die darunterliegende Haut, die sie freilegte, ausgiebig. Pias Haut war weich und warm, sie genoss es sogar, sie zu küssen und zärtlich daran zu knabbern. Es gab ihr ein gutes Gefühl, in gewisser Weise sogar ein Gefühl von Macht über die andere – wie über all die anderen anderen. Wenn sie sich dann unter ihr wanden und stöhnten, fühlte sie sich für einen winzigen Moment überlegen. Sie hatte die Macht, ihnen solche Gefühle zu bereiten oder auch nicht. Aber sie wusste, dass auch das eine Illusion war, ebenso wie dass man irgendetwas umsonst bekam in dieser Welt. Man musste immer dafür bezahlen, teuer bezahlen. Selbst für ein bisschen Zuneigung, einen kleinen Beweis der Sympathie, ein wenig angenehme Gesellschaft.
Pia legte sich zurück und ließ Simone mit ihrem Körper machen, was sie wollte. Sie seufzte zuerst nur leise, dann begann sie zu stöhnen, »Oh Simone!«, und seufzte wieder. Simone gefiel es erneut, diese Reaktionen bei ihr hervorzurufen, sie wusste genau, wie sie es machen musste, da fühlte sie sich sicher. Solange es nur um die anderen ging, hatte sie auch nichts dagegen, selbst wenn es ihr nicht allzu viel gab außer dem kleinen flüchtigen Überlegenheitsgefühl, mehr als flüchtig. Berührungen weicher, warmer, wohlriechender Haut waren eine angenehme Zerstreuung, eine Beschäftigung, der sie zwar nicht viel, aber doch ein wenig Genuss abgewinnen konnte. Jedoch wenn sich das Interesse dann ihr zuwandte . . .
Das sollte es nicht! Vielleicht konnte sie Pia so sehr befriedigen, dass sie auf ihren Teil verzichtete? Sie erinnerte sich: Das hatte sie schon mal versucht, und es hatte nicht zu dem von ihr gewünschten Ergebnis geführt. Pia war schnell wieder fit gewesen und hatte ihre Ansprüche angemeldet. Ob es heute anders ging? Nein. Sie seufzte innerlich. Das würde es nicht. Pia war ausgesprochen konditionsstark, das hatte sie schon zur Genüge feststellen können. Sie, Simone, würde es einfach mit sich tun lassen und dabei abschalten wie früher, damals, als sie noch keinen Alkohol hatte. Warum sollte das nicht gehen? Sie hatte es schließlich jahrelang praktiziert.
Sie widmete sich nun ausgiebig Pias Brüsten, und Pia warf sich erregt herum und rief, nein stöhnte immer wieder ihren Namen. Simones Zunge ließ Pias Brustwarzen anschwellen, bis sie fast ihren ganzen Mund ausfüllten. Auch das Gefühl mochte sie durchaus. Es war etwas Besonderes. Und ein leichtes Kribbeln bei sich konnte sie dabei auch erzeugen, wenn ihre Zungenspitze die etwas ungleichmäßige Oberfläche der Brustwarzen traf. Es war nicht unangenehm. Aber mehr auch nicht.
Pia schäumte schon fast über und griff nach Simone, die sich ihr gewohnheitsmäßig geschickt entzog. »Bitte, Simone . . .«, flehte Pia enttäuscht und gleichzeitig in Erwartung ihres ersten Höhepunktes. Eine Weile konnte Simone sich ihr noch versagen, aber nicht mehr lange, wenn sie das Ganze nicht abbrechen und eine zutiefst frustrierte Pia wegfahren lassen wollte, die keinen Grund mehr haben würde, jemals wieder zu Simone zurückzukehren . . . Simone ließ Pias Hände an ihren Beinen aufwärtsfahren und unter ihr Kleid. Sie entzog sich nicht mehr.
Eine Weile später waren sie beide nackt, und Simone ließ Pia nicht zur Ruhe kommen, bis die nur noch keuchend und ächzend dalag, nach Luft schnappend wie ein Fisch auf dem Trockenen. »Mein Gott, Simone«, lachte sie erschöpft. »Was ist heute los mit dir?«
»Nichts.« Simone wollte aufstehen, weggehen, sich anziehen. Sie wusste, was jetzt kommen würde. Pia würde nicht lange so erschöpft daliegen. Sie sah schon den Glanz in ihren Augen, die mit begehrenden Blicken über Simones nackten Körper fuhren.
»Du bist so schön«, hauchte Pia ganz überwältigt.
Ja, oh ja! Schön! Schön fanden sie alle. Sahen sie denn niemals mehr in ihr als einen schönen Körper und ein schönes Gesicht? Auch Pia nicht? Simone sah auf sie hinunter. Nein, auch sie nicht – jedenfalls nicht in diesem Moment. Nicht einmal sie, nicht einmal Pia, bei der sie sich so geborgen fühlte – oder eher wohl gefühlt hatte, denn in dieser Situation hier fühlte sie ganz etwas anderes. Von Geborgenheit war das weit entfernt. Die Panik stieg wieder in ihr hoch, das bekannte Gefühl, als sie beobachtete, wie Pia sich aufrichtete und ihren Arm nach ihr ausstreckte.
Simone ließ sich auf den Rücken sinken und spreizte leicht ihre Beine. Pia würde dazwischen wollen, das war wohl unvermeidlich, also sollte sie gleich das Richtige tun. Vielleicht ging es dann schneller. Vielleicht wurde es ja auch nicht so schlimm, vielleicht konnte sie es ertragen oder vielleicht . . . gab es gar nichts zu ertragen. Vielleicht würde es schön sein. Das glaubte sie jedoch am allerwenigsten. Aber vielleicht . . . vielleicht . . . würde sie einfach gar nichts spüren, wie früher. Damals hatte sie keinen Alkohol gehabt und jetzt auch nicht. War das nicht das Gleiche? Wie groß war die Chance, dass sie nichts spüren würde?
Aber andererseits, das wollte sie ja eigentlich gar nicht. Was hatte sie damals Pia am Strand von Nizza erzählt? Dass sie eigentlich erwartete, dass sie es auch einmal erleben würde, den großen Knall, von dem alle schwärmten, von dem Pia so besessen war – sie und alle anderen. Vielleicht hatte sie ja Glück. Doch schon, als Pias Hand sie berührte, zuckte sie zusammen. Sie konnte gerade noch unterdrücken, es Pia merken zu lassen. Sie war nicht vor Lust zusammengezuckt, sondern vor Angst, fast vor Schmerz. Es würde nicht gelingen. Sie würde das Schlimmste ertragen müssen, ganz ohne Alkohol, bei vollem Bewusstsein . . .
Ihr Innerstes krampfte sich zusammen, sie wollte fliehen, selbst Pias streichelnder Hand entkommen, die doch so sanft war, die sie so liebevoll berührte, die . . . diese Panik in ihr hervorrief. Pias Körper schob sich auf ihren, und sie spürte die warme Zärtlichkeit der Haut, ein sanftes Kribbeln, das sie hätte erregen sollen. Aber da war nichts. Kein Wunder geschah, kein Himmel hing voller Geigen, kein Herz schwebte auf Wolke sieben. Pias Hand fuhr langsam zu ihrer Brust hinauf, suchte die Brustwarze und konnte sie nicht finden. Bevor sie allzu sehr davon irritiert sein konnte, dachte Simone an kaltes Wasser, an einen eisigen Bergbach, der über ihre Brüste floss, und augenblicklich richteten ihre Brustwarzen sich auf, wie sie es immer taten, wenn sie dieses Bild benutzte, und eine Gänsehaut, diesmal eine bewusst von ihr gewollte, überzog ihre Haut. Pia seufzte zufrieden auf, als sie die hervorstehende Spitze immer härter werden fühlte und daran saugen konnte. Geschafft!
Eine Weile beschäftigte sich Pia mit ihren Brüsten, dann kam sie zu ihr hoch und küsste sie, mit einer weichen, sanften Zunge, die Simone ganz und gar auszufüllen schien und ihr sogar ein paar Empfindungen entlockte. Ein leichtes Prickeln auf den Fußsohlen, ein wohliges Kribbeln an den Armen, eine erhöhte Sensibilität an der Hautoberfläche – mehr nicht. Dort, wo etwas geschehen sollte, geschah nichts. Wie immer. Ihre Panik wuchs. Schon lange war sie nicht mehr ohne Alkohol in einer solchen Situation gewesen. Was hatte sie getan, wenn sie betrunken war, wenn sie betrunken mit jemand im Bett lag und der oder die an ihr herumfummelte? Sie erinnerte sich nicht daran – deshalb hatte sie ja schließlich auch getrunken. Um es zu vergessen. Um es gar nicht erst mitzubekommen. Im Gegensatz zu ihrer alkohollosen Zeit waren in betrunkenem Zustand immer alle sehr zufrieden mit ihr gewesen. Aber weshalb? Was hatte sie getan? Oh Gott! Wenn sie sich nur erinnern könnte!
Sie fühlte Pias Hände an ihrem Körper abwärts gleiten. Sie beschäftigte sich nun weniger mit Simones Reaktionen, obwohl sie ein oder zweimal skeptisch ihr Gesicht gemustert hatte. Dann lächelte Simone, um sie zu beruhigen, und das hatte anscheinend auch funktioniert. Sie seufzte ein bisschen und wand sich etwas unter den sie streichelnden Händen, das tat sie schließlich in fast jeder Szene, die sie drehte, das war nicht so schwer, und Pia würde es davon überzeugen, dass es richtig war, was sie tat. Richtig und gut für Simone und sie selbst.
Tiefer und tiefer bewegten sich Pias Finger mit sanftem Kreisen über ihre Haut, was sicher bei jeder anderen Frau in dieser Situation ein angenehmes Gefühl hervorgerufen hätte, Erregung, Begehren. Aber Simone war starr vor Schreck. Oh nein! Bitte, fass mich nicht an! Bitte, fass mich nicht an! Bitte . . . nicht! Sie keuchte auf, weil die Angst ihr die Luft abpresste, und Pia flüsterte: »Ja, komm«, weil sie es für Leidenschaft hielt.
Das sollte sie ja auch. Das sollte sie unbedingt. Sie sollte es nicht wissen, durfte nie erfahren, was Simone wirklich empfand, dass sie es immer noch nicht ertragen konnte, angefasst zu werden, nicht einmal von Pia – jetzt noch weniger als vor der Kur . . . weit weniger. Sie sah das Bild einer Flasche vor sich auftauchen, eine Flasche Cognac, dann Champagner, ein gerade gefülltes Glas, das überschäumte. Sie fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. Vielleicht konnte sie sich einbilden, betrunken zu sein, konnte sich einbilden, einfach nichts zu spüren? Keine Angst, keine Panik, keinen Ekel, keinen Hass. Aber Pia würde etwas sehen wollen, etwas, das sie davon überzeugte, dass Simone jetzt in Ordnung war, dass sie nun empfinden konnte wie jede andere Frau. »Willst du es wirklich?«, hatte sie gefragt, und Simone hatte »Ja«, gesagt. Das musste sie nun beweisen.
Sie konnte sich nicht daran erinnern, was sie getan hatte, wenn sie wirklich mit einer Person im Bett lag, betrunken, und sich von ihr begatten ließ, aber sie konnte sich zumindest zum Teil daran erinnern, was sie getan hatte, wenn sie eine Sexszene vor der Kamera drehte. Dabei war sie nicht ganz so betrunken gewesen. Sie hatte immer noch gewusst, was im Drehbuch stand, was sie zu tun hatte, was man von ihr erwartete. Und es war ja auch immer das Gleiche gewesen. Eine endlose Wiederholung seufzender und stöhnender Laute gemischt mit einer immer wieder gleichen Abfolge vertikaler und horizontaler Bewegungen. Sie konnte das noch einmal wiederholen, sie konnte es spielen, sie musste es tun, wenn sie Pia überzeugen wollte.
Pia drehte sich etwas zur Seite, und ihre Hand glitt vorsichtig zwischen Simones Schenkel. Oh Gott! Simone biss sich auf die Lippen, spürte den Schmerz und das Blut, ignorierte es jedoch, fast ohne es zu merken. Sie wollte aufspringen, weglaufen, ihre Beine schließen und nie mehr öffnen, jedenfalls nicht für das hier. Ich kann nicht! dachte sie entsetzt. Ich kann einfach nicht! Pia zögerte. Hatte sie Simones Entsetzen bemerkt? Würde sie aufhören?
Simone zitterte. Das war das Einzige, was sie ihrem Körper zugestand. Aber auch nur, weil sie es nicht unterdrücken konnte. Der Impuls wegzulaufen, war zu stark, er musste in etwas anderes umgewandelt werden. Aber lange konnte sie das nicht mehr durchhalten. Wenn Pia sie dort anfasste . . . Sie, Simone, würde schreien. Und Pia würde merken . . . Eine ganz andere Art von Entsetzen bemächtigte sich ihrer. Pia würde merken, dass sie gar nicht nass war, dass sie nicht erregt war . . . Oh Gott, das war ja noch schlimmer! Sie musste es ihr zeigen . . . sie musste . . . »Nicht mit der Hand«, flüsterte sie, kaum ihrer Stimme mächtig, aber ihre Atemtechnik beherrschte sie noch, die half ihr weiter. »Bitte, küss mich«, wisperte sie voller Entsetzen und Abscheu. Doch eine so leise, geschulte Stimme konnte vieles verbergen. Zumindest das war ein Vorteil ihres Berufes.
Pia seufzte erneut, nun vor der Erfüllung ihres Traumes. Sie hatte nicht bemerkt, was Simone sie auch nicht hatte merken lassen wollen. Es klappte! Pia fuhr langsam mit ihren Lippen über Simones Körper hinab, von ihren Brüsten über ihren Bauchnabel zu ihrem nicht vorhandenen Bauch, der nun, da sie auf dem Rücken lag, noch eingefallener erschien, sodass ihre Beckenknochen kantig hervortraten. Pia küsste ihre Leisten, und Simone zitterte immer mehr, verzweifelt bemüht, ihre Schenkel nicht zu schließen, sie in der leicht gespreizten Position zu belassen, in der sie jetzt waren, damit Pia nichts merkte. Hoffentlich hielt sie das Zittern weiterhin für Erregung und für nichts anderes.
Endlich war Pia angekommen und tauchte mit ihrer Zunge zwischen Simones Beine, teilte vorsichtig ihre Schamlippen und liebkoste sie zärtlich mit den Lippen ihres Mundes, die kaum genug Ähnlichkeit miteinander hatten, um den gleichen Namen zu verdienen.
Simone stieß einen erleichterten Seufzer aus, der sie für einen winzigen Moment entspannte und Pia vorgaukelte, dass sie ihre Aktivitäten genoss. Gott sei Dank! Nun würde Pia mit ihrer Zunge die Feuchtigkeit ersetzen, die Simone fehlte, und sie würde nicht bemerken, dass es ihre eigene Nässe war und nicht Simones. Im nächsten Moment spürte Simone wieder die Panik in sich hochkriechen. Sie fühlte ein Kribbeln zwischen ihren Beinen, das sie nicht erwartet hatte. Es machte ihr Angst. Das durfte nicht sein! Auf keinen Fall! Wenn sie schon nicht weglaufen konnte, nicht weglaufen durfte, dann musste sie das hier schnell zu Ende bringen, bevor der Schrei, den sie schon in sich spürte, Pia verriet, wie es wirklich um sie bestellt war. Einen Schrei erwartete Pia sicher schon, aber nicht diesen.
Simone stöhnte tief auf, nachdem sie kurz darüber nachgedacht hatte, welchen Film sie verwenden sollte. Dieser hier war gut. Dieses Stöhnen markierte schon fast das Ende, und Pia, die ja alle ihre Filme kannte, würde es erkennen. Und hoffentlich für echt halten. Pia reagierte sofort und leckte schneller, als sie Simone hörte, und Simone stöhnte noch einmal tief auf. Jetzt kam der Schrei, aber der richtige. Den anderen musste sie für sich behalten. Sie formte ihn um. Und schrie, während sie sich Pias Mund mit ihrer Mitte entgegendrängte und die Beine weit öffnete, als ob es irgendeine Bedeutung hätte. Dann ließ sie sich zurückfallen und hoffte auf ein schnelles Ende, auch von Pias Seite aus.
Sie lag keuchend in den Laken, als ob sie sich furchtbar hätte anstrengen müssen, was ja in gewisser Weise auch richtig war, und Pia glitt langsam an ihr hoch, um sie kurz zu küssen. Simone lächelte sie an – kein Misstrauen aufkommen zu lassen, war jetzt die Devise, um es nicht zum Schluss noch zu verderben –, und Pia sah verliebt auf sie hinunter. »Oh Simone«, flüsterte sie, »ich bin so glücklich.« Sie fuhr leicht mit ihren Lippen über Simones Wange. »Das war wunderschön.«
»Ja.« Sie würde sich hüten zu widersprechen! »Sehr schön.«
Pia rollte sich ein wenig auf die Seite, und Simone schloss erleichtert und so unauffällig wie möglich ihre Beine. Gott sei Dank, das war vorbei! Pia fuhr zärtlich über Simones Gesicht, mit einem streichelnden Finger über ihre Augenbrauen und an ihrem Mund entlang. Dann küsste sie sie noch einmal ganz zart auf die Lippen und lächelte sie an. Gleichzeitig fuhr ihre Hand an Simones Körper entlang über ihre Taille zu ihrer Hüfte und zurück. Sie streichelte sie sanft und zärtlich mit unendlicher Geduld.
Simone lächelte entschuldigend. »Bitte, ich bin müde. Ich möchte schlafen. Nicht zu viel auf einmal, hm?« Sie gab ihrem Lächeln einen noch süßeren, um Verzeihung bittenden Anstrich, der Pia – rücksichtsvoll, wie sie war – hoffentlich davon abhalten würde, ihr noch weitere Avancen zu machen. Ihre Geduld war im Gegensatz zu Pias nun vollständig erschöpft, aber sie durfte es nicht zeigen. Das würde alles, wofür sie an diesem Abend so schwer hatte arbeiten müssen, wieder kaputt machen. Sie versuchte, Ruhe auszustrahlen und Müdigkeit und vielleicht auch ein bisschen zärtliches Verständnis, aber innerlich herrschte ein solcher Aufruhr in ihr, dass es ihr außerordentlich schwerfiel, diese Rolle zu spielen.
Sie wollte nicht mehr angefasst werden, sie wollte allein sein! Sie konnte es nicht mehr ertragen, vielleicht noch einmal mit Ansprüchen konfrontiert zu werden, die sie nicht erfüllen konnte und wollte. Es war genug! Das innere Zittern drang nicht an die Oberfläche, aber sie spürte es dennoch. Es fraß sie auf, sich beherrschen zu müssen, nicht einfach gehen zu können, wie sie es meistens getan hatte.
Sie wünschte sich etwas zu trinken, um diesen widerlichen Ekel zu betäuben, dieses Kribbeln auf der Haut, als ob sie durch Schlamm gewatet wäre, diese Scham, die nun auch noch in ihr hochstieg. Die Scham vor sich selbst und vor Pia, die sie betrogen hatte, auch wenn die es nicht wusste.
Pia fuhr noch einmal zärtlich mit ihren Fingern über Simones Gesicht, ganz leicht und sanft – wie die Brise, die sie am Morgen gespürt hatte, als sie an der Gartenmauer stand, dachte Simone plötzlich erstaunt. Und da hatte es sie nicht gestört. Vielleicht konnte sie sich daran das nächste Mal erinnern, um es weniger furchtbar werden zu lassen. Sie hatte schon immer Bilder in ihrem Kopf gesammelt, um sich Dinge zu verschönern, die einfach nicht schön waren. Und auch diesmal würde sie etwas finden, etwas, das die Dinge erträglicher machte – wie der Alkohol, den sie nun nicht mehr hatte.
»Schlaf gut, mein Liebling«, flüsterte Pia zärtlich und legte ihren Arm um Simones Taille, während sie sich an sie kuschelte.
»Schlaf gut.« Simone blieb steif liegen, ohne sich zu rühren, bis Pia eingeschlafen war. Dann hob sie mit zwei Fingern und einem angewiderten Gesichtsausdruck Pias Arm von ihrer Taille und legte ihn vorsichtig neben Pia, damit sie nicht aufwachte. Sie atmete tief durch, als sie die auf ihr lastende Berührung beseitigt hatte, und auch ihr Gesichtsausdruck entspannte sich wieder, wurde sogar liebevoll, während sie auf die schlafende Pia hinuntersah. »Es tut mir so leid«, flüsterte sie so leise, dass die andere es wahrscheinlich noch nicht einmal verstanden hätte, wenn sie wach gewesen wäre. Dann glitt sie fast geräuschlos aus dem Bett, und kurz darauf rauschte die Dusche in einem anderen Teil des Hauses auf.
Sie schrubbte sich, bis ihre Haut rot erstrahlte und sie sich selbst Einhalt gebieten musste, weil sie erkannte, dass weiteres Scheuern nur zu blutigen Striemen führen würde, aber selbst diese Erkenntnis hielt sie fast nicht davon ab. Sie hätte sich am liebsten die Haut abgezogen und durch eine andere ersetzt. Zumindest wollte sie alles von sich abspülen, alles, was sie verletzte und beschämte – nicht nur abspülen, sondern wegbrennen. Sie stellte das Wasser noch auf eine Stufe heißer. Sie schrie auf, als der fast glühende Strahl sie traf, aber nur gedämpft, denn sie hatte gleichzeitig in ihre Hand gebissen. Sie sank unter dem brennenden Wasser in der Ecke der Duschwanne zusammen, bis sie sich daran gewöhnt hatte, und wimmerte vor sich hin. Sie klemmte den Duschkopf zwischen ihrem Bauch und ihren Beinen fest und umschlang ihre Knie mit den Armen. Dann begann sie langsam, hin und her zu schaukeln. Ihr Wimmern ging in einen monotonen Gesang über, ganz leise wie der eines Kindes, das allein und selbstvergessen mit seinen Puppen spielt, bis es ganz aufhörte. Endlos lange hockte sie dann nur noch zusammengesunken in der Ecke der Dusche und ließ das Wasser über ihre Schenkel laufen.
Irgendwann stand sie auf, säuberte alles sehr penibel, bis nichts mehr zu sehen war, das an den Vorfall hätte erinnern können, ging in ihr Boudoir hinüber und zog sich an.
Als Pia aufwachte, brachte Simone ihr lächelnd einen Kaffee ans Bett. »Siehst du, diesmal habe ich ihn nicht vergessen«, bemerkte sie launig und küsste Pia zur Begrüßung zärtlich auf den Mund. Pia zog sie zu sich heran und küsste sie zurück, wollte offensichtlich mehr, aber Simone machte sich lachend los. »Die Eier werden kalt, oder willst du keins? Du musst doch bald fahren.«
Pia seufzte. »Doch, ich will eins.« Dann blickte sie etwas schelmisch. »Seit wann hast du solche hausfraulichen Ambitionen? Frühstück ans Bett?«
»Nur Kaffee«, berichtigte Simone. »Der Rest steht im Frühstückssalon, wie immer. Und den Eierkocher kann ich gerade noch bedienen, viel mehr ist es ja nicht.« Sie lachte. Das meiste wurde jeden Tag vom Bäcker geliefert, das hatte Pia während der letzten Tage organisiert, ebenso wie eine Putzfrau, die allerdings erst nächste Woche antreten würde. Mehr Personal wollte Simone im Moment nicht, obwohl es machbar gewesen wäre. Simone zog sich zur Tür zurück. »Kommst du?«
Als Pia später an ihrem Wagen stand, um sich auf den Weg nach Hause zu machen, zog sie Simone noch einmal in ihre Arme und küsste ihr Haar. »Du warst wundervoll heute Nacht«, flüsterte sie zärtlich.
»Ja.« Simone spürte plötzlich wieder den Schmerz des fast kochenden Wassers auf ihrer Haut. Welcher Film nun? Ah ja. Sie lachte hell auf. »Du musst fahren, sonst wächst du noch hier fest!«
Pia umarmte sie noch einmal seufzend. »Ich vermisse dich jetzt schon.«
Simone ließ ihre Stimme einen etwas zärtlicheren Ton annehmen, was ihr auch gelang, da sie sogar fühlte, dass es ihr schwerfiel, Pia gehen zu lassen. Das war nicht gespielt. »Ich dich auch«, sagte sie, »deshalb lass es uns kurz machen.«
»Ja.« Pia stieg ein. Sie wendete den Wagen, hielt noch einmal an und blickte Simone ernst ins Gesicht. »Ich liebe dich, Simone. Bitte, vergiss das nicht.«
»Nein«, erwiderte sie ruhig. »Ich weiß.« Sie beugte sich hinunter und küsste Pia kurz auf den Mund, zog sich aber schnell wieder zurück. »Du kommst ja wieder«, sagte sie. »Aber jetzt fahr, sonst fange ich noch an zu heulen.«
Pias Mundwinkel zuckten, als ob das gleiche auch für sie zuträfe. Dann trat sie aufs Gas, und der Wagen schoss davon. Durch das offene Dach konnte Simone noch ihre winkende Hand sehen, dann bog der Wagen um die Ecke der Auffahrt und war verschwunden.
Simone ging ins Haus zurück und spürte, wie sich wirklich eine Träne ihre Wange hinunterstahl. Sie blieb erstaunt stehen. Sie hatte das doch nur gesagt, um Pia zu beruhigen und endlich loszuwerden . . . merkwürdig. Fast ein wenig kopfschüttelnd setzte sie ihren Weg fort.
Allein, endlich allein! Während der ganzen Zeit in der Klinik war sie das nie so richtig gewesen, auch nicht, wenn sie abends allein in ihr Zimmer ging, hatte sie das Gefühl gehabt, wirklich allein zu sein. Es gab zu viel Personal, das alles überwachte, dessen Augen überall und nirgends zu sein schienen, selbst in ihrem Zimmer. Sie wusste, dass sie die Zimmer stichprobenartig durchsuchten, wenn sie oder die anderen Bewohnerinnen und Bewohner weg waren, in einer Therapie oder auf einem Spaziergang. Immer überprüften sie, ob sie nicht doch etwas versteckt hatten, diese undisziplinierten Süchtigen, Tabletten oder Alkohol oder irgendwelche unerlaubten Ersatzdrogen. Bei ihr hatten sie nie etwas gefunden. Aber das Gefühl, ständig überwacht zu werden, hatte einen Teil ihres Lebens zu dieser Zeit bestimmt. Nun war sie es endlich los. Auch Pia hatte manchmal die Tendenz, sich eher wie eine Krankenschwester zu verhalten denn wie eine Freundin. Aber sie war ja nun ebenfalls fort.
Simone seufzte. Wie wundervoll es sich anfühlte, die Tür hinter sich abschließen zu können! Niemand im Haus, der oder die etwas von ihr erwartete, keine Ansprüche, und wenn sie noch so gering oder vielleicht sogar gerechtfertigt waren. Nichts. Einfach nur Stille, Ruhe, Erholung, Einsamkeit. Wie sehr sie das liebte. Manche nannten Einsamkeit einen Fluch, sie nannte es ihre Bestimmung. Etwas, das sie verdient hatte und dem sie auch gar nicht entfliehen wollte. Sie genoss es.
Manchmal nicht, dann, wenn sie nach der Vorstellung in ihrem Hotelzimmer saß oder nach einem langen Drehtag. Wenn sie noch ganz aufgeregt war und vor übermüdeter Energie überschäumte. Wenn der Champagner der einzige Freund war, den sie gefahrlos an sich heranlassen konnte, weil er nicht mit ihr schlafen wollte, nicht auch noch Einsatz von ihr verlangte. Wenn sie mit niemand reden konnte, weil das immer bedeutet hätte, dass sie hinterher dafür bezahlen musste. Dann hatte auch sie die Einsamkeit verflucht. Aber nur kurz. Danach war sie ihr wieder wie ein Labsal erschienen, wie eine gute, alte Freundin. Und das tat sie auch jetzt. Was gab es Schöneres, als allein zu sein?
Als sich die Haustür hinter ihr schloss, wirkte die Villa von außen plötzlich wieder genauso unbewohnt und verlassen, wie sie es jahrelang gewesen war. Es hatte sich nichts geändert.
Pia bog auf die Autobahn ein und bezahlte die erste Péage. Die Autobahngebühr in Frankreich hatte irgendwie auch etwas Beruhigendes, fand sie. Man hatte das Gefühl, angekommen zu sein, wenn man auf eines der kleinen Häuschen zufuhr, mit Bonjour begrüßt wurde und dem oder der Bediensteten die gewünschten Francs entgegenhielt. Sie hatte es schon so oft getan in den letzten Monaten, sie kannte die Strecke fast auswendig und auch schon beinahe jede der Zahlstellen. So kam es ihr jedenfalls vor. Immer wieder war sie hier heruntergefahren, um das Haus für Simone zu suchen – bis sie es gefunden hatte.
Was für eine freudige Überraschung das für sie gewesen war – und dann auch für Simone. Sie erinnerte sich jetzt noch an ihr Lächeln. An dieses selige, erstaunte, überwältigte Lächeln eines Kindes, das seine Weihnachtsgeschenke öffnet und darunter etwas findet, das es sich gewünscht, aber nicht erwartet hat, mit dem es nie gerechnet hätte. Pia war glücklich gewesen in diesem Moment, als sie Simone betrachtete. Sehr glücklich. Genauso glücklich wie gestern, als –
Sie fasste es immer noch nicht, dass Simone sich ihr hingegeben hatte. Sie hatte es sich so sehr gewünscht, so lange, aber nie hätte sie erwartet, dass es jetzt geschehen würde. Sie hatte sich schon damit abgefunden gehabt. Es hatte ihr fast nichts mehr ausgemacht, auch wenn sie es bedauerte. Aber sie wollte Simone nicht drängen, und sie wollte nichts von ihr verlangen, was sie nicht freiwillig zu geben bereit war. Und plötzlich war sie bereit gewesen. Ganz plötzlich.
Pia glitt auf der Autobahn dahin – sie hatte den Tempomaten mit der erlaubten Geschwindigkeit eingeschaltet und brauchte sich nicht darum zu kümmern – und auf einmal kam ihr das komisch vor. Irgendetwas daran. Irgendetwas an dieser Nacht, an dieser plötzlichen Bereitschaft, die ihr nichts verweigert hatte, auch wenn sie es gar nicht forderte. Sie dachte darüber nach. Wie war es gewesen? Schön, dachte sie und lächelte, ohne dass sie es verhindern konnte.
Aber Simone war anders gewesen, anders als sonst. Gut, sie hatten – wenn man es richtig betrachtete – das erste Mal wirklich miteinander geschlafen, und das musste natürlich anders sein, als es sonst gewesen war, wenn sie ihre Zeit miteinander verbrachten und Sex kein Thema war – schon seit Monaten nicht. Aber Pia schien es so, als habe sich etwas verändert, vor allem danach. Sie hatte angenommen, dass Simone sich ihr hingegeben hatte, nicht nur, weil sie es tatsächlich wollte, weil sie das Bedürfnis nach Sex hatte, sondern auch, um eine größere Nähe zwischen ihnen herzustellen, um den nächsten Schritt zu tun, der sie zu wirklichen Freundinnen machen würde, zu Vertrauten. Aber genau das war nicht geschehen. Obwohl Simone freundlich gewesen war – gerade heute Morgen – wirkte sie noch weit distanzierter als vorher. Fast, als ob sie eine Rolle spielen würde.
Schon allein deshalb hatte Pia sich genötigt gefühlt, Simone kurz vor ihrer Abfahrt noch einmal ihrer Liebe zu versichern. Sie hatte das Gefühl gehabt, Simone könne es vergessen, könne darüber hinwegsehen, was für ein besonderes Verhältnis sie hatten. Warum nur? Pia schüttelte verständnislos den Kopf. Sie konnte sich ihr eigenes Gefühl nicht erklären. Sie war so süß gewesen letzte Nacht. Pia lächelte wieder. Simone. Simone. Es war nicht einfach, sie zu lieben, aber sie, Pia, liebte sie. Sie liebte sie unendlich und wollte sie nie wieder verlieren. Sie konnte sich ein Leben ohne Simone wirklich nicht mehr vorstellen. Schon gar nicht mehr jetzt, nachdem sie sich so nahegekommen waren. Waren sie das? Wieder drängte sich da etwas in ihre Gedanken, das sie nicht wollte. Das war doch keine Frage, oder? Pia schüttelte erneut den Kopf, diesmal etwas unwillig. Nein, das war keine Frage.
Sie dachte noch einmal an die Nacht zurück, und unwillkürlich lächelte sie erneut. Sie hörte Simone stöhnen, seufzen, sah sie sich winden und erschöpft in die schwarzen Laken zurückfallen, die einen so wundervollen Kontrast zu ihrem Haar bildeten. Wie ein gemaltes Bild hatte sie ausgesehen – danach. Das blonde Haar ausgebreitet auf der dunklen Oberfläche des Bettes. Ich hätte ein Foto machen sollen, schmunzelte Pia über sich selbst. Das hätte ich mir dann zu Hause aufhängen können, bis ich sie wiedersehe. Sie lachte laut auf. »Du bist doch ein richtiger Depp, Pia!«, schimpfte sie dann sogar noch genauso laut hinterher, weil stumme Gedanken nicht mehr auszureichen schienen für alles, was aus ihr herauswollte. Sie war so glücklich.
Sie begann, während der Fahrt zu pfeifen. Es war so schön, Simone zu lieben, es endlich zu dürfen und zu können. Sie hatte ja schon immer gewusst, dass Simone die richtige Frau für sie, Pia, war, aber Simone schien das erst vor Kurzem klargeworden zu sein. Die ganzen aussichtslosen, verschenkten Jahre . . . Pia dachte stirnrunzelnd daran zurück. Das Schicksal ging manchmal schon merkwürdige Wege. Dann lachte sie wieder. Sie war einfach zu glücklich, um jetzt noch länger darüber nachzudenken!
In Freiburg angekommen, begrüßte sie Tatjana am nächsten Morgen in so aufgeräumter Stimmung, dass die erstaunt guckte und sie wahrscheinlich für einen Moment für verrückt erklärte. Dann aber vergaßen sie alle beide über der vielen Arbeit, die zu erledigen war, sämtliche Dinge, die außerhalb des kleinen Büros lagen. Erst gegen Nachmittag kam Pia dazu, Simone anzurufen. Sie musste ihr doch wenigstens sagen, dass sie gut angekommen war. Aber das war natürlich nicht der Hauptgrund. Sie wollte ihre Stimme hören, mit ihr plaudern, mit ihr flirten, mit ihr . . . Aber nein, das ging ja über die Entfernung nicht.
Simones Apparat an der Côte klingelte lange, und Pia versuchte, sich dabei vorzustellen, wie das Meer zwischen den Klingeltönen rauschte, wie es gemütlich ans Ufer schlug und mit ihr sprach. »Ja, hier unten scheint die Sonne, und sie erwärmt mich. Komm doch baden. Was machst du eigentlich da oben?« Pia lächelte vor sich hin. Ja, was machte sie eigentlich hier? Das Klingelzeichen veränderte sich plötzlich. Sie war aus der Leitung geworfen worden, weil am anderen Ende niemand abnahm. Einen Anrufbeantworter hatte Simone nicht gewollt, also musste sie es wohl später noch einmal versuchen. Simone war sicherlich spazieren gegangen oder im Garten, da hörte sie das Telefon nicht. Oder vielleicht hatte das Meer auch zu ihr gesprochen und sie zu einem kalten Bad überredet? Pia musste grinsen. Sie stellte sich Simone im Bikini vor, oder vielleicht besser noch nackt – wie Venus in den Fluten . . .
»Pia?« Tatjana riss sie aus ihren Träumen. »Ein Anruf für dich. Legst du mal auf? Sonst kann ich nicht verbinden.«
Simone! Pia legte schnell auf und wartete ungeduldig auf die Verbindung. »Ja? – Oh, hallo Frau Körner. Es freut mich, dass Sie anrufen«, erwiderte sie dann etwas bemüht ihre Enttäuschung verbergend, als sie hörte, wer am anderen Ende war. Wie dumm von ihr! Wie hatte Simone anrufen können? Sie hatte sie doch gerade selbst angerufen und nicht erreicht. Für einen Moment noch ärgerte sie sich, dann musste sie sich auf ihre Gesprächspartnerin konzentrieren, die ganz etwas anderes von ihr wollte, nämlich ein Geschäft mit ihr machen.
»Na, dir geht’s ja vielleicht gut!«, stellte Christian ein paar Tage später ganz erstaunt fest, als sie sich mal wieder zu einem Spaziergang verabredet hatten.
»Ja.« Pia grinste von einem Ohr zum anderen. Sie konnte gar nicht anders. Sie dachte an Simone und pling! erschien dieses Lächeln auf ihrem Gesicht.
»Ist . . . sie der Grund?« Er sprach Simones Namen ehrfurchtsvoll gar nicht erst aus. Für ihn würde sie wohl immer die große, unerreichbare Schauspielerin bleiben, der Star.
»Ja«, erwiderte Pia wieder grinsend.
»Wer?«, fragte da eine andere Stimme in die stille Übereinkunft hinein. Christian hatte eine Freundin zu dem Spaziergang mitgebracht. Zuerst war sie Pia nur entfernt bekannt vorgekommen, aber dann hatte sie sich erinnert, dass sie ebenfalls auf Christians fataler Party gewesen war, zu der sich Pia damals notgedrungen hatte überreden lassen. Das hieß, die Party war ja eigentlich weniger fatal gewesen. Mehr das, was danach folgte – mit Marion.
Pia und Christian sahen sich kurz an. Wer sollte es ihr sagen? Dann überwand Christian sich doch: »Simone Bergé. Sie ist Pias . . . Freundin.« Das leichte Zögern am Schluss verlieh noch einmal seinem Erstaunen Ausdruck, dass dieser äußerst unwahrscheinliche Umstand tatsächlich eingetreten war.
»Simone Bergé?« Sibylle war genauso erstaunt, wie Christian es beim ersten Mal auch gewesen war. Sie konnte es nicht fassen. Selbstverständlich nicht.
»Als du immer wieder runtergefahren bist, um dieses Haus zu suchen, hätte ich dich fast schon für übergeschnappt erklärt«, meinte Christian nun auch grinsend.
»Ausgerechnet du, der Verrückteste von allen!«, zog Pia ihn auf und stieß ihn freundschaftlich leicht mit dem Ellbogen in die Seite.
Christian machte trotzdem geziert »Au!« Dann strafte er seinen eigenen Ausruf sofort Lügen, indem er gleich wieder grinste. »Aber anscheinend hat es sich ja gelohnt.«
»Oh ja!« Pia lächelte, als plötzlich Simones Gesicht vor ihrem inneren Auge erschien. »Das hat es.«
»Du bist . . . richtig mit ihr befreundet?«, fragte nun Sibylle in einem ähnlich ehrfurchtsvollen Ton wie Christian kurze Zeit vorher.
»Sie will wissen, ob du mit ihr schläfst«, erklärte Christian noch mehr grinsend, bevor Pia überhaupt den Mund aufmachen konnte.
Pia errötete fast, und Sibylle protestierte sofort: »Das habe ich überhaupt nicht gemeint!«
»Deshalb willst du es trotzdem wissen«, versetzte Christian frotzelnd, um sie zu ärgern.
»Christian!« Pia versuchte, ihn zur Ordnung zu rufen, aber es ging nicht. Er ließ sich einfach nicht bremsen.
»Na hör mal!«, sagte er fast schon beleidigt. »Das wollen wir doch immer alle wissen. Das ist schließlich ganz normal. Also erzähl schon. Tust du’s?«
Pia straffte ihre Schultern. »Das geht dich überhaupt nichts an. Und das weißt du auch ganz genau«, erwiderte sie streng. Dann lächelte sie, bevor sie es bemerkte, und Christian klatschte begeistert in die Hände.
»Sie tut’s!«, bemerkte er laut und zufrieden zu Sibylle, die aber bei Weitem nicht so glücklich aussah wie er.
»Lass sie doch in Ruhe«, sagte sie leise. »Sie will nicht darüber reden.«
Pia bemerkte erstaunt Sibylles Sensibilität in dieser Angelegenheit, worauf man sich bei Christians FreundInnen nicht immer unbedingt verlassen konnte. »Danke«, sagte sie, während sie Sibylle freundlich anlächelte, »aber so schlimm ist er ja wieder auch nicht. Ich kenne ihn lange genug.« Sie lachte. »Er ist eine Plage, aber deshalb lieben wir ihn doch alle trotzdem.«
Sibylle seufzte. »Das ist es wahrscheinlich. Ich kenne ihn noch nicht lange genug.«
»Weißt du, dass sie damals das erste Mal bei mir war, an dem Abend, du weißt schon –« Er brach ab, als er merkte, was er da schon wieder verzapfte.
»Ich weiß, welchen Abend du meinst«, entgegnete Pia so neutral wie möglich. »Da habt ihr euch erst kennengelernt?«, wandte sie sich dann fragend an Sibylle.
»Ja.« Sibylle schien etwas verlegen.
War auf der Party noch irgendetwas Peinliches passiert? fragte sich Pia. Davon wusste sie gar nichts.
»Sie war mit ihrer Freundin da, Bärbel, die kennst du doch auch.« Christian betätigte sich heute als Auskunftsbüro.
Pia nickte. Bärbel war schon eine etwas ältere Freundin von Christian. Pia selbst kannte sie aber nur flüchtig. »Wollte sie heute nicht mitkommen?«, fragte Pia Sibylle.
Wieder kam Christian ihr mit einer Antwort zuvor. »Sie sind nicht mehr zusammen«, sagte er.
»Das tut mir leid.« Pia fühlte sich leicht unwohl, dass sie dieses Thema überhaupt angeschnitten hatte, aber hatte sie das wissen können? Und leider – für Sibylle – ging es ihr selbst auch viel zu gut, um länger bei einem solchen Thema zu verweilen.
Sie wandten sich den letzten schwul-lesbischen Veranstaltungen zu, die sie besucht hatten, und lachten über die Vorführungen. Christian gab eine nach der anderen Story zum Besten – ihm machte es natürlich nicht das Geringste aus, zu erzählen, mit wem er alles geschlafen hatte – und Pia genoss die nun wieder unbeschwerte Stimmung. Sibylle war anscheinend eher der stille Typ – das war Pia schon von Anfang an aufgefallen – und beteiligte sich nicht so sehr an ihren Gesprächen, aber auch sie schienen Christians Geschichten zu amüsieren. Zum Schluss setzten sie sich in ein Café und wärmten sich auf.
