Syndicate – Dein ist die Rache - Sasha Reed - E-Book
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Syndicate – Dein ist die Rache E-Book

Sasha Reed

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Beschreibung

Eine gefährliche Rachemission. Ein ungewöhnliches Bündnis. Eine leidenschaftliche Liebe.

Micaela Salgado verachtet im Leben zwei Dinge: flache Schuhe und Alec O’Leary. Er ist die rechte Hand des Oberhauptes des irischen Mobs – und ein attraktiver Dorn in ihrem Auge, seit sie ihn auf der Hochzeit ihrer besten Freundin zum ersten Mal getroffen hat. Ein brutaler Mord bringt Mica dazu, Alec auf eine Rachemission quer durch Mexiko zu begleiten. Gezwungenermaßen arbeiten sie zusammen, was hitzige Diskussionen und heiße Nächte mit sich bringt. Doch Mica verfolgt eigene Ziele, und ihr größtes Geheimnis könnte die prickelnde Leidenschaft und beginnende Zuneigung zwischen ihr und Alec im Keim ersticken. Zwischen Hass und Begierde liegt ein schmaler Grat, doch kann wahre Liebe Verrat und Lügen in einer Welt voller dunkler Abgründe überwinden?

Leseempfehlung: ab 18 Jahren
Spice-Level: 4 von 5

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 605

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Das Buch

Micaela Salgado verachtet im Leben zwei Dinge: flache Schuhe und Alec O’Leary. Er ist die rechte Hand des Oberhauptes des irischen Mobs – und ein attraktiver Dorn in ihrem Auge, seit sie ihn auf der Hochzeit ihrer besten Freundin zum ersten Mal getroffen hat. Ein brutaler Mord bringt Mica dazu, Alec auf eine Rachemission quer durch Mexiko zu begleiten. Gezwungenermaßen arbeiten sie zusammen, was hitzige Diskussionen und heiße Nächte mit sich bringt. Doch Mica verfolgt eigene Ziele, und ihr größtes Geheimnis könnte die prickelnde Leidenschaft und beginnende Zuneigung zwischen ihr und Alec im Keim ersticken. Zwischen Hass und Begierde liegt ein schmaler Grat, doch kann wahre Liebe Verrat und Lügen in einer Welt voller dunkler Abgründe überwinden?

Die Autorin

Sasha Reed wurde 1997 in Oberfranken geboren und lebt zusammen mit ihrem Freund und diversen Fellnasen immer noch dort. Die Leidenschaft zum Schreiben entdeckte sie bereits in ihrer Kindheit, mittlerweile sind die Pferdegeschichten jedoch spicy Liebesromanen gewichen. Neben allem, was mit Büchern zu tun hat, liebt die studierte Biologin Gewitter und Escape Rooms.

Lieferbare Titel

Syndicate – Mein ist die Freiheit

SASHA REED

SYNDICATE

DEIN IST DIE RACHE

DARK ROMANCE

Band 2 der Syndicate-Reihe

WILHELMHEYNEVERLAGMÜNCHEN

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Originalausgabe 07/2025

© Sasha Reed

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Textbaby Medienagentur, www.textbaby.de

Copyright © 2025 dieser Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

[email protected]

(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR)

Redaktion: Janika Mielke

Umschlaggestaltung: www.buerosued.de

Satz: satz-bau Leingärtner, Nabburg

ISBN 978-3-641-31821-5V002

www.heyne.de

Liebe Leser*innen

Liebe Leser*innen,

in diesem Buch werden Themen angesprochen, die für einige Menschen sehr belastend sein können. Hier findet ihr für ein sicheres Leseerlebnis eine genaue Auflistung. Außerdem möchten wir darauf hinweisen, dass es sich um eine Dark Romance handelt. Unsere Leseempfehlung ist ab 18 Jahren. Passt gut auf euch auf!

Sasha Reed und der Heyne Verlag

Für alle, die lernen mussten, in den Flammen zu tanzen, anstatt in ihnen zu verbrennen. Mica wäre stolz auf euch.

Kapitel 1

Alec

Das Klacken von High Heels auf dem teuren Parkett durchbrach die Stille – und meine Konzentration. Dennoch starrte ich weiter auf den Bildschirm meines Laptops und ließ mir nicht anmerken, dass sich meine Gedanken mit jedem näher kommenden Schritt etwas mehr von den Quartalszahlen verabschiedeten. Ich musste nicht aufsehen, um zu wissen, was mich erwartete, sobald die Schritte die Türschwelle des Konferenzraums passierten.

Micaela Catalina Salgado.

Lange, schlanke Beine, die mit den High Heels, die Mica zu jeder verdammten Gelegenheit trug, fast hypnotisch wirkten. Diese verführerischen Absätze, durch die ihre Stirn genau auf Höhe meines Munds war. Kurven, die für schlaflose Nächte gemacht waren. Braune Haare, deren Spitzen zur Mitte ihres Rückens reichten und die mich bis in meine Fantasien verfolgten, wo ich sie während leidenschaftlicher Küsse um meine Faust wickelte. Dazu die ausdrucksvollsten tiefbraunen Augen, die ich je gesehen hatte. Augen, aus denen mir bei jeder Begegnung ein hartes Funkeln entgegenblitzte.

Mica wäre perfekt – wenn ich ihr den Mund mit Panzertape zukleben könnte. Obwohl mir dann der Blick auf ihre vollen Lippen verwehrt bliebe. Allerdings wäre Elena wahrscheinlich wenig begeistert davon, würde ich ihre beste Freundin so verstummen lassen, und war Elena unglücklich, wurde Nate zum Tier. Er war mein bester Freund, mein engster Vertrauter – und mein Boss. Garantiert würde es ungemütlich werden, sollte ich etwas tun, was ihm nicht passte, besonders wenn es Elena betraf. Also blieben meine Fantasien darüber, wie ich Mica möglichst dauerhaft zum Schweigen bringen könnte, brav in meinem Kopf, auch wenn ich mit jedem Tacker liebäugelte, den ich sah.

Kaum hatte sie den Konferenzraum betreten, hielt Mica kurz inne. Dann stieß sie die Luft aus, lief zum Tisch und setzte sich mir gegenüber auf einen der Bürostühle.

Glaub mir, Baby, ich will auch nicht mit dir allein sein.

»Verspäten sich Elena und Nate?«, fragte sie, und ich unterdrückte einen Fluch, weil ihre Telefonsexstimme mit dem spanischen Akzent den winzigen Rest meiner Konzentration wegfegte wie Laub im Herbstwind. Ich gab mich geschlagen, klappte den Laptop zu und wappnete mich für den Adrenalinkick, der mich unweigerlich traf, sobald ich Mica ansah. Es war eine ganz gewöhnliche Kampf-oder-Flucht-Reaktion meines Körpers, die einsetzte, wenn ich Dinge erlebte, die ich vermied, solange es ging. Schießereien, Verfolgungsjagden, Gespräche mit Mica.

Ich erwiderte ihren Blick und ignorierte das Gefühl in meiner Magengrube, als hätte Nate mir seinen linken Haken dorthin versetzt. »Offensichtlich.«

Abwertend zog Mica eine Braue hoch, was heißer aussah, als legal sein sollte. Ich verachtete meinen Körper dafür, so sehr auf Mica zu reagieren. Das hatte bei unserer ersten Begegnung auf Elenas und Nates Hochzeit im Juli begonnen. Offenbar hatte sie es mir krummgenommen, dass wir nach der Zeremonie keine Zeit dazu gehabt hatten, gemeinsam am Lagerfeuer zu singen. Verfluchte Scheiße, der Boss des irischen Mobs und eine Kartellprinzessin aus Mexiko hatten gerade geheiratet, um den Drogendeal des Jahrhunderts zu sichern. Nate hatte damit mehr Männern ans Bein gepisst, als Mica Liebhaber hatte. Wir hatten schnell verschwinden müssen, denn ein gewaltiger Kugelhagel hätte diese Hochzeit ziemlich versaut. Eine Ewigkeit hatte Mica mich zugetextet, obwohl die gepanzerte Limo mit Elena und Nate längst Richtung Flughafen verschwunden war. Ihre Vorwürfe waren vom Englischen ins Spanische und wieder zurück gewechselt. Nach zwei Minuten ihrer Tirade hatte ich mich komplett ausgeklinkt und mich stattdessen gefragt, ob ich es schlimmer oder besser machte, wenn ich sie mit einem Kuss zum Schweigen brachte.

Mica hatte mir die Entscheidung abgenommen, indem sie nach einem schier endlosen Monolog auf den Absätzen kehrtgemacht hatte und in den Wagen gestiegen war, mit dem die Mitglieder des Osorio-Kartells zur Hochzeit gekommen waren. Ich hatte geglaubt, dass es sich damit erledigt hätte, denn wenn Mica erst nach Cabo San Lucas zurückgekehrt wäre, würden sich unsere Wege nie mehr kreuzen. Doch da hatte ich – wie wir alle – die Rechnung ohne Elena gemacht, die innerhalb eines Monats vom schüchternen Mäuschen zum Oberhaupt des Osorio-Kartells aufgestiegen war und Mica zu ihrer rechten Hand ernannt hatte.

Nun lehnte sich Mica zurück und verschränkte die Arme vor der Brust, was meinen Fokus nach unten lenkte. Sie trug immer noch dieses sündhaft sexy Kleid von gestern, was bedeutete, dass sie die Nacht einmal mehr außerhalb der Villa verbracht hatte. Eng schmiegte sich der goldene Stoff an Micas Körper und betonte all die Stellen, die meine Fantasie viel zu interessant fand. Ihr Dekolleté, ihre schmale Taille, ihre Hüften. Der Saum endete kurz über ihren Knien, und ich verfluchte die gläserne Tischplatte, weil ich ihretwegen sehen konnte, wie Mica diese Wahnsinnsbeine übereinanderschlug.

»Wie war dein Date?«, fragte ich.

Sie schürzte die Lippen. »Was geht es dich an?«

Ich imitierte ihre Körperhaltung und ignorierte, wie ihr Anblick mein Blut zum Kochen brachte. Ob es an ihrer Ablehnung mir gegenüber oder an diesem Kleid lag, wollte ich nicht zu genau erörtern. Ich hatte längst aufgegeben, meinen Körper verstehen zu wollen, wenn es um Mica ging, also zuckte ich mit den Schultern. »Würde mich interessieren, welcher arme Hund sich zutraut, sich auf dich einzulassen.«

Sie zog einen Mundwinkel hoch. »Vorsicht, man könnte dich für eifersüchtig halten.«

»Baby, selbst wenn du nackt auf meinem Bett liegen und mich anbetteln würdest, dich zu vögeln, würde ich dich nicht anfassen.«

»Sollte ich jemals nackt auf deinem Bett liegen und dich anbetteln, mich zu vögeln, lass Gnade walten und erschieß mich. Das ist der Tag, an dem ich ganz offiziell verrückt geworden bin.«

»Dein momentaner Zustand ist also nur subklinisch?«

»Im Gegensatz zu deinem.«

»Verrückt werde ich erst, wenn ich hier noch länger allein mit dir sitzen muss.«

Mica verdrehte die Augen, bevor sie sich von mir abwandte und durch das bodentiefe Fenster hinter sich in den Garten sah. Wenn sie das Kleid von gestern trug, musste sie direkt von ihrem One-Night-Stand in die Villa gekommen sein. Sie lag am Stadtrand von Boston und diente neben Elenas und Nates Unterkunft auch als unser Hauptquartier. Es nervte mich, dass ich Mica noch nie zerzaust gesehen hatte. Nicht einmal jetzt, da sie vermutlich wenig geschlafen hatte. Sogar ihr Make-up war perfekt, als würde sie nachts in Frischhaltefolie eingepackt in einem Sarg schlafen.

»Wo bleiben Elena und Nate überhaupt? Haben sie das Meeting verschoben?«

Mit einer Hand strich ich mir über die Kieferpartie, das Kratzen der Bartstoppeln unter meinen Fingern viel zu laut für den Moment. »Nein, aber dem Geräuschpegel aus ihrem Schlafzimmer nach zu urteilen, war Nate bis vor zehn Minuten damit beschäftigt, seiner Frau einen guten Morgen zu wünschen.«

Mica drehte sich zurück zu mir, stützte die Unterarme auf die Tischplatte und beugte sich nach vorn. Ich bemühte mich nicht einmal, nicht in ihren Ausschnitt zu sehen, denn ich erkannte eine Einladung, wenn ich sie sah. »Neidisch, weil du der Einzige im Raum sein wirst, der innerhalb der letzten Stunden keinen Orgasmus hatte?«

»Behauptet wer?«

»Deine rechte Hand zählt nicht.«

Ich lehnte mich in Micas Richtung und senkte die Stimme zu einem Raunen. »Baby, wenn du meine rechte Hand erlebt hättest, würdest du deine Meinung darüber ändern.«

Ihr würgender Laut konnte nicht über das Auflodern der Flammen in ihren Augen hinwegtäuschen. »Das wage ich zu bezweifeln.«

Mit hochgezogenem Mundwinkel verschränkte ich die Hände hinter dem Kopf und genoss Micas winzigen Moment der Schwäche, als ihr Blick zu meinen Oberarmen zuckte. Sie mochte mich für einen unsensiblen Arsch halten, der das Wort Feminismus nicht einmal buchstabieren konnte, wenn man ihm mit einem Wörterbuch den Schädel einschlug, aber sie fand mich genauso sexy wie ich sie. Ich hatte bemerkt, wie sich ihre Pupillen bei unserer ersten Begegnung in der Kirche in Boston geweitet hatten. Wie sich diese verführerischen Lippen einen Spalt weit geöffnet hatten. Und wie Mica mich in den vergangenen Wochen angesehen hatte. Ich hatte gespürt, wie sich der Raum zwischen uns elektrisch aufgeladen hatte, summend mit einer Energie, die meine Haut prickeln ließ.

Genauso, wie sie es jetzt auch tat. Wie so oft in den letzten Tagen, seit Mica nach Elenas Entführung in die USA gekommen war, sahen wir uns stumm an. Das Schweigen lud sich knisternd auf, als Mica von meinen Haaren zu meinem Mund sah. Ob sie sich vorstellte, ihre Finger in meinen Strähnen zu vergraben, während ich sie um den Verstand küsste?

An meinem Hinterkopf presste ich die Handballen gegen meinen Schädel, als mein Blick schwer wie Blei auf ihre Lippen fiel. Ich hatte so viele Fantasien mit diesem Mund in der Hauptrolle. Wie weich sich ihre Lippen unter meinen anfühlten. Wie heiß die Spur war, die sie mit ihnen über meinen nackten Oberkörper zog. Wie sie sich um meinen Schwanz schlossen.

Fuck.

Dieses stumme Starrduell hatte als Kräftespiel begonnen – niemand von uns hatte zuerst wegsehen wollen. Anfangs hatte ich mich sogar darum bemüht, möglichst wenig zu blinzeln, um keine Schwäche zu zeigen. Aber inzwischen war es zu einer Art Vorspiel geworden. Das Beschissene daran? Keiner von uns war gewillt, von diesem Vorspiel zum Hauptakt überzugehen. Wir meinten es beide ernst damit, dass wir den anderen nicht ficken wollten, denn so sexy wir uns gegenseitig vielleicht fanden, so schwierig würde unser Verhältnis danach sein.

Ich unterdrückte einen Fluch, weil Mica die Schultern straffte und sich der Stoff ihres goldenen Kleids enger über ihre Brüste spannte. Es war spektakulär, setzte ihre bronzefarbene Haut in Szene – und doch war der Inhalt um ein Vielfaches spektakulärer. Besonders, als Micas Zungenspitze hervorblitzte und über die rot geschminkten Lippen leckte. Damit hatte sie die Regeln unseres Spiels geändert, und ich ließ nicht zu, dass sie die Oberhand gewann.

Also nahm ich die Arme wieder nach unten und öffnete die Manschettenknöpfe meines weißen Hemds. Mica scheiterte daran, nicht wie hypnotisiert auf meine Hände zu starren. Sicher gab es Frauen, die es abturnend fanden, dass meine Finger tätowiert waren. Mica gehörte eindeutig nicht zu ihnen.

»Siehst du etwas, das dir gefällt?«, fragte ich, meine Stimme eine Oktave tiefer als sonst.

Mica wurde weder rot, noch wirkte sie beschämt. Bisher hatte ich nicht erlebt, dass sie sich aus der Ruhe bringen ließ – von dem Moment nach der Hochzeit und Elenas Entführung einmal abgesehen. »Nein, es schockiert mich nur, wie ein Mann von vierzig Jahren beim Aufknöpfen eines Hemds wirken kann wie ein tollpatschiges Kleinkind.«

Ich krempelte den rechten Ärmel hoch und spannte den Unterarm vielleicht etwas mehr an als nötig. »Zweiunddreißig. Aber das weißt du.«

Unbekümmert kämmte sie sich die Haare auf eine Seite, was die zarte Haut ihres Halses entblößte. Wie leicht würde ich sie markieren können? Brauchte es bloß einen kleinen Biss und sie würde meine Male auf der Haut tragen, für jeden sichtbar? »Bei den vielen grauen Haaren war ich mir nicht ganz sicher.«

»Du brauchst einen guten Augenarzt und eine Therapie für deine Entscheidungsneurose. Kleinkind oder alter Mann, was davon ist es?«

Bevor sie antworten konnte und sich dieses lächerliche Gespräch weiter in die Länge zog, hörte ich Schritte auf uns zukommen. Ich schickte ein stummes Dankesgebet an die höhere Macht, die Gnade mit mir hatte und mich aus dieser Situation befreite, als wenige Momente später Nate und Elena auftauchten. Frisch geduscht, wenn man nach der leichten Röte auf Nates Wangen und seinen feuchten Haaren urteilte, die er sich gerade aus dem Gesicht strich.

»Gut, ihr lebt noch«, bemerkte Elena mit einem Schmunzeln, ehe sie zur Stirnseite des langen Tischs ging und sich auf den zweiten Stuhl setzte, der vor etwa einer Woche dort aufgestellt worden war. Vorher hatte einzig Nate am Kopf des Tischs gesessen, doch nun war Elena nicht nur seine Frau, sondern auch seine mächtigste Verbündete. Scheinbar mühelos war sie in ihre neue Rolle als Kartellchefin geglitten und hatte damit jedem Zweifler den metaphorischen Mittelfinger gezeigt. War sie vor wenigen Monaten noch eine wohlbehütete Prinzessin gewesen, die keinen Schimmer von der wirklichen Welt – von unserer Welt – gehabt hatte, übernahm sie jetzt die Kontrolle. Objektiv betrachtet war diese Verwandlung verflucht sexy, aber das würde ich Nate niemals sagen, wenn ich nicht meine plötzliche Leidenschaft zur eigenen Kastration entdeckte.

»Und das unversehrt«, fügte Nate trocken hinzu, nachdem er seinen kalkulierenden grauen Blick – betont durch einen gleichfarbigen Anzug – flüchtig über uns beide hatte wandern lassen. Dann folgte er Elena.

»Offensichtlich habt ihr es auch endlich geschafft, eure Gliedmaßen voneinander zu trennen«, sagte Mica, und ich unterdrückte ein anerkennendes Lachen. Es brauchte ein Paar gewaltige Eier, um Nate in seinem eigenen Haus solche Sprüche an den Kopf zu werfen. Mir machte das nichts mehr aus, denn Nate und ich waren seit Kindertagen befreundet und ich hatte einen Freifahrtschein, was das anging. Mica hingegen kannte ihn erst seit Kurzem. Manchmal fragte ich mich, ob sie insgeheim einen Todeswunsch hegte oder ob es ihr unzerstörbares Selbstbewusstsein war.

»Für zukünftige Verrenkungen könnte ich euch eine Twistermatte kaufen«, schlug ich vor und ignorierte dieses seltsame warme Gefühl in der Brust, als Micas Mundwinkel zuckten. »Zu Übungszwecken.«

Nachdem er den Knopf seines Jacketts geöffnet hatte, setzte Nate sich neben Elena und legte seinen Arm auf ihre Rückenlehne. Scheiße, ich hatte mich immer noch nicht daran gewöhnt, Nathan O’Connell komplett vernarrt in eine Frau zu sehen. In seine Frau. Er würde ihr die Welt zu Füßen legen, um sie im nächsten Moment niederzubrennen, wenn Elena es so wollte. Es war verdammt gefährlich, weil sie seine größte Schwäche war, aber wenn jemand in diesem beschissenen Leben einen Funken Glück verdiente, war es Nate.

»Genug davon«, sagte er, und sein Tonfall schlug die geschäftliche Härte an. »Lasst uns über nächste Woche sprechen.«

»Mexiko«, fügte Elena hinzu. Sie ließ sich ihre Nervosität wegen der bevorstehenden Reise nicht anmerken, doch Nate strich ihr beruhigend über die braunen Haare, als hätte er einen sechsten Sinn, der einzig auf Elena fixiert war. Wahrscheinlich stimmte das sogar.

Vor knapp einer Woche war Elena das Oberhaupt des Osorio-Kartells geworden. Es war an der Zeit, dass sie persönlich in Mexiko aufkreuzte, um sich einen Überblick über die Geschäfte zu verschaffen. Das organisierte Verbrechen ließ sich schwer aus dem Homeoffice leiten.

»Montag fliegen wir mit dem Privatjet nach Cabo San Lucas«, verkündete Nate. »Tyler, Dan und Jack kommen als Verstärkung mit uns, außerdem ein paar Männer außerhalb des innersten Kreises, falls es Schwierigkeiten geben sollte.«

Ich nickte. Obwohl Nate der Boss des irischen Mobs war, wäre es töricht, ohne Unterstützung in ein fremdes Territorium zu gehen, selbst wenn es offiziell seiner Frau gehörte. Nate war für die Revolution der Hierarchien im irischen Mob unverzichtbar. Immerhin war es seine Vision gewesen, die den Plan in die Wege geleitet hatte. Mit Unterstützung aus dem Osorio-Kartell und unserem Einfluss in Mexiko könnte die Vereinigung des irischen Mobs unter unserer Fahne deutlich beschleunigt werden. Voraussetzung dafür war allerdings, dass Elena ihre Machtergreifung überlebte.

»Mica, du unterstützt mich vor Ort«, befahl Elena. »Du kennst dich mit den Kartellgeschäften aktuell besser aus als ich. Weißt, wer wofür zuständig ist und mit wem ich zuerst sprechen muss.«

»Darüber hinaus schadet es nicht, deinen Männern ein bekanntes Gesicht an deiner Seite zu präsentieren«, ergänzte ich. Elena war das erste weibliche Oberhaupt eines Kartells. Bis zu ihrer Hochzeit war sie von dem Mann, der sie großgezogen hatte, in dessen Villa vor sämtlichen Einflüssen der Außenwelt abgeschirmt worden. Daher lag die Vermutung nahe, dass viele der Männer skeptisch waren, ob Elena ihrer neuen Rolle gewachsen war. Mica hingegen war in dieser Welt groß geworden und kannte sich aus. Wir würden ohnehin auf Schwierigkeiten stoßen, weil viele Arschlöcher Frauen nicht ernst nahmen. Mica als bekanntes Gesicht dabei zu haben, würde vielleicht die erhitzten Gemüter besänftigen. Hinzu kam die Tatsache, dass Micas Vater jahrzehntelang die rechte Hand von Manuel Osorio gewesen war. Die Familienzugehörigkeit könnte sich als nützlich erweisen – vorausgesetzt, Diego Salgado akzeptierte seinen Rücktritt und den Aufstieg seiner Tochter zur neuen rechten Hand des Kartells in der Öffentlichkeit.

»Alec, du bleibst in Boston und treibst die Rekrutierung voran«, trug Nate mir auf.

»Wird erledigt.« Die Rekrutierung war ein heikles Thema. Mit der Ermordung von Will und Liam sowie Dougals Verrat hatten wir viele Rückschläge und Verluste erlitten. Wir mussten unsere Reihen wieder stärken, bevor Gerüchte aufkamen, dass Nates Gang schwächelte.

Es ehrte mich, dass Nate mir nach den Vertrauensbrüchen der jüngsten Vergangenheit das Kommando des Mobs überließ, während er mit Elena die Dinge in Mexiko regelte. Das und die Tatsache, dass ich bald nicht mehr mit Mica auf engstem Raum existieren musste, halfen mir dabei, meine verlorene Konzentration erneut aufzutreiben.

Nate nickte zufrieden. »Mexiko wird ein Wurf ins kalte Wasser.« Als er sich seiner Frau zuwandte, blitzte sein Nasenpiercing im hereinfallenden Sonnenlicht. »Bist du dafür bereit, banlaoch?«

Banlaoch, irisch für Kriegerin. Nate hatte sich das Wort vor zwei Tagen auf die Brust tätowieren lassen und das Schlafzimmer den darauffolgenden Tag nicht verlassen. Oder verlassen dürfen.

»Nicht wirklich, aber das ist man nie.« Sie lächelte und taute damit Nates eisige Augen auf.

»Die Männer haben dir vorerst die Treue geschworen, nachdem du das Kartell für dich beansprucht hast«, erinnerte Mica sie. »Es ist ein erster Schritt in die richtige Richtung.«

»Vorerst«, betonte Elena. »Sie könnten es mir vorgegaukelt haben und insgeheim einen Putsch planen.«

»Umso wichtiger sind die nächsten Tage der Vorbereitung und die erste Zeit in Mexiko«, sagte ich. »Es hilft, dass Nate mitkommt. Ihr bildet eine vereinte Front, und nur wenige der Männer würden es wagen, sich offen gegen dich zu stellen, sobald sie euch zusammen erlebt haben. Keiner von ihnen will einen Krieg gegen den irischen Mob riskieren. Besonders, da sie alle von der geteilten Drogenroute profitieren.« Die Route führte von Peru nach Cabo San Lucas, wo das Kokain geprüft, neu verpackt und schließlich über die Grenze in die Staaten geschmuggelt wurde. Wegen dieser Drogenroute hatten Elena und Nate überhaupt geheiratet – und sich damit mehr Feinde als Freunde gemacht. Doch für beide Seiten war es ein lukratives Geschäft, denn die Drogen waren erstklassig und Nate ermöglichte es dem Osorio-Kartell, auf US-amerikanischem Boden Profit zu machen. Den Rest der Drogengeschäfte im Osten des Landes kontrollierten wir.

»Außerdem«, fügte Mica hinzu, »wissen die Männer, dass sie bei einem Krieg mit dem Mob im Nachteil sind. Selbst wenn sie ein anderes Kartell finden, das sie aufnimmt anstatt sie auf offener Straße zu erschießen. Jedes Kartell wäre misstrauisch, ob sie ausspioniert werden. Umgekehrt können deine Männer nicht über das Osorio-Kartell befragt werden, weil sie nichts über deine Arbeitsweise wissen.«

»Weil nicht einmal ich selbst etwas über meine Arbeitsweise weiß.« Mit geschürzten Lippen zupfte Elena den Ärmel ihres dunkelblauen Blazers zurecht. Sie hatte sich mit dem Kartell viel aufgebürdet, doch sie lernte schnell und hatte Nate. Wenn ich nicht auf ihrer Seite stünde, würde ich mich vor Angst einscheißen.

»Dann solltest du schleunigst etwas darüber herausfinden«, sagte ich dennoch. »Andernfalls könnte Nate früher zum Witwer werden, als euch lieb ist.«

Wie einen Flammenwerfer spürte ich die heiße Wut aus Micas Blick auf meinem Gesicht. Ich ignorierte sie. Ja, ich traute Elena zu, dass sie das Kartell leiten konnte, allerdings musste sie offen hören, was auf dem Spiel stand. Sie hatte keine Position übernommen, bei der sie nach einem Fehlversuch einfach gefeuert wurde, sondern eine, bei der sie nach einem Fehlversuch starb.

Als Elena mich ansah, blitzte etwas in ihren dunklen Augen auf. Es war dieses harte Funkeln, das Nate so verdammt faszinierend fand, dass er Elena gleich zweimal geheiratet hatte. Das harte Funkeln, das mich beruhigte, weil es bedeutete, dass Elena entschlossen war, alles zu geben.

»Womöglich weiß ich noch nicht viel über meine Arbeitsweise, aber ich weiß, dass ich es nicht dulden werde, von Männern herumgeschubst oder belehrt zu werden, als wäre ich ein kleines Mädchen. Achte auf deinen Tonfall, wenn du mit mir sprichst.«

Kurz sah ich zu Nate. Der Arsch wirkte mehr als zufrieden. Würde mich nicht wundern, wenn er gerade wieder hart wurde. Er liebte es, dass Elena nun regelmäßig dieses Feuer zeigte. Hatte auch lange genug gedauert, um es zu finden.

Respektvoll nickte ich. »Verstanden.«

»Gut.« Ihre Stimme hatte eine dominierende Schärfe angenommen, die eine wohlige Wärme durch meine Brust schickte. Inzwischen reichte ein winziger Funke, um Elenas Flammen zum Inferno zu verwandeln und dafür zu sorgen, dass sie ihre neu gewonnene Selbstsicherheit zeigte. »Dann lasst uns mit der Planung beginnen.«

Alecs Tattoos

Mit dem Hämmern an der Wohnungstür schwang die Stimmung in der Küche um. Mom, die Shay eben mehr Monopolymiete zugesteckt hatte, als ihr zustand, rutschte das Lächeln aus dem Gesicht.

»Ich gehe«, brummte Dad und stand vom Küchentisch auf.

Schnell senkte ich den Blick auf das Spielbrett, als er am äußersten Hängeschrank verharrte und ihn einen Spalt öffnete. Gerade rechtzeitig, bevor Dad den Kopf über die Schulter drehte und prüfte, ob wir ihn beobachteten. Dabei war das völlig egal. Ich wusste, was sich in diesem Schrank befand, ganz oben, wo Shay nicht rankam. Und ich wusste auch, dass ich es nicht wissen durfte. Dad hatte gute Gründe dafür, doch es war ein lausiges Versteck. Vor ein paar Wochen, als Mom und Dad Shay ins Bett gebracht hatten, hatte ich einen Stuhl an die Küchenzeile gezogen und auf Zehenspitzen ins oberste Regalfach gelugt.

Als ich hörte, wie Dad die Schranktür schloss, sah ich auf. Er ging in den Flur, während er etwas in seiner hinteren Hosentasche verschwinden ließ. Also hatte er das Klappmesser mit dem hübschen Holzgriff mitgenommen und nicht eine der Pistolen.

Ich war vielleicht erst zehn, aber nicht einfältig. Mom und Dad versuchten, es so gut wie möglich vor uns – vor allem vor Shay – zu verbergen, allerdings wusste ich, dass wir kein ganz normales Leben führten. Dafür war Dad zu oft fort, wurde zu oft aus dem Bett geholt, kam danach zu oft mit Schrammen und blauen Flecken zurück.

Von der Haustür drangen Stimmen zu uns. Ich erkannte sie, hatte jedoch nie die Gesichter dazu gesehen. Es waren die Stimmen, die auch dann ertönten, wenn Dad nachts losmusste. Zu einer von ihnen gehörte ein gehässiges, gackerndes Lachen, das mir regelmäßig Schauer über den Rücken jagte.

Die Stimmen schwollen an, auch die von Dad, und er wurde nie laut. Nicht mit uns.

»Ihr bleibt in der Küche«, wies Mom uns an, stand auf und eilte zu den anderen.

Shay und ich tauschten einen Blick aus, dann rutschten wir von unseren Stühlen und schlichen zur Tür, die in den Flur führte. Um Shay zurückzuhalten, als sie sich an mir vorbeidrängelte, zog ich an ihren geflochtenen roten Zöpfen.

»Das ist unfair, du bist viel größer als ich!«, zischte sie.

»Ich bin ja auch älter«, erwiderte ich, schob sie zur Seite und sicherte mir den besseren Platz am Türrahmen. Langsam verlagerte ich mein Gewicht nach vorn und spähte um die Ecke.

Mom war neben Dad angekommen, und ihr erschrockenes Luftschnappen klang bis hierher. Irgendetwas stimmte nicht. Es war anders als die Male, wenn Dad abgeholt worden war.

Zwar versperrten unsere Eltern mir die Sicht auf den Hausflur, doch ich hörte deutlich, was gesprochen wurde.

»… habt schon zwei von der Sorte. Welchen Unterschied macht ein drittes?« Das furchtbare Lachen folgte, und mir stellten sich die Nackenhaare auf. Aber da war noch etwas anderes. Leise, im Hintergrund, kaum zu hören. War das etwa ein Schniefen? Weinte jemand?

Shay packte mich am Handgelenk, als ich den ersten Schritt in den Flur machte. »Tickst du noch richtig?«, flüsterte sie. »Sie werden dich erwischen!«

»Werden sie nicht.« Und selbst wenn. Ich musste mehr sehen, also machte ich mich von ihr los und schlich auf die andere Seite des Flurs, wo ich mich hinter dem Garderobenschrank verstecken konnte.

»Was ist passiert?«, wollte Dad wissen.

»Geht dich nichts an, O’Leary«, spie die andere Stimme aus. »Nimm den Jungen und sorg dafür, dass er seine Schulden abbezahlt.«

»Es sind nicht seine Schulden«, widersprach Mom. Ein Klatschen hallte von den Wänden wider, und Moms Kopf zuckte zur Seite.

»Und bring deiner Schlampe bei, ihr Maul zu halten«, knurrte der Mann.

Dad zog Mom schützend hinter sich. »Sinclair, bitte!«

Säure stieg aus meinem Magen auf, und ich schluckte dagegen an, arbeitete mich ein paar Meter weiter vor. Am Schrank vorbei und in die Türschwelle zum Badezimmer. Ich wollte ihre Gesichter sehen. Wollte sie mir einprägen, um zu wissen, wer Mom geschlagen hatte. Wer Dad so verunsicherte, dass er das Klappmesser mitgenommen hatte. Warum bedrohte er diese Männer nicht damit und schlug sie in die Flucht? Sie hatten Mom wehgetan!

Ich beugte mich vor und konnte endlich zwischen meinen Eltern hindurch in den Hausflur sehen. Die beiden Männer, die an die Tür geklopft hatten, waren ungefähr so groß wie Dad, doch damit hörten die Gemeinsamkeiten auch schon auf. Das Gesicht des einen war durch eine Narbe entstellt, der andere musterte Dad mit kaltem Blick und zog an seiner Zigarre.

Ein erneutes Schniefen lenkte meine Aufmerksamkeit nach unten.

Da war noch jemand.

Mir gefror das Blut in den Adern, als ich sah, wer es war.

Nate. Mein bester Freund.

Unsere Eltern kannten sich, und in den letzten drei Jahren waren wir fast unzertrennlich geworden. In der Schule saßen wir nebeneinander und verbrachten oft die Wochenenden zusammen. Manchmal hatte ich das Gefühl, ihn besser zu kennen als mich selbst, deshalb war mir sofort klar, dass etwas nicht stimmte.

Das Schniefen stammte von ihm. Ich hatte Nate noch nie weinen gesehen.

Gekrümmt stand er zwischen den Fremden, aufrecht gehalten von der Hand des Narbengesichts an seinem Kragen, und erweckte den Eindruck, als würde er am liebsten ins Nichts verschwinden wollen.

Ich ballte die Hände zu Fäusten, um nicht zu ihm zu stürmen und ihn in die Sicherheit unserer Wohnung zu zerren. Was machte er mit diesen Männern? Warum hatten sie ihn zu uns gebracht?

»Wir kümmern uns um ihn«, sagte Dad mit seltsam gepresster Stimme.

Der Mann mit der Zigarre blies Dad den Rauch ins Gesicht. »Mehr wollte ich nicht.« Gleich darauf stieß er Nate an der Schulter nach vorn, und mein bester Freund stolperte mit einem halb unterdrückten Aufschrei zu Boden.

»Nate!« Ich verließ mein Versteck und eilte an seine Seite.

»Alec, was tust du hier?«, rief Mom, aber ich ignorierte sie. Ich war viel zu schockiert von Nates Anblick. Wie er versuchte, sich aufzurappeln, sein Knie jedoch nachgab. Er zitterte am ganzen Leib, und sein Gesicht war so bleich, dass seine geröteten Augen deutlich hervorstachen. Und war das etwa Blut an seinen Schuhen?

Ich ließ mich neben ihn auf die Knie fallen – und verharrte. Irgendein Instinkt hatte mich dazu gezwungen, bei ihm zu sein, doch jetzt, da ich hier war, wusste ich nicht, was ich tun sollte.

»Sag Bescheid, wenn der Junge wieder allein stehen kann«, brummte der Mann um seine Zigarre herum, dann verschwanden die beiden. Dad schloss die Tür, und ich konnte leichter atmen.

»Alec, zurück in die Küche«, befahl Dad.

»Aber …«

»Sofort, Alec!«

Ich schnappte nach Luft. Noch nie hatte Dad mich angeschrien. Er drängte sich an mir vorbei, bückte sich und hob Nate in seine Arme. Als er meinen besten Freund ins Bad trug, folgte Mom ihnen, Sekunden später klickte die Tür hinter ihnen zu. Wo eben Nate gelegen hatte, waren rote Schlieren auf dem Teppich, die ein flaues Gefühl in meiner Magengegend hervorriefen.

Ich rappelte mich auf und ging zu Shay, die leichenblass in der Küchentür stand.

»Was ist mit Nate passiert?«, flüsterte sie. »Er sieht furchtbar aus.«

Unfähig, ein Wort über die Lippen zu bringen, nickte ich bloß. Das alles ergab überhaupt keinen Sinn. Wer waren diese Männer, und weshalb sollte Nate bei ihnen Schulden haben?

Stundenlang tigerte ich in der Küche auf dem Linoleumboden auf und ab. Zumindest fühlte es sich so an. Shay stand am Fenster neben der Küchenzeile und sah hinaus. Wir hatten seit unserem kurzen Wortwechsel nicht miteinander gesprochen.

Schließlich wurde die Badezimmertür geöffnet. Ich erkannte die Schritte meiner Eltern, die sich näherten – Dad musste Nate wieder tragen –, und dann abbogen. Wenig später erschien Dad in der Küche und winkte mich zu sich.

»Was ist passiert? Geht es Nate gut? Wo ist er?«

Dad legte die Hände auf meine Schultern. Aus seinen braunen Augen war die Wärme verschwunden. »Ich habe Nate in dein Zimmer gebracht. Mom ist bei ihm.«

»Ich will zu ihm.«

Dads Griff verstärkte sich, als ich Anstalten machte, mich von ihm zu lösen. »Nein.« Ein heißes Glühen fraß sich durch meine Brust. Wie konnte er mir verbieten, nach meinem besten Freund zu sehen? »Ich kann verstehen, dass du bei ihm sein willst. Für ihn da sein willst. Doch Nate hat heute viel durchgestanden und braucht Ruhe. Lass ihn zu seinen eigenen Bedingungen trauern.«

»Aber er braucht … Was meinst du mit trauern?«

Die Glut in meiner Brust wurde gelöscht. Auf einmal war nur noch Kälte in mir, denn wenn Nate von fremden Männern zu uns gebracht worden war und Dad von Trauer sprach, bedeutete das …

Mein Vater schluckte hörbar. »Etwas Schlimmes ist mit den O’Connells passiert.«

»Hatte Nate deshalb Blut an den Schuhen?«

Er sah mich lange an, als wüsste er nicht, ob und wie er mir antworten sollte. Dann nickte er knapp. »Nates Eltern wurden …« Mit einem Seitenblick zu Shay am Fenster brach er ab. Er brauchte den Satz nicht zu beenden, damit ich verstand.

Die Übelkeit kehrte mit aller Gewalt zurück. Ich hatte sie gekannt. Ihre Gesichter, ihre Stimmen, ihr Lachen. Die vielen Nachmittage, die ich bei den O’Connells verbracht hatte. Die Abende, an denen wir alle auf dem Dach unseres Hauses gegrillt und Brettspiele gespielt hatten. Nichts davon würde mehr passieren. Ich atmete tief durch die Nase ein, um den Würgereiz zu unterdrücken. Wenn es mir schon so schrecklich ging, wie musste sich Nate erst fühlen?

»Wir werden morgen ein zweites Bett für ihn kaufen. Du kannst heute bei Mom schlafen. Ich nehme das Sofa.«

»Wird Nate jetzt bei uns wohnen?« In meinem Zimmer.

Dad nickte wieder, und ich starrte auf die geschwungenen Tintenlinien auf seinen Unterarmen. Shays und mein Name zierten je einen Arm. Tribute an uns nannte er es immer. Weil wir zu ihm gehörten. Wir waren eine Familie.

Ich schluckte die Übelkeit hinunter und reckte das Kinn. »Dann ist er nicht mehr mein bester Freund.« Dad öffnete den Mund, aber ich sprach weiter, bevor er etwas sagen konnte. »Er ist mein Bruder.«

Von nun an gehörte er zu uns, und eines Tages würde ich wie Dad diese Gewissheit auf der Haut tragen.

Kapitel 2

Mica

Gute Laune beschwingte meine Schritte, als ich Elena über das Mosaik aus Steinfliesen durch das abendliche Gedränge des Tipsy Clover folgte. Der Barkeeper hinter dem langen schwarzen Tresen scheuchte zwei Männer mit einem Nicken von ihren Holzhockern, als er Elena sah.

»Du scheinst hier VIP-Status zu haben!«, rief ich ihr über die irische Musik zu, die aus den Lautsprechern in den Ecken hinter der Bar dröhnte.

Sie wischte sich mit der Hand über die Schulter. »Nates Frau zu sein, hat seine Vorteile.« Und die Tatsache, dass dieser Laden zum Mob gehörte und für Geldwäsche genutzt wurde.

Wir setzten uns auf die frei gewordenen Plätze bei den zahlreichen Messingzapfhähnen, in denen sich das schummrige Licht spiegelte. Es war ein typischer Irish Pub, laute Musik, viele kleine Tische mit Holzstühlen und massenweise Bier und Cider, die für ausgelassene Stimmung sorgten. Auf der Fahrt hierher hatte ich kaum die Klappe halten können, so froh war ich, nach stundenlangen Besprechungen aus dieser Villa herauszukommen. Objektiv betrachtet hatte sie alles, was man sich wünschen konnte. Vom großen Garten über den Pool und den eigenen Fitnessraum hin zu den heißen irischen Mobmännern. Doch die waren das Problem. Einer von ihnen, um genau zu sein.

Alec O’Leary trieb mich langsam, aber sicher an meine Grenzen. Seit wir uns bei Elenas Hochzeit zum ersten Mal gesehen hatten, war ich um mindestens zehn Jahre gealtert. Seine bloße Anwesenheit raubte mir den letzten Nerv, und ich war froh, dass ich ihm bald nicht mehr ausgesetzt sein würde. Alles an ihm brachte mich um den Verstand. Sein verurteilender Blick, wenn ich nach einer Nacht mit einem Fremden in die Villa zurückkehrte. Die Selbstverständlichkeit, mit der er Nates Befehle ausführte oder eigene Entscheidungen traf, als wäre die Meinung anderer nichts wert. Sein arrogantes Lächeln – und meine Reaktion darauf.

Es war zwei Tage her. Zwei Tage, seit wir im Konferenzraum gesessen hatten. Achtundvierzig Stunden, seit Alec mich mit diesem vernichtenden Lodern angesehen hatte. Zweitausendachthundertachtzig Minuten, seit ich mir vorgestellt hatte, von einem Mann genommen zu werden, den mein Kopf so verabscheute, aber mein Körper so unglaublich anziehend fand.

Gern hätte ich behauptet, dass ich jede kleine Regung, jede Nuance in seiner Stimmfarbe und jede Emotion in seinen hübschen grünen Augen nur so scharf wahrnahm wie eine in die Ecke getriebene Maus die Bewegungen einer Katze. Doch das Kribbeln auf meiner Haut und das Pochen zwischen meinen Beinen, wann immer Alec mich ansah, hatten nichts mit Angst zu tun. Außerdem würde ich eher eigenhändig die Absätze meiner Schuhe abbrechen, als mich in diesem Vergleich als verschrecktes Beutetier zu outen. Ich wurde nicht gejagt – ich war die Jägerin.

»Freust du dich schon auf zu Hause?«, fragte ich Elena, um meine Gedanken von rotbraunen Haaren und grünen Augen abzulenken. Wäre Alec ein Popstar, liefe er unter Ed She ran, so schnell wie ich meine Beine in die Hand nehmen wollte, wenn wir im selben Raum waren.

Elena zuckte unverbindlich mit den Schultern und nahm zwei Gläser Guinness vom Barkeeper entgegen, von denen sie mir eins gab. Ich drehte mich auf dem Barhocker um und lehnte mich mit dem Rücken gegen den Tresen, um die Gäste zu beobachten. Taylor, der uns mit Jack und Dan vor der Tür des Pubs abgesetzt und dann geparkt hatte, war inzwischen auch angekommen. Die drei Männer standen ein paar Meter von uns entfernt, nah genug, um bei Problemen sofort eingreifen zu können, aber weit genug weg, um uns etwas Privatsphäre zu gönnen. Noch immer fiel es mir schwer, diese neue Realität zu akzeptieren, in der sich Männer des organisierten Verbrechens respektvoll gegenüber Frauen verhielten. Und in der sie offenbar gern Zeit miteinander verbrachten, fast wie eine Familie waren, während ich das Verhältnis zwischen den Männern im Osorio-Kartell als eine von Neid und Missgunst geprägte Geschäftsbeziehung wahrgenommen hatte.

Elena lehnte sich zu mir, um mit mir anzustoßen. »Mittlerweile kann ich nicht mehr sagen, ob die Osorio-Villa jemals mein Zuhause war.«

Nachdem ich einen Schluck genommen und mir den Schaum von den Lippen geleckt hatte, stellte ich das Glas hinter mir ab. »Es gab auch viele gute Erinnerungen in Mexiko.«

Das entlockte ihr endlich ein Lächeln, und ich atmete auf. In letzter Zeit hatte Elena viel durchgestanden, und ich machte mir Sorgen um sie.

»Meine schönste Erinnerung ist die, in der du mit einem grellpinken Koffer voller Sexspielzeug an der Security vorbeimusstest. Ich werde Juans Gesichtsausdruck nie vergessen, als er den Koffer geöffnet hat.«

Ich lachte auf. »Am liebsten hätte ich ein Foto von ihm gemacht, aber bevor ich nach meinem Handy greifen konnte, hatte er den Koffer wieder zugeklappt und mir gesagt, ich könne reingehen.«

Seufzend sah Elena zur Decke. »Dieser verdammte Koffer.«

Ich stieß sie mit dem Ellenbogen an. »Dieser verdammte Koffer hat dir und deinem Sexleben viel Gutes getan. Besonders in den vergangenen Wochen.«

Elena war in der Osorio-Villa wie in einem goldenen Käfig aufgewachsen. Ihr einziger Kontakt nach draußen war ich gewesen, und da sie keine Männer nach Hause hatte einladen dürfen, hatte ich ihr mit dem Koffer ausgeholfen. Sie hatte ihn nach der Hochzeit in Mexiko gelassen – ich hatte ihn ihr nach Boston geschickt und damit Elena und Nate ein bisschen auf die Sprünge geholfen. Seitdem wunderte ich mich jeden Morgen, dass Elena noch aufrecht stehen konnte, und war gleichzeitig froh, dass sie mit Nate einen Mann hatte, der ihr die Sterne vom Himmel holte. Sie verdiente nichts Geringeres. Und einen solchen Mann an ihrer Seite zu haben, war für eine Frau in unserer Welt verdammt viel wert.

Die alte Elena wäre rot im Gesicht geworden und hätte das Thema gewechselt. Die neue Elena, die Nate aus ihrem Schneckenhaus gelockt hatte, schmunzelte zufrieden, bevor sie an ihrem Bier nippte. »Neidisch?«

Neidisch, weil du der Einzige im Raum sein wirst, der innerhalb der letzten Stunden keinen Orgasmus hatte?

Das Gespräch von vor zwei Tagen flackerte in meinem Gedächtnis auf und schickte einen Stromstoß durch meinen Körper.

Deine rechte Hand zählt nicht.

Baby, wenn du meine rechte Hand erlebt hättest, würdest du deine Meinung darüber ändern.

Ich hasste es, auf seine Hände gestarrt zu haben. Dass ich mir genau vorgestellt hatte, was ich tun würde, um zu testen, ob sie wirklich so gut waren, wie Alec behauptete.

Puta madre, es war absolut lächerlich. Ich fühlte mich von meinem eigenen Körper verraten. Vielleicht sollte ich mir einen Tattookünstler angeln, bevor ich Boston verließ, der diese Fantasie von tätowierten Fingern, die über meine Haut strichen und in mich glitten, erfüllte und dann erstickte. Auch wenn es die falschen Tattoos wären. Keine keltischen Knoten, die den Totenkopf auf dem rechten Ringfinger umgaben, als wollten sie ihn in ihrer Mitte verstecken.

»Behalte deine Iren«, sagte ich. »Dann bleiben mehr Mexikaner für mich.«

Elena lachte auf. »Bis auf einen überlasse ich dir sogar die Iren.«

Ich zog einen Schmollmund und blinzelte sie gespielt gekränkt an. »Das ist unfair, du behältst den Besten und überlässt mir die Trostpreise.«

Nun wandte Elena den Kopf über die Schulter, wobei die Bewegung ihre langen Silberohrringe baumeln ließ, und sah zu Jack, Dan und Taylor. »Lass das die Trostpreise besser nicht hören, sonst wird es in den letzten Tagen in Boston ungemütlich für dich.«

»Was, feindselige Blicke und unqualifizierte Kommentare? Wie absolut unerträglich.« Mein trockener Tonfall ließ Elena in ihr Guinness prusten.

»Touché. Nichts, woran du nicht schon gewöhnt bist. Ich hatte gehofft, dass sich das Verhältnis zwischen dir und Alec bessert, wenn du ein bisschen mehr Zeit mit ihm verbringst.«

»Der Zug ist abgefahren.«

Meine Zeit in Boston hatte genau das bestätigt, was ich mir bei Elenas und Nates Hochzeit zusammengereimt hatte. Alec dachte, mit seinem hübschen Lächeln, den rotbraunen Haaren, die nie ganz gezähmt waren, und seinen kunstvollen Tattoos war er Gottes Geschenk an die Frauen. Ich bezweifelte das. Mit seiner überheblichen Art war er maximal Gottes missglückter Prototyp, der den Warenrückruf verpasst hatte und nun die restliche Menschheit mit seinen schlechten Sprüchen quälte.

»Was du nicht sagst«, erwiderte Elena. »Er ist wirklich nicht so übel.«

Ich drehte mich wieder um und schloss augenrollend die Hände um mein Glas, weil dieser Unfug keine verbale Antwort erforderte. Alec war genauso wie alle anderen Männer in unserer Welt. Arrogant, ignorant und empathielos. Er hatte Elena direkt nach der Trauung weggezerrt und mit Nate in ein Auto gestopft. Obwohl die beiden sich gerade einmal eine halbe Stunde gekannt hatten. Obwohl jeder der anwesenden Iren gewusst hatte, dass Elena auf unabsehbare Zeit außer Landes gebracht wurde. Niemand aus dem Osorio-Kartell war sich im Klaren, ob wir Elena jemals wiedersehen würden. Und Alec hatte sie sich einfach geschnappt und weggebracht, ohne uns die Chance zu geben, uns richtig zu verabschieden. Was die Sache noch schlimmer machte, war die Tatsache, dass Elena damals weder geahnt hatte, wen genau sie geheiratet hatte, noch dass sie eine Kartell-Prinzessin war. In keiner Weise war sie auf die Situation vorbereitet gewesen, in die sie unwissentlich geraten war. Ganz im Gegensatz zu Alec, der von Anfang an Bescheid gewusst und trotzdem so gehandelt hatte. Denn in unserer Welt galt die Meinung einer Frau nur dann etwas, wenn sie in einer Machtposition war.

Vielleicht hatte Nate sich in den letzten Monaten geändert, aber auch ihm hatte ich noch nicht ganz verziehen, dass er Elena wie Ware zur Sicherung einer beschissenen Drogenroute gekauft hatte. Es geschah ihm recht, dass meine beste Freundin sein kleines schwarzes Herz ins Chaos gestürzt hatte.

Elena strich den Rock ihres blauen Sommerkleids glatt, als würde sie dieses Thema wegkehren. Wahrscheinlich, weil sie erkannte, dass es keinen Sinn hatte, mich von Alecs nicht vorhandenen Qualitäten überzeugen zu wollen. Aus dem Augenwinkel sah ich einen zierlichen Oberkörper in einem dunkelgrünen T-Shirt, einen Moment später lag bereits ein schlanker Arm auf meinen Schultern.

»Wie viele gebrochene Herzen wirst du am Montag in Boston zurücklassen?«, fragte Shay. Offenbar hatte sie sich doch von ihren Excel-Tabellen mit den Einnahmen lösen können und war nachgekommen. Wir hatten so etwas wie eine Freundschaft entwickelt; ein natürlicher Prozess, wenn man eine Frau in höherer Position im organisierten Verbrechen war. Wir mussten zusammenhalten, auch wenn ihr leiblicher Bruder mir den letzten Nerv raubte.

Sie quetschte sich zwischen Elena und mich, warf mir dabei ihre roten Locken ins Gesicht, und winkte dem Barkeeper. Nachdem sie einen Cocktail bestellt hatte, lehnte sie sich mit der Hüfte gegen den Tresen. Ihre zahlreichen roségoldenen Ringe spiegelten das Licht, als sie mit den Fingern auf der Theke trommelte und mich erwartungsvoll ansah.

Fast mühelos wechselte ich ins Englische. Auch daran hatte ich mich mittlerweile gewöhnt, obwohl mein spanischer Akzent nicht weniger geworden war. »Wenn es nach mir geht, keines. Eine Nacht reicht wohl kaum, um sich zu verlieben.« Und länger blieb ich nie.

Elena hatte am Pool in der Osorio-Villa einen Liebesroman nach dem anderen verschlungen. Schon immer hatte sie von ihrem persönlichen Happy End geträumt, und allem Anschein nach waren ihre Träume in Erfüllung gegangen. Für mich gab es keine schlimmere Vorstellung, als in einer Beziehung zu sein. Ich wollte mir nicht vorschreiben lassen, mit wem ich rede, was ich anziehe, was ich mache. Mit Nate hatte Elena das große Los gezogen. Er liebte sie abgöttisch und hatte sie, seit sie das Kartell übernommen hatte, auf jedem Schritt ihres Wegs unterstützt, ohne ihre Autorität zu untergraben. Doch das passierte dort, wo ich herkam, ungefähr so oft wie ein Haiangriff in der Kalahari. Es war mir mit deutlich zu viel Aufwand verbunden, herauszufinden, ob meine Wüste überhaupt einen Guppy beinhaltete.

»Sag niemals nie.«

»Es sei denn, es geht darum, dass ein Mann tiefere Gefühle für Mica entwickelt.« Beim Klang der Stimme, die diesen unqualifizierten Kommentar abgegeben hatte, schloss ich meine Finger fester ums Glas. Dios mío, was hätte ich dafür gegeben, dass es Alecs kleines Köpfchen wäre.

Langsam wandte ich mich zur anderen Seite und erkannte Alecs übliche Kluft, bestehend aus einem schwarzen T-Shirt und dunklen Jeans. Ich hätte auf meine Instinkte vertrauen und die übrigen Gäste des Pubs im Auge behalten sollen. Dann hätte ich bemerkt, dass Alec sich angeschlichen hatte. »Wenn jeder Mann in Boston so ist wie du, sind die einzigen Gefühle, zu denen sie in der Lage sind, sowieso nur Hunger und Durst.«

»Du hast Enttäuschung vergessen.«

Ich musste mich nicht umdrehen, um seinen bedeutungsschweren Blick auf mir zu spüren. Meine Schutzschilde schnellten nach oben und knallten jede angelehnte Tür in der Mauer um mein Herz zu. Gott, wie ich es hasste, dass mein Körper so sehr auf diesen Kerl reagierte. Entspräche sein Aussehen seiner Persönlichkeit, wäre er ein Oger. Mir war unbegreiflich, wie er mit einer bezaubernden Elfe wie Shay verwandt sein konnte.

Äußerlich unbekümmert rückte ich den Träger meines weißen Spitzenbodys zurecht. »Oh, richtig, die hast du dir von deinem Umfeld abgeschaut. Wenn es doch auch mit der Intelligenz so gut geklappt hätte.« Ich rutschte von meinem Hocker, griff nach meinem Glas und brachte mehr Abstand zwischen uns, indem ich zum anderen Ende des Tresens ging, wo es nicht so überfüllt war. Vielleicht würde mich ein Flirt mit dem Barkeeper auf andere Gedanken bringen, als Alec meinen Drink über die perfekten Haare zu schütten.

Kaum hatte ich besagten Barkeeper mit einem einladenden Lächeln auf mich aufmerksam gemacht, spürte ich es. Alec war der Geist des irischen Mobs, trotz seiner Größe, und damit Auftragskiller der ersten Wahl. Wäre es nicht Alec gewesen, hätte ich Respekt vor seiner Fähigkeit gehabt, ein Gebäude mit Dutzenden Gegnern zu infiltrieren, ohne Alarm auszulösen. Ich musste ihm zugestehen, dass er gut darin war, was er gern unter Beweis stellte, indem er lautlos hinter mich trat, wahrscheinlich um mich zu erschrecken. Doch ich spürte die Veränderung der Energie. Ich hörte Alec vielleicht nicht, aber ich konnte ihn fühlen. Dieses Summen zwischen uns, das immer stärker wurde, je näher er mir kam. So wie jetzt.

Mit abwehrend erhobenen Händen wich der Barkeeper zurück und bestätigte damit meine Vermutung, dass Alec mir gefolgt war. Ich schickte eine stumme Ermahnung zwischen meine Beine, diesmal bitte nicht völlig übertrieben auf die Nähe dieses Armleuchters zu reagieren. Wie immer war es vergebens. Meine Pussy zeigte meinem Hirn den Mittelfinger und schmachtete Alec an. Sein Duft hüllte mich ein und ließ mich an heiße Sommertage am Meer denken. Eine absolut betörende Mischung; salzig, moosig, holzig. Wild, wie ich mir die Küsten Irlands vorstellte.

Alec stützte zu meinen Seiten die Hände auf die Kante des Bartresens, seine Brust berührte meinen Rücken. Seine Hitze übertrug sich auf mich und entzündete ein unerwünschtes Verlangen in mir. Innerhalb von Sekunden steckte mich der Funkenflug in Brand und ließ Flammen durch meine Blutbahn lodern.

Gott, wie ich es hasste.

Mit betonter Ruhe stellte ich mein Bierglas ab, während Alecs Atem über meine Haare strich. Ich verabscheute es, dass ich selbst in diesen weißen Pumps mit Glitzersteinen am Knöchelband zehn Zentimeter kleiner war als er. Nur über meine Leiche würde ich Alec ein offensichtliches Zeichen dafür geben, dass mein Körper gegen meinen Verstand rebellierte. Das leise Summen, das aus seiner Brust stieg und dessen Vibrationen sich auf meinen Rücken übertrugen, brachten mich näher an meine Grenzen, als mir lieb war.

»Baby, du kannst vieles behaupten, aber mangelnde Intelligenz gehört nicht zu meinen Schwächen«, murmelte er. Sein Mund war direkt an meinem Ohr und für einen völlig absurden Moment war ich drauf und dran, den Kopf zur Seite zu neigen, um seinen Lippen Platz zu machen. Nach gestern Nacht hätte mein Körper fürs Erste die Klappe halten sollen. Ich hatte Jared in einer Bar aufgerissen und war mit ihm in ein Hotelzimmer gegangen, wo er mir im Laufe der nächsten Stunden immerhin zwei Orgasmen beschert hatte.

»Anscheinend schon, wenn du glaubst, dass ich dich ohne Konsequenzen so nah an mich heranlasse.« Ich gab ihm eine Sekunde, um das zu verarbeiten, bevor ich meinen Ellenbogen nach hinten rammte und ein zufriedenes Lächeln unterdrückte, als ich sein schmerzerfülltes Stöhnen hörte. Sein Griff um die Kante der Bar lockerte sich, was ich nutzte, um seinen Daumen zu packen und ihn in Richtung seines Handgelenks zu drücken, bis Alec nachgab und die Hand ganz vom Tresen löste. So drehte ich ihm den Arm auf den Rücken und stieß ihm den Fuß in die Kniekehle. Seine Beine knickten kurz ein, doch der Arsch hatte mehr Kraft und Willen, als ich ihm zugetraut hatte. Er blickte über seine Schulter zu mir, und ich rümpfte die Nase, als ich sein Schmunzeln sah. Dieses Schmunzeln hatte kein Recht dazu, etwas anderes als Ärger in mir auszulösen, und trotzdem standen wir da, er mit diesem verfluchten Ausdruck im Gesicht und ich mit einem unausstehlichen Ganzkörperkribbeln.

»Es braucht ein wenig mehr, damit ich vor dir auf die Knie gehe, Micamaus.«

Ich übte mehr Druck auf seinen Daumen aus, und schließlich fluchte er und befreite sich mit einem kräftigen Ruck aus meinem Griff. Dann wich er zum Tresen zurück.

»Nenn mich nicht so«, fauchte ich. Jeder Kosename aus seinem Mund war kaum versteckter Spott, aber Micamaus – so sehr ich diesen Namen auch verabscheute – hatte einen besonderen Platz in meinem Herzen. Elena hatte mich seit jeher so genannt. Es war ihr Name für mich, den er gefälligst nicht zu beschmutzen hatte.

Zum ersten Mal, seit Alec mich mit seiner nervtötenden Präsenz beehrte, sah ich ihm in die Augen. In ihnen lag ein belustigtes Funkeln. Als hätte er die Oberhand, obwohl er derjenige war, dessen Daumen noch vor wenigen Sekunden fast gebrochen wäre.

Ich hob den Finger, als er den Mund öffnete. Zweifellos, um etwas Provokatives zu sagen. »Bevor du mir antwortest, möchte ich dich daran erinnern, dass hinter diesem Tresen scharfe Küchenmesser für die Garnitur der Cocktails liegen. Du bist nicht der Einzige, der mit einer Klinge umgehen kann.«

Er verschränkte die Arme vor der Brust und zog spöttisch einen Mundwinkel hoch. Diesen Ausdruck kannte ich. Er traute mir nicht zu, dass ich genauso tödlich sein konnte wie er, wenn man mir eine Waffe in die Hand drückte. Messer gehörten vielleicht nicht zu meiner bevorzugten Methode, aber ich konnte definitiv mit ihnen umgehen. Wie die meisten Männer unterschätzte er mich. Warum? Weil ich knappe Outfits, Make-up und Sex mochte und seiner Meinung nach nicht zu viel mehr taugte? Meiner Meinung nach taugte Alec nicht zu viel mehr als einem Aushängeschild, weshalb es besser war, nicht für den irischen Mob zu arbeiten. Allerdings war das kein Grund, um seine Fähigkeiten zu verkennen.

»Das trifft sich gut. Mein Messer ist ebenfalls scharf, und ich kann im Zweifel geschickter mit ihm umgehen als du.«

»Dein Messer? Du meinst dieses hier?« Ich zog sein geliebtes Klappmesser aus meiner hinteren Jeanstasche und badete in seinem ungläubigen Gesichtsausdruck. »Was, hat etwa noch niemand mit Brüsten versucht, es dir abzunehmen, wenn es doch so leicht ist? Ein bisschen Ausschnitt und schon ist Nates Schoßhündchen abgelenkt.«

Vielleicht stimmte das nicht ganz. Ich hatte Alecs Ablenkung ausgenutzt, als ich ihm den Arm auf den Rücken gedreht hatte. Sein Schmerz und die Überraschung hatten ausgereicht, um blitzschnell in seine Hosentasche zu greifen und das Messer daraus hervorzuziehen. Dass Alec mich auf allen Ebenen unterschätzte, war ein weiterer Vorteil.

»Schoßhündchen?«, wiederholte Alec und trat einen langsamen Schritt näher.

»Sitz, Brutus«, erwiderte ich und deutete auf einen der Hocker.

Dafür hatte Alec nur ein müdes Lächeln übrig, während er weiter auf mich zukam. Wenn er glaubte, ich würde wie ein verängstigtes Tier vor ihm zurückweichen, hatte er sich geschnitten.

»Brutus war einer der Mörder Cäsars.« Er überbrückte den restlichen Abstand zwischen uns, sodass unsere Schuhspitzen fast aneinanderstießen. »Weißt du, wie Cäsar gestorben ist?«

Ich zog eine Braue hoch. »Hat Brutus ihn totgequatscht?«

Alec schmunzelte und erinnerte mich daran, weshalb ich ihm lieber nicht ins Gesicht sah, sobald dieser Ausdruck es zierte. Es war ganz und gar nicht förderlich für meinen verwirrten Hormonhaushalt. Doch wenn er so dicht vor mir stand, hatte ich keine andere Wahl, als irgendeinen Teil von ihm zu betrachten. Und weder seine vom Wind zerzausten Haare, die im warmen Licht des Pubs rötlich schimmerten, noch seine breite Brust waren besser für meine Hormone.

Er fokussierte sich auf meine Finger, mit denen ich sein Messer umklammerte. »Messerstiche.«

Im selben Atemzug, in dem seine Hand vorschnellte, um mir die Klinge abzunehmen, riss ich den Arm nach oben und damit sein Lieblingsmordwerkzeug aus seiner Reichweite.

Etwas blitzte in seinen Augen auf, das mich an einen Tiger erinnerte, der auf der Lauer lag und auf den perfekten Moment des Angriffs wartete. Einen Wimpernschlag lang fragte ich mich, was passierte, würde ich mich jetzt umdrehen und mit seinem Messer davonlaufen. Ob er mich jagen würde? Und was würde passieren, wenn er mich einholte? Ich ignorierte den prickelnden Schauer, der mir beim Gedanken daran über den Rücken lief.

»Um genau zu sein, waren es Dolchstiche«, korrigierte ich ihn.

»Das macht für mich keinen Unterschied.« Er legte seine Hände an meine Hüften, wirbelte uns herum und drückte mich zurück, sodass ich die Kante des Tresens im unteren Rücken spürte. »Ich kann mit beidem umgehen.«

Seine rechte Hand wanderte von meiner Hüfte weiter nach oben. Mit den Fingerspitzen strich er über meine Seite, rückte Zentimeter für Zentimeter höher, bis er meine Rippen erreichte.

Halte ihn auf.

Mein Hirn versuchte, logisch zu bleiben. Versuchte, mich daran zu erinnern, dass es Alec war, dessen Hände auf mir lagen. Dessen Hitze sich durch meinen Spitzenbody brannte. Dessen Finger eine Gänsehaut auf meine Haut zeichneten. Aber mein hechelnder Körper, der Alec viel zu spannend fand, übernahm das Ruder.

»Gib mir das Messer zurück, Mica.«

Ich hasste es, wenn er mich Baby nannte. Verabscheute es, wie er Micamaus aussprach. Doch am meisten verachtete ich den Klang meines Namens aus seinem Mund, denn es hörte sich viel zu sinnlich an, wie er von seinen Lippen rollte.

Zwischen meinen Beinen setzte ein gieriges Pochen ein. Es wäre klug gewesen, seiner Aufforderung nachzukommen, und ihn somit schnellstmöglich loszuwerden. Nichts Gutes würde davon kommen, mich diesem Anschlag auf meine Sinne noch länger auszusetzen. Sein Duft vernebelte meinen Verstand, sein Blick hielt meinen gefangen, und jede Zelle in mir wurde von unserem Knistern erfasst. Mein Arm blieb, wo er war. Für einen Moment glaubte ich, eine tiefe Zufriedenheit auf Alecs Zügen zu erkennen. Als ob er gewollt hatte, dass ich mich seinem Befehl widersetzte.

Seine Hand, die kurz an meinen Rippen verharrt war, bewegte sich wieder. Arbeitete sich unglaublich langsam Millimeter für Millimeter an meiner Seite entlang. Kontrolliert atmete ich aus, als Alec seitlich über meine Brust strich. Und ich wusste nicht, weshalb mich das dumpfe Gefühl in meinem Bauch so sehr an Enttäuschung erinnerte, als seine Hand weiter nach oben fuhr, über meinen Arm bis zu meinem Handgelenk. Mühelos schloss er seine rauen Finger darum, und ich verdrängte die Erkenntnis, wie gut sich seine Berührung auf meiner nackten Haut anfühlte.

»Gib mir das Messer.«

Er hätte es mir mit Leichtigkeit abnehmen können. Größentechnisch war ich ihm unterlegen, und mein Hirn hatte offenbar auf Stand-by geschaltet. Doch statt wie erwartet weiter nach oben zu greifen und das Messer aus meinem Klammergriff zu befreien, schlang er seinen freien Arm um mich. Und zog mich an sich.

Fuck.

Schon immer hatte ich geahnt, dass Alec trotz allem maximal weit von einem Oger entfernt war. Auf das Gefühl seiner festen Muskeln war ich allerdings nicht gefasst gewesen. Wie eine verführerische Einladung drückten sie sich an mich. Natürlich musste mein erklärter Erzfeind einen Körper zum Niederknien besitzen und damit genau in mein Beuteschema fallen. Ich bevorzugte meine Männer groß, muskulös, tätowiert, ein bisschen gefährlich – Alec erfüllte all diese Kriterien, und das Hirn zwischen meinen Beinen seufzte verzückt. Allmählich sollte ich ernsthaft über eine Lobotomie nachdenken.

»Baby, das Messer.« Alecs Stimme war nur noch ein leises Grollen, das einen heftigen Schauer durch mich hindurch jagte. Einen Schauer, den Alec zu spüren schien. Als Reaktion darauf verstärkte er seinen Griff, und ich sog scharf die Luft ein, weil ich spürte, dass er hart wurde – und sein Schwanz eindeutig in Proportion zu seiner restlichen Körpergröße stand. »Bevor ich denke, dass du mit deinem Diebstahl eine ganz andere Form der Provokation bezwecken wolltest.«

Damit war der Bann endlich gebrochen. Ich drückte ihm das Messer in die Hand und stieß ihn von mir.

Was zum Teufel war das gerade gewesen?

Alecs Tattoos

»Tut es noch weh?«, fragte ich Shay.

Tapfer verneinte sie, obwohl ich ganz genau sah, wie sie jedes Mal schmerzerfüllt das Gesicht verzog, wenn wir ein paar Stufen nach oben laufen mussten. Oder wenn sie, wie jetzt, in die Hocke ging, um eine Packung Skittles aus dem untersten Regalfach zu ziehen.

Nate und ich tauschten einen Blick aus. Er neigte den Kopf zur linken Seite und kratzte sich mit dem Finger unter dem rechten Ohr. Es war einer unseren vielen Codes, die wir für die Spieleabende entwickelt hatten, als Nates Eltern noch gelebt hatten. Dieser hieß so viel wie: Alles okay? Mit der Zeit hatten wir gelernt, in der stummen Verständigung etwas mehr Spielraum für Interpretationen zu lassen. Nate fragte mich nicht nach meinem Befinden, sondern ob es Shay gut ging.

Ich neigte den Kopf nach links. Nein.

»Wenigstens wird Marco mich ab sofort in Ruhe lassen«, erwiderte Shay und richtete sich mit der Beute in ihrer Hand wieder auf. An ihren Knien war der Schorf aufgegangen, und es blutete.

Nate stieß ein Grollen aus. »Marco ist ein beschissener …« Mit einem Räuspern unterbrach er sich. »Er ist ein Blödmann.«

Shay verdrehte die Augen. »Bitte, Nate, du kannst ihn als das bezeichnen, was er ist. Marco ist ein Arschloch.«

Nicht einmal mit Mühe konnte ich mir das Lachen verkneifen. »Du hängst zu viel mit uns rum.«

Zwar war Shay vier Jahre jünger als Nate und ich, aber Mom ermahnte sie regelmäßig, weil sie fluchte wie ein Seemann. Was ihr auf dem Schulgang sonst Respekt verschaffte, hatte sie heute in die Bredouille gebracht. Sie hatte sich mit dem Falschen angelegt und sich auf dem Pausenhof mit Marco aus unserer Parallelklasse einen regelrechten Battle aus Beleidigungen geliefert. Shay war gewitzter und intelligenter als er. Irgendwann hatte er das gemerkt und auf das zurückgegriffen, worin er Shay haushoch überlegen war. Kraft. Noch immer sah ich die Szene vor mir, wie er mit hochrotem Gesicht auf meine kleine Schwester zugestapft war. Sie hatte das Kinn gereckt, als hätte sie keine Angst vor ihm gehabt, doch ich hatte das Flackern in ihren Augen gesehen. Bevor ich eingreifen konnte, hatte Marco sie geschubst. Shay war in ihrem neuen dunkelgrünen Sommerkleid gestürzt und hatte sich die Knie aufgeschlagen. Sekunden später waren Nate und ich zur Stelle gewesen und hatten es Marco mit gleicher Münze heimgezahlt. Und da wir auf dem Schulhof viel beliebter waren als er, hatten die anderen Schüler für uns gelogen und wir waren einer Strafe entgangen.

Um Shay aufzumuntern, waren wir nach dem Unterricht in den kleinen Supermarkt auf halber Strecke nach Hause gegangen, wo wir sie mit ihren Lieblingssüßigkeiten versorgen konnten.

»Erzählt bloß Mom nichts davon, sonst kriegt sie wieder die Krise«, murrte Shay und richtete den Rock ihres Kleids.

Ich grinste. »Wie beim letzten Mal, als sie ganz aufgelöst Sandras Mutter angerufen hat, weil Sandra dich im Unterricht eine hohle Birne genannt hat.«

»Oder als sie dich höchstpersönlich bis vor den Schuleingang begleitet hat, damit Miranda sich zweimal überlegt, wie sie dich begrüßt«, fügte Nate an und nahm seinen Schulrucksack ab, in dem sich sein Geldbeutel befand. Wie immer würde er darauf bestehen, für Shay zu bezahlen.

Shay stieß ein entnervtes Stöhnen aus. »Oberpeinlich.« Sie wog die Packung Skittles in den Händen. »Mir ist es lieber, wenn ihr euch um diese Angelegenheiten kümmert.«

Ich schlang den Arm um ihre Schultern. »Mir wäre es lieber, wenn es erst gar keine Angelegenheiten zu regeln gäbe.«

»Wofür hat man denn sonst große Brüder?«

Ich rubbelte ihr mit der Faust über die roten Locken, die sie so hasste, weil sie aussahen wie Moms. »Komm, du Nervensäge, lass uns bezahlen und nach …«

»Wen haben wir denn da?«, unterbrach mich eine dunkle Stimme.