Soko Bodensee - Gerd Stiefel - E-Book

Soko Bodensee E-Book

Gerd Stiefel

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Beschreibung

Die Idylle des Bodensees wird von einem Albtraum überschattet. Eine Reihe grausamer Morde erschüttert die gesamte Region. Die Opfer? Allesamt junge Frauen, grausam zugerichtet und von Schnittwunden gezeichnet. Eine Sonderkommission wird ins Leben gerufen, die jeden Winkel rund um den See durchkämmen soll. Karl Grimm und sein Team geben alles, um den oder die Täter zu fassen, während die Zeit gegen sie arbeitet. Für den Kriminaloberrat steht dabei vor allem eine Frage im Mittelpunkt: Ist dies das Werk eines eiskalten Serienkillers? Gerd Stiefel erschafft mit seiner jahrzehntelangen Erfahrung als Leitender Kriminaldirektor und seinem scharfsinnigen Blick für die Abgründe der menschlichen Psyche einen Kriminalroman, der unter die Haut geht. Mit Karl Grimms drittem Fall gibt der erfahrene Autor einen Einblick in die harte Realität der Ermittlungsarbeit – spannend, intensiv und fesselnd erzählt.

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Seitenzahl: 330

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Soko Bodensee

Ein Fall für Karl Grimm

Ein Kriminalroman

von

Gerd Stiefel

verlag regionalkultur

Das Glück des Tüchtigen

ist des Kommissars ,Zufall‘ bester Freund

Karl Grimm

Dieses Buch ist ein fiktiver Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden, wenngleich von wahren Begebenheiten im beruflichen Leben des Autors inspiriert. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht gewollt und rein zufällig.

Titelbild: Blick von der Pfänderbahn auf den Bodensee und die Alpen

Titel: Soko Bodensee

Untertitel: Ein Fall für Karl Grimm

Autor: Gerd Stiefel

Herstellung: verlag regionalkultur (vr)

Satz und Lektorat: Melina Lamadé, vr

Umschlaggestaltung: Melina Lamadé, vr

Endkorrektorat: Maximilian Leßmann, vr

E-Book Erstellung: Charmaine Wagenblaß, vr

E-Book ISBN: 978-3-89735-045-8

Diese Publikation ist auch als gedrucktes Buch erhältlich. 256 Seiten, Broschur. ISBN 978-3-95505-557-8. EUR 14,90.

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen National­bibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind abrufbar über dnb.de.

Die vorliegende Publikation ist urheberrechtlich geschützt. Die Verwendung der Texte und Abbildungen, auch auszugsweise, ist ohne die schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und daher strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen. Autoren noch Verlag können für Schäden haftbar gemacht werden, die in Zusammenhang mit der Verwendung dieses E-Books entstehen.

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Frauenfeld – Kanton Thurgau

Der Kripochef der Kantonspolizei Thurgau hatte seine Mannschaft im Besprechungsraum des Polizeikommandos versammelt, um einen Fall zu besprechen, der heute Morgen schon angelaufen war. Eine Spaziergängerin, die mit ihrem Hund an der Strandpromenade in Kreuzlingen ihre übliche Runde gedreht hatte, hatte in der Nähe des Seegartenstegs eine weibliche Leiche entdeckt, die offenkundig keines natürlichen Todes gestorben war. Die Leiche war von ihrem Hund aufgespürt worden, der in einem größeren Haufen zusammengetragener Äste, Laub und anderer Pflanzenabfälle gebuddelt und dann angeschlagen hatte.

Bei der Vernehmung war die größte Sorge der Hundebesitzerin, dass sie eine Buße bekommen könnte, weil an besagter Stelle das Freilaufen von Hunden nicht erlaubt ist. Der örtliche Polizeichef vom Polizeiposten Kreuzlingen, der den Fundort der Leiche selbstverständlich persönlich begutachtete, konnte die Frau aber rasch beruhigen und ihr zusagen, dass das heute keine Rolle spiele, aber dass sie das auch nicht als Freifahrtschein interpretieren dürfe, um künftig ihren Hund, immerhin ein ausgewachsener Labrador, von der Leine zu lassen.

Nachdem die Kreuzlinger Polizisten mit ihrem Chef den Fundort in Augenschein genommen hatten, war rasch klar, dass es sich hierbei um ein Verbrechen handeln könnte. Die auf dem Boden liegende Leiche war durch Zweige und Blätter verdeckt. Das durch das Laub schimmernde blasse, leblose Gesicht war mit Schnitten malträtiert worden. Ansonsten waren auf den ersten Blick keine weiteren Verletzungen erkennbar. Der Polizist überzeugte sich trotz der offensichtlichen Lage vom Tod der aufgefundenen Frau. Beim Versuch den Puls zu fühlen, stellte er die bereits eingetretene Leichenstarre fest. Spuren vor Ort, die auf einen Kampf schließen ließen, waren offenkundig nicht vorhanden. Alles in allem – das war den Postenbeamten sofort klar – ein Fall für die Kripo.

Die Kreuzlinger Polizisten hatten nach der ersten Sichtung den Tatort weiträumig abgesperrt und eingefroren. Eine Streife, die eigentlich dringend für den Streifendienst gebraucht wurde, war abgestellt und bewachte den Tatort, bis zum hoffentlich baldigen Eintreffen der Kripo. „Guten Morgen, Kolleginnen und Kollegen, ich halte die Frühbesprechung heute Morgen kurz. Die Kreuzlinger Kollegen haben uns eine weibliche Leiche gemeldet. Es sieht vor Ort wohl so aus, als ob es sich um eine Gewalttat handelt. Die Leiche soll Schnittverletzungen besonders im Gesicht aufweisen. Die Kriminaltechnik ist bereits auf dem Weg. Ich schlage vor, dass wir mit wenigstens zwei Besatzungen anfahren und nach Inaugenscheinnahme des Tatortes und der Leiche entscheiden, wie wir weiter vorgehen. Gibt es aus eurer Sicht irgendwelche Fragen?“ Die Kolleginnen und Kollegen schüttelten den Kopf. Die Mannschaft organisierte sich zügig selbstständig. Schließlich wussten alle, was zu tun war. „Ich kümmere mich derweil um die Staatsanwaltschaft und informiere auch die Kollegen in Konstanz. Der Fundort ist ja nicht weit von der Grenze entfernt. Und wir wissen noch nicht, ob der Fundort auch der Tatort ist.“

„Karl Grimm hier. Guten Morgen, Marcel, was verschafft mir denn heute Morgen schon so früh die Ehre? Ist bei euch etwas passiert?“ Der Thurgauer Kripochef informierte seinen deutschen Kollegen über den bislang spartanischen Befund. „Ich wollte dir nur kurz Bescheid geben. Wir wissen noch nicht viel, aber vielleicht kommt ihr auch ins Spiel. Die Leiche ist nicht weit weg von der Grenze und du weißt ja, besser zu früh als zu spät“, beendete Marcel Schellinger seine Ausführungen. Er meinte damit natürlich, dass es zu einer gemeinsamen Fahndungslage oder Ähnlichem kommen könnte, ahnte zu diesem Zeitpunkt jedoch noch nicht, was alles noch passieren sollte. Karl Grimm quittierte mit einem „Danke für die Info und viel Glück“ und verließ sein Büro mit seiner noch halb gefüllten Kaffeetasse in Richtung des Besprechungsraums, wo seine Kolleginnen und Kollegen auf ihn und die Frühbesprechung warteten.

Kriminalkommissariat Konstanz

„Guten Morgen zusammen. Wer fängt an?“, war der übliche Einstieg von Karl Grimm in die morgendliche Lagebesprechung. Die Kripobeamten berichteten wie üblich aus ihren momentanen Fällen und dem jeweiligen Ermittlungsstand. Es war gute Praxis, die dazu diente, alle, inklusive des Chefs, auf den aktuellen Stand zu bringen. Zudem war es auch ein guter Erfahrungsaustausch untereinander.

Karl Grimm nahm, nachdem alle rapportiert hatten, den Faden wieder auf und berichtete kurz über den Leichenfund in Kreuzlingen. „So, wir sind durch, gibt es noch etwas aus eurer Runde, was wir ansprechen sollten?“, wollte Karl Grimm seine Frühbesprechung beenden. Kriminalkommissarin Kerstin Elser meldete sich: „Also Chef, ich will das jetzt nicht überbewerten. Aber das Führungs- und Lagezentrum hat uns vorher informiert, dass das Polizeirevier Singen zu einem Leichenfund ausgerückt ist. Die Leiche soll laut Anzeigeerstatter Stich- und Schnittwunden aufweisen.“ Hans Widenhold, der wie üblich neben seiner Partnerin saß, nickte zustimmend in Grimms Richtung und ergänzte: „Es ist natürlich noch alles viel zu früh, daher wissen wir aktuell nicht mehr. Aber wir sollten das zumindest im Fokus behalten.“ „Ihr habt recht und vielen Dank für die Info! Aber jetzt warten wir erst einmal ab, was die Schweizer Kollegen und unsere Streifenkollegen vom Revier Singen berichten“, entgegnete Grimm, als das Telefon im Besprechungsraum klingelte. Völlig unüblich. Die Nummer war nur Insidern bekannt. Die saßen aber alle hier und die Sekretärin wusste ganz genau, dass sie bei der Besprechung nicht stören sollte. Es sei denn, es war dringend.

„Der Polizeiführer vom Dienst (PvD) ist in der Leitung. Er sagt, es wäre äußerst wichtig. Ich stelle durch.“ „Karl Grimm hier, was gibt’s?“ „Herr Grimm, gut, dass ich Sie gleich erreiche! Die Kollegen vom Polizeirevier Singen sind unterhalb vom Hohentwiel bei einer weiblichen Leiche. Sie weist wohl Stichverletzungen und ein zerschnittenes Gesicht auf. Aber jetzt kommt noch etwas ganz Entscheidendes, weshalb ich Sie sofort informieren wollte. Die Kollegen haben eine Botschaft gefunden: „Du Hure, du bist nicht die Letzte!“, beendete der PvD seine Ausführungen. „Verdammt! Das könnte auf eine Serie hinweisen. Wissen wir, worauf die Botschaft stand?“, hakte Grimm nach. „Nein. Tut mir leid, das habe ich nicht gefragt. Aber ich kümmere mich darum. Die Kollegin und der Kollege, sind wohl neu im Streifendienst, waren dementsprechend recht aufgeregt. Zudem wollte ich Sie so schnell es ging informieren“, antwortete der PvD. „Gut, aber das wäre natürlich schon wichtig. Ob der Körper benutzt wurde, ein Zettel oder etwas anderes, um wahrscheinlich uns oder wem auch immer die Botschaft zu übermitteln. Aber lassen Sie es gut sein. Wenn die Kollegin und der Kollege noch nicht so viel Erfahrung haben, warten wir, bis die Techniker da sind, und hoffen, dass bis dahin so wenig wie möglich vorhandene Spuren kaputt gehen.“ Grimm legte auf und überlegte. Damit könnte der Fall in Kreuzlingen eine ganz andere Bewertung erfahren. Marcel hatte auch über ein zerschnittenes Gesicht berichtet und der Modus Operandi war nun nicht so üblich. Grimm hoffte insgeheim, dass dem nicht so war. Aber wenn ein Serienmörder unterwegs war, und darauf deutete die Botschaft hin, dann musste unter Umständen rasch die Bevölkerung gewarnt werden.

In Karl Grimms Gehirn ratterte es und er wandte sich an sein Ermittlungsteam Kerstin Elser und Hans Widenhold: „Ihr fahrt sofort raus, schaut euch den Tatort und vor allem die Botschaft an. Wie ist sie zu werten, mit was wurde sie geschrieben und vor allem: Müssen wir das so ernst nehmen, dass wir gleich mit einer Warnmeldung an die Bevölkerung rausgehen? Ich telefoniere auch gleich mit meinem Schweizer Kollegen, ob dort etwas Ähnliches gefunden wurde oder ob sie ‚nur‘ eine Leiche haben. Informiert mich bitte sofort, wie ihr die Botschaft einschätzt. Dann informiere ich den Chef in Friedrichshafen und schicke euch gleich die Kriminaltechniker nach. Das wäre dann im weiteren Verlauf ein Fall für die ‚Friedrichshäfler‘. Aber jetzt gilt es erst einmal schnell zu sein. Also los geht’s! Kommt in die Gänge! Hoffentlich ist das nicht der Anfang eine Serie.“

Das Gespräch mit dem Leitenden Kriminaldirektor

Karl Grimm hatte auf die Schnelle seinen Kollegen Marcel Schellinger von der Kriminalpolizei Frauenfeld informiert. Leider wusste der noch nichts Weiteres vom Tatort in Kreuzlingen und auch nicht, ob dort irgendeine Botschaft gefunden worden war oder ob es gegebenenfalls Hinweise für ein Sexualdelikt gab. Aber Schellinger war sensibilisiert und würde sich sofort melden, falls sich in dieser Richtung etwas Verdächtiges herausstellen sollte. Jetzt war das Telefonat mit dem Leitenden Kriminaldirektor Bär dran. Grimm stellte sich darauf ein, dass er den Fall erst einmal selbst bearbeiten sollte, obwohl dieser eigentlich nach den Statuten klar in die Zuständigkeit der Kriminalinspek­tion 1 in Friedrichshafen fallen würde. Grimm rief an und die Sekretärin stellte gleich durch: „Guten Morgen, Herr Grimm. Das freut mich, dass Sie heute Morgen schon anrufen. Ich hätte es sonst auch noch getan. Ich habe etwas Wichtiges mit Ihnen zu besprechen“, war das Entree des Leitenden Direktors, „aber gerne zuerst Sie, Herr Grimm. Was liegt Ihnen denn auf dem Herzen?“ Grimm kannte inzwischen das etwas pompöse Gehabe seines Chefs und antwortete: „Am Herzen habe ich nichts. Wir haben Informationen über eine aufgefundene weibliche Leiche in Kreuzlingen und wir haben parallel dazu auch eine weibliche Leiche in Singen. Beide weisen Schnittverletzungen im Gesicht auf. Es besteht die Möglichkeit, dass ein ähnlicher oder sogar der gleiche Modus Operandi vorliegt und darüber wollte ich Sie rasch informieren. Sollte eine Serie im Raum stehen, wissen Sie, dass wir das große Besteck auflegen und die Bevölkerung warnen müssen. Wir sind noch im Überprüfungsstatus. Aber für den Fall der Fälle wollte ich Sie schon einmal vorwarnen. Ich habe von mir Kräfte nach Singen geschickt und, vorbehaltlich Ihrer Zustimmung, die Kriminaltechniker aus Ihrem Haus angefordert. Was wir wissen, ist, dass beide Opfer wohl mit dem Messer traktiert wurden. Beide Leichen sind weiblich und weisen zerschnittene Gesichter auf. In Singen wurde eine Botschaft, möglicherweise des Täters, gefunden. Das lasse ich aber gerade verifizieren.“ Grimm pausierte. Er wollte seinen Chef nicht gleich mit den Informationen überhäufen und wartete nun zunächst einmal, was dieser dazu zu sagen hatte.

Bär war während dem Telefonat mit Grimm unruhig auf seinem Sessel hin und her gerutscht. Er mochte solche Nachrichten nicht. Denn sie bedeuteten Unruhe. Und sie bedeuteten auch, dass er in der Verantwortung war und möglicherweise unangenehme Entscheidungen treffen musste. Das passte ihm gerade sowieso nicht in seinen Ablauf. Das hatte er Grimm ja noch gar nicht gesagt. Und dann noch eine öffentliche Warnung durch die Polizei. Das war eine Hausnummer, die immer gleich auch politische Wellen schlug. Das passte Bär überhaupt nicht in den Kram und heute nochmal weniger.

„Danke, Herr Grimm. Aber das mit der Warnung der Bevölkerung, darum kümmern Sie sich dann, wenn es wirklich verifiziert ist und es eine eindeutige Verbindung der beiden Leichen gibt. Ich meine zwischen Singen und Kreuzlingen liegen doch mindestens 40 Kilo­meter.“ „Klar, Herr Bär. Das machen wir natürlich nur dann, wenn es auch wirklich so ist. Ich wollte Sie auch nur sensibilisieren. Jedoch wäre das dann Ihr und nicht mein Job. Denn dann läge der Ball auf Ihrer Flughöhe“, ergänzte Grimm scherzhaft. „Flughöhe ist gut, Grimm. Wirklich gut. War es das zunächst, was Sie mir berichten wollten?“, hakte Bär bei seinem Kollegen nach. „Ja, das war‘s. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag.“ Karl Grimm wollte gerade auflegen. „Halt! Nicht so schnell, Grimm! Ich hatte doch gesagt, dass ich Sie heute auch noch angerufen hätte. Ich habe nämlich noch eine Bitte oder eher einen Auftrag an Sie. Der Polizeiarzt hat mich heute Morgen informiert, dass in einer Kurklinik in Oberstdorf kurzfristig ein Platz freigeworden ist, den er mir zuweisen könnte. Ich habe zugesagt und werde bereits morgen in Oberstdorf erwartet.“ Bär machte eine kurze Pause. „Das freut mich für Sie, Herr Bär, und in jedem Fall gute Genesung und gute Erholung. Aber was hat das mit mir zu tun?“, fragte Karl Grimm neugierig nach. „Ach so. Das hatte ich natürlich noch nicht erwähnt. Tut mir leid. Wie Sie wissen, sind wir im Führungsbereich auf Kante genäht. Mein Vertreter und Leiter des Stabes ist noch nicht bestimmt – Sie hatten mir ja damals einen Korb gegeben –, deshalb habe ich mit dem Innenministerium schon telefoniert und vorgeschlagen, dass Sie während meiner Absenz die Kriminalpolizeidirektion leiten sollen. Also ich kann Ihnen sagen, der Landeskriminaldirektor war sofort einverstanden, worüber ich wirklich froh war“, ergänzte der Kripochef Bär seine Ausführungen gegenüber Grimm, der, was selten vorkam, erst einmal sprachlos war. „Und wieso ich? Darf ich mir das noch überlegen oder sprechen wir über einen Fait accompli?“

Der Leitende Kriminaldirektor antwortete nicht direkt, lies das Ganze stattdessen bei Grimm noch ein wenig sacken und setzte dann an: „Na ja, Sie sind heute wohl schon ein wenig zum Scherzen aufgelegt. Fait accompli hört sich ein wenig streng an. Aber ja, ich brauche jemanden, auf den ich mich während meiner Abwesenheit verlassen kann, der mich auch auf dem Laufenden hält – natürlich nur dann, wenn es etwas äußerst Wichtiges gibt – und dem ich vertraue. Deshalb habe ich mich für Sie entschieden.“ So viel Empathie bei Bär war Grimm bislang fremd. Es war ihm aber auch sofort klar, dass er nicht über sehr viel Spielraum verfügte, um gegebenenfalls ‚Nein‘ zu sagen. Es ging wahrscheinlich nur um drei bis vier Wochen, wenn nichts Besonderes bei seinem Chef dazu kam. Allerdings lag der Ball bezüglich der Fälle, die er gerade seinem Vorgesetzten vorgetragen hatte, dann bei ihm. Und Karl war klar, dass er da auf einen Schlag ein ganz schönes Paket an Verantwortung aufgebürdet bekam. „Gut, Herr Bär. Ich bin einverstanden. Wann soll ich anfangen? Morgen schon? Und kann ich von Konstanz aus die Geschicke der Kriminalpolizeidirektion leiten oder wie haben Sie sich das vorgestellt?“, hakte Grimm nach, obgleich er die Antwort schon kannte. „Dafür zunächst einmal herzlichen Dank, Kollege Grimm. Ich wusste, dass ich Ihnen das zutrauen darf und mit Ihnen als Vertreter kann ich mich gleich doppelt gut erholen. Und nun zu Ihrer Frage: Natürlich, Sie müssten morgen anfangen. Sie übernehmen solange mein Büro hier in Friedrichshafen. Wenn Sie wollen, können Sie in der Zeit einen Dienstwagen einsetzen und die Fähre nutzen. Aber wie Sie das organisieren, überlasse ich gerne Ihnen. Heute Nachmittag, gegen 14.00 Uhr, erwarte ich Sie in meinem Büro. Ich übergebe Ihnen die Dienstgeschäfte und rufe die Inspektionsleiter noch zusammen, um sie darüber zu informieren. Einverstanden?“ „Einverstanden.“ Grimm legte auf und begab sich gleich auf den Weg zu seinem Stellvertreter Arno Angele. Dem musste er jetzt klar machen, dass er für die nächsten Wochen das Kriminalkommissariat an der Backe hatte. Aber das war kein Problem. Da hatte Arno in der Vergangenheit schon weitaus schwierigere Konstellationen gemeistert. Und Grimm und Angele waren ein gut eingespieltes Team.

Die Tote in Singen

Das Ermittlerteam Elser und Widenhold „flog“ nach Singen. Schließlich hatte der Chef klare Anweisung erteilt, dass es pressierte, und klar war den beiden auch, dass ein möglicher Zusammenhang zwischen der Toten in Kreuzlingen und der Toten in Singen rasch geklärt werden musste. Kurz vor der Auffahrt zum Hohentwiel hatte Kerstin Elser das Martinshorn wieder ausgeschaltet und fuhr hinter dem ehemaligen Hotel Widerhold die Straße hinauf zum „Hontes“, wie die Singener ihren Hausberg liebevoll nannten.

Die Streifendienstbesatzung sollte auf die beiden warten. Jedenfalls hatten sie den Streifenwagen auf dem Parkplatz bei der Domäne Hohentwiel gut sichtbar geparkt. „Hallo Kollegen. Vielen Dank, dass ihr so rasch da seid. Ich zeige euch gerne gleich den Tatort. Meine Kollegin ist zur Sicherung bei der Leiche geblieben“, begrüßte sie ein junger Polizist, der ganz frisch auf dem Polizeirevier Singen sein musste. Weder Kerstin noch Hans kannten den jungen Mann. „Wie weit ist es denn noch?“, fragte Kerstin nach. „Eigentlich sind wir fast da. Die Leiche liegt auf dem Hohentwielfriedhof und der schließt gleich hier an den Parkplatz an.“ Kerstin und Hans nickten dem jungen Kollegen zu, der vorausging und die beiden zum Friedhofstor und auf den Friedhof lotste.

Kerstin, die nicht zum ersten Mal auf dem Hohentwiel war, nahm den alten und schon lange nicht mehr genutzten Friedhof zum ersten Mal konkret wahr und stupste ihren Kollegen Hans in die Seite: „Das ist ja schon etwas seltsam. Eine Leiche auf dem Friedhof. Und dann noch auf einem Friedhof, den ich gar nicht kenne und der mir bei meinen bisherigen Besuchen auf dem Hohen­twiel nie aufgefallen war. Warst du schon einmal hier? Ich meine natür­lich auf dem Friedhof“, fragte Kerstin Elser ihren Kollegen, während sie sich dem eigentlichen Leichenfundort näherten. „Ich kenne den Platz, und ich weiß auch, dass der Friedhof mit der Festungsgeschichte des Hohentwiels zu tun hat, aber mehr habe ich mich bislang auch nicht damit befasst. Und so unpassend ist ein Friedhof für eine Leiche eigentlich nicht“, scherzte Hans Widenhold etwas unglücklich. Doch sein aufgesetztes Lächeln verflog sofort, als er die weibliche Leiche erblickte.

„Mein Gott, das sieht ja furchtbar aus“, entfuhr es Kerstin und sie ging auf die junge Kollegin zu, die gut fünf Meter von der Leiche entfernt stand und offensichtlich mit dem Polizeiflatterband schon provisorisch einen Spurenkorridor eingerichtet hatte. „Ich habe die Leiche nicht angefasst und gleich abgesperrt. Vielleicht bin ich irgendwo reingetreten, weiß nicht. Aber ich war sehr vorsichtig!“, sprudelte es aus der Kollegin heraus. Kerstin schaute die Kollegin freundlich an und erkannte, dass sie kreidebleich war und offensichtlich unter Stress stand. „Das erste Mal?“, erkundigte sie sich. Die junge Streifendienstkollegin nickte und war froh, dass die beiden Kripokollegen da waren. Endlich konnte sie ein wenig loslassen. „Ja, das ist das erste Mal. Ich meine, nicht die erste Tote, aber zum ersten Mal so zugerichtet. Wer macht so etwas bloß?“ Kerstin nahm die Streifendienstkollegin kurz in den Arm und sagte: „Das habt ihr gut gemacht. Wir übernehmen jetzt und ihr fahrt zurück aufs Revier und schreibt erst einmal auf, wie ihr zu dem Auftrag gekommen seid und was ihr dann alles gemacht habt. Das schickt ihr mir dann auf meinen Rechner. Ich bin Kerstin, das ist Hans. Hier habt ihr meine Karte. Da ist auch die Emailadresse drauf. Wenn einer von euch Bedarf hat, können wir später reden. Der Konfliktberater wäre auch kein Fehler. Es tut immer gut, wenn man solche Einsätze nachbereitet“, stellte Kerstin noch in den Raum. Sie wusste, wovon sie sprach. Die Ermittlungen in Zürich im Rotlichtmilieu, der Tod der rumänischen Prostituierten Lacrima und ihres Sohns am Teufelstisch hatten ihr selbst mächtig zugesetzt und sie hatte dafür ihre Zeit gebraucht.

Friedhof auf dem Hohentwiel

Kerstin und Hans näherten sich vorsichtig der weiblichen Leiche, die halb aufgerichtet an einen Grabstein angelehnt war. Das Gesicht war zerschnitten, die Beine waren gespreizt und ebenfalls mit einem Messer oder einem anderen scharfen Gegenstand malträtiert worden. Der gesamte Eindruck hier vor Ort bestätigte den Verdacht, dass es zu einem Gewaltdelikt gekommen war. Auch eine sexuelle Motivation und der Missbrauch der getöteten Frau ließen sich nicht ausschließen.

„Halt, Kollegen, einen Moment, bevor ihr uns verlasst! Es hieß, dass bei der Leiche eine Botschaft hinterlassen worden sein soll. War das eine Falschmeldung oder übersehen wir gerade etwas? Und wisst ihr, wer der Anzeigeerstatter war?“, rief Kerstin den Kollegen hinterher, die sich schon auf den Weg zum Streifenwagen gemacht hatten. Beide drehten sich gleichzeitig um und sagten fast synchron nacheinander wie in einem Theaterstück: „Schauen Sie hinter den Grabstein! Dort hat der Täter eine Botschaft hinterlassen. Mit einem Farbspray oder so etwas Ähnlichem. Der Anzeigeerstatter hat auf dem Revier angerufen. Personalien sind bekannt und die Angaben sind auch aufgenommen worden. Bei unserem Eintreffen war die Person aber nicht mehr hier.“

Kerstin und Hans gingen über den Spurenkorridor zurück und näherten sich vorsichtig dem hinteren Teil des Grabsteins. Dort stand wie in der Erstinformation berichtet: „Du Hure, du bist nicht die Letzte!“ Der Täter hatte hierzu fast den ganzen hinteren Teil des Grabsteins beschrieben. „Du Hure“, stand in einer Zeile, darunter „du bist nicht“ und in der dritten Zeile „die Letzte!“. Man konnte es nicht übersehen und die Botschaft war klar. Hier hatte einer getötet und er kündigte an, dass er weitermachen würde. Kerstin informierte per Handy schnell den Chef, der aufmerksam zuhörte. Hans machte sich daran, den Spurenkorridor etwas zu erweitern und nach ersten habhaften Spuren Ausschau zu halten.

Der erste Eindruck für Hans: Die Frau, die er so um die Dreißig schätzte, war hier oben vergewaltigt und getötet worden. In welcher Reihenfolge war nicht zu erkennen. Hier musste rasch die Kriminaltechnik ran und Boden gutmachen. Für Hans war klar, dass man die Bevölkerung auf die Gefahr aufmerksam machen sollte. Die Gefahr eines Serientäters war nicht nur theoretisch, sondern durchaus realistisch gegeben. Aber auch er wusste, dass die Schwelle dies zu tun relativ hoch war. Und er war froh, dass er nicht in der Position war, das entscheiden zu müssen.

Im Konstanzer Polizeipräsidium

Nach dem Telefonat mit dem Leitenden Kriminaldirektor Bär hatte Karl Grimm seinen Stellvertreter Arno Angele aufgesucht und ihn über den Inhalt des Telefonats informiert. Arno sollte die Kripo Konstanz für die nächsten drei bis vier Wochen übernehmen. „Kein Problem, Karl! Das bekommen wir gut hin! Das ist doch gar nicht so verkehrt, wenn du der neue Kripochef bist. Wenn auch nur für kurze Zeit. Aber dir vertrauen die Kolleginnen und Kollegen, zumindest wir hier auf dieser Seeseite.“ Karl Grimm lächelte. „Mir wäre es gerade lieber, hier zu bleiben. Zum einen sind so temporäre Führungsaufgaben meist keine so dankbaren Rollen und zum anderen haben wir in unserem Zuständigkeitsbereich eine Leiche, die wahrscheinlich Bezüge zum Opfer in Kreuzlingen hat. Das heißt, der Bär geht in Kur und freut sich auf die schönen Berge in Oberstdorf und wir beide haben einen Rucksack voller Aufgaben und vor allem auch die Verantwortung zu übernehmen. Haben eigentlich die Kerstin und der Hans sich schon gemeldet?“, wollte Karl Grimm noch wissen, als sein Handy klingelte. Am anderen Ende der Leitung war Kerstin Elser und informierte ihren Chef über die ersten Feststellungen vor Ort.

„Das hört sich nicht gut an“, war Grimms erste Reaktion. Ich habe die Kriminaltechniker aus Friedrichshafen bereits angefordert. Ihr bleibt erst einmal da, bis die Techniker übernommen haben und so weit sind. Haben wir Hinweise, dass es zum Fall in Kreuzlingen einen Zusammenhang gibt?“, fragte Grimm vorsichtig nach, in der Hoffnung, dass seine Kollegin es verneinen würde. „Nur das, was wir bereits wussten. Das Opfer hier in Singen ist ebenfalls weiblich. Die Frau hat Messerschnitte im Gesicht, wie es auch bei der Leiche in Kreuzlingen der Fall sein soll. Die Schnitte sind im Übrigen ganz fein geführt. Es sieht so aus, als ob der Täter sich dafür Zeit genommen hätte und irgendetwas ausdrücken will. Und dann die Botschaft auf dem Grabstein. Das heißt ja, dass der Täter weitermachen will. Also ja, wir haben zumindest Indizien, dass ein Serienmörder unterwegs ist.“

Karl Grimm hatte aufmerksam zugehört. Er hatte das fast befürchtet. Schnell schnappte er sich den Telefonhörer und wählte die Nummer seines Chefs. „Herr Grimm, was gibt es denn so Dringendes? Meine Sekretärin sagte, Sie wollten mich unbedingt noch einmal sprechen. Wir sehen uns doch in Kürze. Aber gut. Was gibt es denn?“ Karl Grimm informierte den Leitenden Kriminaldirektor Bär noch einmal über die Feststellungen in Kreuzlingen und in Singen und vor allem über die Botschaft, die der Täter in Singen auf dem Hohentwieler Friedhof hinterlassen hatte. „Wir müssen zum jetzigen Zeitpunkt davon ausgehen, dass hier der gleiche Täter am Werk war. Meiner Meinung nach ist daher dringend eine Warnmeldung an die Bevölkerung herauszugeben“, ergänzte Karl Grimm seine Ausführungen.

„Sie haben ja vielleicht recht, Herr Grimm, aber sollten wir nicht vorher noch den Tatbefund der Schweizer Kollegen abwarten, bevor wir die Bevölkerung im hiesigen Raum derart verunsichern? Sie wissen ja auch, dass solche Aktivitäten der Polizei immer hinterfragt werden und mit uns nicht gnädig umgegangen wird, wenn wir zu schnell agieren. Wir haben jetzt zwei weibliche Leichen. Nur bei einer Leiche hat man eine Botschaft gefunden. Wir haben von beiden Leichen noch keinen Tatort­befund. Wir haben kein Obduktionsergebnis. Wir wissen nicht, wann die Frauen ermordet worden sind. Wer war das erste Opfer? Aus meiner Sicht noch viele offenen Fragen. Und auf der anderen Seite eine Warnmeldung, die uns im Nachgang auch als Hysterie ausgelegt werden kann. Jetzt kommen Sie erst einmal her. Vielleicht wissen wir heute Nachmittag bei der Dienstübergabe an Sie schon mehr. Und dann entscheiden Sie. Aber erst dann, wenn wir über etwas mehr Informationen verfügen.“ Karl wollte lieber nicht noch weiter insistieren, obgleich ihn das ärgerte. Vielleicht hatte sein Chef aber auch recht und er selbst bewertete das zu sensibel. Ohne Genehmigung drückte er jedenfalls nicht auf den Knopf. Das Gespräch mit seinem Vorgesetzten hatte ihn in der Entscheidungsfindung zudem verunsichert und letztendlich war Bär immer noch der Chef. Karl konnte also zum jetzigen Zeitpunkt nicht mehr dafür tun. Er informierte Arno Angele und übergab ihm die Dienstgeschäfte in Konstanz. Karl selbst bereitete sich auf die Dienstübergabe in Friedrichshafen vor. Er packte ein paar persönliche Utensilien und seine Dienstausrüstung zusammen, schnappte sich die Schlüssel vom Auto und verabschiedete sich von seiner Sekretärin: „Ich bin die nächsten Wochen in Friedrichshafen. Arno Angele wird hier die Dienstgeschäfte leiten. Er hat wie immer vollständig Prokura. Persönliche Anrufe oder Post bitte gern an Friedrichshafen weiterleiten. Ansonsten wenden Sie sich an Herrn Angele.“ Grimms Sekretärin war schon bestens informiert. Ließ sich das aber gegenüber ihrem Chef nicht anmerken. Dass der Chef den Leitenden Kriminaldirektor in Friedrichshafen vertreten sollte, hatte sich bereits im ganzen Haus rumgesprochen. Die Sekretärin nickte ihrem Chef zum Abschied zu: „Viel Glück und vergessen Sie uns in Friedrichshafen nicht!“ Karl Grimm nickte zurück und machte sich auf den Weg.

Er fuhr mit seinem Dienstwagen, ein geleaster Mercedes, über den Sternenplatz und die Mainaustraße zum Staader Hafen. Die Zufahrt zur Fähre war wenig frequentiert. Vor Grimm standen in der Warteschlange nur vier Autos und auf der Nebenspur ein Lastwagen. Das Auffahren war rasch erledigt. Grimm parkte den Dienstwagen und verließ das Auto in Richtung Oberdeck. Die Fähre legte in Richtung Meersburg ab. Es war ein sonniger Oktobertag. Karl Grimm genoss die Überfahrt mit der Fähre. Er hatte einen herrlichen Rundumblick auf und über den See. Von dort, wo er herkam, lag auf der linken Seite die Insel Mainau mit dem schönen Schloss. Auf der anderen Seeseite Kloster Birnau. Für Grimm die schönste Barockkirche, die er kannte. Und Meersburg mit seiner Burg und dem Schloss. Einfach schön. Beim Blick nach Süden thronte der Säntis über dem See. Das schöne Schauspiel würde ihn die nächsten Wochen begleiten. Einmal hin und einmal zurück, wenn es rechtzeitig Feierabend gab. Wenn es dafür nicht so viel Zeit bräuchte, eigentlich eine schöne Abwechslung zum dienstlichen Alltag in Konstanz. Der Moment auf der Fähre bestätigte das immer wieder gern bemühte Zitat: „Sie arbeiten da, wo andere Urlaub machen.“ Grimm ließ noch einmal seinen Blick schweifen und konnte sich für kurze Zeit von dem Fall lösen. Er betrachtete die alte Burg, die über dem See und der Unterstadt von Meersburg thronte, und das Fürstenhäusle im Weinberg, in dem die große Dichterin des 19. Jahrhunderts, Annette von Droste-Hülshoff, Heimat gefunden hatte. Dann dachte er an das, was schon länger auf der Familienagenda stand, nämlich wohin der nächste Ausflug mit den Fahrrädern stattfinden sollte. Das hatte Karl seiner Maria schon vor einer ganzen Weile versprochen. Grimms Fähre erreichte Meersburg. Sie bog in einer langen Kurve nach rechts in den Fährhafen ein und legte an. Karl Grimms Gedanken waren schon wieder fokussiert auf den Fall und verdrängten die schöne Gedankenwelt. In Friedrichshafen wartete ein Gespräch mit dem Leitenden Kriminaldirektor Bär und zwei Tötungsdelikte begleiteten ihn dorthin. Ausgang ungewiss.

Ermittlungstrupp Kerstin Elser und Hans Widenhold

Kerstin und Hans warteten auf die Kriminaltechniker, die laut Funk demnächst eintreffen sollten. Kerstin hatte sich außerhalb des Spurenkorridors ein wenig umgesehen, während Hans mehr oder weniger den Tatort bewachte, so dass nichts und niemand hier noch irgendetwas verändern konnte. Kerstin hatte mit ihrem Handy ein paar Aufnahmen von der Leiche und dem Umfeld gefertigt und schaute sich jetzt auf dem alten Friedhof um.

Der Friedhof war ringsherum mit einer alten Mauer versehen. Die Grabsteine waren ebenfalls alt und teilweise mit Moos überzogen. Auch hier entdeckte Kerstin Grabplatten, die darauf hindeuteten, dass einige Menschen sogar direkt an der Friedhofsmauer begraben worden waren. Kerstin vermutete, dass der Friedhof irgendetwas mit der alten Festung zu tun hatte. Und den Menschen, die hier früher gelebt und gearbeitet hatten.

Bei dem Gedanken hier oben zu sterben schauderte es die Kriminalkommissarin. Im näheren Umkreis konnte sie nichts feststellen. Aber der Tatort an sich war ja makaber genug. Ein Verrückter musste hier sein Unwesen treiben, ging es der Polizistin durch den Kopf.

Hans, der bei der Leiche verharrte, hatte das Verletzungsmuster des Opfers näher begutachtet. Die Schnitte im Gesicht waren mit einem Messer oder einem anderen scharfen Gegenstand diagonal ausgeführt worden und sie waren fein und mit Sorgfalt gesetzt. Für ihn sah es so aus, als ob das Opfer vergewaltigt worden war. Die Stellung der Beine war ein Indiz und man könnte spekulieren, dass eventuell der Slip fehlte. Das Opfer war mit einem grauen Pullover und einem knielangen roten Rock bekleidet. Neben dem Grabstein lag eine grüne Steppjacke, die wohl auch dem Opfer zuzuordnen war, und mehrere Blutspritzer waren verteilt auf Kleidung, dem Erdreich und selbst am Grabstein. Hans war tief in seine Gedanken versunken, als die Kriminaltechniker eintrafen. „Guten Morgen, Kollege. Sind wir hier richtig? Bei einer Leiche in Singen?“, scherzte einer der Kriminaltechniker und ging mit seinem Koffer in der Hand auf Hans und den Tatort zu.“ Hans schaute sich um und sah Kerstin, wie sie im hinteren Bereich des Friedhofs auf die Gräber schaute. „Kommst du?“, rief Hans und ergänzte an die Kollegen gewandt: „Braucht ihr uns noch oder können wir euch hier allein lassen?“ „Das schaffen wir. Geht ruhig. Wir machen hier weiter und melden uns, sobald wir fertig sind. Habt ihr schon den Bestatter informiert?“ Hans schüttelte den Kopf und wandte sich seiner Kollegin zu, die mit ihm den Friedhof auf dem Hohentwiel nur zu gern wieder verließ.

Die Leiche in Kreuzlingen

Die Kolleginnen und Kollegen der Kriminalpolizei Frauenfeld hatten sich rasch mit einem Viererteam und zwei Kriminaltechnikern nach Kreuzlingen begeben und waren am Seegartensteg, etwas östlich vom Seemuseum und kurz vor dem zweiten Kreuzlinger Hafen, angekommen.Prinzipiell ein herrlicher Ort, um spazieren zu gehen. Mit Blick auf die Konstanzer Bucht und die gegenüberliegende Seeseite, den See und schöner Natur. Ein Platz, um die Seele baumeln zu lassen. Aber deshalb waren die Schweizer Kriminalbeamten nicht hier.

Die Kreuzlinger Schutzpolizisten konnten sie rasch entlassen. Diese hatten ja nichts gesehen, sondern waren lediglich zur Bewachung des Tatortes eingesetzt worden. Die Frau, die das Opfer entdeckt hatte, war bereits von einer Kollegin vom Polizeiposten vernommen worden, was den Ermittlern zunächst einmal ausreichte. Eine kurze Inaugenscheinnahme genügte, um ein erstes Statement an den Thurgauer Kripochef abzugeben.

„Hier Marcel Schellinger, was gibt es?“ „Hallo, Chef, so wie es aussieht, könnte das Opfer nicht nur getötet, sondern auch sexuell missbraucht worden sein. Die Kriminaltechniker haben festgestellt, dass das Opfer keinen Slip mehr anhat. Genaueres aber erst nach der Obduktion. Das Opfer hat Schnittverletzungen im Gesicht und Hämatome an den Armen sowie Verletzungen am Ellenbogen. Das könnte vom Festhalten und Fallen herrühren. Vermutlich wurde die Frau erstochen. So wie es aussieht, stammt das Opfer aus Deutschland, genauer gesagt aus Konstanz. Wir haben bei der Leiche eine Handtasche mit Geldbörse und Ausweis gefunden. Die Dame ist 25 Jahre alt und ist in der Konstanzer Altstadt gemeldet. Und die Geldbörse ist noch gut gefüllt. Also Raubmord können wir eher ausschließen“, waren die ersten Informationen an Marcel Schellinger, der sogleich nachhakte: „Gibt es eine Botschaft oder irgendetwas Besonderes im Kontext mit den Schnittverletzungen?“ „Wir haben noch nicht alles überprüfen können. Die Techniker sind noch bei ihrer Arbeit. Aber die Schnittverletzungen sind ziemlich gleichmäßig diagonal und ganz fein geführt. Könnte darauf hinweisen, dass ihr die Schnitte postmortal zugefügt wurden. Eine Botschaft oder etwas Ähnliches in der Art haben wir nicht entdeckt. Außer dem Schnittmuster im Gesicht des Opfers, wenn man das so interpretieren möchte. Aber wie bereits gesagt: Wir fangen mit der Suche rund um den Tatort erst richtig an, wenn die Techniker uns den Tatort freigeben.“ „Klar“, antwortete Schellinger, „bitte macht ein paar Aufnahmen von den Verletzungen und dem Tatort und schickt sie mir. Ich will die Konstanzer Kollegen rasch über unsere Erkenntnisse informieren. Die haben nämlich eine Leiche mit Schnittverletzungen auf dem Hohentwiel“. Auch Marcel Schellinger war klar, dass es sich hier um einen verrückten Serienkiller handeln könnte und dass dieser weiter morden würde, bis man ihn stoppte.

Kriminalpolizeidirektion Friedrichshafen

Grimm war in Friedrichshafen angekommen und hatte sein Auto in der Tiefgarage der Direktion geparkt. Bär erwartete ihn bereits in seinem Dienstzimmer und erläuterte ihm die weitere Vorgehensweise. Er hatte die Inspektions- und Kommissariatsleiter auf 14 Uhr zu einer Dienstbesprechung eingeladen und wollte ihnen kurz erläutern, dass er für die nächsten Wochen in Kur sei und Grimm ihn vertreten werde.

Karl Grimm saß in seinem Dienstzimmer der nächsten Wochen und wollte den Leitenden Kriminaldirektor über die Weiterentwicklung der beiden Tötungsdelikte informieren. Der winkte aber ab und meinte: „Sie sind jetzt der Chef und haben das Sagen. Ich bin nach der Besprechung erst einmal weg. Das schaffen Sie schon. Schließlich ist das nicht das erste und sicher nicht das letzte Tötungsdelikt, das die Kripo bearbeitet, und Sie sind ein erfahrener Mann. Genau deshalb wollte ich Sie ja auch hier als meinen Stellvertreter haben“, sagte Bär und verteilte damit noch eine letzte Spitze an Grimm.

Karl Grimm kapitulierte und wünschte seinem Chef noch einmal gute Erholung. „Kennen Sie Oberstdorf und die Kurklinik schon?“, konversierte Grimm ein wenig. „Weder noch. Ich bin zum ersten Mal in Oberstdorf und ich hab mir sagen lassen, dass es dort auch noch im Oktober sehr schön sein soll und vor allem hat die Klinik auch einen ganz vernünftigen Ruf.“ „Na dann, kann ja nichts mehr schiefgehen“, meinte Karl Grimm zum Leitenden Direktor, der signalisierte, ihm jetzt in die anberaumte Besprechung zu folgen.

„Guten Tag, Kolleginnen und Kollegen. Ich darf Sie recht herzlich zu einer kleinen Sondersitzung begrüßen. Wir gehen wie immer auf die verschiedenen Fälle in Ihren Zuständigkeitsbereichen ein, aber ich darf Sie vorab darüber informieren, dass Herr Kollege Grimm mich in den nächsten Wochen vertreten wird. Es bleibt alles beim üblichen Procedere. Herr Grimm wird für Sie in Friedrichshafen erreichbar sein. Und mich sehen Sie dann in vier Wochen wieder, wenn ich gestärkt und fit aus meiner Kur in Oberstdorf zurückkehre. Bitte wenden Sie sich in meiner Abwesenheit an Herrn Grimm und ausschließlich an Herrn Grimm. Sollte etwas besonders Außergewöhnliches vorliegen, wünsche ich, von Herrn Grimm unterrichtet zu werden.“ Der Leitende Kriminaldirektor Bär war so weit mit seiner Anweisung durch. Es folgte die übliche Besprechung, die sehr kurz ausfiel. Grimm konnte der Runde noch mitteilen, dass es in Kreuzlingen und Singen zu einem Fund zweier getöteter Frauen gekommen war und dass es erste Hinweise für eine Serie gäbe. Danach war die Besprechung zu Ende.

Bär ging zurück in sein Büro und informierte Grimm noch darüber, dass dieser ab morgen sein Büro hierher verlegen solle, und das war’s. Der erste Eindruck von Friedrichshafen und der neuen Aufgabe Kripochef in vier Landkreisen zu sein. Bär hatte sich jetzt elegant aus der Affäre gezogen. Die Entscheidung für eine öffentliche Warnmeldung an die Bevölkerung war jetzt nicht mehr seine Angelegenheit.

In Litzelstetten

Karl Grimm hatte mit seinem Chef vereinbart, dass er den Dienstwagen für die Vertretungsphase in Friedrichshafen auch mit nach Hause nehmen konnte, so dass er keinen Umweg über das Präsidium in Konstanz machen musste. Das war Grimm ganz recht. Schließlich sollte sein Vertreter Arno unabhängig von ihm agieren können und er verlor auch nicht unnütz Zeit.

Karl Grimm fuhr mit gemischten Gefühlen nach Hause. Zum einen beschäftigte ihn die Mordserie und zum anderen war er für seine Familie die nächsten vier Wochen nicht gleichermaßen greifbar, wie wenn er in Konstanz arbeiten würde. Karl überlegte, ob er nicht doch auf eine Warnmeldung hätte bestehen sollen. Aber es war eine wirklich blöde Situation für ihn. Sein Chef verabschiedete sich in die Kur und übergab ihm die Dienstgeschäfte. Und in dieser Übergangsphase blieb diese Bewertung ein Stück auf der Strecke. Sein Chef wollte erst auf mehr Informationen warten. Für Karl hätten die bisherigen gereicht. „Aber egal“, dachte Karl. „Morgen wird ein neuer Tag und dann entscheide ich!“

Seine Frau Maria erwartete ihn vermutlich schon. Und er kam mit dieser neuen Botschaft heim. Für ein paar Wochen weniger Zeit und dafür mehr Verantwortung. Für ihn war klar, dass seine Maria damit kein Problem hatte. Aber das neue Leben hier in Konstanz und das berufliche und soziale Umfeld der Familie war Karl wichtig. Maria arbeitete seit einiger Zeit an der Uni Konstanz als Dozentin mit einem halben Deputat. Sie war eine Spitzenjuristin und man hatte sie schon gefragt, ob sie bereit wäre, weitere Aufgaben zu übernehmen. Und Karl hätte als Kriminaldirektor nach Friedrichshafen gehen können. Aber beide hatten sie sich für die Kinder und das gemeinsame Leben in Konstanz entschieden. Alles sollte noch eine Weile so bleiben, wie es war. Die drei Kinder entwickelten sich prächtig, waren aber mittlerweile schon ganz schön flügge, was für Karl okay war. Schließlich hatte es bislang noch keine einschneidenden negativen Entwicklungen gegeben. Keine Drogen, keine anderen übermäßigen Auswüchse und er wusste, wenn es etwas zu regeln gab, war es als Erstes seine Frau Maria, die die Fäden in der Hand hielt und mit ihrer Fürsorge und leidenschaftlichen Empathie das meiste regelte.

„Hallo, meine Lieblingsfrau. Endlich zuhause! Wie war dein Tag?“, startete Karl in den Abend mit seiner Familie. Maria umarmte ihn herzlich und gab ihm einen Kuss. „Guten Abend, neuer Kripochef im Präsidium. Sie sind wieder im Spiel und die Karrieredurststrecke hat ein Ende“, scherzte Maria. Karl Grimm war etwas irritiert. Gerade wollte er seiner Maria berichten, dass er für ein paar Wochen in Friedrichshafen gebraucht würde. „Woher weißt du, dass ich vorübergehend einen neuen Job habe?“ Maria lachte und antwortete: „Schließlich bin ich die Frau eines Polizisten, und zwar nicht des schlechtesten. Und dann geht so etwas an mir nicht vorbei.“ Karl lachte ebenfalls und meinte: „Jetzt im Ernst, welches Vöglein hat gezwitschert?“ Maria entgegnete: „Du weißt ja, ein guter Ermittler gibt seine Quellen nie preis. Das habe ich von dir gelernt und daran werde ich mich auch halten.“ Karl gab auf. Seine Maria hatte ihn überzeugt und die Aufklärung dazu war ja auch nicht so wichtig. Er liebte sie und die drei Kinder, die sie gemeinsam hatten. Und es war Abend und der sollte nun Maria und seiner Familie gehören.

Die Kriminaltechniker und die Forensik sind am Zug