Sterbenskalt - Tana French - E-Book + Hörbuch

Sterbenskalt Hörbuch

Tana French

4,5

Beschreibung

Niemand lotet Charaktere gnadenloser aus, niemand zieht die Leser tiefer in die Atmosphäre: der dritte Roman der jungen irischen Kriminal-Literatin Tana French. »Ich stand dort im Schatten, während die Glocken drei und vier und fünf schlugen. Die Nacht verblasste, und ich wartete noch immer auf Rosie Daly.« Frank Mackey, Undercover-Ermittler, hat seine Familie seit 22 Jahren nicht gesehen. Er wollte der Perspektivlosigkeit seines Viertels für immer entfliehen – zusammen mit seiner ersten großen Liebe Rosie. Doch die hatte ihn versetzt und war allein nach England aufgebrochen, so hat Frank es jedenfalls immer gedacht. Bis in einem Abbruchhaus Rosies Koffer gefunden wird. Was ist damals wirklich geschehen? Frank muss zurück nach Faithful Place – und feststellen, dass er diesen dunklen Ort immer in sich getragen hat …

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Tana French

Sterbenskalt

Kriminalroman

Kriminalroman

 

Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann

 

 

 

Über dieses Buch

 

 

Niemand lotet Charaktere gnadenloser aus, niemand zieht die Leser tiefer in die Atmosphäre: der neue große Roman der jungen irischen Kriminal-Literatin Tana French.

»Ich stand dort im Schatten, während die Glocken drei und vier und fünf schlugen. Die Nacht verblasste, und ich wartete noch immer auf Rosie Daly.«

Frank Mackey, Undercover-Ermittler, hat seine Familie seit 22 Jahren nicht gesehen. Er wollte der Perspektivlosigkeit seines Viertels für immer entfliehen, zusammen mit seiner ersten großen Liebe Rosie. Doch die hatte ihn versetzt und war allein nach England aufgebrochen, so hat Frank es jedenfalls immer gedacht. Bis in einem Abbruchhaus Rosies Koffer gefunden wird. Was ist damals wirklich geschehen? Frank muss zurück nach Faithful Place, undercover in seine eigene Vergangenheit – und feststellen, dass er diesen dunklen Ort immer in sich getragen hat …

 

 

Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de

Biografie

 

 

Tana Frenchstiefgründige, hochspannende Romane um Täter, Opfer und Ermittler aus ihrem Dubliner Universum finden sich regelmäßig auf den internationalen Bestsellerlisten und sind vielfach ausgezeichnet worden. Tana French wuchs in Irland, Italien und Malawi auf, machte eine Schauspielausbildung am Dubliner Trinity College und arbeitete für Theater, Film und Fernsehen. Die Autorin lebt mit ihrer Familie in Dublin.

 

Tana Frenchs Kriminalromane: ›Grabesgrün‹ ›Totengleich‹ ›Sterbenskalt‹ ›Schattenstill‹ ›Geheimer Ort‹

 

www.tana-french.de

Für Alex

Prolog

Im gesamten Leben zählen nur einige wenige Augenblicke. Meistens merkt man das erst im Nachhinein, wenn sie längst an einem vorbeigezischt sind: der Augenblick, in dem du beschlossen hast, das Mädchen anzusprechen, vor der unübersichtlichen Kurve abzubremsen, doch noch das Kondom hervorzuholen. Ich hatte Glück, könnte man wohl sagen. Ich bekam einen meiner entscheidenden Augenblicke voll und ganz mit und erkannte ihn als solchen. Ja, ich spürte den reißenden Sog meines Lebens um mich herumwirbeln, als ich in einer dunklen Winternacht oben am Faithful Place stand und wartete.

Ich war neunzehn, alt genug, um es mit der Welt aufzunehmen, und jung genug, um zig Dummheiten auf einmal zu machen, und sobald meine Brüder in jener Nacht fest eingeschlafen waren, schnallte ich meinen Rucksack um und schlich mit meinen Doc-Martens-Schuhen in der Hand aus unserem Zimmer. Ein Dielenbrett knarrte, und im Mädchenzimmer murmelte eine meiner Schwestern im Schlaf, doch ich war in jener Nacht unbesiegbar, ritt hoch auf der wogenden Brandung, nicht mehr aufzuhalten. Meine Eltern drehten sich auf der Ausziehcouch im Wohnzimmer nicht mal um, als ich so nah an ihnen vorbeischlich, dass ich sie hätte berühren können. Das Feuer im Ofen war zu einer säuselnden roten Glut heruntergebrannt. Im Rucksack befand sich alles Wichtige, was ich besaß: Jeans, T-Shirts, ein Transistorradio, das ich gebraucht gekauft hatte, hundert Pfund und meine Geburtsurkunde. Mehr brauchte man damals nicht, um rüber nach England zu fahren. Rosie hatte die Fahrkarten für die Fähre.

Ich wartete im Schatten oben an der Straße auf sie, am Rande des matten gelben Lichtkreises unter der Straßenlampe. Die Luft war kalt wie Glas, mit einem würzig rauchigen Hopfenduft von der Guinness-Brauerei. Ich trug drei Paar Socken in den Docs, und ich stopfte die Hände tief in die Taschen meines deutschen Armeeparkas und lauschte ein letztes Mal meiner Straße, die lebendig in der langsamen Strömung der Nacht trieb. Eine Frau lachte, Na, na, das hättest du wohl gern, ein Fenster wurde zugeknallt. Eine Ratte huschte an einer Mauer entlang, ein Mann hustete, ein Fahrrad zischte um die Ecke. Mad Johnny Malone redete in der Kellerwohnung von Nummer 14 mit einem tiefen zornigen Grollen im Schlaf. Ein Liebespaar irgendwo, gedämpftes Wimmern, Bumsgeräusche, und ich dachte an den Geruch von Rosies Hals und grinste zum Himmel hinauf. Ich hörte die Glocken der Stadt Mitternacht schlagen, Christ Church, St Pat, St Michan, wuchtige, runde Klänge, die vom Himmel herabfielen wie eine Feier, unser eigenes geheimes Neujahr einläuteten.

Als sie eins schlugen, hatte ich Angst. Eine Spur aus leisem Rascheln und Stampfen durch die Gärten, und ich machte mich bereit, doch sie kam nicht über die letzte Mauer geklettert. Wahrscheinlich schlich da jemand mit schlechtem Gewissen zu spät nach Hause, stieg durch ein Fenster. In Nummer 7 brüllte Sallie Hearnes jüngster Nachwuchs los, ein dünnes, hoffnungsloses Heulen, bis sie sich aus dem Schlaf quälte und ihm etwas vorsang. I know where I’m going … Painted rooms are bonny …

Als die Glocken zwei schlugen, wurde mir das Missverständnis schlagartig klar, traf mich wie eine Ohrfeige. Sie katapultierte mich geradewegs über die Mauer in den Garten von Nummer 16, schon vor meiner Geburt verwahrlost und von uns Kindern trotz der schrecklichen Warnungen in Beschlag genommen, übersät mit Bierdosen und Zigarettenkippen und so mancher verlorenen Unschuld. Ich sprang die morsche Treppe hoch, immer vier Stufen auf einmal, ohne mich drum zu scheren, wer es hörte. Ich war mir so sicher, ich sah sie schon vor mir, zornige kupferrote Locken und Fäuste in die Hüften gestemmt, Verdammt nochmal, wo bleibst du denn?

Geborstene Dielenbretter, Löcher im Putz, Schutt und kalte dunkle Zugluft und keine Menschenseele. Im oberen Wohnzimmer fand ich den Brief, bloß ein Blatt, aus einem Schulheft gerissen. Es lag auf dem nackten Fußboden, flatterte in dem bleichen Rechteck aus Licht, das durch das zerbrochene Fenster fiel, und sah aus, als hätte es dort schon seit hundert Jahren gelegen. In diesem Moment spürte ich, wie sich der reißende Sog veränderte, blitzschnell eine tödliche Wendung vollzog, viel zu stark, um dagegen anzukämpfen, und nicht mehr auf meiner Seite.

Ich nahm den Brief nicht mit. Als ich Nummer 16 wieder verließ, kannte ich ihn auswendig und würde den Rest meines Lebens versuchen zu glauben, was drinstand. Ich ließ ihn liegen und ging zurück ans Ende der Straße. Ich wartete dort im Schatten, beobachtete die Dampfwolken, die mein Atem im Laternenlicht aufsteigen ließ, während die Glocken drei und vier und fünf schlugen. Die Nacht verblasste zu einem dünnen, traurigen Grau, und ein Milchkarren kam um die Ecke, rumpelte übers Kopfsteinpflaster in Richtung Molkerei, und ich wartete noch immer auf Rosie Daly oben am Faithful Place.

1

Mein Vater hat mir mal gesagt, jeder Mann sollte wissen, wofür er bereit wäre zu sterben, das wäre das Wichtigste. Wenn du das nicht weißt, sagte er, was bist du dann wert? Nichts. Dann bist du kein richtiger Mann. Ich war dreizehn, und er hatte schon eine Dreiviertelflasche Gordon-Whiskey intus, aber trotzdem, ein guter Spruch. Wenn ich mich recht entsinne, war er bereit, für Folgendes zu sterben: a) Irland, b) seine Mutter, die da schon zehn Jahre tot war, und c) um das Miststück Maggie Thatcher zu erledigen.

Dennoch, seit damals hätte ich in jedem Augenblick meines Lebens wie aus der Pistole geschossen sagen können, wofür ich bereit wäre zu sterben. Zuerst war das ganz leicht: meine Familie, meine Freundin, mein Zuhause. Später wurde es eine Zeitlang komplizierter. Heutzutage bleibt es stabil, und das gefällt mir. Es kommt mir vor wie etwas, worauf ein Mann stolz sein kann. Ich wäre bereit, für meine Stadt zu sterben, meinen Job und mein Kind, vielleicht nicht unbedingt in dieser Reihenfolge.

Das Kind ist bislang ganz gut geraten, die Stadt ist Dublin, und der Job ist in der Undercoverabteilung, daher scheint offensichtlich, wofür ich am ehesten sterben könnte, aber es ist ein Weilchen her, seit die Arbeit mir etwas Beängstigenderes beschert hat als einen Riesenhaufen Papierkram. Die Größe des Landes hat zur Folge, dass ein Undercovercop ein frühes Verfallsdatum hat; zwei Einsätze, vielleicht vier, dann wird das Risiko aufzufliegen einfach zu groß. Ich hab meine neun Leben schon vor langer Zeit aufgebraucht. Ich bleibe vorläufig hinter den Kulissen und leite eigene Operationen.

Das eigentliche Risiko bei der Undercoverarbeit, ob im Einsatz oder nicht, ist Folgendes: Du erzeugst so lange Illusionen, dass du schließlich glaubst, alles im Griff zu haben. Es ist leicht, dem Glauben zu verfallen, du wärst der Hypnotiseur, der Meister der Illusion, der helle Kopf, der weiß, was real ist und wie alle Zaubertricks funktionieren. Tatsache ist, auch du bist und bleibst bloß eine staunende Zielscheibe im Publikum. Ganz gleich, wie gut du bist, die Welt wird in diesem Spiel immer besser sein. Sie ist gerissener als du, sie ist schneller, und sie ist um einiges skrupelloser. Du kannst lediglich versuchen mitzuhalten, deine Schwachstellen zu kennen und niemals aufzuhören, mit dem Schlag unter die Gürtellinie zu rechnen.

An einem Freitagnachmittag Anfang Dezember holte mein Leben das zweite Mal für den Schlag unter die Gürtellinie aus. Tagsüber war ich mit Wartungsarbeiten an einigen meiner laufenden Illusionsmaschinen beschäftigt gewesen – einer von meinen Jungs, der dieses Jahr Weihnachten keine Süßigkeiten von Onkel Frank bekommen würde, hatte sich in eine Situation manövriert, in der er aus komplizierten Gründen eine ältere Frau brauchte, die er etlichen kleinen Drogendealern als seine Großmutter vorstellen konnte –, und ich war auf dem Weg zu meiner Exfrau, um meine Tochter fürs Wochenende abzuholen. Olivia und Holly wohnen in einer sagenhaft geschmackvollen Doppelhaushälfte in einer gepflegten Sackgasse in Dalkey. Olivias Daddy hatte uns das Haus zur Hochzeit geschenkt. Als wir einzogen, hatte es einen Namen statt einer Nummer. Ich ließ den Namen schnell verschwinden, aber trotzdem, schon damals hätte ich kapieren müssen, dass diese Ehe zum Scheitern verurteilt war. Wenn meine Eltern von meinen Heiratsabsichten gewusst hätten, hätte meine Ma sich bei der Genossenschaftsbank mit einem Kredit hoch verschuldet, um uns eine hübsche geblümte Couchgarnitur zu kaufen, und wäre entrüstet gewesen, wenn wir die Plastikhüllen von den Polstern entfernt hätten.

Olivia postierte sich mitten in der Tür, für den Fall, dass ich auf die Idee käme, reinkommen zu wollen. »Holly ist gleich fertig«, sagte sie.

Olivia, und das sage ich, Hand aufs Herz, mit zu gleichen Teilen Selbstgefälligkeit und Bedauern, sieht toll aus: groß gewachsen, ovales, elegantes Gesicht, jede Menge weiches, aschblondes Haar und die Art von unaufdringlichen Rundungen, die du zunächst gar nicht bemerkst und dann nicht mehr aufhören kannst zu bemerken. An dem Abend war sie in ein teures, schwarzes Kleid und hauchdünne Nylons gehüllt, und sie trug die Brillantkette ihrer Großmutter, die nur zu ganz besonderen Anlässen hervorgeholt wird. Der Papst höchstselbst hätte sein Käppchen vom Kopf gerissen, um sich die Stirn zu wischen. Ich, der ich nicht so viel Klasse habe wie der Papst, stieß einen Pfiff aus. »Großes Rendezvous?«

»Wir gehen essen.«

»Heißt ›wir‹ schon wieder du und Dermo?«

Olivia ist viel zu clever, um sich von mir so leicht provozieren zu lassen. »Sein Name ist Dermot, und ja, das heißt es.«

Ich tat beeindruckt. »Das sind ja dann schon vier Wochenenden hintereinander, stimmt’s? Ist heute Abend der große Abend, wenn ich fragen darf?«

Olivia rief die Treppe hoch: »Holly! Dein Vater ist da!« Während sie mir den Rücken zudrehte, schlüpfte ich an ihr vorbei in die Diele. Sie hatte Chanel N°5 aufgelegt, wie immer.

Von oben: »Daddy! Ich komm gleich, ich komm gleich, ich komm gleich, ich muss bloß noch … «, und dann langes aufgeregtes Geplapper, mit dem Holly erklärte, was in ihrem komplizierten kleinen Kopf vorging, ohne darüber nachzudenken, ob irgendwer sie hören konnte. Ich brüllte: »Lass dir ruhig Zeit, Schätzchen!«, auf dem Weg in die Küche.

Olivia folgte mir. »Dermot müsste jede Minute hier sein«, erklärte sie. Mir war nicht klar, ob das eine Drohung oder eine Bitte war.

Ich öffnete den Kühlschrank und warf einen Blick hinein. »Der Bursche gefällt mir nicht. Er hat kein Kinn. Männern ohne Kinn trau ich nicht über den Weg.«

»Tja, zum Glück ist dein Männergeschmack hier nicht von Belang.«

»Ist er doch, falls du dich ernsthaft auf ihn einlässt und er auch mit Holly zu tun hat. Wie heißt er noch mal mit Nachnamen?«

Einmal, als wir schon auf die Trennung zusteuerten, hat mir Olivia die Kühlschranktür gegen den Kopf geknallt. Ich spürte, dass sie drauf und dran war, es wieder zu tun. Ich blieb vorgebeugt stehen, um ihr reichlich Gelegenheit zu bieten, doch sie bewahrte ruhig Blut. »Wieso willst du das wissen?«

»Ich muss ihn unbedingt durch den Computer laufen lassen.« Ich nahm eine Packung Orangensaft heraus und schüttelte sie. »Was ist das denn für ein Mist? Seit wann kaufst du keine guten Sachen mehr?«

Olivias Mund – ein Hauch Lipgloss – wurde allmählich schmallippig. »Du wirst Dermot nicht durch irgendeinen Computer laufen lassen, Frank.«

»Geht nicht anders«, erwiderte ich munter. »Ich muss schließlich auf Nummer sicher gehen, dass er nicht auf kleine Mädchen steht, oder?«

»Herrgott, Frank! Er steht nicht –«

»Vielleicht nicht«, räumte ich ein. »Wahrscheinlich nicht. Aber wie kannst du dir da ganz sicher sein, Liv? Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste, meinst du nicht auch?« Ich schraubte die Kappe vom Saft und trank einen Schluck.

»Holly!«, rief Olivia, lauter. »Beeil dich!«

»Ich kann mein Pferd nicht finden!« Dumpfes Gepolter über uns.

Ich sagte zu Olivia: »Die nehmen alleinstehende Mummys mit hübschen kleinen Kindern ins Visier. Und es ist erstaunlich, wie viele von denen kein Kinn haben. Ist dir das schon mal aufgefallen?«

»Nein, Frank, ist es nicht. Und untersteh dich, deinen Job auszunutzen, um unbescholtene –«

»Sieh das nächste Mal genau hin, wenn wieder über irgendeinen Pädophilen im Fernsehen berichtet wird. Weißer Van und kein Kinn, garantiert. Was fährt Dermo für ein Auto?«

»Holly!«

Ich trank noch einen großen Schluck Saft, wischte die Tülle mit dem Ärmel ab und stellte die Packung zurück in den Kühlschrank. »Das Zeug schmeckt wie Katzenpisse. Wenn ich den Unterhalt erhöhe, kaufst du dann anständigen Saft?«

»Und wenn du ihn verdreifachen würdest«, sagte Olivia süßlich und unterkühlt zugleich mit einem Blick auf ihre Uhr, »was du nicht kannst, würde es höchstens für eine Packung pro Woche reichen.« Das Kätzchen fährt die Krallen aus, wenn man es nur lange genug am Schwanz zieht.

In diesem Moment rettete Holly uns vor uns selbst, indem sie aus ihrem Zimmer geschossen kam und aus vollem Halse »Daddydaddydaddy!« rief. Ich schaffte es rechtzeitig zur Treppe, so dass sie einen Hechtsprung auf mich drauf machen konnte wie ein kleiner kreiselnder Feuerwerkskörper aus fliegendem goldblonden Haar und rosa Flitterkram, um die Beine um meine Taille zu schlingen und mich mit ihrer Schultasche und einem struppigen Pony namens Clara, das schon bessere Zeiten gesehen hatte, auf den Rücken zu hauen. »Hallo, Klammeräffchen«, sagte ich und gab ihr einen Kuss oben auf den Kopf. Sie war leicht wie eine Fee. »Wie war deine Woche?«

»Ganz schön anstrengend, und ich bin kein Klammeräffchen«, sagte sie ernst zu mir, Nase an Nase. »Was ist ein Klammeräffchen?«

Holly ist neun und schlägt, feingliedrig und zierlich, wie sie ist, ganz nach der Seite ihrer Mutter – wir Mackeys sind robust und dickhäutig und drahthaarig, wie geschaffen für schwere Arbeit in Dubliner Wetter. Nur Hollys Augen sind anders. Als ich sie das allererste Mal sah, schaute sie mich mit meinen eigenen Augen an, große, strahlendblaue Augen, die mich trafen wie ein Stromstoß und bei deren Anblick mein Herz noch heute einen Purzelbaum schlägt. Olivia kann meinen Nachnamen von mir aus wegkratzen wie einen alten Adressaufkleber, den Kühlschrank vollpacken mit Saft, den ich nicht mag, und mit Dermo dem Pädo meine Seite des Bettes füllen, aber gegen diese Augen kann sie nichts ausrichten.

Ich sagte zu Holly: »Das ist ein Märchenaffe, der in einem Zauberwald lebt.« Sie bedachte mich mit einem Blick, der perfekt austariert war zwischen Echt? und Ja, ja, schon klar. »Was war denn so anstrengend?«

Sie rutschte von mir runter und plumpste auf den Boden. »Chloe und Sarah und ich wollen eine Band gründen. Ich hab für dich ein Bild gemalt, weil wir uns einen Tanz ausgedacht haben, und kann ich weiße Stiefel haben? Und Sarah hat einen Song geschrieben und … « Einen winzigen Moment lang lächelten Olivia und ich uns beinahe an, über Hollys Kopf hinweg, ehe Olivia sich fing und wieder auf die Uhr sah.

In der Einfahrt kam uns mein Freund Dermo entgegen, der – wie ich ganz genau weiß, weil ich mir sein Autokennzeichen gemerkt habe, als er und Olivia das erste Mal zusammen ausgingen – ein einwandfrei gesetzestreuer Bürger ist, der anscheinend nicht mal seinen Audi je falsch geparkt hat und nichts dafür kann, dass er aussieht, als stünde er stets kurz vor einem kräftigen Rülpser. »’n Abend«, sagte er und nickte mir ruckartig zu. Ich glaube, Dermo hat Angst vor mir. »Holly.«

»Wie nennst du ihn eigentlich?«, fragte ich Holly, als ich sie in ihrem Kindersitz festgeschnallt hatte und Olivia, formvollendet wie Grace Kelly, Dermo an der Tür einen Kuss auf die Wange gab.

Holly kämmte Claras Mähne und zuckte die Achseln. »Mum sagt, ich soll ihn Onkel Dermot nennen.«

»Und machst du das?«

»Nein. Wenn ich was zu ihm sage, nenn ich ihn gar nichts. Aber im Kopf nenn ich ihn Wabbelgesicht.« Sie schaute in den Rückspiegel, um zu sehen, ob ich deshalb schimpfen würde. Ihr Kinn war bereit, auf stur zu schalten.

Ich musste lachen. »Wunderbar«, sagte ich. »Ich bin stolz auf dich«, und dann wendete ich rasant mit angezogener Handbremse, so dass Olivia und Wabbelgesicht vor Schreck zusammenzuckten.

 

Seit Olivia zur Vernunft gekommen ist und mich vor die Tür gesetzt hat, wohne ich an den Kais, in einem wuchtigen Apartmentblock, der in den Neunzigern gebaut wurde. Allem Anschein nach von David Lynch. Die Teppichböden sind so dick, dass ich noch nie einen Schritt gehört habe, aber selbst um vier Uhr morgens ist das Summen von fünfhundert Köpfen ringsherum zu spüren: Menschen, die träumen, hoffen, sich sorgen, Pläne schmieden, nachdenken. Ich bin in einem Mietshaus aufgewachsen, man sollte also meinen, dass ich mit dem Legebatterie-Lebensstil klarkomme, aber das hier ist etwas anderes. Ich kenne diese Leute nicht, ich kriege diese Leute nicht mal zu Gesicht. Ich habe keine Ahnung, wann sie kommen und gehen. Könnte gut sein, dass sie nie aus dem Haus gehen, dass sie sich einfach in ihren Wohnungen verbarrikadieren und vor sich hin grübeln. Selbst im Schlaf bin ich mit einem Ohr auf dieses Summen getunt, bereit, aus dem Bett zu springen und mein Revier zu verteidigen, falls nötig.

Eingerichtet ist meine persönliche Ecke von Twin Peaks im Geschiedenen-Schick, womit ich meine, dass es bei mir auch nach vier Jahren noch immer aussieht, als würde gleich der Umzugswagen kommen. Die einzige Ausnahme ist Hollys Zimmer, das vollgestopft ist mit allen erdenklichen flauschigen Gegenständen. An dem Tag, als wir zusammen Möbel aussuchen gingen, hatte ich Olivia endlich ein ganzes Wochenende im Monat abgerungen, und ich wollte für Holly die drei Etagen des Einkaufszentrums leerkaufen. Ein Teil von mir hatte geglaubt, ich würde sie nie wiedersehen.

»Was machen wir morgen?«, wollte sie wissen, als wir den wattierten Korridor hinuntergingen. Sie zog Clara an einem Bein über den Teppichboden hinter sich her. Erst gestern, so kam es mir vor, hätte sie Zeter und Mordio bei dem Gedanken geschrien, dass das Pferd den Fußboden auch nur berührte. Einmal blinzeln, und schon hast du was verpasst.

»Weißt du noch, der Drachen, den ich dir gekauft hab? Wenn du heute Abend deine ganzen Hausaufgaben machst und wenn es morgen nicht regnet, zeig ich dir im Phoenix Park, wie man ihn steigen lässt.«

»Darf Sarah mitkommen?«

»Wir rufen ihre Mum nach dem Abendessen an.« Die Eltern von Hollys Freundinnen lieben mich. Verantwortungsvoller kann man sich gar nicht fühlen, als wenn man sein Kind unter Aufsicht eines Detectives weiß.

»Essen! Können wir Pizza bestellen?«

»Klar«, sagte ich. Olivia führt ein zusatzstofffreies, biologisches, ballaststoffreiches Leben. Wenn ich nicht für ein wenig Ausgleich sorge, wächst Holly doppelt so gesund auf wie alle ihre Freundinnen und fühlt sich ausgeschlossen. »Nichts dagegen«, und dann öffnete ich die Tür und bekam eine erste Ahnung, dass Holly und ich heute Abend keine Pizza essen würden.

Das Anrufbeantworterlämpchen an meinem Telefon blinkte wie verrückt. Fünf entgangene Anrufe. Die Kollegen im Büro rufen mich auf meinem Handy an, Undercovercops und Informanten rufen mich auf meinem anderen Handy an, meine Kumpel wissen, dass sie mich im Pub treffen können, wenn ich da aufkreuze, und Olivia schickt mir Textnachrichten, falls erforderlich. Damit blieb nur die Familie, also meine kleine Schwester Jackie, da sie die Einzige war, mit der ich in den letzten zwanzig Jahren gesprochen hatte. Fünf Anrufe, das hieß wahrscheinlich, dass ein Elternteil im Sterben lag.

Ich sagte zu Holly: »Hier«, und hielt ihr meinen Laptop hin. »Nimm den mit in dein Zimmer und ärgere deine Freundinnen beim Chatten. Ich komm in fünf Minuten nach.«

Holly, die genau weiß, dass sie allein nicht online gehen darf, solange sie nicht einundzwanzig ist, musterte mich skeptisch. »Wenn du eine Zigarette willst, Daddy«, sagte sie sehr erwachsen, »kannst du einfach auf den Balkon gehen. Ich weiß, dass du rauchst.«

Ich schob sie mit einer Hand auf ihrem Rücken in ihr Zimmer. »Ach ja? Wie kommst du denn da drauf?« Zu jedem anderen Zeitpunkt wäre ich echt neugierig gewesen. Ich rauche nie in Hollys Beisein, und Olivia hatte es ihr bestimmt nicht erzählt. Wir hatten ihren Verstand geprägt, wir beide, und der Gedanke, dass er Dinge enthält, die wir nicht da hineingepflanzt haben, macht mich noch immer fertig.

»Ich weiß es einfach«, sagte Holly, warf Clara und ihre Tasche aufs Bett und blickte würdevoll. Die Kleine hätte jetzt schon das Zeug zum Detective. »Und das solltest du nicht. Schwester Mary Therese sagt, das macht alles in dir drin schwarz.«

»Schwester Mary Therese hat absolut recht. Gescheite Frau.« Ich schaltete den Laptop an und stellte die Breitbandverbindung her. »So, du kannst loslegen. Ich muss kurz telefonieren. Aber kauf ja keine Diamanten bei eBay.«

Holly fragte: »Willst du deine Freundin anrufen?«

Sie wirkte sehr klein und viel zu klug, wie sie da in ihrem weißen Steppmantel stand, der bis zu ihren dünnen Knien reichte, die Augen weit aufgerissen und bemüht, nicht verängstigt auszusehen. »Nein«, sagte ich. »Nein, Schätzchen. Ich hab keine Freundin.«

»Ehrenwort?«

»Ehrenwort. Und ich hab auch nicht vor, mir in absehbarer Zeit eine zuzulegen. In ein paar Jahren kannst du vielleicht eine für mich aussuchen. Wie fändest du das?«

»Ich will, dass Mum deine Freundin ist.«

»Ja«, sagte ich. »Ich weiß.« Ich legte ihr kurz eine Hand auf den Kopf. Ihr Haar fühlte sich an wie Blütenblätter. Dann schloss ich die Tür hinter mir und ging zurück ins Wohnzimmer, um herauszufinden, wer gestorben war.

Es war tatsächlich Jackie auf dem Anrufbeantworter, und sie sprach so schnell wie ein Expresszug. Ein schlechtes Zeichen: Jackie bremst bei guten Nachrichten (»Du errätst nie im Leben, was passiert ist. Na los, rate«) und tritt bei schlechten das Gaspedal bis zum Anschlag durch. Das hier war Formel-1-Material. »Ach, verdammt, Francis, bist du denn nie zu Hause, würdest du bitte mal an dein dämliches Telefon gehen, ich muss dich dringend sprechen, ich ruf dich schließlich nie zum Spaß an, oder? Also, bevor du dir unnötig Sorgen machst, es geht nicht um Mammy, Gott sei Dank, der geht’s gut, ein bisschen mitgenommen, aber das sind wir alle, sie hatte zuerst ein bisschen Herzklabastern, aber dann hat sie sich hingesetzt, und Carmel hat ihr einen Brandy eingeschüttet, und jetzt geht’s ihr wieder gut, nicht wahr, Mam? Gott sei Dank war Carmel da, sie schaut ja meistens am Freitag vorbei, nach dem Einkaufen, sie hat mich und Kevin angerufen, dass wir herkommen sollen. Shay hat gemeint, wir sollen dich nicht anrufen, wozu, hat er gesagt, aber ich hab gesagt, er kann mich mal, und dass es richtig wäre, also, wenn du zu Hause bist, würdest du bitte endlich rangehen und mit mir reden? Francis! Ich schwöre bei Gott –« Die Aufnahmezeit endete mit einem Piepsen.

Carmel und Kevin und Shay, du liebe Zeit. Es hörte sich ganz so an, als wäre die komplette Familie bei meinen Eltern eingeflogen. Mein Dad; es musste um ihn gehen. »Daddy!«, brüllte Holly aus ihrem Zimmer. »Wie viele Zigaretten rauchst du pro Tag?«

Die automatische Frauenstimme des Anrufbeantworters forderte mich auf, Tasten zu drücken. Ich gehorchte. »Wer sagt denn, dass ich rauche?«

»Ich muss das wissen! Zwanzig?«

Vormittags. »Kann sein.«

Wieder Jackie: »Blöder Anrufbeantworter, ich war noch nicht fertig! Also, es geht auch nicht um Dad, das hätte ich gleich sagen sollen, dem geht’s wie eh und je, es ist keiner tot oder verletzt oder so, nichts dergleichen, wir sind alle okay. Kevin ist ein bisschen nervös, aber ich glaube, nur deshalb, weil er sich Sorgen macht, wie du’s auffassen wirst, er hat dich total gern, wie du weißt, noch immer. Vielleicht ist ja auch gar nichts dran, Francis, verlier ja nicht den Kopf, ist vielleicht bloß ein Scherz von irgendeinem Witzbold, zumindest haben wir das zuerst gedacht, obwohl es ein ganz schön beschissener Scherz wäre, entschuldige den Ausdruck –«

»Daddy! Wie viel Sport machst du?«

Hä? »Ich mach heimlich Ballett.«

»Neiiiin, im Ernst! Wie viel?«

»Nicht genug.«

»– und klar, keiner von uns hat den blassesten Schimmer, was wir jetzt machen sollen und überhaupt, ruf mich an, sobald du das hier abhörst, ja? Bitte, Francis. Ich hab mein Handy hier in der Hand.«

Klick, Pieps, die Anrufbeantworter-Tussi. Im Rückblick hätte ich mir da eigentlich schon denken müssen, worum es ging, oder ich hätte zumindest eine ungefähre Ahnung haben müssen. »Daddy? Wie viel Obst und Gemüse isst du?«

»Haufenweise.«

»Gar nicht!«

»Ein bisschen.«

Die nächsten drei Nachrichten waren ungefähr gleich, im Halbstundentakt. Beim letzten Anruf hatte Jackie eine Tonhöhe erreicht, die das menschliche Gehör überforderte.

»Daddy?«

»Einen Moment noch, Schätzchen.«

Ich ging mit meinem Handy auf den Balkon über dem dunklen Fluss und den schlierigen orangegelben Lichtern und dem unaufhörlichen Brummen der Verkehrsstaus, und rief Jackie an. Sie meldete sich beim ersten Klingeln. »Francis? Jesus, Maria und Josef, ich dreh hier langsam durch! Wo warst du denn?«

Sie hatte das Tempo auf ungefähr achtzig Meilen die Stunde gedrosselt. »Ich hab Holly abgeholt. Was ist denn los, Jackie?«

Hintergrundgeräusche. Noch nach all der Zeit erkannte ich Shays knappe bissige Stimme sofort. Ein einziger Laut von meiner Ma ließ mich schlucken.

»Ach Gott, Francis … Tu mir den Gefallen und setz dich hin, ja? Oder hol dir ein Glas Brandy oder so.«

»Jackie, ich schwöre dir, wenn du mir nicht sofort sagst, was los ist, komm ich rüber und erwürge dich.«

»Moment, immer mit der Ruhe … « Eine Tür wurde geschlossen. »So«, sagte Jackie in plötzlicher Stille. »Also. Ich hab dir doch vor einer Weile erzählt, dass irgend so ein Typ die drei Häuser oben am Place gekauft hat? Um sie in Apartments umzubauen?«

»Ja.«

»Er macht jetzt doch keine Apartments draus, wo keiner weiß, was mit den Immobilienpreisen wird. Er lässt die Häuser vorläufig leer stehen und wartet ab, wie’s weitergeht. Also lässt er erst mal nur die Kamine und Stuckverzierungen und so ausbauen, um sie zu verkaufen – manche Leute zahlen gutes Geld für so was, wusstest du das? Alles Spinner. Und heute haben die Arbeiter in dem Haus gleich an der Ecke angefangen. Weißt du noch, das baufällige?«

»Nummer sechzehn.«

»Genau. Die haben die Kamine ausgebaut, und in einem haben sie einen Koffer gefunden.«

Dramatische Pause. Drogen? Schusswaffen? Bargeld? Jimmy Hoffa? »Verdammt, Jackie. Red endlich!«

»Es ist der von Rosie Daly, Francis. Es ist ihr Koffer.«

Die ganze Sinfonie aus Verkehrslärm verstummte jäh, wie ausgeschaltet. Die orangerote Glut am Himmel wurde wild und gierig wie ein Waldbrand, grell, außer Kontrolle.

»Nein«, sagte ich, »ausgeschlossen. Ich weiß nicht, wie zum Henker ihr darauf kommt, aber das ist absoluter Schwachsinn.«

»Francis, nun hör doch mal –«

Ihre Stimme triefte vor Sorge und Mitgefühl. Wenn sie bei mir gewesen wäre, hätte ich ihr, glaub ich, eine reingehauen. »Lass mich in Ruhe mit ›Francis, nun hör doch mal‹. Du und Ma, ihr habt euch da wegen nichts und wieder nichts in irgendeine Hysterie reingesteigert, und ich soll jetzt dabei mitmachen –«

»Hör zu. Ich weiß, dass dich das –«

»Oder das Ganze ist bloß ein Trick, um mich rüberzulocken. Ist es das, Jackie? Schwebt dir vielleicht eine große Familienversöhnung vor? Dann lass dir mal eins gesagt sein, das ist hier keine Vorabendserie, und solche Spielchen gehen nicht gut aus.«

»Hör auf, so einen Schwachsinn zu reden«, blaffte Jackie, »und reiß dich am Riemen. Wofür hältst du mich eigentlich? In dem Koffer ist eine Bluse, lila mit Paisleymuster, Carmel hat sie wiedererkannt –«

Ich hatte sie zigmal an Rosie gesehen, wusste, wie sich die Knöpfe unter meinen Fingern anfühlten. »Ja, so eine, wie sie jedes junge Mädchen hier in den Achtzigern getragen hat. Für ein bisschen Klatsch und Tratsch würde Carmel glatt Elvis beim Bummeln auf der Grafton Street wiedererkennen. Ich hätte dich für vernünftiger gehalten, aber anscheinend –«

»Und in die Bluse eingewickelt ist eine Geburtsurkunde. Rose Bernadette Daly.«

Womit sich meine Einwände mehr oder weniger erledigt hatten. Ich steckte mir eine Zigarette an, stützte die Ellbogen auf das Geländer und nahm den längsten Zug meines Lebens.

»Tut mir leid«, sagte Jackie leiser. »Dass ich so grob zu dir war. Francis?«

»Ja.«

»Alles in Ordnung?«

»Ja. Hör zu, Jackie. Wissen die Dalys Bescheid?«

»Die sind nicht zu Hause. Nora ist vor ein paar Jahren nach Blanchardstown gezogen, glaub ich. MrDaly und MrsDaly besuchen sie freitagabends, um das Baby zu sehen. Mammy glaubt, sie hat irgendwo die Nummer, aber –«

»Habt ihr die Polizei angerufen?«

»Nur dich natürlich.«

»Wer weiß sonst noch davon?«

»Bloß die Arbeiter. Zwei Jungs aus Polen. Als sie Feierabend gemacht haben, sind sie rüber zu Nummer fünfzehn und haben gefragt, wem sie den Koffer geben könnten, aber in Nummer fünfzehn wohnen jetzt Studenten, und die haben die beiden dann zu Ma und Dad geschickt.«

»Und Ma hat’s nicht gleich der ganzen Straße erzählt?«

»Unsere Straße ist nicht mehr so, wie du sie gekannt hast. Mittlerweile wohnen in der Hälfte der Häuser Studenten und Yuppies. Wir wissen nicht mal, wie die Leute heißen. Die Cullens sind noch da und die Nolans und ein paar von den Hearnes, aber Mammy wollte keinem was sagen, solange sie es nicht den Dalys gesagt hat. Das wäre nicht richtig.«

»Gut. Wo ist der Koffer jetzt?«

»Im Wohnzimmer. Hätten die Arbeiter ihn nicht wegnehmen sollen? Die mussten ja weiterarbeiten –«

»Ist schon okay. Aber fasst ihn jetzt möglichst nicht mehr an. Ich bin, so schnell ich kann, bei euch.«

Eine Sekunde Stille. Dann: »Francis. Ich will ja nicht irgendwas Schreckliches denken, Gott bewahre, aber heißt das nicht, dass Rosie … «

»Wir wissen noch gar nichts«, sagte ich. »Wartet einfach auf mich, und redet mit niemandem.«

Ich legte auf und warf einen raschen Blick in die Wohnung hinter mir. Hollys Tür war noch geschlossen. Ich rauchte meine Zigarette mit einem weiteren Marathonzug zu Ende, warf die Kippe über das Geländer, zündete mir eine neue an und wählte Olivias Handynummer.

Sie sagte nicht mal hallo. »Nein, Frank. Diesmal nicht. Keine Chance.«

»Es geht nicht anders, Liv.«

»Du hast darum gebettelt, sie jedes Wochenende zu haben. Gebettelt. Wenn du sie nicht willst –«

»Ich will sie ja. Aber das ist ein Notfall.«

»Es ist immer einer. Deine Abteilung kommt bestimmt zwei Tage ohne dich aus, Frank. Auch wenn dir der Gedanke nicht gefällt, du bist nicht unverzichtbar.«

Für jeden, der weiter als einen halben Meter entfernt war, musste ihre Stimme nach heiterem Plauderton klingen, aber Olivia war wütend. Besteckgeklapper, perlendes Lachen, irgendwas, das sich anhörte wie, Gott bewahre, ein Wasserspiel. »Diesmal hat es nichts mit der Arbeit zu tun«, sagte ich. »Es hat familiäre Gründe.«

»Ja, klar. Könnte das irgendwas damit zu tun haben, dass ich gerade meine vierte Verabredung mit Dermot habe?«

»Liv, ich würde dir liebend gern deine vierte Verabredung mit Dermot vermasseln, aber ich würde niemals darauf verzichten, Zeit mit Holly zu verbringen. So gut solltest du mich kennen.«

Eine kurze, argwöhnische Pause. »Was ist das für ein Notfall?«

»Ich weiß es noch nicht. Jackie hat mich völlig hysterisch angerufen, aus der Wohnung meiner Eltern. Ich blick noch nicht richtig durch. Aber ich muss so schnell wie möglich hin.«

Wieder eine Pause. Dann sagte Olivia mit einem langen müden Ausatmen: »Also gut. Wir sind im Coterie. Bring sie vorbei.«

Das Coterie hat einen Fernsehkoch als Küchenchef und wird in vielen Wochenendbeilagen angepriesen. Es sollte dringend mal jemand eine Brandbombe reinwerfen. »Danke, Olivia. Ehrlich. Ich hol sie heute später wieder ab, wenn ich kann, oder morgen früh. Ich ruf dich an.«

»Tu das«, sagte Olivia. »Natürlich nur, wenn du kannst«, und sie legte auf. Ich warf meine Zigarette weg und ging hinein, um die andere Frau in meinem Leben stinksauer zu machen.

Holly saß im Schneidersitz auf dem Bett, den Laptop auf dem Schoß, und blickte besorgt drein. »Schätzchen«, sagte ich, »wir haben ein Problem.«

Sie deutete auf den Laptop. »Daddy, guck mal.«

Auf dem Bildschirm stand, in fetten lila Lettern, mit einem Haufen zappelnder Bilder drum herum: du wirst mit 52 sterben. Das Kind wirkte richtig verstört. Ich setzte mich hinter ihr aufs Bett und zog sie mitsamt Computer auf meinen Schoß. »Was ist das denn eigentlich?«

»Sarah hat den Fragebogen im Internet gefunden, und ich hab ihn für dich gemacht, und das da ist rausgekommen. Du bist einundvierzig.«

Oh, nein, bitte nicht jetzt. »Häschen, das ist das Internet. Da kann jeder reinstellen, was er will. Deshalb ist es noch lange nicht wahr.«

»Aber es steht da! Die haben das genau ausgerechnet!«

Olivia wäre begeistert, wenn ich ihr Holly in Tränen aufgelöst zurückbrachte. »Ich zeig dir mal was!«, sagte ich. Ich griff um sie herum, ließ mein Todesurteil verschwinden, öffnete ein Word-Dokument und tippte: du bist ein ausserirdischer. du liest das hier auf dem planeten bongo. »So. Ist das wahr?«

Holly brachte ein dünnes Kichern zustande. »Na klar nicht.«

Ich wählte lila als Schriftfarbe und stellte auch noch eine ausgefallene Schriftart ein. »Und jetzt?«

Kopfschütteln.

»Und was ist, wenn ich den Computer eine Reihe Fragen stellen lasse, bevor er das da sagt? Wäre es dann wahr?«

Eine Sekunde lang dachte ich, ich wäre damit durchgekommen, doch dann versteiften sich ihre schmalen Schultern. »Du hast gesagt, ein Problem.«

»Ja, genau. Wir müssen unsere Pläne ein kleines bisschen abändern.«

»Ich muss zurück zu Mum«, sagte Holly zu dem Laptop. »Stimmt’s?«

»Ja, Schätzchen. Es tut mir ganz schrecklich leid. Ich hol dich wieder ab, sobald ich kann.«

»Brauchen die dich schon wieder auf der Arbeit?«

Dieses schon wieder war schlimmer als alles, was Olivia mir vorwerfen konnte. »Nein«, sagte ich und lehnte mich zur Seite, damit ich Hollys Gesicht sehen konnte. »Es hat nichts mit der Arbeit zu tun. Die Arbeit kann die Biege machen, hab ich recht?« Das entlockte ihr ein schwaches Lächeln. »Du kennst doch deine Tante Jackie? Sie hat ein großes Problem, und sie braucht jetzt sofort meine Hilfe.«

»Kann ich nicht mitkommen?«

Sowohl Jackie als auch Olivia haben gelegentlich angedeutet, dass Holly die Familie ihres Vaters kennenlernen sollte. Ominöse Koffer mal beiseitegelassen, nur über meine Leiche tunkt Holly auch nur einen Zeh in den brodelnden Kessel des Wahnsinns, der die Mackeys in Hochform sind. »Diesmal nicht. Aber wenn ich alles in Ordnung gebracht habe, gehen wir mit Tante Jackie irgendwo ein Eis essen, ja? Das wär doch schön, nicht?«

»Ja«, sagte Holly, mit einem müden kleinen Ausatmen, genau wie Olivia. »Das wäre lustig«, und dann kroch sie von meinem Schoß und fing an, ihre Sachen wieder in die Schultasche zu stecken.

 

Im Auto unterhielt Holly sich nonstop mit Clara, in einer gedämpften, dünnen Stimme, zu leise für mich, um auch nur ein Wort verstehen zu können. An jeder roten Ampel betrachtete ich sie im Rückspiegel und schwor mir, es wiedergutzumachen, mir die Telefonnummer von den Dalys zu besorgen, ihnen den verdammten Koffer vor die Tür zu knallen und Holly wieder zu mir auf die El Rancho Lyncho zu holen, ehe sie ins Bett musste. Aber ich wusste, dass das so nicht hinhauen würde. Diese Straße und dieser Koffer hatten lange auf meine Rückkehr gewartet. Jetzt, wo sie mich am Haken hatten, würde das, was sie für mich aufgehoben hatten, wesentlich mehr Zeit kosten als einen Abend.

Der Brief enthielt das absolute Minimum an Teenager-Melodramatik; darin war Rosie immer gut gewesen.

Ich weiß, das wird ein Schock sein, und es tut mir leid, aber ich schwöre, ich wollte nie irgendwem was vormachen, niemals. Aber ich hab wirklich lange darüber nachgedacht, und nur so sehe ich eine echte Chance auf das Leben, das ich möchte. Ich wünschte bloß, ich müsste dafür niemanden verletzen/kränken/enttäuschen. Es wäre toll, wenn mich gute Wünsche in mein neues Leben in England begleiten würden!!, aber ich verstehe auch, wenn das nicht geht. Ich schwöre, ich komme irgendwann zurück. Bis dahin, mit ganz, ganz, ganz viel Liebe, Rosie.

Zwischen dem Moment, als sie den Brief im Haus Nummer 16 auf den Boden gelegt hatte, in dem Zimmer, wo wir uns das erste Mal geküsst hatten, und dem Moment, als sie ihren Koffer über irgendeine Mauer hieven wollte, um zu machen, dass sie wegkam, war irgendetwas passiert.

2

Faithful Place findet man nur, wenn man weiß, wo man suchen muss. Der Stadtteil Liberties wuchs über Jahrhunderte hinweg ganz von allein, ohne Hilfe von Stadtplanern, und Faithful Place ist eine schmale Sackgasse, die sich mittendrin versteckt wie ein falscher Abzweig in einem Irrgarten. Sie liegt nur zehn Gehminuten vom Trinity College und der schicken Einkaufszone um die Grafton Street entfernt, aber damals, zu meiner Zeit, gingen wir nicht zum Trinity, und die Trinity-Typen hielten sich von uns fern. Die Gegend war eigentlich nicht unsicher – Fabrikarbeiter, Maurer, Bäcker, Arbeitslose und der ein oder andere Glückspilz, der bei Guinness arbeitete und eine anständige Gesundheitsversorgung und Fortbildungskurse bekam –, bloß irgendwie in sich geschlossen. Der Name Liberties entstand vor hundert Jahren, weil die Bewohner eigene Wege gingen und eigene Regeln befolgten. In meiner Straße lauteten die Regeln wie folgt: Egal, wie knapp du bei Kasse bist, wenn du in den Pub gehst, schmeißt du eine Runde; wenn dein Kumpel in eine Schlägerei gerät, bleibst du dabei und holst ihn da raus, sobald du Blut siehst, damit keiner das Gesicht verliert; Heroin überlässt du den Leuten in Ballymun; selbst wenn du diesen Monat gerade ein anarchistischer Punkrocker bist, gehst du am Sonntag in die Kirche; und du verpfeifst niemanden, niemals, unter gar keinen Umständen.

Ich parkte ein paar Minuten entfernt und ging das restliche Stück zu Fuß. Meine Familie musste nicht unbedingt wissen, was für ein Auto ich fuhr oder dass ich einen Kindersitz auf der Rückbank hatte. Die Abendluft in den Liberties fühlte sich noch immer gleich an, mild und unruhig, Chipstüten und Bustickets wurden von Böen aufgewirbelt, aus den Pubs tönte raues Stimmengewirr. Die Junkies, die an den Ecken herumlungerten, trugen mittlerweile Klunker zu ihren Trainingsanzügen, ein besonders weltmännischer Modetrend. Zwei von ihnen taxierten mich und bewegten sich in meine Richtung, doch als sie mein breites Haifischlächeln sahen, überlegten sie es sich anders.

Faithful Place besteht aus zwei Reihen à acht Häusern, alte Backsteinbauten mit Stufen, die zur Eingangstür hinaufführen. Damals in den Achtzigern beherbergte jedes Haus drei oder vier Haushalte, vielleicht mehr. Unter Haushalt fiel alles, von Mad Johnny Malone, der Soldat im Ersten Weltkrieg gewesen war und immer gern seine Ypern-Tätowierung zeigte, bis hin zu Sallie Hearne, die nicht direkt eine Nutte war, aber irgendwie die vielen Kinder ernähren musste. Wer arbeitslos war, bekam eine Erdgeschosswohnung und Vitamin-D-Mangel. Wer Arbeit hatte, bekam wenigstens einen Teil des ersten Stocks. Wenn eine Familie schon seit ein paar Generationen dort lebte, wurde sie vorrangig behandelt und durfte im obersten Stockwerk wohnen, wo keiner ihr auf dem Kopf herumtrampelte.

Orte kommen einem meist kleiner vor, wenn man nach langer Zeit an sie zurückkehrt, doch meine Straße sah einfach schizoid aus. Ein paar Häuser waren schick modernisiert worden, mit Doppelverglasung und einem lächerlichen, pseudoaltertümlichen Pastellanstrich, die meisten aber nicht. Nummer 16 sah völlig heruntergekommen aus: Das Dach fehlte teilweise, neben den Eingangstufen lagen ein Haufen Ziegelsteine und eine kaputte Schubkarre, und irgendwann in den letzten zwanzig Jahren hatte jemand die Tür in Brand gesetzt. In Nummer 8 war ein Fenster im ersten Stock erleuchtet, golden und heimelig und verdammt gefährlich.

Carmel und Shay und ich kamen gleich nach der Heirat meiner Eltern zur Welt, im Abstand von je einem Jahr, genauso, wie man es im Land der verbotenen Kondome erwarten würde. Kevin folgte fünf Jahre später, sobald meine Eltern wieder zu Atem gekommen waren, und Jackie kam noch einmal fünf Jahre später, vermutlich die Frucht einer der kurzen Augenblicke, in denen sie sich nicht spinnefeind waren. Wir bewohnten den ersten Stock von Nummer 8, vier Zimmer: Mädchenzimmer, Jungenzimmer, Küche, Wohnzimmer. Das Klo war in einem Verschlag hinten im Garten, und wir wuschen uns in einer Zinnwanne in der Küche. Mittlerweile haben Ma und Dad alle Räume für sich allein.

Ich sehe Jackie alle paar Wochen, und sie hält mich auf dem Laufenden, wobei sie es für meinen Geschmack übertreibt. Sie findet, ich müsste jede Kleinigkeit vom Leben jedes Einzelnen wissen, ich dagegen finde, es reicht, wenn sie mich über Todesfälle unterrichtet. Es hat daher eine Weile gedauert, bis wir die goldene Mitte gefunden hatten. Als ich Faithful Place erneut entlangging, wusste ich, dass Carmel vier Kinder hatte und einen Hintern wie ein Linienbus, Shay über meinen Eltern wohnte und noch immer in demselben Fahrradladen arbeitete, für den er die Schule geschmissen hatte, Kevin Flachbildfernseher verkaufte und jeden Monat eine neue Freundin hatte, Dad irgendwas Unklares mit seinem Rücken angestellt hatte und Ma nach wie vor Ma war. Jackie, um das Bild abzurunden, ist Friseurin und lebt mit einem Typen namens Gavin zusammen, den sie, wie sie sagt, vielleicht irgendwann heiraten wird. Falls sie sich an meine Anweisungen gehalten hatte, was ich bezweifelte, wussten die anderen so gut wie nichts über mich.

Die Haustür war unverschlossen, ebenso wie die Wohnungstür. Kein Mensch lässt heutzutage in Dublin noch Türen offen. Jackie hatte taktvollerweise dafür gesorgt, dass ich allein eintreten konnte. Aus dem Wohnzimmer drangen Stimmen; kurze Sätze, lange Pausen.

»Hallöchen«, sagte ich an der Tür.

Eine Reihe Tassen senkte sich, Köpfe fuhren herum. Die flinken schwarzen Augen meiner Ma und fünf hellblaue Paare genau wie meine starrten mich allesamt an.

»Versteckt das Heroin«, sagte Shay. Er lehnte am Fenster, die Hände in den Taschen. Er hatte mich die Straße herunterkommen sehen. »Die Bullen kommen.«

Der Vermieter hatte endlich einen Teppichboden verlegen lassen, grün-rosa mit Blümchenmuster. Das Zimmer roch noch immer nach Toast, Feuchtigkeit und Möbelpolitur, mit einer schwachen schmutzigen Unternote, die ich nicht benennen konnte. Auf dem Tisch stand ein Tablett mit Zierdeckchen und Vollkornkeksen. Mein Dad und Kevin saßen in den Sesseln, meine Ma von Carmel und Jackie flankiert auf dem Sofa wie eine Kriegsherrin, die stolz zwei prominente Gefangene präsentiert.

Meine Ma ist die klassische Dubliner Mammy: knapp über eins fünfzig, lockengewickelt, drall und resolut und beseelt von einem endlosen Vorrat an Missbilligung. Die Begrüßung des verlorenen Sohns lief folgendermaßen ab:

»Francis«, sagte Ma. Sie lehnte sich ins Sofa zurück, verschränkte die Arme da, wo ihre Taille gewesen wäre, und musterte mich von oben bis unten. »Hättest du dir nicht wenigstens ein anständiges Hemd anziehen können?«

»Hallo, Ma«, sagte ich.

»Mammy, nicht Ma. Wie du aussiehst. Die Nachbarn müssen denken, ich hab einen Obdachlosen großgezogen.«

Irgendwann mal hatte ich den Armeeparka gegen eine braune Lederjacke eingetauscht, doch abgesehen davon habe ich noch heute weitgehend denselben Modegeschmack wie damals, als ich von zu Hause wegging. Wenn ich einen Anzug angehabt hätte, wäre sie mir damit gekommen, dass ich mich wohl für was Besseres hielt. Meiner Ma kann man es einfach nicht recht machen. »Jackie hat sich angehört, als wäre es dringend«, sagte ich. »Hallo, Dad.«

Dad sah besser aus, als ich erwartet hatte. Früher war ich derjenige gewesen, der ihm am ähnlichsten sah – das gleiche braune Haar, die gleichen scharfkantigen Züge –, aber die Ähnlichkeit war mit der Zeit stark verblasst, was ich gut fand. Er wurde langsam zum Greis – weißes Haar, Hose mit Hochwasser –, aber er war noch immer so muskelbepackt, dass man es sich zweimal überlegt hätte, ehe man sich mit ihm anlegte. »Nett von dir, uns zu beehren«, sagte er. Seine Stimme war tiefer und heiserer; zu viele Camels. »Du bist noch immer ganz schön dreist.«

»Das krieg ich öfters zu hören. Hallo, Carmel. Kev. Shay.«

Shay reagierte nicht einmal. »Francis«, sagte Kevin. Er starrte mich an, als wäre ich ein Geist. Er war ein großer Bursche geworden, blond und kräftig und gutaussehend, größer als ich. »Scheiße, Mann.«

»Nicht solche Ausdrücke«, fauchte Ma.

»Du siehst sehr gut aus«, teilte Carmel mir mit, wie nicht anders zu erwarten. Wenn der Auferstandene persönlich Carmel eines schönen Morgens erscheinen würde, würde sie auch zu ihm sagen, dass er sehr gut aussieht. Ihr Hintern war tatsächlich riesig, und sie hatte sich einen gezierten Nasennebenhöhlen-Akzent zugelegt, der mich kein bisschen überraschte. Hier war alles mehr denn je so wie immer. »Vielen Dank«, sagte ich. »Du auch.«

»Komm her, du«, sagte Jackie zu mir. Jackie hat kompliziertes wasserstoffblondes Haar, und sie kleidet sich wie einem Tom-Waits-Diner entsprungen. An diesem Tag trug sie eine weiße Caprihose und ein rotgepunktetes Top mit Rüschen an verwirrenden Stellen. »Setz dich hier hin und trink einen Schluck Tee. Ich hol noch eine Tasse.« Sie stand auf und strebte Richtung Küche, wobei sie mir im Vorbeigehen aufmunternd zuzwinkerte und in die Wange kniff.

»Nein, danke«, sagte ich und hielt sie fest. Bei dem Gedanken, neben Ma zu sitzen, sträubten sich mir die Nackenhaare. »Ich will mir zuerst diesen berühmten Koffer ansehen.«

»Wieso die Eile?«, fragte Ma. »Setz dich her zu mir.«

»Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Wo ist der Koffer?«

Shay deutete mit dem Kinn auf den Boden zu seinen Füßen. »Bedien dich«, sagte er. Jackie plumpste wieder aufs Sofa. Ich ging vorsichtig um den Couchtisch und das Sofa und die Sessel herum, von aller Augen verfolgt.

Der Koffer stand am Fenster. Er war blassblau mit abgerundeten Ecken, war übersät mit großen schwarzen Schimmelflecken, und er stand einen Spalt offen. Irgendwer hatte die mickrigen Blechschlösser aufgebrochen. Mir ging an die Nieren, wie klein er war. Olivia hatte immer fast unsere sämtliche Habe eingepackt, einschließlich des Wasserkochers, wenn wir nur mal übers Wochenende wegfuhren. Rosie hatte mit einem Handköfferchen in ein ganz neues Leben aufbrechen wollen.

Ich fragte: »Wer hat den angefasst?«

Shay lachte, ein harter, kehliger Klang. »Jesses, Leute, Columbo ist da. Nimmst du uns auch die Fingerabdrücke ab?«

Shay ist dunkel und drahtig und ruhelos, und ich hatte vergessen, wie es war, wenn man ihm zu nahe kam. Das ist, als würde man neben einem Strommast stehen; es macht einen total kribblig. Mittlerweile hatte er scharfe, harte Furchen von der Nase zum Mund und zwischen den Augenbrauen. »Nur wenn du mich ganz nett drum bittest«, sagte ich. »Habt ihr alle ihn angefasst?«

»Den würde ich nicht mal mit der Kneifzange anfassen«, sagte Carmel prompt und schüttelte sich leicht. »So dreckig, wie der ist.« Ich fing Kevins Blick auf. Eine Sekunde lang war es so, als wäre ich nie weg gewesen.

»Ich und dein Dad wollten ihn aufmachen«, sagte Ma, »aber er war abgeschlossen, also hab ich Shay runtergerufen, und der hat ihn dann mit einem Schraubenzieher aufgekriegt. Was hätten wir denn sonst machen sollen? Es war doch von außen nicht zu erkennen, wem er gehört hat.« Sie warf mir einen streitlustigen Blick zu.

»Völlig richtig«, sagte ich.

»Als wir gesehen haben, was drin ist … Ich sag dir, ich hab einen Heidenschreck gekriegt. Ich dachte, ich krieg einen Herzanfall, so hat mein Herz gerast. Ich hab zu Carmel gesagt, Gott sei Dank bist du mit dem Auto da, für den Fall, dass du mich ins Krankenhaus bringen musst.« Der Blick meiner Ma besagte, dass das meine Schuld gewesen wäre, auch wenn sie selbst noch nicht genau wusste, wieso eigentlich.

Carmel sagte zu mir: »Trevor macht es nichts aus, den Kindern was zu essen zu machen, nicht in einem Notfall. Er ist toll, was das angeht.«

»Kevin und ich haben beide einen Blick reingeworfen, als wir hier ankamen«, sagte Jackie. »Wir haben das ein oder andere angefasst, ich weiß aber nicht mehr genau, was –«

»Hast du dein Fingerabdruckpulver dabei?«, fragte Shay. Er lehnte lässig am Fensterrahmen und beobachtete mich, die Augen halb zusammengekniffen.

»Ein andermal, falls du ein braver Junge bist.« Ich fischte meine Chirurgenhandschuhe aus der Jackentasche und streifte sie über. Dad lachte los, ein tiefes, gehässiges Schnarren. Es ging in einen hilflosen Hustenanfall über, der seinen ganzen Sessel erzittern ließ.

Shays Schraubenzieher lag auf dem Boden neben dem Koffer. Ich kniete mich hin und hob damit den Deckel an. Zwei von den Jungs bei der Kriminaltechnik schuldeten mir noch einen Gefallen, und von ihren hübschen Kolleginnen standen ein paar auf mich. Irgendwer von ihnen würde bestimmt ein paar heimliche Tests für mich machen, aber sie würden es begrüßen, wenn ich die Spurenlage nicht unnötig verkomplizierte.

Der Koffer war randvoll mit einem dicken Wust aus Stoff, schwarzfleckig von Schimmel und halb vermodert. Ein dumpfer, starker Geruch, wie nasse Erde, stieg von ihm auf. Das war die Unternote, die ich in der Luft wahrgenommen hatte, als ich hereinkam.

Ich hob die Sachen langsam nacheinander heraus und stapelte sie auf dem Deckel, wo sie nicht kontaminiert würden. Eine ausgebeulte Bluejeans mit aufgenähten karierten Knieflicken. Ein grüner Wollpullover. Eine Jeans mit Reißverschlüssen an den Knöcheln, weil sie so eng war, und, Allmächtiger, die kannte ich, der Schwung von Rosies Hüften darin traf mich wie ein Schlag in die Magengrube. Ich machte weiter, ohne auch nur zu blinzeln. Ein kragenloses Männerflanellhemd, das einmal cremefarben gewesen war, mit feinen blauen Streifen. Sechs weiße Baumwollschlüpfer. Eine lange lila Bluse mit blauem Paisleymuster, die sich langsam auflöste, und als ich sie anhob, fiel die Geburtsurkunde heraus.

»Da«, sagte Jackie. Sie beugte sich über die Armlehne des Sofas und starrte mich ängstlich an. »Siehst du? Bis dahin dachten wir noch, es wäre nichts Besonderes, keine Ahnung, irgendein Unfug von Jugendlichen, oder dass vielleicht jemand Klamotten geklaut hat und die Sachen verstecken musste, oder vielleicht irgend so eine arme Frau, die von ihrem Typen misshandelt wurde und ihren gepackten Koffer parat haben wollte, wenn sie irgendwann den Mut hätte, ihn zu verlassen, ich meine, das wird doch in den Zeitschriften so empfohlen, oder?« Sie redete sich langsam wieder in Fahrt.

Rose Bernadette Daly, geboren 30.Juli 1966. Das Papier fiel schon fast auseinander. »Tja«, sagte ich, »für jugendlichen Unfug ist das ein bisschen zu gründlich.«

Ein U2-T-Shirt, vermutlich einige Hundert wert, wenn es nicht mit Stockflecken gesprenkelt gewesen wäre. Ein blauweiß gestreiftes T-Shirt. Eine schwarze Männerweste; damals war gerade der Annie-Hall-Look angesagt. Ein lila Wollpullover. Ein hellblauer Rosenkranz aus Plastik. Zwei weiße Baumwoll-BHs. Ein No-Name-Walkman, für den ich monatelang gespart hatte. Die letzten beiden Pfund verdiente ich mir eine Woche vor ihrem achtzehnten Geburtstag, indem ich Beaker Murray half, auf dem Iveagh Market raubkopierte Videos zu verkaufen. Eine Spraydose Sure-Deo. Ein Dutzend selbstaufgenommene Kassetten, und ich konnte ihre runde Schrift noch immer auf einigen Hüllen lesen: REM, Murmur; U2, Boy; Thin Lizzy, Boomtown Rats, Stranglers, Nick Cave and the Bad Seeds. Rosie konnte alles andere zurücklassen, aber ihre Plattensammlung kam mit.

Unten im Koffer lag ein brauner Umschlag. Die Stücke Papier darin waren von zwanzig Jahren Feuchtigkeit zu einem einzigen Klumpen zermatscht worden. Als ich vorsichtig am Rand zupfte, löste er sich auf wie nasses Klopapier. Noch ein Gefallen, den ich bei der Kriminaltechnik einfordern würde. Einige gedruckte Wörter waren durch das Plastikfenster vorn auf dem Briefumschlag noch verschwommen zu erkennen.

... LAOGHAIRE –HOLYHEAD ... ABFAHRT ... .30UHR ... Wo immer Rosie hin war, unsere Fahrkarten für die Fähre hatte sie dafür nicht gebraucht.

Alle blickten mich an. Kevin wirkte ehrlich bestürzt. »Tja«, sagte ich. »Das scheint tatsächlich Rosie Dalys Koffer zu sein.« Ich fing an, Sachen vom Deckel zurück in den Koffer zu packen, wobei ich die Papiere erst am Schluss dazulegte, damit sie nicht zerdrückt wurden.

»Rufen wir die Polizei?«, fragte Carmel. Dad räusperte sich dramatisch, als wollte er ausspucken. Ma warf ihm einen bösen Blick zu.

Ich fragte: »Und was sollen wir denen sagen?«

Offensichtlich hatte niemand darüber nachgedacht. »Irgendwer hat vor rund zwanzig Jahren einen Koffer in einem Kamin versteckt«, sagte ich. »Wohl kaum ein Jahrhundertverbrechen. Die Dalys können die Polizei verständigen, wenn sie wollen, aber eins sag ich euch gleich, ich würde nicht damit rechnen, dass die für den Fall ›Verstopfter Kamin‹ schwere Geschütze auffahren.«

»Aber Rosie, du weißt doch«, sagte Jackie. Sie zupfte an einer Haarsträhne und sah mich an, große besorgte blaue Augen und Hasenzähne. »Sie wird vermisst. Und das Zeug da, das ist eine Spur oder ein Beweis oder wie ihr das nennt. Sollten wir nicht …?«

»Wurde sie als vermisst gemeldet?«

Blicke hin und her: Keiner wusste es. Ich hatte ernsthafte Zweifel. In den Liberties sind Polizisten wie die Quallen bei Pac-Man: Sie gehören zum Spiel, aber du gehst ihnen tunlichst aus dem Weg, und du machst dich erst recht nicht auf die Suche nach ihnen. »Falls nicht«, sagte ich, während ich den Koffer mit den Fingerspitzen schloss, »ist es jetzt ein bisschen spät dafür.«

»Aber«, sagte Jackie. »Moment mal. Das sieht doch so aus, als … Du weißt schon. Als wäre sie damals gar nicht nach England gegangen. Das sieht doch eher so aus, als hätte jemand sie damals vielleicht … «

»Jackie will sagen«, schaltete Shay sich ein, »dass es ganz so aussieht, als hätte jemand Rosie umgebracht, sie in einem Abfallsack zur nächsten Müllhalde gekarrt und dort abgeladen und dann den Koffer in einem Kamin versteckt.«

»Seamus Mackey! Gott behüte uns!«, von Ma. Carmel bekreuzigte sich.

Diese Möglichkeit war mir auch schon in den Sinn gekommen. »Könnte sein«, sagte ich, »klar. Sie könnte aber auch von Außerirdischen entführt und aus Versehen in Kentucky abgesetzt worden sein. Ich persönlich neige zu der einfachsten Erklärung, nämlich dass sie den Koffer selbst im Kamin versteckt hat, dann aber keine Gelegenheit mehr hatte, ihn wiederzuholen, und rüber nach England ist ohne Wäsche zum Wechseln. Aber wenn ihr eine Extraportion Dramatik in eurem Leben braucht, tut euch keinen Zwang an.«

»Genau«, sagte Shay. Mit Shay ist so allerhand nicht in Ordnung, aber blöd ist er nicht. »Und deshalb benutzt du auch den Mist da« – die Handschuhe, die ich gerade wieder in meine Jackentasche steckte. »Weil du ja nicht glaubst, dass wir es hier mit einem Verbrechen zu tun haben.«

»Reiner Reflex«, sagte ich und grinste ihn an. »Ein Bulle ist nun mal rund um die Uhr ein Bulle, falls du verstehst, was ich meine.« Shay stieß einen angewiderten Laut aus.

Ma sagte mit einer gelungenen Mischung aus Grusel, Neid und Blutrünstigkeit: »Theresa Daly wird durchdrehen. Durchdrehen.«

Aus einer Vielzahl von Gründen musste ich zu den Dalys, ehe jemand anderes vor mir da war. »Ich red mal mit ihr und MrDaly. Dann werd ich ja sehen, was sie machen wollen. Wie spät kommen die beiden samstags nach Hause?«

Shay zuckte die Achseln. »Kommt drauf an. Manchmal erst nach Mittag, manchmal schon frühmorgens. Je nachdem, wann Nora sie zurückfahren kann.«

Das war ganz schlecht. Ich sah Ma förmlich an, dass sie nur darauf brannte, sich auf sie zu stürzen, noch ehe sie den Schlüssel in der Tür hatten. Ich erwog, im Auto zu übernachten, um sie vorher abzufangen, aber es gab keine Parkmöglichkeit, von der aus man alles gut im Blick gehabt hätte. Shay beobachtete mich amüsiert.

Dann wuchtete Ma ihren Busen hoch und sagte: »Du kannst hier übernachten, Francis, wenn du willst. Das Sofa lässt sich noch immer ausziehen.«

Ich ging nicht davon aus, dass das Angebot einer Anwandlung purer Herzenswärme ob unseres Wiedersehens entsprang. Meine Ma hat es gern, wenn du ihr was schuldig bist. Die Idee behagte mir zwar nicht, aber etwas Besseres fiel mir auch nicht ein. Sie fügte hinzu: »Es sei denn, du bist dir inzwischen zu fein dazu«, damit ich bloß nicht dachte, sie würde langsam zartfühlend.

»Überhaupt nicht«, sagte ich und grinste Shay breit an. »Das wäre toll. Danke, Ma.«

»Mammy, nicht Ma. Ich schätze, du willst dann auch noch frühstücken und so.«

»Kann ich auch über Nacht bleiben?«, fragte Kevin völlig unerwartet.

Ma starrte ihn mit einem zutiefst misstrauischen Blick an. Er wirkte selbst ebenso verblüfft wie ich. »Wenn’s sein muss«, sagte sie schließlich. »Versaut mir bloß nicht die gute Bettwäsche«, und dann stemmte sie sich vom Sofa hoch und fing an, Teetassen einzusammeln.

Shay lachte, nicht nett. »Friede auf Walton’s Mountain«, sagte er und tippte mit der Schuhspitze gegen den Koffer. »Gerade noch rechtzeitig zu Weihnachten.«

 

Bei Ma im Haus ist Rauchen verboten. Shay und Jackie und ich gingen daher nach draußen, um unserer Sucht zu frönen, gefolgt von Kevin und Carmel. Wir setzten uns auf die Stufen vor der Haustür, so wie früher als Kinder, wenn wir nach dem Abendessen Wassereis aßen und darauf warteten, dass irgendwas Spannendes passierte. Ich brauchte eine Weile, bis ich merkte, dass ich noch immer auf irgendetwas wartete – Kinder mit einem Fußball, ein Paar, das sich anschrie, eine Frau, die herübergeeilt kam, um Teebeutel gegen Tratsch zu tauschen, irgendwas – und dass nichts passierte. In Nummer 11 kochten zwei langhaarige Studenten und hörten dabei eine CD von Keane, noch nicht mal besonders laut, und in Nummer 7 stand Sallie Hearne am Bügelbrett und irgendwer guckte fern. Mehr passierte wohl heutzutage am Faithful Place nicht.

Wir hatten uns instinktiv auf unsere alten Plätze gesetzt: Shay und Carmel rechts und links auf der obersten Stufe, Kevin und ich unter ihnen, Jackie ganz unten zwischen uns. Wir hatten unsere persönlichen Gesäßabdrücke in den Stufen hinterlassen. »Jesses, ist das warm«, sagte Carmel. »Und das im Dezember. Verkehrte Welt.«

»Globale Erwärmung«, sagte Kevin. »Hat einer eine Zigarette für mich?«

Jackie reichte ihre Packung rauf. »Fang bloß nicht mit der Qualmerei an. Blöde Angewohnheit.«

»Nur bei besonderen Anlässen.«

Ich ließ mein Feuerzeug schnippen, und er beugte sich zu mir rüber. Durch die Flamme warfen seine Wimpern Schatten auf seine Wangen, so dass er eine Sekunde lang aussah wie ein schlafendes Kind, rosig und unschuldig. Kevin hatte mich angehimmelt, damals, war mir auf Schritt und Tritt gefolgt. Ich hatte Zippy Hearne die Nase blutig geschlagen, weil er Kevin die Gummibärchen weggenommen hatte. Jetzt roch er nach Aftershave.

»Sallie«, sagte ich mit einem Nicken in ihre Richtung. »Wie viele Kinder hat sie eigentlich insgesamt bekommen?«

Jackie reckte eine Hand über die Schulter, um ihre Zigaretten von Kevin zurückzunehmen. »Vierzehn. Mir tut unten rum alles weh, wenn ich bloß dran denke.« Ich schmunzelte und sah, dass Kevin mich angrinste, als unsere Blicke sich trafen.

Nach einem Moment sagte Carmel zu mir: »Ich hab vier. Darren und Louise und Donna und Ashley.«

»Hat Jackie mir erzählt. Alle Achtung. Wem sehen sie ähnlich?«

»Louise schlägt nach mir, die Ärmste. Darren sieht seinem Daddy ähnlich.«

»Donna ist Jackie wie aus dem Gesicht geschnitten«, sagte Kevin. »Inklusive Hasenzähne.«

Jackie gab ihm einen Klaps. »Klappe, du.«

»Die müssen doch schon ziemlich groß sein«, sagte ich.

»Das kannst du laut sagen. Darren wird dieses Jahr mit der Schule fertig. Er will Maschinenbau studieren, am UCD, ob du’s glaubst oder nicht.«

Keiner fragte nach Holly. Vielleicht hatte ich Jackie unrecht getan, vielleicht konnte sie ja doch den Mund halten. »Moment«, sagte Carmel und kramte in ihrer Handtasche. Sie holte ihr Handy heraus, fummelte daran herum und hielt es mir hin. »Willst du sie mal sehen?«

Ich ging die Fotos durch. Vier unscheinbare, sommersprossige Kinder. Trevor, der aussah wie eh und je, bis auf den Haaransatz, eine Doppelhaushälfte mit Rauputz im Siebzigerjahrestil in irgendeinem deprimierenden Dubliner Vorort, der mir nicht mehr einfallen wollte. Carmel war genauso, wie sie es sich immer für sich erträumt hatte. Nur sehr wenige Menschen können das von sich behaupten. Schön für sie, auch wenn ihr Traum in mir eher den Wunsch weckte, mir die Gurgel durchzuschneiden.

»Scheinen richtig nette Kinder zu sein«, sagte ich und gab ihr das Handy zurück. »Glückwunsch, Melly.«

Ein leises Luftschnappen über mir. »Melly. Mein Gott … Das hab ich schon seit Jahren nicht mehr gehört.«

In dem Licht sahen sie wieder wie sie selbst aus. Es tilgte die Falten und die grauen Strähnen, nahm Kevins Kinnpartie das Plumpe und wischte Jackie das Make-up aus dem Gesicht, bis wir fünf wieder ganz die Alten waren, frisch und katzenäugig und ruhelos im Dunkeln, unseren verschiedenen Träumen nachhängend. Würde Sallie Hearne aus dem Fenster schauen, sähe sie uns: die Mackey-Kinder, alle beieinander, auf den Stufen vor ihrem Haus. Einen verrückten Moment lang war ich glücklich, hier zu sein.

»Aua«, sagte Carmel und rutschte hin und her. Carmel konnte Stille noch nie gut ertragen. »Mir tut der Hintern weh. Francis, bist du sicher, dass das stimmt, was du vorhin gesagt hast? Dass Rosie wiederkommen wollte, um den Koffer zu holen?«