Tabu - Tom Finnek - E-Book

Tabu E-Book

Tom Finnek

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Beschreibung

Eine mörderische Tragikomödie aus London. Von Liebe, Eifersucht und Rache. Und tödlichen Irrtümern. Der etwas unbedarfte Privatdetektiv George Ingram erhält von einem Londoner Verleger den Auftrag, seine Frau einen Abend lang zu beschatten und einen vermeintlichen Liebhaber aufzuspüren. Die scheinbar simple Verfolgung verläuft allerdings anders als geplant, gerät dem Detektiv zunehmend außer Kontrolle und endet mit einem überraschenden Leichenfund. Dies ist nur der Auftakt zu einem tödlichen Reigen der Missverständnisse und Halbwahrheiten, der von der Londoner City ins East End und bis zur Isle of Wight führt. Drei beteiligte Personen schildern die Ereignisse, die zwei Menschen das Leben kosten, und ziehen daraus ihre ganz eigenen Schlüsse. Denn jeder sieht und hört nur, was er kann oder will. Doch es ist fraglich, ob man den eigenen Augen und Ohren stets trauen darf.

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Tom Finnek

Tabu

Ein London-Krimi

Inhaltsverzeichnis

Vorbemerkung

Erstes Buch – George

Zweites Buch – Nelly

Drittes Buch – Greg

Epilog – Zwei Briefe

Impressum

Vorbemerkung

Im Jahr 1997 erschien – unter dem Namen Mani Beckmann – mein Berlin-Krimi »Tabu« bei »Klein und Blechinger«, einem Verlag aus dem Rheinland, der damals vor allem auf regionale Kriminalromane und weniger auf Großstadtkrimis spezialisiert war. Der Erfolg war entsprechend bescheiden, das Buch verschwand leider allzu bald wieder in der Versenkung, und der Roman ist heute nur noch antiquarisch erhältlich.

Viele Jahre später, während meiner Vor-Ort-Recherche zu einer historischen London-Trilogie – inzwischen unter dem Pseudonym Tom Finnek – kam mir der Gedanke, ob eine recht eigenwillige und mir sehr ans Herz gewachsene Berlin-Geschichte wie »Tabu« auch in einer anderen Stadt und einem anderen Land funktionieren würde. Zum Beispiel in London.

So begann eine schriftstellerische Spielerei, denn während ich die historischen Romane schrieb und in das London vergangener Jahrhunderte eintauchte, entstand gleichzeitig eine heutige London-Version meines Berlin-Krimis. Aus Kreuzberg und Neukölln wurden die City of London und das East End, und ein Abstecher nach Nordfriesland führte nun auf die Isle of Wight. Doch mit dem Austausch der Orte und Örtlichkeiten war es natürlich nicht getan. Die Geschichte und die Figuren bekamen plötzlich eine ganz eigene Dynamik und Atmosphäre, obwohl der Plot und somit auch die Auflösung des Kriminalfalls unverändert geblieben sind.

Der vorliegende Kriminalroman ist das Resultat dieser Spielerei und zugleich ein Experiment. Ob es gelungen ist, überlasse ich dem Urteil der geneigten Leserinnen und Leser. Auf jeden Fall wünsche ich viel Spaß und Spannung in London.

Tom Finnek (alias Mani Beckmann)

Erstes Buch – George

»No one’s gonna save your life.

Something strange is going on tonight.«

Wire, »Strange«

1

Es war einer dieser Tage, an denen man schon beim Aufstehen ahnt, dass die Mühe nicht lohnt. Ich hatte einige solcher Tage in der letzten Zeit erlebt, ich kannte mich aus. Beim Zähneputzen schaut einen ein knittriges Gesicht aus dem Spiegel an, das man erst nach wiederholtem Hinsehen als das eigene erkennt. Der Kaffee, den man sich zum Frühstück aufsetzt, ist ein bitterer Schlag in die Magengegend, und im Briefkasten findet sich außer der Stromrechnung nur Werbung für einen Pizzaservice. Mit einem Geschenkbon für eine Extra-Portion Peperoni.

Es war eben einer dieser Tage: Mittwoch, der 10. Juli. Ich hatte es mir hinter meinem Schreibtisch gemütlich gemacht und blätterte lustlos in einer Zeitschrift, als es unten an der Haustür klingelte. Schwerfällig nahm ich die Füße vom Schreibtisch – gar nicht so einfach, wenn sie erst mal zwei Stunden so gelegen haben –, versuchte, meinen Kopf, der ebenso lange auf der Stuhllehne geruht hatte, wieder dorthin zu bekommen, wo er normalerweise saß, und ging zur Wohnungstür.

»Ja?«, grunzte ich in die Gegensprechanlage und bekam als Antwort ein männlich knappes »Sind Sie der Privatdetektiv?« Ich öffnete die Wohnungstür. An der Außenseite hing ein schwarzes Metallschild mit einer weißen Aufschrift: »George Ingram. Private Ermittlungen.« Ich drückte erneut auf die Sprechanlage und sagte: »Ja, der bin ich. Kommen Sie rauf. Zweiter Stock.«

Ich ließ die Tür geöffnet, ging zurück in mein Arbeitszimmer und schaute mich um. Viel zu leer und viel zu ordentlich für ein Büro! Zwei Regale an den Wänden, beide leidlich gefüllt. Weil ich nicht genug Gesetzeswälzer, Enzyklopädien und Kriminalstatistiken besessen hatte, hatte ich sie mit Romanen aufgefüllt. Kriminalromane immerhin.

Auch der Schreibtisch sah nicht so aus, als würde viel daran gearbeitet. Der Schein entsprach durchaus der Wahrheit. Ich nahm ein paar leere Briefbögen, zerknüllte sie und warf sie in und neben den Papierkorb und verteilte ein paar Zettel hübsch unordentlich auf dem Schreibtisch. Bevor ich mich setzte, warf ich einen Blick in den Spiegel, der hinter dem Schreibtisch zwischen den beiden Fenstern hing. Ich hatte dringend eine Rasur nötig, und ein Besuch beim Friseur konnte auch nicht schaden.

Mittlerweile waren Schritte im Treppenhaus zu hören, dann das Knarren der Wohnungstür, dann Geraschel an der Garderobe. Und schließlich kam mit einem blonden Hünen ein lässiges Grinsen und ein penetranter Gestank zur Bürotür herein. Frisch parfümiert und nicht zu knapp! Ein Duft für selbstbewusste, leicht ergraute Mittvierziger mit Chancen bei älteren Damen. Der Typ war etwa 40 Jahre alt und hatte gute Karten bei Frauen, nicht nur bei älteren. Marke: Richard Gere für Anspruchslose. Sein Eau de Toilette kannte ich, es hieß »Prudence«. Eine Freundin hatte es mir einmal zum Geburtstag geschenkt. Ich hatte danach nie wieder ein Wort mit ihr gesprochen.

Seitdem ich mir vor einigen Monaten das Rauchen abgewöhnt hatte, reagierte ich allergisch auf üble Gerüche jeder Art. Und gerade bei Duftwässerchen war meine Nase penibel. Ich rümpfte sie andeutungsweise und sagte: »Guten Tag.«

Er sagte nichts, ging zum Regal neben der Tür und fischte sich ein Buch heraus. Er erwischte einen Roman und fragte: »Sie lesen?«

»Seit der Grundschule, aber nur wenn’s keiner sieht.«

Ich zwang mich zu einem Grinsen, das er mit einem abfälligen Schnaufen quittierte. Er stellte das Buch wieder ins Regal und kam im Schlendergang zum Schreibtisch. Er betrachtete mich mit dem gleichen Interesse, mit dem man einen gebrauchten Kaffeefilter im Mülleimer zur Kenntnis nimmt, und schwang sich in den Sessel, der neben ihm stand. Sitzend sah er gar nicht mehr so riesig aus, er schien geschrumpft zu sein, wahrscheinlich hatte er Spinnenbeine. Gelangweilt zog er ein goldenes Zigarettenetui aus der Jackentasche.

»Dies ist ein Nichtraucher-Zimmer«, sagte ich vorsorglich. Zum ersten Mal hatte sein hübsches Gesicht mehr als nur einen selbstgefälligen Ausdruck, er wirkte ehrlich erstaunt.

»Ein nicht rauchender Privatdetektiv?« Er konnte es kaum fassen und schüttelte seinen frisch gefönten Blondschopf. »Sie entsprechen nicht gerade dem Klischee, das man so von Detektiven hat.«

Ich verschwieg, dass er seinem Klischee sehr wohl entsprach, und beließ es bei einem Achselzucken. Noch immer machte er keine Anstalten, gesprächig zu werden, er ließ mir Zeit, ihn zu begutachten. Trotz sommerlicher Mittagshitze trug er Anzug und Krawatte, beides in leuchtenden Farben. Während ich schon beim Anblick seiner Garderobe ins Schwitzen geriet, schienen ihm die Temperaturen nichts auszumachen. Kein Anzeichen von Feuchtigkeit auf seiner Stirn. Allerdings schimmerten seine blassblauen Augen wässrig, als würde er gleich losheulen. Aber wahrscheinlich hatte er schon seit seinem dritten Geburtstag nicht mehr geweint. Nicht in der Öffentlichkeit.

Seine Augen waren stets in Bewegung und blitzten herausfordernd, seine breite Nase und sein Kiefer traten markig hervor. Wenn er lächelte, sah man seine sehr weißen Schneidezähne. Aber er lächelte nicht. Er hatte sich unter Kontrolle. Der Gesamteindruck des energischen, zielstrebigen Machers war antrainiert und saß perfekt.

»Mein Name steht draußen an der Tür«, wagte ich das Schweigen zu stören. »Und wie heißen Sie?«

Wieder sagte er nichts und schob mir stattdessen seine Visitenkarte rüber. Darauf stand: »Das Grauen hat einen Namen: Dungeon Editions Limited. Horror- und Science-Fiction-Literatur.« Darunter eine Adresse an der Bankside und mehrere Telefonnummern. Und schließlich: »Verlagsleiter: Henry Woodlawn.«

»Guten Tag, Mr. Dungeon«, sagte ich und schnippte an der Karte. »Ich hoffe, Sie wollen mir keine Gruselgeschichten aufschwatzen.«

»Sie sind ein Witzbold, was?«, sagte er und lächelte nachdenklich. »Nein, um einen Horror-Roman handelt es sich nicht, eher schon um einen billigen Groschenroman.« Er trommelte mit den Fingern auf dem Zigarettenetui, das er nach wie vor in der Hand hielt. »Ich brauche einen zuverlässigen und verschwiegenen Mann.«

»Ich soll Ihre Frau beschatten«, folgerte ich aus seinem Herumdrucksen, es war wirklich nicht schwer zu erraten. Zwar war ich noch nicht sehr lange im Gewerbe tätig, genau genommen erst seit einem knappen Jahr, aber ich hatte bereits die ernüchternde Erfahrung gemacht, dass Privatdetektive, anders als in Romanen, hauptsächlich von Ehekrisen und Eifersuchtsanfällen lebten. Meine Folgerung war also keineswegs so gewitzt, wie sie vielleicht erschien. Vor allem da man diesem Woodlawn ansah, dass er Konkurrenz, welcher Art auch immer, nicht ausstehen konnte.

»Meine Frau?«, murmelte er überrascht, zögerte eine Sekunde und fügte hinzu: »Beschatten ... ja, so ungefähr.« Er klappte das Etui auf und wieder zu. »Vorausgesetzt Sie sind diskret und verschwiegen. Die Sache ist ein wenig heikel.« Er sah mich plötzlich scharf an. »Sind Sie verlässlich?«

»Ich war mal Detective Sergeant bei der Metropolitan Police«, entgegnete ich, um nicht mit Ja oder Nein antworten zu müssen.

»Das spricht eher gegen Sie. Sind Sie gefeuert worden?«

»Auf eigenen Wunsch aus dem Dienst geschieden«, antwortete ich wahrheitsgemäß. »Zu viel langweilige Büroarbeit, zu wenig Abenteuer und Action.« Das war nun allerdings gelogen, schließlich war es nicht die Schreibtischarbeit gewesen, die meinen Wagen vor gut zwei Jahren in einen Schrotthaufen verwandelt und mir, wenn schon nicht das Leben, so doch die Lust aufs Polizistendasein genommen hatte. Aber ich hatte keine Lust, mit Woodlawn über meine unrühmliche Vergangenheit zu reden, das Thema war mir schlicht zu intim, darum fragte ich: »Wie sind Sie überhaupt auf mich gekommen?«

»Ich wohne auf der anderen Straßenseite, genau im Haus gegenüber. Ihre Detektei war im wahrsten Sinn des Wortes nahe liegend.«

Ich stand auf, nahm meine Brille von der Nase, putzte sie gewissenhaft mit einem Papiertaschentuch, setzte sie wieder an Ort und Stelle, ging zum Fenster, sah hinaus und fragte: »Hausnummer?«

»Fünfundsiebzig.«

Das Haus stand tatsächlich exakt gegenüber meines bescheidenen Domizils. Neubau, roter Klinker, sehr hässlich und bestimmt sehr teuer! Wie alles in der Londoner City.

»Welcher Stock?«, fragte ich, ohne mich umzudrehen.

»Dritter.«

»Rechts oder links vom Treppenhaus?«

»Von hier aus gesehen ...« Er überlegte. »Rechts.«

Obwohl seine Wohnung ein Stockwerk höher lag als mein Büro, konnte ich Teile der Zimmer recht gut einsehen. Ich fragte: »Ihre Küche ist gelb gestrichen?«

»Exakt.«

Ich drehte mich wieder zu ihm um und setzte mich. Er hatte sich nicht bewegt, aber seinem Gesicht war abzulesen, dass er sich entschieden hatte. Ich hatte diesen Job. Der erste Auftrag, den ich dem Hinweisschild an der Haustür zu verdanken hatte.

»Was soll ich nun genau für Sie tun?«

»Meine Frau geht jeden Mittwoch um Punkt halb neun zum Badminton. Vor sechs Wochen hat sie urplötzlich diesen Drang zu sportlicher Aktivität entwickelt, dabei war ihr vorher schon der sonntägliche Spaziergang durch den Postman’s Park zuviel. Sie ist eigentlich kein besonders sportlicher Typ. Hin und wieder ein wenig Yoga im Wohnzimmer, wenn Sie wissen, was ich meine.«

Ich glaubte zu wissen, was er meinte, und grinste.

»Und plötzlich Badminton.« Er schüttelte den Kopf. »Ich glaube jedenfalls, dass der hochrote Kopf, mit dem sie mittwochs anschließend nach Hause kommt, nicht vom Herumhopsen in irgendeiner Turnhalle herrührt.«

»Haben Sie einen Grund für diesen Verdacht?«

Er sah mich ungläubig an, verstand die Frage offensichtlich nicht. »Meine Frau ist ziemlich schön, ausnehmend schön. Das weiß und zeigt sie.« Er stockte und wurde leicht rötlich unter seiner Sonnenbräune. »Und die Männer wissen das auch.«

Ich begnügte mich mit einem anerkennenden »Aha!« und unterließ es, seine Eifersucht zu hinterfragen.

»Ich liebe meine Frau«, sah er sich genötigt hinzuzufügen.

»Aber Sie misstrauen ihr«, entgegnete ich.

Er schwieg.

»Wie heißt Ihre Frau?«

»Eleanor.«

»Und wie alt ist sie?« Ich musste ihm jede Kleinigkeit aus der Nase ziehen, eine Quasselstrippe war Henry Woodlawn wahrlich nicht.

»Fünfundzwanzig.«

»Aha!«, entfuhr es mir erneut, in Gedanken fügte ich hinzu: Und noch ein Klischee! Laut sagte ich: »Kinder?«

Er schüttelte den Kopf und schwieg, er schien nachdenklich. Wahrscheinlich malte er sich gerade in grellsten Farben aus, was seine hübsche Eleanor statt eines Badmintonschlägers (ohne sein Wissen) sonst so alles in die Hand nahm.

»Seit wann sind Sie verheiratet?«

»Seit drei Jahren, aber warum interessiert Sie das alles? Das tut doch gar nichts zur Sache.« Er wurde plötzlich unruhig, rutschte im Sessel hin und her und meinte schließlich: »Ich möchte, dass Sie sie heute Abend beobachten, nachdem sie das Haus verlassen hat. Ich muss wissen, was ...« Er ließ den Satz unbeendet.

Ich sah auf den Kalender. »Warum gerade heute? Warum nicht nächste Woche? Warum nicht vor einem Monat?«

»Ich hab eben so ein Gefühl.« Er sah zu Boden und rieb sich die Hände. »Gestern hab ich Eleanor gefragt, ob sie heute mit ins Theater kommen will. Sie wollte nicht. Ich hab gesagt, so wichtig sei das Badminton doch nicht, ich hätte durch Zufall und Glück zwei Karten fürs Theatre Royal in der Drury Lane bekommen. Irgend ein avantgardistisches und ständig ausverkauftes Musical, sie mag so was eigentlich. Aber sie hat behauptet, sie müsse unbedingt zum Sport. Unter allen Umständen.« Er sah mich an und fügte ganz leise hinzu: »Ich glaube ihr nicht.«

»Sind Sie selbst Ihrer Frau mittwochs schon einmal gefolgt?« Eigentlich eine naheliegende Frage, aber er glotzte mich entsetzt an.

»Wofür halten Sie mich?«

Ich gab ihm keine Antwort. Schließlich wollte ich ihn nicht beleidigen. Henry Woodlawn kramte mittlerweile in seiner Jackentasche herum und zog einen Briefumschlag heraus. Er zögerte einen Moment, dann fingerte er in dem Kuvert herum und brachte zwei Zettel zum Vorschein. Wieder ein kurzes Zögern und ein misstrauischer Blick in meine Richtung.

»Sie haben mich vorhin gefragt, ob ich einen Grund für meinen Verdacht habe«, sagte er und reichte mir einen der beiden Zettel aus dem Kuvert. »Was halten Sie davon?«

Bei dem Zettel handelte es sich um die Fotokopie eines offensichtlich zerknüllten, nicht beendeten, in Frauenhandschrift geschriebenen Briefes mit folgendem Wortlaut: «Mein Schatz, bitte jage mir nie wieder einen solchen Schrecken ein. Sosehr ich mich über deine Nachricht gefreut habe, was wäre wohl passiert, wenn Henry den Zettel unter der Wohnungstür gefunden hätte. Ich darf gar nicht«

Der Brief endete mitten im Satz und war logischerweise nicht unterschrieben. Außer der Anrede »Schatz« war an diesen Sätzen wenig Verfängliches zu entdecken. Vielleicht ging es ja lediglich um ein Geburtstagsgeschenk für Henry Woodlawn, und die mysteriöse Nachricht, auf die sich der Brief bezog, lautete: »Hab den goldenen Füllfederhalter für Henry besorgt. Gruß, Jenny.« Als ich Woodlawns Gesicht sah, wusste ich, dass er keinesfalls eine Geburtstagsüberraschung vermutete. Ich fragte: »Die Handschrift Ihrer Frau?«

Er nickte und fügte vorsichtig hinzu: »Ich habe das Original zu der Fotokopie im Papierkorb gefunden.« Er sah zu mir herüber und wartete. Vielleicht auf eine bissige Bemerkung, mir fiel aber keine ein. Sosehr ich mich auch anstrengte.

»Die Nachricht, von der Ihre Frau spricht, haben Sie nicht zufällig gefunden?« Ich schielte auf das Kuvert in Woodlawns Hand.

»Doch«, entgegnete er und gab mir den zweiten Zettel aus dem Briefumschlag und fügte bedeutsam hinzu: »Eine codierte Botschaft.«

»Auch aus dem Papierkorb?«

Anstatt zu antworten, wurde er rot. Das war mir Antwort genug.

Auch dieser Zettel war eine Fotokopie, wahrscheinlich hatte Woodlawn die Originale zu Hause fein säuberlich hinter Klarsichtfolie in einem Aktenordner abgeheftet, auf dessen Rücken zu lesen war: »Verdachtsmomente«.

Die Nachricht war maschinengeschrieben und lautete:

»Mein Goldkäfer,

†68*5-4;96;†6(45;96-4)80633895-4;

6-426*69469980†?26);986*8*380

6-406828†6-4

F. W. Plumpe, Santa Barbara«

»Kennen Sie diesen Plumpe?«, fragte ich.

»Sie glauben doch nicht im Ernst, dass das sein wirklicher Name ist.« Er sah mich kopfschüttelnd und vorwurfsvoll an.

»Und warum Santa Barbara? « Ich bestaunte erneut die seltsame Botschaft auf dem Papier. »Sie können nicht zufällig etwas mit diesem Unsinn anfangen?«

»Sie sind doch der Detektiv!«

»Gut, dass Sie mich daran erinnern.« Ich steckte die beiden Zettel in die Schreibtischschublade und fragte: »Haben Sie ein Foto von Ihrer Frau dabei?«

»Foto?« Er war verdutzt. »Nein, wieso?«

»Ich soll Ihre Frau beschatten, ohne zu wissen, wie sie aussieht?«

»Sie brauchen kein Foto.« Nun stand er auf und ging zum Fenster. Aus dem sitzenden Zwerg war wieder ein stehender Riese geworden. Während er mit der Hand aus dem Fenster deutete, betrachtete ich seine Beine. Selten zuvor hatte ich solche Stelzen gesehen.

»Sie verlässt die Wohnung immer um halb neun und trägt einen lilafarbenen Trainingsanzug. Und dazu ein knallgelbes Stirnband. Sie können sie gar nicht verpassen, wenn Sie nicht blind sind wie ein Fisch.«

Mein Einwand, Fische seien im Regelfall nicht blind, konnte ihn nicht erheitern. Er schaute immer noch aus dem Fenster, sein Kiefer mahlte unruhig. Mit der linken Hand spielte er an einem Jackenknopf herum, die rechte steckte in der Hose.

»Wo ist diese Sporthalle?«

»In der Carter Lane, hinter St. Paul’s, unten am Fluss. Eleanor geht zu Fuß dorthin. Ist ja nicht weit.«

»Beschreiben Sie bitte Ihre Frau. Ihr Äußeres.«

»Sie hat lange braune Haare, lockig. Sie ist klein, nur etwas mehr als fünf Fuß, und sehr schlank.« Er sah mich an und lächelte. »Sie grinst ständig und lacht sehr viel. Ihr Mund ist ziemlich groß.« Flüsternd, als würde er etwas sehr Intimes von ihr verraten, setzte er hinzu: »Sie hat ein großes Muttermal auf der rechten Wange.«

Ich fasste in Gedanken zusammen: Ein hübsches Muttermal in lila Trainingsanzug mit gelbem Stirnband. Ich hatte schon weniger auffällige Personen beschattet. Ein Teleskop würde ich für diesen Job kaum benötigen.

Ich sah an ihm vorbei durchs Fenster, versuchte in seiner Wohnung jemanden zu erspähen. Nichts rührte sich. Ich fragte: »Ihre Frau ist nicht zu Hause?«

»Sie arbeitet. Im Verlag.« Sein rechter Mundwinkel ging in die Höhe, und er zog die Nase kraus. Kaum sichtbar. »Sie ist so was wie ein Mädchen für alles, hauptsächlich Vertrieb und PR.«

Die hübsche, lächelnde Frau des Chefs, nützlich bei geschäftlichen Treffen und Essen. Zur Auflockerung der Atmosphäre. Und nebenbei immer unter Beobachtung der Argusaugen ihres Mannes. Ich hatte zwar kein Foto, wohl aber ein ziemlich deutliches Bild von Eleanor Woodlawn.

»Wegen der Bezahlung …«, versuchte ich das Geschäftliche einzuläuten.

»So teuer wird ein Abend mit Ihnen schon nicht sein«, unterbrach er mich mit einem gekünstelten Lächeln auf den Lippen und zeigte seine weißen Zähne. Er zog einen Scheck aus der Jackentasche und legte ihn auf den Schreibtisch. Ein Barscheck, unterschrieben, ohne Angabe eines Geldbetrages. »Sie werden mich schon nicht übers Ohr hauen.«

»Seien Sie sich da nicht so sicher«, sagte ich scherzend.

Er verstand keine Scherze und sagte: »Ich bin mir da ganz sicher!« Er ging wieder um den Schreibtisch herum, bückte sich und nahm eines der zerknüllten Papiere vom Boden. Er faltete es auseinander und sah, dass es leer war. Er warf mir einen Blick zu, der »Oh!« ausdrückte. Meine Grimasse antwortete ihm: »Sehen Sie!«

Er grinste abfällig und ging zur Tür.

»Keine weiteren Instruktionen?«, rief ich ihm hinterher.

»Sie schaffen das schon«, antwortete er gütig, »wie ich sehe, haben Sie ja Fantasie und Humor. Wenigstens in dieser Hinsicht entsprechen Sie der Vorstellung, die ich von Privatdetektiven habe.«

»Sie lesen die falschen Bücher«, sagte ich und stand auf, höflich wie ich war, um ihn hinauszugeleiten.

»Nein«, antwortete er, »ich veröffentliche sie.« Er hielt nicht viel von Höflichkeit und verließ das Zimmer, ohne sich umzudrehen oder sich zu verabschieden. Aus dem Flur hörte ich ihn lediglich sagen: »Ich rufe Sie morgen an.«

Ich machte keine Anstalten, ihm hinterherzueilen, und setzte mich wieder. Die Wohnungstür knallte. Weg war er. Nur sein Geruch hing noch in der Luft. Ich öffnete ein Fenster, um mit dem Gestank der Straße den Gestank in meinem Zimmer zu übertünchen. Als ich mich hinausbückte, sah ich Henry Woodlawn das Haus verlassen. Er ging nicht nach Hause, sondern ein paar Schritte die Straße hinunter zu einem schnittigen Cabriolet, das in einer Einfahrt geparkt war und von einigen Jugendlichen belagert und bestaunt wurde. Woodlawn verscheuchte die Kinder mit einer Handbewegung, als wollte er lästige Fliegen von sich fernhalten, stieg ein und brauste mit offenem Verdeck davon. Es tat mir leid um seine hübsche Fönfrisur.

2

Es war etwa halb vier, als es erneut an der Tür klingelte. Ich legte die Geheimbotschaft beiseite, die ich fasziniert, aber ratlos betrachtet hatte, schlurfte in den Flur, drückte auf den Summer für die Haustür und öffnete die Wohnungstür einen Spalt breit. Ich fuhr heftig zusammen, als im gleichen Augenblick die Tür ganz geöffnet wurde und eine Frau hereinspaziert kam. Nach dem ersten Schrecken erkannte ich meine Nachbarin Betty. Sie hielt eine Zuckerdose in der Hand und lächelte süßlich.

»Warum starrst du mich so an?«, rief sie und grinste von Ohr zu Ohr. »Wen hast du erwartet, den Gerichtsvollzieher?«

»Ist da ein Unterschied? Du kommst doch auch nur rüber, wenn du irgendwas von mir willst.« Ich schloss die Tür und gab ihr einen Kuss auf die Wange. »Ich freu mich trotzdem, dich zu sehen.«

Betty wohnte ebenfalls im zweiten Stock, wir wohnten quasi Wand an Wand. Sie und ihr Mann Paul waren die einzigen Nachbarn, zu denen ich in dem Jahr, das ich nun schon in Little Britain wohnte, Kontakt gefunden hatte. Sie waren die einzigen Nachbarn, bei denen ich nicht von irgendeiner Töle angefallen wurde, wenn ich bei ihnen klingelte, die einzigen Nachbarn, bei denen mir nach einem »Guten Tag« nicht gleich der Gesprächsstoff ausblieb.

»Was für ein Scheißtag!«, sagte Betty und ging zielstrebig in die Küche. Sie setzte sich an den Tisch und holte tief Luft. »Heute Morgen verschlafe ich, weil der Wecker in der Nacht stehen geblieben ist. Im Büro stürzt ständig die App ab, an der ich seit Tagen herumbastele. Jetzt komm ich gerade von der Arbeit, bin völlig erledigt und will mir ’ne schöne Tasse Kaffee machen ...«

»Kein Kaffeepulver mehr da«, ergänzte ich und setzte mich zu ihr an den Tisch. Es war immer so angenehm mit Betty zu plaudern, ihr passierten grundsätzlich die gleichen Missgeschicke wie mir. Es fiel mir nie besonders schwer, mich in ihre Lage zu versetzen.

»Richtig! Also nehme ich Instant-Kaffee. Macht ja nichts, denke ich mir, Hauptsache ein Wachmacher. So weit, so gut. Aber dann ...«

»Kein Zucker!«, meinte ich und deutete auf ihre Zuckerdose.

»Exakt, Herr Detektiv. Könntest du mir etwas pumpen?«

»Ich kann dir sogar ein bisschen was schenken, ich sehe das mit dem Zucker nicht so eng. Ich kann dir aber auch einen noch besseren Vorschlag machen: Ich setz uns jetzt einen leckeren Bohnenkaffee auf, und du leistest mir ein paar Minuten Gesellschaft.«

Sie lachte und sagte: »Wir sind im Geschäft.«

Betty war etwa in meinem Alter, Mitte Dreißig also, sie sah jedoch Dekaden jünger aus. Sie war mittelgroß und mittelschlank, ihr kurz geschnittenes Haar war flachsblond und strubbelig und stand wild in der Gegend umher. Ihr Gesicht war stets bleich, Farbe brachten nur die unzähligen Sommersprossen hinein, selbst ihre Lippen waren eher farblos. Betty sah immer etwas traurig aus, obwohl sie ständig grinste. Ein Widerspruch, den ich mir nie erklären konnte.

»Oh George!«, seufzte sie und zog ihre Stirn kraus. »Manchmal hasse ich meine Arbeit.« Betty war Programmiererin oder IT-Entwicklerin oder so was Ähnliches. »Zuerst macht man sich noch vor, dass man als Mensch lediglich eine Maschine benutzt. In Wirklichkeit ist es umgekehrt, du wirst automatisch zum Sklaven deines Instruments! Und wehe, es hakt im System!«

»Erzähl mir bloß nichts von Computern und Smartphones und dem ganzen Kram! Ich hab schon Probleme, wenn ich auf meinem Handy einen neuen Kontakt eingeben muss. Letztens wollte ich online einen Paketschein erstellen und hab's dabei geschafft, meinen kompletten Laptop lahmzulegen. Das Ding funktioniert bis heute nicht richtig, vielleicht kannst du nachher …«

Plötzlich schoss mir ein Gedanke durch den Kopf, und ich fuhr erschrocken zusammen.

"Was ist?", fragte Betty.

Ich hatte etwas vergessen und nun fiel es mir wieder ein. Das Paket! Ich stürzte aus der Küche und kramte im Flur im Altpapier. Da war es. Wie peinlich!

»Ich hab noch was für dich«, rief ich Betty zu. »Der Postbote hat bei mir ein Paket für euch abgegeben.« Ich ging zurück in die Küche, stellte schuldbewusst das Päckchen auf den Tisch und wartete auf eine Reaktion.

Betty sah auf den Absender und schaute fragend in mein vermutlich rötlich angelaufenes Gesicht.

»Seit wann liegt das Päckchen bei dir?«

»Weiß nicht genau«, druckste ich herum, »seit ... hm ... einer Woche ... oder zwei ... höchstens.«

Betty lächelte gequält und schüttelte den Kopf: »Gestern hab ich den Leuten einen bösen Brief geschrieben, weil sie mit ihrer Lieferung so in Verzug sind. George, du bist noch eine größere Schlampe als ich. Und das heißt schon was!«

Sie lehnte sich zurück, schlug die Beine übereinander und zupfte vorne an ihrem Kleid herum, um sich Luft in den Ausschnitt zu fächeln. Wir plauderten und schlürften Kaffee, sie erzählte von ihrer verfluchten Arbeit und ich von meinem neuen Fall (natürlich ohne Namen zu nennen). Als ich die Geheimbotschaft erwähnte, wurde Betty geradezu euphorisch, sie wollte »den Wisch« unbedingt sehen. Sie tat ihr Bestes, um mich zu becircen.

»Ich verzeih dir dann auch die Geschichte mit dem Paket«, sagte sie flehentlich und klimperte mit den Augenlidern.

»Beim besten Willen«, versuchte ich, standhaft zu bleiben, »ich kann dir den Brief nicht zeigen, ich hätte ihn nicht einmal erwähnen dürfen. Auch Privatdetektive haben ein Berufsethos.«

»Georgie, quatsch nicht so ’n verdammten Scheiß!«, rief sie mit einem Mal aufgebracht (wenn Betty aufgeregt war – oder betrunken – verfiel sie mitunter in derben Cockney-Slang). »Vielleicht kann ich dir sogar helfen.«

»Wie das?«

»Ich hab mal an einem Dechiffrierungsprogramm gearbeitet«, sagte sie, wieder völlig ruhig und sachlich, ohne mich jedoch dabei anzusehen. »Wir könnten den Text durch den Computer jagen, vielleicht spuckt der ja das Ergebnis aus.«

Das war ein Wort. Darauf wäre ich nie gekommen. Ich ging ins Arbeitszimmer, schnappte mir die Notiz und gab sie Betty. Sie studierte sie eingehend, gab sie mir dann zurück und lächelte schelmisch.

»Das mit dem Dechiffrierprogramm war geflunkert, ich hab leider überhaupt keine Ahnung, wie man Codes entschlüsselt«, sagte sie, gab mir aber gleichzeitig mit der Hand ein Zeichen, sie nicht zu unterbrechen. »Ich war halt einfach neugierig. Sorry! Trotzdem kann ich dir weiterhelfen.«

Eigentlich hätte ich sauer sein müssen, aber ich war zu gespannt auf das, was sie mir zu erzählen hatte.

»Der seltsame Code sagt mir nichts«, erklärte Betty und machte eine lange Pause, »aber mit der Unterschrift kann ich was anfangen.« Sie grinste triumphierend und fügte hinzu: »Ich weiß, wer F. W. Plumpe ist.«

»Du kennst den?«

»Nicht persönlich, der ist nämlich schon ein paar Jahre tot.« Sie nahm einen großen Schluck Kaffee, stand auf, stellte die Tasse in die Spüle, nahm ihr Päckchen unter den Arm und mich an die Hand und sagte: »Komm mal mit!«

Sie führte mich ins Treppenhaus und schloss ihre Wohnungstür auf. Die Wohnung der beiden war riesig, sowohl Betty als auch Paul hatten eigene Arbeits- wie Schlafzimmer. Und allein das Klo war so geräumig wie meine gesamte Küche.

Betty ging geradewegs in das Arbeitszimmer ihres Mannes, suchte ein paar Sekunden in einem Regal und zog ein dickes Buch heraus, auf dessen Rücken ich »Time Out Film Guide« entziffern konnte. Sie ließ meine Hand los und blätterte in dem Buch herum. Schließlich lächelte sie zufrieden, gab mir das aufgeschlagene Buch, deutete mit dem Zeigefinger auf eine bestimmte Stelle und sagte: »Lies!«

Ich tat, wie mir befohlen, und las: »Murnau, als Friedrich Wilhelm Plumpe am 28. Dezember 1888 in Bielefeld (Deutschland) geboren und am 11. März 1931 in Santa Barbara (USA) gestorben, war einer der einflussreichsten deutschen Filmregisseure der Stummfilmzeit.«

Ich sah Betty erstaunt an und fragte: »Muss man den kennen?«

Betty sah mich erstaunt an und fragte: »Noch nie was von Nosferatu gehört?«

Ich zuckte mit den Schultern und murmelte: »Stummfilme konnte ich noch nie leiden. Nosferatu ist so was Ähnliches wie Dracula, oder?« Ich versuchte vergeblich, mir einen Reim darauf zu machen, und fragte: »Hast du eine Ahnung, ob in den Filmen von Murnau Geheimbotschaften eine Rolle spielen?«

»Nicht in denen, die ich kenne«, antwortete sie.

»Leihst du mir das Buch?«, fragte ich und winkte mit dem Filmlexikon.

»Ich glaube nicht, dass Paul etwas dagegen hätte«, meinte Betty und brachte das Päckchen in ihr Schlafzimmer.

Bei der Erwähnung ihres Mannes kam mir ein Gedanke. Ich wusste, dass Paul Redakteur bei einem dieser unsäglichen Londoner Stadtmagazine war, und ich glaubte mich zu erinnern, dass er irgend etwas mit dem Kulturbereich zu tun hatte.

Ich tippelte Betty ins Schlafgemach hinterher, bemerkte, dass es darin wie in einer Rumpelkammer aussah, und fragte: »Kennt Paul sich mit Londoner Buchverlagen aus?«

»Ich denke schon. Aber warum willst du das wissen?« Sie sah mich forschend an, kniff ihr rechtes Auge zu und presste die Lippen aufeinander. Schließlich kam sie ganz nah an mich heran und flüsterte: »Das hat was mit deinem Fall zu tun, oder? Um welchen Verlag handelt es sich denn?«

Ich antwortete mit einer Gegenfrage: »Wann kommt Paul nach Hause?«

»Erst sehr spät, nicht vor neun oder zehn. Er hat noch ein Interview mit irgendeinem Theaterregisseur.«

»Kann ich ihn in der Redaktion anrufen?«

»Klar.« Sie nahm einen kleinen Zettel, notierte eine Nummer und gab ihn mir. »Wenn du mit Paul darüber redest, werde ich so oder so erfahren, worum es sich handelt.« In scherzendem Tonfall fügte sie hinzu: »Wir haben nämlich keine Geheimnisse voreinander.«

»Siehst du«, entgegnete ich grinsend, »warum soll ich dir dann die Vorfreude nehmen.«

Ich ging zur Tür und winkte und sagte: »Danke. Bis bald.«

Es dauerte eine gute Viertelstunde, bis ich Paul endlich an der Strippe hatte. Zunächst musste ich einer übel gelaunten jungen Frau dreimal erklären, wen ich zu sprechen wünschte. Sie schien sich nicht besonders gut in den Redaktionen auszukennen, wahrscheinlich eine Praktikantin, die man zum Telefondienst verdonnert hatte.

»Ach, Paul Butcher wollen Sie«, sagte sie schließlich schnippisch. »Sagen Sie das doch gleich.«

Ich beteuerte, ich hätte es gleich gesagt und zwar dreifach. Sie ging nicht darauf ein, sagte lediglich: »Warten Sie einen Moment.«

Ich wartete zur synthetischen Melodie von Händels Wassermusik. Ausgerechnet. Die Minuten verstrichen, nichts geschah. Händel wiederholte und wiederholte sich. Endlich meldete sich eine Frauenstimme: »Ja?« Es war die Praktikantin. Wiederhören macht Freude!

»Na, das war wohl nichts«, grummelte ich, »klingeln Sie doch bitte noch mal Paul Butcher an. Vielleicht war er ja auf dem Klo.«

Der unvermeidliche Händel ertönte, und tatsächlich hatte ich kurze Zeit später Paul am anderen Ende der Leitung. Er klang nicht sehr erfreut, mich zu hören. Das wunderte mich kaum, ich hatte ihn eigentlich noch nie sehr erfreut erlebt. Er muffelte und murrte ins Telefon und versuchte mich mit Floskeln wie »Weißt du, George, das ist im Moment kein guter Zeitpunkt« oder »Weißt du, ich hab wirklich viel zu tun« abzuwimmeln. Da ich Sätze, die mit »Weißt du« begannen, nicht ausstehen konnte, stellte ich mich taub und beteuerte, es würde wirklich nur einen winzigen Augenblick dauern.

»Na, dann schieß los!«, ließ er sich schließlich gnädig herab.

Ich saß in der Küche, in der Hand das schnurlose Telefon, das ich von meinen Kollegen des CID zum Abschied geschenkt bekommen hatte, und schlürfte den Rest des mittlerweile kalten Kaffees.

»Es geht um einen kleinen Londoner Verlag, der sich, soviel ich weiß, auf Gruselgeschichten spezialisiert hat.« Ich wusste nicht wieso, aber plötzlich hatte ich das unbändige Verlangen, eine Zigarette zu rauchen. Ich kämpfte dagegen an, was blieb mir anderes übrig, ich hätte ohnehin keine Zigaretten im Haus gehabt. Ich überlegte, wo ich stehen geblieben war. Ach ja: »Der Verlag nennt sich Dungeon Editions. Kennst du den?«

»Dungeon? Nicht die Art von Literatur, die ich persönlich bevorzuge. Unappetitlich und reißerisch.« Paul schien es tatsächlich eilig zu haben, er ließ sich nicht einmal die Zeit, in ganzen Sätzen zu reden.

»Was heißt ›unappetitlich‹?«

»Na ja, so als hätte Stephen King eine Überdosis Robert A. Heinlein zu sich genommen.« Er lachte. Er fand so was witzig. Paul besaß die dämliche Angewohnheit, immer irgendwelche Vergleiche anstellen zu müssen. Einmal war ich mit ihm und Betty im Kino gewesen, wir hatten uns eine schräge Komödie angesehen, in der es um irgendwelche abstrusen Figuren in einem abgeschiedenen Dorf im Norden ging. Betty und ich hatten uns krankgelacht, aber Paul hatte uns nachher erklärt, was wir gesehen hätten, wäre ein »Lee Evans der Provinz gewesen, quasi wie Monty Python’s für das dörfliche Spießbürgertum«. Auch darüber hatten wir uns krankgelacht.

»Wie lange gibt’s den Laden schon?«

»Schon ein paar Jährchen. Wahrscheinlich aber nicht mehr lange. Sind so gut wie pleite, hab ich gehört. Haben in den letzten Jahren einige kostspielige Projekte in den Sand gesetzt.«

Am anderen Ende der Leitung wurde es stumm, ich hörte ein Geraschel, dann tiefes Luftholen, dann war Paul wieder da. Er hatte sich eine Zigarette angezündet. Ich beneidete ihn und wunderte mich, dass er in seinem Büro rauchen durfte.

»Weshalb willst du das eigentlich wissen, George?«

»Beruflich.«

»Aha«, meinte er gelangweilt. Er hielt nicht viel von meinem Job. Wir hatten schon öfter darüber gestritten. Paul vertrat die Ansicht, es sei ein Anzeichen einer degenerierten Gesellschaft, wenn Leute dafür bezahlt würden, andere Leuten auszuspionieren. Ich hatte gekontert, es sei doch wohl eher krank, wenn sie es täten, ohne dafür bezahlt zu werden. Meine Logik hatte Paul nicht zugesagt.

»Sonst kannst du mir nichts über den Verlag erzählen? Über die Autoren oder Mitarbeiter oder sonst was? Du bist doch bestimmt auf dem Laufenden und weißt, was so in der Literaturszene abgeht.« Um mit Paul ein Gespräch führen zu können, musste man ihm immer das Gefühl vermitteln, dass er meilenweit über einem stand und seine Ausführungen sozusagen pädagogischen Wert hatten.

»Es scheint so, als hätte Dungeon Editions den Tallinn unter Vertrag genommen. Jedenfalls wenn man der Verlagsankündigung glauben darf, die vor einiger Zeit in die Redaktion geflattert kam.«

»Wie kann man denn eine ganze Stadt unter Vertrag nehmen«, fragte ich und war mir sicher, dass Paul es mir gleich erklären würde.

»Doch nicht die Stadt Tallinn, den Science-Fiction-Autor J. D. Tallinn.« An der Pause, die nun entstand, merkte ich, dass Paul überlegte, wie er einem Kretin wie mir den Sachverhalt erklären konnte. Und ob das überhaupt Sinn hatte. Schließlich fuhr er fort, ganz langsam, als spräche er mit einem Kleinkind: »Tallinn hat vor etlichen Jahren einige sehr viel versprechende fantastische Romane geschrieben. Ein wirkliches Talent. Er galt in gewissen Kreisen quasi als englischer Stanislaw Lem. Aber dann ist es plötzlich ziemlich ruhig um ihn geworden.«

Ich hatte keine Ahnung, wer Stanislaw Lem war, aber ich unterließ es, Paul darauf hinzuweisen, und meinte: »Dass Tallinn jetzt bei Dungeon Editions unterschrieben hat, bedeutet also eher einen Abstieg für ihn.«

»Einen literarischen Abstieg für Tallinn, die letzte Chance für den beinahe bankrotten Verlag. So würde ich das sehen.« Es klang wie Pauls finales Statement, tatsächlich setzte er hinzu: »Sonst noch Fragen? Weißt du, ich hab’s wirklich eilig.«

»Kennst du Henry Woodlawn, den Verleger?«

»Hab ihn mal auf dem London Book Fair getroffen. Ist ein ziemlicher Aufschneider. Redet viel, sagt wenig. Tut gern wichtig.«

Wie einige andere Leute, dachte ich, Kulturredakteure beispielsweise. Ich fragte: »Und seine Frau?«

»Der ist verheiratet? So sieht der gar nicht aus.«

In Pauls Büro wurde es nun merklich unruhig, Türen flogen, Leute redeten durcheinander, ich hörte Paul weit weg sagen: »Ja, ich komm schon«, dann war sein Mund wieder an der Muschel: »Weißt du, George, ehrlich, ich muss los.«

Ich wollte noch: »Weißt du, Paul, ehrlich, danke!« sagen, aber er hatte schon aufgelegt. Er hätte die Ironie ohnehin nicht verstanden.

3

Wer auch immer die Mikrowelle erfunden haben mag, ich verdamme ihn oder sie! Vorletztes Jahr hatte meine Mutter mir dieses Teufelswerkzeug zu Weihnachten geschenkt - ich befand mich damals nach meinem Autounfall in der Rehabilitation und humpelte mehr, als dass ich ging, und Mutter meinte, eine Mikrowelle in der Küche würde mir einige Fußwege ersparen. Ich weiß bis heute nicht, wie sie auf diesen Trichter gekommen ist. Vermutlich hatten meine Eltern gehofft, ich würde nach dem Ausscheiden aus dem Polizeidienst zu ihnen zurück nach Cobham, ins beschauliche Surrey ziehen. Vater träumte seit jeher davon, ich könnte eines Tages auf die abwegige Idee kommen, als Kompagnon in seinen Baustoffhandel einzusteigen, und Mutter trauerte seit Jahren darum, mich nicht mehr bekochen und kulinarisch verhätscheln zu können. Vielleicht war die Mikrowelle ihre Form der Rache. Seitdem nämlich das Gerät mich mit seiner rasanten und narrensicheren Essenszubereitung köderte, ernährte ich mich ausschließlich von Junk-Food. Nicht weil ich nicht vernünftig und traditionell hätte kochen können, nicht weil mir der Styropor-Fraß schmeckte, allein aus Gemütlichkeit und Faulheit. Keine Vorbereitung, kein Geschirrspülen. Schnell. Sauber. Ekelhaft.

Mein Magen knurrte wie ein Kettenhund, ich hatte außer Kaffee heute noch nichts zu mir genommen. Es war gleich sechs. Ich starrte erwartungsvoll ins Küchenregal, leckte mir die Lippen und entschied mich für Rindsrouladen mit Kartoffelpüree und Rotkohl. 600 Watt, 3 Minuten.

Im Arbeitszimmer wartete immer noch die verschlüsselte Botschaft auf mich, und ich hatte es mir zum Ziel gesetzt, diese bis zum Abend zu knacken. Ich ging hinüber, setzte mich hinter den Schreibtisch und betrachtete das Papier mit wachsender Begeisterung und Verwirrung. Als Kind hatte ich selbst einmal Geheimbotschaften fabriziert, um sie zu vergraben, am nächsten Tag wieder auszubuddeln und (Sherlock Holmes, der ich war!) zu entschlüsseln.

Plötzlich machte es ganz weit hinten in meinem Oberstübchen Klick! Das Geräusch mag das Klingeln der Mikrowelle in der Küche gewesen sein, aber der Gedanke an Sherlock Holmes brachte mein Gehirn in Gang. Ich erinnerte mich daran, dass ich vor Jahrzehnten eine Geschichte von Arthur Conan Doyle gelesen hatte, in der es um die Entschlüsselung von Geheimcodes ging. Ich stürzte zum Regal, suchte und fand das Buch mit den Sherlock Holmes-Geschichten.

Ich wusste noch, dass es in der Story um irgendwelche Strichmännchen ging, die für bestimmte Buchstaben standen und vom Meisterdetektiv aus der Baker Street mit unschlagbarer Souveränität dechiffriert wurden. Ich wurde auf Anhieb fündig: die Geschichte hieß »Die tanzenden Männchen«. Ich begann zu lesen und fand einige nützliche Hinweise in dem Text. So erfuhr ich etwa, dass der Buchstabe E der häufigste Buchstabe des Alphabets und in einer Geheimbotschaft allein aufgrund dieser Häufigkeit leicht zu entziffern war. Außerdem ließen sich Buchstabenkombinationen wie »the« oder »to« oder »by« ebenso einfach entschlüsseln. Anhand dieser Methode war es, laut Sherlock Holmes, eine Kleinigkeit, eine Geheimbotschaft zu dechiffrieren.

Ich wollte das Buch schon wieder zuklappen, als mir eine handgeschriebene Notiz auf der letzten Seite der Geschichte auffiel. Sie war mit Bleistift geschrieben und stammte von mir höchstpersönlich. Ich konnte mich nicht daran erinnern, sie geschrieben zu haben, aber ich hatte das Buch mindestens zwanzig Jahre nicht mehr in der Hand gehabt. Die krakelige Notiz lautete: »Das hat er von Poe geklaut!«

In diesem Moment fielen mir meine Rouladen ein, die in der Küche seit einer halben Stunde auf mich warteten. Ich sah nach und fühlte an der Kunststoffverpackung: meine Mahlzeit war schon wieder kalt, so kalt jedenfalls, wie sie bei dieser sommerlichen Hitze überhaupt werden konnte. Zweiter Versuch: 600 Watt, 3 Minuten.

Zurück zum Schreibtisch, zurück zu Doyles Ideendiebstahl. »Das hat er von Poe geklaut!« Als Jugendlicher hatte ich Kriminal- und Gruselgeschichten jeder Art verschlungen, je unheimlicher und fantastischer um so besser (selbst wenn ich davon Alpträume bekommen hatte). Mein literarischer Held war (wie hätte es anders sein können) Edgar Allan Poe gewesen. Wieder ging ich zum Regal, diesmal musste ich jedoch länger suchen. Die Kladde, die ich schließlich herauszog, hatte keinen Rücken mehr und war völlig zerfleddert, aber es war das richtige Buch: »Geschichten des Grauens«. Ich war ziemlich aufgeregt, und meine Hände waren verschwitzt, als ich in dem schon leicht modrig riechenden Taschenbuch herumblätterte. Einzelne Seiten fielen heraus. Ich schaute ins Inhaltsverzeichnis, hörte ein Klingeln aus der Küche (das ich ignorierte) und hielt den Atem an, als ich las, welche Geschichte auf Seite 105 begann: »Der Goldkäfer«. Bingo!

Ich überflog den Text, es handelte sich um eine ziemlich spannende, mitunter etwas schaurige Schatzsuchergeschichte.

---ENDE DER LESEPROBE---