Syndicate – Wir sind die Dunkelheit - Sasha Reed - E-Book
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Syndicate – Wir sind die Dunkelheit E-Book

Sasha Reed

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Beschreibung

Ein schwerer Verlust. Ein verhängnisvolles Geheimnis. Eine riskante Liebe.

In einer Welt voller tödlicher Intrigen verliert Shay O'Leary sich im Strudel ihrer eigenen Trauer. Seit dem gewaltsamen Tod ihrer Liebsten sucht sie verzweifelt nach einem Ausweg aus ihrem Schmerz. Im Versuch, ihn im mexikanischen Nachtleben zu vergessen, setzt sie alles aufs Spiel, was ihr Bruder, das Oberhaupt des irischen Mobs, aufgebaut hat. Als er sie in ein abgelegenes Safehouse in Kanada schickt, um sie von gefährlichen Versuchungen fernzuhalten, steht Shay plötzlich Logan Hunter gegenüber – einem Mann, der mehr verbirgt, als er preisgibt. Er soll für Shays Sicherheit sorgen. Unerwarteterweise findet sie in dem verschlossenen Mann Trost und Geborgenheit. Schon bald knistert es gewaltig zwischen ihnen. Doch als Logans größtes Geheimnis ans Licht kommt, müssen sie sich unmöglichen Entscheidungen stellen: Loyalität oder Verrat? Familie oder Liebe? Leben oder Tod?

Leseempfehlung: ab 18 Jahren
Spice-Level: 4 von 5

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 620

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Das Buch

In einer Welt voller tödlicher Intrigen verliert Shay O’Leary sich im Strudel ihrer eigenen Trauer. Seit dem gewaltsamen Tod ihrer Liebsten sucht sie verzweifelt nach einem Ausweg aus ihrem Schmerz. Im Versuch, ihn im mexikanischen Nachtleben zu vergessen, setzt sie alles aufs Spiel, was ihr Bruder, das Oberhaupt des irischen Mobs, aufgebaut hat. Als er sie in ein abgelegenes Safehouse in Kanada schickt, um sie von gefährlichen Versuchungen fernzuhalten, steht Shay plötzlich Logan Hunter gegenüber – einem Mann, der mehr verbirgt, als er preisgibt. Er soll für Shays Sicherheit sorgen. Unerwarteterweise findet sie in dem verschlossenen Mann Trost und Geborgenheit. Schon bald knistert es gewaltig zwischen ihnen. Doch als Logans größtes Geheimnis ans Licht kommt, müssen sie sich unmöglichen Entscheidungen stellen: Loyalität oder Verrat? Familie oder Liebe? Leben oder Tod?

Die Autorin

Sasha Reed wurde 1997 in Oberfranken geboren und lebt zusammen mit ihrem Freund und diversen Fellnasen immer noch dort. Die Leidenschaft zum Schreiben entdeckte sie bereits in ihrer Kindheit, mittlerweile sind die Pferdegeschichten jedoch spicy Liebesromanen gewichen. Neben allem, was mit Büchern zu tun hat, liebt die studierte Biologin Gewitter und Escape Rooms.

Lieferbare Titel

Syndicate – Mein ist die Freiheit

Syndicate – Dein ist die Rache

Sasha Reed

Syndicate

Wir sind die DUNKELHEIT

Dark Romance

Band 3 der Syndicate-Reihe

WILHELMHEYNEVERLAGMÜNCHEN

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Originalausgabe 09/2025

© Sasha Reed

Dieses Werk wurde vermittelt durch die

Textbaby Medienagentur, www.textbaby.de

Copyright © 2025 dieser Ausgabe

by Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

[email protected]

(Vorstehende Angaben sind zugleich

Pflichtinformationen nach GPSR.)

Redaktion: Janika Mielke

Umschlaggestaltung: www.buerosued.de

Innengestaltung unter Verwendung der Bilder von:

© Adobe Stock (Julija, Nursee, Tana Svoboda, Farzan, Pickoloh)

Satz: satz-bau Leingärtner, Nabburg

ISBN 978-3-641-32066-9V001

www.heyne.de

Liebe Leser*innen,

in diesem Buch werden Themen angesprochen, die für einige Menschen sehr belastend sein können. Hier findet ihr für ein sicheres Leseerlebnis eine genaue Auflistung. Außerdem möchten wir darauf hinweisen, dass es sich um eine Dark Romance handelt. Unsere Leseempfehlung ist ab 18 Jahren. Passt gut auf euch auf!

Sasha Reed und der Heyne Verlag

Für alle, die vom Feuer verschlungen wurden und aus der Asche auferstanden sind. Shay brennt an eurer Seite.

Prolog

Shay

Kommt schon, eine letzte Runde«, bat ich, aber mein Vorschlag stieß auf allgemeines Kopfschütteln. Stühlerücken folgte, und ich beobachtete, wie einer nach dem anderen aufstand. Mom, Dad, die Männer aus Nates innerstem Kreis. Wir waren die letzten Gäste im Tipsy Clover, doch niemand würde es wagen, uns vor die Tür zu setzen. Dazu waren wir in diesem Pub zu wichtig. Und zu gefährlich.

»Ich bin eindeutig zu alt für noch eine letzte Runde«, sagte Seamus und rieb sich über den grau melierten Bart. Erst seit ein paar Monaten gehörte er zum innersten Kreis, hatte es allerdings in kürzester Zeit geschafft, das Geldwäschesystem auf Vordermann zu bringen. Für Nates Plan, die Hierarchie im irischen Mob neu aufzubauen, war er von entscheidender Bedeutung.

»Und Shay ist eindeutig zu jung für eine weitere Runde«, mahnte Mom, und ich verdrehte die Augen. So sehr ich es liebte, dass wir alle zu diesem Metier gehörten und sowohl geschäftlich als auch privat viel miteinander zu tun hatten, so sehr hasste ich es manchmal. In Situationen wie diesen zum Beispiel.

»Wenn Nate mit fünfundzwanzig nicht zu jung war, um eine Gang des irischen Mobs zu leiten, bin ich mit fünfundzwanzig definitiv nicht zu jung für ein weiteres Getränk«, gab ich zurück.

Mom strich sich die roten Locken hinters Ohr, und ein strenger Ausdruck legte sich über ihr Gesicht, das meinem so verflucht ähnlich sah. Doch kein Wort des Widerspruchs verließ ihre Lippen. In den letzten beinahe zwanzig Jahren hatten wir O’Learys alle mitbekommen, wozu Nate von unserem ehemaligen Boss William Sinclair gezwungen worden war – lange bevor Nate überhaupt an der Volljährigkeit gekratzt hatte. Vielleicht hatten Summer und James O’Leary mich vor dem Schlimmsten im Mobleben abschirmen wollen, ganz gelungen war es ihnen aber nie. Mir angesichts dieser Tatsache einen harmlosen Drink verbieten zu wollen, war lächerlich.

»Lasst den Kater morgen Shays Sache sein«, wandte Alec ein, drängte sich zwischen Mom und Dad und schlang ihnen je einen Arm um die Schultern. Wo ich ein jüngeres Abbild unserer Mutter war, glich Alec mit seinen kantigen Gesichtszügen eher Dad. Dennoch spiegelten sich auch in Alecs Äußerem einige von Moms Eigenschaften – die grünen Augen und der rötliche Farbeinschlag in seinen braunen Haaren. »Ich fahre euch nach Hause.«

Mit sanfter Gewalt bugsierte mein leiblicher Bruder unsere Eltern zwischen den mittlerweile verlassenen Holztischen hindurch zum Ausgang. Er zwinkerte mir über seine Schulter zu, bevor die Tür ins Schloss fiel. Seamus klopfte zum Abschied auf unseren Tisch und folgte ihnen.

»Jetzt, da der Altersdurchschnitt drastisch gesunken ist …«, begann ich, verstummte jedoch, als Nate aufstand und sich das gedimmte Licht in seinem silbernen Nasenpiercing spiegelte. Sofort schlug die gelöste Stimmung um, und ich unterdrückte ein Seufzen. Es war beneidenswert, dass mein Adoptivbruder eine solch dominante Ausstrahlung hatte, dass einen unweigerlich das Bedürfnis überkam, Haltung anzunehmen. Für mein Vorhaben – lockere Gespräche bei einer weiteren Runde – war es allerdings mehr als kontraproduktiv.

Anscheinend war die Feier vorbei. Am frühen Abend waren wir in den Pub gekommen, um auf die offizielle Verurteilung von Angus MacSullivan anzustoßen. Vor über einem Jahr war es Nate gelungen, die Behörden gegen ihn aufzubringen und einen Prozess in Gang zu setzen. Nun war MacSullivan der dritte Konkurrent, den Nate durch geschicktes Fädenziehen hinter Schloss und Riegel gebracht hatte, um sich sein Territorium und seine Männer anzueignen. Ein Grund zum Feiern – zumal das Leben im organisierten Verbrechen prinzipiell wenig Anlässe dazu bot.

»Du weißt, wie du heimkommst?«, brummte Nate über die leise irische Musik hinweg.

»Ich leiste ihr Gesellschaft und bringe sie später nach Hause«, tönte eine tiefe Stimme vom anderen Ende des Tisches und zog meine Aufmerksamkeit dorthin. Als ich Liams warmen Blick erwiderte, fuhr ein winziger Schock durch meinen Körper. Ich kannte Liam seit zehn Jahren, und im Laufe dieser Zeit hatte ich beobachtet, wie er an der Seite meiner Brüder erfahrener, skrupelloser und dominanter geworden war. Ich konnte nicht leugnen, dass er sich zu einem Mann entwickelt hatte, der genau in mein Beuteschema passte: groß, selbstsicher, eine spannende Mischung aus kompromissloser Professionalität und Scherzkeks.

Wenige Sekunden sah Nate zwischen uns hin und her, bevor er knapp nickte und sein Portemonnaie aus der Tasche seiner Anzughose hervorzog.

»Nate, ich brauche dein Geld schon lange nicht mehr«, wandte ich ein. »Die Zeiten, in denen du mir Skittles in Stevens Laden ausgegeben hast, sind vorbei.«

Mit angespanntem Kiefer klappte Nate den Geldbeutel zu. Mir war bewusst, dass es ihm nicht passte. Seit er nach der Ermordung seiner Eltern Alecs und mein Bruder geworden war, hatte er auf mich aufgepasst. Aber ich war erwachsen. Manchmal hatte ich den Eindruck, dass meine Familie das noch nicht verstanden hatte.

Nachdem Nate eine Mahnung in Liams Richtung gegrummelt hatte, auf mich achtzugeben, drehte er sich um und verließ den Pub. Die Männer des innersten Kreises folgten ihm und ließen Liam und mich allein.

Er stand auf und kam auf mich zu, wobei ich den Kopf immer weiter zurücklegen musste, um diesem Hünen ins Gesicht sehen zu können. Statt sich mir gegenüberzusetzen, nickte er nach links. »Wollen wir an die Bar?«

Ich erhob mich, strich mein grünes Sommerkleid glatt und nahm meine Clutch, die an der Rückenlehne des Stuhls baumelte. Dann folgte ich Liam über die Steinfliesen zum Tresen und genoss auf dem kurzen Weg die erstklassige Aussicht auf Liams Rückseite. Über seine Schultern spannte sich ein weißes Leinenhemd, das er in eine braune Stoffhose gesteckt hatte. Sein breites Kreuz verjüngte sich zu einer schmalen Taille und langen Beinen, mit denen Liam die Distanz bis zum Bartresen so schnell überwand, dass ich auch ohne mein Starren kaum hätte mithalten können. Er setzte sich auf einen Barhocker an den Messingzapfhähnen und drehte sich seitlich zum Tresen. Mein Bauch kribbelte, als ich auf den Hocker neben Liam kletterte und mich ihm zuwandte, sodass meine Beine von seinen umrahmt waren.

»Guinness?«, fragte er und jagte mir mit nichts als den zwei Silben einen Schauer über den Rücken. Es war nicht, was er sagte, sondern wie er es sagte. Seltsamerweise klang es nach mehr als einer bloßen Getränkebestellung.

»Nur über meine Leiche. Ich nehme einen Mojito.«

Liam wandte sich an den Barkeeper, der vor uns aufgetaucht war, und gab unsere Bestellung auf. Das gab mir Zeit, sein Profil zu betrachten. Die hellbraunen Haare, die genau die richtige Länge hatten, um eine Hand in ihnen zu vergraben. Seinen kantigen Kiefer, von braunen Stoppeln bedeckt. Die vollen Lippen, die sich zu einem dankbaren Lächeln bogen, nachdem der Barkeeper unsere Bestellung aufgenommen hatte. Wie sich dieses Lächeln auf meiner Haut anfühlen würde?

Ertappt wandte ich den Blick ab, als Liam sich zu mir drehte, und legte meine Clutch mit einem Räuspern auf den Tresen. Allerdings gab es nichts und niemanden mehr als Ablenkung, weshalb ich wieder zu Liam sah – und auf sein wissendes Lächeln stieß.

»Mach dir nichts draus«, sagte er. »Es ist pures Glück, dass du mich bisher nicht beim Starren erwischt hast.«

»Ich habe nicht ge… Oh.« In meinem Bauch nistete sich eine intensive Wärme ein, als die Bedeutung von Liams Worten bei mir durchsickerte. Seine Augen blitzten auf, als ich mir mit der Zungenspitze über die plötzlich trockenen Lippen fuhr. »Und jetzt, da Nate nicht dabei ist, versuchst du dein Glück?«

Liam zog eine Braue hoch. »Nate hätte wohl seine Schwierigkeiten damit, dass ich seine Schwester will. Aber mit dem offiziellen Beginn seines Plans für den irischen Mob hat er gerade Besseres zu tun.«

War es schon die ganze Zeit so warm im Pub? Oder kam diese Hitze nur daher, dass Liam mir so unverblümt gesagt hatte, dass er auf mich stand?

Der Barkeeper stellte unsere Getränke auf den Tresen und hob die Hände, als Liam ihn bezahlen wollte. Mit einem Schulterzucken warf Liam den Fünfziger ins Trinkgeldglas, während ich nach meinem Cocktail griff und daran nippte.

»Seit wann bist du so direkt, Liam?«

Mit seinem Guinness prostete er mir zu, bevor er einen Schluck nahm und sich den Schaum vom Mund leckte. Ich hasste den Geschmack von Bier, aber gerade hätte ich viel dafür gegeben, diejenige zu sein, die Liam die Reste von den Lippen küsste. »Seit heute. Da es ein fantastischer Tag für den irischen Mob ist, ich etwas angeheitert bin und mir dein fehlender Protest, als ich mich als Einziger zum Bleiben bereit erklärt habe, sagt, dass du auch an mir interessiert bist.«

»So?«

»A chuisle mo chroí, dir steht ins Gesicht geschrieben, dass du unsterblich in mich verliebt bist.«

Um zu überspielen, dass dieser irische Kosename – Puls meines Herzens – ein angenehmes Prickeln über meine Kopfhaut jagte, schlug ich lachend nach Liam. Blitzschnell fing er meine Hand ein und strich mit dem Daumen über meine roségoldenen Ringe.

»Fuck, du bist schön, wenn du lachst«, murmelte er. »Und ich liebe deinen Schmuck, die Farbe steht dir.« Sein Blick heftete sich auf die zierliche Kette mit dem Kleeblattanhänger in meinem Ausschnitt.

»Die Farbe oder die Position meines Schmucks?«

Er sah mir ins Gesicht und lächelte ungeniert. »Beides.«

Kurz bedauerte ich den Verlust seiner Berührung, weil er meine Hand losließ, um von seinem Bier zu trinken. Doch dann rutschte er mit seinem Barhocker näher zu mir und nahm meine Oberschenkel zwischen seine. Bisher war mir nicht bewusst gewesen, wie elektrisierend sich eine so simple Geste anfühlen konnte.

»Also, Shay O’Leary, neue Leiterin der Drogengeschäfte und Buchhaltung, warst du schon immer ein Mathegenie?«

»Als Mathegenie würde ich mich nicht bezeichnen. Ich kann bloß ganz gut mit Zahlen und Exceltabellen umgehen.«

»Du kannst gut mit Excel umgehen? Genie, sag ich doch.«

Auf mein erneutes Lachen schloss er seine Beine etwas fester um meine.

Fuck, du bist schön, wenn du lachst.

»Wie bist du in den Mob gekommen?«, fragte ich, während Liam sich durch die braunen Strähnen strich und seinen Unterarm dann auf den Tresen stützte. Seine Hand war nun etwas näher an meiner, mit der ich mein Cocktailglas hielt.

»Der klassische Weg. Meine Eltern waren im Mob, ich bin nachgerückt. Sinclair hat mich mit achtzehn initiiert, Nate hat mich keinen Monat später unter seine Fittiche genommen.«

»Obwohl du ein Jahr älter bist als er?« Was ihn fünf Jahre älter als mich machte.

»Liebling, hast du etwa meine Akte auf Nates Server gelesen? Du bist so romantisch.« Mit der Hand, die nicht auf dem Tresen lag, fuhr er mir übers nackte Knie und löste einen heftigen Schauer in mir aus. »Ich mag zwar älter sein, aber mit seiner … Erfahrung in jungen Jahren war Nate immer etwas reifer.«

»So kann man es auch nennen«, murmelte ich, nippte erneut an meinem Cocktail und stellte mein Glas auf den Tresen. Ein paar Zentimeter näher an Liams Hand als zuvor. »Und deine Familie? Arbeitet sie auch für Nate?«

»Außer meinen Eltern ist niemand mehr übrig. Sie wurden alle in den Straßenkämpfen zwischen Sinclairs und MacSullivans Gangs verheizt. Und Mom und Dad sitzen beide im Gefängnis.«

»Wie kommst du damit klar?«

Er strich mir eine rote Locke hinters Ohr, und ich hielt die Luft an, als seine Fingerspitzen etwas länger als nötig an meiner Wange verharrten. »Mach dir um mich keine Sorgen, Schatz. Aber wenn du mich trösten willst, fallen mir sicher ein, zwei Möglichkeiten ein.«

»Nur ein, zwei Möglichkeiten?« Gespielt enttäuscht seufzte ich. »Und ich dachte, diese Nacht könnte zu etwas führen.«

»Also gibst du es zu?«

»Gebe ich was zu?«

»Dass du darüber nachgedacht hast, wie es wäre, mit mir ins Bett zu gehen.«

»Mir war nicht bewusst, dass ich es verheimlicht hätte.« Ein letzter Schluck zur Stärkung, dann rutschte ich vom Hocker und stand zwischen Liams geöffneten Schenkeln. In seinen braunen Augen loderte es. »Wie wäre es, wenn wir aufhören, darüber nachzudenken, und es stattdessen einfach tun?«

Unsere Gläser blieben halb voll an der Bar stehen. Immerhin hatte Liam versprochen, mich nach Hause zu bringen.

1. September

Liam: A chuisle mo chroí, letzte Nacht war fantastisch. Wiederholung?

Ich: Definitiv. Hast du nächstes Wochenende Pläne?

Liam: Ja. Wieder in dir zu sein 😉

10. Oktober

Liam: Habe ich dir schon gesagt, dass ich diesen plötzlichen Kälteeinbruch verabscheue, weil du jetzt keine Kleider mehr trägst? 🙁

Ich: Ungefähr fünfmal in den letzten drei Tagen. Im Übrigen habe ich ein warmes Strickkleid im Schrank …

Liam: 😮Zieh es morgen an. Keine Unterwäsche. Wir sehen uns nach der Besprechung mit dem innersten Kreis.

25. Dezember

Ich: Frohe Weihnachten, Liam! 🎄

Liam: Frohe Weihnachten, a chuisle mo chroí. Ich hoffe, alle deine Wünsche gehen in Erfüllung.

Liam: Übrigens solltest du das Geschenk von mir besser nicht in Gesellschaft deiner Eltern öffnen.

Liam: Hallo?

Liam: Shay?

Ich: HÄTTESTDUMIRDASNICHTSAGENKÖNNEN, ALSDUMIRDASGESCHENKGEGEBENHAST? 😠

Liam: Ups 😇

Ich: Meine Güte, Liam, nichts ist unangenehmer, als im Beisein der eigenen Eltern Weihnachtsdessous auszupacken. Ich habe behauptet, ich hätte mir selbst etwas schenken wollen und es sei wohl das falsche Paket bei mir angekommen.

Liam: Genie. Ich werde mich ausgiebig bei dir entschuldigen. 🍆

Ich: Will ich für dich hoffen. Alles unter fünf Orgasmen ist inakzeptabel.

14. Februar

Willst du mit mir (ins Bett) gehen? Kreuze an:

(X) Ja

( ) Nein

( ) Vielleicht

März

Liam: Hast du am Wochenende Zeit für mich?

Ich: Tut mir leid, klappt nicht. Nächste Woche?

Liam: Eventuell. Ich komme auf dich zurück.

Liam: Nächste Woche wird zu stressig. Kurzes Intermezzo nach der Besprechung des innersten Kreises?

Ich: Da bin ich nicht im Hauptquartier, habe Termine mit den Kurieren.

Liam: Wir haben uns jetzt schon drei Wochen nicht mehr gesehen. Es bricht mir das Herz, Schatz 💔

Ich: Hauptsächlich bricht es wohl deine Libido 😉

April

Ich: Fünf Wochen abstinent, geht es dir gut? 😦

Liam: Ich denke schon. Lila Pünktchen im Intimbereich sind normal, oder? Vielleicht solltest du sie dir mal aus der Nähe ansehen …

Ich: So gern ich das würde, die Rekrutierung der neuen Kuriere hält mich auf Trab.

Mai

Liam: A chuisle mo chroí, ich bringe die Worte fast nicht über die Lippen, aber unsere leidenschaftliche Liebelei scheint ein Ende gefunden zu haben 🙁

Ich: Ich fürchte auch. Mit der Integration der neuen Territorien an der Ostküste wird es in den kommenden Monaten auch eher stressiger als entspannter.

Liam: Wir hatten eine phänomenale Zeit, mein Schatz. Und wenn du mich und meine Zauberfinger vermisst, weißt du, wo du mich findest.

Drei Jahre später

Es war eine tropische Nacht, aber der Schweiß auf meinem Körper war eiskalt. Ich lief in meiner Wohnung in Boston auf und ab, mein Handy fest umklammert. Obwohl ich seit Minuten kein Geräusch am anderen Ende der Leitung hörte, wusste ich, dass sie noch da waren. Dass sie genauso angespannt auf Informationen warteten wie ich.

»Nate wird das hinkriegen«, murmelte mein Vater. »Er hat schon Schlimmeres überstanden.«

Schlimmer als ein Angriff auf die Villa? Ich konnte mich nicht daran erinnern, in den letzten zehn Jahren etwas in dieser Größenordnung erlebt zu haben. Seit Nate nicht nur mein Bruder, sondern auch unser Boss war, war es verhältnismäßig ruhig geblieben. Der Vorteil, wenn man an der Spitze der Nahrungskette stand. Doch wir alle hatten auf den großen Knall gewartet. Auf den Moment, in dem Nates Position ihm zum Verhängnis wurde.

Der Alarm war vor fünfzehn Minuten losgegangen – eine simple App, die unser ehemaliger IT-Spezialist Will auf allen Handys installiert hatte und die im Bruchteil einer Sekunde alle Mitglieder von Nates innerstem Kreis warnen konnte. Gleich darauf hatte mein Handy geklingelt, und die Erleichterung auf beiden Seiten war gigantisch gewesen. Meine Eltern waren in Sicherheit. Ich war in Sicherheit.

Seitdem warteten wir auf ein Lebenszeichen meiner Brüder.

»Ich fahre hin«, beschloss ich nach einer unerträglichen Ewigkeit. Der Blick auf die Uhr zeigte mir, dass gerade einmal drei Minuten vergangen waren.

»Shay, lass das«, sagte mein Vater. Doch James O’Leary hatte nicht diese dominierende Autorität wie meine Brüder. Erst recht nicht übers Telefon. Es war einer der Gründe, weshalb Dad nie zu einem waschechten Gangboss aufgestiegen war.

»Ich muss«, flüsterte ich. Die Angst schnürte mir die Kehle zu. Ich musste wissen, was los war und ob ich helfen konnte. Also eilte ich in den Flur zu der Kommode neben der Tür, auf der mein Autoschlüssel lag.

»Mäuschen, sei vernünftig«, ermahnte mich meine Mutter, und meine Hand verharrte auf dem Weg zum Schlüssel. Allerdings nur kurz. Es war eher Gewohnheit als etwas anderes. Auch Mom stand mittlerweile im Rang unter mir, weil sie und Dad sich aus dem aktiven Geschäft zurückgezogen hatten. Trotzdem hingen sie noch mit drin. Man entkam dem irischen Mob nicht so leicht.

»Ich drehe durch, wenn ich hier untätig warte«, erwiderte ich, steckte den Schlüssel in meine Hosentasche und schlüpfte in meine Schuhe.

»Nate und Alec regeln das«, sagte Dad mit einer Selbstverständlichkeit, bei der sich normalerweise alles in mir sträubte. So war es schon immer gewesen. Nate und Alec leiteten als Dreamteam den Mob, und ich sollte möglichst unauffällig bleiben, weil meine Eltern Angst um mich hatten. Aber selbst meine Brüder waren nicht unverwundbar. Eine Kugel machte auch vor dem einflussreichsten Boss des irischen Mobs und seiner rechten Hand nicht halt.

»Dann sollen sie das tun, solange ich mich vergewissere, dass sie tatsächlich noch atmen.« Mein schneidender Tonfall war durchaus beabsichtigt und duldete keine Widerrede; auch nicht, als meine Eltern mich am Telefon davon abhalten wollten, das Haus zu verlassen. Mit dem Versprechen, mich mit Neuigkeiten zu melden, legte ich auf, setzte mich in mein Auto und schlug den Weg zum Hauptquartier ein.

Die Reifen quietschten, als ich knapp hinter dem offenen Tor zu Nates Villa am Stadtrand auf die Bremse stieg. Ich sprang aus dem Auto und scannte die gepflasterte Auffahrt, den Vorgarten und das, was ich vom Garten hinter dem Haus erkennen konnte, während ich nervös mit den Ringen an meinen Fingern spielte.

Der Großteil der Männer schien auf dem Grundstück zu sein. Sie befanden sich auf Wachposten oder patrouillierten entlang der Mauern durch den Garten. Jeder Zentimeter des Rasens war mit Baustrahlern ausgeleuchtet.

Vor der Villa stand ein ausgebranntes Autowrack, und der Gestank von verbranntem Metall und Polyester war beinahe unerträglich. Im Haus selbst war jedes Zimmer erleuchtet, rund um den Eingangsbereich waren die Fenster teilweise zerbrochen. Die völlig demolierte Eingangstür lag inmitten von Glassplittern. War das Auto vor der Villa in die Luft gejagt worden?

Mit einem kurzen Winken machte ich Taylor auf mich aufmerksam, der mit Dan zwischen dem Autowrack und der Türöffnung in die Villa Wache stand. Sie wechselten ein paar Worte miteinander, bevor Taylor seinen Posten verließ und auf mich zukam.

»Was ist passiert?«, fragte ich.

Taylor schürzte die Lippen. Ich kannte diesen Blick, und ich kannte diese Männer. Die kollektive Anspannung verhieß Schlimmeres, als die Szenerie allein vermuten ließ.

»Scheiße, Shay, ich weiß es nicht. Wir kamen zu spät.«

Meine Knie gaben fast nach, als hätte mir jemand unsichtbare Felsbrocken auf die Schultern gestapelt. Zu spät wofür? Ich stolperte an ihm vorbei, die Stufen hinauf zu der Öffnung, die einmal die Haustür gewesen war.

»Mach dich bereit«, murmelte Dan, als ich an ihm vorbeiging. »Nate ist nicht gut drauf. Alec tut sein Bestes, aber du kennst den Boss ja.«

Trotz des Gestanks konnte ich sofort leichter atmen. Also lebten sie.

»Nate?«, rief ich, im Inneren der Villa angekommen. »Alec?« Ich erhielt keine Antwort, doch wenig später kam Alec aus dem Konferenzraum.

»Kleines«, murmelte er und öffnete die Arme. Ich rannte los und flog förmlich in seine Umarmung.

»Es geht dir gut«, flüsterte ich immer und immer wieder, während mit jeder Sekunde, in der ich seine Körperwärme spürte, mehr Last von meinen Schultern gehoben wurde.

»Nate und mir geht es gut«, bestätigte er und löste sich von mir.

»Was ist passiert?«

Alec schluckte und wandte sich ab.

Oh, fuck! Ich kannte dieses Verhalten. Einerseits wollte er nicht lügen, andererseits wollte er mich schützen.

Ich griff nach seinen Oberarmen. »Alec, ich bin eine erwachsene Frau, kein kleines Mädchen.«

»Ich weiß. Gib mir einen Moment.«

Eine eiskalte Hand umfasste mein Herz und drückte zu. Ich verschränkte die Arme vor der Brust, doch es schützte mich nicht vor der Kälte, weil sie aus meinem Innersten kam.

Alec stützte die Hände in die Hüften. Es schien, als fehlten ihm die Worte. Das konnte nicht sein. Nicht Alec. Mein großer Bruder, der immer einen Spruch auf Lager hatte. Instinktiv wich ich vor ihm zurück, obwohl mir bewusst war, dass mich das nicht vor den schlechten Nachrichten bewahren würde, die sich mit seinem Verhalten ankündigten.

»Sie haben Elena«, krächzte er.

Ein stetiges Rauschen setzte in meinen Ohren ein, das die Geräusche um mich herum dämpfte. Die Hand drückte etwas fester zu.

»Wer?«, brachte ich heraus. Jeder Muskel in mir war angespannt. Mit Wut, mit Rachsucht. Mit Hilflosigkeit.

Alec schüttelte den Kopf. »Wir wissen es nicht. Noch nicht.«

»Wir werden sie aufspüren.« Und uns rächen.

»Shay, das ist nicht alles.«

Ich wagte es kaum zu atmen. Das Rauschen in meinen Ohren schwoll an, aber Alecs Worte waren klar, als hätte mein Hirn einen Filter für die furchtbaren Nachrichten.

»Sie haben Liam erwischt.«

»Erwischt?«, wiederholte ich leise. Was bedeutete das? War er verletzt, oder gab es keine Hoffnung mehr für ihn? Vor meinem geistigen Auge liefen die letzten Momente mit ihm ab. Er war zu Elenas Schutz abgestellt worden, und da ich mich mit ihr angefreundet hatte, hatte ich auch Liam wieder öfter gesehen. Seit wir unsere Freundschaft Plus beendet hatten, waren wir uns nicht allzu häufig begegnet. Dafür hatte es zu viel zu tun gegeben. Dieser Funke zwischen uns war noch immer spürbar gewesen, doch ich hatte schon in unserer ersten Nacht Zweifel, ob sich daraus jemals ein Feuer entwickeln würde. Unser Verhältnis war nie etwas Ernstes gewesen, aber verdammt, ich mochte ihn.

Alec ballte die Hände zu Fäusten. Aus seinem Gesicht sprach der Zorn. »Er hat sich für Elena eine Kugel eingefangen und ist auf dem Weg ins Krankenhaus gestorben.«

Ich taumelte zur Seite, stützte mich an der Wand ab, weil die eisigen Finger in meiner Brust so fest zudrückten, dass ich keine Luft mehr bekam.

Nein. Nicht Liam.

Hinter meinen Augen baute sich Druck auf, doch egal, wie sehr ich dagegen ankämpfte, es wollte mir nicht gelingen, die Tränen zurückzuhalten. So viele verpasste Chancen. Und jetzt würde ich niemals mehr die Gelegenheit haben, dieser Sache zwischen uns Raum zu geben. Liam war weg. Für immer. Sein Lächeln, die Wärme in seinem Blick, seine verfluchte Freundlichkeit, die kaum in den irischen Mob gepasst hatte. Ausgelöscht. Auf ewig fort.

Mit zwei Schritten war Alec bei mir und zog mich in die Arme. »Es tut mir so leid, Kleines.«

Ich erwiderte nichts, denn es gab keine Worte für das, was ich fühlte. Für diesen Gefühlscocktail, der mich von innen heraus verätzte. Er fraß sich durch meine Adern und vergiftete alles in mir.

»Alec?«, tönte Nates Stimme aus dem Konferenzraum.

Ich löste mich von meinem Bruder und wischte die Tränen von meinen Wangen. »Wir sollten gehen.«

»Wir?«

Ich nickte und sperrte meine Trauer in eine mentale Kiste mit einem gigantischen Vorhängeschloss. »Für Liam waren wir zu spät, aber Elena holen wir uns zurück.«

Drei Wochen später

Ächzend hievte ich mich vom Sofa und ging am Ventilator, der auf höchster Stufe eingestellt war, vorbei zur Küche. Auf dem Weg strich ich über das Bild auf der Wohnzimmerkommode. Es war das einzige Foto, das ich von Liam hatte. Er stand am Grill in Nates Garten, und ich hatte den Moment für die Ewigkeit festhalten wollen, weil es seine Premiere gewesen war, das erste Steak des Abends nicht zu verkohlen. Liam hatte wie ein Superheld posiert, und wenn ich mich anstrengte, konnte ich auch jetzt sein Lachen hören.

Seine Beerdigung war hart gewesen. Ich hatte mich an Alec festgeklammert, als ich Blumen ins Grab geworfen hatte. Danach war es etwas leichter geworden, die Trauer war nicht mehr ganz so präsent.

Ich öffnete das Gefrierfach und griff nach dem Eis. Am liebsten wäre ich selbst in die Kälte gekrochen. Es war weit nach Mitternacht, doch weil es sich immer noch so heiß anfühlte wie heute Mittag, konnte ich nicht schlafen. Mom und Dad hatten mir angeboten, bei ihnen im Gästezimmer zu bleiben. In einem Haus, in dem die Klimaanlage vor zwei Wochen nicht den Geist aufgegeben hatte, aber ich hatte abgelehnt. Oft genug kümmerten sie sich um Nate, Alec oder mich. Ich wollte, dass sie auch Abende zu zweit hatten.

Gerade öffnete ich die Besteckschublade, als es an der Tür klingelte. Ich schaute auf den Bildschirm neben der Eingangstür. Nate hatte darauf bestanden, ein hochmodernes Sicherheitssystem zu installieren, und nach allem, was mit Elena passiert war, hatte ich nicht protestiert. Auf dem Display erkannte ich Alec. Mit einem verkrampften Gefühl im Bauch löste ich die Verriegelungen an der Tür und zog sie auf.

»Was machst du denn um diese Uhr…« Jedes weitere Wort erstarb auf meinen Lippen, weil ich ihn nun richtig wahrnahm. Seine Schultern hingen tief nach unten, und er wirkte kraftlos, beinahe eingefallen.

Er sah absolut furchtbar aus.

Gebrochen.

Die innere Kälte, die in den vergangenen Wochen mit jedem Tag mehr geschwunden war, kehrte mit brachialer Gewalt zurück. Irgendein Teil von mir wusste, dass Alec nicht mit guten Neuigkeiten hergekommen war.

»Was ist los?«, brachte ich heraus und trat zur Seite, damit er reinkommen konnte.

Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss, und eine Weile waren nur der Fernseher und der Ventilator im Wohnzimmer zu hören.

»Alec, du machst mir Angst.«

Mit beiden Händen fuhr er sich durch die Haare und wandte sich ab. Aber er war nicht schnell genug, denn ich konnte es in aller Deutlichkeit sehen: das Glänzen in seinen Augen.

Fuck, ich konnte mich nicht erinnern, wann Alec das letzte Mal geweint hatte. Vermutlich im Kindesalter. Man lernte früh, dass Jammern und Weinen nichts brachte, wenn man im irischen Mob aufwuchs. Doch das hinderte die Tränen nicht daran, mir die Sicht zu verklären, als Alec den Kopf wieder zu mir drehte und Worte aussprach, die alles veränderten.

»Es geht um Mom und Dad.«

Nein. Nicht sie.

»Nein.«

Das Vorhängeschloss an der Kiste brach auf, dunkler Rauch stieg daraus hervor und vernebelte meinen Verstand. Verzehrte alles um sich herum, inklusive seines mentalen Gefängnisses.

Es konnte nicht sein. Unmöglich. Nicht unsere Eltern.

»Doch, Kleines«, flüsterte Alec. »Sie sind tot.« Seine Stimme brach bei der letzten Silbe. Genauso wie mein Herz, als die eiserne, eiskalte Faust sich vollkommen schloss und es in tausend Stücke zerspringen ließ.

Kapitel 1

Shay

Sechs Monate später

Der Typ gegenüber hatte zwei Goldzähne. Als wäre ein einziger Beweis seiner Geschmacklosigkeit nicht genug. Vor drei Minuten hatte er mich von seinem Platz an der Bar aus einladend angelächelt, und wie eine wahrnehmungsgestörte Motte war ich in die Reflexion seiner Goldzähne geschwirrt.

Ich unterdrückte ein Seufzen. Vielleicht sollte ich diese One-Night-Stand-Nummer doch lieber Mica überlassen. Sie schien dafür geeigneter zu sein als ich. Oder besser gesagt, sie war es, bevor sie sich in meinen Bruder verliebt hatte. Aber an Mica und meine Familie wollte ich nicht denken. Genau das war der Grund, warum ich diese Bar am Jachthafen von Cabo San Lucas besuchte, die von Touristen und Einheimischen überfüllt war und in der es so laut war, dass ich meine eigenen Gedanken nicht hören konnte.

Perfekt.

Mein Glück mit unverbindlichem Spaß war allerdings alles andere als perfekt. Nicht vorhanden, traf es eher.

Goldzahn faselte etwas auf Spanisch und wackelte vielsagend mit den Brauen.

Nein, danke, dachte ich. Dann machte ich auf dem Absatz kehrt und schob mich durch die Menge, bis ich einen freien Platz am Tresen mit maximalem Abstand zu dieser Beinahekatastrophe ergattert hatte. Ich wartete, bis der Barkeeper mich bemerkte, um einen Mai Tai zu bestellen. Im Gegensatz zu meinen Brüdern war ich nicht mit diesem autoritären Charme gesegnet, mit dem sich die Welt ohne Zögern ihrem Willen beugte.

Nach einer schieren Ewigkeit nahm ich meinen Mai Tai entgegen und beschloss im selben Moment, noch etwas weiter vor Goldzahn zu fliehen. Ich drehte mich um – und knallte gegen eine Wand. Eine große, breitschultrige Wand, über die sich ein weißes Hemd spannte, auf dem sich ein orangefarbener Fleck ausbreitete. Dort, wo der Stoff nass geworden war, zeigten sich nun anbetungswürdige Muskeln, die ein sehnsüchtiges Ziehen in meinem Unterbauch auslösten.

»O mein Gott, das tut mir so leid«, sagte ich, während ich hoch, höher, höher schaute, um der Muskelwand ins Gesicht zu sehen. Als mein Blick oben angekommen war, kippte ich fast nach hintenüber. Der Fremde, den ich versehentlich in meinem Cocktail gebadet hatte, sah umwerfend aus. Ein aufgeregtes Flattern zog durch meinen Bauch. Genau, was ich gesucht hatte.

Ein Bartschatten bedeckte seine kantige Kieferpartie. Blond wie seine Haare, die an der Seite kürzer waren und oben die perfekte Länge hatten, damit ich meine Hände darin vergraben konnte. Von ihm ging eine seltsame Anziehungskraft aus, der ich mich nicht entziehen konnte. Eine Energie, die ihn beinahe unwiderstehlich machte. Sogar sein Stirnrunzeln, als er den immer größer werdenden Fleck auf seinem Hemd studierte, war sexy. Doch nichts davon konnte mich auf den Moment vorbereiten, in dem sein Blick auf meinen traf und er damit mein komplettes System schockte. So blaue Augen hatte ich noch nie gesehen. Die Farbe war stechend. Eismeer.

Der unzufriedene Ausdruck in ihnen wich, als er mich betrachtete. Seine Mundwinkel hoben sich zu einem Lächeln, und meine Eierstöcke seufzten verzückt. »Das hatte ich nicht im Sinn, als ich vor einer Minute dachte, dass ich eine Abkühlung brauche.«

Seine Stimme passte zu seinem Äußeren. Männlich und sexy. Und wenn sein Aussehen ihn nicht schon als Tourist verraten hätte, dann seine akzentfreien Worte.

Wie automatisch erwiderte ich sein Lächeln. Es fühlte sich fremd auf meinem Gesicht an. Ein fast unnatürliches Dehnen und Krampfen meiner Muskeln. »Dann hättest du mir sagen müssen, dass ich dich in den Hafen schubsen soll.«

»Die Option bleibt uns noch.« Er beugte sich ein wenig nach unten, und sein wunderbarer Duft, herb und zimtig, umwehte mich, als er seine Stimme senkte. »Aber sei gewarnt. Ich habe gute Reflexe und ziehe dich mit ins Wasser.«

Er richtete sich wieder auf und betrachtete mich genüsslich. Mein Gesicht, mein Dekolleté und meinen restlichen Körper, der in einem weißen Sommerkleid steckte. Ein Kleid, das definitiv durchsichtig werden würde, wenn er mich mit sich ins Wasser zog. Ich schluckte trocken, denn dieses Ganzkörperkribbeln schien in meinem Hirn einen Kurzschluss verursacht zu haben, der es mir unmöglich machte, zu sprechen.

Mit einem Schmunzeln streckte mir der Fremde die Hand hin. »Logan.«

Ein aufregender Blitz zuckte durch mich hindurch, als ich seine Hand ergriff und meine fast vollständig in seiner verschwand. Seine eisblauen Augen gewannen an Schärfe, und seltsamerweise glaubte ich, sie könnten mich mühelos durchleuchten.

»Shay.«

Sein Daumen strich über meine Fingerknöchel, bevor er mich losließ. »Bist du allein hier, Shay?«

Beim Klang meines Namens von seinen Lippen durchlief mich ein kleiner Schauer.

»In dieser Bar oder in Mexiko?«

»Beides.«

»In dieser Bar, ja. In Mexiko, nein. Ich bin mit meinen Brüdern in Cabo San Lucas.«

»Ein Familienurlaub?«

Ich schüttelte den Kopf. »Geschäftsreise. Vor Kurzem haben sie nach Mexiko expandiert und wollen vor Ort sicherstellen, dass alles glattläuft.«

Nachdem er einen Schritt näher gekommen war, lehnte er sich mit der Hüfte neben mich an die Bar. Er wirkte entspannt und selbstsicher. Unglaublich attraktiv. »Und du bist nicht in die Geschäfte eingebunden?«

»Nicht wirklich.« Nicht mehr, war treffender. Seit einem halben Jahr. »Zwar darf ich die Vorzüge wie teure Villen und Luxusschlitten genießen, aber wenn es um geschäftliche Entscheidungen geht, stehe ich ziemlich weit unten in der Nahrungskette.« Ich bemühte mich, die Verbitterung in meiner Stimme zu kaschieren, war mir jedoch nicht sicher, ob es mir gelang. Nate und Alec hatten mich in den vergangenen Monaten immer weiter aus dem Tagesgeschäft gedrängt, bis ich praktisch nichts mehr damit zu tun hatte. In den meisten Nächten wusste ich, dass ich allein daran schuld war. In vielen war es allerdings einfacher, meinen Frust auf sie zu schieben.

Logan zuckte mit den Schultern. »Ein unbeschwertes Leben in Luxus klingt nicht so furchtbar.«

Keine Ahnung, ob es am Alkohol lag, der seit Stunden durch meine Blutbahn rauschte, oder an Logans Eisblau, aber ich sprach das aus, was ich schon seit Wochen dachte und weder Nate noch Alec gegenüber erwähnt hatte. »An manchen Tagen fühlt sich mein Leben absolut sinnlos an. Ich habe keine Aufgabe, und es gibt nur eine begrenzte Anzahl aufeinanderfolgender Tage, an denen man das Faulenzen wirklich genießen kann. Danach wird es zur Last. Ich weiß, dass ich auf verdammt hohem Niveau jammere, und ich weiß, dass sich andere nach diesem Leben verzehren. Doch manchmal ist es für mich kaum auszuhalten.«

Besonders in jüngster Zeit. Nach den Verlusten, nach einem Verrat und einem weiteren, der keiner war. Es war im letzten Jahr einfach zu viel passiert. Zu viel, über das ich mit niemandem sprechen konnte. Zu viel, das mich innerlich zerfraß. Alles, was ich wollte, war, diesen Schmerz zu vergessen. Wenn auch nur für eine kurze Zeit. Und vielleicht war Logan genau der Richtige dafür.

Vorausgesetzt, ich vergraulte ihn vorher nicht mit meiner Negativität. Also nickte ich ihm auffordernd zu. »Was ist mit dir?«

Er hob die Hand und bestellte sich ein Bier. Offenbar besaß er eine ähnlich autoritäre Ausstrahlung wie meine Brüder, denn Sekunden später hatte er bereits eine Flasche in der Hand. Er nahm einen Schluck, und ich fragte mich, ob ich vielleicht ein paar Mai Tais zu viel getrunken hatte, wenn ich sogar die Bewegung seines Adamsapfels sexy fand. Logan leckte sich über die Lippen und setzte ganz nebenbei mein Höschen in Brand. »Auch geschäftlich. Seit etwa einem Jahr.«

»Was sind das für Geschäfte?«

Einen Moment lang musterte er mich, als wüsste er nicht, was er sagen sollte. »Versandhandel. Wir bestellen Ware nach Mexiko und versenden sie in die USA.«

»Und das lohnt sich?«

Er rieb sich über die Bartstoppeln. »Über mein Gehalt kann ich nicht klagen.«

Mit einem Lächeln hob ich mein Glas an. »Auf deinen Job, der dich in diese Bar gebracht hat.«

»Und auf deine Brüder, die dir den Freiraum lassen, Bars in Mexiko zu besuchen.« Wir stießen an, und ich war in seinem Blick gefangen. Es lag etwas Wildes, beinahe Raubtierhaftes darin, das ein Prickeln über meine Kopfhaut schickte. Ich fand es unglaublich verführerisch. Ihn. Wie magisch von ihm angezogen, trat ich einen Schritt näher. Wir hatten schon vorher eng beieinandergestanden, um uns über die lauten Gespräche hinweg zu hören, doch von höflicher Distanz zweier Fremder konnte nun wirklich keine Rede mehr sein. Der winzige Abstand zwischen uns lud sich mit knisternder Spannung auf.

Logan hob die Hand, und ich hielt die Luft an, als er seine Fingerspitzen über meinen nackten Oberarm gleiten ließ. Die Berührung war so zart, dass ich sie kaum spürte; dennoch löste sie eine Gänsehaut auf meinem Körper aus. Verdammt, wie lange war es her, dass ich etwas mit einem Mann gehabt hatte, wenn ich auf eine so unschuldige Geste so heftig reagierte? Von Logan ging eine Sogwirkung aus, gegen die ich mich nicht wehren konnte. Nicht wehren wollte. Es war genau das, was ich seit Wochen suchte. Ablenkung in ihrer verführerischsten Form.

Seine Hand glitt tiefer, bis sie mein Handgelenk umschloss. Logans Griff war locker genug, dass ich mich von ihm hätte losreißen können, doch stattdessen ließ ich zu, dass er meine Hand auf seine Brust legte.

Halleluja, es gibt einen Gott, und sie hat offensichtlich fantastischen Männergeschmack.

Die Wärme seiner festen Muskeln übertrug sich auf meine Handfläche und versengte fast meine Haut. Logans Herzschlag donnerte gegen meine Berührung, und ich machte den Fehler, von seiner Brust nach oben zu blicken. Ich ertrank in seinen eisblauen Wellen, die mich unter Wasser zogen und die Geräusche um uns herum dämpften. Die gesamte Bar, die stickige Hitze, die lauten Gespräche. Alles trat in den Hintergrund. Zum ersten Mal seit Monaten fühlte ich mich ruhig. Befreit. Als würde ich tatsächlich schwerelos im Wasser treiben. Die Sorgen weggespült, die Trauer im Ozean versunken.

Ich wusste nicht, ob ich meine Hand besser aus Logans sanftem Griff reißen oder an seine Brust tackern sollte. Das Gefühl war genauso berauschend wie Angst einflößend. Ob wir nur Sekunden oder Minuten so voreinander standen, konnte ich nicht sagen. Doch als Logan kurz über seine Schulter sah, brach der Lärm um uns herum wieder unbarmherzig über mich herein. Plötzlich war es viel zu laut, viel zu eng. Es erdrückte mich fast. Ich wollte zurück in die Stille des Ozeans.

Gleich darauf musterte mich Logan mit einer kleinen Falte zwischen den Brauen, als spürte er die Veränderung in mir. Er nahm meine Hand von seiner Brust, verschränkte unsere Finger und lächelte ein Lächeln, das mir förmlich mein Höschen von den Beinen riss. »Was hältst du davon, wenn wir uns einen ruhigeren Ort suchen?«

Ohne zu zögern, nickte ich und ließ mich von Logan nach draußen führen. Es war mir egal, ob er mich vor der Bar um den Verstand küsste oder mich bis zum Morgengrauen ansah. Wenn er mich vor die Wahl stellen würde, wäre es eine Mischung aus beidem.

Er zog einen Autoschlüssel aus seiner Hosentasche, drückte den Knopf und direkt vor der Bar blinkte ein Wagen auf. Anscheinend hatte sich die autoritäre Aura auch auf Logans Auto übertragen, das einen Parkplatz in dieser Lage forderte.

Während Logan mich zum Chrysler begleitete, schluckte ich gegen meine Nervosität an. Verdammt, ich wollte endlich den Schmerz vergessen, und sei es nur für eine Nacht. Ich wollte in Logan ertrinken, wieder schwerelos sein, die Last der Welt nicht länger auf meinen Schultern spüren.

Als Logan den Kofferraum öffnete, rechnete ich damit, dass er eine Jacke hervorziehen würde. Es war merklich abgekühlt, und wer wusste schon, wo dieser ruhigere Ort war, zu dem wir wollten. Ich rechnete damit, dass Logan mich auf den Beifahrersitz setzte und mit mir in sein Hotel oder seine Wohnung fuhr, damit wir dort weitermachten, wo wir gerade aufgehört hatten.

Womit ich definitiv nicht rechnete, war, dass Logan seine freie Hand auf meinen Mund presste und mir mit der anderen den Arm auf den Rücken drehte, damit er mich in seinen Kofferraum stoßen konnte.

Kapitel 2

Logan

Es lief nie nach Plan. Daran hatte ich mich in den letzten Jahren gewöhnt. Doch ich hatte nicht erwartet, dass ich mit einer Prinzessin des irischen Mobs im Kofferraum durch Mexiko fahren würde.

Glücklicherweise dauerte die Fahrt nur wenige Minuten, sonst würde ich wegen des ständigen Klopfens und ihrer gedämpften Forderungen nach Freiheit noch durchdrehen.

Ich setzte den Blinker, fuhr los und wählte über die Freisprechanlage eine Nummer.

»Ja?«, meldete sich die tiefe Stimme am anderen Ende.

»Ich hab jemanden in einer Bar am Hafen aufgegabelt.«

Mehr musste ich nicht sagen, damit Nate fluchte. Mein derzeitiger Boss war ein stoischer Bastard, der selten die Fassung verlor. Wenn es um seine Schwester ging, die ihm seit einem halben Jahr Kopfschmerzen bereitete, war es mit seiner Ruhe jedoch vorbei. »Bring sie her.«

Ohne meine Bestätigung abzuwarten, legte er auf. Das Leben musste schön sein, wenn sich die ganze Welt um einen selbst drehte.

Ich widerstand dem Drang, die Musik lauter zu stellen, damit ich Shay nicht mehr hörte, aber ich traute ihr zu, dass sie sich im Zweifel durch den abgetrennten Kofferraum zu den Rücksitzen nagte, und darauf wollte ich vorbereitet sein. Oder falls sie es schaffte, den Kofferraumdeckel zu öffnen, was ich nicht glaubte. Dafür hätte sie genug Zeit gehabt.

Ich wusste nicht, wonach ich in der Bar gesucht hatte. Ablenkung, aufgeschnappte Gespräche, neue Kontakte. Mit der Schwester meines Bosses zu flirten, die keine Ahnung hatte, wer ich war, jedenfalls nicht. Und auch nicht, dass ich bei einer einzigen Berührung ihrer zarten Hand auf meiner Brust hart wurde. Fuck, ich musste dringend flachgelegt werden, wenn mich bloß ihre warmen Finger derart aus dem Konzept brachten.

Als ich die Einfahrt der Villa erreichte, atmete ich auf. Juan, der an der Straße Wache stand, nickte mir zu und öffnete das Tor. Er arbeitete für das Osorio-Kartell und damit für Nates Frau Elena. Vor knapp sechs Monaten waren sie nach Mexiko gekommen, als Elena ihren Platz an der Spitze des Osorio-Kartells eingenommen hatte. Nate pendelte oft zwischen Cabo San Lucas und Boston, dem Hauptsitz des irischen Mobs. Zu Beginn hatte Elena ihn noch begleitet, doch selbst im Privatjet flog es sich schwanger wohl nicht mehr so bequem.

Ich ließ den Wagen vor der Osorio-Villa ausrollen und stieg aus. Nate kam mir, nur mit einer Stoffhose bekleidet, entgegen. Das Mondlicht verzerrte bei jedem Schritt die Linien seiner Tattoos, als würde sich die Tinte wie etwas Lebendiges über seinen Oberkörper schlängeln. Hinter ihm tauchte Elena im beleuchteten Eingangsbereich der Villa auf. Sie trug ein weißes Nachthemd, über dessen Trägern ihre dunklen Haare fielen.

Es wunderte mich, dass Alec, Shays leiblicher Bruder, kein Teil des düsteren Empfangskomitees war. Aber vermutlich beschallten er und Mica wieder einmal aus ihrem Schlafzimmer heraus die Nachbarn.

Ich nickte Nate zu und ging zur Rückseite des Wagens.

»Im Kofferraum?«, fragte Nate, als erwartete er, dass ich die abtrünnige Prinzessin in einer Kutsche mit zwölf strahlend weißen Einhörnern beförderte. Eventuell war das ihr Problem. Zu verhätschelt, zu behütet. Und deshalb so beschissen unvorsichtig.

Ich zuckte mit den Schultern. »Ich dachte, es täte ihr gut. Vielleicht jagt es ihr so viel Angst ein, dass sie sich nicht ständig davonschleicht.«

Zustimmend brummte Nate: »Sie hatte Glück, dass sie dir und nicht einem verfeindeten Kartell in die Arme gelaufen ist.«

»Hätte ordentlich Schaden angerichtet, wenn ich jemand anderes gewesen wäre.«

Nate verzog das Gesicht und deutete zum Kofferraum. Ich öffnete die Klappe und konnte gerade noch dem daraus hervorschießenden Fuß ausweichen, der mich sonst ins Allerheiligste getroffen hätte. Eines musste man Shay O’Leary lassen: Sie hatte Feuer. Doch wenn die Flammen sie weiter so verschlangen, drohten sie, alles in ihrem Umfeld zu zerstören.

»Dreckiger Bastard«, spie Shay aus, als ich einen Schritt zurücktrat, um ihr Platz zum Aussteigen zu lassen. Das Monster in meiner Brust brüllte auf, aber die Ketten, die es dauerhaft fesselten, waren stark genug, damit ich Shay nicht packte und ihr zeigte, was ich von ihrer Beleidigung hielt. Absolute Selbstkontrolle. Ein Manöver, das ich seit Jahren beherrschte.

Sie kletterte aus dem Kofferraum und entdeckte Nate. Dann schienen die Puzzleteile in ihrem Kopf ineinander zu rasten. Sie wirbelte zu mir herum. »Oh, du arbeitest im Versandhandel. Sehr witzig.«

Ich unterdrückte ein Schmunzeln. »Es war keine Lüge. Ob der Handel legal ist, hast du nicht gefragt.«

»Bisher habe ich auch nicht an deiner Intelligenz gezweifelt, aber wenn du als Drogenbote für meinen Bruder arbeitest, sollte ich die Frage nach dem IQ vielleicht auf die Liste setzen.«

Da war sie, die zerstörerische Glut, die in den vergangenen Wochen so oft Thema war. Ich hatte Shay vor heute Abend nie persönlich getroffen, weil sie sich entweder weggeschlichen oder sich in ihrem Zimmer in der Villa verbarrikadiert hatte. Wenn man Nate und Alec Glauben schenken konnte, war diese jüngste Entwicklung ihrer Launen höchst bedenklich. Nicht nur wegen der Geheimhaltung von Nates und Elenas Geschäften, sondern auch wegen Shay selbst. Für ihre Familie und Freunde wurde es immer schwieriger, mit ihr umzugehen. Und ganz offensichtlich war sie weder am Tagesgeschäft noch an den Mitgliedern des Mobs und des Kartells interessiert. Schließlich hatte sie mich in der Bar nicht erkannt, obwohl ich knapp vier Monate ein eigenes Büro in der Osorio-Villa gehabt hatte – so lange hatte es gedauert, Mica nach ihrem Verschwinden aufzuspüren. In all der Zeit war ich Shay nur eine Handvoll Male über den Weg gelaufen, hatte sie über die Flure oder die Treppe in der Villa huschen sehen. Dass sie nicht wusste, wer ich war, bestätigte bloß meinen anfänglichen Verdacht, dass sie außer sich selbst und ihrer Suche nach dem Vergessen nichts wahrgenommen hatte.

»Wie dem auch sei«, schnappte sie. »Danke für die Fünf-Sterne-Fahrt nach Hause. Ich werde dich umgehend in der Uber-App bewerten.«

Sie machte einen Schritt von uns weg, als Nate sprach: »Shay.«

Ein einziges Wort, und doch zeigte es sofort Wirkung. Nate hatte etwas an sich, das ich nicht ganz begriff, aber jedes Mal spürte, wenn er einen Raum betrat. Mühelos dominierte er Menschen, allein durch seine Präsenz. Seine Autorität umgab ihn und zog alle um ihn herum in ihren Bann, was verflucht faszinierend und beängstigend zugleich war.

Ich sah Shay den inneren Kampf an. Wie sie die Hände zu Fäusten ballte und sich jeder Muskel in ihrem Körper anspannte. Dann stieß sie hörbar die Luft aus und wandte sich uns zu. »Was?«

»Das weißt du ganz genau.«

»Bei Mica hat es dich auch nicht gestört, wenn sie nachts in Clubs gegangen ist.«

»Mica gehört auch nicht zum irischen Mob, sondern zum Osorio-Kartell. Das liegt in Elenas Verantwortung. Außerdem erkennt Mica unsere Feinde, und wir wussten, dass sie keine Informationen über uns preisgibt.«

Humorlos lachte Shay auf. »Natürlich, als würde ich beim Flirten erwähnen, dass meine Familie zum organisierten Verbrechen gehört. Nichts zieht einem Mann schneller die Hosen aus.«

Nate nickte mir auffordernd zu. Verdammt, vielleicht war es unklug, mich bei Shay noch unbeliebter zu machen, wenn man bedachte, was ich im Mob erreichen wollte. Viel schlimmer wäre es jedoch, mich bei Nate unbeliebt zu machen, indem ich mich seinen Befehlen widersetzte.

»Du hast mir deinen richtigen Namen genannt und deine Brüder erwähnt. Brüder, die, wie du sagtest, kürzlich ihre Geschäfte nach Mexiko ausgeweitet haben und seitdem in einer Villa in Cabo San Lucas leben. Mit dem Hauch einer Ahnung über die Entwicklungen im irischen Mob und im Osorio-Kartell hätte man darauf schließen können, wer du bist. Man hätte dich entführen oder dir nachstellen können, bis du eure Feinde vor eure Haustür geführt hättest. Zusammengefasst: Du hättest das Leben deiner Familie und deiner Freunde aufs Spiel gesetzt.«

Shay bebte vor unterdrückter Wut, blieb aber stumm. Denn sie wusste, dass ich recht hatte. Sie hatte es versaut und würde die Konsequenzen tragen müssen.

»Und wofür?«, grollte Nate. »Für einen schnellen Fick mit einem Fremden?«

Als spürte sie, dass ihr Mann kurz vorm Explodieren war, setzte Elena sich in Bewegung und kam zu uns. Stärkend legte sie Nate eine Hand auf den Rücken, und er entspannte sich sichtlich.

Shay wandte sich von ihnen ab, und ich hatte den Eindruck, dass ihr von dem Glück der zwei schlecht wurde. Oder sie schämte sich. Vielleicht eine Mischung aus beidem. Ich würde der Sache auf den Grund gehen.

»Ich weiß nicht, wer diese Frau ist, die mit uns in meiner Villa wohnt, aber sie ist nicht du«, sagte Elena.

»Ach ja?« Shays Stimme sprühte Gift. »Und wer soll ich sein? Die Tochter von Summer und James? Die Fast-Freundin von Liam? Wie viele Tote sollen mich definieren?«

Elena trat einen Schritt vor und stand nun neben Nate, der seinen Arm um sie schlang. Gemeinsam bildeten sie eine vereinte Front. »Wie wäre es mit Nates und Alecs Schwester? Mit Micas und meiner Freundin? Mit Schatzmeisterin des Mobs wie früher?«

Shay verschränkte die Arme vor der Brust. »Damit ich Mom, Dad und Liam so schnell vergessen kann wie ihr?«

»Du hast keine Ahnung, Shay«, murmelte Nate. Seine Stimme war zwar leise, aber hatte dennoch diesen dominanten Effekt. Er klang bedrohlich, und ich spürte seine mühsam kontrollierte Wut genauso sehr, wie ich Shays Schmerz spürte. Gottverdammt, ich wusste, dass es bald eskalieren würde, doch Nate würde mich vermutlich eigenhändig vom Dach der Villa werfen, wenn ich ihnen jetzt eine Familientherapie vorschlug. »Du hast keine Ahnung, wie mich der Tod unserer Eltern zerfrisst.«

»Nenn sie nicht deine Eltern.«

»Shay«, mahnte Elena streng. »Das geht zu weit.«

Erneut wandte Shay sich den beiden zu, und ich unterdrückte das Bedürfnis, einen Schritt zurück zu machen, damit ich nicht in das flammende Chaos dieser Familiendynamik gezogen wurde. »Es ist die Wahrheit! Meine Eltern haben Nate bei sich aufgenommen und ihn behandelt wie ihr eigenes Kind. Und wie wird es ihnen gedankt? Mit je einer Kugel im Kopf! Das ist deine Schuld, Nate. Wenn du nicht diesen beschissenen Plan für den Mob umgesetzt hättest, wenn du Elena nicht geheiratet hättest, wäre das alles nie passiert. Dann hätten wir Liam noch, dann hätte ich meine Eltern noch. Dein Plan hat mir alles genommen!«

Ihre Stimme brach, und ich fragte mich, weshalb es mein erster Instinkt war, sie in meine Arme zu ziehen und zu beruhigen. Ich hatte gesehen, wie es funktionierte. In der Bar. Ich hatte gespürt, wie sie ruhiger geworden war, wie sich das Feuer in ihr von einem zerstörerischen Inferno in eine einladende Wärme verwandelt hatte. Wie ein lebendiges Funkeln in ihre grünen Augen trat. So schön, dass es mich verdammt viel Mühe gekostet hatte, mich daran zu erinnern, was ich eigentlich tat. Weshalb ich sie in ein Gespräch verwickelt hatte und dass ich sie und ihre unkontrollierbare Seite benutzte, um in Nates Ansehen zu steigen.

»Summer und James waren selbst im Mob.« Elena sprach in einem beruhigenden Ton, als würde sie ein verängstigtes Kätzchen aus seinem Versteck locken wollen. »Wie Liam standen sie hinter Nate und seinem Plan. Sie wussten, worauf sie sich einließen und dass Nate sich viele Feinde machen würde. Dennoch sind sie geblieben. Es war ihre freie Entscheidung.«

»Dann hätte Nate es besser wissen müssen!«

Nates Nasenflügel blähten sich, wodurch sein silbernes Piercing blitzte. »Was willst du von mir hören, Shay? Dass es mir leidtut? Dass es mich zerfrisst und ich diese beschissenen Schuldgefühle jeden Tag mit mir herumschleppe? Fuck, wie oft soll ich es dir noch sagen? Was soll ich tun, damit du deinen Schmerz endlich verarbeitest und nicht länger deine restliche Familie gefährdest?«

»Vielleicht aufhören, so zu tun, als wäre nie etwas passiert!«

Nate lachte auf. »Kleines, wir wollten mit dir reden, dich ablenken, dich trösten. Du stößt uns immer weg, und weißt du, was? Inzwischen habe ich das Gefühl, dass wir es dir auch nicht recht machen können. Ich habe lange genug zugesehen, wie du dich selbst zerstörst und damit nicht nur meinen Plan aufs Spiel setzt, sondern alle Beteiligten in Gefahr bringst. Es reicht.«

»Als ob ich diese Leier nicht schon oft genug zu hören bekommen habe«, erwiderte Shay unbeeindruckt.

»Diesmal ist es keine Leier.«

»Ach ja? Und was willst du tun? Mir wie die letzten Monate mit leeren Versprechungen und ätzenden Motivationsreden kommen? Mich einsperren und bewachen lassen?«

»Ich schicke dich weg.«

Shay schnappte nach Luft. »Das kannst du nicht machen.«

Nate richtete sich zu seiner vollen Größe auf und wirkte viel mehr wie ein Boss als ein Bruder. »Ich kann und ich werde. Bis du dich wieder im Griff hast, bleibst du im Safehouse in Kanada. Du bekommst alles, was du brauchst. Ablenkung, Ruhe, einen verfluchten Therapeuten, wenn du dich darauf einlässt. Elena und ich erwarten Zwillinge. Ich habe keine Zeit, mich um ein drittes Kind zu kümmern.«

Er wandte sich zum Gehen, verharrte jedoch in seiner Bewegung. Ich rechnete damit, dass er Shay einen Ratschlag gab oder seine Aussagen entschärfte, indem er ihr sagte, dass sie immer noch Familie war. Stattdessen bestätigte er mit seinem nächsten Satz meine Überzeugung, dass nie etwas nach Plan lief.

»Logan scheint dich gut im Griff zu haben. Er wird mit dir kommen.«

Kapitel 3

Shay

Es klopfte an meiner offenen Zimmertür, und Mica und Alec traten ein. Also hatten sie schon gehört, dass ich nicht mehr lange in Mexiko bleiben würde. Ich blinzelte gegen das beißende Stechen in meinen Augen an, legte mein Handy aufs Bett und wandte mich wieder meinem Koffer zu, um die Situation nicht noch peinlicher zu machen, indem ich in Tränen ausbrach.

Als er bei mir angekommen war, schlang Alec seinen schweren Arm um meine Schultern und drückte mich an seine Seite. Mica blieb ein paar Meter entfernt stehen und hob grüßend die Hand. Es hatte Zeiten gegeben, in denen wir nicht einmal darüber nachdenken mussten, uns zur Begrüßung zu umarmen. Aber dieses Unbehagen entstand ganz natürlich, wenn ich eine Freundin wegen meiner eigenen Probleme mies behandelte, dann wochenlang glaubte, besagte Freundin hätte meine Eltern ermordet, woraufhin ich sie noch mieser behandelte, um dann herauszufinden, dass sie eigentlich unschuldig war.

Gott, ich brauchte einen Drink.

Es war der Morgen, nachdem Nate endgültig der Geduldsfaden gerissen war. Der Morgen, nachdem ich Logan kennengelernt und mich nach Strich und Faden von ihm hatte verarschen lassen.

Naive, kleine Shay.

Jetzt sollte ich mit ihm in Kanada versauern, bis ich mich wieder im Griff hatte. Wie auch immer ich das bewerkstelligen sollte, wenn es mir im letzten halben Jahr nicht gelungen war.

»Wie geht’s dir, Kleines?«, fragte Alec und beugte sich nach unten, um mir einen Kuss auf die Wange zu geben. Seine Haare kitzelten mein Gesicht.

Schnaubend befreite ich mich aus seinem Griff. »Wie soll es mir schon gehen?« Ich war wütend, traurig und verzweifelt. Eigentlich ging es mir wie jeden Tag in letzter Zeit. Nur hatte Nates Befehl diesen toxischen Cocktail noch potenter gemacht.

Frustriert stopfte ich den Inhalt meiner Sockenschublade in den Koffer und klappte den Deckel zu. Verdammt, so würde ich den Reißverschluss niemals zubekommen. Als ich den Koffer das letzte Mal gepackt hatte, war ich leicht gereist, im Glauben, bald nach Boston zurückzukehren. Nun befanden sich in meinem Gepäck auch ein neuer Wintermantel und warme Kleidung, die Nate mir für den kanadischen Frühling hatte besorgen lassen. Ich presste ein Knie auf den Deckel, stemmte mich mit meinem Gewicht darauf und riss am Verschluss, der sich Stück für Stück meinem Willen beugte. Wenn das doch nur mit meinem restlichen Leben so funktionieren würde …

Nach einem kurzen Blick auf mein Handy erhob ich mich und pustete mir eine Strähne aus dem Gesicht. »Ich werde auf unbestimmte Zeit mit einem Babysitter in eine Villa weit weg von euch gesteckt. Mir geht es blendend.«

»Deine Handlungen haben Konsequenzen, Shay«, erwiderte er und zog am Kragen seines schwarzen T-Shirts. »Vielleicht ist es Zeit, dass du daran erinnert wirst.«

»War ja klar, dass du zu Nate hältst«, grummelte ich, um nicht zugeben zu müssen, dass er recht hatte. Über Konsequenzen hatte ich in letzter Zeit selten nachgedacht. Gestern Abend war ein erster schockierender Weckruf gewesen. Für ein paar furchtbare Minuten hatte ich geglaubt, dass genau das passierte, wovor mich meine Brüder, Elena und Mica seit Wochen warnten. Dass ich dem Falschen in die Hände gefallen war, der meine Verbindung zu Nate und Elena erkannt und ausgenutzt hatte, um ihnen zu schaden. Entführung, Gewalt, Mord. Diverse Möglichkeiten, wie die Sache für mich ausgehen könnte, waren während der Fahrt in Logans Kofferraum durch meinen Kopf gezuckt – keine davon gut. Und bei unserer Ankunft an der Villa hatte sich die Wut auf Logan, auf die Ungerechtigkeit des Moblebens mit der Scham gemischt, dass ich mich selbst in diese Situation gebracht hatte. Dass Nate und Alec die Weitsicht gehabt hatten, die mir seit Monaten fehlte. Die ganze Nacht hatte ich an dieser Erkenntnis zu knabbern gehabt, und sie war es letztlich, die mich davon abhielt, mich mit Händen und Füßen gegen die Reise nach Kanada zu wehren.

»Was wisst ihr über Logan?«, fragte ich, um das Thema zu wechseln.

»Über Hunter? Privat nicht viel. Er gehört nicht zum innersten Kreis. Aber er ist fleißig, ein guter Geschäftsmann. Intelligent und einfallsreich. Zusammen mit Jameson vom FBI hat er Mica für mich aufgespürt.«

Gerade rechtzeitig drehte ich den Kopf, um das verliebte Lächeln, das die beiden ständig austauschten, nicht sehen zu müssen.

»Und er hat uns geholfen, den Nachahmungstäter und damit den wahren Mörder eurer Eltern zu finden«, ergänzte Mica, die sich mit ihren manikürten Nägeln die dunkelbraunen Haare über eine Schulter kämmte.

Ich schluckte gegen die Säure an, die aufstieg, wann immer die Ermordung meiner Eltern erwähnt wurde. Wie konnten sie alle so darüber sprechen? Als würde es einfach dazugehören. Als würde ihnen nicht beim bloßen Gedanken daran das Herz in der Brust zerreißen.

Ich räusperte mich. »Also schickt ihr mich mit einem praktisch Fremden fort?«

»Wir vertrauen ihm«, antwortete Alec.

Ich stieß einen skeptischen Laut aus. »Obwohl ihr kaum etwas über ihn wisst? Nein, ich glaube eher, dass er für die Situation taugt. Seine Position ist nicht so ausschlaggebend, dass seine Abwesenheit in Mexiko problematisch wäre, und vermutlich habt ihr irgendetwas über ihn herausgefunden, das sich als Druckmittel eignet, falls er in Kanada Probleme macht.«

Alec zuckte mit den Schultern. »Details. Fakt ist, dass wir ihn nicht mit dir gehen lassen würden, wenn wir Grund zu Zweifeln hätten. Du bist uns zu wichtig.«

»Trotzdem stellt ihr mich aufs Abstellgleis.« Ich hasste es, wie klein und zerbrechlich ich klang.

Leise seufzte Mica und schloss die Distanz zwischen uns, wobei ihre Pfennigabsätze bei jedem Schritt dramatisch klackten. Sie ergriff meine Hände und drückte sie sanft. »Babe, ich sage das mit Liebe: Zieh den Kopf aus dem Arsch. Wir wollen dich nicht wegschieben, aber wir wissen uns langsam nicht mehr zu helfen. Du lässt uns nicht an dich heran oder sagst uns, was du brauchst. Schlimmer noch, du gefährdest dich selbst und einen jahrelang ausgeklügelten Plan, der für Frauen in den Kartellen endlich das Blatt wenden könnte. Elena und Nate erwarten Zwillinge, nachdem sie mit der Hochzeit und der geteilten Drogenroute einen Deal geschlossen haben, den es so zwischen unterschiedlichen Strängen des organisierten Verbrechens noch nie gegeben hat. Ein Deal, der genauso wichtig ist wie gefährlich.«

Ich rang mir ein Nicken ab, weil das, was sie sagte, auf rationaler Ebene Sinn ergab. Doch ich hörte bloß heraus, dass ich keine Priorität für sie war. Dass mein Schmerz nicht wichtig genug war, um den verdammten Plan für ein paar Tage zu vergessen. Aber ich sprach es nicht aus. Es hätte ohnehin keinen Sinn.

Mica schlang die Arme um mich. Sie war keine Freundin überschwänglicher Liebes- und Freundschaftsbeweise, also rechnete ich ihr das hoch an. »Wir werden dich vermissen. Versuch, die Reise zu nutzen und gestärkt zurückzukommen.«